FREYA KLIER

Gelobtes Neuseeland

Fluchten bis ans Ende der Welt

Impressum

Mit 22 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0521-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2006 bei Aufbau Taschenbuch; Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau

Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung zweier Motive von © Corbis

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

I. TEIL: 1930–1938

1930

1. Ein Neuseeländer in Berlin

2. Die manierlichen Deutschen

3. Aus Neu-Pommern wird Neu-Britannien

1933

1. Die ersten Anzeichen des Terrors

2. Von Humanismus zu Heimat und Rasse

3. Neuseeland darbt

4. »Kauft nicht beim Juden!«

1934

1. Wolle für Deutschland

2. Bleiben oder gehen?

3. Von »Halbjuden« und »Ostjuden«

4. Im Land Mussolinis

1935

1. »Spontaner Volkszorn«

2. Ein neuseeländischer Handelsmissionar

3. Hochzeit in Jerusalem

4. Die Zeit von Labour bricht an

1936

1. Olympischer Frieden

2. Einwanderer – Ja oder Nein?

3. Die Hatz auf Ärzte

4. Himmlisches Jerusalem

5. Die »Arisierung«

6. Ausreise aus Wien

1937

1. Antisemitismus in God’s own country ?

2. Aufpoliertes Deutschtum

3. Mit NSDAP-Mitgliedern auf Reisen

4. Stationen in Palästina und Europa

1938

1. Eine Hochzeit in Wien

2. Ein italienisches Rassegesetz

3. Neuseeländische Härte

4. Warten aufs Exil

5. Ein sächsischer Graf in Neuseeland

6. Hans im Glück

II. TEIL: 1939–1945

1939

1. Das Ende der Tschechoslowakei

2. London – Wartesaal für Übersee

3. Kindertransporte

4. Die Tore schließen sich

5. Am Rand des Erdkreises

6. Der Krieg bricht aus

1940

1. Der Vertrag von Waitangi

2. Die deutsche West-Offensive

3. Die Stunde Winston Churchills

4. Enemy Aliens

5. Die neuen Farmer

6. Die letzten Flüchtlinge

7. Bar-Mizwa in Berlin

1941

1. Sehnsucht nach Nähe

2. Verdächtige Deutsche

3. Im Kampf gegen die Nazis

4. Zu Besuch in Christchurch

5. Der Davidstern

1942

1. Japanischer Vorstoß

2. Die Wannseekonferenz

3. Interniert für 999 Tage

4. Die Amerikaner kommen!

5. Ein Land rückt zusammen

6. Pfannkuchen für die SS

1943

1. Welten voneinander entfernt

2. Der Weg nach Auschwitz

3. Von Erfolgen und Niederlagen

4. Krieg über deutschen Städten

5. Nylons und Jeeps

1944

1. Kriegsverläufe

2. Konkurrenten

3. Der »totale Krieg«

4. Geschichten einer Familie

5. Kinder aus Polen

1945

1. Der Todesmarsch

2. Hoffnung auf ein Wiedersehen

3. Die Befreiung

4. Die Stunde Null

5. »Ich bin die einzige, die noch lebt.«

6. Lebensgier

III. TEIL: 1946–1948

1946

1. Neuanfänge

2. Die Schatten des »Dritten Reiches«

3. Der Wunsch nach Heimkehr

4. Britische Episoden

5. Der Umgang mit Schuld

1947

1. Wiederbegegnungen

2. Displaced Persons

3. Aufbruch und Abschied

4. Friedensgefühle

5. Neuseeländische Unabhängigkeit

1948

1. Die letzten Flüchtlinge des »Dritten Reiches«

2. The British Way of Life

3. Berlin-Blockade

4. Tod im Exil

Epilog

Bibliographie

Bildnachweis

Dank

I. TEIL: 1930–1938

1930

1. Ein Neuseeländer in Berlin

Im Herbst 1930 schreibt sich ein junger Neuseeländer am Institut für Ausländer und kurz darauf für ein Pädagogikstudium an der Humboldt-Universität Berlin ein. Der junge Mann nennt sich Reuel Anson Lochore. Neuseeländer sind im frühen 20. Jahrhundert nicht eben häufig in Deutschland zu finden: Die Schiffspassage ist lang und teuer, und seit dem Ersten Weltkrieg gibt es in Neuseeland eine gewisse Abneigung gegenüber dem ehemaligen Feind Deutschland. Nicht allerdings bei Reuel Lochore; er bewundert die deutsche Sprache und Kultur – eine Vorliebe, die sich bis zum Ende seines Lebens nicht verlieren wird.

Der 27jährige wuchs als Sohn eines Methodistenpfarrers und einer Lehrerin für Gehörlose an der Westküste der Nordinsel Neuseelands auf, in Taranaki, dem »Garten Neuseelands«, der, gekrönt von einem majestätischen Vulkan, auf halbem Weg zwischen Auckland und Wellington liegt und in die wilde Tasman Sea hinausragt. Reuel hat an der Universität in Auckland Englisch, Französisch, Latein, Philosophie und Psychologie studiert, danach hat er als Lehrer an einem College in der Hauptstadt Wellington gearbeitet. Nun zieht es ihn nach Europa, das heißt vor allem nach Deutschland, um seine Studien in Sprachen, Literatur und Philosophie fortzusetzen. In Berlin will er zunächst die deutsche Sprache richtig lernen. Neuseeland zu verlassen fällt dem jungen Mann 1930 nicht allzu schwer: Das Land stürzt infolge des »Schwarzen Freitags« an der New Yorker Börse 1929 gerade in eine tiefe Wirtschaftskrise, wie so viele Länder weltweit. Die Stimmung ist miserabel, nichts ist mehr zu spüren von dem leichten Wirtschaftsaufschwung, der Neuseeland in den zwanziger Jahren belebt hat. Das regierende Drei-Parteien-Kabinett aus Konservativen und Liberalen scheint nicht in der Lage, die Probleme zu lösen, der Premier Sir Joseph Ward ist aus Krankheitsgründen soeben zurückgetreten, und eine Lösung der inländischen Probleme scheint nicht in greifbarer Nähe zu liegen.

Lochore ist begeistert von der Reichshauptstadt Berlin. Wirtschaftlich herrscht hier zwar eine ähnliche Flaute wie in Wellington, bestimmen Konkurse, Preisverfall und Arbeitslosigkeit das alltägliche Bild – doch die Atmosphäre dieser turbulenten Metropole findet er überwältigend.

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft, er spricht kaum ein paar Brocken Deutsch, gerät der junge Mann vom anderen Ende der Welt in eine der 1930 häufigen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Plötzlich findet er sich in einer dichten, aufgebrachten Menge auf der Straße wieder; was der Aufruhr zu bedeuten hat, weiß er nicht. Als sich ihm ein Junge mit einem Flugblatt nähert, warnen ihn die Umstehenden, es keinesfalls zu nehmen. Doch er läßt sich einen Zettel geben, schon aus reiner Neugierde, worauf sich ein Mann zu ihm umdreht und ihn fragt, ob er Kommunist sei: »Nein«, antwortet Lochore, »ich bin Ausländer.« Und dann beginnen die Menschen um ihn herum, von allen Seiten auf ihn einzutrommeln; sie bedrängen ihn, er bekommt Panik.

Jahrzehnte später wird er einem neuseeländischen Reporter berichten, wie er sich zu wehren versuchte: »Ich bot ihnen die Stirn und sagte unmißverständlich: ›Ich bin Ausländer. Ich bin kein Deutscher. Ich verstehe nicht, was Sie wollen.‹ Ich war bereit, ihnen das zu beweisen, aber ein Mann unmittelbar hinter mir sagte: ›Sieh zu, daß du wegkommst.‹ Er bahnte mir einen Weg durch die Menge, damit ich herauskam. Ich ging und war nicht ernsthaft verletzt, aber ich hatte eine dunkle Ahnung davon bekommen, was für eine politische Stimmung sich in Deutschland zusammenbraute.«

2. Die manierlichen Deutschen

Das deutsch-neuseeländische Verhältnis hat 1930 bereits mehrere Wechselbäder hinter sich. Bis zum Weltkrieg gab es kaum Probleme, am wenigsten mit den deutschen Siedlern in Neuseeland, die vor allem wegen ihrer Tüchtigkeit geschätzt wurden. Etwa 7000 deutschsprachige Immigranten zählte man um die Jahrhundertwende auf der pazifischen Doppelinsel, was nach den Briten, die 95 Prozent aller weißen Bewohner Neuseelands stellten, die immerhin zweitgrößte europäische Einwanderungsgruppe war. Die meisten Deutschen waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier eingetroffen: Lutheraner aus Mecklenburg, Preußen oder Hannover, Katholiken aus dem Egerland und schließlich auch Schweizer und Österreicher. Sie alle hatten sich gut integriert.

Vor der Jahrhundertwende ankerten in Wellington oder Auckland zeitweise mehr deutsche Schiffe als englische, Fregatten, die auf Namen wie »Hertha«, »Helgoland« oder »Leipzig« getauft waren. Und obwohl es sich meist um Kriegsschiffe handelte, herrschte beim Landgang der Matrosen stets eine harmonische Atmosphäre zwischen Einheimischen und deutschen Seeleuten. Die Deutschen zeigten sich in diesen friedvollen Zeiten von ihrer manierlichen Seite, gaben einmal sogar ein Benefiz-Konzert zugunsten der Aucklander Waisenhäuser.

Mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert begann sich die Harmonie jedoch zu verflüchtigen. Vor dem Hintergrund einer wachsenden kolonialen Rivalität zwischen Deutschland und England liefen deutsche Schiffe nun immer seltener in die neuseeländischen Häfen ein. Für die britische Seeherrschaft im südpazifischen Raum stellte die deutsche Kriegsmarine mehr und mehr eine Bedrohung eigener Interessen dar, und diese Spannungen übertrugen sich auf das kleine Neuseeland, das über keine eigene Kriegsflotte verfügte und auf den englischen Schutz angewiesen war.

Auch das Auftreten der Deutschen änderte sich. Mit zunehmender Präsenz in der Region wuchsen deutsche Herrschaftsansprüche: Bisher war das Deutsche Reich eher ein Nachzügler unter den kolonialen Großmächten gewesen. Bismarck hatte sich in der Zeit nach der Reichsgründung der Expansion durch koloniale Territorien in Übersee gegenüber zunächst reserviert verhalten – er befürchtete nur geringe wirtschaftliche Vorteile, dafür aber erhebliche politische und militärische Konsequenzen. 1884 gab er dem Druck des »Kolonialfiebers« deutscher Siedler und einheimischer Lobbyisten jedoch nach, so daß die Deutschen neben ihrem Engagement in Afrika nun einen Teil Neuguineas übernahmen, den sie in Kaiser-Wilhelms-Land umbenannten, dazu ein paar umliegende Inseln, die sie als Dank an den deutschen Reichskanzler Bismarck-Archipel tauften. Deutsche Handelsmissionen in Mikronesien folgten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde noch im Südpazifik im Westen von Samoa – nach gütlicher Einigung mit den Amerikanern, denen der Ostteil der Insel gehörte – die deutsche Flagge gehißt.

Die Kolonialisierung ging trotz verschiedener Interessenkonflikte mit den anderen Kolonialmächten weitgehend friedlich vonstatten, und die Deutschen waren keineswegs unbeliebt in der Fremde. Ihre Gouverneure verhielten sich im großen und ganzen taktvoll und respektierten die vorherrschende Kultur. Als der deutsche Gouverneur von Samoa 1911 nach Berlin zurückkehrte, folgte ihm die Bitte der einheimischen Häuptlinge, er möge bald zurückkehren. Der Handel blühte, und Deutschland hatte einen regen Anteil daran. Namen wie Schaffhausen, Schwenke, Jahnke oder Schuster zeugen heute noch von den fruchtbaren Beziehungen der beiden Kulturen in damaliger Zeit.

3. Aus Neu-Pommern wird Neu-Britannien

Die deutsche Kolonialzeit im Südpazifik endete 1914. Mit Ausbruch des Weltkrieges eroberte Neuseeland im Auftrag der britischen Kriegsmarine in einem ersten Kriegsakt West-Samoa. Im Verlaufe der Übernahme der anderen deutschen Kolonialgebiete wurden in den folgenden Jahren Archipele wie Neu-Mecklenburg oder Neu-Pommern in Neu-Irland und Neu-Britannien umgetauft, Australien übernahm das Kaiser-Wilhelms-Land.

Neuseeland, treuer Bündnispartner der britischen Krone, trat schon bald in den bewaffneten Kampf ein und fand sich damit zum erstenmal in seiner Geschichte in eine internationale militärische Auseinandersetzung verstrickt. Mehr als 100 000 Männer zogen in einen Krieg, der eigentlich weit weg war – in einem Land mit damals nicht viel mehr als einer Million Einwohner bedeutete das, daß fast jeder zehnte davon betroffen war. Sogar ein Freiwilligenkontingent mit Maori wurde aus Neuseeland entsandt, trotz des Wunsches der britischen Regierung, »Eingeborenen«-Truppen von einem Krieg zwischen »weißen Rassen« fernzuhalten. Gemeinsam mit der australischen Kolonie stellten die Neuseeländer das Australian and New Zealand Army Corps (ANZAC), dessen Männer im Verlaufe des Krieges den Suez-Kanal überquerten, auf Kamelen durch Syrien und Palästina ritten, durch Frankreich und Belgien marschierten – und auf der türkischen Halbinsel Gallipoli eine traumatische Niederlage erlitten.

Die einstige Freundschaft mit Deutschland verkehrte sich nun in erbitterte Feindschaft. Vor allem nachdem 1915 ein deutscher Torpedo ein ziviles Linienschiff versenkte, brachen sich in Auckland und Wellington antideutsche Gefühle Bahn: Zunächst wurden die Schaufenster des Fleischerladens eines deutschen Einwanderers von einer aufgebrachten Menge zerstört, die Geschäfte alteingesessener Firmen mit deutschen Namen wie Hallensteins oder Dresden Piano Company folgten. Und als 1917 noch ein neuseeländisches Passagierschiff von einer deutschen Mine in die Tiefe gerissen wurde, gerieten die eigentlich friedlichen Neuseeländer endgültig in Rage – wer einen deutschen Namen trug, tat nun gut daran, ihn so schnell wie möglich zu anglisieren.

Die Kriegsanstrengungen überstiegen schließlich sämtliche Kapazitäten des Landes, die Bewohner der idyllischen Doppelinsel gerieten völlig aus dem Tritt: Da waren der endlose Strom von verwundeten Heimkehrern und die wirtschaftliche Belastung, etwa die Hälfte der wehrfähigen männlichen Bevölkerung stand unter Waffen, schließlich die persönlichen Verletzungen und individuellen Leidensgeschichten, welche die Kriegszeit produzierte. Allein mehr als 4000 Kinder mußten zeitweilig von staatlichen Institutionen betreut werden, weil ihre Eltern oder Mütter mit der Situation nicht mehr zurechtkamen. Am Ende dominierte der blanke Haß auf alles Deutsche.

1918 gehörte Neuseeland zwar zu den Siegermächten, doch waren fast 17 000 Männer auf den Schlachtfeldern geblieben – ein Verlust, der im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung deutlich höher lag als beispielsweise der Belgiens. Insgesamt 50 000 Gefallene und Verwundete hatte das Land zu verkraften, das war fast die Hälfte aller Soldaten, die in den Krieg gezogen waren. Und kaum herrschte Frieden, raffte eine Grippe-Epidemie noch einmal mehrere tausend Opfer hinweg. Das Land steckte in einer tiefen Krise.

1933

1. Die ersten Anzeichen des Terrors

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 in Deutschland an die Macht kommen, fährt der Berliner Schüler Peter Muenz gerade auf der Krummen Lanke Schlittschuh: »Und da haute mir einer meiner Klassenkameraden ganz freundlich auf den Rücken und sagte: ›Siehste, jetzt ist unser Hitler Reichskanzler geworden!‹ Ich bin nach Hause und habe meiner Mutter das erzählt, die hatte es natürlich auch schon gehört und war entsetzt. Es herrschte schlagartig im Haus eine bedrückte Stimmung, auch unter unseren Freunden, den jüdischen und den nichtjüdischen. Die waren ja alle links eingestellt. Und dann haben wir uns ziemlich rasch entschieden, auszuwandern.«

Der 12jährige ist tief getroffen, denn er ist Kommunist. Dafür hat er schon öfter eine gelangt gekriegt – in seiner Klasse gibt es keine Kommunisten außer ihm, das macht es schwer. Daß er zudem noch Jude ist, hat sich – glücklicherweise – bei seinen Mitschülern noch nicht herumgesprochen.

Eigentlich stammt Peters Familie aus Chemnitz, wo sein kaisertreuer jüdischer Großvater im Nachbarort eine Strumpffabrik besitzt. Dessen vier Kinder sind eine illustre Mischung: Ein Onkel von Peter ist Kapellmeister, der andere Zionist, der ist schon 1924 nach Palästina ausgewandert, die Tante ist Kommunistin und wird später im Spanischen Bürgerkrieg auf den Barrikaden stehen. Peters Mutter hat, als sie Leo Muenz kennenlernte, ihr Volkswirtschaftsstudium in Leipzig abgebrochen, um den jungen Mann zu heiraten. Der war Pazifist, Sozialdemokrat und ein belesener Augenarzt, und auch er stammte aus einer alten jüdischen Familie. Im Weltkrieg war Peters Vater Arzt in einem deutschen Lazarett, auch in französischer Kriegsgefangenschaft arbeitete er weiter als Arzt. Nach Kriegsende ließ er sich in Chemnitz nieder, um eine Praxis zu eröffnen.

1927 ist der Vater plötzlich gestorben. Die Mutter verkaufte die Arztpraxis und zog mit den beiden Kindern nach Berlin. Sie erstand ein kleines Haus in einer Bauhaus-Siedlung in Berlin-Zehlendorf und zugleich eine Unterkunft im italienischen Tessin, weshalb Peter stets den Sommer in einer italienischen und den Winter in einer deutschen Schule verbrachte. Doch damit ist jetzt Schluß – Familie Muenz beschließt im März 1933, auszuwandern, zusammen mit einer Freundin der Mutter und deren Tochter. Sie werden ein Haus am Lago Maggiore mieten, in einem kleinen Ort nahe Ascona.

Der Brand des Reichstags Ende Februar ist die letzte Erinnerung des Schülers Peter Muenz an Deutschland. Viele Berliner Schulen machen am Tag darauf einen Ausflug in die Stadtmitte. Auch Peters Klasse bricht zur Besichtigung des abgebrannten Parlamentsgebäudes auf, das den Schülern als Mahnung dienen soll, was die Kommunisten mit ganz Deutschland getan hätten, wären sie an die Macht gekommen: »Adolf Hitler hat uns gerettet«, kommentiert der Lehrer, »sonst sähe es jetzt in ganz Deutschland so aus!«

Den scharfen Wind, der seit dem Machtwechsel durchs Land pfeift, spürt auch der 15jährige Schüler Hans Jottkowitz. Hans gehört dem deutsch-jüdischen Jugendbund an, einem liberalen Verein, dessen Mitglieder Wert darauf legen, Juden in Deutschland zu sein, sich also in erster Linie als Deutsche zu verstehen und damit von den Zionisten abzugrenzen. Die Jüdische Gemeinde besitzt ein Haus in Lehnitz, nicht weit von Berlin, und genau dort hält Hans Jottkowitz sich eines schönen Frühjahrswochenendes mit seinem Jugendbund auf. Den politischen Klimawechsel im Land haben die jüdischen Jungen und Mädchen noch nicht so recht wahrgenommen. Das ändert sich, als am späten Abend, die Jugendlichen liegen bereits in ihren Betten, die Türen auffliegen: Die SA führt eine Razzia durch. Männer in braunen Uniformen ergreifen brüllend Besitz vom Gebäude. Eingeschüchtert und erstarrt verfolgen die jungen Leute das Geschehen.

Was wird noch auf sie zukommen? Hans ist in der Obertertia des Hohenzollern-Gymnasiums und wollte eigentlich nach der Schule Jura studieren. Das wird nun wohl nicht mehr möglich sein, meinen seine Eltern. Sie raten ihm, von der Schule abzugehen und möglichst bald einen Beruf zu erlernen – einen, den man notfalls auch im Exil ausüben könnte.

Also verläßt Hans im Sommer das Gymnasium. In den letzten Wochen hat er kaum noch Interesse am Unterricht gezeigt und ist in seinen Leistungen deutlich abgefallen. Als dann die Zeugnisausgabe näher rückt und ihm schlechte Noten drohen, setzen sich seine christlichen Mitschüler für ihn beim Lehrer ein, damit er bessere Zensuren bekommt. Und einer der Mitschüler entschuldigt sich noch bei ihm dafür, daß er ins Jungvolk eintritt. Hans möchte nun eigentlich Koch werden, findet aber wegen seines jüdischen Glaubens keine Lehrstelle. Schließlich kommt er bei einer alten jüdischen Textilfärberei als Lehrling unter.

2. Von Humanismus zu Heimat und Rasse

Auch der junge Neuseeländer Reuel Lochore hält sich 1933 noch in Deutschland auf. Die deutsche Sprache beherrscht er inzwischen perfekt, und sein Deutschlandbild ist geprägt durch die kulturellen Unternehmungen und Kurse des Deutschen Instituts für Ausländer, als dieses noch den Geist der Weimarer Zeit atmete.

Doch im Gegensatz zu dem jungen Deutschen Hans Jottkowitz, der als Jude immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, nimmt der Gast aus Neuseeland Deutschland im Jahr 1933 von der entgegengesetzten Seite her wahr: Ihn nimmt man freundlich auf, und ein ums andere Mal wird Lochore von Nazis zum Diner geladen. So empfindet er die immer häufigeren Fackelzüge und Aufmärsche als ebensowenig bedrohlich wie ein großer Teil der Deutschen.

Daß an der Bonner Universität, wo Reuel Lochore inzwischen im Fach Romanistik eingeschrieben ist, derzeit sämtliche jüdischen Lehrkräfte entlassen werden, scheint ihm genauso zu entgehen wie der Absturz des Mainzer Instituts für Völkerpädagogik, an dem er Gasthörer ist, in die nationale Enge. Gerade auf der Mainzer Zitadelle vollzieht sich im Eiltempo, was später allen deutschen Bildungseinrichtungen droht: Statt international ausgerichteter Pädagogik steht plötzlich das »Blutserbe des nordischen Menschen in uns« auf dem Programm, statt der humanistischen Tradition eine radikale Hinwendung zu »völkischen« Themen wie »Heimat und Rasse«. Pädagogik verwandelt sich in Erziehung, Friedensliebe in Wehrbereitschaft. »Minderwertiges Erbgut« wird gegen »hochwertiges Erbgut« gestellt, und eindringlich mahnen plötzlich Schau- und Erbtafeln mit Abbildungen von Trinker-, Schwachsinnigen- und Verbrecherfamilien an die großen Sünden der soeben abgewählten »marxistisch-liberalistischen« Zeit. Auf dem Gelände der Mainzer Zitadelle exerzieren Hitler-Jugend, Jungvolk und Sturmabteilungen. Eine neue Volksgemeinschaft wird herbeigesungen, herbeigetanzt, herbeigeturnt.

Gemeinschaftliches Singen, Tanzen und Turnen gibt es selbstverständlich auch in Neuseeland, doch diesen straffen, zackigen und beinahe schon glühenden Ausdruck in den Gesichtern erlebt Reuel Lochore zum erstenmal. Er fasziniert ihn.

Das Land zerreißt in eine Welt der Zugehörigkeit und eine des Ausgestoßenseins, mit dem Wechsel aller bisher gültigen Paradigmen zerbrechen Freundschaften und Arbeitsverbindungen. Der Kreis um den Dichter Stefan George, der zu Beginn des Jahrhunderts dem »pöbel«, der »menge«, dem »getier« stets den Einzelnen, die Wenigen gegenüberstellte, bleibt davon nicht verschont. Die erlesene, meist etwas mythisch entrückte Runde verstand sich stets als Bund Auserwählter, als Gegenwelt zum Kulturkommerz, zu all den Kleingeistern landauf, landab.

Diesem elitären Bund gehörte auch der jüdische Dichter Karl Joseph Wolfskehl an. Der Sohn einer angesehenen alten Patrizierfamilie aus Darmstadt gab von 1892 bis 1919 gemeinsam mit dem von ihm hoch verehrten Stefan George die »Blätter für die Kunst« und um die Jahrhundertwende die Sammlung »Deutsche Dichtung« heraus. Wolfskehls Haus in Schwabing war der Treffpunkt des George-Kreises; auch der »Münchner Kosmikerkreis«, den Wolfskehl unter anderem mit Alfred Schuler und Ludwig Klages gründete, traf sich hier bisweilen.

Doch das war vor 1933. Nun schleudert das im April erlassene und harmlos klingende »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« die Auserwählten in die profane Welt zurück, in deren Mitte oder an deren Rand – je nach Herkunft. Nicht länger der Genius zählt, sondern einzig die »Rasse«. Denn eben dieses Gesetz sieht faktisch die Entlassung aller jüdischen Professoren und Dozenten vor, und etliche der Mitglieder des George-Kreises sind davon betroffen. Der Kreis besteht die Bewährungsprobe in der Realität nicht: Während ein Teil der Brüder in den germanischen Taumel fällt, ein anderer in die Sprachlosigkeit, geht der dritte – der jüdische – in die Emigration.

Zu diesen letzteren gehört auch der in München lebende Dichter Karl Wolfskehl, der im April 1933 bereits nicht mehr in Deutschland ist: Am Tag nach dem Reichstagsbrand steigt er verstört in den Mittagsschnellzug und fährt ins Schweizer Tessin. Von dort aus beobachtet der 60jährige nun besorgt die Entwicklung in Deutschland. Seine Frau Hanna, eine geborene Niederländerin, und seine beiden Töchter Judith und Renate bleiben in München zurück.

3. Neuseeland darbt

Während in Deutschland ein starker Führer den Ausweg aus der Krise verheißt, kämpft Neuseeland am anderen Ende der Welt einen schier aussichtslosen Kampf gegen die wirtschaftliche Depression. Die Folgen des »Schwarzen Freitags« an der Wall Street haben zu Beginn der dreißiger Jahre eine Krise ausgelöst, die inzwischen einer nationalen Katastrophe gleichkommt: Die pazifische Insel stellt fast ausschließlich landwirtschaftliche Produkte her und ist damit extrem abhängig von den Märkten in Übersee. Deren Stabilität aber brach im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 zusammen. Der Wollpreis fiel so tief, daß er kaum mehr die Kosten für den Transport deckte. Innerhalb von drei Jahren sackte das Nationaleinkommen Neuseelands von 150 000 000 Pfund auf 90 000 000 Pfund ab, sank der Exporterlös um 40 Prozent, sank auch der Lebensstandard.

Die Menschen befinden sich in tiefer Verzweiflung. Vergessen sind nun die großen Glanzzeiten der neuseeländischen Geschichte, in denen Goldrausch und »gumdiggers«, wissenschaftliche Expeditionen und Missionare, große Waldrodungen und Ausbau eines gewaltigen Schienen- und Straßennetzes das Land belebt hatten. Und als wäre die wirtschaftliche Depression nicht genug, ist auch noch die Natur über die Menschen hereingebrochen: Zwei Jahre zuvor wurde Hawke’s Bay, eine der führenden Weinregionen Neuseelands, von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Mehr als 250 Menschen kamen dabei ums Leben, Napier, die Hauptstadt der Region, wurde völlig verwüstet. Und Auckland ringt noch immer mit den Folgen eines Brandes.

Das Drückendste aber ist die steigende Arbeitslosigkeit. Auf den Fußwegen sieht man bereits Architekten und Lehrer Unkraut jäten, vor den Pubs betteln Kriegsveteranen. Die ganz Alten fühlen sich an Zeiten weit vor der Jahrhundertwende erinnert, an das Heer von Männern, das damals vor Stempelstellen stand. Und erstmals sieht sich die Regierung nun auch mit Krawallen und Plünderungen konfrontiert.

Neuseeland zählt derzeit 81 000 Arbeitslose. Das ist viel bei einer Gesamtbevölkerung von mittlerweile eineinhalb Millionen. Massenarbeitslosigkeit in einem solchen Ausmaß war bisher unvorstellbar. Fieberhaft sucht die Regierung, eine Koalition aus Konservativen und Liberalen, nach Auswegen aus der Katastrophe: 1930 wurde erstmals in der Geschichte des Landes ein Arbeitslosengesetz erlassen, gekoppelt an eine spezielle Einkommenssteuer zur Unterstützung der Arbeitslosen. Ein Jahr später folgte ein Hypothekengesetz, um die Enteignung jener Farmer zu verhindern, die aufgrund der Wirtschaftskrise ihre Raten nicht mehr zahlen konnten – es bewahrt nun immerhin 4000 Farmer davor, ihren Grundbesitz verlassen zu müssen.

Hinzu kommen Maßnahmen, die die Beliebtheit einer Regierung nicht eben fördern: Sozialausgaben werden ebenso radikal gekürzt wie Renten oder Ausgaben für das Gesundheitswesen. Um die Bildungskosten zu verringern, hebt die konservative Regierung das Alter für Schulanfänger an und senkt zugleich das Abgangsalter, dazu werden zwei Colleges für Lehrer geschlossen. Für den Handel wird noch eine fünfprozentige Verkaufssteuer auf Lebensmittel, Strom, Benzin und Industriemaschinen eingeführt.

Reicht das, um die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu entspannen? Nein. Also setzt Premier Forbes auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und formuliert das Prinzip »Kein Geld ohne Arbeit«: Arbeitslose werden nun zur Entwässerung von Sümpfen eingesetzt, im Straßenbau oder beim Ausbau von Golfplätzen, andere pflanzen Bäume. Die dafür ausgezahlten Summen sind dürftig, die Lebensbedingungen in vielen der ländlichen Camps extrem primitiv. Während wichtige öffentliche Arbeitsprojekte gekappt wurden, sind nun Tausende von Männern mit minder wichtigen Aufgaben beschäftigt, die allerdings den Vorzug haben, wenig Kapital zu verbrauchen. Hinzu kommt der »Kleine Farmer«-Plan: Arbeitslose Stadtbewohner sollen sich ihrer Wurzeln entsinnen und aufs Land ziehen. Dort können sie eine Parzelle von zehn acres, also ungefähr vier Hektar, selbst bewirtschaften und gleichzeitig Geld durch Farmarbeit in der Nachbarschaft verdienen. Der gutgemeinten Maßnahme ist jedoch kein Erfolg beschieden: Nur einige hundert Familien siedeln sich tatsächlich auf dem Land an, denn Gelegenheitsarbeit ist knapp, und etwa die Hälfte der angestammten Farmer hat bereits selbst Bankrott angemeldet. Es sieht schlecht aus in God’s own country. Sicherheitshalber hat die Armee begonnen, Notstandspläne zur Lebensmittelversorgung von Hunderttausenden auszuarbeiten – für den Fall eines kompletten Wirtschaftskollapses.

Wie überall in der Welt steigt mit der materiellen Not die Anfälligkeit für politische Extreme. In Wellington gibt es die erste Verurteilung wegen kommunistischer Propaganda und des Aufrufes zu revolutionärer Gewalt. Von der Gründung einer Arbeiterdiktatur will in Neuseeland noch nicht einmal die Labour Party etwas hören, und die Masse der Neuseeländer schon gar nicht. Die New Zealand Legion dagegen, eine faschistisch geprägte Organisation, die sich propagandistisch geschickt in Szene setzt, um die Regierungskoalition zu stürzen, hat schon mehr Zulauf: Dem Organisator, einem Chirurgen aus Wellington, gelingt es in kürzester Zeit, 20 000 Mitglieder zu sammeln.

Doch selbst in Notzeiten sucht der Mensch den Härten des Lebens wenigstens zeitweise zu entfliehen. Und so wird auch 1933 Kricket oder Rugby gespielt, gibt es Pferderennen und seit kurzem sogar ein Wochenmagazin für Frauen. Die Neuseeländer verfolgen im Radio den Kampf ihres besten Schwergewichtsboxers in New York, den ersten Flug einer Frau über die Tasman Sea bis nach Australien. Und sie erfahren aus ihren Zeitungen, daß Neuseelands erste weibliche Ärztin den Justizminister dazu gebracht hat, das Heiratsalter für Mädchen von zwölf auf 16 anzuheben – eine Erleichterung vor allem für junge Maori.

Die Neuseeländer haben also mit sich zu tun. Von den Geschehnissen in Europa, genauer: in Deutschland, kündet ab und an eine knappe Meldung, übernommen meist aus der englischen Presse. Zu den wenigen, die wach über die Grenzen schauen, gehört die neuseeländische Sektion der »Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit«. Im April 1933 sendet sie eine Resolution an »Herrn Hitler, Berlin«. Darin räumen die Frauen zunächst ein, daß die gegenwärtigen Bedingungen in Deutschland zum Teil das Resultat einer ungerechten Behandlung nach Ende des Weltkrieges sind, kritisieren dann jedoch scharf Grausamkeit und Terrorismus im Umgang mit politischen und religiösen Gegnern. Sie fordern die unverzügliche Wiederherstellung der Freiheit von Wort und Tat.

4. »Kauft nicht beim Juden!«

Im fernen Deutschland verhallen derartige Appelle. Am 31. März 1933 kündet Joseph Goebbels den Boykott jüdischer Geschäfte für den kommenden Tag zehn Uhr an. Damit wird bereits zwei Monate nach Hitlers »Machtergreifung« die erste Etappe der systematischen Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben eingeleitet. Als Vorwand dient den Nazis ein Boykott deutscher Waren durch das westliche Ausland, der als Zeichen des Protestes gegen deren antijüdische Propaganda gemeint ist. Prompt folgt der Propaganda die Aktion: Mit offenem Terror und flankierenden Hetzkampagnen werden nun jüdische Geschäftsbesitzer eingeschüchtert, um sie zur baldigen Geschäftsaufgabe zu zwingen.

Das niedersächsische Hildesheim etwa, durch seine mehr als tausend verwinkelten Fachwerkhäuser, das mittelalterliche Rathaus und den Dom als »Nürnberg des Nordens« gerühmt, gehört 1933 nicht zu den Städten, die einen besonderen nationalistischen Eifer an den Tag legen. Die Stadt hat mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, zudem verweigert die katholische Kirche jede Annäherung an die neuen Machthaber.

Und doch verändert sich mit diesem 1. April auch die Situation der etwa 500 Juden in der Stadt schlagartig: Wie überall in Deutschland werfen auch in Hildesheim in der Nacht »Unbekannte« die Schaufensterscheiben einer Reihe jüdischer Geschäfte ein. Wie überall in Deutschland postieren sich am nächsten Morgen nicht eben geistreiche Gestalten in SA-Uniform vor ihrem nächtlichen Werk: »Kauft nicht bei Juden!« prangt auf Plakaten über siegesbewußt gespreizten Beinen, »Fluch dem, der in diesem Judentempel kauft!« oder »Jüdisches Geschäft – die sind unser Untergang!«. Mit Pfeifen und Trommeln ziehen weitere SA-Männer durch das Geschäftsviertel der Stadt, um Schilder und Klebezettel überall dort zu plazieren, wo Juden von nun an keinen Zutritt mehr haben werden.

Eines der knapp 30 Hildesheimer Geschäfte, bei denen während dieser Nacht die Schaufensterscheiben splittern, ist das »Magazin Rothschild«, das Haus- und Küchengeräte im Sortiment hat. Das Geschäft geht recht gut, es wird von den Geschwistern Rothschild betrieben, der Mutter der vierjährigen Ruth Adler und ihrem Bruder. Familie Adler lebt, trotz des traditionsreichen Namens der Mutter, bescheiden; sie nimmt regelmäßig Pensionsgäste auf, um finanziell über die Runden zu kommen. Ruth wohnt mit den Eltern und ihrer sechs Jahre älteren Schwester direkt über dem »Magazin Rothschild«.

Die Übergriffe der SA verfehlen ihre Wirkung nicht, das erste jüdische Geschäft meldet schon kurz nach dem Tag des Boykotts den Ausverkauf an. Die Adlers aber reparieren ihre Schaufensterscheiben und machen weiter, wie die meisten der jüdischen Unternehmer. Ruths Vater, der im Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, geht davon aus, daß ihm als ehemaligem Frontkämpfer keine weitere Gefahr droht. Sein Schwager, ein Kürschner aus Fürstenwalde, macht sich da weniger Illusionen: Schon ein Jahr später wird er mit seiner Familie auswandern – nach Neuseeland, wo er sich eine Farm kauft.

Bereits in Vorbereitung aufs Exil begriffen ist Ende 1933 das Ehepaar Adam aus Berlin mit seinen vier Kindern. Vater Adam hatte die von seinem Vater Saul gegründete Firma »S. Adam« übernommen, die zu Zeiten des Kaisers noch Hoflieferant war. Das Geschäft läuft noch immer gut und produziert Kleidung für Herren, Damen und Kinder, dazu Sportgeräte, außerdem gibt es eine En-Gros-Abteilung und eine Filiale in der Leipziger Straße.

Dennoch will die Familie so schnell wie möglich auswandern! Der Entschluß ist die Folge eines Erlebnisses in den Sommerferien: Die Eltern besitzen ein Grundstück in Vorpommern, in der Nähe von Ueckermünde, mit einem gemütlichen Haus, mit Feld und Obstgarten. Diese ländliche Idylle wurde eines Nachts plötzlich von einer Gruppe von SS-Leuten gestört – der Vater wurde verhaftet. Er kam zwar nach kurzer Zeit wieder frei, doch die Familie ist nun gewarnt. Dank der Episode in Vorpommern wird das jüngste Kind, Dietrich Götz Otto Werner Adam, kurz Dieter genannt und gerade neun Jahre alt geworden, Deutschland verlassen haben, bevor es zu spät ist.

Das Jahr 1933 geht zu Ende. Nicht weit vom Fluchtort Karl Wolfskehls entfernt, stirbt im Dezember der Dichter Stefan George. Ohne daß er den »Meister« noch einmal wiedergesehen hätte, steht Wolfskehl nun vor dessen Grab. Mit ihm trauert eine Schar getreuer Verehrer wie Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der später zu den Attentätern des 20. Juli 1944 gehören wird.

1934

1. Wolle für Deutschland

Nach den Erfahrungen des Weltkrieges sollte es zwar eine Weile dauern, bis die neuseeländisch-deutschen Handelsbeziehungen wieder richtig in Gang kamen, doch haben Deutschland und Neuseeland begonnen, einander allmählich wieder anzunähern. Beide Länder sind Mitglieder des Völkerbundes und des Briand-Kellogg-Paktes von 1928 geworden, der die unterzeichnenden Staaten verpflichtet, auf Krieg als Mittel der Politik zu verzichten. West-Samoa ist nun fest in neuseeländischer Hand, wobei man die deutschen Einflüsse aus der Kolonialzeit durchaus zu schätzen weiß und beispielsweise das System der Plantagenwirtschaft übernahm, das die Germans dort eingeführt hatten. Ein Jahr nach dem Kellogg-Pakt wurde auch wieder ein deutscher Kreuzer im Hafen von Wellington gesichtet, die »Emden«.

Der Haß der Neuseeländer auf die Deutschen wich im Verlaufe der zwanziger Jahre um so mehr einem Antiamerikanismus, je stärker sich die Amerikaner gegenüber Neuseeland Handelsvorteile zu verschaffen suchten. 1928 empfing Premierminister Sir Joseph Ward schließlich eine deutsche Handelsdelegation, und was der Delegationsleiter von Wellington nach Berlin telegraphierte, klang vielversprechend: »Der Premier hat mir die ausdrückliche Erklärung abgegeben, daß man in Neuseeland keinerlei feindliche Empfindungen gegen das deutsche Volk mehr hege, daß man seine tapfere Haltung und seine gewaltigen Anstrengungen nach dem Kriege mit Bewunderung verfolge. In der Tat sei ihnen ganz unbegreiflich erschienen, wie wir trotz unserer Notlage nach dem Kriege sofort wieder im Wollmarkt als so bedeutsamer Käufer hätten auftreten können. ›Wir haben‹, so schloß er emphatisch, ›die Deutschen in der Tat viel lieber als die Angehörigen irgendeines anderen fremden Volkes.‹ Das war nun allerdings wiederum eine der Entgleisungen, denen er in seiner forcierten Art oft unterliegt, denn er wollte sagen und besann sich erst im letzten Augenblick eines besseren: als die Amerikaner.«

Die Neuseeländer hofften 1929 auf die Beteiligung deutscher Industriegruppen zur Steigerung der eigenen Wirtschaftsintensität. Die Rohstoffreserven Neuseelands machten aufgrund der breiten Kohlen- und Braunkohlevorkommen und der möglichen Nutzung von Wasserenergie Erdöl- und Stickstoffgewinnung theoretisch möglich. Den landeseigenen Fachkräften fehlte hierfür jedoch die nötige Erfahrung, weshalb man zunächst Amerikaner ins Land holte, die nach Ansicht der Bevölkerung jedoch die Forschung absichtlich sabotierten. Gemeinsame Projekte mit den Australiern sind wiederum am Mangel einer fachkundigen Führung gescheitert. Nun suchte eine deutsche Gruppe nach Erdöl, und »ganz Neuseeland« schaute gespannt zu. Zudem hoffte man, den Handel mit Waren wie Wolle und Fleischwaren, Milch, Äpfeln und Butter, Uhren, Pianos und elektrischen Artikeln voranzutreiben.

Einige Jahre später – neuseeländischer Premier ist inzwischen George Forbes, deutscher Reichskanzler Adolf Hitler – ringt man noch immer um Resultate in Zoll- und Handelsfragen. Die Deutschen fühlen sich übervorteilt: Man bezieht aus Neuseeland zwar für 33 Millionen Reichsmark jährlich Wolle, dazu Butter und Äpfel, muß diese Transfers jedoch stets über den Londoner Großmarkt und somit zu ungünstigeren Konditionen abwikkeln. 1934 reist erneut eine deutsche Handelsdelegation nach Wellington und bemüht sich um eine ausbalancierte Handelsstatistik: Immerhin stammen mehr als zehn Prozent der nach Deutschland eingeführten Wolle aus Neuseeland … während im Dominion noch immer eine starke Abneigung des Handels gegen deutsche Waren herrscht.

2. Bleiben oder gehen?

Fluchtartig hatten unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 40 000 jüdische Bürger das Land verlassen. Viele von ihnen waren jung und unverheiratet, dazu kamen noch die Emigranten, die aufgrund ihres politischen Engagements zusätzlich gefährdet waren. Unter den 250 Schriftstellern, die sich ohne großes Zögern für das Exil entschieden, waren Kurt Tucholsky, Alfred Döblin, Karl Wolfskehl und Else Lasker-Schüler, die kurz vor ihrer Abreise noch auf offener Straße von SA-Männern mit einer Eisenstange niedergeschlagen wurde. In ihrem Theaterstück von 1932 »Arthur Aronymus und seine Väter« hatte die hellsichtige Dichterin die Judenverfolgung bereits angekündigt: »Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen. Nach mittelalterlichem Vorbild. Der Hexenglaube ist auferstanden. Aus dem Schutt der Jahrhunderte. Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren.« Das Stück, im Berliner Schillertheater kurz vor der Premiere stehend, wurde von den neuen Machthabern sofort vom Spielplan genommen.

Hat das Regime zu früh sein Gesicht gezeigt? Die Nachrichten der Greueltaten vom Frühjahr 1933 waren um die Welt gegangen und hatten Entsetzen und harsche Proteste ausgelöst. So geben sich die Nationalsozialisten noch einmal den Anschein, als seien ihre Absichten gar nicht so furchteinflößend, wie zuerst gezeigt: Mit dem sogenannten Röhm-Putsch schränkt Hitler die Befugnisse der SA ein und erklärt, die »Revolution« sei kein permanenter Zustand, der »frei gewordene Strom« müsse nun in das »sichere Bett der Evolution« geleitet werden. Das vorübergehende Abebben brutaler Aktionen sowie ein rascher Wirtschaftsaufschwung, an dem trotz aller Diskriminierungen auch noch einige wenige Juden teilhaben, nähren 1934 bei vielen die Hoffnung, man könne die schlimme Zeit in Deutschland irgendwie doch überstehen.

Vor allem die Juden, die sich als Frontsoldaten im Weltkrieg ausgezeichnet hatten, erliegen dieser gefährlichen Illusion, die sich deutlich in den Emigrationszahlen jüdischer Auswanderer widerspiegelt: In den Jahren 1934 bis 1937 übersteigen sie pro Jahr nie mehr als 25 000. Und etliche gehen nicht ins Ausland, sondern nach Berlin: Es sind die scheinbare Anonymität der Großstadt und die in Berlin zu dieser Zeit noch wenig greifende antisemitische Verhetzung der Bevölkerung, die Juden aus der Provinz in die Hauptstadt aufbrechen lassen.

Der Vater von Dieter Adam – durch seine kurzfristige Verhaftung bereits gewarnt – läßt sich durch die Ruhe nicht täuschen. Und der Junge spürt selbst die Veränderung des politischen Klimas und den Stimmungswandel gegenüber Juden tagtäglich in der Schule. Das äußere Bild im Französischen Gymnasium verändert sich rasch: Neue Lehrer sind hinzugekommen, die nun braune SA- oder schwarze SS-Uniformen tragen. Immer mehr Schüler treten dem Jungvolk bei und kommen plötzlich mit einem Dolch im Strumpf in die Schule.

Dieters Eltern suchen nach Auswegen für ihre Kinder – der älteste Sohn ist bereits in England, wohin sich nun die ganze Familie orientiert. Doch zunächst werden Dieter und einer seiner Brüder 1934 nach Schottland geschickt, in eine Internatsschule in Edinburgh. Der Junge ist noch keine zehn Jahre alt, als er das Klassenzimmer in Schottland betritt, und auf englisch kann er nur please, thank you, yes und no sagen. Doch legt er sich derart ins Zeug, daß er Ende des zweiten Halbjahres der Klassenbeste in Englisch ist. Problemlos lebt er sich im Internat fern des Elternhauses ein. Sein Bruder hingegen vergeht fast vor Heimweh.

Hoffnung und Illusion der in Deutschland zurückbleibenden Juden haben indes noch einen anderen, einen fast paradoxen Grund: Mit dem Machtantritt Hitlers ist eine jüdische Gegenkultur entstanden. Schon im September 1933 wurde ein verzweigtes Netzwerk sozialer und kultureller Einrichtungen ins Leben gerufen, das jüdische Mitbürger vor gesellschaftlicher Ausgrenzung schützen und die Folgen möglicher Verarmung und Isolation mildern sollte.

Auch zieht der inzwischen zur Staatsdoktrin erklärte Antisemitismus eine Reflexion deutsch-jüdischer Identität nach sich. Empfand vor 1933 nur noch etwa die Hälfte der deutschen Juden eine starke innere Bindung zum Judentum, so änderte sich dieses fast über Nacht. Am 28. April 1933 konstatierte die »Jüdische Rundschau«: »Das Problem, mit dem die Juden hundert Jahre lang spielten, die Frage des persönlichen Jude-Seins, existiert nicht mehr. Es ist entschieden, bis ins dritte Geschlecht. In niemandes Belieben steht es mehr, für sich persönlich die Frage zu beantworten, ob er Jude sein will oder nicht. Unsere Aufgabe ist es nun, dieser unserer von außen erfolgten Abstempelung als Juden einen Sinn und einen Inhalt zu geben.«

Der Schock einer schroffen Ablehnung führt nun zu einer oftmals positiv interpretierten Rückbesinnung auf jüdische Wurzeln, jüdische Gemeinschaft. Die Synagogen füllen sich, viele beginnen, ihren familiären Wurzeln nachzuforschen, lernen Hebräisch und erkunden die Traditionen des Judentums. Und blieb die jüdische Presse vor 1933 auf einen eher marginalen Leserkreis beschränkt, so liest nun fast jede jüdische Familie eine der mehr als 60 jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, die zu dieser Zeit noch in Deutschland erscheinen. Die Ausgrenzung schweißt die Bedrängten zusammen.

Auch über das Kulturleben wird versucht, die Menschen vor Zermürbung und Isolation zu bewahren und der wachsenden Diffamierung Menschenwürde entgegenzusetzen. Im Januar 1934 ist der Kulturbund deutscher Juden, der von der Gestapo überwacht wird, bereits auf 20 000 Mitglieder angewachsen. Das Netzwerk fängt Schauspieler, Regisseure, Sänger und Musiker auf, die durch die Nationalsozialisten aus ihren Berufen gedrängt wurden.

3. Von »Halbjuden« und »Ostjuden«

Als der 13jährige Peter Dane aus Berlin-Friedenau im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium einen »Ariernachweis« erbringen muß, entdeckt er, daß seine Großeltern mütterlicherseits jüdischer Abstammung sind. Er ist völlig überrascht: Juden spielten in seinem Umfeld nie eine Rolle; die gesamte Familie ist christlich getauft. Seit Generationen sind Peters Vorfahren aktiv in der evangelischen Kirche, der Großvater sitzt im Friedenauer Kirchenvorstand.

Peter Dane ist der Sproß einer Anwaltsfamilie: Sein Vater ist Anwalt, ebenso die beiden Großväter. Der berühmteste unter ihnen ist der Großvater mütterlicherseits, der Justizrat Doktor Bruno Marwitz, der als der Experte im deutschen Urheberrecht gilt. In den zwanziger Jahren gewann er einen Prozeß für Adolf Hitler, bei dem es um die Rechte an »Mein Kampf« ging. Großvater Marwitz ist in der gleichen Freimaurerloge wie der Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der wiederum der Patenonkel von Peters Tante ist. Und nun soll Großvater plötzlich Jude sein – und nichts als ein Jude?

Seine offizielle Anwaltstätigkeit hat Bruno Marwitz bereits aufgeben müssen, eine Zeitlang arbeitet er noch im verborgenen weiter. Doch ist die Welt für ihn zusammengebrochen, seit einer seiner Freunde, ebenfalls ein älterer Herr, zu Jahresbeginn in eine Kaserne verschleppt und dort von der SA tagelang mißhandelt wurde.

Auch Peter Dane hat den Gepeinigten am Schreibtisch seines Großvaters weinen sehen, ein Bild, das er nicht vergessen kann. Nicht weit entfernt von Peters Zuhause wohnt die zwei Jahre jüngere Gabriele Herrmann. Von Halle an der Saale, wo ihr Vater, ein Theaterschauspieler, die Liebhaberrollen gab, ist die Familie nach Berlin-Lichterfelde gezogen. Der Vater hat hier auf Gesangspädagogik umgeschult. Wie Peter ist das aufgeweckte Mädchen in seinem Lyzeum als evangelisch eingetragen. Daß sie jedoch eine jüdische Mutter hat, weiß Gabriele seit einem Vorfall aus der Volksschulzeit, bei dem sie – ohne zu begreifen, worum es überhaupt ging – von einem Mitschüler als »Judenweib« beschimpft wurde.

Während die assimilierten Juden, die schwerlich von ihren christlichen Mitbürgern zu unterscheiden sind, weitgehend im Westen Berlins leben, wohnen die »Ostjuden« am Alexanderplatz und im Prenzlauer Berg. Ostjuden nennt man die etwa 12 000 aus Osteuropa Eingewanderten, das sind vor allem Russen, Rumänen und Galizier. Nach und nach haben sie sich im Scheunenviertel angesiedelt, schon zu Beginn des Jahrhunderts verwandelte sich dieser Kiez in eine Art Schtetl, wie man in Osteuropa ein überwiegend jüdisch geprägtes Stadtviertel nennt: Es wird jiddisch gesprochen, Kinderscharen tummeln sich, es gibt zahlreiche Betstuben und koschere Lokale und mehr Rabbiner, Schächter, Kantoren, Thoraschreiber und hebräische Schriftsetzer als im übrigen Berlin.

Die 15jährige Minna Kohane ist in Berlin-Prenzlauer Berg aufgewachsen. Der Prenzlauer Berg grenzt an das Scheunenviertel, vor allem Juden aus Galizien wohnen hier neben alteingesessenen Berliner Arbeiterfamilien. Auch die Kohanes sind galizischer Herkunft: Minnas Mutter stammt aus dem schlesischen Kattowitz, der Vater aus dem galizischen Tarnów. Pindas Kohane, ein Tuchhändler und streng orthodoxer Jude, ist schon kurz nach der Jahrhundertwende in Berlin eingetroffen; er hat die Synagoge in der Rykestraße noch mit aufgebaut. Seine sechs Kinder sind alle in Berlin geboren.

Die achtköpfige Familie Kohane teilt sich eine bescheidene Zweizimmerwohnung in der Metzer Straße. Doch Platz spielt für Minna keine Rolle – ihre Familie führt ein frommes, aber lautes und fröhliches Leben, Jiddisch und »Berliner Schnauze« wechseln sich ab. Familie Kohane lebt nach dem Rhythmus des jüdischen Kalenders, Religion ist der Mittelpunkt.

Die ganze Woche freut sich das Ehepaar Kohane samt seinen sechs Kindern auf den Sabbat – er ist Unterbrechung, Höhepunkt und Vollendung der Woche zugleich. Freitagabend beginnt mit Sonnenuntergang der heilige Tag, der bis zum Sonnenuntergang des Samstagabends andauert und für den die Familie regelmäßig schon ab Dienstag zu sparen beginnt: Auf dem mit weißem Linnen gedeckten Tisch brennen dann zwei Kerzen in silbernen Leuchtern. Am Platz des Vaters liegen, noch verhüllt, Challot und BarchesKiddusch