Jon Mayhew - Mortlock

Roman

Aus dem Englischen
von Claudia Feldmann

Übersetzung der Verse von
Hans-Ulrich Möhring

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel Mortlock erschien 2010 bei Bloomsbury Publishing, London.

ISBN 978-3-8412-0523-0

Aufbau Digital, veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2010 Jon Mayhew

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung Kathrin Schüler, Berlin unter Verwendung einer Coverillustration © Christian Lorenz Scheurer

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Prolog - Abessinien, 1820

Erster Teil - London, 1854

1. Kapitel - Die Messerwerferin

2. Kapitel - Ein Dieb aus der Vergangenheit

3. Kapitel - Unerwünschter Besucher

4. Kapitel - Nachtvogel

5. Kapitel - Eine letzte Botschaft

6. Kapitel - Kein Schlupfwinkel

7. Kapitel - Der Junge mit der Kröte

8. Kapitel - Der Schatten am Fenster

9. Kapitel - Nächtlicher Besuch

10. Kapitel - Der flüsternde Leichnam

11. Kapitel - Gorsefields Yard

12. Kapitel - Der Fremde auf der Straße

13. Kapitel - Evenyule Scrabsnitch

14. Kapitel - Gimlets Entscheidung

Zweiter Teil - Rookery Heights

15. Kapitel - Das Licht über der Marsch

16. Kapitel - Lord Corvis

17. Kapitel - Die Lieferung

18. Kapitel - Arabellas Geschichte

19. Kapitel - Der Keller

20. Kapitel - Der junge Ghul

21. Kapitel - Das Tigerfell

22. Kapitel - Verirrt im Nebel

23. Kapitel - Heimkehr

24. Kapitel - Lorenzos Zirkus

25. Kapitel - Das Geheimnis der Seile

26. Kapitel - Das Publikum der Toten

27. Kapitel - Die Galopede

28. Kapitel - Unangenehme Neuigkeiten

29. Kapitel - Mortlock

30. Kapitel - Die Wahrheit aus dem Grab

31. Kapitel - Opfer und ein weiches Herz

Epilog

Für meine Frau Lin und meine Kinder Sally, Alfie, Frank und sogar Jack

Unsterblich ist die Blume Amarant;

Einst blühte sie, nah bei dem Baum des Lebens,

Im Paradiese; seit des Menschen Fall

Zum Himmel, wo zuerst sie wuchs, entrückt,

Beschattet sie nun dort den Lebensquell,

Den Fluss des Segens säumend.

John Milton, Das verlorene Paradies (Paradise Lost)

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PROLOG

Abessinien, 1820

Sebastian Mortlock spürte, wie etwas Krabbelndes sich zwischen seine Zehen drängte. Er blickte hinunter. Der Boden unter seinen löchrigen Stiefeln wimmelte von Würmern, Tausendfüßlern, Kakerlaken und Ameisen. Eines der Insekten kroch gerade seinen Fußrücken hinauf. Er schüttelte das Tier ab und sah seine beiden Gefährten mit einer Grimasse an.

Thurlough Corvis grinste und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Das ist ein gutes Zeichen«, versicherte er Sebastian. »Dieser Dschungel pulsiert vor Leben. Da schaffen es sicher auch drei Engländer.«

»Ein Zeichen ist es. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es gut ist«, sagte Edwin Chrimes und fegte mit angewiderter Miene einen Käfer von seinem Bein. »An diesem gottverlassenen Ort sollte überhaupt kein Dschungel sein.«

Der Dschungel, eine Oase mitten im Nichts, war der Grund, weshalb sie sich überhaupt in dieser öden Salzwüste befanden. Er hatte sie vor den erhobenen Waffen feindlich gesinnter Stammesangehöriger gerettet und vor den drohenden Blicken misstrauischer Kriegsherren; gefährliche Männer, die unablässig um dieses Höllenloch kämpften.

Die Engländer waren noch am Leben, wenn auch eigentümlich gekleidet. Alle drei hatten schon vor langer Zeit ihre dunklen Reiseanzüge gegen die hellere, leichtere Stammeskleidung dieser Gegend getauscht. Die weißen Baumwollgewänder, die bis zu den Stiefeln reichten, waren mittlerweile voller Flecke. Um den Kopf trugen sie Turbane und einen Schal, der nur die Augen frei ließ.

Während ihrer Reise waren sie gute Freunde geworden. Corvis hatte Mortlock überrascht. Obwohl er ein schmaler, blasser Lebemann war, der den Spieltisch und den Portwein liebte, hatte er angesichts der zahlreichen Mühen und Widrigkeiten Stärke bewiesen – im Gegensatz zu Chrimes. Mit seinem roten Haar und den Sommersprossen litt er unter der sengenden Sonne. Seine Haut war so verbrannt, dass sie Blasen warf, und er beschwerte sich unaufhörlich.

»Was nun, Sebastian?« Corvis hob fragend die Augenbraue. Die tiefen Schatten des Urwalds betonten seine scharfen Gesichtszüge. »Ruhen wir uns aus, oder gehen wir weiter?«

»Ausruhen?« Mortlock streckte seinen muskulösen Körper, der um einiges größer war als der seiner Freunde. »Wir stehen kurz vor der größten Entdeckung aller Zeiten, und du willst dich ausruhen?«

»Du bist der Chef. Ich dachte nur, du wärst vielleicht müde«, erwiderte Corvis und hob die Hände. »Schließlich bist du nicht mehr der Jüngste …«

»Ich bin sechsundzwanzig, Corvis«, protestierte Mortlock halb entgeistert, halb amüsiert. »Nur ein Jahr älter als ihr beide!«

»Nun, immerhin«, ließ Chrimes sich vernehmen.

Mortlock warf beiden einen finsteren Blick zu, dann drehte er sich um und setzte sich wieder in Bewegung.

»Wenn ihr so jung und kräftig seid, dürfte es euch ja nicht schwerfallen, mir zu folgen!«, rief er über die Schulter und verschwand in den Schatten. Er hörte, wie Corvis und Chrimes einen Schrei ausstießen und unter lautem Laubgeraschel hinter ihm her stürzten.

Mortlock grinste und warf einen kurzen Blick nach hinten, um den Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern einzuschätzen. Er sprang über umgestürzte Baumstämme und wich Dornenbüschen aus. Doch der Dschungel war ein einziges Dickicht. Ranken zerrten an seiner Kleidung, und sein Lachen verwandelte sich bald in angestrengtes Keuchen. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Mühsam kämpfte er sich durch das Pflanzengewirr, das ihm den Weg versperrte. Es wurde dunkler. Er konnte die beiden hinter ihm noch hören, wie sie fluchend um sich schlugen, aber ihre Stimmen waren jetzt leiser. Vor ihm schimmerte ein rötliches Glühen zwischen den Blättern hindurch, das ihn anlockte wie eine Motte das Licht. Während er sich weiter vorwärtskämpfte, stolperte er über einen vermoderten Baumstamm, und ein stechender Schmerz schoss ihm das Bein hinauf. Mortlock rang nach Luft, und Panik stieg in ihm auf. Er hatte das Gefühl, in einem Meer aus Grün zu ertrinken. Mit einem wütenden Fluch grub er die Füße in die weiche Erde und stürzte sich erneut in den Kampf. Plötzlich gab die Blätterwand nach, und er stolperte auf eine Lichtung.

Stille.

Bäume schmiegten sich um den kleinen offenen Raum, als wollten sie die zierliche Blume schützen, die in ihrer Mitte wuchs. Sie war etwa dreißig Zentimeter groß, mit leuchtend roten Blütenblättern, die sich tulpengleich nach oben wölbten, wie ein Kelch aus kostbaren Edelsteinen. Ein pulsierendes Licht, das an einen Herzschlag erinnerte, ließ das Rot der Blütenblätter aufleuchten.

Mortlock hörte, wie Corvis sich fluchend durch die letzten Meter dichten Dschungels kämpfte und dann ebenfalls auf die Lichtung stürzte, kurz darauf gefolgt von Chrimes. Die beiden Männer schlossen zu ihm auf und schauten in dieselbe Richtung wie er. Niemand sprach ein Wort.

Hoch über ihnen ertönten Vogelschreie, und aus dem Dschungel erhob sich ein fernes Knurren, doch Mortlock nahm es kaum wahr. Er konnte den Blick nicht von der schimmernden roten Blume wenden. Er spürte, wie er auf die Knie sank. Chrimes und Corvis taten es ihm gleich. Feuchtes Moos polsterte den Boden, und ein feiner Nebel schien ihm bis ins Mark zu dringen.

»Die Amarant«, flüsterte Mortlock und sah seine Freunde an. »Wir haben sie gefunden!«

»Sie ist wunderschön«, murmelte Chrimes. In dem roten Schimmer wirkte sein Haar wie Feuerglut. »So zerbrechlich und doch voller Macht.«

»Macht über Leben und Tod«, sagte Corvis. »Sie ist schön, ja, aber auch irgendwie … falsch.«

Die Zeit schien stehen zu bleiben, während Mortlock das rot leuchtende Herz der Blume betrachtete. Es pulsierte vor seinen Augen, und ihm war, als würde er in seinem überirdischen Licht baden, erfüllt von Bildern, die es in seinem Kopf erstehen ließ.

In der Tiefe des Urwalds knackte ein Zweig.

Mortlock erstarrte und blickte sich um. Die Schatten jenseits des roten Lichts schienen sich zu bewegen.

»Da ist etwas.« Corvis’ dunkle Augen glühten förmlich. Ein Schauer überlief ihn.

»Als würde uns jemand beobachten.« Chrimes starrte in die Dunkelheit. »Wie lange sind wir schon hier?«

»Ich weiß es nicht.« Mortlock fuhr sich durch sein zerzaustes blondes Haar. Er fühlte sich, als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht, benommen und mit schwerem Kopf. »Zu lange. Seht euch den Mond an.«

»Mein Gott«, flüsterte Corvis. Hoch über ihren Köpfen hing ein schwerer runder Mond. Als sie sich in die Oase gerettet hatten, war es glühend heißer Nachmittag gewesen.

»Gehen wir«, sagte Mortlock und sprang auf. Sein Herz pochte.

Im Dickicht um sie herum raschelte es. Vage Gestalten huschten durch die Schatten. Flüsternde Stimmen wehten herüber wie ein Windhauch. Ein süßlicher durchdringender Geruch nach Verwesung hing in der Luft. Zwischen den Zweigen grinste ein ausgemergeltes Gesicht hervor. Hinter ihm waren noch mehr.

»Was in Gottes Namen ist das?«, fragte Chrimes leise. Auf seiner Stirn schimmerten Schweißperlen.

»Ich bezweifle, dass Gott etwas damit zu tun hat«, erwiderte Mortlock mit bebender Stimme. »Ich glaube, sie bewachen die Amarant.« Er hörte, wie einer seiner Freunde leise aufstöhnte.

Corvis rannte als Erster los, und beinahe hätte er Chrimes umgeworfen, als er in den Dschungel flüchtete. Aus dem Flüstern wurde ein gedämpftes zorniges Gemurmel. Mortlock packte Chrimes und zerrte ihn von der Lichtung.

Dornen und Stacheln rissen ihnen Haut und Kleider auf, während sie sich durch die Vegetation kämpften. Mortlock, der mit seiner Machete auf Zweige und Ranken einhieb, hörte Corvis ein Stück vor ihnen keuchen. Chrimes folgte ihm mit ängstlich aufgerissenen Augen. Als Mortlock einen Moment den Blick senkte, sah er Gesichter von längst Verstorbenen, die ihn aus dem Unterholz anstarrten. Er stieß einen Schrei aus, und das Gemurmel der Toten schwoll zu einem erstickten Zorngebrüll an. Kalte Finger gruben sich in seine Schulter und zerrten an seinem Haar; der Verwesungsgeruch war jetzt so stark, dass er kaum noch atmen konnte. Er schlug nach den Armen, die ihn zu packen versuchten, und erschauerte, als er die trockene, eisige Haut von Leichen berührte. Keuchend stürzte er vorwärts. Wir werden alle sterben!, dachte er verzweifelt. Doch plötzlich lichtete sich der Dschungel, er und Chrimes wankten hinaus in die kalte Nachtluft der Wüste und ließen sich neben dem zitternden Corvis in den Sand fallen.

Die Dämmerung brach an, obwohl es eben erst Nacht geworden war. Die drei Männer starrten auf den Dschungel, von dessen üppigem Laub Dunst aufstieg.

»Lebende Leichen«, ächzte Mortlock.

»Ich hatte eine Vision«, sagte Corvis leise, ohne den Blick von dem dunklen, nun wieder stillen Dschungel zu wenden. »Mein Herz war vor Grauen zu Eis erstarrt. Ich sah … Flügel, schwarze Flügel, spitze Schnäbel, Raben und Krähen …«

»Verwesung«, flüsterte Mortlock. »Ich sah einen Totenkopf, Schädel und Beinhäuser … Wir können die Amarant nicht mitnehmen. Das waren Warnungen.« Schweiß rann ihm über die Stirn. »Wir müssen verschwinden, und wir dürfen nie wieder hierherkommen.«

»Wo wir sie endlich gefunden haben?«, widersprach Corvis und sah Chrimes und Mortlock an. »Vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Wenn wir die Amarant mitnehmen, werden wir berühmt und reicher, als wir uns je erträumt haben.«

»Meinst du wirklich?« Mortlock stand auf. »Wir haben unsere Chance gehabt. Ich bin dafür, sie in Ruhe zu lassen.«

»Du hast Recht«, sagte Chrimes und strich sich mit zitternden Fingern über seinen schmalen roten Bart. »Wir können die Amarant nicht mitnehmen. Sie würde uns vernichten.«

»Wir müssen schwören, dass keiner von uns jemals hierher zurückkehrt«, sagte Mortlock. Er streckte die Hand aus, zog sein Messer aus dem Gürtel und schnitt sich damit in die schwielige Handfläche. Dann reichte er das Messer an Chrimes weiter. »Ein Blutschwur.«

»Einverstanden.« Chrimes verpasste sich ebenfalls einen Schnitt und legte seine Hand auf die von Mortlock.

Beide sahen zu Corvis, der das Gesicht verzog und nur zaghaft mit der Klinge über seine Haut kratzte, sodass kaum Blut austrat. Dann legte er seine Hand auf die seiner Freunde.

»Ein Schwur«, murmelte er leise und wich Mortlocks Blick aus. »Dass die Amarant niemals von hier fortgebracht wird.«

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ERSTER TEIL

London, 1854

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Gar viele trauern nun um ihn,

Doch niemand erfährt, wohin er ging.

Über sein abgenagtes Gebein

Pfeift immerdar der Wind allein.

Die zwei Raben (The Two Ravens),
altes Volkslied

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1. KAPITEL

Die Messerwerferin

Josie Chrimes hielt das Messer an der Klinge. Sie spürte, wie das Gewicht des Griffs nach unten zog und der kalte Stahl zwischen Daumen und Zeigefinger lag, als sie den Arm vor sich ausstreckte. Der Große Cardamom stand zwanzig Schritt entfernt. Er könnte doppelt so weit weg stehen, und ich würde immer noch treffen, dachte sie. Josie verfehlte ihr Ziel niemals. Langsam hob sie den Arm, dann ließ sie ihn heruntersausen und schleuderte das Messer mit einer geübten Bewegung des Handgelenks auf sein Ziel zu.

Sie hörte, wie das Publikum nach Luft schnappte, und lächelte. Das Messer flog blitzend über die Bühne und nagelte mit einem Wump! den Zylinder des Großen Cardamom an die Korkwand hinter ihm. Messer um Messer hatte sie seinen Umriss nachgezeichnet, so dicht, dass die Leute in den vorderen Reihen mit großen Augen den Kopf gereckt hatten, in der Hoffnung, irgendwo Blut zu entdecken. Doch nun hatte das letzte Messer sein Ziel erreicht, Cardamom trat vorsichtig unter seinem Zylinder hervor, der an der Korkwand hängen blieb, und strich sein rotes Haar glatt. Dann verbeugte er sich schwungvoll, wobei er Josie unauffällig zuzwinkerte. Das Publikum klatschte und jubelte wie verrückt.

Josie überquerte im Schein des Rampenlichts die Bühne, ergriff Cardamoms Hand und verbeugte sich zusammen mit ihm, so tief, dass sie mit der Nase fast ihren Rock berührte.

Als die beiden sich wieder aufrichteten, sah sie zu Cardamom hinüber. Mittlerweile war sie fast größer als er. Auf der Straße hätten sie ein seltsames Paar abgegeben: er klein und rund, mit gefärbtem rotem Haar, gezwirbeltem Schnurrbart und rot gefüttertem Mantel, sie in einem Trikot mit einem leichten Kleid darüber, die langen blonden Haare mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden. Doch auf der Bühne passten sie immer noch perfekt zusammen.

Josie holte tief Luft. Sie roch den Schweiß der Zuschauer und den Staub, der sich in den Samtvorhängen festgesetzt hatte. Die Musik aus dem Orchestergraben erfüllte den Saal und vibrierte in ihren Knochen. Hier gehöre ich hin, dachte sie und drückte die Hand ihres Vormunds, des Großen Cardamom.

»Meine Damen und Herren.« Er hob die Hand, um für Ruhe zu sorgen. »Ich präsentiere Ihnen Artemis die Jägerin! Dreizehn Jahre alt und ein Talent, wie es die Welt noch nicht gesehen hat!«

Nach dem erneuten Beifall fuhren sie mit ihrem Programm fort. Josie sah zu, wie Cardamom zum Staunen der Zuschauer auf Zuruf die kuriosesten Dinge aus ihren Taschen zog: Schweinefleischpasteten, Mausefallen, Früchte, Münzen, Tauben – sogar ein Frettchen erschien in seinen Händen. Schließlich holte er einen Strauß frischer Nelken aus seinem Mantel und warf sie mit einem Zwinkern Josie zu. Zwischendurch ließ er immer wieder einmal einen Luftballon aufsteigen, und Josie brachte ihn mit einem Messerwurf zum Platzen. Sie lächelte die ganze Zeit über, aber im Stillen fragte sie sich, wo Cardamom all diese Dinge versteckte. Hinter der Bühne hatte sie schon oft heimlich in seine Taschen geschaut, doch nie etwas darin gefunden. Ihr Vormund verriet ihr nicht, wie er es anstellte. »Das ist Zauberei«, sagte er jedes Mal mit geheimnisvoller Miene. Josie wusste, dass es nichts weiter war als ein Trick, aber das erklärte noch nicht, woher er wusste, was die Zuschauer ihm zurufen würden.

Auf das Hervorzaubern folgte eine Schwebenummer, dann wurde ein Krug aus einer Flasche befüllt, die sich niemals leerte, dann tauchten Kaninchen in einem Hut auf – all die üblichen Dinge, die das Publikum des Erato liebte. Cardamom und Josie besuchten oft das nahe gelegene Lyceum, um zuzuschauen, wie Professor Anderson, der »Zaubermeister des Nordens«, ähnliche Tricks vollführte. Doch bei Cardamom gingen die einzelnen Nummern nahtlos ineinander über. Während er seine Zauberkunststücke vorbereitete, schlug Josie Purzelbäume, Räder oder Flick-Flacks, und sie liebte es, wie die Zuschauer nach Luft schnappten, wenn sie auf der Bühne Anlauf nahm, sprang und mit einem Salto neben Cardamom landete. Sie selbst genoss ihre Darbietung beinahe ebenso wie das Publikum.

An diesem Abend schallten der Applaus und die Jubelrufe bis hinter die Kulissen, als Josie und Cardamom sich an den Tänzerinnen vorbeischoben, die als Nächste an der Reihe waren.

»Warum denn Artemis?«, fragte Josie. »Das ist so ein langweiliger Name.«

Cardamom blieb abrupt stehen, drehte sich um und bohrte Josie förmlich seine Nase ins Gesicht. »Dein Talent kommt von den antiken Göttern«, zischte er, auf einmal ganz ernst. Die muntere Röte war aus seinen Wangen gewichen. Dann warf er ihr einen vielsagenden Blick zu. »Und die wollen wir doch nicht gegen uns aufbringen, oder?«

Josie sah ihrem Vormund nach, der an den Bühnenhelfern und den wartenden Künstlern vorbeistapfte und in den dunklen Eingeweiden des Theaters verschwand. Sie runzelte die Stirn. Er und seine Launen! Cardamom konnte im Handumdrehen von ernst zu fröhlich wechseln. Auf der Bühne wirkte er dämonisch mit seinem roten Spitzbart und den hochgewölbten Augenbrauen, doch manchmal konnte er auch sanft und liebevoll sein. Sie eilte hinter ihm her.

Josie fand ihn in einem Lagerraum, wo sie sich unterhalten konnten, ohne dass ihre Stimmen die Vorführung auf der Bühne störten. Dorthin zogen sie sich immer zurück, wenn es etwas zu bereden gab.

»Wenn es dich glücklich macht, Onkel«, seufzte Josie, »dann heiße ich von jetzt an eben Artemis.«

Cardamom lächelte schwach und zuckte die Achseln. »Das Publikum wird dich lieben, ganz gleich, welchen Bühnennamen wir dir geben. Wenn du älter bist, wird das Schauspielen … einfacher.« Auf einmal wirkte er viel älter. Mit einem Stich der Trauer bemerkte Josie, dass das gefärbte Haar sein wahres Alter eher noch betonte als verbarg.

Ein kleiner, aber kräftiger junger Mann in dunkler Hose und Weste kam aus dem Gang herein. Er hatte eine Stummelpfeife im Mund, deren Rauch sich um sein dichtes schwarzes Haar und den üppigen Schnurrbart ringelte. In der Hand hielt er einen Pinsel, und seine hochgekrempelten Hemdsärmel waren voller Farbkleckse.

»Gimlet!« Josie stürzte sich auf ihn und umarmte ihn, froh über die Ablenkung. »Was machst du denn hier? Hast du die Kulisse für die Unterwelt fertig?«

Sie hatte zugesehen, wie Gimlet die Szenerie für Cardamoms neue Nummer vorbereitete. Ihr Vormund hatte sich Dantes Inferno als Thema ausgesucht. Kobolde und Dämonen würden über die Bühne tanzen, während Cardamom Kunststücke vollbrachte, die sogar den Teufel höchstpersönlich zum Staunen bringen würden. Gimlet hatte den Hintergrund entsprechend gestaltet: lodernde Höllenfeuer und düstere Höhlen, aus denen furchteinflößende satanische Fratzen hervorstarrten.

»Langsam, langsam«, sagte Gimlet lachend und hielt den nassen Pinsel zur Seite, damit Josies Haar keine Farbe abbekam. »Es gibt noch einiges zu tun. Wahrscheinlich werde ich die nächsten paar Wochen in diesem Theater leben!«

»Das tust du doch jetzt schon, Gimlet«, zog Cardamom ihn auf.

»Macht auf jeden Fall mehr Spaß, als Särge zu zimmern«, erwiderte Gimlet.

Josie überlief ein Schauer. Bühnenkulissen und Särge. Gimlet hatte ihr erzählt, dass er Beerdigungsunternehmen belieferte, wenn im Theater nicht viel zu tun war oder eine Seuche ausbrach. Was für ein Leben, dachte sie. Wenigstens brachte ihr die Arbeit auf der Bühne genug ein, um über die Runden zu kommen.

Cardamom unterbrach ihre Gedanken. »Komm, lass uns die Schminke abwischen. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«

Josie machte die Tür der Garderobe hinter sich zu, lehnte sich einen Moment dagegen und schloss die Augen. Nun, da der Auftritt vorbei war, spürte sie, wie sich Erschöpfung in ihr ausbreitete. Seufzend löste sie sich von der Tür, zog ihr Trikot aus und schlüpfte in die gestärkte Bluse und das steife schwarze Kleid, das sie auf Cardamoms Anordnung außerhalb des Theaters tragen musste. Der Stoff war schrecklich kratzig. Wenn Cardamom sie in dem Kleid sah, sagte er immer etwas Verletzendes, zum Beispiel: »Ich wünschte, du wärst etwas damenhafter.«

Josie wusste selbst, dass sie keine Schönheit war. Dazu brauchte sie Cardamom nicht. Als sie kleiner war, hatte sie oft die Tänzerinnen mit ihren langen, eleganten Beinen bewundert.

»Willst du auch Tänzerin werden, Josie?«, hatte eine von ihnen gefragt und sie in die Nase gezwickt.

»Oh ja, bitte«, hatte sie gesagt, doch die Tänzerinnen hatten nur gekichert und waren in ihre Garderoben verschwunden. Jetzt wusste Josie, warum. Sie war einfach zu hässlich.

Madame Carla hatte gesagt, sie sei »ansehnlich«. Josie wusste, dass »ansehnlich« nicht dasselbe war wie »hübsch«. Außerdem war Madame Carla die Bärtige Frau am Stand draußen vor dem Erato und somit ganz sicher keine Expertin.

Josie kaute an ihrem Fingernagel und betrachtete ihr blasses Ebenbild im Spiegel der Frisierkommode. Dann griff sie nach einem Wattebausch und begann die Schminke abzuwischen. Sie seufzte, als sie über ihre breite Nase strich. Und diese Augen, dachte sie. So ein langweiliges Braun. Mit der anderen Hand ergriff sie eine Locke und zwirbelte sie um ihren Zeigefinger. Sie wusch und bürstete ihr blondes Haar regelmäßig und band es stets mit einer Schleife zusammen. Es war das Einzige, worauf sie stolz war.

Schließlich stand sie auf, hängte ihr Kostüm in den Schrank und öffnete die Garderobentür. Cardamom stand im Flur, die Hand bereits erhoben, um an die Tür zu klopfen. Er wurde rot und räusperte sich.

»Ich wollte dich gerade holen«, sagte er.

Josie sah ihn an. Sein säuerlicher Atem roch ein wenig nach Alkohol. Nicht schon wieder, stöhnte sie innerlich. Er wandte sich um und ging Richtung Bühnenausgang. Kopfschüttelnd folgte Josie ihm.

Am Ausgang stand Ernie Cumbers, der Wachmann des Theaters. Er nickte knapp, als er sie kommen sah. »N’Abend, Mr Chrimes. Miss Josie.«

»Guten Abend, Ernie«, sagte Josie lächelnd. Cardamom nickte seinerseits. Für jeden, der ihn nicht kannte, sah Ernie furchteinflößend aus: ein Gorilla von einem Mann, mit sehr kurzem Hals, flacher Nase und winzigen Augen, die in dem fleischigen Gesicht fast verschwanden. Er trug einen auffällig karierten Anzug und eine Melone, die zwei Nummern zu klein für seinen massigen Kopf war. Aber Josie hatte gesehen, wie er sich bei einem der sentimentalen Lieder, die im Erato vorgetragen wurden, verstohlen eine Träne aus dem Auge gewischt hatte. Sie hatte auch gesehen, wie er Betrunkene quer über die Straße warf, wenn er sie in der Garderobe einer der Tänzerinnen erwischte. Ihre Blicke kreuzten sich, und Ernie deutete mit einer Kopfbewegung auf das Empfangskomitee.

Draußen vor dem Bühneneingang wartete eine kleine Gruppe von Bewunderern auf Cardamom, und es waren keine armen Leute, wie Josie an den Zylindern und eleganten Kleidern sehen konnte. Einige der Damen hatten einen Kutscher bei sich. Ein Herr mit langem, weißem Bart trat vor und schüttelte Cardamom begeistert die Hand.

»Was für eine beeindruckende Vorführung, Sir, und so vollendet ausgeführt«, sagte er, immer noch kräftig schüttelnd. »Wo haben Sie diese Zauberkunststücke gelernt?«

»Bei alten Fakiren, tief in den verborgenen Tälern des Himalaya«, erwiderte Cardamom. Er richtete sich zu voller Größe auf und befreite seine Hand. »Von den Derwischen und Medizinmännern im schwärzesten Afrika. Ich bin durch die ganze Welt gereist, um die dunklen Künste zu erlernen, mein Herr.«

Josie seufzte verstohlen; das kannte sie alles zur Genüge. Ihr Blick wanderte über die Straße. Ein hochgewachsener, hagerer Mann, in einen schäbigen Mantel und einen langen Schal gehüllt, um sich vor der winterlichen Kälte zu schützen, sah genau zu ihr herüber. Sie erschrak. Unter seinem abgewetzten Zylinder lugten dichte graue Locken hervor. Ihre Blicke trafen sich einen Moment, dann drehte er sich um und verschwand in der Menge, die sich über den Gehweg drängte.

Josie blinzelte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Der Mann hatte sie beobachtet, da war sie ganz sicher. Das Theater lockte so manche schrägen Vögel an. Falls er noch einmal auftauchte, würde sie Ernie auf ihn aufmerksam machen. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Cardamom und seinen Bewunderern zu.

»Mr Cardamom, Sie müssen unbedingt einmal vorbeikommen und mir von Ihren Abenteuern erzählen.« Eine Dame im Pelzmantel reichte ihm ihre Karte. Josie verzog das Gesicht, als sie den Blick sah, mit dem die Frau ihn anschmachtete.

»Mit dem größten Vergnügen, Madam.« Cardamom verneigte sich tief und schob die Karte in seine Innentasche. Josie verdrehte die Augen. Niemand beachtete sie; es war, als wäre sie unsichtbar. Während der Vorstellung klatschten sie eifrig – warum konnten sie jetzt nichts sagen?

Josie stand da und sah zu, wie das Grüppchen sich nach einigen weiteren Komplimenten auflöste. Cardamom hob die Hand, um zu winken, doch niemand schaute sich um, während die Herrschaften in ihre wartenden Kutschen stiegen. Er sieht so einsam aus, dachte sie. Er hätte nicht einsamer wirken können, wenn er in einem windigen Moor oder an einem menschenleeren Strand gestanden hätte. In solchen Augenblicken verstand sie ihn. Manchmal fühlte sie sich genauso: einsam. Nein, schlimmer noch: verlassen.

»Komm. Mrs Yates wartet bestimmt schon auf uns«, sagte Cardamom und drehte sich zu Josie um. Die Lebendigkeit war aus seinem Gesicht verschwunden. Der Auftritt war vorbei. Josie kannte das Gefühl – es war wie eine Papiertüte, die erst prall mit Luft gefüllt war und dann plötzlich zerplatzte. Sie folgte Cardamom die Straße entlang zu dem einzigen Zuhause, das sie beide kannten: Bluebell Terrace. Während sie über das Kopfsteinpflaster lief, den Blick auf Cardamoms Rücken geheftet, hoffte sie, dass er nicht wieder in diese düstere Stimmung verfallen würde. Nicht heute Abend.

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O grabt mir ein Grab, lang und breit, tief dazu,

Und deckt mich mit duftenden Blumen zu,

Dort will ich dann liegen zur letzten Ruh,

Nur so kann ich sie je vergessen.

Die treulose Braut (The False Bride),
altes Volkslied

2. KAPITEL

Ein Dieb aus der Vergangenheit

Josie hakte sich bei Cardamom ein und ging neben ihm her. Obwohl es schon spät war, herrschte noch munteres Treiben im Schein der Gaslaternen. Aus den hell erleuchteten Varietés und Gasthäusern strömten lachende Gäste. Fliegende Händler, Taschendiebe und Polizisten zogen durch die Straße. Sie hielt Ausschau nach dem Fremden, der vor dem Erato gestanden und sie angestarrt hatte, doch sie sah ihn nicht wieder. Kutschen rollten vorbei und zwangen Josie, ihren Rocksaum hochzuziehen, damit sie keine Schlammspritzer abbekam. Normalerweise liebte sie das lebendige Hin und Her, doch an diesem Abend senkte sich Cardamoms trübe Stimmung wie ein dichter Nebel auf sie.

Der Lärm wurde leiser, als sie in die kleine Seitenstraße abbogen, in der ihr Zuhause war: ein bescheidenes Reihenhaus, das genauso aussah wie die Häuser rechts und links davon, mit einem Wohnzimmer, einem Esszimmer, Küche und Waschraum im Untergeschoss und drei Schlafzimmern im Obergeschoss. Josie war hier aufgewachsen, und sie war zufrieden mit ihrem Schicksal. Sie kannte kein anderes Leben.

Mrs Yates empfing sie an der verwitterten Haustür. Ihr langes Gesicht wirkte durch den straff gebundenen Knoten noch strenger.

»Guten Abend, Mrs Yates. Ich hoffe, es geht Ihnen gut?«, sagte Cardamom, höflich wie immer, aber ohne jedes Interesse.

»Heute gibt es Eintopf, Mr Chrimes«, sagte Mrs Yates, ohne auf seine Frage einzugehen. Sie benutzte nie seinen Bühnennamen. Josie trat ins Haus, froh über die Wärme. Mrs Yates bedachte sie mit einem säuerlichen Blick.

»Guten Abend«, begrüßte Josie die Haushälterin, um einen freundlichen Tonfall bemüht.

»Eintopf«, seufzte Cardamom und zog seinen Mantel aus. Mrs Yates kannte nur ein Gericht, und das gab es jeden Tag: Eintopf. Josie merkte, wie ihr Hunger schwand.

»Sie haben doch nicht vergessen, dass ich morgen meinen Wochenlohn bekomme, oder, Sir?«

»Nein, Mrs Yates, das habe ich nicht vergessen«, entgegnete Cardamom barsch. Wütend warf er seinen Hut auf den Garderobentisch und stapfte ins Wohnzimmer.

»Gut, der Eintopf steht auf dem Herd. Ich gehe dann jetzt«, rief sie ihm nach und zog eine Grimasse, während sie in ihren Mantel schlüpfte. Leise, sodass nur Josie es hören konnte, fügte sie hinzu: »Das wird wieder ein reizender Abend, Mädchen.«

Der Eintopf blieb blubbernd auf dem Herd stehen und brannte nach und nach am Topf fest. Cardamom saß zusammengesunken in seinem Sessel. Whisky rann aus dem umgekippten Glas auf seinen Schoß.

»Ich wünschte, du würdest nicht so viel trinken, Onkel«, seufzte Josie. Sanft nahm sie ihm das Glas aus der Hand. »Ich wünschte, du könntest glücklich sein.«

Cardamom bewegte sich stöhnend, wachte jedoch nicht auf. Papiere rutschten aus seiner Hand und fielen raschelnd zu Boden. Josie biss sich auf die Unterlippe. Sie kannte sie. Er blätterte immer darin, wenn er in dieser merkwürdigen Stimmung war: alte Briefe, ein abgewetztes Tagebuch und ein kleines Porträt.

Er hatte ihr das Bild einmal gezeigt, als sie klein war. Nun hob Josie es auf und betrachtete es erneut. Eine Frau blickte ihr entgegen. Sie trug ein Kopftuch, aber darunter wallten ebenholzschwarze Locken hervor. Ihr Gesicht war schön und fein geschnitten, und an ihren Ohren hingen große goldene Ringe.

»Mutter«, flüsterte Josie.

»Madame Lilly«, hatte Cardamom gesagt, als er ihr das Bild zum ersten Mal zeigte. »Eine Wahrsagerin beim Zirkus. Sie war so voller Leben, deine Mutter, und eine wahre Schönheit.« Seine Augen waren feucht gewesen. »Und eine Dame. Was für ein glückliches Haus das war, als ihr beide damals hierhergekommen seid. Sie liebte dich von ganzem Herzen.«

Josie lächelte und versuchte sich daran zu erinnern, wie ihre Mutter sie in den Schlaf gesungen hatte. Sie war gestorben, als Josie zwei oder drei gewesen war. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Mutter durch dieses Zimmer tanzen, begleitet von leisem rhythmischem Gesang. War es eine Erinnerung oder etwas, das ihre Fantasie sich ausdachte, weil sie sich wünschte, dass es so gewesen war? Und warum hatte sie das Gefühl, etwas oder jemand fehlte auf diesem Bild? Eine dritte Person. Wer war es? Ihr Vater?

»Er ist gestorben, als du noch ein Baby warst«, hatte Cardamom mit traurigem Lächeln gesagt. »Ich glaube, er war auch Artist. Wir haben nie über ihn gesprochen …«

Josie konnte sich nicht an ihn erinnern. Sie seufzte. Dann fiel ihr Blick auf die übrigen Papiere. Die hatte Cardamom ihr nie gezeigt … Bilder von anderen Abenden schossen ihr durch den Kopf: der Whisky, Cardamom, wie er das Tagebuch quer durchs Zimmer schleuderte oder Seiten herausriss und sie ins Feuer warf. Sie erinnerte sich, wie sie im Dunkeln im Bett gelegen hatte, während er unten herumbrüllte, als streite er sich mit jemandem. Sie war hinuntergegangen und hatte ihn weinend über die Briefe gebeugt vorgefunden.

»Ab ins Bett«, hatte er geschimpft, als er sie im Türrahmen erblickte. In den letzten paar Wochen war es besonders schlimm gewesen.

Aber jetzt lagen die Papiere da auf dem Boden. Und Cardamom schlief.

Sie bückte sich und hob den obersten Bogen auf. Es war ein Brief. Eine spinnenartige Schrift kroch über das Papier, ausgeblichen und fleckig von vielen Jahren des Zusammenknüllens und Wiederglattstreichens. Josie begann zu lesen.

Dieb! Du hast dir genommen, was mir gehört … Ich dachte, du wärst mein Freund und ich könnte mich auf dich verlassen … wirst du mir büßen … Treffen … Hof. Die ganze Macht der Amarant …

Unten am Ende stand der Name Sebastian Mortlock. Josie ließ den Brief wieder auf den fadenscheinigen Teppich fallen. Warum sollte jemand Cardamom einen Dieb nennen? Sie betrachtete ihn. Es gab so viel, was sie nicht wusste und wonach sie nie gefragt hatte. Er hatte sie und ihre Mutter aus Freundlichkeit bei sich aufgenommen. Als ihre Mutter an einem Fieber gestorben war, hatte er sich weiter um Josie gekümmert, obwohl dafür keinerlei Verpflichtung bestand. Sie verdankte ihm ihr Leben. Im Grunde genommen hatte sie außer ihm nie jemanden gehabt. Aber was wusste sie eigentlich über ihn? Es war an der Zeit, mehr herauszufinden. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Tagebuch.

»Josie?«, grunzte Cardamom. Er riss die Augen auf. »Was tust du da? Was hast du gelesen?«

»Nichts!« Hastig wich sie zurück, als er aufsprang und das Tagebuch an sich riss. »Ich habe nur … den Brief … Wer ist Mortlock, und warum hat er dich einen Dieb genannt?«

So. Sie hatte die Frage gestellt. Jetzt war es heraus.

Cardamoms trübe Augen starrten sie an, erst ungläubig, dann wütend. »Niemand. Er ist fort, hörst du? Vergiss ihn.« Er ließ sich wieder in den Sessel fallen und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Doch nun, da Josie mit dem Fragen angefangen hatte, konnte sie nicht mehr aufhören.

»Onkel, was ist los? Warum bist du so wütend?« Sie richtete sich auf, bereit, sich seinem Zorn zu stellen. Auf einmal packte sie unbändiges Verlangen, endlich die Wahrheit zu erfahren.

»Nichts. Herrgott noch mal, Mädchen, lass mich in Frieden!«

»Irgendetwas ist faul. Und zwar schon seit Jahren.« Josie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. »Ich bin kein Kind mehr. Sag’s mir.«

»Geh in dein Zimmer!«, donnerte Cardamom, packte sein Glas und schleuderte es zu Boden, dass die Scherben nur so durch die Luft flogen. Josie sprang zurück. Überall lagen Glasstückchen, in denen sich die Flammen des Kaminfeuers spiegelten. Plötzlich klingelte es an der Tür.

Cardamom warf Josie einen warnenden Blick zu. Dann deutete er mit zitternden Fingern Richtung Haustür.

»Mach auf«, sagte er gepresst.

Josie raffte ihren Rock und lief hinaus in den Flur. Draußen fuhr sie sich durchs Gesicht und strich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. Beruhige dich, ermahnte sie sich. Reiß dich zusammen. Dann ergriff sie die schwere Messingklinke und öffnete die Tür.

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Nimm du den weißen Hals zum Schmaus,

Ich pick ihm die treublauen Augen aus,

Und mit einer Goldlocke, die er uns lässt,

Flicken wir unser löchriges Nest.

Die zwei Raben(The Two Ravens),
altes Volkslied

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3. KAPITEL

Unerwünschte Besucher

Drei hagere alte Damen standen draußen in der Winterkälte, die Gesichter von tiefen Schatten durchzogen. Josie überlief ein Schauer. Alle drei hatten funkelnde schwarze Augen, lange, gebogene Nasen und zu einem Strich zusammengepresste Lippen. Ihre schwarzen Ringellocken wippten bei jeder Kopfbewegung. Ihre Größe war das Einzige, woran man sie unterscheiden konnte. Sie trugen steife schwarze Kleider aus Seide und Spitzen, die raschelten, als sie näher traten.

»Was für ein bezauberndes Mädchen!«, krächzte die Größte und beugte sich über Josie. Josie zuckte zurück, als die Fremde mit einem langen krallenartigen Fingernagel ihr Gesicht anhob. »Wie alt bist du? Zwölf? Dreizehn?«

»Und so schönes Haar, wie gesponnenes Gold«, sagte die Kleinste und trat über die Schwelle. »Wir möchten mit deinem Vormund sprechen.«

»Ist der Große Cardamom zu Hause?«, fragte die Mittlere. Josie wich zurück, als die drei sich an ihr vorbeidrängten.

»Ich bin Tante Mag.« Die Größte der drei Alten packte Josies Schultern und versuchte, sie zu umarmen. Josie wurde stocksteif.

»Tante Veronica«, sagte die Zweite mit einem Knicks.

»Tante Jay.« Die Kleinste legte den Kopf schief. Josie konnte ihr Spiegelbild in den dunklen Augen der Frau sehen. »Wir werden uns bestimmt wunderbar verstehen, meine Liebe!«

Die Haustür knallte ins Schloss. Josie war umzingelt und wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Nähe der Frauen war ihr unangenehm, und ihr gefräßiges Lächeln zwang ihren Blick zu Boden. Drei schwarze Krähen, dachte sie. Die Alten beäugten sie gierig, als wäre sie die Beute für ihr nächstes Mahl.

»Verzeihen Sie, meine Damen, aber ich kann mich nicht erinnern, Sie hereingebeten zu haben«, sagte Josie. Die drei Tanten zogen die Brauen hoch und fixierten sie mit ihren schwarzen Knopfaugen. Dann neigten sie gleichzeitig den Kopf zur Seite.

»Aber wir gehören sozusagen zur Familie, liebes Kind.« Tante Mag trat einen Schritt vor, was Josie zurückweichen ließ.

»Wir müssen unbedingt den Großen Cardamom sprechen. Er wird hocherfreut sein!«, krächzte Tante Veronica und rückte ebenfalls näher. Josie wich erneut zurück.

»Es ist schon so lange her!«, keckerte Tante Jay. Josie spürte die Tür zum Wohnzimmer an ihrem Rücken.

»Nun sei ein braves Mädchen und sag uns, wo er ist.« Tante Mag blies Josie ihren säuerlichen Atem ins Gesicht. Josie zog eine Grimasse und wandte das Gesicht ab.

Plötzlich gab die Tür hinter ihr nach, und sie stolperte in die Arme ihres Vormunds.

»Josie?«, sagte er und spähte an ihr vorbei auf die drei alten Frauen. »Was ist los? Wer sind die Damen?«

Josie richtete sich auf, doch die Tanten stießen sie erneut beiseite und stürzten sich auf Cardamom.

»Du musst dich doch an uns erinnern, Edwin!«, krächzte Tante Mag und bohrte ihm ihren knochigen Finger in die Brust. »Deine lange verschollenen Tanten!«

»Warum hast du uns nicht geschrieben?« Tante Jay trat auf ihn zu.

»Wir dachten schon, du wärst tot«, rief Tante Veronica und drängte Cardamom zurück zu seinem Sessel.

»Wie kannst du uns so vernachlässigen«, zwitscherte Tante Mag.

»Tanten? Wer sind Sie? Was um alles in der Welt …?« Cardamom warf Josie einen verwirrten Blick zu. Hinter der Mauer aus Schwarz, die sich vor ihm aufgebaut hatte, war er kaum noch zu sehen.

»Nun zerbrich dir nicht den Kopf mit lauter Fragen!«

»Keine Sorge, wir sind gekommen, um uns um dich zu kümmern!«

Panik durchzuckte Josie. Sie sprang vor und sah gerade noch, wie eine von ihnen Cardamom in den Handrücken kniff. Er stieß einen Schrei aus, und unter seiner Haut breitete sich ein schwarzer Fleck aus, drohend wie eine Gewitterwolke.

»Was? Was haben Sie …?« Cardamoms Augen verdrehten sich, und er schwankte leicht, als wäre ihm schwindlig. Josie hätte am liebsten die Tanten weggeschubst, aber sie waren Erwachsene, und noch dazu ziemlich unheimliche.

Als die Tanten schließlich beiseitetraten, hing der Große Cardamom verwirrt und benommen in seinem Sessel.

Irgendetwas Schreckliches ist gerade passiert, dachte Josie. Was ist das für eine Wunde an seiner Hand?

»So, das wäre geklärt. Ich mache uns einen Tee«, verkündete Tante Jay lächelnd. »Josie zeigt mir, wo alles ist, nicht wahr, Liebes?«