Rolf-Bernhard Essig

HOLY SHIT!

Alles übers Fluchen
und Schimpfen

Mit Illustrationen von Papan

Impressum

ISBN 978-3-8412-0483-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Büro süd

unter Verwendung einer Illustration von © Papan

Innenillustration © Papan

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1. »Scheiß die Wand an! Morgen kommen die Maler.«
Eine verflixt kurze Einführung ins Thema

2. Verflucht in alle Ewigkeit:
Über den magischen Ursprung der Schimpftiraden

3. »Führerschein im Lotto gewonnen, du Blinkidiot?«
Wie uns der Straßenverkehr auf 180 bringt

4. Wer flucht denn da?
Die psychoneuronalen Hintergründe unserer Schimpftiraden

5. »I don’t like mondays.«
Die verfluchte Arbeit und die verdammten Kollegen

6. »Talk dirty to me!«
Schmutzige Wörter in sauberen Laken

7. Dass dich der *** mit seinem **** in den ***!
Sprachliche Tabus und der Zwang, sie zu brechen

8. »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.«
In den sprachlichen Niederungen Hoher Häuser

9. »Ich nehm lieber deine Nutten-Schwester!«
Die bunte Welt der Sportflüche

10. Rattenarsch, Mistkäfer, Sauhund:
Tierische Flüche

11. Wenn der Wichser mit der Schlampe:
Männerschimpfworte, Frauenschimpfworte

12. »Jodelschnepfe!« – »Winselstute!«
Die schönsten Flüche in der Literatur

13. Wie die Alten fluchen, so fluchen nicht die Jungen.
Über Fluchmoden der Jugendsprache

14. »Du Brunzkachl, du oogsaachta! … Du Hämmorrhitenpritschn!«
Über den Dialekt und seine drastischen Wörter

15. Cazzo! Vittu! Perkele! Saatana!
Andere Länder, andere Flüche

16. Schöner Fluchen

Literaturverzeichnis

Fluch

1.

»Scheiß die Wand an! Morgen kommen die Maler.«

Eine verflixt kurze Einführung ins Thema

Als ich einer befreundeten Autorin meine Idee für ein Fluchbuch mailte und fragte, ob sie bei Gelegenheit ein paar Beispiele beisteuern könnte, hatte ich kaum fünf Minuten später folgende Antwort im elektronischen Postkasten:

»Was ich schimpfe?
Pissnelke, Tuffnucke (ein Fantasiewort), Arschgeige, unter den Arschgeigen die erste, Vollhorst, Vollpfosten, Honk, Spacken, Dummkuh, Vollzipfel, blöde Kuh (eines der liebsten m. E.), Chronoklast, Weichhirn, Arschpenner, Sackgesicht, Sohn einer Vollschnepfe, Brut eines Arschgebärers, Hackfresse (auch ein beliebtes Wort), Schwucke, Schwuchtel, Maulhure, Schrumpfhirn, Kacknase (Sie sehen schon, ich bin typisch deutsch/britisch auf das Hintenrum geeicht), feiges Dreck-/ Mist-/Saustück, versoffene Hetäre, hysterische Ziege, Nichtskönner, Spießerwurst, Dummwurst, Fickfrosch, billiger Fickfrosch, saudummer blöder billiger Fickfrosch mit Hackfresse, Pussy, Mädchen, Anfängertyrann, Mögen Sie bis ins achte Glied mit Hämorrhoiden geplagt sein, Sie Vollspacken! Mach mich nicht an, Sacknase! Schon mal was von Blinken gehört, Gurkenkopf? Jetzt nehmen Sie mal den Stock aus dem Hintern, Sie Angstwurst!

Herzlichst Ihre
Nina (gerade sauer: Grrrrrr!!!!!!)«

Holy shit!, dachte ich. Was für ein herrlicher Ausbruch! Und schon hatte sich ein Titel fürs Buch gefunden, der gleich zwei der drei beliebtesten Tabubrüche vereint: den Missbrauch des Gottesnamens und die Fäkalienerwähnung.

Mit solchen Ausdrücken gerät man verflixt fix in Teufels Küche. Schon im Alten Testament findet man in den Zehn Geboten: »Du sollst nicht fluchen!« Im Neuen Testament stellt Jesus unmissverständlich klar: »Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! [Taugenichts], der ist des Gerichts schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.«

Das klingt überzeugend. Die Welt wäre ohne Kraftausdrücke besser und freundlicher, denkt man. Gott hätte freilich mit gutem Beispiel vorangehen sollen. Stattdessen lässt er die Menschheitsgeschichte gleich mit einer Schimpftirade beginnen und verflucht nach dem Sündenfall Adam und Eva samt Nachkommen, dazu die Schlange. Auch nach der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies beschwert Gott sich immer wieder über die gottlosen Mistkerle, die sodomitischen Hurensöhne, die schamlosen Metzen in seinem Volk; und seine Propheten wie sein Sohn schlagen in dieselbe Kerbe. Ganz besonders Jesus regt sich über die heuchlerischen Religionsführer, die Verräter und die geldgeilen Händler auf. Drei Dinge werden jetzt schon klar:

1. Das Fluchen kommt vom Fluch.

2. Es fehlt nicht an Fluchverboten.

3. Sich an diese konsequent zu halten ist offensichtlich unmöglich, wenn es sogar Gott nicht schafft. Neue neurologische, psychologische, soziologische Forschungen bestätigen es: Fluchen lässt sich nie vollkommen verhindern, gar ausrotten. Und – es wäre auch nicht wünschenswert.

Wo sollte man auch hin mit Frust, Enttäuschung, Schmerz, Wut, Neid und bösem Witz? Was für eine Erleichterung, wenn man schreien, schimpfen, spotten kann, wie einem  der  Schnabel gewachsen ist: »Galgenvogel, stinkiger! Mieser Mistfink! Du Rabenaas von dämlicher Nebelkrähe!« Manche lieben beim Fluchen die Abwechslung, andere greifen zu purer Wiederholung: »Scheiße! Scheiße!!! SCHEISSE!!!« Unwillkürlich drängt sich eine alte Vorstellung auf, die Konrad Lorenz »psychohydraulisches Instinktmodell« nannte. Einfach gesagt, geht es dabei um seelischen Druck, der sich so lange aufbaut, bis Überdruck entsteht, der sich bei entsprechendem Reiz schlagartig entlädt. Danach sei man im Wortsinne nicht mehr bedrückt, weil man Dampf abgelassen habe.

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So kennen wir es ja alle: Man hat sich dämlich angestellt, ist in ein Fettnäpfchen getreten, hat sich wehgetan oder einen plötzlichen Verlust erlitten. Jetzt still zu leiden, vernünftig zu überlegen, was man hätte tun oder lassen sollen, was man zukünftig besser machen könnte, das bringen die wenigsten fertig. Wohl die meisten schimpfen stattdessen drauflos wie ein Rohrspatz und – fühlen sich gleich deutlich besser, befreit, im besten Fall sogar belustigt: Das Fluchen kann also tatsächlich wie ein Ventil funktionieren, das den Überdruck angestauter Aggressionen und Enttäuschungen abzulassen hilft. Damit bekommt man Kopf und Herz frei. Und – besser schimpfen als schießen. Man denke nur an die Diss-Battles in manchen Gegenden der USA, wo sich Jugendliche im heftigen Schimpfwortstreit messen, statt Fäuste, Messer, Schusswaffen sprechen zu lassen.

Nun gut, auch beim Fluchen sollte man gewisse Regeln beachten. Es macht einen Unterschied, ob ein Farbiger zu einem Farbigen »Nigger!« sagt oder ein Bleichgesicht. Mancher Mann wird Kraftausdrücke eher als derbe Lustigkeit nehmen, die manche Frau schon tödlich beleidigten. Ein harmloser Fluch hierzulande kann im Ausland ein extremes Tabu betreffen. Deshalb sind schlichte Listen mit fremdländischen Flüchen mit großer Vorsicht zu genießen. Natürlich faszinieren fremde Ausdrücke wie »Gift soll aus deiner Gurgel spritzen!« (Süditalien), aber man sollte schon wissen, welchen Stellenwert eine solche Aussage vor Ort hat, bevor man sich in Gefahr begibt. Ein einziges, hier unschuldiges Handzeichen kann in Nepal oder Ecuador üble Folgen haben.

So wie man einander nicht in jedem Land zur Begrüßung die Hände schüttelt, so flucht man nicht überall gleich. Dass man seinem Ärger in Deutschland eher mit »Scheiße« und »Arschloch« Luft macht, in angelsächsischen Ländern mit »fuck« und »cocksucker«, im arabischen Raum mit Familienverwünschungen, Südländer oder Holländer mit religiösen Flüchen, stimmt im Groben und Ganzen, aber richtig interessant wird es im Detail.

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Deshalb widmet sich dieses Buch dem Ursprung des Fluchens aus der Magie, es schildert den Übergang zum Schimpfen und erklärt die Lust am Tabubruch, bei dem soziale, psychische und neuronale Faktoren zusammenspielen. Das führt natürlich zu nationalen, regionalen, geschlechtsspezifischen und persönlichen Eigenheiten, wie eindrucksvolle Beispiele belegen. Nicht immer versteht man jedoch gleich, was eigentlich gemeint ist, wenn jemand weiß der Geier was schimpft. Dass man im Dialekt schönste Derbheit mit sprachlicher Findigkeit des Fluchens verbindet, wird ein eigenes Thema sein, dazu die Entgleisungen der Politiker und die fantastischen Schimpfkanonaden aus Film, Theater und Literatur. Und selbstverständlich sollen Phänomene wie »shitstorms« im Internet und die kreativen Flüche der Jugendsprache eine Rolle spielen.

Damit entlasse ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, auch schon mit einer Erklärung des Kapiteltitels. Bei einer Lesung in einer Schule zum Thema »Redewendungen« erzählte mir ein Zehnjähriger, seine Oma verwende regelmäßig einen seltsamen Spruch: »Scheiß die Wand an! Morgen kommen die Maler.« Sie können sich das Gelächter der Mitschüler vorstellen. Ich fand es großartig, wie hier ein traditioneller Ausdruck weiterentwickelt worden war. Über den Ursprung der Redensart muss man nicht lange nachgrübeln, denn das Pinkeln gegen Wände kommt immer noch vor, wenn es auch unter Strafe gestellt ist; früher war es geradezu üblich. Es hinterlässt immerhin kaum Spuren, die Wand anzuscheißen hingegen schon, und deshalb kam es so gut wie nie vor. So eignet sich die Redensart dafür, Empörung oder Überraschung auszudrücken. Wenn morgen sowieso die Maler kommen, ist freilich alles nur halb so schlimm – wenn man kein Maler ist.

PS Sollte Ihnen das Buch missfallen: Keine Angst! Sie könnten, um den Ihrer Meinung nach miserablen Afterpoeten  – also mich – zu beschimpfen, aus dem folgenden Vorrat auswählen: Schmierfink, Buchkacker, Absatzknecht, Schriftstehler, Dreck(s)schreiber, Satzklempner, Tintenblut, Tüpfelscheißer, Federfuchser, Kommagärtner, Alphabetschaot, Misttipper, Wortwichser, Dooffloskler, Wortkotrührer, Papierirrer, Blattschwärzling, Geniesimulant, Faktenhuber, Drögist, Hupfdenker, Schmierant, Sinnhudler, Graphorrhoeiker, Kapitelschnorrer, Tastenquatscher, Ideenstapler, Denkstümper, Wirrwortler, elender Skribent!

2.

Verflucht in alle Ewigkeit:

Über den magischen Ursprung der Schimpftiraden

Der Fluch trifft schneller als ein Pfeil, unauffälliger als eine Kugel, tödlich wie die Pest. Davon sind manche noch heute überzeugt. Ach, was heißt manche? Vielleicht glaubt mehr als die Hälfte der Menschheit an so etwas wie Schwarze Magie, Voodoo-Zauber und die Macht der Abwehrgesten. Es geht dabei nicht nur um harmlose Alltagsrituale, den Aberglauben aus Gewohnheit, so wie man dreimal auf Holz klopft. Hilfsmittel zum Verfluchen sind extrem weit verbreitet und lassen sich gut verkaufen. Wer in die Kleinanzeigen der Zeitungen sieht oder zwei, drei einschlägige Begriffe in eine Suchmaschine eingibt, wird schnell fündig in Sachen Fluchbedarf: Affenschädel, Krokodilsköpfe, Schildkrötenpanzer, allerlei Tiermumien und getrocknete Felle, geschnitzte Dämonen in unterschiedlicher Größe und Ausprägung, Krallen, Federn, Stacheln, Hörner, Schwänze, Holzschüsseln, Zaubertabletts. Die Produktpalette ist groß.

Suchen Sie jemanden, der einen Fluch gegen Sie bricht? Oder wäre ein Exorzismus hilfreich? Brauchen Sie vielleicht einen Liebeszauber? Einen Bannstrahl für fiese Vorgesetzte? Ein Abwehrfeld gegen miese Konkurrenten? Eine Dämonenanalyse, um Ihre Chakren zu reinigen? Leicht findet man auch Angebote für Schadenzauber-Dienste wie Rachezeremonien, Verkrüppelungssprüche, Unfallverwünschungen, Fehlgeburtsmagie, Impotenzmachtworte. Es gibt alles.

Wer über dieses Paralleluniversum voller Dämonen und Magie entsetzt ist und »Humbug!« stöhnt, besitzt meine volle Sympathie. Was auch immer aber Sie und ich davon halten, der Sachverhalt an sich ist nicht aus der Welt zu schaffen; nicht einmal mit Weißer Magie. Zu tief verwurzelt wie lebendig ist der Glaube an Hexerei in allen Kulturen, bis hin zur Verehrung oder Verfolgung derer, die angeblich die Macht haben, Flüche auszusprechen oder abzuwehren. Zahllos sind die Spielarten, manche erschreckend, manche lächerlich, manche unheimlich: Da werden jüngst in den Schweizer Bergen des Appenzellerlands Frauen als Wetter-, Vieh- und Kindshexen verdächtigt oder unter die Kopfkissen türkischer Kinder Schutzbriefe gegen Schadenzauber gelegt; in New York bietet ein »Voodoo Master« sieben Freistunden in seiner Kunst per Internet an; in Australien offerieren moderne Hexen ihre Dienste, um das Gehalt aufzubessern – erst einmal natürlich ihr eigenes.

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Zweifellos können seit den frühesten Zeiten der Überlieferung Experten wie Priester, Hexer, Magier beiderlei Geschlechts mit Flüchen aller Art viel Geld und Einfluss gewinnen. Das Schöne an dem Geschäft: Wer aus Aberglauben einen Liebeskonkurrenten zur Impotenz verfluchen lässt, glaubt zwangsläufig an Gegenflüche und muss sich vor ihnen schützen lassen: ein Doppelgeschäft für die Zauberhändler. Kein Wunder also, dass sich eine ungeheure Menge an Fluchtafeln, Fluchtieren, Fluchknochen, Fluchschriften aus vielen Kulturen und Zeiten erhalten hat! Und sie werden weiterhin produziert. Durch diese Gegenstände gewinnen wir einen ganz direkten Einblick in die alte Fluchpraxis. Die Materialisierung des Fluches durch die Schrift hatte dabei noch einen besonderen Sinn: Sie sollte ihm mehr Macht und Dauer verleihen. Auf ein Metalltäfelchen (meistens Blei, das sehr gut passte, weil es billig, giftig, wertlos war) oder ein Stück Papyrus fixiert, vergrub man Fluchtafeln in der römischen Antike in Gräbern, warf sie in Brunnen, Zisternen oder deponierte sie in Demeter-Tempeln. Kleine Fluchschriften konnte man einem Gegner aber auch heimlich unterjubeln, so dass der Fluch ihn auf Schritt und Tritt verfolgte oder im Alltag immer nahe war. Dazu ließ man ihn manchmal heimlich in Kleidung einnähen oder versteckte die Fluchtafeln im Haus des anderen. Bei den Gegenflüchen und der Fluchabwehr verfuhr man genauso, trug sie um den Hals oder brachte sie im eigenen Haus an. Auch der sprichwörtliche Haussegen ist letztlich dazu da, unangenehme oder böse Mächte von den Bewohnern und dem Heim selbst fernzuhalten. Einige Pharaonen traten ihre Feinde täglich in den Staub, jedenfalls wenn sie zu Fuß unterwegs waren. Auf der Unterseite ihrer Schuhsohlen fand man den Namen von Feinden. Jeder Schritt des gottgleichen Herrschers wies ihnen den angemessenen Platz im Straßenstaub zu.

Nach dem Motto, Gleiches mit Gleichem abwehren, verfährt man in islamischen Ländern, wo Millionen von Augen verkauft werden: als Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagnete, Handschmeichler oder Anhänger, und zwar immer in den Farben (von außen nach innen) Dunkelblau, Weiß, Hellblau, Dunkelblau. Ein solches Nazar, auch »Auge der Fatima« genannt, ist zur Verstärkung der Wirkung oft in die »Hand der Fatima« integriert. Ob nur gezeichnet oder als Amulett getragen, der Handumriss mit Auge in der Mitte soll sicher vor dem bösen Blick schützen. Zum selben Zweck gibt es zahlreiche weitere Abwehrpraktiken, beispielsweise steckt man in vielen Kulturen eine Nadel in die Kleidung.

Wie können so viele Menschen sich nur so viel Blödsinn ausdenken, glauben und danach leben? Naja, wenn ich ehrlich bin, lebe ich selbst auch nicht immer vernünftig. Und für die unvernünftigen Phasen, wenn ich zum Beispiel jemandem die Daumen drücke, ist die Magie, der Aberglauben da.

Beide hatten leichtes Spiel, weil selbst die Aufklärung mit ihrer Hoffnung auf die Kräfte des gesunden, kritischen Menschenverstands keinen umfassenden und dauerhaften Schutz gegen den Angriff des Unsichtbaren bot. Genau das, was nicht recht zu fassen, nicht leicht zu erklären, nicht zu sehen ist, beunruhigt die Menschen ja am meisten. Und die Gefühle der Angst verschwinden meist nicht einfach, indem man sich sagt: »Es gibt keine Geister! Es gibt keine übersinnlichen Kräfte!« Dagegen kann ein abergläubischer Mensch durchaus Trost in seinen Praktiken finden und vor allem aktiv gegen seine Angstzustände vorgehen, wenn er beispielsweise nachts im Dunkeln unheimliche Geräusche hört. Er meint vielleicht, dass ihn sein blöder Nachbar verflucht hat, weshalb nun ein Klopfgeist umgeht. Tja, und dann greift er an sein teuer erworbenes Amulett, an dessen Wirkung er schon wegen seines Preises glaubt, und spricht die vom Magier vorgeschriebenen Worte. Indem er etwas gegen sie unternimmt, verringert sich seine Angst sofort, sei es durch Ergreifen eines Amuletts, eines Säckchens mit Zaubersprüchen oder sogar eines in Silber gefassten Stücks gegerbter Menschenhaut wie bei einem Amulett, das in Süddeutschland im 15.  Jahrhundert hergestellt wurde. Viele weitere Teile des menschlichen Körpers, auch Menschenfett, verwandelte man in unseren Breiten jahrhundertelang in magische Objekte oder verwendete sie direkt für Tränke und Salben. Woher man sie bekam? Teils von Friedhöfen, am häufigsten von Gehenkten, die zur Abschreckung oft längere Zeit am Galgen hängen blieben. Deren Körperteile und -sekrete schätzte man besonders. Weil die armen Sünder vor dem natürlichen Sterbenszeitpunkt gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden, meinte man, es befinde sich in ihren Leichen noch nicht verbrauchte Lebensenergie.

Auf Magie und ihre Praktiken, auf ihre Meister und Jünger werde ich an späteren Stellen des Buches noch eingehen, fürs Erste aber lässt sich festhalten: Das Fluchen, die Tabuwörter und Kraftausdrücke entstammen der Sphäre von Religion oder Magie. Sie haben bis heute eine besondere – wie der Name schon klärt – Kraft und Bedeutung, die über die anderer Wörter weit hinausgeht. Das ist ein sozialer Effekt, kein Zauberakt.

Worte als Diebstahlsicherung: Bücherflüche

Bis heute sind Bücher für viele Menschen ein wertvoller Besitz. In früheren Jahrhunderten, als ihre Herstellung und ihr Material sie so teuer machten, dass man ein Vermögen für ihren Erwerb ausgeben musste, galt das noch mehr. Für ein mit Bildern verziertes Buch gab König Edward III. 1331 eine Summe aus, für die man 80 (!) Rinder hätte kaufen können. Umso ärgerlicher war es, wenn Bücher beschädigt, gestohlen oder bis zum St. Nimmerleinstag entliehen wurden. Seit viertausend Jahren versucht man, dies mit Hilfe spezieller Bücherflüche zu verhindern. In mein Poesiealbum von 1975 schrieb zum Beispiel mein Schwager Ralf: »Wer eifrig in dem Büchlein liest, / die Weisheit mit dem Löffel frißt. / Ich wollt’, daß den der Teufel holte, / der dies, mein Buch, behalten wollte.« Das erinnert an frühere Zeiten, da man freilich noch wütendere Flüche den Büchern als Schutz einschrieb. Hier eine kleine Auswahl:

Sumerische Tontafel, viertausend Jahre alt, vielleicht von einem Bibliothekar geschrieben, der sie mit seinem Bannfluch vor Missbrauch schützen wollte: »Wer diese Tafel bricht oder sie ins Wasser legt oder auf ihr herumschabt, bis man sie nicht mehr entziffern und verstehen kann, den mögen Assur, Sin, Shamash, Adad und Ishtar von Bit Kidmurri, die Götter des Himmels und der Erde und die Götter Assyriens mit einem Fluch strafen, der nicht mehr getilgt werden kann, schrecklich und gnadenlos, solange er lebt, und sein Name, seine Nachkommen sollen vom Land hinweggefegt und sein Fleisch den Hunden zum Fraß vorgeworfen werden!«

Syrien, 7. oder 8. Jahrhundert: »Wer die Erinnerung [daran, dass das Buch dem Kloster gehört] ausradiert, dessen Name wird ausradiert aus dem Buch des Lebens.«

Lyon, Frankreich, 9. Jahrhundert: »Dies Buch ist dem Altar des Heiligen Stephan geweiht, gemäß dem Versprechen des Remigius, des demütigen Bischofs; möge mit dem Gebrauchenden [dem Leser] Gnade sein, dem freigebigen Spender Vergebung zuteilwerden, dem Dieb der Bannfluch!«

England, hohes Mittelalter: »Wer auch immer es [die Handschrift] stiehlt, sei dem Anathema [Exkommunikation] verfallen! Wer an dem Lied/Gedicht herummäkelt, sei verflucht. Amen.«

Rom, ca. 13.  Jahrhundert: »Dieses Buch ist vollendet / möge  sein Schreiber frei von Mäkeleien sein. / Möge Christus nicht sehen, / wer dieses Buch entzieht. / Derjenige, der [es] stiehlt, / möge mit Bannflüchen getötet werden. / Wer sich blenden lässt, mich zu stehlen, möge seine Augen verlieren.«

England, Frühe Neuzeit: »Who folds a leafe downe / ye divel toaste browne, / Who makes marke or blotte / ye divel roaste hot, / Who stealeth thisse boke / ye divel shall cooke.« (»Wer ein Blatt umbiegt, / den toastet der Teufel braun. / Wer es markiert oder befleckt, / den röstet der Teufel heiß. / Wer dieses Buch stiehlt, / den soll der Teufel sieden.«)

Deutschland, 15.  Jahrhundert, in lateinisch-deutscher Mischung:

Hic liber est mein Dies Buch ist mein
Ideo nomen scripsi drein. Deshalb den Namen schrieb ich drein.
Si vis hunc librum stehlen, Wenn du willst dieses Buch stehlen,
Pendebis an der kehlen. Wirst du hängen an der Kehlen.
Tunc veniunt die raben Dann kommen die Raben
Et volunt tibi oculos ausgraben. Und wollen dir die Augen ausgraben.
Tunc clamabis ach ach ach Dann wirst du schreien ach ach ach
Ubique tibi recte geschach. Das alles dir recht geschach.

Barcelona, wohl spätes Mittelalter: »Lass demjenigen, der es stiehlt oder ausborgt und nicht seinem Besitzer zurückgibt, dieses Buch zu einer Schlange in seiner Hand werden und ihn zerfleischen. Lass ihn mit Lähmung geschlagen sein und alle seine Glieder verdorren. Lass ihn verschmachten im Schmerz, laut schreiend nach Gnade, und lass seine Leiden nicht nachlassen, bis er jammert im Verfall. Lass Bücherwürmer seine Eingeweide zernagen im Zeichen des Lindwurms, der nicht stirbt, und wenn er schließlich seiner letzten Strafe entgegengeht, lass die Flammen der Hölle ihn verzehren für immer.«

Hex, hex! Ein verflixt gefährlicher Berufsstand

Als der Junge der unheimlichen Frau ihren Einkauf heimgetragen hat, gibt sie ihm zu essen. Doch es ist ein verzaubertes Essen, das seinen Körper schrumpfen, seine Nase hässlich wachsen lässt, so dass er nun Zwerg Nase ist. Wie der Junge dem Fluch endlich entkommen kann, erzählt Wilhelm Hauff in dem gleichnamigen Märchen. In Hunderten anderen kommt die zaubermächtige Hexe als Verkörperung des Bösen vor, das bekämpft und am Ende fast immer grausam bestraft werden muss. Dagegen nutzen Frau Holle, die Regenjule, die in slawischen Märchen berühmte Baba Jaga und selbst noch Bibi Blocksberg ihre Kräfte sehr unterschiedlich, helfen den Guten, bestrafen die Bösen. Die Macht zu verfluchen und zu verwandeln, zu bannen und von einem Fluch zu lösen, die haben sie alle. Seltener gibt es männliche Pendants, die nicht unbedingt »Hexer« genannt werden, sondern eher »Zauberer«. Rumpelstilzchen gehört dieser mysteriösen Gesellschaft an, Gandalf und Harry Potter samt dem vielköpfigen magischen Personal der sieben Bände. Angeheizt durch die Filme, hört man auf Schulhöfen in aller Welt inzwischen regelmäßig »unverzeihliche Flüche«. Eine Berliner Lehrerin erzählte mir von Grundschulkindern, die sich »Imperio!« – »Crucio!« – »Avada Kedavra!« an den Kopf warfen. Sie hatte zum Glück selbst »Harry Potter« gelesen und konnte die Kontrahenten mit passenden Gegenflüchen bändigen. Mit Joanne K. Rowlings Zauberwelt hat man sich freilich schon vom Märchen entfernt, ohne es ganz hinter sich zu lassen.

Die Vorstellung von Menschen, vor allem Frauen, die magische Fähigkeiten besitzen, ist sehr viel älter als unsere Märchen. Ihr schlechter Ruf ebenfalls. Schon im Alten Testament besucht der verzweifelte König Saul trotz göttlichen Verbots, sich mit solchen abzugeben, eine Meisterin im Umgang mit den Geistern, eine Hexe, die ihm den Geist des toten Propheten Samuel heraufbeschwören soll. Mit welchem Wort man diese Fachkraft für Nekromantik im Deutschen bezeichnen soll, ist umstritten. Ohne Zweifel wurde die Totenbeschwörerin bei uns spätestens seit dem 16.  Jahrhundert als »Hexe« bezeichnet. Man reihte sie ein in die Riege zauberkundiger Wesen, die schon in der Antike verehrt und gefürchtet wurden, vor allem wegen ihrer Macht, Menschen zu verfluchen und wahrzusagen. Damit standen sie den Göttern und Dämonen nahe. Die zauberische Circe aus der »Odyssee« sah man als eine Vorläuferin an, da sie das nicht ganz so große Kunststück beherrschte, Männer in Schweine zu verwandeln. Eine weitere antike Kollegin ist Medea, deren Zauberkunst dem Helden Jason hilft, das Goldene Vlies zu erringen. In vielen Gegenden Afrikas, in Japan, in China gibt es ebenfalls die Vorstellung von hexenähnlichen Wesen, und oft sind es wiederum Frauen, die die Macht haben, zwischen den Welten der Geister und der Menschen zu vermitteln und Fluch oder Segen zu bewirken.

Die Hexenverfolgungen in Europa, besonders seit dem 16. Jahrhundert, machten aus einer Gestalt des Volksaberglaubens, der Literatur und des Märchens eine Verbündete des Teufels, der man mit äußerster Unnachgiebigkeit den Kampf ansagen müsse. Hielt die Kirche Menschen, die sich magischer Kräfte oder dämonischer Erfahrungen rühmten, zuvor eher für verrückt, so berichteten Theologen jetzt im Brustton der Überzeugung von allerlei Schaden, den diese höllischen Kreaturen angestellt hätten. Im verderblichen Fachbuch für Inquisitoren, dem »Hexenhammer« Jakob Sprengers und Heinrich Institoris’ findet man beispielsweise die Geschichte eines Grafen von Westerich verzeichnet, der eine Edeldame heiratete, »die er jedoch nach der Hochzeitsfeier bis ins dritte Jahr fleischlich nicht erkennen konnte, da er durch Hexenwerk gehindert ward […]« Wie die Verzauberung zuging, erfährt der Graf, als er in Metz seiner ehemaligen Metze aus der Zeit kurz vor der Ehe begegnet. Sie erkundigt sich nach seiner Gesundheit, nach seiner Frau, ob er Kinder habe. Er lügt, er habe drei Knaben. Die Exgeliebte ist entsetzt, und als der Graf fragt, ob sie ihm nicht gratulieren wolle, antwortet sie: »Ja, ich gratuliere, aber verflucht sei die Vettel, die sich erbot, Euren Leib behexen zu wollen, dass Ihr des Beischlafs mit Eurer Frau nimmermehr pflegen könntet. Zum Zeichen dessen enthält der Brunnen, der mitten Eures Hofes steht, auf dem Grunde einen Topf mit gewissen Hexenmitteln, der deshalb dorthin gelegt wurde, dass, so lange er dort läge, Ihr impotent sein solltet […]« Nachdem der Graf mit seiner Lügengeschichte seine eifersüchtige Geliebte übertölpelt hat, eilt er heim, findet den Topf auf dem Brunnengrund, verbrennt alles Hexenzeug – und gewinnt seine Manneskraft wieder. Im »Hexenhammer« findet sich nicht nur eine Fülle weiterer Beispiele solcher Schadenzauber, es gibt auch Anweisungen, wie man die Hexen, die dahinter stecken, aufspüren und durch Befragung – lateinisch »inquisition« – bis hin zur blutig-brutalen Folter überführen könne.

Ohne diese kirchliche Verfolgung, ohne ihre Propaganda hätte der Hexenglauben sicherlich nicht in dieser Stärke bis heute überlebt, erst recht nicht Schimpfwörter wie »verfluchte/alte Hexe!«, die oft mit einem Rest respektvoller Ängstlichkeit ausgesprochen werden. Man weiß ja nie.