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Andrea Schacht

Auf Tigers Spuren

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0527-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2008 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano

unter Verwendung einer Illustration von Frances Broomfield / Port Gallery,

London / The Bridgeman Art Library

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Vorwort: Hierarchien im Katzenleben

1. Junior tritt auf

2. Nachmittags bei Anne

3. Häusliche Erkundungen

4. Revierordnung

5. Mutterpflichten

6. Katzenwäsche und andere Geschäfte

7. Junior wird in die Gemeinschaft aufgenommen

8. Untaten eines Jungkaters

9. Männerbekanntschaften

10. Bärbel bannt den Superstar

11. Katze, Mensch und Maus

12. Der Kuhfladen

13. Junior begibt sich in Gefahr

14. Chinesische Nachrichten

15. Besuch auf den Goldenen Steppen

16. Fenstersturz

17. Eine niederschmetternde Besprechung

18. Eine Lektion für Junior

19. Bärbel zu Hause und im Wald

20. Eine Trainingsstunde

21. Tigertraum

22. Versammlung der Katzen

23. Ein Festessen aus der einen …

24. … und aus der anderen Sicht

25. Wache

26. Scharfe Krallen

27. Klaßße Raßßegeflügel

28. Überraschungen

29. Juniors Autofahrt

30. Christians Heimkehr

31. Junior erhält einen Auftrag

32. Ein Abschied

Vorwort
Hierarchien im Katzenleben

Da ich das ungeheure Glück habe, mit sehr weisen Katzen zusammenzuleben, bin ich zu einigen Erkenntnissen gekommen, die sicher nicht jedem Menschen vertraut sind.

Ich habe die Erlaubnis, dieses wertvolle Wissen an Sie weiterzugeben, um Ihr Verständnis für unsere geheimnisvollen Freunde zu vertiefen.

Erwachende Wesen

Die Katzen, die noch neu im Kreis der Leben sind, werden zu den Erwachenden Wesen gezählt. Sie erinnern sich nicht oder nur schemenhaft an die Zwischenzeiten auf den Goldenen Steppen. Meist sind sie sehr agile, muntere Katzen, erdnah und am jeweiligen Leben hängend. Sie werden von den höheren Katzen dennoch geachtet, weil sie sehr tatkräftig und pragmatisch sind.

Die höheren Katzen sind bereit, den Erwachenden Wesen an der Schwelle der Erkenntnis weiterzuhelfen. Sie vermitteln ihnen die Anfangsgründe des Gedankenfluges und nehmen sie in Träumen mit auf die Goldenen Steppen. Erwachende Wesen können Menschen sehr lieben, aber diese Liebe bleibt irdisch. Menschen sind zum größten Teil auf der Stufe zum Erwachenden Wesen, wenige auf der Schwelle zum Glücklichen Wesen.

Glückliche Wesen

Die Glücklichen Wesen erinnern sich zumindest an ein Vorleben. Im weiter fortgeschrittenen Stadium erinnern sie sich an die Goldenen Steppen und beherrschen den Gedankenaustausch mit Gleichgestellten und Höheren. Sie sind noch immer sehr erdverbunden, haben aber eine schärfere Wahrnehmung der Schwingungen und Strömungen zwischen den anderen Lebewesen und reagieren daher auch anders. Ihr Verhältnis zu Menschen ist diffiziler, weniger unvoreingenommen als bei den Erwachenden Wesen. Nicht ausschließlich Futter zählt. Sie sind von sich aus auch fürsorglich und kümmern sich um den Menschen, den sie lieben.

Wanderkatzen

Wanderkatzen erinnern sich an viele Leben und an alle Formen der Goldenen Steppen. Sie beherrschen die Fähigkeit, im Traum dorthin zu reisen und Kontakt mit den dort existierenden Wesen aufzunehmen.

Im fortgeschrittenen Stadium bestimmen sie den Zeitpunkt ihrer irdischen Wiedergeburt, nicht jedoch die Form. Im irdischen Leben sind sie oft Führer einer Gemeinschaft. Sie beherrschen den Gedankenflug und die Reise und kümmern sich um die Erwachenden und Glücklichen Wesen. Sie sind zwar noch erdnah, führen aber ein Leben der Beschaulichkeit und versuchen, Probleme und Konflikte auf spirituelle Art zu lösen.

Sie übernehmen bewusst die Verantwortung für einen Menschen, haben ein sehr enges Verhältnis zu ihm und können den sensibleren Vertretern Träume von den Goldenen Steppen vermitteln. An der Schwelle zur Traumkatze können sie bei großer Zuneigung ihren Menschen und unter besonderen Umständen (unter Schock, in Hypnose, vor dem Tod) für kurze Zeit ein kätzisches Dasein vermitteln.

Traumkatzen

Bislang als die höchste Stufe der Hierarchie bekannt. Traumkatzen können ihr Leben bis zu den Anfängen des Seins zurückverfolgen. Sie bestimmen Zeit und Form ihrer Wiedergeburt, kennen alle Schwingungen und Strömungen belebter und unbelebter Dinge und können zukünftige Entwicklungen erkennen, sofern sie mit dem kätzischen Umfeld im Zusammenhang stehen.

Sie sind Eigenbrötler oder mächtige Herrscher. In ihrer Zuneigung zu einem Menschen können sie so weit gehen, dass sie ihn außerhalb von Zeit und Raum mit in ihre Katzenwelt mitnehmen können. Den wenigen sensiblen Menschen, die auf der Stufe der Erwachenden Wesen stehen, können sie dieses Erlebnis sogar nach dem Traum wieder bewusst machen. Solche Menschen können dadurch zu Glücklichen Wesen werden.

1. Junior tritt auf

Minka war alt geworden.

Sie war eine lebenserfahrene Katze und wusste, was auf sie zukam. Als sie merkte, dass das Ende nahte, machte sie sich langsam und bedächtig auf den Weg zu ihrem Lieblingsplatz.

Nun lag sie sterbend unter einem Busch, versteckt vor den neugierigen Augen weitgehend aller Wesen. Bei ihr war nur ihr jüngstes Kind. Die anderen beiden Kätzchen aus ihrem letzten Wurf hatten bereits vor einigen Tagen ein neues Zuhause gefunden.

Minka fühlte, wie die lähmende Ermattung sich in ihren Gliedern ausbreitete. Sie warf noch einmal einen traurigen Blick auf das grauschwarz getigerte Kätzchen mit den weißen Pfoten, das verstört an ihrem rotbraunen Bauch gedrückt saß.

Es war Herbst geworden, und die Blätter der Büsche und Sträucher glühten golden in der langsam wandernden Sonne. Sie stand an ihrer höchsten Stelle am Himmel, und ihre wärmenden Strahlen streichelten noch einmal sanft ihr Fell. Minka wähnte sich ungestört und wollte die Augen schließen, um langsam in die ferne Welt der Goldenen Steppen zu entgleiten. Doch plötzlich fiel ein Schatten auf ihr Gesicht. Träge hob sie noch einmal die Lider und erkannte verschwommen einen hellen Fleck. Er kam näher, und dann fühlte sie den vertrauten Atem einer anderen Katze an ihrer Nase.

»Minka, was ist geschehen?“

Kaum noch fähig zu antworteten, flüsterte die Sterbende: »Müde, Nina.«

Die cremefarbene Katze an ihrer Seite schaute sie mitleidig an.

»Ich bleibe bei dir, Minka«, versicherte sie ihr und begann, der liegenden Rotpelzigen liebevoll die Stirn zu lecken. Deren Augen waren halb geschlossen und die Nicklider zugefallen. Stückchen für Stückchen verließ ihre kleine Seele den sterbenden Körper. Nur noch einmal raffte sie sich auf und flüsterte Nina zu: »Kümmere dich um den Kleinen, er ist etwas Besonderes. Bitte.«

»Natürlich. Ich werde ihn zu meinem Menschen mitnehmen. Sie ist nett und wird ihn schon aufnehmen.«

Dankbar schnurrte Minka, und Nina stupste ihre Nase an die ihre. Dann tat die alte Katze ihren letzten Atemzug.

Als Nina merkte, dass Minka aufgehört hatte zu atmen, drehte sie sich zu dem zitternden kleinen Fellbündel um, das zusammengerollt noch immer an derselben Stelle lag. Vorsichtig tupfte sie es mit der Pfote an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Zwei grüne Augen funkelten sie an.

»Was willst du? Lass mich in Ruhe!«, fauchte der Kleine unwillig.

»Deine Mutter ist tot. Ich werde mich jetzt um dich kümmern«, antwortete ihm Nina ruhig.

»Nix, ich bleibe hier! Sie hat mich gelehrt, alleine zurechtzukommen!«

»So, du kleiner Held? Dann versuch doch mal mit deinen Milchzähnen Mäuse zu fangen«, forderte Nina ihn auf.

»Mäuse, wieso Mäuse? Es gibt doch Milch.«

»Und wer, bitte, gibt dir die?«

Der Kleine wurde unruhig. Er warf einen Blick auf die bewegungslos daliegende Minka und legte seine Pfote auf ihren Bauch. Nina wartete ab. Nach einiger Zeit drehte sich der Kleine um und sah sie traurig an. Ein leises Wimmern kam aus seiner Kehle, und schutzsuchend drückte er sich dann an Ninas Schulter. Sie leckte ihn tröstend über die Kopf und Rücken und schnurrte leise.

Es dauerte jedoch nicht lange, da hatte er seine Fassung wiedergewonnen, und sein Jammern verstummte. Er richtete seinen Kopf auf und fragte: »Okay, wohin?«

»In das Haus auf der anderen Straßenseite.«

Der grauschwarze Jungkater kam auf die Pfoten, aber da er schon lange kein Futter mehr bekommen hatte, knickte er nach ein paar unbeholfenen Schritten wieder ein. Nina, die neben ihm herschlenderte, bemerkte seinen Schwächeanfall und munterte ihn auf.

»Komm, die letzten paar Meter schaffst du schon noch. Dann gibt es bestimmt bald etwas zu futtern.«

Mühsam schleppte der Kleine sich daraufhin noch einige Schritte weiter. Über den Kiesweg des kleinen Parks schaffte er es noch, aber am Straßenrand blieb er endgültig liegen.

»Geht es nicht mehr?«, fragte Nina fürsorglich.

»Natürlich geht es noch. Aber ich will jetzt hier bleiben.«

»Sturkopf!«, schimpfte seine Begleiterin. »Da muss ich wohl zu anderen Methoden greifen.« Resolut drehte sie sich zu ihm um, biss fest, aber nicht schmerzhaft in sein Nackenfell und hob ihn hoch. Seine Versuche, sich zu wehren, fielen wegen seiner Schwäche recht dürftig aus, und so trug Nina ihren Schützling über die Straße, das Grundstück hinauf bis vor die Terrassentür von Annes Wohnung. Hier maunzte sie laut und fordernd.

2. Nachmittags bei Anne

»Ich würde ja schon gerne abnehmen. Aber ich weiß doch ganz genau, dass ich es sowieso nicht schaffe.«

Bärbels achtzig Kilo füllten den Sessel Anne gegenüber vollständig aus. Ihre Schultern hingen bei ihren Worten traurig nach unten, und sie hatte ihre Unterlippe in trotziger Resignation vorgeschoben.

Anne atmete tief ein, um nicht ungeduldig zu werden. Diese Diskussion führten sie bereits seit Tagen, und um sie gänzlich an den Rand der Geduld zu bringen, kam dann auch noch von Bärbel: »Du hast es gut, du bist so schlank, dass du nicht aufs Essen achten musst.«

Das war eine der Bemerkungen, die Anne jedes Mal, wenn sie an ihre mühsam gezähmte Fressgier dachte, maßlos ärgerte.

»Entschuldige, aber bei solchen Äußerungen beginne ich immer mit den Zähnen zu knirschen. Was meinst du wohl, warum ich so schlank bin?«

Verschreckt zuckte Bärbel zusammen und maulte weinerlich: »Na ja, dann hast du eben mehr Disziplin als ich.«

»Und was hindert dich daran, auch Disziplin zu haben?«

»Alles!«

Anne seufzte. Bärbel war die dreiundzwanzigjährige Nichte ihrer Vermieter, den Rettichs. Sie war im Spätsommer eingezogen, um einige Monate bei ihren Verwandten zu leben, da sie in die Bankfiliale im Nachbarort versetzt worden war. Rettichs hatten Anne hinter vorgehaltener Hand verraten, Bärbel sei ganz froh darüber, nicht alleine wohnen zu müssen. Obwohl ihre Eltern es lieber gesehen hätten, wenn sie selbständiger geworden wäre. Aber Bärbels Eltern hätten vermutlich vieles lieber gesehen.

Derzeit waren die Rettichs zu einem langen Urlaub in wärmere Gefilde aufgebrochen und waren dankbar, dass ihre Nichte die Wohnung hütete. Anne war ebenfalls froh über ihre Gesellschaft, denn Christian, ihr Nachbar, an dem sie ein gewisses Interesse pflegte, war für einen längeren Aufenthalt nach China gereist. Sie hatte Bärbel schon bald auf einen abendlichen Plausch eingeladen, um sich näher kennenzulernen. Dabei stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass die junge Frau, wenn man sie erst mal aus der Reserve gelockt hatte, durchaus unterhaltsam sein konnte. Sie hatte Humor, der manchmal unerwartet durchbrach, und ein feines Empfinden für die Stimmung anderer, was sie allerdings sehr verletzlich machte. Könnte sie ihr reichlich bemessenes Unterhautfett in eine dicke Haut verwandeln, hätte sie mehr Freude am Leben, waren Annes ketzerische Gedanken dazu, die sie aber für sich behielt.

Nach und nach hatte Bärbel ihr einige ihrer Probleme anvertraut und dankbar den einen oder anderen Rat angenommen. An diesem Abend versuchte Anne nun, ihren Einfluss dazu zu nutzen, Bärbel ein wenig Selbstvertrauen und Lebensfreude einzuflößen. Sie wollten gemeinsam überlegen, wie sie die überschüssigen Kilo loswerden konnte.

»Schau mal, wenn du einfach einen Salatteller isst, statt dir mittags immer Kuchen zu holen, wäre das doch schon mal ein Anfang.«

»Und wie komme ich mittags an einen Salatteller? Den kriege ich doch hier gar nicht zu kaufen.«

Anne wollte schon fast wieder ungeduldig werden. »Bärbelchen, den kann man sich tatsächlich selber machen!«

»Was brauche ich denn dazu? Ich habe doch noch nie so was gemacht?«

»Ja, wovon lebst du denn die ganze Zeit?«

Etwas ungläubig starrte Anne sie an. Bärbels Lebenserfahrung hatte manchmal erstaunlich enge Grenzen.

»Na, ich hole mir Fertiggerichte für die Mikrowelle. Und in der letzten Zeit auch nur die Diätmenüs!«, antwortete ihre Freundin fast trotzig.

Eine von Annes Lieblingsbeschäftigungen war es, selbst zu kochen, wenn sie die Zeit dazu hatte. Sie schüttelte sich bei der Vorstellung von Fertigfutter. Dann fiel ihr ein, dass Bärbel ja bislang noch sehr wenig Gelegenheit gehabt hatte, selbständig zu werden, und wollte eben anfangen, ihr einige Tipps für die Herstellung von Salaten zu geben, als das vollmundige Maunzen von Nina vor der Terrassentür ertönte.

Erfreut drehte sich Bärbel zum Fenster um. »Das hört sich an wie Nina!«

Nina gehörte eigentlich Annes Nachbarn Christian, aber für die Zeit seiner Abwesenheit hatte sie sich erboten, sie bei sich aufzunehmen. Zu ihrer Überraschung ging das völlig reibungslos, und sie freute sich über Ninas Gesellschaft. Zumal ihr nach dem Tod ihres eigenen Katers Tiger im Sommer eine Katze im Haus fehlte. Sie hatte sich aber nicht entscheiden können, ein eigenes kleines Kätzchen aufzunehmen, da sie beruflich viel außer Haus war.

Diese Entscheidung wurde ihr soeben abgenommen.

Da sie gelernt hatte, auf ein forderndes Maunzen hin sofort die Schiebetür zu öffnen, beobachtete sie nun mit gelinder Überraschung, wie Nina, die ein grauschwarze Pelzchen im Maul hielt, mit aufgerichtetem Schwanz hereinspazierte und das zerzauste Ding vor ihre Füße fallen ließ.

»Oh!«, sagte Anne.

Ninas goldene Augen sahen wie um Verständnis heischend zu ihr hoch, dann begann sie, mit ihrer Zunge das Kleine ein wenig präsentabler zu machen, sicher in der Hoffnung, dass es dann etwas wohlwollender aufgenommen würde.

»Wo hast du dieses Geschöpf denn aufgesammelt, Nina?«

Anne beugte sich herab, betrachtete das regungslose Katzenkind ängstlich und fragte sich, ob es überhaupt noch lebte. So wie es im Moment dalag, glich es einem feuchten Fellknäuel. Als sie jedoch die Hand ausstreckte, trat Nina einen Schritt beiseite und Anne stupste das Tierchen mit dem Finger an.

Ein winziges Fauchen ertönte, und Blitze schossen aus höchst lebendigen grünen Augen.

Bärbel kniete ebenfalls auf dem Teppichboden nieder und besah sich das Fundstück neugierig.

»Hast du etwas zu futtern für das Kätzchen? Es sieht hungrig aus.« Mit einem Anfall von Selbstironie schloss sie: »Etwa so wie ich.«

Anne musste lachen. »Ja, ein kleiner Imbiss ist genau das, was Nina jetzt von mir erwartet«, erwiderte sie und ging in die Küche.

Nina, die selbst eine große Liebhaberin von Sahne war, ließ Kätzchen Kätzchen sein und schoss beim ersten Schüsselklappern hinter Anne her.

»Nee, nee, Nina. Kinder zuerst.« Anne winkte ab und rief dann ins Wohnzimmer: »Bärbel, bring mal den kleinen Tiger hierher!«

Aus dem anderen Zimmer ertönte ein leiser Schmerzensschrei. »Autsch, du Kratzbürste!« Und dann: »Das ist leichter gesagt als getan.«

Das Sahneschälchen wohlweislich noch in der Hand, lugte Anne durch die Tür und sah, wie Bärbel erfolglos versuchte, das sich wehrende Kätzchen zu fassen zu kriegen.

»Dann halt mal die Schale, pass aber auf, dass Nina sie nicht erwischt.«

Bärbel nahm ihr die Sahne ab, und Nina rammte ihr den Kopf gegen das Schienbein.

»Ihr seid eine rabiate Gesellschaft«, schimpfte sie, während Anne mit beherztem Griff dem grauschwarzen Pelzchen ins Nackenfell fasste und es hochhob.

»Benimm dich, Junior!«, fauchte sie, hielt ihn vor ihr Gesicht und schaute ihn intensiv an. Ihre Augen trafen sich, und fast eine geschlagene Minute lang starrten beide sich rechthaberisch an. Dann senkte Junior seinen Blick. Daraufhin nahm Anne ihn in die Armbeuge und trug ihn in die Küche. Dort setzte sie ihn vor das von Bärbel bereitete Schälchen und stupste seine Nase in die Milch. Gleichzeitig musste sie Nina beiseitedrücken, die sich dort auch einen Platz sichern wollte.

Während Junior unter Annes Aufsicht schlabberte, hatte Bärbel ein weiteres Schälchen mit Sahne gefüllt und es der dankbaren Nina hingestellt.

»Eigentlich sollte sie nicht so viel Sahne bekommen. Das ist angeblich gar nicht gut für erwachsene Katzen.«

»Anne, Anne, du missgönnst aber auch jedem von uns den kleinsten Genuss.«

»Ach, entschuldige Bärbel, ich meine es doch nur gut.«

»Das weiß ich ja, es ist ja auch furchtbar lieb, dass du mir helfen willst. Aber was ganz anderes: Wie willst du das Kätzchen denn nennen?«

»Soll ich es überhaupt behalten? Und wenn ja, weiß ich, welches Geschlechts es hat?« Nachdenklich betrachtete Anne die beiden Tiere.

»Aber das Kätzchen ist doch noch so klein. Das kannst du doch nicht so einfach wieder raussetzen. Jetzt, wo es kalt wird«, meinte Bärbel.

»Eigentlich habe ich gar keine Zeit, mich um eine weitere Katze zu kümmern.«

»Ich bin ja auch noch da. Was meinst du, wie alt ist es?«

»Ich würde mal schätzen nicht älter als drei Monate. Aber so gut kenne ich mich mit Katzen doch nicht aus.«

»Aber schau doch mal, wie sie dich ansehen, Anne!«

Zwei goldene und zwei grüne Augen blickten fragend zu ihr auf. Wie konnte man da noch widerstehen? Resigniert zuckte sie mit der Schulter und sagte mehr zu sich selbst: »Ich habe dich ja schon Junior genannt. Dabei wird es fürs Erste bleiben.« Energischer wandte sie sich dann an die ältere Katze und meinte: »Du, Nina, wirst dich seiner Erziehung annehmen!«

Nina kam zu ihr. Sie schob ihren schönen hellen Kopf in Annes Hand und schnurrte. Sie hatte eine ganz eigene Art, sich verständlich zu machen, und darum war Anne ziemlich sicher, in ihren Augen das Richtige getan zu haben. Junior hatte die Sahne weggeputzt und machte sich gestärkt daran, einen weichen Ruheplatz für ein Verdauungsschläfchen zu suchen. Der kühle Fliesenboden in der Küche schien ihm nicht zu behagen. Auf seinen weißen Pfötchen trippelte er zur Tür, durchquerte das Wohnzimmer, legte sich vor die Heizung, rülpste einmal leise auf und schlief ein.

Anne konnte nicht umhin, seine Selbstsicherheit zu bewundern.

»Ich hoffe, deine Leute haben nichts dagegen, dass ich hier einen halben Zoo halte, Bärbel«, gab sie zu bedenken, als sie ebenfalls zurück ins Wohnzimmer gingen.

»Ich glaube nicht. Die beiden sind ganz froh, dass sie dich als Mieterin haben. Und außerdem: Katzen bellen nicht!«

Die Äußerung bezog sich auf das schrille Gekläff von Hedi, dem hysterischen Nachbars-Terrier, das eben einsetzte. Anne stand auf und schloss das Fenster wieder, warf dann einen Blick auf die Uhr und meinte zu Bärbel: »Wenn wir beide noch eine Runde laufen wollen, dann sollten wir uns jetzt aufmachen, sonst wird es dunkel.«

Leicht gequält verdrehte Bärbel die Augen. »Dann ziehe ich mich jetzt wohl besser um. Aber bitte nicht schon wieder diesen Weg bergauf.«

»Einverstanden, wenn du heute Abend aufs Essen verzichtest.«

»Erpressung, dann lieber bergauf. Anschließend kannst du mich dann hierher zurücktragen. Glaubst du übrigens, dass du die beiden in der Wohnung alleine lassen kannst?«

Sie wies auf Nina und den selig schlummernden Junior.

»Ist ja nicht für lange. Nina ist es gewohnt. Na, und wie Junior sich verhält, werden wir sehen.«

Die Schuhe in der Hand, schlurfte Bärbel kurz darauf vor die Haustür und setzte sich neben Anne auf die Stufen, die ihrerseits die Joggingschuhe schnürte.

»Guck mich nicht so leidend an, Bärbel. Pass auf, gleich fühlst du dich viel besser.«

»Manchmal bist du wie meine Mutter. Die will auch immer, dass ich dies mache und jenes, weil ich mich dann besser fühle. Was für ein Quatsch! Immer muss ich was leisten, mich gut fühlen, fröhlich sein und alles«, murrte Bärbel.

Anne seufzte abermals, schwieg aber wohlweislich. Bärbels aufreizende Bequemlichkeit strapazierte einmal mehr ihre Geduld. Bärbel interpretierte Seufzen wie Schweigen richtig und erhob sich einigermaßen entschlossen.

»Na gut, dann komm! Ich will vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein. Und weil ich nicht schneller laufen werde, müssen wir eben früher anfangen!«

Anne betrachtete diese Äußerung als Zeichen, dass Bärbel ihr nichts übelnahm. Gemeinsam trabten sie los.

Ihr Weg führte sie ein kurzes Stück durch ein kleines, natürlich belassenes Wiesengebiet mit gepflasterten Spazierwegen, durch das ein Bächlein plätschert, dessen Ufer von Weiden, Eschen und allerlei Gesträuch gesäumt wird. Hier begegneten sie einigen Spaziergängern, die sie fröhlich grüßten. Ein alter Herr, Emil Mahlberg, saß mit seinem Kater auf einer Bank und feuerte sie vergnügt an. Anne winkte ihm zu und fragte ihn im Vorbeitraben, ob er nicht mit Jakob auf eine Runde mitkommen wolle. Emil lachte ihr zu und rief, Jakob sei wohl schon zu alt dazu.

Dann bogen sie in den Schotterweg ein, der zunächst am Waldrand entlangführte. Bärbel schnaufte schon ein wenig, aber Anne hatte ihr ein paar Jahre Training voraus und deshalb bei diesem moderaten Tempo noch viel Luft zum Reden. Damit ihre Begleiterin ihre Anstrengung nicht so merkte, begann sie eine recht einseitige Unterhaltung.

»Hier oben habe ich meinen Kater Tiger im Juni begraben. Habe ich dir die Geschichte von seinem Unfall und dem Brand eigentlich schon erzählt?«

»Nein.« Das Kopfschütteln war eher zu erkennen als die verbale Verneinung, die durch das heftige Atmen etwas an Deutlichkeit verlor.

»Tiger war ein Kater von Persönlichkeit. Er trug einen braunschwarz getigerten Mantel mit weißem Hemd und weißen Strümpfen. Auch sein Gesicht war weiß, allerdings zog sich über die Nase bis zur Stirn ein weißer Streifen, der so ein bisschen wie ein verrutschter Mittelscheitel aussah.«

»Woher … gekommen?«, schnaufte Bärbel.

»Oh, er stand eines Tages vor der Tür und teilte mir mit, dass er zu mir zu ziehen gedachte. Weißt du, Katzen können sich auf unnachahmliche Weise mit Menschen verständigen, auch wenn die wissenschaftlichen Koryphäen ihnen diese Fähigkeit absprechen.«

»Andersrum«, keuchte Bärbel. »Du kannst sie verstehen.«

»Mhm, das könnte natürlich auch sein. Na, jedenfalls kam der Kater zu mir und wickelte mich in Windeseile um seine Pfote. Ich habe ihn sehr geliebt, Bärbel. Obwohl er sich immer sehr distanziert gab, habe ich ihn dann und wann durchschaut – er war ganz zufrieden mit der Art, wie ich Dosen öffnete.«

»Jeder, dem du Futter gibst, wird mit dir zufrieden sein«, japste ihre Begleiterin.

»Gut, dass die niederen Instinkte bei Mensch und Tier gleichermaßen funktionieren.« Anne lachte.

»Ich dachte … uff … Katzen … Einzelgänger.«

»Nein, Katzen sind durchaus gesellige Wesen. Tiger hatte einen großen Freundeskreis, mit dem er sich traf. Nina gehörte dazu und der alte Jakob. Komisch, manchmal treffe ich eine ganze Gruppe von ihnen hier oben an seinem Grab. Tiger wurde von ein paar jungen Idioten angefahren und schwer verletzt. Ich habe die letzte Nacht mit ihm auf dem Sofa verbracht und …«

Anne musste mit ihrer Geschichte innehalten, denn die Erinnerung machte ihr die Kehle eng. Erst als sie den Aufstieg bewältigt hatten, fuhr sie fort: »Ich habe nur noch verworrene Erinnerungen an diese Nacht. Es ist nämlich gleichzeitig hier im Dorf auch ein Unglück geschehen. Ein Haus brannte ab, und die Brandstifter, so stellte sich später heraus, waren die besagten Idioten, die auch Tiger angefahren hatten.«

»Schweine … hunde.«

»Richtig. Ich habe aber von all dem nichts mitbekommen, weil ich wie bewusstlos neben Tiger geschlafen habe. Als ich morgens aufwachte, war er gestorben, der kleine Held. Christian war … damals sehr nett zu mir. Und Nina auch.«

»Daher … Christan?«

»Na ja, ich hatte schon vorher gehofft, einen Grund zu finden, nähere Bekanntschaft mit ihm zu schließen. So hat es sich über Tiger ergeben. Und nun ist Nina unser Bindeglied.«

»Mehr nicht?«

»Christian ist recht zurückhaltend. Geschieden, vermutlich mit Krawall. Wir werden sehen.«

Sie kamen an einer kleinen runden Wiese vorbei, die von Büschen umstanden war. In der Abendsonne leuchteten die Beeren in den dunkelgrünen Blättern orange und gelb, und bei einigen Sträuchern begann sich das Laub schon zu röten. Es herrschte eine friedliche Stimmung, aber immer wenn Anne an diesem Platz vorbeikam, verspürte sie einen Anflug von Traurigkeit und Hoffnung – und die Erinnerung an einen ausgesprochen eigenartigen Traum, der sie seit Tigers Tod nicht loslassen wollte. Er hatte mit diesem Ort und mit Katzen zu tun, aber sowie sie anfing, sich erinnern zu wollen, waren die Traumfetzen nicht mehr zu greifen.

Von diesem Traum erzählte sie Bärbel jedoch nichts, wohl aber, welche entscheidende Rolle Nina bei dem Brand gespielt hatte.

»Seit dem Tag ist eines ihrer Schlappohren ein bisschen verschrumpelt. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sie auf die sowieso nicht sehr stolz ist.«

Eine Antwort erwartete Anne nicht, denn der Weg begann wieder ganz langsam anzusteigen, und Bärbel schnaufte vernehmlicher. Anne erzählte einfach weiter, um sie abzulenken.

»Du wirst mich wahrscheinlich für etwas übergeschnappt halten, aber seit damals habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu Katzen. Weißt du, ich habe früher nie Tiere gehabt. Meine Mutter war immer dagegen. Zu viel Arbeit, sagte sie. Hat man aber gar nicht. Die Katzen sind sehr selbständig, sauber und anpassungsfähig – zumindest wenn sie wollen. Sonst muss sich eben ihr Mensch anpassen.«

»Gut dressiert!«, keuchte Bärbel.

»Ja, sie haben mich gut dressiert«, antwortete Anne grinsend. »Ich habe sogar ein paar Worte Katzensprache gelernt. Das kommt mir bei Nina jetzt zugute.«

Der Weg wurde noch etwas steiler, bevor er in sanftem Gefälle zum Dorf zurückführte. Allmählich musste auch Anne Atem sparen. Dann hatten sie die Kuppe erreicht. Bärbel ließ ein erleichtertes »Puh!« hören. Sie hatte einen roten Kopf, Schweiß lief ihr in Strömen vom Gesicht.

»Prima, dass du es heute ohne Gehpause bis nach oben geschafft hast!«, lobte Anne sie. »Die letzten zehn Minuten schaffst du jetzt auch noch.«

Eine Spur von Ehrgeiz funkelte in Bärbels Augen, und gleichmäßiger atmend liefen sie schweigend zurück. Als sie wieder am Waldrand angelangt waren, beschleunigte Anne ihre Schritte und winkte Bärbel zu: »Ich brauche noch eine Runde. Tschüs!«

3. Häusliche Erkundungen

Als Anne mit Bärbel die Wohnung verlassen hatte, betrachtete Nina ihr schlummerndes Findelkind nachdenklich. Sie war froh, dass Anne ihn so ohne Widerstand aufgenommen hatte. Sogar einen Namen hatte sie gleich für ihn gefunden. Er schien ihr erstaunlich passend, aber Anne hatte ja auch eine kätzische Art. Zufrieden streckte auch sie sich vor dem warmen Heizkörper aus.

Nina hatte die Frau gerne. Manchmal störte sie lediglich, dass Anne so wenig Ruhe ausstrahlte. Immer war sie in Eile, hatte etwas zu regeln, war auf dem Sprung nach da oder dort hin. Aber vielleicht legte sich das ja noch im Laufe der Zeit. Jedenfalls war sie aufrichtig und kein bisschen bösartig. Das spürte eine Katze ganz genau, und diese Eigenschaft war das, was Nina besonders an ihr schätzte – auch weil sie mit Christians Verflossener weitaus schlechtere Erfahrungen gemacht hatte. Christian selbst mochte sie allerdings noch lieber. Er war ja schließlich auch ihr Mensch. Nach der Trennung von seiner Frau hatte Nina angefangen, sich bei ihm unersetzlich zu machen. Jetzt war er für einige Zeit fort. Er hatte ihr das in einer langen Streichelsitzung erklärt und ihr dann mitgeteilt, dass Anne in dieser Zeit für sie sorgen würde. Das war ihr recht, denn auch in Sachen Katzenkommunikation hatte Tiger Anne gut erzogen. Es bedurfte nur einiger kleiner Korrekturen im Zusammenleben. Gut, auch sie war ja zu Kompromissen bereit. Sie hatte sich damit abgefunden, dass auf dem Sofa eine Decke lag, die sie benutzen sollte, aber dass Katzen das Polstermöbel grundlegend als ihr Eigentum betrachteten, war Anne schnell klar geworden. Gleiches galt für Betten, und zwar insbesondere für das Kopfkissen. Dass täglich ein Schälchen Sahne serviert wurde, hatte Anne ebenfalls ganz schnell begriffen, genau wie die Tatsache, dass Lachshäppchen ihre bevorzugte Geschmacksrichtung bei den Futterdöschen war.

Und geräucherter Wildlachs aus der Hand … Nun, dazu würde man Anne noch bringen.

Nina räkelte sich behaglich und war mit ihrer Situation recht zufrieden.

Junior zuckte mit den Ohren, blinzelte und wurde langsam wach. Die Sahne und der halbstündige Schlaf hatten aus dem erschöpften Kätzchen ein unternehmungslustiges wildes Tier gemacht. Er sah zu Nina auf, die neben ihm saß.

»Ist sie weg?«, fragte er und spähte misstrauisch in die Runde.

»Wenn du Anne meinst, dann ist sie für eine Weile nach draußen ins Revier gegangen.«

»Puh, dann ist ja gut. Was machen wir jetzt?«

Aufgekratzt kam Junior auf seine weißen Pfötchen, streckte sich und machte einen Buckel.

»Du kannst dir die Wohnung ansehen, aber mach keinen Unfug!«, ermahnte ihn die wohlerzogene Faltohrkatze und folgte seinen Unternehmungen mit aufmerksamen Blicken.

»Pfff!«, war sein einziger Kommentar, als er loszog. Zunächst beschnüffelte er den Boden. »Komisches Gras wächst hier«, bemerkte er, als er ein paar Mal erfolglos an dem grauen Velours-Teppichboden gekratzt hatte. Dann inspizierte er das Sofa. Die Sitzfläche war gerade in rechter Höhe für einen Kätzchensprung, und so begab er sich nach oben.

»Hey, Alte, hier liegst du auch manchmal!«

Er hatte Ninas Decke erkannt, auf der sie oft zusammen mit Anne den Abend verbrachte. Da Nina keinen Verweis aussprach, betrat er den flauschigen, dunkelblauen Stoff, auf dem einige helle Haare einen hübschen Kontrast bildeten, und tretelte versuchsweise. Dann drehte er sich um und wollte die andere Sofaecke inspizieren. Doch kaum war er drei Schritte gegangen, blieb er wie erstarrt stehen. Sein Rücken wölbte sich, und das Fell richtete sich auf. Mit aufgerissenen Augen starrte er in die Polster, und Nina fuhr in die Höhe.

»Was ist, Junior?«

Der kleine Kater stand immer noch stocksteif vor der Ecke.

»Junior?«

Leise kam ein Fauchen.

»Tod!«

Auf spitzen Pfoten stakste der kleine Kater rückwärts, bis er wieder an die blaue Decke stieß.

»Du hast es tatsächlich gespürt, Junior?«, fragte Nina, die zu ihm hochgesprungen war. Er wirkte noch immer verstört und fauchte erneut angstvoll auf, als er gegen sie stieß.

»Ruhig, Kleiner, ganz ruhig. In der Ecke ist vor einigen Monaten der Herr des Hauses gestorben. Ich spüre es auch immer noch, und selbst Anne meidet diesen Platz, doch nicht aus Angst, Junior, sondern aus Ehrfurcht.«

»Ehrfurcht?« Juniors Stimme klang noch ein bisschen zitterig.

»Ehrfurcht vor einem großen Kater. Aber das lernst du noch. Vorerst empfehle ich dir, diese Sofaecke zu meiden.«

»O ja, o ja, bestimmt.«

Nina schlappte ihm einmal über die Stirn und brummelte dabei leise. Die Anspannung fiel von Junior ab, und gleich darauf war sein Übermut auch wieder erwacht. Er löste sich abrupt aus der mütterlichen Zuwendung und begab sich mit frisch erwachter Abenteuerlust von der Sitzfläche auf den niedrigen Wohnzimmertisch. Das Glas fühlte sich kühl und glatt unter seinen Ballen an, aber am meisten irritierte es ihn, dass er darunter auf den Boden schauen konnte. Es war ihm deutlich anzusehen, dass ihm das Stehen in der Luft unheimlich war.

Nina amüsierte sich heimlich darüber und nahm sein Unbehagen zum Anlass, ihn darauf hinzuweisen, dass Menschen es im Allgemeinen nicht sehr gerne sahen, wenn man auf ihre Tische sprang.

Vorsichtig tastete Junior sich also wieder zum Rand der unheimlichen Platte und setzte mit einem gewagten Sprung auf das Sofa zurück. Von hier hüpfte er auf den Boden und wandte sich dem Regal an der Wand zu. Die untersten Regalbretter waren so hoch, dass er sich mit den Vorderpfoten gerade darauf abstützen konnte, um zu prüfen, was es dort zu sehen gab. Es roch staubig, und er nieste. Beherzt sprang er dennoch auf die erste Etage, um der Quelle des Übels nachzuspüren und sie gegebenenfalls zu erlegen. Auf dem schmalen Grad zwischen Bücherrücken und Abgrund setzte er vorsichtig Schritt vor Schritt. Neugierig schnupperte er an den Buchdeckeln – mit dem Erfolg eines neuen Niesanfalls.

Nina klärte ihn darüber auf, dass Anne in der untersten Regalreihe die Werke eingeordnet hatte, die sie selten in die Hand nahm. Außerdem gehörte Abstauben nun mal nicht zu ihren besonderen Leidenschaften. Damit hatte sie Junior, ohne es zu wollen, für alle Zeiten das Interesse an Literatur verdorben. Er sprang angeekelt wieder zu Boden und widmete sich einem Beistelltischchen, auf dem eine Leselampe und ein gerahmtes Foto standen. Entgegen Ninas vorherigem Hinweis, nicht auf Tische zu springen, begab er sich auf die Ablagefläche und tatzte nach dem Stromkabel, das ihm wie ein unvorsichtiger Regenwurm erschien. Es setzte ihm Widerstand entgegen. Er zog die Pfote zurück und betrachtete das regungslose Kabel, das interessanterweise eine Verdickung mitten auf dem Weg zum Lampenfuß aufwies. Vielleicht war es hier empfindlicher. Vorsichtig hob er die Pfote. Als keine Regung erfolgte, schlug er zu. Das Kabel schlug zurück und hüllte ihn plötzlich in grelles Licht.

Junior hatte den Schalter gefunden.

Entsetzt prallte er zurück und stieß dabei das Foto zu Boden. Es gab ein leichtes Scheppern von sich und zersprang in tausend glitzernde Splitter. Junior sah fasziniert zu. Vorsichtig berührte er einen der Splitter mit der Pfote und zog sich sogleich mit einem unwilligen Quiekser davon zurück. Es hatte ihn in den empfindlichen Ballen gepiekst.

Nina kam näher und sah sich den Schaden an.

»Das wird Anne nicht sehr entzücken, Junior. Das ist ein Bild von ihrem Tiger!«

Vorsichtig um die Glassplitter herumtastend, schaute sie sich das Foto an. Es zeigte einen getigerten Kater mit weißer Brust in majestätischer Haltung auf einem Zaunpfahl thronen. Seine Augen waren in die Ferne gerichtet, als ob er über die Wege des Schicksals nachsänne.

Nina fand es sehr anständig von Anne, dass sie gerade dieses Bild in der Vergrößerung gerahmt hatte. Darum sah sie sich zu Junior um, Missbilligung in den Augen. Doch der Kleine hatte sich, seinem natürlichen Instinkt folgend, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, bereits in die Küche verzogen.

Nina trottete hinterher und hoffte, dass ihr Schützling keine weiteren Schäden anrichtete. Verständnis hatte sie für ihn. Die Gerüche waren hier viel angenehmer als in den staubigen Bücherregalen. Da lag der Duft von Fleisch und Milch, von Gebratenem und Geräuchertem in der Luft, und aus einer Türritze quoll das Versprechen von noch weiteren unbeschreiblichen Genüssen. Doch leider war der Zugang zur Vorratskammer verschlossen, und den Trick, Türen zu öffnen, hatte Junior zum Glück noch niemand beigebracht. Deshalb schnüffelte er lediglich interessiert in den Ecken herum, fand ein Brotkrümchen und leckte es auf. Ein versprengtes Körnchen Trockenfutter knackte zwischen seinen Zähnen, und ein abgefallenes, vertrocknetes Blatt vom Küchenefeu musste wieder ausgespuckt werden. Sehnsuchtsvoll wandte er dann seinen Blick zum Küchentisch hinauf, aber einen so hohen Sprung traute er sich denn doch noch nicht zu.

Nina fand es an der Zeit, sich bemerkbar zu machen, und trat mit kritischem Blick durch die Tür.

»Komm mal wieder zu mir ins Wohnzimmer, Junior!«, befahl sie ihm.

»Warum? Kannst du mir nicht lieber den Weg zu dem anderen Raum da drüben zeigen?«

»Könnte ich schon, aber wir müssen eine gewisse Achtung der Revieroberhoheit beachten. Anne möchte nicht, dass wir in die Speisekammer gehen. Also komm endlich!«

Schmollend folgte Junior der Älteren.

»Wer ist diese Anne eigentlich?«, fragte er, während er hinter ihr hertrippelte und versuchsweise an der Kante des Sofas kratzte. »Sie ist ein Mensch, das habe ich auch schon gemerkt. Aber Menschen sind sonst anders.«

»Nun hör doch mal auf, herumzuzappeln, und roll dich einfach hier an meiner Seite zurecht.«