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Andrea Schacht

Tigers Wanderung

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0528-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2009 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Ver wertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung einer Illustration von Frances Broomfield / The Bridgeman

Art Library

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung

Nina erzählt

Tigers Geburt

Am Neujahrsmorgen

Aufbruch

Jakobs Krankheit

Juniors Fahrt in die Stadt

Luzi räumt auf

Revierkampf

Anne und Luzi

Tiger wächst

Juniors Stadtleben

Einladung zum Tanz

Ein verhängnisvoller Fehler

Der Ball

Tiger wächst weiter

Jakobs Tod

Junior wandert weiter

Ein Schnupfen und Bertines Besuch

Trucker-Cat

Randy kommt

Junior auf Tour

Die Einbrüche

Tiger und Junior erkennen sich

Der Wettkampf

Juniors letzte Tour

Angriff auf Pinky

Aufbruch nach Hause

Frauengespräche

Leben in der Wildnis

Nina ärgert sich

Ein Streit unter Freunden

Angriff auf Bertine

Versöhnung

Pläne und Mausehund

Der Schattenkreis

Reizklima

Kampf

Still ruht der See

Tiger und Junior in der Krise

Thunfischdöslein

Wahre Freundschaft

Annäherungen

Heimkehr ins Dorf

Luzi trifft Junior

Spanische Blüten

… und ein Wiedersehen

Vorbemerkung

Thornton Wilder lässt seinen Roman »Die Brücke von San Luis Rey« mit den Worten enden: »Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.«

Nicht dass ich mich mit diesem großen Autor vergleichen will, aber die Idee der Brücke zwischen den Lebenden und Toten hat mich gefangen genommen.

Zwischen Menschen und Tieren kann eine unbeschreiblich tiefe Freundschaft entstehen, und die Vorstellung, dass sich unsere kätzischen Freunde, wenn sie uns verlassen müssen, auf den Goldenen Steppen versammeln, mag etwas Tröstliches haben.

Tröstlicher aber mag die Vorstellung sein, dass sie, wenn unsere Liebe zu ihnen groß genug war, auch sie die Brücke zu uns zurück finden.

Ich habe zwei Wiederkehrer in mein Haus aufgenommen, ich erlaube mir, daran zu glauben.

Und so soll auch Tiger wieder heimkehren, auch wenn er dabei ein paar garstige Hindernisse überwinden muss.

Begleiten Sie ihn und lauschen Sie Ninas Erzählung.

(Aber nennen Sie sie bloß nicht schlappohrig!)

Ihre
Andrea Schacht

Nina erzählt

Rücken Sie mal ein Stückchen, ich möchte mich mit auf das Sofa setzen. Ja, danke, so ist es nett. Sie wollen eine Geschichte hören, das sehe ich Ihnen an. Doch, doch, nur nicht so schüchtern, wir alle hören gerne Geschichten. Noch ein bisschen im Fell kraulen, ahhh ja, vielleicht noch hier, am Hals … Mmh …

Ah so, ja, die Geschichte. Beinahe hätte ich vergessen …

Gut, also! Es fing damit an, dass ich im Herbst letzten Jahres diesen Frechdachs unter meine Pfoten genommen habe. Aber ich bitte Sie, was soll man machen, wenn man als Katze mit latent mütterlicher Veranlagung so einen Wurm findet?

Ich schaffte es mit dieser Menschenfrau Anne zusammen, Junior über das Gröbste hinauszubringen, aber der Kleine entwickelte sich beinahe zu rasch zu einem abenteuerlustigen Racker. Na, man kann’s ja nicht ändern, wenn es die Kinder aus dem Haus drängt? Man muss sie wohl oder übel ziehen lassen.

Aber wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß … Wahrscheinlich hätte ich ihn nicht ziehen lassen.

Ich rede und rede, dabei wollte ich doch eine spannende Geschichte erzählen. Sie handelt, wie Sie schon ahnen, von dem Jungkater Junior, meinen Menschen Anne und Christian und natürlich auch von mir. Mein Name ist Nina, mein Fell ist cremeweiß, mein Näschen braun, und meine Augen sind golden. Von meinen Ohren sprechen wir lieber nicht.

Doch bevor der erste Held die Bühne betritt, noch eine kleine, aber wesentliche Szene, die davon handelt, wie mein alter Weggefährte Tiger wieder in diese Welt zurückkehrt.

Tigers Geburt

Babsy schnurrte glücklich. Sie war mit ihrer Leistung zufrieden und lag gemütlich zusammengerollt auf Nadines buntem, weichem Kopfkissen. An ihren Bauch gedrückt lagen zwei kleine wohlgestaltete Katzenbabys, gerade zwei Stunden alt. Eines davon war weiß, das war sogar in diesem Stadium zu erkennen, das andere kam vermutlich nach ihr und würde braun-schwarz getigert sein. Vielleicht mit ein bisschen Weiß um Bauch und Pfoten. Die kleine Weiße würde später mal eine Schönheit werden, mutmaßte die stolze Mutter träge. Und der andere, tja, da war schon jetzt etwas Außerordentliches um ihn. Das konnte natürlich nur sie erkennen, nicht die Menschen, die gerade in die Wohnung polterten. Aber da war so was um seine Nase, so ein undefinierbares Etwas um die Ohren …

Vielleicht lag es daran, dass sie so unplanmäßig spät im Jahr noch mal rollig geworden war und dann dieser phantastische Kater zur Pfote war.

»O Papa, das war toll heute! Das war eine absolute Superidee.«

»Ja, und wie Mutti über dich drüber gefallen war, einfach klasse, die Show!«

Nadine, die dreizehnjährige Tochter von Ralf und Daniele Ferguson kicherte haltlos, als sie ihre dicken Winterstiefel auszog. Ihre Mutter trug den Spott mit Gelassenheit. Die Familie hatte den Nachmittag mit einem gemeinsamen Schlittschuhlaufen auf der Eisbahn im Park begonnen und sich dabei rosa Nasen und einen gewaltigen Hunger geholt. Nadine pellte sich aus dem knallroten Anorak, grünen Schal, rosa Handschuhen und türkisfarbenen Sweatshirt und schleppte ihre Garderobe in ihr Zimmer.

»O nein!«, hörte man sie kurz darauf quieken. »Mutti, Babsy hat ihre Babys bekommen.«

Sie stürzte in die Küche, wo ihre Mutter soeben anfing, Vorbereitungen zur Fütterung der wilden Meute zu treffen, zu der sich ihre Familie in der letzten halben Stunde entwickelt hatte.

»Das war doch zu erwarten, Nadine. Der Tierarzt hat uns gesagt, dass es um Neujahr so weit ist«, antwortete ihre Mutter lächelnd.

»Ja, aber sie hat sich dafür mein Kopfkissen ausgesucht!«, empörte Nadine sich.

»Na ja, wir wissen doch, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Die Kiste ist natürlich lange nicht so bequem wie dein Bett. Pass auf, du lässt ihr das Kissen und holst dir aus dem Gästezimmer ein Ersatzkissen. Wie viele sind es denn?«

»Nur zwei diesmal, und sie sehen aus wie nackte Mäuse. Ich habe mir schon Namen ausgedacht.«

»Das besprechen wir gleich beim Kaffeetrinken. Gib mir mal die Eier aus dem Kühlschrank. Sahne könntest du auch schon mal schlagen.«

Kurze Zeit später zog der köstliche Duft von Vanille und Kaffee durch das Haus, und dann häuften sich heiße Waffeln, Preiselbeeren und Sahne auf den Tellern. Die Unterhaltung war in den ersten Minuten recht einsilbig und beschränkte sich auf so ursprüngliche Laute wie ein gutturales: »Mhh, guuut!«, »Mehr!«, »Super!«

Als der erste Hunger gestillt war, brachte Daniela das Gespräch auf den Familiennachwuchs.

»Unsere Babsy hat zwei Junge bekommen – auf Nadines Kopfkissen.«

»Dumme Katze«, beurteilte ihr Bruder Sven die Lage. »Nur gut, dass sie nicht auf mein Bett gegangen ist.«

»Die Gefahr war nicht groß. Wer will schon auf einem derart grässlichen Bettbezug Kinder bekommen? Die sind ja von Geburt an gestört.«

»Und von deinem Bettbezug kriegen sie gleich das Kotzen!«

»Sven, Nadine, hört auf damit!«

Ralf versuchte seine Kinder zu mäßigen.

»Ach, ist doch wahr, bei dem Großformat von Schmachtlappen und rosa Wölkchen …«

»Das ist nun mal ihr Geschmack, Sven. Ich muss allerdings sagen, wenn ich in einem Bett wie deinem schlafen müsste, dann würden mich die Monster auf dem Bettbezug auch bis in die Träume verfolgen«, behauptete seine Mutter mit leisem Schauder in der Stimme.

»Ich bin schon froh, dass ich nicht mit einer kompletten Boygroup das Bett teilen muss«, kam Ralf seinem Sohn grinsend zur Hilfe.

»Siehste«, sagte Sven mit triumphierendem Blick zu seiner Schwester.

»Hört auf, ihr Zankhähne! Wir haben Nachwuchs bekommen. Diesmal bist du dran, die Namen zu finden, Nadine. Hast du schon einen Vorschlag?«

Es war in der Familie vereinbart worden, dass jeder abwechselnd die Kätzchen eines Wurfes benennen durfte. Streng hierarchisch, deshalb hatte Ralf den ersten und Daniela den zweiten Wurf getauft, der dritte war jetzt Nadines Aufgabe.

»Ich möchte sie Tiger und Leo nennen!«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen, denn sie hatte sich lange darauf vorbereitet.

»Uhh, du weißt doch gar nicht, ob das Kater sind«, warf ihr Bruder wenig hilfreich ein.

»Na und? Wenn sie weiblich sind, sollen sie Tina und Lea heißen. Aber bei dem Dunklen bin ich mir ganz sicher, dass er Tiger heißt.«

»Hast du mal wieder deine Anfälle von Hellsichtigkeit gehabt?«, neckte ihr Vater Nadine, der ihre gelegentlichen Anwandlungen von Aberglauben mit Fassung trug.

»Quatsch, das ist nur so ein Gefühl. Außerdem gefällt mir der Name.«

»Tiger und Lea sind auch in Ordnung. Wenn sie etwas älter sind, werden wir weiter sehen.«

Daniela strich ihrer Tochter liebevoll über die dunklen, glatten Haare und begann, den Tisch abzuräumen.

Am Neujahrsmorgen

So, und nun geht es richtig los. Hier darf ich Ihnen die Leute vorstellen, bei denen ich mein Heim aufgeschlagen habe. Sie hören bestimmt gerne etwas darüber, wie es bei andern im Schlafzimmer zugeht, oder? Menschen sind doch genauso neugierig wie Katzen, geben Sie es zu.

Am Neujahrsmorgen hatte ich verschlafen, einfach verschlafen. Ich wunderte mich, dass im Haus noch alles still war, und meine Futterschüssel war bis auf ein paar vertrocknete Krümel genauso leer wie mein Magen. Deshalb spazierte ich ins Schlafzimmer, um die Herrschaften an ihre Verpflichtungen mit einem zarten Miauen zu erinnern.

Anne wachte davon auf. Sie und Christian, mein Mensch, hatten Silvester nicht allzu lange gefeiert, und darum wirkte sie jetzt ausgeschlafen und tatendurstig. Leider richtete sich ihr Tatendrang nicht darauf, meine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern sie drehte sich im Bett um und betrachtete den schlafenden Mann neben sich. Ich weiß, was sie sah! Christians blonde Haare, die sich an der Stirn schon ein wenig zurückzogen, waren zerwühlt, die ersten feinen Linien um die Augen, die dort manchmal zu sehen waren, wenn er müde oder gestresst war, waren fast ganz verschwunden. Er sah jung und entspannt aus. Eine Andeutung eines leichten Lächelns lag um seine Mundwinkel, und goldene Bartstoppeln zierten sein kräftiges Kinn. Anne strich leicht über die kratzigen Wangen und fragte flüsternd ganz nah an seinem Ohr: »Worüber grinst du so genüsslich?«

»Mhhh?«

Schon recht, schon recht, auch Menschen brauchen Schmusestunden. Ich bin ja tolerant – bis zu einem bestimmten Grad. Denn etwa eine Stunde später war ich der Meinung, dass die beiden allmählich aus ihrem Kuschellager kommen und mir wenigstens eine Dose Schleckerkatz zum Frühstück aufmachen sollten. Ich maunzte laut und vernehmlich an der Schlafzimmertür.

Nichts tat sich.

Ich ging näher und maunzte noch mal am Fußende des Bettes.

Keine Reaktion.

Das hieß, zu deutlicheren Maßnahmen greifen. Ich sprang hoch, arbeitete mich zum Kopfende vor und stellte fest, dass da viel Haut war.

»Mauuuuuuu!«, forderte ich.

»Sei still«, murrte Christian.

»Mahauuuu«, widersprach ich.

»Geh weg«, antwortete er wenig zuvorkommend.

Zögernd setzte ich meine Pfote auf die nackte Haut. Ich weiß, dass ich bei Menschen da ein bisschen vorsichtig sein muss. Die dünne Haut, die sie umgibt, zerreißt so leicht. Also trampelte ich mit vorsichtigen Samtpfötchen auf Christians Brustkasten herum. Jetzt sah er mich endlich an.

»Du willst uns nicht in Ruhe lassen?«

Die Frage konnte als rhetorisch abgehakt werden.

»Ich glaube, Nina möchte ihr Frühstück«, mischte sich Anne ein und wand sich aus Bettdecke und Christian.

»Na und, bin ich der Sklave meiner Katze?«

»Mau«, bestätigte ich.

»Da hörst du’s.«

»Na gut, dann gib ihr was und mach auch dem Kleinen ein Häppchen zurecht, sonst kommt dieser kleine Kannibale von Junior auch noch ins Bett.«

»Oh«, sagte Anne beim Aufstehen. »Da war doch was …?«

Sie verschwand nachdenklich in der Küche.

In der Tat, da war noch was. Aber weil mein Teller reich gefüllt wurde, vergaß ich das für eine Weile.

Gegen Mittag setzten sich Anne und Christian zu einem späten Frühstück zusammen. Ich hatte einen kurzen Blick auf die verschneite Terrasse geworfen und dann pfotenschüttelnd entschieden, dass heute kein Tag für einen Spaziergang war. Stattdessen hatte ich mich, nicht ohne eine kleine Portion Räucherlachs erbettelt zu haben, wieder in meinen Korb zurückgezogen und bot der Welt das friedliche Bild einer selig verdauenden Katze.

Das Gespräch am Kaffeetisch drehte sich um dies und das. Christian stellte Spekulationen über das Wetter an, Anne versuchte sich in der kreativen Gestaltung des späteren Nachmittags.

»Wenn es nicht anfängt, matschig zu werden, wäre vielleicht ein kleiner Neujahrsspaziergang durch den Schnee ganz hübsch, was meinst du?«

»Sieht noch ziemlich kalt aus. Ich denke, das ist eine gute Idee. Ich muss ein bisschen auslüften.«

»Danach überlegen wir, wo wir heute essen gehen wollen.«

»Schon wieder essen …! Bald kannst du mich rollen.«

Anne zwickte Christian spielerisch in die schmalen Hüften und bemerkte, dass ihm eine kleine Prinzenrolle ganz gut zustattenkäme.

»Jetzt, wo du den neuen Job hast, musst du doch etwas gewichtiger auftreten.«

»Wenn du meinst! Ich wusste gar nicht, dass du seit neuem eine Vorliebe für Pummelchen hast. Oder fehlt dir deine Freundin Bärbel schon?«

»Nein, aber jetzt, wo du mich daran erinnerst, fehlt mir eine Katze.«

»Richtig, der kleine Irrwisch ist noch gar nicht aufgetaucht.«

Anne wurde nachdenklich und sah schweigend aus dem Fenster. Nach einer Weile fragte Christian, warum sie so still war.

»Christian, manchmal glaube ich, ich spinne ein bisschen. Aber ich habe ein ganz eigenartiges Erlebnis oder einen Traum heute Nacht gehabt.«

»Na, dann erzähl ihn doch mal.«

»Also, ich bin irgendwann so um drei herum wach geworden – oder eben auch nicht – und hatte das Gefühl, dass Junior etwas von mir wollte. Dann bin ich ins Wohnzimmer gegangen und habe mich mit dem kleinen Kater unterhalten. Ich könnte schwören, dass er mit mir gesprochen hat. Er hat sich für den Aufenthalt hier bedankt und sich verabschiedet, weil er jetzt Abenteuer erleben will. Ich habe ihn rausgelassen, und er ist im Dunkeln verschwunden.« Anne schüttelte – noch immer verständnislos – den Kopf. »Katzen können nicht sprechen. Das weiß ich doch. Aber …«

»Mh, vielleicht war das eine Mischung von Traum und Wirklichkeit. Ich glaube, du bist wirklich aufgestanden. Ich habe das im Halbschlaf gemerkt. Ganz sicher ist Junior nicht mehr in der Wohnung, also hast du ihn wohl auch rausgelassen. Da du das Ganze schlafwandelnd gemacht hast, hast du dabei geträumt, dass er mit dir gesprochen hat. Du hast ja schon immer ein sehr persönliches Verhältnis zu deinen Katzen. Hast du nicht gesagt, als Tiger gestorben ist, hast du auch so einen intensiven Traum gehabt?«

»Das wird wohl die Erklärung sein.«

Anne nickte, doch ich merkte, dass sie nicht ganz zufrieden mit der Erklärung war. Dann stand sie auf.

»Wenn er wirklich auf Wanderschaft gegangen ist, werden wir es merken. So, ich ziehe mich jetzt zum Spaziergang um.«

Sie ahnte es, und ich wusste es: Um Mitternacht hatte der kleine Quirlewisch von Junior sich von uns verabschiedet, Anne hatte das nicht geträumt. Sie ist eine Frau mit großen Gaben, obwohl sie selbst daran oft zweifelt. Aber sie hat eindeutig etwas Kätzisches in ihrem Charakter.

Jedenfalls hatte für Junior das Abenteuer begonnen.

Aufbruch

Junior hatte also das Haus, sein Heim verlassen, das er mit Nina und Anne eine Weile geteilt hatte. Das einsetzende Schneegestöber vor seiner Nase störte ihn wenig, denn sein warmes Unterfell schützte ihn vor der beißenden Kälte. Noch befand er sich auf bekanntem Territorium. Er war auf den gewohnten Pfaden seines Reviers schnell vorangekommen, aber sein Entschluss, auf Wanderschaft zu gehen, ließ ihn schon bald diese Wege verlassen.

Es war etwa drei Uhr morgens in der Neujahrsnacht. Aus einigen Häusern drang noch das Lärmen ausgelassener Feiern. Sogar vereinzelte Kracher zerrissen hin und wieder die kalte Stille der Winternacht. Bald näherte sich Junior der Ortsmitte und lief auf den Parkplatz des Bürgerhauses zu. Hier hatte ein Silvesterball stattgefunden, aber das Fest fand nun so allmählich seinen Abschluss, und nach und nach kamen Damen und Herren in festlicher Kleidung, viele in dicke Pelze gehüllt, aus dem Eingang. Sie begaben sich zu ihren schneebestäubten Fahrzeugen, einige leise schimpfend, weil sie erst die Scheiben freikratzen mussten, bevor sie vorsichtig losrollen konnten.

Junior, in der Hoffnung, eine bequeme Beförderungsmöglichkeit ins Abenteuer zu finden, setzte sich dicht an die stachelige Hecke am Parkplatz und beobachtete die einzelnen Grüppchen. Die Menschen hingegen bemerkten den kleinen grau-schwarz getigerten Kater mit den weißen Pfoten nicht.

Ein elegant gekleidetes Ehepaar ging dicht an ihm vorbei, und er folgte den beiden Menschen mit den Augen. Die Frau roch gut. Das war schon mal ein Vorteil. Dann blieben die beiden an einem großen dunklen Auto stehen, und der Mann schloss die Tür auf. Mit einem leichten Kopfschütteln strich sich die Frau ein paar Schneesterne aus dem silbriggrauen Haar und setzte sich auf den Beifahrersitz. Der Mann öffnete auch die hintere Tür, er holte unter dem Sitz einen Eiskratzer hervor und ging um den Wagen, um die Frontscheibe freizumachen.

Das war die Gelegenheit, auf die Junior gewartet hatte. Er huschte ungesehen zu der offenen Tür, und mit einem kleinen Hopser landete er im hinteren Bereich des Autos. Weil er eine Entdeckung vermeiden wollte, rollte er sich im dunklen Fußraum zusammen. Das Glück war mit ihm. Ohne dass er bemerkt wurde, setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, und der erste Abschnitt seiner Wanderung hatte begonnen.

Junior dachte kurz an das Heim, das er verlassen hatte. Es war nett gewesen, sicher. Anne hatte sich um seine Grundbedürfnisse gekümmert – Futter und einen warmen Schlafplatz – und Nina um seine Erziehung. Dabei hatte er sehr viel gelernt und wider Erwarten eine starke Zuneigung zu Anne gefasst, von der er nicht ganz sicher war, ob sie diese erwiderte. Anne war eine seltsame Frau, von der er das unangenehme Gefühl hatte, dass sie tief in seine Seele blicken konnte. Manchmal war das ein bisschen unheimlich gewesen.

Doch der Drang nach weiteren Abenteuern war immer mächtiger geworden. So hatte er sich von allen – auch von Anne – verabschiedet und war nun dabei, eine Wanderschaft anzutreten. Da er das Autofahren in seinem kurzen Leben bislang als überaus genussvoll kennengelernt hatte, lag es für ihn natürlich nahe, die Reise als Anhalter zu beginnen.

Der Mann am Lenkrad fuhr vorsichtig und langsam über die schneebedeckten Straßen. Beide Insassen waren schweigsam, und allmählich wurde es warm im Innenraum des Autos.

Bald hatten sie die freie Autobahn erreicht und fuhren mit höherer Geschwindigkeit, was Junior an dem angenehm schnurrenden Geräusch des Motors erkannte.

Obwohl er gerne aus dem Fenster gesehen hätte, blieb er lieber unten in seinem Versteck, denn bei seiner letzten Schwarzfahrt hatte er feststellen müssen, dass Menschen im Auto auch nach hinten sehen konnten. Zwar war ihm dabei die Funktion des Rückspiegels nicht gänzlich klar geworden, aber er war sehr lernfähig. So genoss er den warmen Luftstrom, der aus der Autoheizung vorbeiwehte und sein feuchtes Fell trocknete. Auch die weißen Pfoten wurden dadurch wieder schön warm. Er putzte ein paar feuchte Spritzerchen weg und döste dann, dem halblauten Gespräch müßig folgend, vor sich hin. Später schwiegen seine Mitfahrer wieder, denn sie hatten die Autobahn verlassen und schienen sich auf kurvenreichen Nebenstraßen ihrem Ziel zu nähern. Junior registrierte das Schaukeln und schließlich das vorsichtige Bremsen, Dann stellte der Fahrer den Motor ab.

»Ich lasse den Wagen hier vorne in der Auffahrt stehen, es ist mir jetzt zu mühsam, in die Garage zu fahren«, meinte der Mann beim Aussteigen.

Junior war, als beim Öffnen der Türen ein kalter Luftzug hereinkam, wieder hellwach geworden. Jetzt galt es, unbemerkt aus dem Auto zu entkommen. Aufmerksam beobachtete er die beiden Menschen. Die Dame brauchte eine gewisse Zeit, um auszusteigen. Sie hatte während der Fahrt die Schuhe ausgezogen und angelte jetzt danach. Dann musste das lange Abendkleid gerafft werden, damit der Saum nicht im Schnee feucht wurde, die Handtasche gesucht und unter den Arm geklemmt und der weite Mantel zusammengehalten werden. Endlich hatte sie die Beine hinausgeschwungen und stieg mit der Hilfe ihres Mannes aus. In dem Moment, in dem sie mit den Stoffmassen ihres Gewandes hantierte, schlüpfte Junior hinaus. Ganz ungesehen gelang ihm das jedoch nicht.

»Huch, was war das denn?«, rief die Frau leise, als er an ihren Beinen vorbeihuschte. Doch wie ein grauer Schatten glitt Junior schnell unter die schützenden Büsche des Gartens.

»Das sind doch Katzenspuren«, hörte er die Frau sagen. »Hans-Peter, wir hatten offensichtlich einen blinden Passagier!«

Junior warf einen Blick zurück auf den frischgefallenen Schnee und musste feststellen, dass sie recht hatte. Mist, hoffentlich versuchte sie jetzt nicht, ihn einzufangen. Aber sie starrte nur die Tapsen im Schnee an.

»Na, hoffen wir, dass die Katze nicht zurückkehrt und der Bürgermeisterin von deinen kleinen Gehässigkeiten erzählt«, neckte ihr Mann sie.

Seine Frau meinte jedoch mit mitleidiger Stimme: »Vielleicht vermisst jemand die Katze. Sie ist jetzt vermutlich ziemlich weit von zu Hause entfernt.«

»Was willst du denn machen? Sie ist ja jetzt schon verschwunden.«

»Du hast ja recht. Aber trotzdem – sie tut mir leid. Jetzt hier so in der Kälte und im Schnee herumzuirren …«

Mit einem bedauernden Schulterzucken bewegte die Frau sich vorsichtig über den glatten Weg auf die Haustür zu.

Junior fand ein schneefreies Plätzchen unter einem immergrünen Busch, wo er die verbleibenden Nachtstunden in relativer Sicherheit verschlief.

Als an diesem Neujahrsmorgen die Sonne aufging, hatte der nächtliche Schneefall aufgehört, und die Welt glitzerte und flimmerte in millionenfachen Kristallprismen. Der Schnee lag fast zehn Zentimeter hoch und war locker und pulverig. Junior blinzelte in das grelle Licht des weißen Morgens. »Hell« war sein erster Eindruck, »Hunger« sein zweiter. Er streckte sich und dehnte sich, er machte einen Buckel und schlug die Krallen in den Boden. Dann beschloss er, auf Futtersuche zu gehen.

Er stellte fest, dass das Wohngebiet, in dem er gelandet war, dem Dorf ähnelte, das er in der letzten Nacht verlassen hatte. Große Gärten umgaben einzelne freistehende Häuser, Hecken und Zäune begrenzten die Grundstücke, Autos parkten am Straßenrand, und feiertägliche Stille lag über dem ganzen Ort.

Als Junior sich durch den für seine Beine ziemlich hohen Schnee bis zur Straße vorgekämpft hatte, orientierte er sich neu. Hier stand das Auto, mit dem er hergekommen war. Zu den Häusern weiter oben führten festgefahrene Fährten im Schnee. Auf denen würde es sich besser laufen lassen. Er hopste also in die Reifenspuren und kam müheloser voran. Die beiden Pfade führten geradewegs zu dem großen Haus am Ende der Straße. In dieser Gegend war der Schnee sogar noch festgetretener, und die Überreste heftiger pyrotechnischer Aktivitäten lagen überall verstreut. Neugierig beschnüffelte er die bunten Fetzchen, doch der verbrannte Geruch und die Chemikalienreste begeisterten ihn nicht. Also folgte er den Reifenspuren weiter. Hin und wieder blieb er stehen, um in der Luft zu schnuppern, ob er in ein bewachtes Territorium eingedrungen war und – viel wichtiger – ob es irgendwo etwas zu futtern gab.

Es gab! Animiert trabte er in die Richtung der köstlichen Geruchsquelle. Auf der Terrasse eines Hauses entdeckte er, dass die Bewohner die Reste ihrer Silvesterparty zum Kühlstellen nach draußen gebracht hatten. Da waren Schüsseln mit Salaten (uninteressant), Töpfe mit Saucen (langweilig), Gläser mit Gurken (igitt) und wunderbarerweise eine Platte mit aufgeschnittenem Fleisch. Alles war mit Klarsichtfolie abgedeckt, doch für eine geübte Katzenkralle nebst hungrigem Besitzer war das nur ein winziges Hindernis. Genussvoll schmatzend schlug Junior sich das Bäuchlein voll. Rohes Fleisch war zwar besser, aber so arg verdorben war das hier auch nicht. Das Roastbeef war sogar noch rosig. Mmh!

Er war so vertieft, dass er beinahe nicht gemerkt hätte, dass sich hinter der Glastür etwas bewegte. Mit einem Ratsch wurde die Gardine aufgezogen, und eine empörte Frauenstimme rief: »Sabine, da ist eine Katze an der Fleischplatte!«

Die Tür wurde aufgerissen, und lautes Händeklatschen verschreckte Junior so sehr, dass er Hals über Kopf die Flucht ergriff. Er blieb erst wieder stehen, als er sich unter einem Auto in Sicherheit gebracht hatte. Vor allem dieser Hundegeruch, der da aus der Wohnung gedrungen war! Aber gelohnt hatte es sich. Er war jetzt rundum satt, und hier unter dem Auto war es sogar noch ein bisschen warm, denn es war eben erst abgestellt worden. Zufrieden setzte er sich mit gekreuzten Vorderpfoten nieder und gab sich der Verdauung hin.

Der friedliche Vormittag ging allmählich in den Mittag über, und die Straße wurde lebendig. Juniors Tatendrang erwachte wieder. Mit seiner ersten Etappe war er nicht besonders zufrieden. Das war alles so behäbig hier und so wenig abenteuerlich. Er beschloss, eine Mitfahrgelegenheit zu einem anderen Ort zu suchen.

Kurze Zeit später sah er auf der anderen Straßenseite, dass sich eine Familie mit zwei Kindern daranmachte, ihr Auto zu beladen. Da sollte es wohl in den Winterurlaub gehen.

Junior lief noch ein paar Meter die Straße hinauf, um dann ungesehen zur anderen Seite zu gelangen, als ihn ein tiefes, brummendes Geräusch aufschreckte. Fluchtbereit blieb er stehen. Da näherte es sich auch schon. Ein hässliches gelbes Ungetüm kam schnaubend und spuckend die Straße entlang gekrochen. Zu beiden Seiten seines gefräßigen Maules wurden weiße Schneefontänen ausgestoßen. Mit einem erschrockenen Maunzen verkroch Junior sich hinter einem Gartenmäuerchen. Erst als das Geräusch verklungen war, traute er sich wieder hervor, um sein Vorhaben fortzuführen.

Doch da gab es plötzlich eine neue Schwierigkeit. Das Räumfahrzeug hatte Schneewälle an den Straßenrändern aufgehäuft, die für eine kleine Katze riesig wirkten. Ratlos musterte Junior die schmutzigweiße Wand. Ob man darüberklettern konnte? Er setzte vorsichtig eine Pfote auf den Berg – und sackte ein.

So ging das nicht!

Wieder sprang er auf das Mäuerchen und sah ratlos die Straße entlang, ob sich nicht irgendwo eine Lücke auftat. Aber der Schneepflug hatte ganze Arbeit geleistet. Mit Bedauern musste er sogar bemerken, dass die Familie auf der anderen Seite mit dem Einräumen der Koffer fertig war und sich für den Aufbruch bereitmachte. Doch auch sie behinderte der Schneewall, der die Ausfahrt zu Straße blockierte. Eines der Kinder wurde angewiesen, den Weg wieder freizuschaufeln.

Eile war geboten. Junior ruckelte sich zurecht, spannte die Muskeln und katapultierte sich durch die Luft. Der Sprung war gut, allerdings ein bisschen zu kurz, denn er landete auf der Straßenseite im Schnee. Bis zum Bauch stand er im Kalten. Angeekelt zog er die Pfoten heraus und schüttelte das feuchte Zeug energisch ab. Dann überquerte er die Straße und wartete auf eine günstige Gelegenheit zuzusteigen. Es gelang ihm in einem Augenblick, in dem noch eine letzte Tasche verstaut werden musste, und er machte sich wiederum im Fußraum hinter den Rücksitzen ganz klein.

Diesmal fand er die Fahrt jedoch alles andere als angenehm. Mit zwei Erwachsenen, den beiden lauten Kindern und den zahlreichen Gepäckstücken war es ziemlich eng, und er wurde unter dem Sitz hin und her geschüttelt. Doch ohne bemerkt zu werden, konnte er die Stellung nicht wechseln. Es wurde auch immer grässlicher! Die Kinder zankten sich, die Mutter griff regelnd ein, und er bekam zu allem Überfluss auch noch einen Fußtritt ab. Dann wurde das Gebläse angestellt, um die beschlagenen Scheiben freizuhalten, und trockener Staub wirbelte um seine Nase. Sein Niesen ging jedoch im allgemeinen Geplapper unter. Bislang war er noch vor Entdeckung sicher.

Die nächste halbe Stunde machte er sich so klein wie möglich und rührte sich nicht. Dem Gefühl nach hatten sie jetzt mit guter Geschwindigkeit eine ganze Strecke zurückgelegt, aber dann verlangsamte sich die Fahrt wieder. Zu gerne hätte Junior jetzt hinausgesehen, um zu prüfen, wo sie sich jetzt befanden. Vermutlich in einem Ort, denn das Auto hielt, fuhr wieder an, hielt wieder, fuhr um Ecken. Es war sehr unangenehm. Dann kam die Aufforderung von dem Fahrer, ihm doch mal das Tuch zum Scheibenwischen nach vorne zu reichen. Es sollte hinten unter dem Beifahrersitz liegen. Eine Kinderhand näherte sich und griff herzhaft in sein Fell. Junior quiekte.

»Mutti, wir haben eine Katze hier im Auto!«

Unbarmherzig wurde Junior aus seinem Versteck gezerrt.

»Das Tier muss sofort raus«, befahl die Mutter. »Eduard, halt doch mal an. Du liebe Zeit, wie kann denn solches Viehzeug hier reingekommen sein? Hoffentlich hat er nicht schon auf die Polster gemacht!«

»Die ist aber niedlich, Mutti, können wir die nicht mitnehmen?«

»Das ist eine fremde Katze, wer weiß, was die alles hat. Fasst die bloß nicht an!«

Das Auto hielt am Straßenrand, und die Türen wurden aufgerissen. Junior saß geduckt und sprungbereit auf dem Boden und wollte ins Freie schlüpfen, als ihn eine kräftige Kinderhand noch mal schmerzhaft am Schwanz zog. Er gab ein empörtes Kreischen von sich und konnte sich nur unter Zurücklassen einer Handvoll Haare befreien.

Bevor die Autotüren wieder zugeschlagen wurden, hatte er dann noch gehört, wie sich die Mutter über die Katzenhaare im Auto beschwerte.

Auf diese Weise war Junior in seinem neuen Revier gelandet!

Jakobs Krankheit

Entschuldigen Sie, Sie haben sich da so ein entsetzlich leckeres Käsebrot gemacht. Das ist eigentlich viel zu dick belegt. Da fällt doch bestimmt ein Stückchen für eine hungrige Erzählerin ab?

Mh, köstlich, danke. Nein, ich schmiere nicht damit herum, ich putze nur sorgfältig die Pfote ab, mit der ich es vom Brot gekrallt habe. Was, das fanden Sie nicht nett? Geklaut, nennen Sie es? Na, da überlege ich mir aber noch mal, ob ich Ihnen die Geschichte weitererzählen soll.

….

Schnurr? Schnurrr!

Überredet!

Der Januar war kühl und stürmisch. Schnee fiel zwar nicht mehr, aber morgendlicher Frost machte den Menschen das Leben schwer. Die Tage waren weiterhin kurz und dunkel, und nach der kleinen sonnigen Periode zum Jahreswechsel blieb der Himmel wolkenverhangen und trüb. Nach den Feiertagen ging daher alle Welt recht schnell wieder in den alltäglichen Trott über. Anne übernahm einen neuen Auftrag in der Werbeagentur, der sie, wie sie meinte, mit so aufregenden Dingen wie Kopierern und Druckmaschinen beschäftigte. Christian versuchte, sich in seine neue Funktion als Entwicklungsleiter hineinzufinden und mit Diplomatie und Geschick den Übergang von seinem Vorgänger zu ihm zu vollziehen. Beide hatten damit viel zu tun und waren selten zu Hause. Da Anne und Christian sich erst nach seiner Rückkehr von einer langen Dienstreise richtig nähergekommen waren, wohnte noch jeder in seiner eigenen Wohnung. Die Häuser lagen jedoch nur wenige Schritte voneinander entfernt, so dass sie sich jederzeit sehen konnten.

Ich hatte zwar die Zeit während Christians dreimonatigem Aufenthalt in China bei Anne zugebracht, war aber nach der Rückkehr meines Menschen kurz vor Weihnachten wieder zu ihm gezogen. Doch immer wenn er zu Anne hinüberging, begleitete ich ihn. Tagsüber blieb ich allerdings im Haus, draußen mochte ich mir nicht die Pfoten schmutzig machen. Aber hin und wieder brauchte ich doch etwas Gesellschaft und machte einen kleinen Rundgang durch mein Revier.

Seit mein Schützling Junior nicht mehr da war, langweilte ich mich gelegentlich, denn auch eine Katze braucht etwas mehr Unterhaltung als nur die Fellpflege, nicht wahr? Das teilte ich meiner Freundin Diti mit, als sie sich verwundert dazu äußerte, dass ich wieder auf der Runde war.

»Waß der Kleine jetßt wohl macht? Hoffentlich hat er ein ßßönes Plätßchen gefunden und kommt nicht unter die Räder.«

Diti, aus der Familie der Siamesen, hat einen kleinen, aber charmanten Sprachfehler, den sie mit Gelassenheit trägt.

Wir beiden Kätzinnen saßen auf einem umgefallenen Baumstamm – Opfer der letzten Winterstürme – und ließen unsere Schwänze baumeln.

»Er ist sehr reif für sein Alter, vielleicht schafft er es«, mutmaßte ich und putzte hastig über das Brustfell.

»Haßt du die Neue schon geßehen? Die Kleine, die ßo ähnlich außßieht wie Fleuri?«

»Nein, ich war doch die ganze Zeit in den Wohnungen. Aber jetzt, wo du es erwähnst, ist mir neulich auf dem Weg von Christian zu Anne aufgefallen, dass ein neuer Geruch durch das Revier wehte. Noch klein, ein bisschen schüchtern, wohnt bei Menschen?«

»ßoweit ganz richtig. Ihre Menßßhen ßind eine Frau mit einem kleinen ßohn, ßiemlich tuttelig. ßie ßind ßeit ßwei Wochen im Revier. Die Neue heißt Pinky, na ja.«

»Da kann sie wohl nichts für. Wenn ich sie treffe, werde ich sie mal in Augenschein nehmen.«

Ich reckte mich ein bisschen, spreizte die Krallen der rechten Pfote und putzte ein Tannennädelchen fort.

»ßieh mal, dahinten kommt Henry!«

Ein behäbiger und durch das dicke, graue Winterfell rundlicher Kater kam gesetzten Schrittes den gepflasterten Weg empor.

»Hallo, ihr Hübschen«, begrüßte er uns. »Wisst ihr schon das Neueste?«

»Oh, Henry, wir wissen viel!«

Ich reagierte vielleicht ein bisschen hochnäsig auf diese Anrede. Ich kenne doch meine verkorksten Ohren! Diti hingegen war konzilianter und meinte: »Laßß hören, waß du weißt!«

Henry hat zum Glück einen ausnehmend gutmütigen Charakter, er schreckte vor meiner kühlen Begrüßung nicht zurück, sondern setzte sich zu uns auf den Baumstamm. Als er sich gemütlich zurechtgerückt, alle Pfoten sortiert und den Schwanz ordentlich um sich herumgewickelt hatte, teilte er mit, dass es Jakob nicht besonders gutgehe.

»Waß hat unßer Revier-Chef denn?«

»Ich glaube, es ist allgemeine Altersschwäche, Rheuma, ein Nierenleiden und eine Erkältung. Er ist doch schon achtzehn Jahre alt.«

»Er ist auch schon lange nicht mehr bei uns hier draußen gewesen. Woher weißt du das denn?«

»Ich war bei ihm am Fenster. Sein Mensch Emil hat ihn in seinem Körbchen auf die Blumenbank gestellt. Wir haben uns etwas unterhalten.«

»Wird er gut verßorgt?«, wollte Diti wissen, obwohl sie sich die Antwort denken konnte.

»Selbstredend. Es ist lustig, die ganze Zeit hat er immer über Emil gemurrt, das wisst ihr ja. Nie war er ihm schnell genug und hörte nicht richtig, machte dies nicht richtig und jenes nicht, aber jetzt, so auf seine letzten Tage wird Jakob plötzlich ganz verträglich. Er hat richtiggehend animiert geplaudert und sich lobend über die Fürsorge geäußert, mit der er umgeben wird.«

»Wir sollten auch mal bei ihm vorbeigehen und ein paar Worte mit ihm wechseln.«

»Gute Idee, Nina.«

»Ja, tut das, es gehört sich eben so«, pflichtete Henry bei und schloss dann, zum Zeichen, dass die Unterhaltung für ihn beendet war, die orangefarbenen Augen.

Diti und ich hüpften vom Baumstamm, schlenderten Richtung Straße, überquerten sie und strichen an den Hecken und Gartenzäunen vorbei bis zu Emils Haus.

Emil Mahlberg war ein alleinlebender rüstiger Rentner in den späten Sechzigern, der als einzige Gesellschaft nach dem Tod seiner Frau den weiß-braun gescheckten Kater Jakob hatte. Jakob selbst war schon jahrelang im Revier und hatte auf Grund seines Alters und seiner Erfahrung die höchste Position in unserem lose zusammenlebenden Gemeinwesen der Dorfkatzen inne. Mich beeindruckten insbesondere seine spirituellen Fähigkeiten. Sie waren beachtlich, und manch junger Heißsporn, der glaubte, mit seiner Muskelkraft den alten Kater von seiner Position vertreiben zu können, war auf die eine oder andere Weise eines Besseren belehrt worden. Doch die kalten Tage und das hohe Alter forderten jetzt auch von Jakob ihren Tribut.

Er trug es mit Würde. Als wir auf die äußere Fensterbank sprangen, sahen wir ihn schlummernd in seinem weichgepolsterten Korb liegen. Eine Decke war liebevoll um ihn herumgesteckt, und eine Rotlichtlampe spendete zusätzliche Wärme. Ein Schälchen Wasser und ein wenig weiche Fleischnahrung standen in leicht erreichbarer Nähe. Der Standort ermöglichte ihm einen weiten Ausblick über das Geschehen auf der Straße.

Unser Besuch weckte Jakob aus seinem leichten Dösen. Lange sahen wir drei uns an, und auf kätzische Art und Weise teilten wir uns alles Nötige mit. Erst als es dunkel wurde und Emil die Lichter in der Wohnung einschaltete, verabschiedeten wir uns voneinander.

Diti und ich wanderten gemeinsam, noch immer schweigend, in Richtung unserer Wohnungen. An der Ecke, wo sich unser Weg trennte, schloss ich meine Gedanken mit den Worten ab: »Es wird nicht mehr lange dauern – die Goldenen Steppen erwarten ihn.«

»Mir tut ßein Mensch leid. Emil hängt ßo ßehr an ihm, nicht?«

»Ja, da sollten wir drauf achten. Vergiss nicht, deinem Bruder Bescheid zu sagen.«

Diti hat einen Bruder, der gemeinsam mit ihr bei der alleinstehenden Eliza wohnte und gemeinhin auf dem Namen Hommi hörte, obwohl er Homer getauft wurde. Diesem Namen fühlte er sich verpflichtet.

Mit einer Verabredung für den nächsten Tag verabschiedeten wir uns voneinander, um bei unseren Menschen Nahrung und Unterhaltung anzufordern.

Juniors Fahrt in die Stadt

Junior war sauer. Die Räder hatten ihn beim Anfahren noch mit einem ordentlichen Schwall schmutzigkalten Wassers bespritzt. Nein, das war keine besonders schöne Autofahrt gewesen. Das nächste Mal würde er sich seine Fahrgemeinschaft vorher genauer ansehen.

Nichtsdestotrotz, es war vorüber, und jetzt galt es, sich erst einmal zu orientieren. Er schärfte seine Sinne. Unter seinen Pfoten fühlte er rauen, nassen Asphalt. Es roch nach Abgasen, nach feuchtem Beton, Hundekot, gebratenem Fleisch und der typischen Duftmischung ungeleerter Mülltonnen. Interessiert richtete er seinen Blick auf die Quelle dieses Geruches. Zwischen den hohen Häuserwänden führte ein Durchgang in einen Hof. Dort mussten die verlockenden Mülltonnen stehen. Gerade wollte er sich in diese Richtung aufmachen, als er spürte, dass sich eine andere Katze näherte.

Mager, struppig, mit einer langen Narbe über der Nase tänzelte eine rot-weiß gefleckte Katze auf ihn zu. Sofort nahm Junior eine wachsame Haltung an. Die Ohren hoch aufgerichtet, sah er ihr alarmiert entgegen.

»Na, Kurzer, neu hier, wa?«

Die zerzauste Katze setzte sich gelassen auf einen Kanaldeckel und begutachtete Juniors jugendliche Gestalt kühl und abschätzend.

»Sie ham dir ausm Auto jeworfen, und nu weeßte nich, wo de bist, wa? Immer det Jleiche mit die Menschens! Wennse in Urlaub fahren, biste überflüssig.«

Gänzlich unfreundlich schien diese ungepflegte Katze nicht zu sein. Junior gab seine Abwehrpose auf, blieb jedoch wachsam.

»Hallo, du! Das waren zum Glück nicht meine Menschen. Ich wollte nur mitfahren. Da haben sie mich entdeckt und rausgeworfen«, schilderte er kurz sein Erscheinen.

»Mitjefahren? Du spinnst, Kurzer. Det macht keene vanünftiche Katze nich! Nich in den jefährlichen Dingern.«

»Oooch, ich fahre gerne Auto. Das ist nicht gefährlich.«

Junior entspannte sich bei der Unterhaltung so weit, dass er immer mal ein wenig von dem Schmutzwasser aus dem Fell putzte und dabei lediglich die andere Katze im Auge behielt.

»Und wat haste nu davon?«

»Tja, weiß ich noch nicht. Ich will mich mal ein bisschen hier umsehen.«

»Viel Vajnüjen, Süßer!«

Die Katze grinste ihn hämisch an, erhob sich und verschwand tänzelnd durch den Torbogen.

Junior sah sich noch mal um. Er stellte fest, dass er an einer belebten, sehr breiten Straße saß, an deren Rand Auto an Auto parkte. Dann drehte er sich um und musterte die Häuser. Sie erschienen ihm sehr viel höher als alles, was er bisher gesehen hatte. Aber da er bislang nur in einem kleinen Dorf gelebt hatte, war das auch nicht erstaunlich. Er wunderte sich etwas darüber, dass diese Häuser so verschlossen aussahen. Da gab es keine Fenster in vernünftiger Sprunghöhe, geschweige denn welche, die bis zum Boden reichten und ein einfaches Eintreten ermöglicht hätten. Sogar die Haustüren sahen verschlossener aus, als er es bisher kannte.

Er lief zu einem Eingang hinüber und musterte die von einem Metallgitter geschützte Glastür. Als er mit der Pfote dagegenstubste, tat sich überhaupt nichts. Er schnupperte an den mit hässlich grünen, zersprungenen Fliesen verkleideten Eingangsbereich und registrierte, dass eine Katermarkierung vorhanden war. Der Rest war Hund. Und anderes, vielleicht Mensch. Es war ihm neu, dass Menschen ihr Revier auch markierten. Aber er hatte sich ja aufgemacht, die Welt kennenzulernen.

Nach ein paar weiteren Schnüfflern gab er die Untersuchung des Eingangs auf und trabte an der Hauswand entlang Richtung Torbogen. Die grünen Fliesen hörten auf, und grauer Verputz bröckelte von der Betonmauer. Eine rote Blechdose, ein paar Fetzen buntbedrucktes Papier und ein alter Turnschuh erregten sein Interesse, erwiesen sich aber nicht als ergiebig. Schließlich hatte er die Tordurchfahrt erreicht und lief Richtung Hof. Mit geschärfter Aufmerksamkeit allerdings. Die diversen Markierungen hatten ihm zu verstehen gegeben, dass er sich in einem fremden Revier befand. Doch der Besitzer dieses Reviers war augenblicklich nicht anwesend.

Der Hof wirkte vielversprechend. An zwei Seiten, vorne und links, ragten hohe Häuser auf, an der gegenüberliegenden Seite standen Garagen, und rechts begrenzte eine altersschwache Mauer den Hof. Hinter ihr schien sich ein Garten zu verbergen, denn die kahlen Äste von Büschen und Bäumen hingen feucht und kümmerlich über den Rand. Obwohl der Hinterhof ein trostloses und tristes Aussehen hatte, war er für Junior eine Offenbarung. Drei große Müllcontainer standen dort an der Hauswand, drumherum ein Berg von Plastikbeutel mit Müll. Da Junior schon in frühester Kindheit ausnehmend positive Erfahrungen mit deren Inhalt gemacht hatte (und leider manchmal für seine Leidenschaft gerügt worden war), entzückte ihn die Aussicht, hier seiner Neigung nachgehen zu können. In seiner Begeisterung vergaß er jede Vorsicht und näherte sich erwartungsvoll dem ersten Beutel. Doch gerade als er die Kralle in die dünne Folie schlagen wollte, wurde er mit einem derben Schlag aufs Ohr daran gehindert.

»Det ha ick mir jedacht. Det du deine Pfoten von nüscht wechhalten kannst.«

Verdattert sah Junior zu der rot-weißen Katze hinauf, die jetzt oben auf dem Müllcontainer saß und ihn missbilligend anschaute.

»Und? Sind das etwa deine Tüten?«, fragte er herausfordernd.

»Nee, det ha ick nich nötich. Aber da jibts noch een andern hier, dem jehört det Revier. Un der achtet drauf!«

»Aber der ist jetzt nicht hier. Bist du seine Revierwache? Schick, so ein Job als Hausmeister!«, fauchte Junior die struppige Katze erbost an.

Wider Erwarten kicherte die.

»Du bist zwar nochn ziemliches Baby, aber aufs Maul biste nich jefallen, wa! Mich is es ja eins, ob de dich mit unserm Morris anlejen willst. Aber der führt ne scharfe Kralle.«

»Vielleicht lässt er ja mit sich reden, und wir können uns den Rundgang teilen?« Junior war schon wieder besänftigt.

»Jroßer Kater, woher kommst du denn? Finsterste Provinz, wa? Jungchen, hier jilt leben und sterben lassen.«

»Na prima, und wo soll ich mein Futter herkriegen? Na?«

»Hat dir wer einjeladen zu kommen? Na?«

»Hast du mir vielleicht was zu sagen, du ungewaschener Putzlappen?«

»Ick bin vielleicht nich schön, aber immahin eene Dame, du Provinzschnösel. Wennste weiterhin en jeflechtes Aussehen haben willst, dann suchste dich besser wieder ne Freifahrt nach deinen Vorort.«

»Kannst du mich jetzt eventuell in Ruhe lassen, damit ich mir etwas zu futtern suchen kann?«, forderte Junior bissig. Aber die andere Katze beobachtete ihn nur weiter aufmerksam.

»Ick bin Misty. Mir ham se vor drei Jahren hier abjeladen. Ick hatte et vorher ooch mal besser. Mir will nich einleuchten, det du freiwillich herjekommen bist, Kurzer. Aber vielleicht haste dein Schicksal diesmal so zu erfüllen. Wie nennste dir?«

»Junior.«

»Wie passend«, kicherte Misty. »Wenn de willst, kannste mit mich kommen, ick weiß ne schöne Futterstelle. Is aber en bisschen jefährlich.«

»Komm schon allein zurecht«, murrte Junior, noch immer den Störrischen spielend. Er blieb aber sitzen und putzte sich sorgfältig den Bauch.

»Zier dir nich, ick hab hier ooch mal janz kleen anjefangen. Da kannste froh sein, wenn dir jemand zeicht, wo’s langjeht.«

»In Ordnung, Misty. Nett von dir.«

Mit einem Satz sprang Misty zu ihm hinunter und tatzte ihn kumpelig zwischen die Augen.

»Haste schon mal Kebap jefressen?«

»Nein.«

»Na, denn komm mal mit; det wird dir jefallen.«

Zusammen stromerten sie durch den Toreingang und entlang der Häuserzeile bis zur nächsten Ecke. Als sie um die Ecke bogen, standen sie vor einem kleinen Laden, aus dem der verlockende Duft von gebratenem Fleisch quoll.

»Wir müssen aufpassen, det die uns nich jleich sehen. Aber wenn nich so viele Menschen da sin, döst der Junge da immer vor sich hin. Da hinten drin ham se ne Schüssel mit den Fleischresten.«

»Und wie kommen wir da rein?«

»Warten, bis eener die Tür aufmacht. Siehste, da hinten kommen schon welche. Lass mir man zuerst rin. Ick warte dann auf dir drinnen! Du kommst rin, wenn se rausjehn.«

Richtig, es kamen zwei Männer, die in den Laden traten. Gekonnt huschte Misty mit hinein. Junior versuchte sich so unscheinbar wie möglich zu machen, und als kurze Zeit später die Kunden mit ihren eingewickelten Fleischportionen wieder hinauskamen, nutzte er die Gelegenheit, ebenfalls ins Warme zu schlüpfen. Ein leises, raues Maunzen zeigte ihm an, dass Misty unter der Theke kauerte. Lautlos schlich er zu ihr. Seine Augen funkelten vor Abenteuerlust, und seine Begleiterin stellte mit leisem Spott fest, dass er die Situation wohl reichlich zu genießen schien.

»Aber wenn de so drei Jahre lang lebst, valiert sich der Reiz een bisschen«, bemerkte sie, um seinen Übermut zu dämpfen. »Jetzt warten wir mal, bis wieda Ruhe is, denn können wir unsere Portion holen.«

Die Nachmittagsstunden waren von wenig Betriebsamkeit geprägt, und schon bald döste der junge Mann, der den langsam rotierenden Fleischspieß beaufsichtigte, in der Wärme auf seinem Stuhl ein. Auch Junior war ein wenig weggedämmert und musste von Misty erst mit einem kräftigen Schubs geweckt werden. Dann schlichen sich die beiden zu der Schüssel, in der die Fleischreste lagen, die beim Abschneiden von dem Drehspieß heruntergefallen waren. Nach kätzischem Ermessen war das Fleisch zwar durch das Braten ein wenig verdorben, aber noch immer genießbar. Einträchtig schlugen sie sich die Bäuche voll.