Über Antonio Garrido

Antonio Garrido, Jahrgang 1963, ist Professor an der Polytechnischen Universität in Valencia. Sein erster Roman Das Pergament des Himmels wurde in 16 Sprachen übersetzt und war ein internationaler Bestseller.

Julika Brandestini, geboren 1980, studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder, Almería und Macerata. Sie übersetzte u.a. Accabadora von Michela Murgia, wofür sie mit dem deutsch-italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebt in Berlin.

Enno Petermann, 1964 in Berlin geboren, studierte Lateinamerikanistik und Germanistik. Er übersetzte u.a. Romane von Sérgio Sant'Anna, Sylvia Iparraguirre und Eduardo Belgrano Rawson. Heute lebt er in Potsdam.

Informationen zum Buch

Der chinesische Medicus China, um das Jahr 1200: Mitten in den turbulenten Zeiten der Song-Dynastie arbeitet sich der mittellose und verwaiste Song Ci mit Fleiß und Entschlossenheit vom Leichenbestatter zum besten Studenten der angesehenen Ming-Akademie hoch. Seine Gabe, die dunklen Geheimnisse aufzudecken, die sich hinter den Verletzungen der Toten verbergen, erregt Aufsehen – aber auch Missgunst. Ci wird denunziert und wegen seiner revolutionären Obduktionsmethoden von der Justiz verfolgt. Doch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten sprechen sich herum, bis sie schließlich auch dem Kaiser Song Nin Zong zu Ohren kommen. Er lässt den »Totenleser« zu sich rufen und bittet ihn, eine Reihe grausamer Morde am Hof zu untersuchen, die seine Dynastie zu vernichten drohen. Song Ci willigt ein – nicht ahnend, zwischen welche Fronten er schon bald gerät, gegen welche Mauern aus Schweigen erstoßen und welchen Intrigen er begegnen wird. Als er sich leidenschaftlich in die kaiserliche Konkubine Blaue Iris verliebt, wird die Luft im Palast dünn für ihn. Wem kann er vertrauen, und wer wird ihn verraten? Ein atemberaubender Roman über den ersten Gerichtsmediziner der Geschichte, ausgezeichnet mit internationalen Preis des Historischen Romans von Zaragoza.

»Ein atemberaubendes Szenario, eine exzellente Recherche, verblüffende Details und eine Handlung, die packender nicht sein könnte.« Radio Onda Cero

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Titel

Aus dem Spanischen
von Julika Brandestini und Enno Petermann

Inhaltsübersicht

Über Antonio Garrido

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Vierter Teil

Fünfter Teil

Sechster Teil

Epilog

Anhang

Impressum

»Der von der Präfektur beauftragte Rechtsmediziner findet sich am Ort des Verbrechens innerhalb von vier Stunden nach Bekanntgabe ein.

Erfüllt er diese Aufgabe nicht, delegiert er seine Pflicht, bestimmt er die tödlichen Wunden nicht mit Sicherheit oder falsch, so wird er des mangelnden Sachverstandes für schuldig befunden und zu zwei Jahren Sklaverei verurteilt.«

Aus dem Strafrechtskodex der Song-Dynastie:

»Über die Pflichten der Richter«,Artikel Vier des Songxingtong.

Prolog

Im Jahr 1206, zu Zeiten der Song-Dynastie, in der ostchinesischen Provinz Fujian, auf den Ländereien der Subpräfektur Jianyang.

Shang wusste nicht, dass er sterben würde, bis er den Geschmack des Blutes wahrnahm, das aus seiner Kehle hervorquoll. Er stammelte etwas Unverständliches, während er versuchte, die Wunde mit den Händen zu verschließen, doch bevor er sie berührte, öffneten sich seine Augen weit, und die Beine gaben unter ihm nach wie die einer leblosen Marionette. Gerade wollte er den Namen seines Mörders aussprechen, als dieser ihm einen Lumpen in den Mund stopfte.

Während Shang im Schlick kniend sein Leben aushauchte, spürte er den lauwarmen Regen auf seiner Haut und sog den Geruch der nassen Erde ein, der ihn sein ganzes Leben begleitet hatte. Im nächsten Augenblick stürzte er mit blutverschmiertem Hemd in das Schlammloch, wo ihn seine Seele verließ.

Erster Teil

Abbildung

1

An diesem Morgen war Ci früh aufgestanden, um ein Zusammentreffen mit seinem Bruder Lu zu vermeiden. Die Augen fielen ihm ständig zu, doch auf dem Reisfeld würde er keine Müdigkeit zeigen dürfen.

Er setzte sich auf und rollte die Schlafmatte zusammen. Das Aroma des Tees, den seine Mutter jeden Morgen zubereitete, erfüllte das bescheidene Haus. Als er den großen Raum betrat, grüßte er sie mit einem Kopfnicken, sie antwortete ihm mit einem versteckten Lächeln, das er erwiderte. Er liebte die Mutter beinahe genauso sehr wie seine jüngste Schwester Mei Mei, deren Name ebendies bedeutete, ›kleine Schwester‹. Die beiden anderen Schwestern, Eins und Zwei, waren früh gestorben, an einer Familienkrankheit. Mei Mei war die Einzige, die noch lebte, und auch sie war krank.

Bevor er etwas aß, ging er hinüber zu dem kleinen Altar, den sie im Gedenken an seinen Großvater in der Nähe eines Fensters aufgestellt hatten. Er öffnete die Fensterläden und atmete tief ein. Draußen drangen die ersten schüchternen Sonnenstrahlen durch den Nebel. Der Wind schüttelte die Chrysanthemen, die im Krug für die Opfergaben standen, und blies Rauchspiralen ins Wohnzimmer, die von den Duftstäbchen aufstiegen. Ci schloss die Augen, um Fürbitte zu halten, doch in seinem Kopf formte sich nur ein einziger Gedanke: »Geister des Himmels, erlaubt uns, nach Lin’an zurückzukehren.«

Er erinnerte sich an die Zeit, als seine Großeltern noch lebten. Damals war das Dorf für ihn ein Paradies gewesen, und sein Bruder Lu ein Held, dem jedes Kind nacheiferte. Lu war wie der große Krieger in den Legenden, die sein Vater erzählte, stets bereit, ihn, den Jüngeren, zu verteidigen, wenn andere Kinder versuchten, ihm sein Stück Obst zu klauen, oder die unverschämten Burschen zu verjagen, die es auf seine Schwestern abgesehen hatten. Lu hatte Ci beigebracht, mit Händen und Füßen zu kämpfen, um seine Gegner zu besiegen, hatte ihn mit zum Fluss genommen, um zwischen den Booten zu planschen und Karpfen und Forellen zu fangen, die sie dann stolz nach Hause trugen. Und er hatte ihm gezeigt, wo die besten Verstecke waren, um heimlich die Nachbarinnen zu beobachten. Doch mit zunehmendem Alter wurde Lu eitel. Seit seinem fünfzehnten Geburtstag hörte er gar nicht mehr auf, mit seiner Kraft zu prahlen, und jede andere Gabe, die nicht zum Ziel hatte, als Gewinner aus einem Zweikampf hervorzugehen, schien ihm minderwertig. Er begann, Katzenjagden zu organisieren, um vor den Mädchen anzugeben, er betrank sich mit Reislikör, den er aus den Küchen stahl, und er brüstete sich, der Stärkste der Gruppe zu sein. Seine Eitelkeit ging so weit, dass er sogar den Spott der Mädchen als Schmeichelei interpretierte und nicht bemerkte, dass sie ihn in Wirklichkeit mieden. Allmählich wurde Ci der Angeberei seines Bruders müde und empfand für das große Idol seiner Kindheit mit der Zeit nur noch Gleichgültigkeit.

Allerdings hatte sich Lu mit seinem Verhalten nie in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht, abgesehen von ein paar blauen Augen nach Raufereien und von der Geschichte mit dem Dorfbüffel, den er als Einsatz bei einem Schwimmwettkampf missbraucht hatte. Als der Vater ihm seine Absicht mitteilte, in die Hauptstadt Lin’an zu gehen, weigerte sich Lu rundheraus, ihn zu begleiten. Er war bereits sechzehn, er fühlte sich wohl auf dem Land und dachte nicht daran, das Dorf zu verlassen. Er sagte, im Dorf habe er alles, was er brauche: das Reisfeld, seine Gruppe von Kraftmeiern und zwei oder drei Prostituierte aus der Umgebung, die über seine Sprüche lachten. Obwohl sein Vater damit drohte, ihn zu verstoßen, ließ er sich nicht beirren. In jenem Jahr trennten sich die Wege von Lu und Ci. Lu blieb im Dorf, während die übrige Familie in die Hauptstadt zog, auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Die erste Zeit in Lin’an war schwer für Ci. Jeden Morgen stand er bei Sonnenaufgang auf, um nach seiner Schwester zu schauen, ihr Frühstück zu machen und sich um sie zu kümmern, bis seine Mutter vom Markt zurückkam. Dann schlang er schnell eine Tasse Reis hinunter und ging in die Schule. Dort blieb er bis mittags, dann eilte er in das Schlachthaus, in dem sein Vater arbeitete, um ihm für den Rest des Tages zur Hand zu gehen. Abends, wenn er die Küche geputzt und die Gebete für seine Vorfahren gesprochen hatte, paukte er die konfuzianischen Lehren, die er am nächsten Morgen in der Schule aufsagen musste. So ging es mehrere Monate lang, bis sein Vater einen Posten als Buchhalter in der Präfektur von Lin’an bekam. Er unterstand Richter Feng, einem der weisesten Justizbeamten der Hauptstadt.

Von da an wurde alles besser. Die Einkünfte der Familie stiegen, und anstatt im Schlachthaus zu arbeiten, konnte Ci sich vollkommen auf die Schule konzentrieren. Nach vier Jahren Oberschule bekam Ci, dank seiner außergewöhnlichen Begabung, eine Assistenzstelle im Referat von Richter Feng. Am Anfang wurden ihm einfache Büroarbeiten aufgetragen, aber die Hingabe und Sorgfalt, mit der Ci seine Aufgaben erledigte, blieben dem Richter nicht verborgen. Schon bald beschloss er, den siebzehnjährigen Jungen unter seine Fittiche zu nehmen.

Und Ci enttäuschte ihn nicht. Nach einigen Monaten befreite Feng ihn von Routineaufgaben, damit er dem Richter bei Befragungen von Verdächtigen half und beim Säubern und Präparieren der Leichen, deren Todesursache es festzustellen galt. Durch seine Geschicklichkeit erwies sich Ci binnen kürzester Zeit als unverzichtbare Stütze für den Richter, der nicht zögerte, ihm immer mehr Verantwortung zu übertragen. Schließlich zog er Ci auch für die Untersuchung von Verbrechen und Rechtstreitigkeiten zu Rate, was Ci erlaubte, die Grundsätze der Rechtssprechung kennenzulernen und sich zugleich ein Basiswissen in Anatomie anzueignen.

Während seines zweiten Universitätsjahres nahm Ci, ermutigt von Feng, an einem Präparationskurs der medizinischen Fakultät teil. Dem Richter zufolge waren die Beweise, die ein Verbrechen aufklären konnten, häufig in den Wunden verborgen, und um sie zu finden, musste man die Wunden kennen und genau untersuchen – nicht wie ein Richter, sondern wie ein Chirurg.

So ging es, bis Cis Großvater plötzlich erkrankte und eines Nachts starb. Nach der Beerdigung musste der Vater den Posten als Buchhalter und die Wohnung in Lin’an aufgeben, um die traditionelle Trauerzeit zu begehen. Ohne Arbeit und ohne Dach über dem Kopf kehrte die Familie – zu Cis großem Unglück – ins Dorf zurück.

Sein Bruder Lu hatte sich verändert. Er hatte Land gekauft, lebte inzwischen in einem neuen, großen Haus und beschäftigte mehrere Tagelöhner. Als sein Vater, gezwungen durch die Umstände, an seine Tür klopfte, nötigte Lu ihn zu einer Entschuldigung, bevor er seinen alten Herrn eintreten ließ und ihm ein kleines Zimmer anbot, anstatt ihm das eigene zu überlassen. Ci behandelte er zunächst mit der gewohnten Gleichgültigkeit, doch als er bemerkte, dass der jüngere Bruder nicht mehr spurte wie ein treues Hündchen, und dass sein ganzes Interesse den Büchern galt, begann er, all seinen Zorn auf Cis Rücken zu entladen. Nur auf dem Feld zeige sich der wahre Wert eines Mannes. Dort würden weder seine Texte noch seine Studien helfen, Reis oder Bauern herbeizuzaubern. Für Lu war sein kleiner Bruder nur ein zwanzigjähriger Nichtsnutz, den er ernähren musste – und das ließ er ihn spüren. Cis Leben verwandelte sich in eine einzige Serie von Erniedrigungen, was dazu führte, dass ihn mit seinem Dorf ein immer tieferer Hass verband.

Ein frischer Windstoß holte Ci in die Gegenwart zurück.

Lu war inzwischen aufgestanden, er saß neben der Mutter und schlürfte geräuschvoll seinen Tee. Als er Ci erblickte, spuckte er auf den Boden aus und setzte die Tasse mit Schwung auf dem Tisch ab. Ohne ein Wort zu sagen und ohne auf den Vater zu warten, griff er nach seinem Bündel und verließ grimmig das Haus.

»Er sollte mal lernen, sich zu benehmen«, murmelte Ci, während er den Tee aufwischte, den sein Bruder verschüttet hatte.

»Und du solltest lernen, ihn zu respektieren, schließlich leben wir in seinem Haus«, sagte seine Mutter, ohne den Blick vom Feuer abzuwenden. »Ein starkes Heim …«

Ja, ein starkes Heim war eines, in dem ein mutiger Vater, eine kluge Mutter, ein gehorsamer Sohn und ein zuvorkommender Bruder lebten. Das musste ihm niemand mehr vorbeten. Es reichte, dass Lu ihn jeden Morgen daran erinnerte.

Obwohl es eigentlich nicht seine Aufgabe war, breitete Ci die Bambusmatten aus und stellte die Schälchen auf den Tisch. Die Krankheit, die Mei Mei in der Brust saß, hatte sich verschlimmert, und es machte ihm nichts aus, seiner Schwester ihre Pflichten abzunehmen. Sorgsam achtete er darauf, dass die Anzahl der Schälchen eine gerade Ziffer ergab, den Ausguss der Teekanne richtete er zum Fenster hin aus, damit er auf keinen der Tischgenossen zeigte. In der Mitte platzierte er den Reiswein und den Milchbrei, daneben die Karpfenklößchen. Sein Blick fiel auf die rußgeschwärzte Kochstelle und das Waschbecken voller Sprünge. Dieser Ort glich eher einer alten Schmiede als einem behaglichen Heim, dachte Ci missmutig.

Kurz darauf erschien hinkend sein Vater, sein Anblick versetzte Ci einen Stich. Wie alt er geworden war! Fast schien es, als sei seine Gesundheit gleichzeitig mit der von Mei Mei gewichen. Mit unsicheren Schritten und gesenktem Blick wankte der Alte an den Tisch, sein spärlicher Bart hing ihm in dünnen Fäden vom Kinn. Kaum ein Funken mehr des geschäftigen und gewissenhaften Beamten war zurückgeblieben, der Ci die Liebe zur Methodik und zur Genauigkeit weitergegeben hatte. Müde betrachtete der Vater seine groben und schwieligen Hände, die früher stets außerordentlich gepflegt gewesen waren. Sicher vermisste er die Tage, an denen er sie gebraucht hatte, um Justizakten zu studieren. Am Tisch ging er schwerfällig in die Knie, stützte sich dabei auf seinen Sohn und lud die anderen mit einer Geste ein, Platz zu nehmen. Ci folgte dem Wunsch des Familienoberhauptes, und die Mutter setzte sich an die Seite des Tisches, die der Küche am nächsten war. Die Frau schenkte Reiswein ein. Mei Mei gesellte sich nicht zu ihnen an den Tisch, zu matt war sie vom Fieber, wie schon die ganze Woche.

»Bist du heute zum Abendessen da?«, fragte die Mutter. »Nach so vielen Monaten wird es Richter Feng sicher freuen, dich wiederzusehen.«

Um nichts auf der Welt hätte Ci sich das Treffen mit Feng entgehen lassen. Ohne erkennbaren Grund hatte sein Vater offenbar beschlossen, die Trauerzeit vorzeitig zu beenden und nach Lin’an zurückzukehren – in der Hoffnung, dass Richter Feng ihn wieder einstellen würde? Er wusste nicht, ob Feng aus diesem Grund ins Dorf kam, aber das war es, was sie alle im Stillen herbeiwünschten.

»Lu hat mir aufgetragen, den Büffel hoch auf die neue Parzelle zu bringen, und dann wollte ich Kirschblüte besuchen, aber zum Essen bin ich wieder da.«

»Kaum zu glauben, dass du zwanzig Jahre alt bist. Dieses Mädchen verdreht dir vollkommen den Kopf«, sagte sein Vater. »Wenn du dich weiterhin so häufig mit ihr triffst, kannst du sie bald nicht mehr sehen.«

»Kirschblüte ist das einzig Gute, das dieses Dorf zu bieten hat. Außerdem darf ich daran erinnern, dass ihr selbst unsere Hochzeit vereinbart habt«, gab Ci zurück, während er den letzten Bissen herunterschluckte.

»Nimm die Süßigkeiten mit, dafür habe ich sie gemacht«, bot ihm die Mutter an.

Ci erhob sich und verstaute die Süßigkeiten in seinem Beutel. Bevor er hinausging, verabschiedete er sich von Mei Mei, die im Dämmerschlaf lag, küsste ihre heißen Wangen und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das Mädchen blinzelte. Er zog die Süßigkeiten hervor und schob sie unter ihre Decke.

»Lass das die Mutter nicht sehen«, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie lächelte stumm, zu schwach, um etwas zu erwidern.

* * *

Der Regen spornte Ci zur Eile an, während er durch den Schlick des Reisfeldes stapfte. Er zog das durchnässte Hemd aus, und seine Arme spannten sich, als er die Peitsche auf den Büffel hinabsausen ließ, der nur langsam vorankam, so als spürte er, dass auf diese Furche nur eine weitere folgen würde, und auf diese immer noch eine weitere.

Sein Bruder hatte ihm aufgetragen, einen Kanal auszuheben, um das neue Feld trockenzulegen, doch die Arbeit am Feldrain erwies sich als äußerst mühsam wegen der Steindämme, die die Felder voneinander trennten. Erschöpft ließ Ci seinen Blick über das überflutete Reisfeld wandern, es glich einem einzigen Schlammloch. Seufzend trieb er den Büffel an, sich weiter durch den Schlick zu arbeiten. Plötzlich blieb der Pflug stecken.

»Schon wieder eine Wurzel«, fluchte Ci.

Unbarmherzig prasselte der Regen auf Herr und Tier nieder. Ci versuchte, den Büffel rückwärts aus dem Schlamm zu bugsieren, doch der Pflug bewegte sich keinen Millimeter. Resigniert sah er auf.

»Ich habe keine Wahl.«

In vollem Bewusstsein des Schmerzes, den er dem Tier zufügte, riss er an dem Metallring, den es in der Nase trug, und zog gleichzeitig die Zügel an. Der Büffel machte einen Satz nach vorn, und der Pflug ließ ein knirschendes Geräusch vernehmen. In dem Augenblick wurde Ci klar, dass er erst die Wurzel hätte ausreißen müssen.

»Verdammt, wenn ich den Pflug kaputtgemacht habe, setzt es eine ordentliche Tracht Prügel von meinem Bruder.«

Er holte tief Luft und versenkte die Arme in den Schlamm, bis er die harten Wurzelstränge spürte. Energisch riss er daran, doch nach einigen vergeblichen Versuchen gab er auf und beschloss, das Sägemesser, das er in der Satteltasche mit sich führte, zu Hilfe zu nehmen. Er kniete sich wieder auf den Boden und begann, unter Wasser zu arbeiten. Er zog ein paar Stümpfe hervor, die er weit von sich schleuderte, und begann an den größeren herumzusägen. Als er mit dem dicksten beschäftigt war, spürte er ein Ziehen im Finger.

Bestimmt habe ich mich geschnitten, fuhr es ihm durch den Kopf. Obwohl er keinerlei Schmerz spürte, untersuchte er seinen Finger aufmerksam. Schuld war diese eigenartige Krankheit, mit der die Götter ihn seit seiner Geburt gestraft hatten, und die ihm an jenem Tag bewusst geworden war, als seine Mutter mit einem Topf in der Hand stolperte und ihn versehentlich mit kochend heißem Öl begoss. Er war damals erst vier Jahre alt gewesen, und er hatte nicht mehr gespürt als beim Waschen mit lauwarmem Wasser. Allein der Geruch von verbranntem Fleisch hatte ihm signalisiert, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Sein Oberkörper und seine Arme sollten für immer von den Verbrennungen gezeichnet bleiben, seit dem Tag erinnerten die Narben ihn daran, dass sein Körper anders war als der der übrigen Kinder und dass er, obwohl er sich glücklich schätzte, keine Schmerzen zu empfinden, besonders darauf achten musste, sich keine Wunden zuzufügen. Da er weder Schläge spürte noch Schmerzen nach extremer physischer Anstrengung ihn anzufechten vermochten und er sich bis zum Umfallen ausbeuten konnte, übertrat er oft genug unbemerkt die Grenzen seines Körpers und wurde krank.

Er erschrak, als er seine Hand aus dem Wasser zog – sie war blutüberströmt. Der Schnitt musste sehr tief sein, alarmiert riss er ein Tuch aus der Satteltasche. Als er die Hand jedoch getrocknet hatte, entdeckte er nichts weiter als einen kleinen blauen Fleck.

Erstaunt, aber nicht beunruhigt machte er sich wieder an die Arbeit, dort, wo die Pflugschar sich verfangen hatte. Er bog die Wurzeln zur Seite, und dabei bemerkte er, wie sich das schlammige Wasser rot zu färben begann. Er lockerte das Geschirr, um die Pflugschar zu lösen, und trieb seinen Büffel zur Seite. Dann blieb er reglos stehen und beobachtete das Wasser. Sein Atem ging schneller. Der Regen trommelte auf das Reisfeld und erstickte jedes andere Geräusch. Hin und her gerissen zwischen Staunen und Furcht näherte er sich langsam dem kleinen Krater, den der Pflug an der Stelle gegraben hatte, wo er steckengeblieben war. Sein Magen zog sich zusammen, als er Luftbläschen aus dem Krater aufsteigen sah, die sich mit den Blasen vermischten, die der Regen auf der Wasseroberfläche bildete. Er war drauf und dran, kehrtzumachen, doch er beherrschte sich. Vorsichtig ging er in die Hocke und näherte sein Gesicht dem Wasser. Ein neuerlicher Schwall blutiger Blasen stieg auf. Plötzlich regte sich etwas unter der Wasseroberfläche. Unwillkürlich fuhr Ci zurück, doch als er sah, dass es sich nur um einen aufgeregten kleinen Karpfen handelte, atmete er erleichtert auf.

»Dummes Tier.«

Er wollte einen Schritt zurücktreten, doch er rutschte aus und fiel in einem Strudel aus Schlamm, Schmutz und Blut ins Wasser, mit dem Gesicht auf einen harten Knoten aus Wurzelsträngen. Erschreckt riss er die Augen auf – was er sah, ließ ihm den Atem stocken: Vor ihm im Gestrüpp trieb, mit einem Knebel im Mund, der abgetrennte Kopf eines Mannes.

Er zitterte am ganzen Leib und schrie, bis er heiser wurde, doch niemand kam ihm zur Hilfe. Erst nach einer Weile fiel ihm ein, dass die Parzelle seit einiger Zeit nicht bewirtschaftet wurde und dass sich die Bauern auf der anderen Seite des Berges konzentrierten. Er setzte sich einige Schritte vom Pflug entfernt auf den Boden und schaute sich um. Nichts. Niemand. Als das Zittern nachließ, überlegte er, ob er den Büffel alleine zurücklassen und hinunter ins Dorf gehen sollte, um Hilfe zu holen. Die andere Möglichkeit war, im Reisfeld darauf zu warten, dass sein Bruder wieder auftauchte. Keine der beiden Optionen überzeugte ihn wirklich, doch da Lu bald kommen musste, entschied er sich zu warten. An diesem Ort wimmelte es von Raubtieren, und ein ganzer Büffel war tausendmal mehr wert als ein verstümmelter menschlicher Kopf.

Während er wartete, befreite er die Pflugschar von den übrigen Wurzeln. Das Gerät schien keinen Schaden genommen zu haben, und mit etwas Glück würde Lu ihm nur den Verzug bei der Arbeit vorwerfen. Seufzend machte er sich wieder an seine Arbeit. Er versuchte, eine Melodie zu pfeifen, um sich ein wenig abzulenken, doch in seinem Inneren hallten die Worte seines Vaters wider: ›Probleme löst man nicht, indem man ihnen den Rücken kehrt.‹

Er pflügte zwei Schritte, bevor er den Büffel zum Stehen brachte, um an die Stelle seines schrecklichen Fundes zurückzukehren. Eine Zeitlang beobachtete er unentschlossen, wie der abgetrennte Kopf auf dem Wasser schaukelte. Dann wagte er, ihn genauer zu untersuchen. Die Wangen waren eingedrückt, als hätte jemand wütend darauf herumgetrampelt. Auf der blau verfärbten Haut entdeckte er zahlreiche kleine Bisswunden, die ihm die Karpfen zugefügt haben mussten. Die Augen waren weit aufgerissen, die Lider geschwollen. Aus dem halbgeöffneten Mund ragte der eigentümliche Lumpen, mit dem der Tote geknebelt worden war.

Es war grauenvoll. Ci schloss die Augen und übergab sich. Er hatte erkannt, wer der Tote war: Der abgeschlagene Kopf gehörte dem alten Shang. Dem Vater von Kirschblüte, dem Mädchen, das er liebte.

Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, zwang er sich, den Toten noch einmal anzublicken: Die Gesichtszüge des alten Shang hatten sich zu einer grotesken Fratze verzogen. Vorsichtig zog Ci an dem Lappen, der sich immer weiter entfaltete und immer länger wurde. Als würde man ein Garnknäuel entwirren. Ci verstaute ihn in seinem Ärmel und versuchte, den Kiefer des Toten zu schließen, doch das Gelenk war ausgehakt und ließ sich nicht bewegen.

Mit zitternden Händen wusch er sich das Gesicht mit dem schlammigen Wasser. Er musste den Leichnam finden, und wenn er Tage damit zubringen würde, ihn zu suchen.

Er fand ihn schließlich am Mittag, nur wenige Li von der Stelle entfernt, an der der Büffel ins Straucheln geraten war. Den Rumpf schmückte noch die gelbe Schärpe über dem Kittel mit den fünf Knöpfen, die Shang als ehrenwerten Mann auszeichnete. Doch keine Spur von dem blauen Barett, das er immer getragen hatte.

Es war Ci unmöglich, weiterzuarbeiten. Er setzte sich auf das Steinmäuerchen, das die Parzelle begrenzte, und starrte eine Weile ins Leere. Dann kaute er lustlos auf einem trockenen Stück Reisbrot herum, das er kaum hinunterbekam. Immer wieder betrachtete er den enthaupteten Leichnam des ehrenhaften Shang, den jemand im Schlamm zurückgelassen hatte wie einen hingerichteten Kriminellen. Er fragte sich, welche seelenlose Kreatur einem so respektablen Menschen wie Shang das Leben genommen haben konnte. Shang, der die Seinen liebte, der Traditionen und Riten in Ehren hielt. Wie sollte er das bloß Kirschblüte beibringen?

* * *

Es war bereits Nachmittag, als sein Bruder Lu das Feld erreichte. Er kam in Begleitung von drei Tagelöhnern, die mit Setzlingen beladen waren. Das bedeutete, dass Lu es sich anders überlegt hatte und den Reis pflanzen wollte, ohne darauf zu warten, dass das Gelände trockengelegt war. Ci ließ den Büffel los und lief ihm entgegen. Als er bei ihm anlangte, verbeugte er sich zur Begrüßung.

»Bruder, du wirst nicht glauben, was passiert ist …« Ci schlug das Herz vor Aufregung bis zum Hals.

»Wie sollte ich es nicht glauben, wo ich es doch mit eigenen Augen sehe«, donnerte Lu und deutete auf das weitgehend ungepflügte Feld.

»Ich habe etwas gefunden, eine …«

Der Hieb gegen seine Stirn kam unerwartet, er fiel hintenüber in den Schlamm.

»Verdammter Nichtsnutz«, fauchte Lu wütend und spuckte aus.

Ci hob die Hand an seine Augenbraue, wo aus einer pochenden Wunde Blut quoll. Es war nicht das erste Mal, dass sein Bruder ihn schlug, aber Lu war der Ältere und die konfuzianischen Regeln verboten es Ci, sich zu wehren. Er konnte das Auge kaum öffnen, dennoch entschuldigte er sich.

»Tut mir leid, Bruder. Ich habe mich verspätet, weil …«

»Weil dem feinen Herrn Studenten der Mumm in den Knochen fehlt!«, unterbrach ihn Lu. »Weil der feine Herr Student denkt, dass der Reis sich von alleine pflanzt!« Er trat Ci unbarmherzig in die Seite. »Weil der feine Herr Student ja seinen Bruder Lu hat, der für ihn schuftet!« Ärgerlich klopfte Lu sich die Hosen ab, dann erst gestattete er Ci, sich zu erheben.

»Ich ha… be eine Lei… che gefunden«, stammelte Ci.

Lu zog erstaunt eine Augenbraue hoch. »Eine Leiche? Was meinst du damit?«

»Da drüben …«, sagte Ci leise.

Lu wandte sich zu der Stelle, an der sich bereits einige geschäftig pickende Krähen versammelt hatten. Grimmig zog er seinen Rohrstock hervor und ging hinüber, ohne weitere Erklärungen abzuwarten. Entsetzt beobachtete Ci, wie sein Bruder gegen den Kopf trat.

»Verdammt«, fluchte Lu lautstark. »Und du hast ihn hier gefunden?« Er packte den Kopf an den Haaren und hob ihn vom Boden auf. Angewidert streckte er ihn von sich. »Beim Barte des Konfuzius! Ist das nicht Shang? Wo ist der übrige Leichnam?«

»Dort … Neben dem Pflug«, sagte Ci matt.

Lu wandte sich an seine Tagelöhner. »Ihr zwei, schafft die Leiche fort von hier, na los, worauf wartet ihr noch! Und du, lad die Setzlinge ab und leg den Kopf in einen der Körbe. Verdammt seien die Götter! Wir kehren ins Dorf zurück.«

Ci ging hinüber zu dem Büffel, um ihm das Geschirr abzunehmen.

»Darf man erfahren, was zum Teufel du da machst?«, erkundigte sich Lu.

»Hast du nicht gesagt, dass wir ins Dorf …«

»Wir schon«, erklärte Lu barsch. »Du allerdings lässt dich dort erst wieder blicken, wenn du deine Arbeit getan hast. Verstanden?«

2

Den Rest des Nachmittags verbrachte Ci damit, den Gestank einzuatmen, den das schaukelnde Hinterteil des Büffels verströmte, während er darüber nachgrübelte, welches Verbrechen der alte Shang begangen haben mochte, um so zu enden. Soweit er wusste, hatte Shang zeit seines Lebens keine Feinde gehabt und war allseits respektiert gewesen. Das Schlimmste, das er sich hatte zuschulden kommen lassen, war, dass er zu viele Mädchen gezeugt hatte, weshalb er schuften musste wie ein Sklave, um für jede eine Mitgift zusammenzutragen, die sie attraktiv machte … Unvorstellbar, dass es ein Mörder auf Shang abgesehen haben könnte.

Als er aus seinen Grübeleien auftauchte, ging bereits die Sonne unter. Außer dem Pflügen hatte Lu ihm aufgetragen, den Berg aus schwarzem Schlamm zu verteilen, der am Feldrand aufgehäuft war. Missmutig verteilte er einige Schaufeln der Mischung aus menschlichen Exkrementen, Lehm, Asche und pflanzlichen Überresten, die sie üblicherweise als Dünger verwendeten, auf das Reisfeld. Was sich danach noch am Rand häufte, ebnete er ein, damit es aussah, als habe er seine Arbeit erledigt. Schließlich trieb er den Büffel rückwärts vom Feld, sprang auf den Rücken des schwerfälligen Tiers und kehrte ins Dorf zurück.

Auf dem Weg sann Ci über vergleichbare Mordfälle nach, die ihm während seiner Zeit in Lin’an begegnet waren. Er hatte Richter Feng bei der Untersuchung unzähliger Gewaltverbrechen assistiert, sogar brutale Ritualmorde von Sekten waren dabei gewesen, doch niemals war ihm ein derart grausam verstümmelter Körper untergekommen. Zum Glück befand sich der Richter zurzeit im Dorf, und Ci hatte keinen Zweifel, dass es ihm gelingen würde, den Verantwortlichen ausfindig zu machen.

Kirschblüte lebte mit ihrer Familie in einer Hütte, die sich kaum auf ihren wurmstichigen Holzpfeilern hielt. Als Ci sich dem Haus näherte, packte ihn die Angst. Er hatte sich einige Sätze zurechtgelegt, wie er das Vorgefallene berichten könnte, doch in diesem Augenblick überzeugte ihn keiner mehr recht. Es regnete in Strömen, doch er verharrte reglos vor der Tür. Zögernd hob er seinen zitternden Arm, ließ ihn jedoch gleich wieder sinken. Er biss sich verzweifelt auf die Unterlippe – was sollte er Kirschblüte bloß sagen? Schließlich nahm er seinen Mut zusammen und klopfte an. Die einzige Antwort, die aus dem Haus zu ihm drang, war Stille. Nach dem dritten Versuch musste er einsehen, dass niemand aufmachen würde. Niedergeschlagen gab er sein Vorhaben auf und kehrte nach Hause zurück.

Sein Vater empfing ihn mit Vorwürfen wegen der Verspätung, kaum dass er die Tür geöffnet hatte. Richter Feng war zum Abendessen gekommen, und sie warteten bereits seit einer Weile auf ihn. Beim Anblick des Gastes faltete Ci die Hände vor der Brust zusammen und verbeugte sich entschuldigend.

»Bei allen Dämonen!« Der Richter begrüßte seinen einstigen Schützling mit ehrlichem Erstaunen. »Was geben sie dir hier bloß zu essen? Letztes Jahr warst du noch ein Kind!«

Mit seinen zwanzig Jahren war Ci tatsächlich nicht mehr der schmächtige Junge, über den sich ganz Lin’an lustig machte. Die Feldarbeit hatte seinen Körper gestärkt, es war ein sehniger junger Mann aus ihm geworden. Ci lächelte schüchtern, dabei entblößte er eine perfekte Zahnreihe. Der alte Richter hatte sich kaum verändert. Sein ernstes, von feinen Falten überzogenes Gesicht war wie gewohnt von einem gepflegten grauen Bart umsäumt. Seinen Kopf krönte eine zweiflügelige Seidenkappe, die seinen Rang anzeigte.

»Ehrenwerter Richter Feng«, brachte Ci hervor. »Entschuldigt meine Verspätung, aber …«

»Mach dir keine Gedanken, mein Sohn«, sagte Feng. »Komm rein, du bist ja völlig durchnässt.«

Ci eilte in sein Zimmer und kam gleich darauf mit einem kleinen Päckchen zurück, das in ein edles rotes Papier eingeschlagen war. Seit einem Monat wartete er auf diesen Moment. Seit er wusste, dass Richter Feng sie nach so langer Zeit wieder einmal besuchen würde.Wie es Sitte war, lehnte Feng das Geschenk zunächst drei Mal ab, bevor er es schließlich annahm.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen.« Der Richter betrachtete das Päckchen, ohne es auszuwickeln, denn sonst würde es bedeuten, dass er dem Inhalt mehr Bedeutung beimaß als der Geste des Schenkens an sich.

»Er ist gewachsen, das ja, aber wie Ihr seht, ist er genauso verantwortungslos wie immer«, sagte Cis Vater.

Ci zögerte. Die Regeln der Höflichkeit verboten, dass er den Gast mit Dingen belästigte, die nichts mit seinem Besuch zu tun hatten, doch vielleicht erlaubte ein Mordfall, sich ausnahmsweise über diese Regeln hinwegzusetzen. Er sagte sich, dass der Richter schon Verständnis haben würde.

»Verzeiht die Unhöflichkeit«, platzte es aus Ci heraus, »aber ich muss Euch etwas Schreckliches erzählen. Man hat Shang ermordet! Er wurde geköpft!«

Sein Vater betrachtete ihn ernst.

»Ja, dein Bruder Lu hat uns davon erzählt. Jetzt setz dich, wir essen. Wir wollen unseren Gast nicht länger warten lassen.«

Ci konnte nicht fassen, mit welcher Gelassenheit sein Vater und Feng das Geschehene zur Kenntnis nahmen. Shang war der beste Freund seines Vaters gewesen, und trotzdem saß er seelenruhig mit dem Richter beisammen und aß, als wäre nichts passiert. Ci versuchte es ihnen gleichzutun, doch wollte ihm das Mahl nicht schmecken. Das entging seinem Vater nicht.

»Wir können nichts mehr tun, Ci«, sagte er. »Lu hat Shangs Leichnam den Behörden übergeben, und seine Familie hält bei ihm Totenwache. Du weißt doch, dass Richter Feng in dieser Subpräfektur nicht zuständig ist, also können wir nur darauf warten, dass man einen Justizbeamten schickt, der den Fall untersucht.«

Das wusste Ci in der Tat, doch er wusste auch, dass der Mörder bis dahin über alle Berge sein konnte. Und was ihn am meisten irritierte, war die Ruhe seines Vaters. Feng schien seine Gedanken zu lesen.

»Ich habe mit den Angehörigen gesprochen«, sagte der Richter. »Morgen werde ich die Leiche untersuchen.«

Den übrigen Abend sprachen sie über andere Dinge, während der Regen wütend auf das Schieferdach trommelte. Im Sommer wurde die Gegend oft überraschend von Taifunen heimgesucht, und diesmal schien es Lu erwischt zu haben. Vollkommen durchnässt kam er nach Hause, nach Likör stinkend und mit trüben Augen. Beim Eintreten stolperte er ungeschickt, grüßte den Richter knapp mit einer unverständlichen Formel und verschwand direkt in sein Zimmer.

»Ich glaube, für mich ist es an der Zeit, aufzubrechen«, sagte Feng und strich sich über den Bart. »Ich hoffe, du denkst nach über das, was wir besprochen haben«, fügte er an den Vater gewandt hinzu. »Und was dich betrifft, Ci, wir sehen uns morgen zur Stunde des Drachens, beim Haus des Dorfvorstehers, wo ich wohne.«

Als sich die Tür hinter Richter Feng schloss, sah Ci seinen Vater forschend an. Sein Herz klopfte erwartungsvoll.

»Hat er zugestimmt? Hat er gesagt, wann wir zurückkommen können?«, wagte er schließlich zu fragen.

»Setz dich, mein Sohn. Noch eine Tasse Tee?«

Der Vater goss sich die Tasse bis obenhin voll, dann schenkte er seinem Sohn ein. Traurig sah er Ci erst an, dann senkte er den Blick.

»Es tut mir leid, Ci. Ich weiß, wie gerne du nach Lin’an zurück willst …« Geräuschvoll nahm er einen Schluck Tee. »Aber manchmal laufen die Dinge anders, als man sie plant.«

Ci ließ seine Tasse in der Luft schweben. »Das verstehe ich nicht! Ist etwas passiert? Hat Feng Euch den Posten nicht angeboten?«

»Doch. Das hat er gestern getan.« Der Vater nahm einen weiteren Schluck.

»Und?« Ungeduldig stand Ci auf.

»Setz dich, mein Sohn.«

»Aber Vater … Ihr habt es versprochen … Ihr habt gesagt …«

»Setz dich, bitte, habe ich gesagt!«

Ci musste schlucken, doch er gehorchte.

»Mein Sohn, es gibt Dinge, die du nicht verstehen kannst.«

Der Junge verstand nicht, was es da zu verstehen gab. Sollte er weiterhin jeden Tag die Verachtung seines Bruders Lu über sich ergehen lassen? Sollte er hinnehmen, dass seine Zukunft an der Universität von Lin’an zerstört wurde?

»Und was wird aus unseren Plänen, Vater? Und was wird aus unseren …«

Wie eine Sprungfeder schnellte der Vater vor und gab ihm eine Ohrfeige.

»Unsere Pläne? Seit wann hat ein Sohn Pläne?« Seine Augen funkelten zornig. »Wir werden hier bleiben, im Haus deines Bruders! Und zwar so lange, bis ich sterbe!«

Ci verstummte, und sein Vater zog sich zurück.

»Und Eure kranke Tochter Mei Mei?«, rief Ci ihm nach. Seine Wut ließ ihn kühn werden. »So wenig kümmert Euch, was aus ihr wird?«

Als er sich später auf das Bett legte, das er mit seiner Schwester teilte, spürte er sein Herz vor Verzweiflung pochen. Von dem Moment an, als sie wieder im Dorf angekommen waren, hatte er von der Rückkehr nach Lin’an geträumt. Wie jede Nacht schloss er die Augen, um sich in sein altes Leben zurückzuversetzen. Er dachte an die ehemaligen Kameraden und an die Wissenswettbewerbe, aus denen er oft als Sieger hervorgegangen war; an seine Professoren, die er wegen ihrer Disziplin und ihrer großen Bildung bewunderte. Er rief sich den Tag in Erinnerung, an dem Richter Feng ihn als Assistent für die Voruntersuchungen eingestellt hatte. Cis größter Wunsch bestand seither darin, so zu sein wie Feng, auch er wollte eines Tages die Kaiserliche Prüfung ablegen und einen Posten als Richter bekleiden – und sich nicht wie sein Vater nach vielen Jahren eifrigen Bemühens mit einer Anstellung als einfacher Beamter begnügen müssen.

Er fragte sich,warum sein Vater nicht zurückkehren wollte. Er hatte doch gesagt, Feng habe ihm den Posten angeboten, den er sich gewünscht hatte. Wieso hatte er dann über Nacht und ohne erkennbares Motiv radikal seine Meinung geändert? Konnte sein Großvater der Grund sein? Das glaubte er nicht. Die Asche des Verstorbenen konnte man mitnehmen, um auch in Lin’an weiter die familiären Riten für ihn zu vollziehen.

Mei Meis Husten ließ Ci hochfahren. Die kleine Schwester lag an seiner Seite im Halbschlaf, zitterte leicht und atmete schwer. Er streichelte ihr liebevoll übers Haar. Mei Mei hatte sich als widerstandsfähiger erwiesen als Erste und Zweite, denn sie war bereits sieben Jahre auf der Welt, doch genau wie ihre Schwestern würde sie wohl nicht über das zehnte Lebensjahr hinauskommen. Das war das Schicksal, das ihre Krankheit für sie bereithielt. Vielleicht hätte man in Lin’an die richtigen Heilmittel für sie zur Verfügung gehabt.

Er schloss die Augen und drehte sich auf die andere Seite. Er dachte an Kirschblüte, die er heiraten durfte, sobald er die staatlichen Prüfungen hinter sich gebracht hatte. Im Augenblick war sie sicher wegen ihres Vaters am Boden zerstört … Ob der schreckliche Tod von Shang ihre Hochzeitspläne in Frage stellte? Er schämte sich ein wenig, dass er solch egoistische Gedanken anstellte.

Seit dem unerwarteten Tod seines Großvaters waren sechs Monate vergangen … Er unterbrach seine Gedanken, da die Hitze nun doch begann, ihm zuzusetzen. Er stand auf, um sich zu entkleiden. In der Tasche seiner Jacke fand er wieder den blutigen Lumpen, von dem er den armen Shang befreit hatte. Er betrachtete ihn nachdenklich, dann legte er ihn neben sein Nachtlager. Durch das Fenster drang ein Stöhnen aus dem angrenzenden Haus, das Ci seinem Nachbarn Peng zuschrieb, einem kleinen Gauner, dem seit Tagen seine Backenzähne zu schaffen machten. Es war nun schon die zweite Nacht in Folge, in der er keine Ruhe fand.

* * *

Bereits im Morgengrauen verließ Ci das Haus. Er hatte zugesagt, sich mit Feng bei der Residenz von Bao-Pao zu treffen – wo alle Regierungsbeamten wohnten, die das Dorf besuchten –, um ihm bei der Untersuchung der Leiche zur Hand zu gehen. Als er die Tür hinter sich zuzog, drang aus dem Nebenzimmer Lus lautes Schnarchen zu ihm. Wenn der Bruder aufwachte, wäre er schon fort, dachte Ci erleichtert.

Es hatte aufgehört zu regnen, doch die Hitze der Nacht ließ die Feuchtigkeit der Felder als Wasserdampf aufsteigen, und jeder Atemzug legte sich schwer auf seine Lungen. Mit schnellen Schritten durchmaß Ci das Labyrinth aus kleinen Gässchen, aus denen das Dorf bestand. Gleichförmige, rechteckige Hütten mit wurmzerfressenen Balken standen da wie unachtsam hingeworfene Dominosteine. Hie und da leuchtete eine Papierlaterne vor einer offenen Tür, der Duft von Tee lag in der Luft, während Ci wie ein geisterhafter Schatten vorüberzog. Das Dorf wirkte zu dieser Stunde noch recht verlassen, und kein anderes Geräusch war zu hören als das Jaulen der Hunde.

Als er die Residenz von Bao-Pao erreichte, war es taghell. Feng stand in der Vorhalle, bekleidet mit einer kohlschwarzen Robe aus Sackleinen und einem Hut in derselben Farbe. Sein Gesicht verriet keine Regung, doch seine Hände trommelten ungeduldig. Nach der vorschriftsmäßigen Verbeugung drückte Ci ihm seinen Dank aus.

»Ich werde nur einen kurzen Blick auf den Toten werfen können, also spar dir deine langen Worte«, sagte Feng. Als er Cis Enttäuschung bemerkte, fügte er freundlicher hinzu: »Ci, es ist nicht mein Amtsbereich … Aber es würde mich doch wundern, wenn sich die Sache nicht schnell aufklären ließe. In so einem kleinen Dorf den Schuldigen zu finden sollte nicht schwieriger sein, als einen Kieselstein aus dem Schuh zu schütteln.«

Ci folgte dem Richter bis zu einem angrenzenden Schuppen. Vor dem Eingang trafen sie auf einen schweigsamen Mann mit mongolischen Zügen, der sich als der persönliche Assistent von Feng herausstellte. Im Inneren wartete der Dorfvorsteher Bao-Pao, zusammen mit der Witwe und den männlichen Nachkommen des Verstorbenen. Als Ci den geschändeten Leichnam Shangs erblickte, krampfte sich sein Magen zusammen. Die Familie hatte den Toten auf einen Holzstuhl gesetzt: aufrecht und den Kopf mit einigen geflochtenen Schilfhalmen am Rumpf befestigt saß Shang da, ganz so, als sei er noch lebendig. Obwohl er gewaschen, parfümiert und bekleidet worden war, glich er einer blutüberströmten Vogelscheuche. Richter Feng bezeugte den Familienmitgliedern seinen Respekt, nahm sie einen Moment beiseite und bat sie um Erlaubnis, den Leichnam zu untersuchen. Nachdem der Erstgeborene es ihm gestattet hatte, trat Feng neben den Toten.

»Erinnerst du dich, was du tun musst?«, fragte er Ci.

Ci nickte eifrig. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche, seinen Tintenstein und seinen besten Pinsel. Dann kniete er sich neben den Leichnam auf den Boden. Feng fluchte leise darüber, dass sie den Leichnam gewaschen hatten, dann begann er mit der Arbeit.

»Zweiundzwanzigster Mond im Monat der Lotusblüte, Jahr zwei der Kaixi-Ära,Vierzehntes Regierungsjahr unseres geliebten Nin Zong, Sohn des Himmels und ehrenwerter Kaiser der Song-Dynastie. Mit ausdrücklicher Genehmigung der Angehörigen führe ich, Richter Feng, eine behelfsmäßige Voruntersuchung vor der offiziellen Untersuchung durch, die innerhalb von vier Stunden nach der Bekanntgabe des Richters erfolgen muss, den die Präfektur Jianningfu erwählt. Ich führe sie durch in Gegenwart von Li Cheng, dem ältesten Sohn des Toten, seiner Witwe Frau Li, den beiden anderen männlichen Nachkommen Ze und Xin sowie von Bao-Pao, dem Oberhaupt des Dorfes, und meinem Gehilfen Ci, der den Leichnam aufgefunden hat.«

Ci schrieb auf, was Feng diktierte, und wiederholte dabei jedes Wort laut. Feng fuhr fort.

»Der Tote mit Namen Li Shang, Sohn und Enkel von Li, der nach Aussage des Erstgeborenen zum Zeitpunkt seines Dahinscheidens achtundfünfzig Jahre zählte und von Beruf Buchhalter, Bauer und Schreiner war, wurde vorgestern Mittag zum letzten Mal gesehen, nachdem er seine Arbeit im Lagerhaus von Bao-Pao, in dem wir uns augenblicklich befinden, beendet hatte. Sein Sohn sagt aus, dass der Verstorbene keine weiteren Krankheiten hatte als die üblichen Beschwerden seines Alters und der Jahreszeiten und dass nichts über eventuelle Feinde bekannt sei.«

Feng schaute hinüber zum ältesten Sohn, der sich beeilte, die Angaben zu bestätigen, und dann zu Ci, als Aufforderung, das Geschriebene noch einmal vorzulesen.

»Aus Unkenntnis der Familienangehörigen ist der Körper gewaschen und bekleidet worden«, fuhr Feng mit tadelnder Stimme fort. »Sie selbst bezeugen, dass sie in dem Moment, als ihnen der Leichnam übergeben wurde, keine weiteren Verletzungen als den grausamen Schnitt erkennen konnten, der seinen Kopf vom Körper trennte und der zweifellos die Todesursache darstellt. Der Mund des Toten steht weit offen …« Feng versuchte vergeblich, ihn zu schließen. »… und das Kiefergelenk ist versteift.«

»Werdet Ihr ihn nicht entkleiden?«, wunderte sich Ci.

»Das ist nicht nötig.« Feng deutete auf den Schnitt in der Kehle und schaute fragend zu Ci.

»Doppelschnitt?«, vermutete der Junge.

»Ein Doppelschnitt … wie bei einem Schwein.«

Ci betrachtete die Wunde eingehend. Unter der Stelle, an der einmal der Adamsapfel gesessen hatte, war ein glatter horizontaler Schnitt zu erkennen – ein Schnitt, wie man ihn bei Schweinen ausführte, um sie ausbluten zu lassen.Von dort lief ein weiterer Schnitt einmal um den Hals, unregelmäßiger, wie von einer Schlachtersäge. Er wollte seine Beobachtung gerade formulieren, als Feng ihn bat, zu erzählen, wie und wo er die Leiche gefunden hatte. Ci gehorchte und berichtete alles so detailliert, wie es ihm in Erinnerung geblieben war. Als er geendet hatte, blickte Feng ihn ernst an.

»Und das alte Stück Stoff?«

Der Lumpen, natürlich! Wie hatte er den nur vergessen können!

»Du enttäuschst mich, Ci, ganz entgegen deiner Gewohnheit …« Der Richter schwieg einen Augenblick. »Wie du wissen solltest, ist der offene Mund weder Zeichen eines Hilferufs noch eines Schmerzensschreis, er hätte sich sonst durch die Muskelentspannung nach dem Tod geschlossen. Jemand muss ihm also vor oder unmittelbar nach seinem Tod irgendein Objekt in den Mund gesteckt haben, das dort verblieben ist, bis die Muskeln sich zusammenzogen. Was das Material des Objekts betrifft, tippe ich auf Leinen, zumindest deuten darauf die blutigen Textilreste hin, die noch zwischen seinen Zähnen hängen.«

Ci war betroffen. Noch vor einem halben Jahr wäre ihm ein solcher Fehler nicht unterlaufen,aber die fehlende Übung hatte ihn ungeschickt und langsam werden lassen. Er biss sich auf die Lippen und griff in seinen Ärmel.

»Ich hatte vor, ihn Euch zu geben«, entschuldigte er sich und reichte Feng das graue Stück Stoff.

Der Richter untersuchte es gründlich. Der Stoff ähnelte in Form und Größe den Kopftüchern der Kaiserlichen Beamten und wies zahlreiche Blutflecke auf. Zufrieden markierte Feng den Lappen als Beweisstück.

»Beende das Diktat und setze mein Siegel darunter. Dann fertige eine Abschrift für den zuständigen Richter an.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich Feng und verließ den Schuppen. Es hatte wieder begonnen zu regnen. Ci beeilte sich, ihm zu folgen, er holte ihn am Eingang zu den Gemächern ein, die Bao-Pao ihm zur Verfügung gestellt hatte.

»Die Dokumente«, stammelte er.

»Leg sie da hin, auf den Tisch.«

»Richter Feng, ich …«

»Gräm dich nicht, Ci. In deinem Alter konnte ich noch nicht einmal einen Tod durch Erschießen von einem Tod durch Erhängen unterscheiden.«

Das tröstete Ci nur wenig, denn er wusste, dass es nicht stimmte. Er bewunderte den Scharfsinn dieses Mannes, seine Redlichkeit und sein Wissen. Von ihm hatte er alles gelernt, und er wünschte sich nichts sehnlicher als ihn weiter als Meister zu haben – doch wie sollte er das erreichen, wenn er in diesem Bauerndorf gefangen blieb?

Vorsichtig erkundigte sich Ci nach der Anstellung seines Vaters, doch der Richter winkte ab.

»Das ist eine Angelegenheit zwischen deinem Vater und mir.«

Unschlüssig wanderte Cis Blick umher. »Es ist nur, mein Vater … Gestern Abend habe ich mit ihm gesprochen, und er hat mir gesagt … Ich dachte, wir würden nach Lin’an zurückkehren, aber jetzt heißt es …«

Feng sah Ci an, der Junge kämpfte mit den Tränen. Er seufzte und legte seinem einstigen Schützling die Hand auf den Arm.

»Ci, ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte …«

»Bitte, sagt es mir«, flehte Ci.