Horst Herrmann

Sex und Folter in der Kirche

2000 Jahre Folter im Namen Gottes

aufbau digital

Impressum

Mit 7 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0538-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2005 bei Aufbau Taschenbuch,
einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design unter Verwendung des Gemäldes „Martyium der Heiligen Agatha“ von Sebastiano del Piombo

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Inhaltsübersicht

Versuch, zuzuschauen

Tote Kirchen, auflebende Religion

Propaganda der ausgewogenen Gewissen

Der Marktwert fremden Blutes

Religionsdelikt Folter

Unsere Zugehörigkeit

In der Hölle der Gleichgültigkeit

Selbstschutz der Illusionen

Glänzende Oberfläche

Die Anfälligkeit geweihten Stahls für den Rost

Der Teufel im frommen Detail

Zum Beispiel Marienmorde

Ein verdammtes Stückchen Fleisch

Gefolterte Genitalien

Die Falle der Frau Venus

Gewalt braucht Glauben, Hoffnung, Liebe

Folterschule

Haß auf die Nichtbeheimateten

Göttern schmeckt Blut

Was der liebe Gott nicht aushält

Erprobteste Stütze des Despotismus

Das religiöse Urbedürfnis »unser Gott«

Und sein Alltag

Väterliche Opferfreuden

Lust an der Gewalt

Heldenblut und Frauenblut

Große Hure, trunkenes Weib

Foltertod des Sohnes

Das Leben einer Kunstfigur

Kein Mann des Friedens erwünscht?

Aggressive Passion

Das Entsetzen von Golgotha

Eine blutbefleckte Theorie

Der heilige Rest: Reliquien unters Volk gebracht

Geile Suche der Guten

Legende von der Moral der Besten

Der Geist gläubiger Erfinder

Maschinerie der Martern

Blutende Hostien, blutige Pogrome

Die Schuld der Streckbank

Grausame Wüste Sexualität

Masken und Gesichter

Straf-Askese, Folter nach innen und außen

Im Sumpf der Sexualmoral

Folgerungen, auch für Christen

Literatur

Die Kunst der Liebe ist nichts weiter als ein Dutzend Stellungen und ein paar Dutzend Raffinessen, aber die Folter hat tausend Varianten.

Petru Dumitriu

Versuch, zuzuschauen

Sie sprachen vom Jüngsten Gericht? Gestatten Sie mir ein respektvolles Lachen! Ich erwarte es furchtlos: ich habe das Schlimmste erfahren, und das ist das Gericht der Menschen. Bei ihnen gibt es keine mildernden Umstände, sogar die gute Absicht wird als Verbrechen angekreidet … Ich will Ihnen ein großes Geheimnis verraten, mein Lieber. Warten Sie nicht auf das Jüngste Gericht: es findet alle Tage statt.

Albert Camus

Das Wahre und Echte würde leichter in der Welt Raum gewinnen, wenn nicht die, welche unfähig sind, es hervorzubringen, zugleich verschworen wären, es nicht aufkommen zu lassen.

Arthur Schopenhauer

Die Farbe Rot? Das Buch, das Sie soeben in die Hand nahmen, müßte eigentlich, Seite um Seite, tiefrot sein. Die für Druckerzeugnisse ungewöhnliche Farbe hat nicht nur mit der Erkenntnis unserer Schande zu tun.

Auch nicht mit der Scham, die sich bei einigen einstellt, sobald sie sich über die Serien von ungeheuren Verbrechen informieren, die Menschen gegen Menschen begingen und begehen – wegen eines angeblich wahren Menschseins oder gar um eines lieben Gottes willen.

Jedenfalls aus jenen guten Gründen, wie sie alle finden, die ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen.

Immer wieder, immer noch finden sich Jünger, Anhänger von Religionen, die über ihrem Ziel, angeblich dem Heil der Menschheit, den einzelnen Menschen aus dem Blick verlieren. Sie sind, um der Menschheit willen, wie sie vorgeben, andere Menschen zu opfern fähig und bereit.

Religion? Wer denen auf den Leim geht, die ausposaunen, sie habe ausgedient, täuscht sich. Zwar braucht niemand an der Vorstellung festzuhalten, Religion sei eine Uranlage des Menschen. Doch darf der Einfluß der Religion nicht auf die Vergangenheit beschränkt werden. Eine intensive Tradition »in den Seelen« lebt unter uns fort; es wäre verhängnisvoll, sie zu unterschätzen. Menachem Friedman, Soziologe und Anthropologe an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, nannte Religion soeben »ein zentrales Thema unseres modernen Lebens«.

Tote Kirchen, auflebende Religion

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele der Ansicht, das Zeitalter der Religionen sei zu Ende. Immerhin boten sich wichtiger denn je gewordene Alternativen: der Rationalismus, der Sozialismus. Sind aber, fragt Friedman, nicht beide vor unseren Augen gescheitert? Auch der Rationalismus, der sein Versprechen nicht einlösen konnte, »allen alles verständlich« zu machen?

Religion dagegen, deren ursprüngliche Erfahrung von Schrecken begleitet ist, darf in tausend Gewändern, in abertausend Verhüllungen auftreten. Ihre Propheten, die sich gegenseitig falsch heißen, mögen sich in noch so viele Schafspelze kleiden (Mt. 7,15) – religiöse Erwartungshaltungen sind nicht abzulegen. Der entsprechende Blick nach oben, unten, innen blieb üblich. Kirchenaustritte täuschen über die Lage hinweg: Religion, oft ein diffuses Gemenge der in jeder Generation auftretenden Sinn-, Orientierungs- und Heilserwartungen, bleibt in. Während dem Rationalismus bereits Versagen vorgehalten wird und Aufklärung wieder als suspekt gilt, darf Religion fröhlich weiterwirken. Der spirituelle Markt ist noch lange nicht gesättigt.

Kein Wunder, daß Dutzende von New-Age-Kongressen und -Seminaren rings um den Erdball die neuen Dogmen des Herzens, des Mutterschoßes, der überfließenden Sensitivität, der umfassenden Verschwisterung, der kumpelhaften Duz-Brüderschaft und -Schwesternschaft enthusiastisch feiern. Ein Blick auf die ekstatisch geöffneten Augen, die bereitwilligen Gesichter der gegenwärtig Erwählten sagt alles. Es scheint sogar, als sei die masochistische Bereitschaft solcher Menschen, sich als Opfer zu fühlen, ebenso wie ihre Zahlungswilligkeit um so größer, je unsinniger, »unverkopfter« die fundamentale These des jeweiligen Gurus ausfällt. Ketzerische Gedanken sind im Vergleich mit dem seltsam Entzückenden, Sinnberückenden, Berauschten nicht gefragt.

Die Kirchen, Großorganisationen des herkömmlichen Christentums, sind schockiert, weil sie die frischen Wasser der religiösen und pseudoreligiösen Energien nicht auf ihre Gottesmühlen zu leiten vermögen. Doch sie sind zu schwach, auch nur einen bescheidenen Anteil an der gegenwärtigen Glaubensrenaissance zu beanspruchen. Ihre Geschichte ist entlarvt, ihre Glaubwürdigkeit litt schwersten Schaden. Ihre geistlos verwalteten Strukturen lassen keine Rettung des Feuers zu; dieses brennt anderswo.

Es wirkt nur noch komisch, wenn Kirchenvertreter, denen in letzter Zeit die Menschen in Scharen davonlaufen, vom neuen Aufbruch des Glaubens in den Seelen sprechen und dabei ausgerechnet an ihresgleichen denken. Sie haben keinen Grund, die Entwicklung anzuprangern. Die christlichen Kirchen haben die Vernunft nicht gepachtet, auch wenn Sektenbeauftragte, die neuen Inquisitoren, dies vorgeben: Der christliche Glaube verlangt nicht weniger, sondern mehr irrationalen Glauben, als manche »Sekte« einzufordern wagt.

Erst recht nicht dürfen jene Großkirchen, die nicht nur acht Milliarden Euro Kirchensteuer pro Jahr einnehmen, sondern auch Subventionen in Milliardenhöhe für ihre Zwecke kassieren, auf die ungezügelte Spendenfreudigkeit von Sektenmitgliedern verweisen und bestimmte Sekten als »bloße Wirtschaftsunternehmen« charakterisieren: heuchlerisch, einen wesensmäßigen Zusammenhang von Glaube und Geld nur bei anderen anzunehmen und sich selbst auszunehmen. Freilich ist es ein erprobtes Prinzip, den Splitter im Auge anderer zu sehen und den Balken im eigenen zu übersehen (Mt. 7,3). Doch wer im Glashaus sitzt …

Im übrigen erklärten uns die beiden größten nichtstaatlichen Grundbesitzer der Republik bis heute nicht, wie sie in den Besitz ihrer immensen Ländereien gelangten. Es ist bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen, daß bischöfliche Raubzüge und Raubkriege, klerikale Betrügereien größten Ausmaßes, oberhirtlich legitimierter Mord für den Gewinn verantwortlich zeichnen.

Auch die Folter hat ihren Anteil. Immerhin waren die erpreßten Opfer nicht selten vermögend; ihr Hab und Gut wurde nach Tortur, Geständnis, Hinrichtung zugunsten kirchlicher Oberen eingezogen. Noch ist unklar, was aus diesen Folter-Gewinnen wurde. Wieviel Besitz der heutigen Kirche mag sich diesem Dunkel verdanken? Doch fand sich ein Bischof, der auch nur am Rande einer Predigt auf solche Sachverhalte eingegangen wäre? Stellt sich ein Oberhirte überhaupt die Frage?

Der Zürcher Jurist und Religionswissenschaftler Robert Kehl stellt fest, daß bis vor etwa zehn Jahren der Religion kaum eine Bedeutung als einer schlimmste Konflikte auslösenden politischen Kraft zugeschrieben wurde. Das Dogma der Berufspolitiker und der meisten Meinungsmacher in den westlichen Medien lautete: Hinter einem Krieg und/oder einer Revolution können nur handfeste politische und wirtschaftliche Interessen stehen. Doch die Ereignisse der letzten Zeit belehrten uns eines Besseren. Manche Menschen beginnen zu realisieren, daß religiöse Überzeugung und weltanschauliche Verbissenheit als Kriegsauslöser nicht weniger wichtig sind als andere Faktoren.

Zur Erinnerung die jüngere Vergangenheit: Der Schriftsteller C. Malaparte schildert, wie ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit erregte, den er beim Besuch des Kroatenführers Ante Pavelić in dessen Büro vorgefunden hatte. Dieser hob auf die Nachfrage Malapartes »den Deckel des Behältnisses und zeigte mir diese Meeresfrüchte, diese Masse von gallertartigen schillernden Austern und sagte mit einem Lächeln, seinem guten Lächeln: Das ist ein Geschenk meiner treuen Freunde, zwanzig Kilo menschlicher Augen!«

Pavelić war bekennender Christ und Faschist. Der Diktator ist schuldig an Folter und Mord, die die Seinen zwischen 1941 und 1943 beim katholischen Feldzug gegen die serbisch-orthodoxe Kirche verübten. In diesem Zeitraum wurden zirka dreihundert orthodoxe (also christliche!) Kirchen ausgeraubt, zu Warenhäusern, Ställen, öffentlichen Toiletten gemacht. Hinzu kamen die gnadenlose Zwangsmissionierung von 240 000 Serben, die von orthodoxen Christen zu katholischen Christen befördert wurden, und die Hinschlachtung von etwa einer dreiviertel Million Andersgläubiger, oft nach grauenvollsten Foltern. Ihnen wurden Nasen, Ohren abgeschnitten, die Augen ausgestochen (zwanzig Kilo für den Chef!), die Haut wurde abgezogen. Kinder, Frauen, Greise sind lebendig verbrannt, lebendig gevierteilt, lebendig in Stücke geschnitten, lebendig gekreuzigt, lebendig begraben worden.

Die Kirche war eng mit den Mörderbanden verbunden. Ein Teil ihres Klerus war aktiv bei den Massakern tätig. Priester bekannten, es sei »die Zeit gekommen für den Revolver und das Gewehr«, es sei auch »keine Sünde mehr, ein siebenjähriges Kind zu töten, wenn es gegen die Gesetzgebung verstößt«. Ein katholischer Erzbischof erkannte die Hand Gottes in diesem Werk, dankte seinem Klerus, rechtfertigte wörtlich auch die gegen die Juden angewandten Methoden.

Und so wurde der orthodoxe Metropolit in Zagreb, wo dieser Erzbischof und der päpstliche Nuntius residierten, so lange gefoltert, bis er wahnsinnig wurde. Der Metropolit von Sarajewo wurde erwürgt. Ein einundachtzigjähriger Bischof, der nur orthodoxen, aber nicht katholischen Glaubens war, bekam die Füße wie ein Pferd beschlagen. Dann zwang man ihn, so lange zu gehen, bis er ohnmächtig zusammenbrach. Daraufhin entzündeten die Peiniger auf seiner Brust ein Feuer, stachen ihm die Augen aus, schnitten ihm Ohren und Nase ab, erstachen ihn. Doch welcher Katholik erfuhr von solchen Märtyrern, von den Opfern seiner eigenen Kirche? Wer wurde informiert über den blutigen Hintergrund, den seine Konfession für den gegenwärtigen Krieg abgibt? Alles schon vertuscht, verschwiegen, vergessen?

Pavelić, von dessen Grausamkeit sich selbst Hitler distanzieren mußte, entkam nach dem Zusammenbruch seines Gottesreiches. Papst Pius XII. aber, besser informiert als jeder andere, hatte diesen Bekenner eines »Kroatien Gottes und Marias« nicht nur im Vatikan feierlich empfangen, als praktizierenden Katholiken gelobt und mit den besten Wünschen für die weitere Arbeit entlassen, sondern Pavelić auf dessen Sterbebett im spanischen Exil auch seine besonderen Segensgrüße geschickt …

Höchst unklug, die Sprengkraft der nach wie vor zu beobachtenden Ideen religiöser Gewalt nicht ernst zu nehmen. Aus der Perspektive der einschlägigen Ideologien ist es zum Beispiel immer besser – und daher notwendig –, daß ein einzelner Mensch für das Volk sterbe, als daß das ganze Volk untergehe. Das Prinzip stellt ganz einfach und wie selbstverständlich Freibriefe für das Foltern wie für das Töten aus. Es wägt das Leben des und der einzelnen gegen das Interesse der vielen ab und rechnet in Gewichts- und Quantitätskategorien. Die Frage stellt sich von Fall zu Fall, gegen wen der inhumane Grundsatz gerichtet werden wird, wer also tatsächlich gefoltert und getötet werden darf.

Das Evangelium legt diese Handlungsanweisung dem Hohenpriester Kaiphas in den Mund (Jo. 18,14), dem Hauptrepräsentanten einer konkurrierenden Religion. Damit ist unter Christen mit der Autorität des Gotteswortes die Schuld der Juden festgeschrieben; dieses Vorgehen blieb bekanntlich nicht ohne schlimmste geschichtliche Konsequenzen.

Auch die letzten Jahre lösten sich keineswegs von dem traditionellen christlichen Vorwurf. So behauptete 1992 ein Artikel über die »wahre katholische Tradition der Judenverdammung«, die Lehre von der Kollektivschuld des Judentums an der Tötung Christi sei unbedingt gesichert, das jüdische Volk wegen Gottesmord verdammt und verflucht. 1993 lehnte es eine orthodox-katholische Redaktion ab, von Solidarisierung mit einem Volk zu sprechen, das »als solches den Mord an unserem Herrn Jesus Christus zu verantworten hat«. Auf jeden Fall brauche die Kirche die Juden, »die ihr so oft mit Feindschaft begegneten«, nicht als Gesprächspartner, vielmehr benötigten die Juden die Kirche, »um ihr ewiges Heil nicht zu verlieren«.

Zwischen 1984 und 1992 nahm die Zahl der antijudaistischen Ausschreitungen in Großbritannien um vierundachtzig Prozent zu; nicht wenige sind religiös motiviert. Die Kirchen werden öffentlich beschuldigt, zur Diffamierung der Juden beigetragen zu haben. Auf der christlich-jüdischen Konferenz vom Februar 1994 in Jerusalem sagte der französische Oberrabbiner R. Sirat zum Friedensprozeß im Nahen Osten, die nichtreligiösen Israelis und die PLO hätten einander die Hand zur Versöhnung gereicht, nicht aber die Priester, Rabbiner und Imame.

Der Vatikan und Israel schlossen zum Jahresende 1993 einen Staatsvertrag und nahmen sechsundvierzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel diplomatische Beziehungen auf – weniger ein theologisches als ein von politischen Interessen der Kirche bestimmtes Faktum. Der Vatikan sah sich in dieser Frage zunehmend hinter der Welt herhinken, fühlte sich von der Entwicklung im Nahen Osten überholt und isoliert. Die Mitteilung, »zwei Religionen söhnen sich miteinander aus«, ist gut gemeint, doch trifft sie nicht den Kern. Ein Kommentar meint, es habe »beschämend lange gedauert, bis der Vatikan das Richtige getan hat. Angesichts des dunklen Flecks, den das Verhalten des zwölften Pius während der Nazizeit hinterlassen hat, hätte es der Kirche zur Ehre gereicht, wenn sie nicht erst 1965 die Anklage des ›Gottesmordes‹ zurückgenommen hätte … Nun hat der Vatikan die Machtverhältnisse neu bewertet: Israel bleibt ein gewichtiges Faktum in Nahost …«

Zu religiöser Euphorie besteht nicht der geringste Anlaß; der Schlußstrich unter den Antijudaismus, den manche erhoffen, ist nicht gezogen. Die Diplomatie des Vatikans hin oder her, die Gottesmordthese bleibt zumindest im Evangelium aufrechterhalten. Und daher steht der Vertrag des Heiligen Stuhls mit Israel, dem Nationalstaat des jüdischen Volkes, vorsichtig ausgedrückt, »in interessantem theologischen Widerspruch zu den Lehren des Neuen Testaments«. Im übrigen ließ sich der Vatikan seinen Verzicht auf Antisemitismus und Einmischung in »alle rein temporären Konflikte« (umstrittene Territorien, ungeregelte Grenzen) kräftig honorieren: Er setzte Abmachungen über den Schutz des Status quo in den christlichen heiligen Stätten (Jerusalem selbst wird nicht erwähnt), die Anerkennung der katholischen Erziehungsautonomie, das Recht der Kirche auf Eigentum und die Steuerfreiheit der katholischen Kirche in Israel durch.

Das Evangelium ist sich seiner Sache nach wie vor sicher: Jesus aus Galiläa, vom jüdischen Hohenpriester als Opfer gekennzeichnet und entsprechend denunziert, muß ans Kreuz der Römer. Der Verfasser des dem Johannes zugeschriebenen Evangeliums fertigt daraus seine Opfertheorie (Jo. 11,50 und 18,14), und auch der Autor des zweiten Korintherbriefes zog die ihm passenden Schlüsse (2. Ko. 5,14).

Die Christenheit wird nicht viel Zeit vertun, bis der unmenschlich gewichtende Satz, einer müsse für alle sterben, nicht mehr in antijudaistischer Attitüde auf »Jesus« bezogen wird. Bald, schon kurz nach dem Kreuzestod Jesu, gilt er sinngemäß für jene, die psychisch und physisch vernichtet werden sollen, damit nichts anderes als die christliche Kirche überlebe. Allerdings hüten sich Christen bis heute, Parallelen zwischen jenem einzelnen, dem »Stifter« ihrer Großkirche, und den vielen Menschen zuzulassen, die die großkirchliche Ideologie nicht überleben durften. Da Schweigen christliche Devise blieb, werde ich Opfer und Täter benennen.

Propaganda der ausgewogenen Gewissen

Erschiene dieses Buch besser in Schwarz als in Rot? Ich kann mir vorstellen, daß andere die Buchseiten lieber konturenlos, unleserlich, tiefschwarz sähen. Das käme ihrem Interesse gerade recht: Von Verbrechen zu lesen, zumal von den im Namen Christi geschehenen und im christlichen Milieu geschehenden, ist ihre Sache nicht. Also die Fakten eingeschwärzt, vergessen, verdrängt, ab auch mit diesem Buch in den Papierkorb. Dunkelheit wirkt auf solche Psychen ungewöhnlich heilsam.

Wer keine Zusammenhänge zwischen Religion und Foltergewalt herstellen kann oder will, braucht sich bloß ein wenig umzuschauen: Schon der Blick auf das nächste Kruzifix genügt, um die Augen für das Thema zu öffnen. Und der progressivste Theologe wie der netteste Religionssoziologe können auf diese Weise daran erinnert werden, was für ihre Fachgebiete zentral ist. Muß etwa verschwiegen sein, wozu Gott und Mensch fähig sind? Dieses Buch bleibt rot; sein Gegenstand ist Menschenblut. Da der Schriftsteller keine Möglichkeit hat, sich davonzustehlen, muß er anschreiben gegen das kalte und leere Vergessen, gegen die geplante Lenkung und Zerstörung jeder Erinnerung: »Seht doch hin, schaut endlich hin, was unsere Väter taten – und was vor unseren Augen geschieht! Das darf doch nicht sein!« Und er sucht Verbündete, Mitmenschen, die sehen und handeln, statt zuzusehen.

Ausgewogenheit ist ein geheucheltes Prinzip der Medien und ihrer quotenträchtigen Zuschauermasse. Sie wirkt auf mich schon im Normalfall zwiespältig. Doch das in ihr sich beweisende Harmoniebedürfnis ist völlig fehl am Platz, wo Menschen leiden. In diesem Fall geht es nicht mehr an, Gut und Böse gegeneinander abzuwägen und beispielsweise das karitative Wirken, für das Kirchen stehen, gegen deren unheilvolle Vergangenheit und Gegenwart aufzurechnen. Folter, Mord und Totschlag lassen sich nicht durch Diakonie aufwiegen, als höbe selbst massenhaft gute Tat je einen einzelnen Mord auf. Dieses Lotterbett des angeblich guten, da karitativ gepolsterten Gewissens sollten Christen im eigenen Interesse so schnell wie möglich verlassen.

Vielleicht schafft nichts mehr Unglück als die guten Gewissen auf den sanften Ruhekissen, die guten Gewissen, die einer bösen Sache dienen im Glauben, daß es die gute sei. Vielleicht ermöglicht in der Tat nichts mehr Verbrechen auf der Erde als die Gleichgültigkeit. Gleichgültig sein heißt unablässig foltern und morden, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Ich denke unter anderem an die vielen Christinnen und Christen, die das ganze Kirchenjahr über »praktizieren«, Gottesdienste besuchen, Evangelientexte und Gebete sprechen, Predigten halten und hören, kirchliche Serviceleistungen in Anspruch nehmen, die wechselnden Spektakel religiöser Folklore genießen, manche Mark spenden. Ihre Feiertagsgesichter strahlen wohl auch deswegen, weil sie sich ein Christenleben lang nicht um Themen wie die Folter kümmern mußten.

Schuld, Reue, Buße sind religiös gefärbte Denkmodelle zur Erklärung der Menschenwelt. Doch sie schafften es in zweitausend Jahren nicht, sich als gesellschaftliche Kategorien zu bewähren. Zu politischen Handlungsanweisungen wurden sie überhaupt nicht. Wie ein roter Faden wird sich eine These durch dieses Buch ziehen: Das Christentum war entgegen seiner Propaganda nicht nur nicht imstande, die Menschheit entscheidend zu bessern; es trug in Theorie und Praxis dazu bei, die Verhältnisse zu verschlimmern. Das christliche Sittengesetz, zu dessen »ewigen Sternen« wir aufblicken sollen, leuchtet nicht gar so klar, wie seine Werbeträger es verkünden.

Das Echo der Verfolgung Andersdenkender und Andersgläubiger hallt über Jahrhunderte hinweg in unsere Zeit. Der pakistanische Schriftsteller Tariq Ali, einer der Wortführer der 68er-Bewegung in Großbritannien, meint sogar, auch der Islam hätte eine Reformation durchgemacht und wäre mittlerweile säkular, hätten ihn Christen in Europa nicht verfolgt. Im übrigen war es keineswegs die christliche, sondern eine aufklärerische Geistigkeit, die eine andere Sicht des Islams in Europa anbahnte.

Die Christen unter uns können sich nicht gleich ausklammern: Auch kirchliches Strafrecht trifft von Amts wegen eine feine inhumane Unterscheidung. Wer einen Menschen tötet, verstümmelt oder schwer verletzt, wird nicht im entferntesten so schwer bestraft wie jener, der solche Gewalt dem Papst, einem Bischof oder einem Kleriker antut. Offensichtlich konnte sich das Kirchenrecht noch immer nicht von den Vorstellungen befreien, nach denen es zumindest zwei Klassen von Menschen gibt: ehrbare und weniger ehrbare (ehrlose). Die ersteren wurden und werden besonders geschützt, die anderen unterlagen von vornherein einem weniger schützenden Recht. Sie konnten, als Geringste unter den Menschen, im Gegensatz zu den sogenannten Ehrbaren ohne große Umstände auch gefoltert werden.

Die genannte Regelung im katholischen Strafrecht läßt Rückschlüsse auf den Wert eines Menschenlebens von heute zu; Rückschlüsse, die sich mit Fensterpredigten über die Würde aller Menschen nicht beheben lassen. Wohlgemerkt, die Bestimmungen stammen nicht aus dem Mittelalter. Es handelt sich um Normen, die 1983 von Papst Johannes Paul II. erlassen wurden und geltendes Recht sind. Ich frage nicht nur, woher solche Güterabwägungen stammen und wem sie in den Kram passen. Ich steige in die Folterkeller der Menschheits- und Religionsgeschichte hinab, ziehe Sie mit mir und spreche mit Ihnen von den Menschen, die unter Qualen ihr Blut vergießen mußten, wie von den Menschen, die es vergießen ließen: also von Opfern und von Tätern. Wird es gelingen, die Distanz zu den Greueltaten zu zerstören – oder wenigstens bewußtzumachen? Die entsetzliche Atmosphäre zu rekonstruieren, in der die Verbrechen geschahen? In die Herzen der Täter, Opfer, Hinterbliebenen hineinzukriechen?

Als ich vor Jahren mit meinen Kindern eine Ritterburg besuchte, entdeckten wir nicht wenige Hinweisschilder, die farbenfroh zum Besuch von Folterkammern einluden. Wir mußten tief hinab; offenbar wird mit Vorliebe unter der Erde gefoltert, wo das Tageslicht seine Kraft verliert, Schreie verhallen und Überreste von Menschen bequem beseitigt werden können. Die endlich entdeckten Keller waren voller Menschen; alles schob, drängelte, gaffte. Einige schienen enttäuscht, in dem feuchten Gemäuer keine Skelette vorzufinden. Auch das Arsenal an Werkzeugen erfüllte beileibe nicht alle Erwartungen. Der Schauer blieb bis zum nächsten Besuch.

Der Marktwert fremden Blutes

Von elenden Qualen ist in diesem Buch die Rede. Blut fließt selten frei; es muß hervorgelockt werden. Und schon sind wir bei jenen Menschen, die sich als Fragende, Lockende, quälend Tätige verstehen. Sie sind mit der Rechtfertigung ihres Tuns ebenso schnell bei der Hand wie mit ihrer technischen Intelligenz: Woher stammten sonst die gräßlichen und auf schaurigste Weise legitimierten Instrumente, die die Lexika nüchtern als Folterwerkzeuge beschreiben – und die typisch für die Menschheit sind? Nur der Mensch kennt und benennt die Wonnen der Folter. Kein anderes Lebewesen erhob Tortur und Qual unter seinesgleichen je hoch, keines sank auch nur ähnlich tief unter die Vorgaben der Natur.

Blut: »In Hohlraumsystemen bzw. im Herz-Kreislauf-System (Blutkreislauf) zirkulierende Körperflüssigkeit, die aus dem Blutplasma und den Blutzellen (als den geformten Elementen) besteht.« Es erfüllt wichtige Funktionen: Sauerstofftransport (Atemfunktion), Entschlackung (Transport von Kohlensäure und harnpflichtigen Substanzen), Ernährung (Nährstofftransport), Transport von Vitaminen und Hormonen, Gerinnung, Abwehr, Ableitung (von überschüssiger Wärme). Ein kostbares Material; fast das gesamte in Deutschland gespendete Blut wird in seine Bestandteile zerlegt und weiterverarbeitet.

Blut – das macht seine lebenspendende und -erhaltende Eigenart aus – bleibt im Regelfall im Körper. Es aus einem Menschen abzuleiten heißt, von erlaubten medizinischen Eingriffen und Blutspenden abgesehen, diesen grundsätzlich verletzen, im schwersten Fall vom Leben zum Tod befördern. Dies bewußt und gewollt zu tun bezeugt mindestens Verletzungs-, wenn nicht Tötungsinteresse: Täter sind nicht bereit, die Integrität eines anderen Lebens zu akzeptieren.

Menschenblut ist spezifisches Blut; jede Laborantin lernte dies, und Gerichtsmediziner leben von Berufs wegen von dieser Differenz. Wer Menschenblut vergießt, ohne dazu gesellschaftlich legitimiert zu sein wie gegenwärtig Ärzte, Henker oder Militärpersonen (zu anderen Zeiten auch: Inquisitoren, Folterknechte, Bluträcher, Patriarchen), macht sich strafbar. Er erfüllt zumindest bestimmte Tatbestände des Strafgesetzbuches: Körperverletzung, Totschlag, Mord. Ob er tatsächlich bestraft wird und wie streng, ob es von Fall zu Fall opportun ist, ihn zu bestrafen, ist auch in Rechtsstaaten, von der Kirche zu schweigen, eine andere Frage.

Die Christenheit hat hierin gewiß ihre Probleme. Du sollst nicht töten? Der überlieferte Text des fünften der Zehn Gebote macht zwar keine Umstände, kennt keine Ausflüchte. Zumindest könnten unbefangene Beobachter dies meinen. Doch so naiv darf niemand sein, meint die Obrigkeit. Längst schon setzte ihr Interesse den Klartext des Gebotes um in bedingte Tötungsverbote. Sie kennt eine Regel – und etliche Ausnahmen von dieser. Getötet werden darf nicht, sagt sie. Das gilt ziemlich ausnahmslos für privaten Mord, für Freitod, für Abtreibung. Im letzteren Fall wird wieder feinsinnig differenziert: Um strafbar zu sein, mußte der Schwangerschaftsabbruch Erfolg haben, wie kirchliches Recht nach wie vor deklariert. Man höre und staune: Der bloße Versuch stellte im Recht des Wojtyla-Papstes keinen eigenen Straftatbestand dar; bundesdeutsches Recht sieht dies anders. Die Abtreibungsdiskussion nahm bisher von dieser Differenz keine Notiz.

Die Amtskirche nannte auch Ausnahmen vom generellen Tötungsverbot Gottes, die sie aus eigener Autorität für gerechtfertigt hielt – und zum Teil noch immer hält: offiziell erlaubte Morde, zum Beispiel »gerechte Kriege«, Glaubenskrieg, Todesstrafe. Bischof von Galen, dessen Widerstand gegen Hitler sich in wenigen Predigten, dessen Zustimmung zu Hitler sich in vielen Bekenntnissen bewies, ist ein Beispiel für den Umgang seiner Kirche mit dem Gebot Gottes: In derselben Predigt, in der er die Vernichtung »unwerten Lebens« in Heil- und Pflegeanstalten anprangerte, unterstrich er das Recht zur Tötung von Millionen Menschen in einem »gerechten Krieg«, dem des Adolf Hitler. Solch doppelsinnige Moral ist im Lauf der Geschichte des Christentums immer wieder anzutreffen.

So wird der Freitod als Selbstmord diffamiert und streng untersagt; er richtet sich gegen das Gottesgeschenk Leben. »Er gilt nicht nur vom Standpunkt der Religion«, schreibt ein Moralist, »sondern auch von jenem der politischen Ordnung aus als Verbrechen, weil jeder Bürger vom Tag seiner Geburt an seinem Fürsten, seinem Vaterland und seinen Eltern verpflichtet ist.« Dieses Majestätsverbrechen gegen die Grundwerte patriarchalen Denkens wurde jahrhundertelang von Staat und Kirche verfolgt. War der Selbstmord gelungen, rächte man sich schon im dreizehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung am Leichnam, schleifte ihn durch die Straßen, hängte ihn auf, verbrannte ihn zu Asche. Der Eingang zum Haus des Betroffenen wurde zur Abschreckung zugemauert, das gesamte Vermögen eingezogen. Nichts mehr sollte von einem solchen Menschen bleiben.

Dabei kann das Gebot, andere umzubringen, nicht selten Vorrang haben vor dem Gebot, sich selbst nicht umzubringen. Sind andere Menschen im Krieg zu töten, kann – so die Doppelmoraltheologen – der eigene Tod mit in Kauf genommen werden. Auch wird die Todesstrafe, dieses schaurige Residuum der Grausamkeit, von Christen nicht schlankweg abgelehnt.

Ein historischer Exkurs: Als das Christentum zur Herrschaft gelangte, wurde die Anwendung der Todesstrafe nicht vermindert, sondern vermehrt. Kaiser Konstantin († 337), entscheidende politische Stütze des neuen Glaubens, verhängte sie – neben der Folter – auch für jene Delikte, die den sogenannten Heidenkaisern vor ihm noch nicht als todeswürdig galten; Gegenstimmen aus der Kirche gab es so gut wie keine. Zwar sprach sich Papst Alexander VI. Borgia († 1503) einmal gegen diese unmenschliche Strafe aus. Doch hatte er seine Gründe, Verurteilte gegen Kaution freizulassen: »Der Herr wünscht nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebt – und zahlt.«

Pius V. († 1552), einer der beiden heiliggesprochenen Päpste der Neuzeit, schien diese Devise, die Geld und Leben zugleich rettete, kurz darauf wieder vergessen zu haben. Die von seinen Blutgerichten gefällten Urteile waren ihm häufig noch zu milde. Es war ihm nicht genug, daß die Inquisition die jüngeren Vergehen gegen den Glauben bestrafte; auch die zehn und zwanzig Jahre zurückliegenden mußten neu erforscht und abgeurteilt werden. Eine Anweisung des Heiligen an seine Vollzugsorgane: »Ein Mann, der seine Geldstrafe nicht bezahlen kann, soll beim erstenmal mit auf dem Rücken gefesselten Händen vor der Kirchentür stehen, beim zweitenmal durch die Stadt gegeißelt werden, beim drittenmal wird man ihm die Zunge durchbohren und ihn auf die Galeeren schicken.«

Es wird zu fragen sein, wer die Folter rechtfertigte, wer sich – Christen oder Nichtchristen? – gegen sie aussprach, wer sich – Nichtchristen oder Christen? – bis zuletzt ihrer wenigstens zeitweiligen Ächtung widersetzte, wer sie heute noch übt.

Wer die gesellschaftliche Macht hat, eine bestimmte Moral zu propagieren und durchzusetzen, ist gut dran. Wer diese Macht nicht besitzt, kann es mit Argumenten versuchen, mit der Berufung auf Menschenverstand, Menschenwürde, Humanität. Ob er Erfolg hat, bleibt nach allen Erfahrungen mit den Mächtigen der Welt- und Kirchengeschichte höchst fraglich. Es ist in der Tat eine leidige Sache mit der Legitimation: Das Gerichtsmedizinische Institut der Universität Heidelberg verwendete seit den siebziger Jahren bei Autounfalltests Leichen. Seit 1972 wurden, im Auftrag von Autofirmen, bei solchen Versuchen mehr als zweihundert Leichen »eingesetzt«, darunter acht Kinderleichen. Dabei sollte die Tauglichkeit der sogenannten Dummy-Puppen getestet werden. Das letzte tote Kind wurde 1989 »verwendet«, der letzte Erwachsene 1993. Aufregung herrschte nach Bekanntwerden dieser Fakten vor allem deswegen, weil es sich auch um Kinderleichen handelte. Doch die Fragen, warum, inwieweit, von wem sich die Nutzung Toter sozial legitimieren läßt, wurden nicht gestellt. Die Heidelberger Forscher werden sie anders beantworten als die Bild-Zeitung, die den Skandal vermarktete.

Nun gilt auch das (nicht immer schmerzarme) Vergießen von nichtmenschlichem Blut im christlichen Abendland noch immer als erlaubt bis erwünscht; nicht nur auf Schlachtfeldern fließt Blut, sondern auch in Schlachthäusern. Offenbar mußten wir lernen, daß Selektion auch auf diesem Gebiet greift: Tierblut ist sekundäres, zweitrangiges Blut, das zu Blutmehl oder Blutwurst verarbeitet wird, und Pflanzen geht das richtige Blut ohnedies ab. Es ist demnach nur eine Frage der Definition, welches Menschenblut als vernachlässigenswert betrachtet wird; die Folter wartet schon.

Übrigens: Das Bluten einer Pflanze, in der Botanik ziemlich unbeteiligt als der »Austritt wäßrigen Saftes aus pflanzlichen Wundflächen nach Anschneiden oder Anbohren« definiert und auf den Blutungs- oder Wurzeldruck zurückgeführt, ist allenfalls unter bestimmten Gesichtspunkten erwähnenswert: Pflanzliche Blutungssäfte liefern Kosmetika oder vergärbare Getränke, zum Beispiel Palmwein, Ahornsirup, Pulque (Agavensaft). Und da die Schöpfung selbst im Tod ihren Gott lobt, haben auch dessen Prediger keine Bedenken, für ihre Fronleichnamsprozession Jahr um Jahr Hunderttausende junger Birken abholzen und an die Straßen stellen zu lassen.

Freilich sind es nicht die Freunde alkoholisierten Pflanzenblutes oder des Fronleichnamsfestes allein, die als Ausbeuter fungieren. Wer hier auf die anderen zeigt, hat seine schäbigen Gründe. Denn wir alle sind es, die da tätig sind, wir Menschen eben.

Von den Oberhirten der christlichen Kirchen erwarte ich in dieser Hinsicht nichts anderes als Verschweigen; sie haben im Überlebensinteresse ihrer Organisationen Besseres zu predigen. Ich lernte jedoch gern die Gottheit näher kennen, deren Schweigen sich über die greulichen Fakten legt. Oder sollten wir die Bekanntschaft bereits gemacht haben? Handelt es sich gar um denselben Gott, den die Seinen als Schöpfer und lieben Vater verkünden? Christen und die Natur: Macht euch die Erde untertan! Seht euch, die Menschen, einfach als Mittelpunkt der Schöpfung – und ihr kennt und erlebt bereits einige Folgen. Oder meint ihr noch immer, es gehe einfach so weiter, wie euch das bequem erscheint?

Kann die Natur es sich zum Beispiel erlauben, einfach zuzusehen, wie Menschen mit ihren, der Natur, Tieren umgehen? Soll ich historische Beispiele oder neueste aus Spanien nennen, dem katholisch-stolzen Land? Neueste Exempel der Tierfolter, die durch Bilder belegt sind, auf denen – der geschlechtsspezifische Hinweis ist nicht unwichtig – nur Männer agieren? Noch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde in einigen katholischen Regionen Deutschlands am Fest des Apostels Jakobus (25. Juli) ein Bock mit vergoldeten Hörnern und Bändern geschmückt und unter Musik vom Kirchturm geworfen. Im belgischen Ypern stürzte die Menge am Mittwoch in der zweiten Fastenwoche lebendige Katzen vom Turm zu Tode.

Und heute? In einem kleinen Ort am Mittelmeer wird, als Höhepunkt eines Festes, in aufgeräumter Stimmung ein Feuerwerk abgebrannt, am lebenden Objekt. Die Hörner eines Stieres, so schmerzempfindlich wie unsere Fingerkuppen, brennen lichterloh. Das Tier brüllt, die Peiniger lachen. Eine gelungene Fiesta: Sind die Hörner abgebrannt, wirft die Bande das Tier ins Meer. Es darf endlich sterben. In einem anderen Dorf klettern junge Männer auf den Kirchturm. An einem Seil zappelt eine Ziege. Loslassen, köstliches Amüsement, das Tier landet zerschmettert auf dem Boden vor der Kirche; der Pfarrer hat nichts dagegen, er lädt anschließend zum Mahl. Im dritten Dorf baumeln lebende Gänse kopfüber von einem Seil. Um das Spiel zu gewinnen, müssen Berittene im Galopp den Hals der Tiere greifen und ihnen das Genick brechen. Im vierten schwirren Hunderte von nadeldünnen Pfeilen durch die Luft; die Dorfbewohner haben Blasrohre angesetzt und zielen auf einen Stier. Die Hinrichtung endet mit der Kastration des Tieres. Im fünften Dorf haben die Männer ihren Spaß, wenn sie Hühner, die bis zum Kopf eingegraben sind, mit Steinen traktieren und mit Knüppeln köpfen. Im sechsten hat ein Esel keine Chance, seinen Peinigern zu entgehen: Er wird bespuckt, beworfen, angesprungen, bis er zusammenbricht. Im siebten hält die Osterprozession vor einem großen Baum, an dessen Äste Tongefäße geknüpft sind. Bis vor kurzem waren hier Eichhörnchen und Katzen eingesperrt, inzwischen, Fortschritt der christlichen Zivilisation, sind es Tauben. Zu den Klängen der Nationalhymne schleudern fromme Bürger Steine nach den Gefäßen, bis die Tiere herausfallen. Zerschunden, entwürdigt, tot.

Wieder erhebt der Gemeindepfarrer keine Einwände, deutet das gräßliche Geschehen vielmehr als Sinnbild des menschlichen Kampfes gegen die Sünde. Wie lange mag es dauern, bis sich selbst in den Köpfen der katholischen Patriarchen jene Einsicht durchgesetzt hat, die sich unter anderen, freilich Unfrommen, schon verbreitete? Noch immer gelten die Tiere, deren Unschuld doch unvergleichlich ist, der Liebesreligion als Opfer- und Schlachtobjekte. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz nannte sie soeben, ohne Quellenangabe, seelenlos. Offenbar meinte er, seinesgleichen, mit Seele begabt, habe da drüben irgendeinen Vorteil gegenüber einem Meerschweinchen zu erwarten. Diesen Unterschied sollte er einmal einem Kind erklären, das sein Zwergkaninchen verlor.

Auch gegen diese Spielart der Himmelsselektion melde ich schwerste Bedenken an. Muß denn ein Mensch erst Tiere liebgewonnen und verloren haben, um menschlicher als ein Theologe zu urteilen? Lebte der Mensch überhaupt, dem kein Tier je seine Freundschaft schenkte? Sollen ausgerechnet Tiere für ihre unzähligen Leiden ohne Ersatz bleiben, während es die Täter, Tierquäler, schließlich doch noch in den Christenhimmel schaffen? Ist für Hunde, die aus Gram über den Tod ihres Herrchens oder Frauchens sterben oder in den Tod gehen, um ein Kind zu retten, im Jenseits, wie es die Deutsche Bischofskonferenz vorstellen läßt, kein Platz? Gibt es keine Tiere, die fühlen, leiden, lieben?

Gewiß finden sich Tierverächter auch außerhalb des Abendlandes, da patriarchales (nicht menschliches!) Denken und Fühlen spezifische Ausbeuterqualitäten und Selektionsmechanismen aufweist. Doch gelang es dem Christentum nicht, diese Ideologien zu überwinden. Im Gegenteil. Auch in Sachen Tier (und Pflanze) stützen Christenethiken die Vorgaben des Patriarchats, statt das Denken und Handeln der Menschen von ihnen zu befreien. Die ideologische und praktische Mitleidlosigkeit gegen Tiere und Pflanzen ist ein Kennzeichen gerade derjenigen, die ständig die Schöpfung im Munde führen. Andere Religionen und Weltanschauungen sind den Christen voraus. Das wundert mich nicht, zumal selbst der angebliche Stifter des Christentums sich Tieren gegenüber nicht gerade als Vorbild des Menschseins zeigte: Er schwieg, verharmloste, zog ärgerliche Vergleiche.

Wer über die grundsätzliche Möglichkeit der Folter (von Mensch, Tier und Pflanze) nachdenken will, sollte das wichtigste Bewertungskriterium und -prinzip unserer Welt beachten: Alles ist eine Frage der Definition. Gerade in der Rechtsgeschichte der Folter (die unumwunden als solche und nicht als Unrechtsgeschichte dargestellt wird) zeigt sich der patriarchale Grundsatz solcher Selektionen: Stets wird zunächst ein Mensch als »weniger ehrbar« definiert, damit er »mehr folterbar« wird. Der definitorische Verlust an kirchlicher, gesellschaftlicher, staatlicher Ehre geht Hand in Hand mit einem schrecklichen Zugewinn an Folter. Im Gegensatz zu tatsächlichen oder definitorischen Sklaven (Heiden, Ketzern, Hexen) sind sogenannte Ehrbare nicht folterbar.

Folter lebt von einem Feindbild. Wer dieses schaffen und in den potentiellen Folterern (und selbst in manchen Opfern) durchsetzen kann, ist ein mächtiger Täter, vom Schreibpult aus. Das Befehlsverbrechen Folter beginnt bei allen Tätern im Kopf. Erklären ein Staat oder eine Kirche oder beide zusammen eine bestimmte Handlung (oder, wie die Kirche, gar einen Gedanken) und damit den Menschen, der als schuldig gilt, für sündig, kriminell, folterbar, beschreiten sie den Weg zum Staatsverbrechen, Kirchenverbrechen, Glaubensverbrechen an den Menschen.

Religionsdelikt Folter

Heutzutage halten es viele für unfair, die Kirche als folternahes Unternehmen zu charakterisieren. Völlig unmöglich wäre es auch, den Vatikan als einen folternden Staat unter anderen zu bezeichnen. Da gegenwärtig nach herrschender Meinung auf der Erde überhaupt nicht mehr gefoltert wird, unterliegen gegenteilige Behauptungen einem Tabu. Im Falle der Christenheit ist es noch moralisch verschärft. Kirche und Folter? Unmöglich. Christen als Folterknechte? Undenkbar. Doch aufgepaßt! Zum einen gibt es noch immer auf der Welt Tausende von praktizierenden Christen, die sich als Folterer betätigen; ich werde Beispiele nennen. Andererseits kannten der ehemalige Kirchenstaat und seine Herren, die souveränen Päpste, durchaus Folter, Todesstrafe, Mord. Zum dritten sprechen handfeste Gründe für die Annahme, daß dies keine Ausnahmefälle, keine bedauerlichen Fehlleistungen einzelner Sadisten sind, sondern Ausflüsse einer bestimmten Theologie, einer sorgfältig zurechtgeschnittenen Gottestheorie.

Als ein religiös legitimiertes Verbrechen an Menschen gehörte die Folter, vorsichtig geschätzt, zumindest von der zweiten Hälfte des dreizehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zum normalen Strafverfahren der Kirche. Das bedeutet: Jahrhundertelang hoben sich Päpste, Bischöfe, Kleriker, Christen nicht nur nicht im geringsten von der allgemeinen Praxis ab, sondern stützten und legitimierten diese theoretisch wie praktisch. Ihr Gott half dabei wacker mit. Noch mehr: Christen überboten die ansonsten übliche Praxis in etlichen Fällen, verschlimmerten statt verbesserten in ihrer eigenen Justiz die Lage der Opfer, führten zu deren Lasten Begriffe und Methoden in die europäische Rechtsprechung und Vollstreckung ein, die bis heute nachwirken. Kirchengerichte zum Beispiel gingen härter als weltliche vor, und das Verfahren der anonymen Anzeige (denunciatio) ist ebenso kirchenspezifisch wie die Lehre von der Infamie (Ehrlosigkeit) eines Menschen oder einer Gruppe, die Definition eines neuen, offenbar noch folterwürdigeren Tatbestandes (crimen exceptum) und die Ausweitung der Folter auf andersdenkende und andersgläubige Menschen. Die Inquisition schließlich ist als genuiner Beitrag der Kirche zum europäischen Rechtsempfinden und Strafvollzug schon sprichwörtlich.

Nachweislich setzte das Christentum sehr früh die von römischen Kaisern eingeschlagene Richtung fort – und gewann dabei neue, spezifische Ziele wie Methoden. Bald schon bezeichnen Christen nicht mehr nur Sklaven als ehrlos und folterwürdig, sondern erweitern den Kreis der »geringsten Menschen« (vilissimi homines) – gemäß den Interessen ihrer neuen Religion. Christliche Kaiser wie Konstantin beziehen im vierten Jahrhundert folgerichtig zunächst Hellseher, Zauberer, Magier, Wahrsager ein und kurz darauf auch jene Menschen, deren »unnatürliche Begierden« oder Ehebrüche als besonders unehrenhafte, weil sexuelle Delikte galten. Solch ehrlose Kriminelle wurden sowohl der Folter als auch den verschärften Varianten der Todesstrafe unterworfen.

Der berühmte Bologneser Kirchenrechtslehrer Gratian, dessen Sammelwerk sieben Jahrhunderte der Kirchengeschichte überdauern sollte, knüpfte im zwölften Jahrhundert an eine durchaus vorhandene folterunwillige Tradition der Kirche an. Doch nannte er Ausnahmen, die bei der praktischen Bedeutung seines Werkes ihre Konsequenzen haben würden: Gefoltert werden konnten die Ankläger eines Bischofs, Personen aus den niedrigsten Schichten und Sklaven. Alle Menschen gleich zu achten und aus dieser Achtung entsprechende Folgerungen für alle zu ziehen, dazu war die kirchliche Praxis nicht in der Lage.

Definition bleibt eine Frage der Definitionsmacht. Diese wird besonders aktiv, wenn schwere Krisen auftreten oder als Nutzkrisen herbeigeredet werden können. In solchen Fällen richtet sich die Wut der Masse auffällig gern und oft gegen jene, die ihr als Außenseiter definiert wurden. Welcher Mensch, welche Interessengruppe kann eine Definition, die immer eine zeitgeistige, nicht zeitlose Abgrenzung, Grenzziehung, Selektion darstellt, gegen andere Auffassungen durchsetzen? Wer findet eine Mehrheit für seine Interessen? Wer kann behaupten, diese seien gesellschaftlich, staatlich, kirchlich opportune Werte?

Die Rezeptur ist religiös vielfach erprobt. Vor allem in der abendländischen Geschichte schraubte sich die kleine Spezies Christenmensch zum Wertmaß der Dinge hoch: Zunächst wird der Mensch oder die Gruppe von Menschen, die sich und ihr Ideal durchsetzen wollen, die ihnen nicht ins Kalkül passenden älteren Ideale bei den Menschen verleumden. Dann müssen sie den eigenen Typus als Wertmaß überhaupt ansetzen, an dem alle Dinge, Entwicklungen, Geschicke gemessen werden. Gelingt es ihnen gar, die eigenen Vorgaben als Gottes Willen oder, zusammengenommen, als »Gott« selbst zu etablieren, haben sie gewonnen. Denn nun ist es möglich, sich das Recht anzumaßen, zu segnen und zu verfluchen, und die Macht auszuüben, alle Gegner des eigenen Ideals als Gegner Gottes auszugeben und entsprechend zu verfolgen. Schließlich können sie alles Leid, alles Unheimliche, Furchtbare, Verhängnisvolle des Daseins aus der Gegnerschaft gegen ihr eigenes Ideal ableiten und die einschlägigen Konsequenzen fordern. Und als letzte Infamie vermögen sie die ganze Entwicklung weiterzuloben in eine Zukunft hinein, da ihr Sieg als Sieg der Guten sich offenbaren wird: im Endgericht über alle Bösen dieser Welt, die allein deswegen böse waren und blieben, weil sie sich ihrer Macht nicht beugten.

Nicht nur nebenbei: Definitionen leben ebenso von den in ihnen bewußt versteckten Opferdeklarationen wie von jener Akzeptanz eines Opferstatus, die ein Oben und ein Unten erst ermöglicht. Solche Opfer sind die als abweichend definierten Mitmenschen – und die Tiere und Pflanzen sowieso. Denn diese können sich nicht gegen ihre Deklaration als Opfer des Menschseins wehren. Ihnen fehlt ja, so die Definition, jede vernünftige Fähigkeit. Daß den als seelenlos definierten Pflanzen und Tieren sogar die Schmerzempfindung abgehe, war christliche Doktrin. Andere Religionen sind wieder einmal stark abweichender Ansicht.

Spätestens an dieser Stelle muß gefragt werden, was der Mensch sei oder sein dürfe, solle, müsse. Es handelt sich hier, unschwer zu erkennen, um die in bestimmten Kreisen beliebte Sinnfrage, die jene gern stellen, die umgehend mit ihrer Antwort zur Hand sind. Nun, die Antworten auf diese an sich und seinesgleichen gestellte Frage kommen nicht ohne einen simplen Trick aus: Sie müssen differenzieren, sich unterscheidend abheben von allem, was das Prädikat Mensch nicht verdient. Was bleibt da noch viel anderes als das Tier – und, nicht weniger inhuman, jene Menschen, die schon im Neuen Testament mit Tieren verglichen werden? Gering Denkende und Fühlende packen ihre Unzulänglichkeiten ins Tier, und Bischöfe vergessen über ihrer Rede zur Menschenwürde das Mitgeschöpf auf vier Beinen. Doch: Menschen kann man, Tiere muß man lieben.

Gleichwohl: Der Mensch heißt das allein mit Vernunft begabte Lebewesen, aber auch, je nach Standort der Definierenden, das kochende, das lachende, das betende Tier. Schließlich wurde noch kein Tier entdeckt, das lachen oder kochen oder beten kann (und zudem dies alles zusammen) – und das sich auf derlei etwas einbildet. Ich schlage vor, mit nicht weniger Recht, den Menschen als das folternde Lebewesen zu definieren. Denn diese differenzierende Tätigkeit unterscheidet unsereins auch vom Rest der Natur. Da es unter Tieren keine folternden Exemplare gibt, sollten die Menschen, wollen sie konsequent und prägnant reden, endlich alle liebgewonnenen Vokabeln meiden