Über Fred Vargas

Fred Vargas, geb. 1957 und von Haus aus Archäologin. Sie ist heute die bedeutendste französische Kriminalautorin und eine Schriftstellerin von Weltrang. 2004 erhielt sie für »Fliehe weit und schnell« den Deutschen Krimipreis. Ihre Werke sind in über 40 Sprachen übersetzt und liegen sämtlich bei Aufbau in Übersetzung vor:

Im Schatten des Palazzo Farnese

Die schöne Diva von Saint-Jacques

Der untröstliche Witwer von Montparnasse

Das Orakel von Port-Nicolas

Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

Bei Einbruch der Nacht

Fliehe weit und schnell

Der vierzehnte Stein

Die dritte Jungfrau

Die schwarzen Wasser der Seine

Das Zeichen des Widders

Der verbotene Ort

Die Tote im Pelzmantel

Die Nacht des Zorns (Frühjahr 2012)

Informationen zum Buch

»Vargas ist einzig in ihrer Art« Le Nouvel Observateur
Ein ehemaliger Inspektor des Pariser Innenministeriums versteckt den leicht beknackten Akkordeonspieler Clément, der des Mordes an zwei jungen Frauen schwer verdächtig ist, bei seinen drei Historikerfreunden Mathieu, Marc und Lucien. Die sind hell begeistert über den mörderischen Gast. »Eine Autorin von unverwechselbarer Tonart in der Kriminalliteratur der Gegenwart. Die Personen, die ihre Romane bevölkern, sind ebenso Anarchisten und Traumtänzer wie ernsthafte Wissenschaftler. Ob Antike-Fans oder Tiefseeforscher – ihr Blick setzt gegen Konformismus und etablierte Ordnung die Waffen der Phantasie und des Humors.« Magazine littéraire

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Fred Vargas

Der untröstliche Witwer
von Montparnasse

Kriminalroman

Aus dem Französischen
von Tobias Scheffel

Inhaltsübersicht

Über Fred Vargas

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Impressum

1

»Ein zweites Mordopfer in Paris aufgefunden. Siehe S. 6«

Louis Kehlweiler warf die Zeitung auf den Tisch. Er hatte die Nase voll davon und nicht die Absicht, sich auf Seite sechs zu stürzen. Später, wenn die ganze Geschichte sich beruhigt hätte, würde er den Artikel vielleicht ausschneiden und abheften.

Er ging in die Küche und machte ein Bier auf. Es war das vorletzte aus dem Vorrat. Mit dem Kuli schrieb er sich ein großes »B« auf den Handrücken. Diese drückende Julihitze zwang einen, den Verbrauch gewaltig zu steigern. Heute abend würde er die neuesten Nachrichten über die Regierungsumbildung, den Streik der Bahnarbeiter und die auf die Straßen gekippten Melonen lesen. Und Seite sechs würde er friedlich überblättern.

Mit offenem Hemd und der Flasche in der Hand machte sich Louis wieder an die Arbeit. Er übersetzte eine umfangreiche Bismarck-Biographie. Das wurde gut bezahlt, und er rechnete damit, dem Kanzler des Deutschen Reichs noch einige Monate auf der Tasche zu liegen. Er übersetzte eine Seite, dann unterbrach er die Arbeit und nahm die Hände von der Tastatur. Seine Gedanken hatten Bismarck verlassen, um sich einem Behälter mit Deckel zuzuwenden, in dem er seine Schuhe aufbewahren könnte und der sich im Wandschrank sehr ordentlich machen würde.

Ziemlich unzufrieden schob er den Stuhl zurück, ging ein paar Schritte im Zimmer auf und ab und fuhr sich durchs Haar. Der Regen fiel auf das Blechdach, mit der Übersetzung ging es gut voran, und es gab keinen Grund, sich so anzustellen. Nachdenklich fuhr er seiner Kröte, die auf dem Schreibtisch in einer Stiftablage schlief, mit einem Finger über den Rücken. Er beugte sich vor, blickte wieder auf den Bildschirm und las halblaut den Satz, den er gerade übersetzte: »Es ist wenig wahrscheinlich, daß Bismarck bereits zu Beginn des Monats Mai vorgehabt hatte, …« Dann fiel sein Blick wieder auf die zusammengelegte Zeitung auf dem Schreibtisch.

Ein zweites Mordopfer in Paris aufgefunden. Siehe S. 6. O. k., weiter. Das ging ihn nichts an. Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu, wo der deutsche Reichskanzler wartete. Er mußte sich nicht um Seite sechs kümmern. Es war ganz einfach nicht mehr sein Job. Sein Job bestand jetzt darin, Sachen aus dem Deutschen ins Französische zu übersetzen und so gut wie möglich auszudrücken, warum Bismarck zu Anfang dieses Monats Mai etwas ganz Bestimmtes nicht hatte vorhaben können. Das war ein ruhiger Job, er ernährte ihn, und außerdem lernte er noch was dabei.

Louis tippte zwanzig Zeilen. Er war bei »denn in der Tat deutete nichts darauf hin, daß er darüber verärgert war«, als er erneut die Arbeit unterbrach. Seine Gedanken waren wieder bei dieser Sache mit dem Behälter angelangt, und er versuchte hartnäckig, das Problem mit dem Berg Schuhe zu klären.

Louis erhob sich, holte das letzte Bier aus dem Kühlschrank, blieb dort stehen und trank in kleinen Schlucken aus der Flasche. Er durchschaute die Sache. Die Tatsache, daß seine Gedanken sich hartnäckig in häusliche Fragen verrannten, war ein bedenkliches Zeichen. Louis kannte dieses Zeichen sehr gut, es deutete auf Flucht. Flucht vor Projekten, ein Rückzug von Ideen, diskretes geistiges Elend. Weniger die Tatsache, daß er an den Berg von Schuhen dachte, bereitete ihm Sorgen. Jeder Mensch kann nebenbei an so etwas denken, ohne daß man daraus gleich eine große Geschichte macht. Nein, es war die Tatsache, daß ihm diese Beschäftigung Spaß machte.

Louis trank zwei Schlucke. Dann waren da noch die Hemden, er hatte sogar schon daran gedacht, die Hemden aufzuräumen, das war noch keine Woche her.

Kein Zweifel, Flucht. Nur Typen, die überhaupt nicht mehr wissen, was sie mit sich anstellen sollen, beschäftigten sich mangels Möglichkeit, die Welt zu verbessern, damit, ihren Kleiderschrank neu zu ordnen. Er stellte die Flasche auf die Theke und ging ins Zimmer zurück, um sich die Zeitung genauer anzusehen. Denn im Grunde war er wegen dieser Morde an den Rand des häuslichen Elends gelangt und nahe dran, seinen kompletten Haushalt umzukrempeln. Nicht wegen Bismarck. Nein. Er hatte keine großen Probleme mit diesem Typen, der ihm seinen Lebensunterhalt sicherte. Darum ging es nicht.

Es ging um die verdammten Morde. Zwei tote Frauen in zwei Wochen, von denen das ganze Land redete und über die er so gründlich nachdachte, als hätte er ein Recht, über sie und ihren Mörder nachdenken zu dürfen, wo ihn das doch überhaupt nichts mehr anging.

Nach dem Fall mit dem Hundehaufen auf dem Eisengitter hatte er beschlossen, sich nicht mehr in die Verbrechen dieser Welt einzumischen, da er es lächerlich fand, eine Karriere als unbezahlter Kriminalist anzufangen, nur weil er in fünfundzwanzig Jahren Tätigkeit im Innenministerium solche schmutzigen Gewohnheiten erworben hatte. Solange er noch mit einer Mission betraut war, war ihm seine Arbeit immer statthaft vorgekommen. Jetzt, wo er allein seiner schlechten Laune ausgesetzt war, schien ihm die Arbeit eines Ermittlers immer mehr der fragwürdigen Tätigkeit eines Schnüfflers und Skalpjägers zu ähneln. Wenn man ganz allein einem Verbrechen nachschnüffelte, obwohl niemand einen dazu aufgefordert hatte, wenn man sich auf die Zeitungen stürzte, Artikel anhäufte – was war das anderes als eine heikle Zerstreuung und ein zweifelhaftes Lebensmotiv?

So hatte Kehlweiler, ein Mann, der sich rasch selbst verdächtigte, bevor er andere verdächtigte, der freiwilligen kriminalistischen Arbeit, die ihm plötzlich zwischen Perversion und Groteske zu pendeln schien, den Rücken gekehrt; und doch drängte ein dunkler Teil seines Ichs immer wieder dahin. Jetzt, wo er sich stoisch auf die alleinige Gesellschaft von Bismarck beschränkt hatte, überraschte er seine Gedanken dabei, wie sie im Irrgarten überflüssiger Häuslichkeit herumtollten. Mit Plastikschachteln fängt es an, und man weiß nicht, wo es enden wird.

Louis ließ die leere Flasche in den Mülleimer fallen. Er warf einen Blick auf den Schreibtisch, wo drohend die zusammengefaltete Zeitung lag. Bufo, die Kröte, war vorübergehend aus dem Schlaf erwacht und hatte sich auf der Zeitung breitgemacht. Louis hob sie vorsichtig hoch. Er fand, seine Kröte war ein Betrüger. Sie tat so, als sei sie im Winterschlaf, und das mitten im Sommer, aber das war eine Finte, sie bewegte sich, sobald man sie nicht mehr ansah. Um die Wahrheit zu sagen: Bufo hatte unter dem Einfluß der Häuslichkeit all ihr Wissen zum Thema Winterschlaf verloren, weigerte sich aber aus Stolz, das zuzugeben.

»Du bist ein dämlicher Purist«, sagte Louis zu ihr und setzte sie wieder in die Stiftablage. »Dein alberner Winterschlaf beeindruckt niemanden, was denkst du dir? Du brauchst nur das zu tun, wozu du in der Lage bist, und Schluß.«

Mit einer langsamen Bewegung zog er die Zeitung zu sich heran.

Er zögerte eine Sekunde, dann schlug er Seite sechs auf. Ein zweites Mordopfer in Paris aufgefunden.

2

Clément hatte panische Angst. Jetzt hätte er Grips gebraucht, aber Clément war ein Idiot, seit mehr als zwanzig Jahren hörte er nichts anderes. »Clément, du bist ein Idiot, streng dich an.«

Der alte Lehrer im Erziehungsheim hatte sich große Mühe gegeben. »Clément, streng dich ein bißchen an und versuche, an mehr als eine Sache zugleich zu denken, zum Beispiel an zwei Sachen zugleich, verstehst du? Nimm das Beispiel mit dem Vogel und dem Zweig. Denk an den Vogel, der sich auf den Zweig setzt. Klein a, der Vogel, klein b, der Regenwurm, klein c, das Nest, klein d, der Baum, klein e, du ordnest deine Ideen, du verknüpfst sie, du denkst dir etwas aus. Kapierst du den Trick, Clément?«

Clément seufzte. Er hatte Tage gebraucht, um zu verstehen, was der Regenwurm in der Geschichte verloren hatte.

Denk nicht mehr an den Vogel, denk an heute. Klein a, Paris, klein b, die ermordete Frau. Clément wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab. Sein Arm zitterte. Klein c, Marthe in Paris finden. Seit Stunden suchte er sie jetzt, fragte überall nach ihr, fragte alle Prostituierten, denen er begegnete. Mindestens zwanzig, oder vierzig, na ja, viele jedenfalls. Es war doch nicht möglich, daß sich niemand mehr an Marthe Gardel erinnerte. Klein c, Marthe finden. Clément ging weiter, es war Anfang Juli, er schwitzte in der großen Hitze; sein blaues Akkordeon hielt er unter den Arm geklemmt. Vielleicht hatte sie, hatte seine Marthe Paris verlassen, seitdem er vor fünfzehn Jahren weggegangen war. Oder vielleicht war sie gestorben.

Abrupt blieb er mitten auf dem Boulevard du Montparnasse stehen. Wenn sie Paris verlassen hatte, wenn sie gestorben war, dann war er erledigt. Erledigt, er war erledigt. Nur Marthe würde ihm helfen, nur Marthe würde ihn verstecken. Die einzige Frau, die ihn nie als Kretin behandelt hatte, die einzige, die ihm mit der Hand durchs Haar gefahren war. Aber was nutzt eine Stadt wie Paris, wenn man niemand darin findet?

Clément packte sich das Akkordeon auf die Schulter, er hatte zu feuchte Hände, um es weiter unterm Arm zu halten, er hatte Angst, es könne ihm runterfallen. Ohne Akkordeon und ohne Marthe und mit der ermordeten Frau war er erledigt. Er ließ den Blick über die Kreuzung schweifen. In der kleinen Seitenstraße entdeckte er zwei Prostituierte, und das machte ihm wieder Mut.

Die junge Frau an der Rue Delambre sah, wie ein schlechtgekleideter, häßlicher Typ näher kam, seine Hände ragten aus zu kurzen Hemdsärmeln, er trug eine kleine Tasche über der Schulter, war etwa dreißig Jahre alt und erweckte ganz den Eindruck eines Trottels. Sie wich etwas zurück, es gibt Typen, die man lieber vermeiden sollte.

»Nicht bei mir«, sagte sie und schüttelte den Kopf, als Clément vor ihr stehenblieb. »Geh zu Gisèle.«

Die junge Frau zeigte mit dem Daumen auf eine Kollegin drei Gebäude weiter. Gisèle war dreißig Jahre im Beruf, sie hatte nie Angst vor irgendwas.

Clément sah sie mit seinen großen Augen an. Es machte ihm nichts aus, zurückgewiesen zu werden, noch bevor er gefragt hatte. Das war er gewöhnt.

»Ich suche eine Freundin, Marthe«, brachte er mühsam hervor. »Marthe Gardel. Sie steht nicht im Telefonbuch.«

»Eine Freundin?« fragte die junge Frau mißtrauisch. »Weißt du nicht mehr, wo sie arbeitet?«

»Sie arbeitet nicht mehr. Früher war sie aber die Schönste an der Mutualité. Alle kannten Marthe Gardel.«

»Ich bin nicht ›alle‹, und bin auch nicht das städtische Adreßbuch. Was willst du von ihr?«

Clément wich einen Schritt zurück. Er mochte es nicht, wenn man zu energisch mit ihm sprach.

»Was will ich von ihr?« wiederholte er.

Er durfte nicht zuviel sagen, durfte sich nicht verraten. Nur Marthe konnte ihn verstehen.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Dieser Typ war wirklich ein Trottel, und er redete wie ein Trottel. Da hieß es Abstand halten. Gleichzeitig erregte er ein bißchen Mitleid. Sie sah ihm zu, wie er ganz vorsichtig sein Akkordeon auf dem Bürgersteig absetzte.

»Wenn ich dich recht verstehe, war diese Marthe aus der Branche?«

Clément nickte.

»Gut. Rühr dich nicht vom Fleck.«

Die junge Frau ging schlurfend zu Gisèle hinüber.

»Da ist ein Typ, der eine Freundin sucht, die inzwischen in Rente ist; war früher in der Ecke Maubert-Mutualité. Marthe Gardel, hast du sowas in deiner Kartei? Bei der Post gibt’s sie jedenfalls nicht mehr.«

Gisèle reckte das Kinn. Sie wußte viel, Dinge, die nicht einmal die Post wußte, und das machte sie wichtig.

»Meine liebe kleine Line«, sagte Gisèle, »wer Marthe Gardel nicht gekannt hat, hat praktisch nichts gekannt. Geht’s um den Künstler da hinten? Sag ihm, er soll herkommen, ich beweg mich nicht gern von meiner Tür weg, das weißt du.«

Von weitem gab ihm die junge Line ein Zeichen. Clément spürte, wie sein Herz klopfte. Er hob sein Instrument auf und rannte zu der dicken Gisèle. Er rannte unbeholfen.

»Wie ein Tolpatsch«, diagnostizierte Gisèle leise und zog an ihrer Zigarette. »Scheint auf dem letzten Loch zu pfeifen.«

Clément wiederholte das Manöver mit dem Akkordeon vor Gisèles Füßen und hob dann den Blick. »Du fragst nach der alten Marthe? Was willst du von ihr? Zu der alten Marthe kommt man nicht so einfach, besser, du weißt das gleich. Steht praktisch unter Denkmalschutz, da braucht man Genehmigungen. Und du scheinst mir ein bißchen eigenartig zu sein, entschuldige. Ich will nicht, daß ihr ein Mißgeschick passiert. Was willst du von ihr?«

»Die alte Marthe?« wiederholte Clément.

»Ja, und? Sie ist über Siebzig, weißt du das nicht?

Kennst du sie nun oder nicht?«

»Ja«, sagte Clément und wich einen halben Schritt zurück.

»Der Beweis?«

»Ich kenne sie, sie hat mir alles beigebracht.«

»Das ist ihr Job.«

»Nein, sie hat mir beigebracht zu lesen.«

Line fing an zu lachen. Gisèle warf ihr einen strengen Blick zu.

»Lach nicht, blöde Gans. Du hast keine Ahnung vom Leben. Sie hat dir beigebracht zu lesen?« fragte sie Clément dann etwas sanfter.

»Als ich klein war.«

»Ja, das ist ganz ihre Art. Was willst du von ihr? Wie heißt du?«

Clément strengte sich an. Da war der Mord, die ermordete Frau. Er mußte lügen, erfinden. ›Klein e, du denkst dir was aus.‹ Das war das Schwierigste dabei.

»Ich will ihr Geld zurückgeben.«

»Das geht«, erwiderte Gisèle. »Die alte Marthe ist immer knapp bei Kasse. Wieviel?«

»Viertausend«, sagte Clément aufs Geratewohl.

Das Gespräch ermüdete ihn. Es war ein bißchen schnell für ihn, er hatte schreckliche Angst davor, etwas zu sagen, was er nicht sagen durfte.

Gisèle dachte nach. Klar, der Typ war ziemlich seltsam, aber Marthe wußte sich zu verteidigen. Und viertausend waren viertausend.

»Gut, ich glaub dir«, sagte sie. »Kennst du die Bouquinisten an den Quais?«

»An den Quais? An den Seine-Quais?«

»Ja doch, Dummkopf. So viele verschiedene gibt’s hier ja nicht! Also: an den Quais, am linken Seineufer, auf der Höhe der Rue de Nevers, da kannst du sie nicht verfehlen. Sie hat einen kleinen Bouquinistenstand, den hat ihr ein Freund besorgt. Die alte Marthe bewegt sich nicht gerne. Behältst du das? Sicher? Du machst nicht gerade den Eindruck, besonders helle zu sein, entschuldige.«

Clément starrte sie an, ohne zu antworten. Er wagte nicht, noch einmal nachzufragen. Und trotzdem, sein Herz hämmerte, er mußte Marthe finden, alles hing davon ab.

»Also gut«, seufzte Gisèle. »Ich werd’s dir aufschreiben.«

»Du gibst dir zuviel Mühe«, sagte Line achselzuckend.

»Halt die Klappe«, wiederholte Gisèle. »Du hast keine Ahnung.«

Sie kramte in ihrer Tasche und holte einen leeren Umschlag und einen Bleistiftstummel heraus. Sie schrieb ordentlich und in großen Buchstaben, sie hatte den Verdacht, daß der Junge tatsächlich nicht sehr helle war.

»Mit dem hier wirst du sie wiederfinden. Richte ihr schöne Grüße von Gisèle aus der Rue Delambre aus. Und keine Dummheiten, klar? Ich vertrau dir.«

Clément nickte. Er packte schnell den Umschlag ein und hob sein Akkordeon auf.

»Ach, sag mal«, sagte Gisèle, »spiel mir doch noch was vor, damit ich sehe, daß das kein Trick ist. Entschuldige, ich bin dann ruhiger.«

Clément hängte sich das Instrument um und zog sorgfältig den Blasebalg auseinander, während ihm die Zunge leicht aus dem Mund hing. Dann spielte er, den Blick zu Boden gerichtet.

Weshalb man Trottel nicht für blöd halten sollte, sagte sich Gisèle, während sie zuhörte. Der hier war ein richtiger Musiker. Ein richtiger Trottelmusiker.

3

Clément bedankte sich umständlich und machte sich wieder auf den Weg Richtung Montparnasse. Es war fast sieben Uhr abends, und Gisèle hatte gesagt, er müsse sich beeilen, wenn er die alte Marthe noch erwischen wollte, bevor sie ihren Stand zuklappte. Mehrfach mußte er mit dem Zettel in der Hand nach dem Weg fragen. Endlich: die Rue de Nevers, der Quai und die mit Büchern vollgestopften, grüngestrichenen hölzernen Stände. Er suchte die Auslagen mit den Augen ab, aber er entdeckte nichts Vertrautes. Er mußte schon wieder nachdenken. Gisèle hatte gesagt, siebzig Jahre. Marthe war eine alte Frau geworden, er durfte nicht nach der Frau mit braunen Haaren suchen, die er in Erinnerung hatte.

Eine ältere Frau mit gefärbten Haaren und bunter Kleidung wandte ihm den Rücken zu und klappte einen Segeltuchstuhl zusammen. Sie drehte sich um, und Clément schlug sich mit den Fingern auf den Mund. Das war seine Marthe. In alt, o. k., aber das war seine Marthe, das war die, die ihm mit der Hand durchs Haar gefahren war und ihn nie als Kretin behandelt hatte. Er wischte sich die Nase ab, überquerte bei Grün die Straße und rief ihren Namen.

Die alte Marthe musterte den Mann, der sie rief. Der Typ da schien sie zu kennen. Ein schwitzender Mann, klein, mager, mit einem blauen Akkordeon unter dem Arm, das er wie einen Blumentopf hielt. Er hatte eine große Nase, leere Augen, weiße Haut, helles Haar. Clément hatte sich vor ihr aufgepflanzt, er lächelte, er erkannte alles wieder, er war in Sicherheit.

»Ja, bitte?« fragte Marthe.

Clément hatte nicht daran gedacht, daß Marthe ihn nicht erkennen könnte. Angst ergriff ihn. Und wenn Marthe ihn vergessen hatte? Und wenn Marthe alles vergessen hatte? Und wenn sie den Verstand verloren hatte?

Sein Kopf war leer, und er kam nicht einmal auf die Idee, seinen Namen zu sagen. Er stellte das Akkordeon aufs Pflaster und suchte fieberhaft nach seiner Brieftasche. Vorsichtig zog er seinen Personalausweis daraus hervor und streckte ihn Marthe ängstlich hin. Er liebte seinen Personalausweis sehr.

Marthe zuckte mit den Schultern und sah auf den abgewetzten Ausweis. Clément Didier Jean Vauquer, neunundzwanzig Jahre. Schön und gut, aber das sagte ihr überhaupt nichts. Sie sah den Mann mit den glasigen Augen an und schüttelte etwas betrübt den Kopf. Dann noch einmal den Ausweis, dann den Mann, der keuchend atmete. Sie spürte, daß sie sich ein bißchen anstrengen mußte, daß der Typ verzweifelt etwas von ihr erwartete. Aber dieses magere, abstoßende und ängstliche Gesicht hatte sie noch nie gesehen. Und doch, diese Augen, die gleich zu weinen drohten, und dieses ängstliche Warten sagten ihr irgend etwas. Die leeren Augen, die kleinen Ohren. Ein ehemaliger Kunde? Unmöglich, zu jung.

Der Mann wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab, mit der raschen Geste eines Kindes, das kein Taschentuch hat.

»Clément …?« murmelte Marthe. »Der kleine Clément …?«

Der kleine Clément, mein Gott! Marthe machte rasch die Holzläden ihrer Auslage zu, schloß ab, nahm ihren Klappstuhl, ihre Zeitung, zwei Plastiktüten und zog den jungen Mann rasch am Arm.

»Komm«, sagte sie.

Wie hatte sie nur seinen Familiennamen vergessen können? Gut, sie hatte ihn auch nie benutzt. Sie hatte ihn Clément genannt, das war alles. Sie führte ihn fünfhundert Meter weiter auf den Parkplatz des Institut de France, wo sie ihren Kram zwischen zwei Autos abstellte.

»Hier ist es ruhiger«, erklärte sie.

Erleichtert ließ Clément alles mit sich geschehen.

»Na, siehst du«, fuhr Marthe fort, »ich habe dir gesagt, daß du mich später um einen Kopf überragen würdest, und du wolltest es nicht glauben. Wer hatte recht? Und wie lange ist das her … Wie alt warst du da? Zehn. Und dann, eines Tages: verschwunden, der kleine Mann. Du hättest dich melden sollen. Ich will dir keine Vorwürfe machen, aber das hättest du tun sollen.«

Clément drückte die alte Marthe an sich, und Marthe klopfte ihm auf den Rücken. Natürlich roch er nach Schweiß, aber er war ihr kleiner Clément, und außerdem war Marthe nicht zimperlich. Sie war glücklich, ihren kleinen, verlorenen Jungen wiederzusehen, dem sie fünf Jahre lang versucht hatte ordentlich Lesen und Reden beizubringen. Als sie ihn kennengelernt hatte, wie er auf der Straße herumzog, wo ihn sein Drecksack von Vater seinem Schicksal überließ, hatte er kein Wort gesprochen, er hatte immer nur ein »Mir eh scheißegal, ich komm eh in die Hölle« gebrummt.

Marthe sah ihn besorgt an. Er schien völlig verstört.

»Mit dir stimmt was nicht«, erklärte sie.

Clément hatte sich mit hängenden Armen auf ein Auto gesetzt. Er starrte auf die Zeitung, die Marthe auf ihre Plastiktüten gelegt hatte.

»Hast du die Zeitung gelesen?« stieß er hervor.

»Ich bin beim Kreuzworträtsel.«

»Hast du das mit der ermordeten Frau gesehen?«

»Und ob ich es gesehen habe. Alle haben es gesehen. Was für ein Barbar.«

»Sie suchen mich, Marthe. Du mußt mir helfen.«

»Wer sucht dich, mein kleiner Mann?«

Clément machte eine weit ausladende Kreisbewegung.

»Die ermordete Frau«, wiederholte er. »Sie suchen mich. Sie haben mich in die Zeitung gebracht.«

Marthe klappte schnell ihren Segeltuchstuhl auseinander und setzte sich. Das Blut pochte ihr in den Schläfen. Jetzt kamen ihr nicht mehr nur die Bilder des kleinen, lernbegierigen Jungen in den Sinn, sondern sie begann sich auch an all die Dummheiten zu erinnern, die Clément zwischen neun und zwölf Jahren angestellt hatte. Die Diebstähle, die Prügeleien, wenn ihn jemand als Trottel bezeichnet hatte, die verschrammten Autos, die Kreidestücke in den Autotanks, die eingeschlagenen Scheiben, die verbrannten Mülltonnen. Er war mager und knurrte immer: »Ich komm eh in die Hölle, sagt Papa, mir ist das scheißegal.« Wie häufig hatte Marthe ihn bei den Bullen losgeeist? Zum Glück kannte sie die Kommissariate und alle, die darin arbeiteten, durch ihren Beruf in- und auswendig. Als er etwa dreizehn war, hatte Clément sich ein bißchen beruhigt.

»Um Gotteshimmelswillen, das ist doch nicht möglich«, sagte sie nach ein paar Minuten leise. »Um Gotteshimmelswillen, das ist doch nicht möglich, daß sie dich suchen.«

»Doch, mich. Sie werden mich kriegen, Marthe.«

Marthe hatte einen Kloß im Hals. Sie hörte ein Lärmen auf der Treppe und die Stimme des Kleinen, der schrie: »Sie kriegen mich, Marthe, sie kriegen mich!«, während er an die Tür trommelte. Marthe öffnete, und der Kleine warf sich ihr schluchzend in die Arme. Sie legte ihn zusammengerollt aufs Bett, das rote Federbett über ihn und streichelte ihm das Haar, bis er einschlief. Der kleine Clément war wirklich nicht sehr helle. Sie wußte es, aber sie hätte sich eher in Stücke reißen lassen, als das zuzugeben. Es gab ziemlich viele, die ihn verachteten. Es war doch nicht seine Schuld, der Kleine würde schon ruhiger werden, und er würde lernen. Und dann würde man sehen, was man sehen würde.

Na also, man hat’s ja gesehen, hätte Simon gesagt, der alte Lump, der damals den Lebensmittelladen unten hatte. Immer der erste, wenn’s darum ging, Leute niederzumachen.

Er nannte Clément »ein sauberes Früchtchen«. Der Gedanke an den alten Dreckskerl weckte

Marthes Energie. Sie wußte, was sie zu tun hatte.

Sie erhob sich, klappte ihren Stuhl zusammen und sammelte ihre Tüten ein.

»Komm«, sagte sie. »Wir bleiben nicht hier.«

4

Marthe wohnte jetzt in einem Zimmer im Erdgeschoß in einer kleinen Sackgasse in der Nähe der Bastille.

»Das hat ein Freund für mich besorgt!« sagte sie stolz zu Clément, als sie die Tür öffnete. »Wär da nicht mein ganzes Durcheinander, würde das was hermachen. Das Geschäft auf den Quais auch. Er heißt Ludwig. Hättest du gedacht, daß ich eines Tages Bücher verkaufen würde? So von einem Trottoir zum nächsten kann einem alles passieren, weißt du.«

Clément folgte ihr nur halb.

»Ludwig?«

»Das ist der Freund, von dem ich dir erzähle. Ein Mann, wie du nur wenige findest. Und du weißt, daß ich mich mit Männern auskenne. Leg dein Akkordeon ab, du ermüdest mich, Clément.«

Clément wedelte mit der Zeitung herum, er hätte gerne geredet.

»Nein«, sagte Marthe. »Leg erst dein Akkordeon ab und setz dich, du siehst doch, daß du dich kaum noch auf den Beinen halten kannst. Du wirst mir das mit dem Akkordeon noch erklären, aber das eilt nicht. Hör mir zu, mein kleiner Mann: Wir essen was zu Abend, wirtrinken ein ordentliches Glas, und dann erzählst du mirin aller Ruhe deine Geschichte. Man muß die Dinge in der richtigen Reihenfolge tun. Während ich das Essen vorbereite, machst du dich frisch. Und stell jetzt das Akkordeon ab, verdammt.«

Marthe führte Clément in eine Ecke des Zimmers und zog einen Vorhang beiseite.

»Guck mal«, sagte sie. »Ein richtiges Badezimmer. Da bist du platt, was? Du nimmst jetzt ein heißes Bad, weil man immer ein heißes Bad nehmen soll, wenn es einem nicht gut geht. Wenn du was Sauberes zum Anziehen hast, dann zieh dich um. Und gib mir deine schmutzigen Sachen, ich kümmere mich heute abend drum. Bei der Hitze trocknet das schnell.«

Marthe ließ Wasser ein, schob Clément in Richtung Badezimmer und zog den Vorhang zu. Zumindest würde er nicht mehr nach Schweiß riechen. Marthe seufzte, sie machte sich Sorgen. Sie nahm leise die Zeitung und las langsam den ganzen Artikel auf Seite sechs. Die junge Frau, deren Leiche man am Morgen zuvor gefunden hatte, wohnte in der Rue de la Tourdes-Dames; sie war niedergeschlagen, erwürgt und mit achtzehn Stichen durchbohrt worden, vielleicht mit einer Schere. Ein Gemetzel. »Man setzt große Hoffnungen in die Zeugenaussagen der Anwohner, die übereinstimmendeinen Mann erwähnen, der in den Tagen vor dem Mord täglich vor dem Gebäude des Opfers gestanden hat.« Das Geräusch von Wasser ließ Marthe aufschrecken, Clément ließ sein Badewasser ab. Marthe schob behutsam die Zeitung beiseite.

»Setz dich, mein Junge. Es kocht.«

Clément hatte sich umgezogen und gekämmt. Er war nie schön gewesen, was vielleicht an seiner runden Nase, seiner fahlen Haut und vor allem an der Leere in seinen Augen lag. Marthe sagte, das komme, weil sie so dunkel seien, daß man die Pupille nicht von der Iris unterscheiden könne, aber wenn man sich bitte schön mal die Mühe machen würde, dann sähe er so schlecht doch gar nicht aus, und außerdem, was hatte das schließlich für eine Bedeutung. Während sie weiter die Nudeln umrührte, wiederholte Marthe im Geist die Suchmeldung, die die Zeitung im Anschluß an den Artikel abgedruckt hatte: »… die Ermittlungen richten sich auf einen jungen Mann weißer Hautfarbe zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, klein, mager oder sehr schmal, lockiges, helles Haar, glattrasiert, einfach gekleidet, graue oder beige Hosen, Turnschuhe.« Die Polizei sei in der Lage, in zwei Tagen ein Phantombild zu liefern, vielleicht früher.

Graue Hose, präzisierte Marthe und warf einen kurzen Blick auf Clément.

Sie füllte die Teller mit Nudeln und Käse und gab ein weichgekochtes Ei über das Ganze. Clément starrte wortlos auf sein Essen.

»Iß«, sagte Marthe. »Nudeln werden schnell kalt, niemand weiß, warum. Blumenkohl dagegen bleibt lange heiß. Frag, wen du willst, du wirst niemanden finden, der dir sowas erklärt.«

Clément hatte noch nie beim Essen reden können, er war unfähig, beides zugleich zu tun. Marthe hatte daher beschlossen, das Ende des Abendessens abzuwarten.

»Denk nicht dran und iß«, wiederholte sie. »Ein leerer Sack kann nicht stehen.«

Clément nickte und gehorchte.

»Und während wir essen, erzähle ich dir Geschichten aus meinem Leben, wie früher, als du klein warst. Nicht wahr, Clément? Die von dem Kunden, der immer zwei Hosen übereinander anhatte, ich bin sicher, daß du dich überhaupt nicht mehr an sie erinnerst.«

Es fiel Marthe nicht schwer, Clément zu zerstreuen. Sie besaß die Fähigkeit, stundenlang kleine Geschichten aneinanderzureihen, und häufig passierte es ihr sogar, daß sie mit sich selbst redete. Sie erzählte also die Geschichte von dem Mann mit den zwei Hosen, die von dem Brand an der Place d’Aligre, die von dem Abgeordneten, der zwei Familien hatte, die nur sie allein kannte, die Geschichte von der kleinen fuchsroten Katze, die aus dem sechsten Stock auf ihre vier Pfoten gefallen war.

»Meine Geschichten sind heute abend nicht besonders großartig«, schloß Marthe und verzog das Gesicht. »Ich bin nicht ganz bei der Sache. Ich bring jetzt den Kaffee, und dann unterhalten wir uns. Nimm dir nur Zeit.«

Clément fragte sich ängstlich, wo er beginnen sollte. Er hatte keine Ahnung, wo ›klein a‹ war. Sicher heute morgen im Café.

»Heute morgen habe ich einen Kaffee im Café getrunken.«

Clément unterbrach sich, die Finger auf den Lippen. Genau das war es, weshalb er ein Trottel war. Wie stellten all die anderen es an, nicht ›einen Kaffee im Café‹ zu sagen?

»Erzähl weiter«, sagte Marthe. »Laß dich nicht beeindrucken, das sind Kleinigkeiten, die uns egal sind.«

»Ich habe einen Kaffee im Café getrunken«, wiederholte Clément. »Da hat einer der Männer die Zeitung vorgelesen. Ich hab den Namen ›Rue de la Tour-des-Dames‹ gehört, da hab ich persönlich zugehört, und dann haben sie den Mörder beschrieben, und das war dann ich, Marthe. Niemand anderer als ich. Da war ich dann erledigt. Ich verstehe nicht, wie sie es erfahren haben. Ich hatte große Angst, folgsam bin ich persönlich in mein Hotel zurückgegangen. Ich hab meine Sachen genommen, und danach habe ich nur an eine einzige Sache gedacht, und das warst du, damit sie mich nicht schnappen.«

»Was hat das Mädchen dir getan, Clément?«

»Was für ein Mädchen, Marthe?«

»Das Mädchen, das jetzt tot ist, Clément. Hast du sie gekannt?«

»Nein. Ich hab sie nur fünf Tage lang ausspioniert.

Aber sie hat mir nichts getan, das schwör ich.«

»Und warum hast du sie ausspioniert?«

Clément drückte mit einem Finger auf einen Nasenflügel und runzelte die Stirn. Es war schwierig, alles in die richtige Reihenfolge zu bringen.

»Um zu erfahren, ob sie einen Liebhaber hat. Das war dafür der Grund. Und die Topfpflanze habe ich auch gekauft, und ich habe sie hingebracht. Sie haben sie bei ihr gefunden, die ganze Erde auf dem Boden, das steht in der Zeitung.«

Marthe stand auf und holte sich eine Zigarette. Als Kind war Clément zwar nicht sehr helle gewesen, aber er war ihr weder verrückt noch grausam vorgekommen. Der junge Mann, der da jetzt an ihrem Tisch in ihrem Zimmer saß, machte ihr plötzlich angst. Einen kurzen Augenblick lang dachte sie daran, hinauszugehen und die Bullen zu rufen. Ihr kleiner Clément, um Gotteshimmelswillen. Was hatte sie gehofft? Daß er nur zufällig gemordet hätte? Ohne zu wissen, was er tat? Nicht mal das. Sie hatte gehofft, es wäre nicht wahr.

»Was ist denn in dich gefahren, Clément?« murmelte sie.

»Wegen der Topfpflanze?«

»Nein, Clément! Warum hast du sie umgebracht?« brüllte Marthe.

Ihr Schrei endete in einem Schluchzen. Voller Angst rannte Clément um den Tisch und kniete sich neben sie.

»Aber Marthe«, stammelte er, »aber Marthe, du weißt doch gut, daß ich ein braves Kind bin! Das hast du doch gesagt! Das hast du immer gesagt! War das nicht persönlich die Wahrheit? Marthe?«

»Ja, das hab ich geglaubt!« rief Marthe. »Ich hab dir alles beigebracht! Und was hast du gemacht? Glaubst du, das ist anständig?«

»Aber Marthe, sie hat mir nichts getan …«

»Halt den Mund! Ich will nichts mehr davon hören!«

Clément stützte seinen Kopf in die Hände. Oder hatte er sich getäuscht? Was hatte er vergessen zu sagen? Er hatte sich wie gewöhnlich mit ›klein a‹ getäuscht, wie immer, er hatte nicht da angefangen, wo er hätte anfangen müssen, und hatte Marthe schrecklichen Kummer bereitet.

»Ich habe den Anfang nicht gesagt, Marthe!« sagte Clément und schüttelte sie. »Ich habe die Frau nicht umgebracht!«

»Wenn du’s nicht warst, war es vielleicht der liebe Gott?«

»Du mußt mir helfen«, fuhr Clément flüsternd fort und umklammerte Marthes Schultern, »sonst kriegen sie mich!«

»Du lügst.«

»Ich kann nicht lügen, das hast du auch immer gesagt! Du hast gesagt, man braucht zu viele Ideen, um zu lügen.«

Ja, sie erinnerte sich. Clément war unfähig, etwas zu erfinden. Weder einen kleinen Witz noch einen Trick und erst recht keine Lüge. Marthe dachte wieder an diesen Dreckskerl von Vater Simon, der ständig auf den Boden spuckte, während er den Kleinen beschimpfte. »Sauberes Früchtchen … aus dem wird noch ein Mörder …« Tränen brannten ihr in den Augen. Sie löste Cléments Hände von ihren Schultern, schneuzte sich geräuschvoll in die Papierserviette und atmete tief durch. Sie und Clément würden schließlich recht behalten, das konnte gar nicht anders sein. Sie oder der alte Simon, beides ging nicht.

»Gut«, sagte sie und schniefte. »Fang noch mal an.«

»Klein a«, begann Clément erschöpft von neuem, »ich habe das Mädchen überwacht. Das war nur für die Arbeit, die man von mir verlangt hat. Und der Rest ist nur ein … ein …«

»Zufall?«

»Zufall. Sie suchen mich, weil sie mich in ihrer Straße gesehen haben, was mich angeht. Ich habe gearbeitet. Nicht lang davor habe ich noch ein Mädchen überwacht. Genauso, für die Arbeit.«

»Noch ein Mädchen?« fragte Marthe erschreckt. »Erinnerst du dich, wo?«

»Warte«, sagte Clément und drückte mit dem Finger auf den Nasenflügel. »Ich suche.«

Marthe stand abrupt auf und ging zu ihrem Zeitungsstapel unter der Spüle. Sie zog eine Zeitung aus dem Stoß heraus und überflog sie eilig.

»Etwa am Square d’Aquitaine, Clément?«

»Genau da«, sagte Clément und lächelte erleichtert. »Da hat das erste Mädchen gewohnt. Eine ganz kleine Straße, ganz am Rand von Paris.«

»Mein armer Junge«, murmelte sie. »Mein armer Junge, weißt du denn nichts davon?«

Clément, immer noch auf den Knien, sah Marthe mit offenem Mund an.

»Das ist kein Zufall«, sagte Marthe leise. »Am Square d’Aquitaine ist vor zehn Tagen eine Frau ermordet worden.«

»War da auch eine Topfpflanze?« fragte Clément, der wieder zu flüstern anfing.

Marthe zuckte mit den Achseln.

»Ein hübscher Farn«, murmelte Clément. »Den hab ich ausgesucht, persönlich. Das hat man mir als Auftrag gegeben.«

»Von wem redest du?«

»Der, der mich in Nevers angerufen hat, um Akkordeonspieler in seinem Restaurant in Paris zu sein. Aber das Restaurant war schließlich noch nicht fertig. Er hat mir gesagt, ich soll zwei Kellnerinnen überwachen, von denen, die er einstellen will, und man muß deshalb vorher wissen, ob sie anständig sind.«

»Mein armer Clément …«

»Glaubst du, daß man mich am Square d’Aquitaine auch gesehen hat?«

»Natürlich hat man dich da gesehen. Das ist sogar der Grund dafür, daß man dich dahin geschickt hat, mein armer Junge: damit man dich sieht. Verdammt, hättest du dir nicht denken können, daß das eine ziemlich merkwürdige Arbeit ist?«

Clément starrte Marthe mit großen Augen an.

»Ich bin ein Dummkopf, Marthe. Das weißt du doch.«

»Aber nein, Clément, du bist kein Dummkopf. Und von dem ersten Mord hast du nichts in den Nachrichten gehört?«

»Ich war im Hotel, ich hatte kein Radio.«

»Und die Zeitung?«

Clément senkte ein wenig den Kopf.

»Na ja, wegen dem Lesen …, ich hab bißchen was davon vergessen.«

»Kannst du nicht mehr lesen?« rief Marthe.

»Nicht so gut. Auf der Zeitung ist das so klein.«

»Na bitte«, seufzte Marthe erregt. »Da siehst du, was passiert, wenn man mit dem Lernen einfach aufhört.«

»Ich stecke in einer Mannschaft, Marthe, in einer schrecklichen Mannschaft.«

»In einer schrecklichen Machenschaft, Clément. Du hast recht. Und glaub mir, das ist zu groß für uns.«

»Sind wir erledigt?«

»Wir sind nicht erledigt. Denn weißt du, mein kleiner Mann, die alte Marthe kennt eine Menge Leute. Und ein paar ziemlich fähige. Zu so was ist die Bildung da, verstehst du?«

Clément nickte.

»Zunächst was anderes«, fuhr Marthe fort und stand auf. »Hast du irgend jemandem erzählt, daß du hierherkommst?«

»Nein.«

»Bist du sicher? Denk nach. Hast du niemandem von mir erzählt?«

»Aber doch, den Mädchen. Ich hab vierzig Mädchen auf den Straßen gefragt, um dich zu finden. Ich kann das Telefonbuch nicht lesen, das ist zu klein geschrieben.«

»Könnten die Mädchen dich nach der Beschreibung in der Zeitung wiedererkennen? Hast du lange mit ihnen gesprochen?«

»Nein, sie haben mich persönlich sofort weggestoßen. Nur eine, nämlich das war Madame Gisèle und ihre Freundin, die beiden waren sehr nett. Sie hat gesagt, ich soll dich von Gisèle grüßen, Gisèle von der Rue …«

»Delambre.«

»Ja. Die würden mich wiedererkennen. Aber vielleicht können sie nicht lesen?«

»Doch. Alle können lesen, mein Junge. Du bist ein besonderer Fall.«

»Ich bin kein Fall. Ich bin ein Trottel.«

»Wer sagt, daß er ein Trottel ist, ist kein Trottel«, sagte Marthe entschieden, während sie Clément an der Schulter hielt. »Hör zu, mein Junge. Du gehst jetzt schlafen, ich stell dir ein Bett hinter dem Paravent auf. Ich geh zu Gisèle und sag ihr, sie soll die Klappe halten, genau wie ihre Freundin. Weißt du, wie die Freundin heißt? Ist das nicht die junge Line, die jetzt in der Rue Delambre steht?«

»Genau das. Du bist klasse.«

»Das ist nur ein bißchen Bildung, siehst du.«

Clément schlug plötzlich die Hände an die Wangen.

»Sie sagen, daß ich bei dir war«, murmelte er, »und sie werden mich hier schnappen. Ich muß weg, sie werden mich schnappen.«

»Im Gegenteil, du bleibst hier. Gisèle und Line werden nichts sagen, weil ich sie darum bitte. Eine Frage des Berufs, frag nicht weiter. Aber ich muß mich beeilen, ich muß sie sofort sehen. Und du gehst unter keinen Umständen raus. Und machst niemandem auf. Ich komm spät heim. Schlaf jetzt.«

5

Es war nach elf, als Marthe Gisèle auf die Schulter klopfte, die halb schlafend in ihrer Tür lehnte. Gisèle besaß die Fähigkeit, sich im Stehen auszuruhen, so wie die Pferde, sagte sie. Sie war wie ein Sportler stolz auf ihre Fähigkeit, aber Marthe hatte das immer ein bißchen traurig gefunden. Die beiden Frauen fielen einander in die Arme, vier Jahre hatten sie sich nicht gesehen.

»Gisèle«, sagte Marthe, »ich hab nicht viel Zeit. Es geht um den Mann, der vorhin nach mir gefragt hat.«

»Das hab ich mir gedacht. Hab ich eine Dummheit gemacht?«

»Du hast dich ganz richtig verhalten. Aber sollte man mit dir darüber reden, dann darfst du nicht darüber reden. Womöglich siehst du ihn sogar in der Zeitung. Na, jedenfalls darfst du nicht drüber reden.«

»Gegenüber den Bullen?«

»Zum Beispiel. Der Kleine ist meine Sache, ich kümmere mich um ihn. Verstehst du, Gisèle?«

»Es gibt nichts zu verstehen. Ich red nicht drüber, das ist alles. Was hat er gemacht?«

»Nichts. Der Kleine ist meine Sache, sag ich dir.«

»Sag mal, ist das etwa dein kleiner Junge von damals? Der, dem du Lesen beigebracht hast?«

»Du hast ganz schön was auf dem Kasten, Gisèle.«

»Seitdem ich ihn vorhin gesehen habe, ist da einiges in Bewegung gekommen«, sagte Gisèle lächelnd und ließ einen Finger vor ihrer Schläfe kreisen. »Sag mal, entschuldige, aber ich habe nicht den Eindruck, daß viel davon bei deinem Jungen hängengeblieben ist, oder?«

Marthe zuckte etwas betreten mit den Achseln.

»Er hat’s nie geschafft, seine Stärken zu zeigen.«

»Das kannst du laut sagen. Aber wenn das dein Clément ist, kann man schließlich nichts dagegen einwenden, vermute ich. Das läßt sich nicht erzwingen.«

Marthe lächelte.

»Du weißt sogar noch seinen Namen?«

»Marthe, ich habe dir gesagt, da drin ist einiges in Bewegung gekommen«, sagte Gisèle und deutete erneut mit ihrem Finger auf die Schläfe. »Was denkst du denn, bei all den Stunden auf den Beinen, ohne irgendwas zu tun, da ist es doch normal, wenn du anfängst, nachzudenken. Du weißt doch, wie das ist.«

Marthe nickte.

»Wenn du genau nachrechnest«, fuhr Gisèle fort, »hast du immerhin fünfunddreißig Jahre damit verbracht, auf der Straße nachzudenken. Da kommt schon was zusammen.«

»Na ja, am Ende hab ich vor allem in meinem Zimmer vom Telefon aus gearbeitet«, wandte Marthe ein.

»Das ändert nichts, man denkt auch, wenn man im Zimmer ist und nichts tut. Während, wenn deine Hände immer beschäftigt sind, wie bei der Post zum Beispiel, dann kannst du lange versuchen, nachzudenken, es nutzt nichts.«

»Das stimmt, zum Nachdenken braucht man freie Hände.«

»Sag ich dir doch.«

»Was Clément angeht, vergiß ihn besser. Du darfst nicht drüber reden, verstehst du?«

»Das hast du mir schon gesagt, entschuldige.«

»Nimm’s mir nicht übel. Ich will nur sichergehen.«

»Hat dein Clément Ärger gemacht?«