Horst Herrmann

Die Heiligen Väter

Päpste und ihre Kinder

Aufbau Digital

Impressum

Mit 13 Abbildungen

ISBN 978-3-8412-0550-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2004 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design

unter Verwendung eines Gemäldes von Fra Angelico, 1450

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Für meine Söhne Fabian und Sebastian

»Als ich selber noch glaubte, wäre mir ein Buch dieser Art unglaubhaft erschienen, was sage ich, verrucht, sein Autor als schierer Teufel. Denn als gläubiger Katholik hatte ich, wie fast alle gläubigen Katholiken, von der Geschichte des Katholizismus keine Ahnung. Von solcher Ahnungslosigkeit lebt das Papsttum, seit es ein Papsttum gibt.«

K. Deschner, 1982

Inhaltsübersicht

Etwas Licht fiel doch ins Dunkel

I.
Der Papst als Ehemann

Am besten bleibt alles in der Familie

II.
Hurenregiment in Rom

Was es heißt, Päpste zu gebären und umzubringen

III.
Im Allerheiligsten ein Weib, ein Kind?

Warum es keine Päpstin geben darf

IV.
Die Jugendsünden haben Hand und Fuß

Warum Vergessen weiterhilft

V.
Vater und Sohn arbeiten Hand in Hand

Wie auch mal im Dom gemordet werden kann

VI.
Papa muß seine Papstkrone versetzen

Wie sich Hochzeiten im Vatikan feiern lassen

VII.
Herrschaft einer Doppelnatur

Wie sich der Vater schlechthin macht

VIII.
Nichts Menschliches ist mir fremd

Wie ein Papst Tage und Nächte genießt

IX.
»Ich küsse diese süßeste Hand, die mich sterben macht«

Wie eine Papsttochter auf Männer wirkt

X.
Papstsproß Cesare

Was ein prachtvolles Raubtier so treibt

XI.
Das Männerglück ist eine Frau

Wie sich eine große Papstfamilie auflöst

XII.
Affenwärter und Kardinal

Wie steil eine Karriere verlaufen kann

XIII.
Hinauf, hinauf, ans Geld!

Wie sich sogar der Zölibat ertragen läßt

So nicht?

Wir können doch nicht alle an dasselbe glauben

Literaturverzeichnis

Etwas Licht fiel doch ins Dunkel

Das päpstliche Rom mühte sich im Frühjahr 2002 um die medienweit aufgedeckten Sexskandale seiner Priester in den USA, in Australien, Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Österreich, Deutschland. Das geschah nicht aus freien Stücken. Wie üblich war der Vatikan von außen – und nicht von Theologen! – aufgeweckt worden. Das Augenmerk richtete sich auf pädophile Kleriker, lauter »Einzelfälle«. Der Vatikan war nicht zuletzt um die finanziellen Folgen der Affären besorgt. Sie ließen ihn Zigmillionen Spendengelder verlieren, die sich für »Seelsorgszwecke« hätten verwenden lassen. Papst Johannes Paul II. sprach pflichtgemäß von Schande und Scham.

Zwar schien sich die Kirche eher den Opfern und ihren Eltern zuwenden zu wollen, als wie gewohnt die Täter zu decken. Doch Grundprobleme des katholischen Amtsverständnisses wurden ausgeklammert. Der Pflichtzölibat und die auch im Postkatholizismus noch weit verbreitete Rollenerwartung an den tabuierten Beruf eines »geweihten Priesters«, ja des Papstamtes schlechthin waren offenbar keine Diskussion wert. Schon eine diesbezügliche Frage galt als inopportun. Würden solche Probleme offen angesprochen, wäre dies in der Tat für das System gefährlich: Sie reichen tief in das katholische Selbstverständnis hinein, auf sie stützen sich Einfluß und Macht der Päpste.

Kein Wunder, daß unter solchen Bedingungen eine historische Variante des Themas, nämlich die Kinder der Heiligen Väter, kaum in das Blickfeld gerät. Und wenn dies doch geschieht, dann ist meist von dem Renaissancepapst Alexander VI. Borgia die Rede. Unter den Schirm dieses Verfemten schlüpft allerdings manch ein Schlimmerer.

Das könnte sich ändern.

I.
Der Papst als Ehemann

Am besten bleibt alles in der Familie

»Und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.«

Mt 16, 18

»Seit Anfang der Kirche bieten sich ihren Kindern zwei Lebensformen an; die eine, um die Schwäche der Gebrechlichen zu schützen, die andere, um das Glück der Starken zu vollenden.«

Papst Honorius II., † 1130

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Pintoricchio
Pius II.

Der Name Papst, papa, bedeutet »Vater«. Während in der kirchlichen Frühzeit auch Bischöfe und Äbte als papa angeredet wurden, engt sich der Gebrauch des Wortes im 5. Jahrhundert auf den römischen Bischof ein (H. Fuhrmann). Im 11. Jahrhundert wird schließlich dekretiert, daß sich nur dieser, jetzt als Papst betrachtet, mit dem Vater-Namen schmücken dürfe. Der Name wird Programm. Für andere machtpolitisch durchgesetzte Bezeichnungen wie servus servorum Dei (Diener der Diener Gottes) oder vicarius Petri (Christi), also »Stellvertreter des hl. Petrus oder gar Christi auf Erden«, gilt dasselbe. An den verwandten Namen läßt sich ablesen, wessen Geistes Kind diejenigen waren, die sich so ansprechen ließen. Und was diejenigen empfunden haben müssen, die solche Bezeichnungen devotest benutzten.

Die offiziellen Titel des Papstes zeugen nicht von Demut. Sie lauten: »Bischof von Rom, Statthalter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Summus Pontifex der gesamten Kirche, Patriarch des Abendlandes, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Kirchenprovinz, Souverän des Staates der Vatikanstadt, Diener der Diener Gottes«. Diese Titulatur enthält ältere und neuere Bestandteile: Alt ist die Bezeichnung »römischer Bischof«, relativ jung (von 1929) die des »Souveräns des Staates der Vatikanstadt«. Der Titel »Statthalter (Stellvertreter) Christi« verdrängte erst im 12. Jahrhundert, als er sich endlich durchsetzen ließ, die bis dahin gebräuchliche Bezeichnung »Statthalter des hl. Petrus«. Unbestritten oder gar biblisch ist kein einziger Papst-Titel.

Papst Johannes Paul II. verzichtete zwar auf den Gebrauch einiger vatikanischer Hoheitstitel von einst, nicht jedoch auf ihren Anspruch. So gebraucht er den früheren »Majestätsplural« nicht mehr. Er spricht wie andere Menschen auch inzwischen im Singular. Er sagt nicht mehr »Wir«, wenn er von sich spricht, sondern »Ich«. Er versucht damit, nicht nur der Vertreter einer Institution zu sein, sondern Mensch unter Menschen zu werden. Und doch ist da ein Haken: D. A. Seeber stellte fest, daß »bei einer so fordernden Sprache wie der Johannes Pauls II. das ›Ich‹ trotz liebenswürdiger Verbindlichkeit noch sehr viel autoritätsvoller erscheint als das distanzierte ›Wir‹«.

Eine internationale Kommission katholischer Theologen empfahl in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, der Papst möge Titel meiden, »welche die Gefahr eines Mißverständnisses in sich tragen« (Y. Congar). Unter diese fiel die Anrede »Heiliger Vater« nicht; sie blieb unbefragt und ist bis heute die gebräuchlichste geblieben.

Ganz ohne Mißverständnisse kann auch sie nicht bestehen. Da sich aber Theologen scheuen, sie zu hinterfragen, muß es erlaubt sein, sich ihrer anzunehmen. Beispielsweise ist nachzufragen, inwieweit Amtsinhaber Väter im Wortsinn waren – und das ihren Papsttitel schmückende Adjektiv »heilig« nicht wörtlich nahmen.

Der gängigen Theologie stellt sich trotz reicher Quellen das Problem nicht. Es liegt eine einzige Untersuchung vor (von A. Uhl), und das erst seit kurzem. Ansonsten wurde geschwiegen. Interessengelenkte Autoren, die vor allem im Dienst ihrer Kirche und weniger in dem der ganzen historischen Wahrheit stehen, schließen die Augen. Mein Seitenblick auf die Papstgeschichte gilt ihnen vor allem als ein Seitenhieb.

Solche und alle, die alles gut katholisch finden, wie es war und ist, werden mein Buch kaum schätzen. Ich bezweckte dies aber auch gar nicht und schrieb nicht für Leute, die im Pferch verblieben, im Gegenteil. Ich sehe keinen Anlaß, die auch in anderem Zusammenhang erhobene, verdächtige Forderung zu erfüllen, endlich einen Schlußstrich unter längst Bekanntes zu ziehen.

Abgesehen von der Tatsache, daß sich immer wieder Neues finden läßt oder Altes auf neue Weise dargestellt werden kann und muß (was anderes kann Wissenschaft, die ihren Namen verdient, denn leisten?): Jede neue Generation hat das Recht, über Personen und Taten der Vorväter informiert zu sein. Niemand kann ihr Recht und Pflicht bestreiten, sich ein eigenes Urteil zu bilden, gerade wenn das Recht auf umfassende Information in kirchlichen Kreisen, wo Quellen lieber zensiert als genutzt werden, noch so oft unterbunden wird.

Einer der am schwersten wiegenden Vorwürfe gegen die Catholica, deren Päpste weltweit die infantilste Religion hegen, bleibt die vieltausendfach belegte Tatsache, daß diese Kirche (Gottes-)Angst verbreitet und Menschen bewußt in Abhängigkeit hält, um eigene Macht zu beweisen und zu stabilisieren. Das biblische Bild vom Hirten und der Herde wird damit durch die Oberhirten der Kirche gründlich verwischt. Nicht der geringste, nicht der rarste, wohl aber der am seltensten aufgedeckte Fall von Mißbrauch.

Die Hofgeschichtsschreibung der Päpste widmet sich lieber der Frage, was es mit dem Adjektiv »heilig« in der Bezeichnung »Heiliger Vater« auf sich habe: Unter den 270 offiziell anerkannten Päpsten finden sich an die 80 Heilige, vor allem aus den frühesten Jahren des Papsttums, als es selbstverständlich erschien, einem Amtsträger die persönliche Heiligkeit zuzusprechen. Im zweiten Jahrtausend der Papstgeschichte wurden nur sieben Päpste zur Ehre der Altäre erhoben, zuletzt der höchst umstrittene Pius IX. (1846–1878) und der menschlich integre Johannes XXIII. (1958–1963). Beide wurden im Jahr 2001 seliggesprochen – von Johannes Paul II. (1978 ff.), der die eigene Öffentlichkeitswirkung sorgsam kalkuliert.

»Heilige Väter«? Gregor VII. (1073–1085), wahrscheinlich der Sproß eines Konkubinats, hatte den Weg gewiesen. Er behauptete, mit der vorschriftsmäßigen Amtseinführung würde jeder Papst persönlich heilig. Das Papstamt mache nämlich seinen Inhaber besser, wie er es selbst an sich gespürt habe. Im Gegensatz dazu stünde das Amt des Königs, das selbst gute Menschen schlechter mache.

Im 13. Jahrhundert, einer Zeit des blendenden Aufstiegs des Papsttums und dessen Stabilisierung durch Intrige, Bestechung, Parteiwechsel, Verrat und Krieg, wurde einmal mehr die Frage diskutiert, was Kirche sei. Eine häufige Antwort der zeitgenössischen, wie noch heute von der Gunst eines Papstes abhängigen, an Karriere interessierten Theologen lautete: »Der Papst, der die Kirche genannt werden kann« (papa qui potest dici ecclesia).

Unter dieser Voraussetzung kann Kirchengeschichte als Papstgeschichte verstanden werden und die »Kriminalgeschichte des Christentums« (K. Deschner) durchaus als Geschichte der Papstverbrechen.

Unter diese zähle ich nicht die Tatsache, daß auch Heilige Väter Kinder zeugten; das liegt in der Natur der Sache. Kriminelle Energie verrät vielmehr, daß Kinder skrupellos auf Kosten der (kirchlichen) Allgemeinheit versorgt wurden. Und besondere Unmoral liegt in dem Umstand, daß alles von denselben Personen besorgt wurde, die gleichzeitig lautstark von der Notwendigkeit einer priesterlichen – und damit doch wohl auch bischöflichen und päpstlichen – Ehelosigkeit faselten und sich zudem von Amts wegen gegen jede Form von Verwandtenbereicherung (Nepotismus) wandten. Solche Doppelzüngigkeiten wären jedem anderen schlecht bekommen, dem Papsttum galten sie nicht einmal als Widerspruch. Im Gegenteil, sie passen genau in das Bild, ein weiteres Indiz für die Legitimation, Kirchen- und Papstgeschichte auch als Geschichte öffentlicher Doppelmoral, Heuchelei, Kriminalität zu sehen.

Viele mögen einfach nicht glauben, daß die Historie des Heils so heillos sein soll, die Geschichte der Heiligen so ganz und gar unheilig (K. Deschner).

Das könnte sich ändern.

Ich beabsichtige zwar keine »Papsthistorie« im üblichen Sinn, kein Psychogramm einzelner, irrender Personen. Doch die knappe Diagnose einer Institution darf es schon sein, in der solche Personen, solche Taten möglich waren, ja erst möglich wurden.

Es ist problematisch, fast 2000 Jahre zurückzublicken und sich in die Lage der Menschen zu versetzen, die damals lebten. Wie verzwickt dies ist, wird einem jeden klar, der versucht, 2000 Jahre vorauszuschauen und Aussagen zu machen. Und was für den Zeitraum von 2000 Jahren gilt, gilt ähnlich für geringere Abstände: Auch 500 oder 100 Jahre zurückzuschauen bleibt schwierig. Alles muß Annäherung bleiben, alles steht unter diesem Vorbehalt.

Daher macht es sich die Kirche zu einfach: Sie erklärt die frühen römischen Bischöfe für heilig, unabhängig von dem, was wir überhaupt von ihnen wissen können. Alle sind heilig, im Dutzend sind sie heilig. Mit nicht weniger Recht könnte auch von unheiligen Vätern gesprochen werden, zumal deren Reihe ungleich länger ist.

Freilich fing alles anders an.

Die Legende ist alt: Petrus war Fischer, bevor er zum Apostel gewählt, und Apostel, bevor er zum Ersten der Zwölf ausersehen wurde. Und sie hat eine Fortsetzung. Sie nimmt im Lauf der Kirchengeschichte unterderhand an Fülle und Ausschmückung zu und wird noch immer offiziell beibehalten: Petrus kam eines Tages nach Rom, wurde dort Gründer einer Christengemeinde, stieg schließlich zum ersten Bischof Roms auf, blieb fünfundzwanzig Jahre am Ort, durfte sich mit Recht auch Papst heißen lassen, sah viele Nachfolger auf seinem Stuhl voraus, starb in einer Verfolgungszeit um 64/67 n. Chr. am Kreuz (mit dem Kopf nach unten), wurde an der Stelle begraben, wo heute der Petersdom steht, und unter Papst Pius XII. (1939–1958) ebendort wieder aufgefunden.

An alldem stimmt nichts. Es kann sogar angenommen werden, daß ein Mann, der den Namen Simon und später »Petrus« (der Felsartige) geführt haben soll, nicht einmal historisch ist. Vielleicht diente er nur als Kunstfigur, als eine Art Kleiderständer, an dem alle Optionen des herkömmlichen wie des gegenwärtigen Petrusglaubens (Petrinologie) aufgehängt werden konnten. Es bleibt die Frage, ob er wirklich lebte. Selbst wenn dies bejaht wird, ist fraglich, ob er in Rom war. Und wenn dies stimmt, so braucht er dort keine Gemeinde gegründet zu haben. Selbst wenn er dies getan hätte, hat er sich doch nie als »Papst« verstanden. Und auch wenn er sich so gedeutet hätte, dürfte er wohl kaum mit einer Reihe von Nachfolgern gerechnet haben, schon gar nicht mit einer solchen wie der historischen Papstreihe.

Alle Fragen, Zweifel, Einwände zusammengenommen, bietet sich ein krauses geschichtliches Bild vom Papsttum. Der Fischer (und seine Frau: Wenn er gelebt hat, war Simon Petrus verheiratet und hatte wohl auch Kinder.) kann freilich nichts dafür, daß ein förmliches Papstmärchen entstand. Er ließ es sich sowenig wie Jesus aus Nazareth träumen, daß jene Institution, die sich bis in die gegenwärtige Dogmatik hinein auf ihn beruft, einmal milliardenschwer sein würde – und auf eine mörderische Tradition zurückblicken könnte. Wer aber noch heute an das Märchen glauben läßt und wer es aus Profitgründen und gegen besseres Wissen verteidigt, der kann etwas dafür.

»Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.« Dieses Wort, das zwischen den Konfessionen am meisten umstrittene Wort der Bibel, sprach Jesus nie. Es ist die Erfindung einer Nachwelt, die Jesus schon nicht mehr kannte. Die sogenannte Petrus-Verheißung (Mt 16, 18–19), auf die sich die kirchenfürstliche Ideologie und ihr Papst stützen, bildet einen nachträglichen Einschub. Sie ist eine gewollte spätere Zutat. Der irdische Jesus hat nichts mit ihr zu tun. Der neutestamentliche Text, mit dem Rom den Vorrang des Petrus und der Päpste (Primat) legitimieren wollte und noch immer will, gibt nichts Diesbezügliches her. Der traditionelle Argumentationsstrang Roms, eine machtbezogene Überinterpretation, ist weder historisch noch bibelkundlich zu belegen.

Jesus hat mit keinem Papst etwas gemein; das spricht für ihn.

Und nicht die »Pforten der Hölle« schafften es bisher nicht, die Felsenkirche zu überwältigen, sondern das römische Papsttum selber konnte die eigene Organisation bislang nicht zerstören. Ansätze gab es genug. Päpste setzten alles daran, durch Denken, Handeln, Lebenswandel die angebliche Verheißung ad absurdum zu führen. Gelungen ist es ihnen noch immer nicht ganz. Aber sie machten Jahrhundert für Jahrhundert Fortschritte in ihrem Zerstörungswerk.

Kein Wunder bei den Voraussetzungen, welche die höchsten Kirchenfürsten schufen: Der Apostel, auf den sie sich berufen, war selbst kein Bischof (oder gar Papst) in Rom. Ein Rom-Aufenthalt des Petrus ist nicht bewiesen. Die Mitteilung des Papstes Pius XII. vom Vorabend des Weihnachtsfestes 1950, das Petrusgrab sei endlich gefunden, stellte sich als fromme Lüge heraus. Auch wenn die einschlägige Literatur üppig wuchert, ist das wissenschaftlich haltbare Ergebnis gleich Null: Weder wurde ein Apostelgrab zweifelsfrei gefunden, noch stammen die aufgefundenen Knochen von Petrus. Im letzteren Fall hat es sogar peinliche Enthüllungen gegeben: Knochen, die zunächst als die eines alten Mannes identifiziert worden waren, wurden bei weiteren Untersuchungen als die mehrerer Menschen, darunter einer Frau, erkannt. Das unter St. Peter entdeckte gewaltige Gräberfeld weist eine Vielzahl vorchristlicher Mausoleen aus der Zeit zwischen 130 und 200 auf; nur ein einziges Mausoleum ist christlich ausgeschmückt. Und das sogenannte Petrusgrab, eine Nische, hat die Maße eines Kindergrabes.

Paul VI. ließ sich nicht überzeugen: Noch am 26. Juni 1968 predigte er, die »Reliquien des hl. Petrus« seien »in einer Weise identifiziert worden, die Wir als überzeugend annehmen können«. Lassen wir die Päpste bei ihrem Glauben; schließlich kann jeder glauben, was ihm am rentierlichsten erscheint. Und Profit ließ und läßt sich aus dem armen Petrus in Rom wahrhaftig machen. Gerade weil es ihn nicht gab, ist der römische Petrus so profitabel.

Warum Rom Hauptsitz eines bestimmten Glaubens werden mußte, leuchtet ein. Der politische und wirtschaftliche Rang der Hauptstadt des Imperiums verlangte nach einer solchen Entwicklung. Und die Hirten wären die letzten gewesen, sich den Erfordernissen der Epoche, dem Gebot der Stunde zu verschließen. Also mußte ein Gründer her, ein wichtiger Gründer, der wichtigste überhaupt: Petrus. Noch besser wäre Jesus gewesen, aber der war nicht zur Hand. Er war bereits »auferstanden« und konnte deshalb schlecht selbst in Rom gewesen sein. Aber die Römer behalfen sich. Sie schleppten alle möglichen Jesus-Reliquien in ihre Stadt und bastelten sich eine »Petrinologie« zusammen, die sich sehen lassen konnte. Und schon war der Zugriff auf den Erstapostel gesichert.

Um dem Ersatzglauben eine sichere Basis auf Erden zu schaffen, mußten Papst- und Kirchenfürstentum als Institutionen errichtet werden. An dieser Aufgabe arbeiteten die interessierten Kreise schon sehr früh. Freilich wurde Petrus, auf den sich später alles stützen sollte, noch im ausgehenden 2. Jahrhundert in Rom nicht als Bischof gezählt. Im 4. Jahrhundert ist plötzlich alles anders: Jetzt soll er fünfundzwanzig Jahre in Rom gewirkt haben. Und nach ihm sollen Bischof um Bischof, Papst um Papst an derselben Stelle gethront haben – alles eine Erfindung, um durch die »Geschlossenheit der Namensreihe« nachzuweisen, daß die mit Petrus einsetzende Tradition des römischen Stuhles ohne Unterbrechung fortbestehe.

Doch wahrscheinlich ist die behauptete ununterbrochene Reihe nicht authentisch. Die römische Bischofsliste, die Personen und Papstnamen aufzeichnet, ist als getürkt anzusehen; immer wieder wird sie redigiert, umgeschrieben, zurechtgemacht. Die Bischofsdaten, die sie für die ersten beiden Jahrhunderte aufführt, bleiben höchst unsicher, »für die ersten Jahrzehnte bare Willkür« (K. Heussi).

Bis ins 5. Jahrhundert hinein war der Stuhl des römischen Bischofs allerdings mit keinem einzigen bedeutenden Mann besetzt (F. Gregorovius), und nach dem Tod des Bischofs Marcellinus (304) war vier Jahre lang überhaupt kein Bischof vorhanden; offensichtlich brauchte niemand einen solchen.

Doch der päpstliche Anspruch führt die imperiale Tradition Roms »auf kirchenfürstlich« weiter. Er besetzt die Leerräume der Macht. Der seit dem Mittelalter gebräuchliche Papst-Titel Pontifex maximus spricht für sich: Er ist vom früheren Ehrennamen des römischen Oberpriesters übernommen.

Einmal auf den Geschmack gekommen, kämpfen bereits frühe römische Bischöfe mit allen Mitteln um Einfluß, Vorrang, Macht über alle übrigen. In kürzester Zeit grassieren die neuen Wendungen vom »Primat« im Sprachschatz der päpstlichen Kanzlei, deren Erlasse sich schon im 4. Jahrhundert nicht mehr von kaiserlichen Dekreten unterscheiden. Zwar stoßen die Herrscherallüren der römischen Emporkömmlinge immer wieder auf den Widerstand der konkurrierenden Bischofssitze in Ost und West. Auch ignorieren gerade die bedeutenden Bischofsresidenzen (Karthago, Byzanz, Marseille) das neureiche Rom – und werden dafür mit Schimpf belegt. Besonders scharf ist die Opposition in Afrika, wo es im frühen 5. Jahrhundert noch fast 500 Bischofssitze gibt.

Was soll’s? Rom hat Petrus okkupiert, eine unvergleichliche Akquisition.

Petrus († 64 oder 67), der angeblich erste »Papst«, hatte wohl leibliche Kinder. In der Frühzeit wurden ihm zudem Kinder zugeschrieben (hl. »Petronilla«). Ein Papst als Ehemann? Nichts Üblicheres als das. Erst der Frauenhasser, Kirchenlehrer und Kardinal P. Damiani († 1072) lehrt, sogar der Apostel Petrus habe gefehlt, weil er verheiratet gewesen sei; freilich sei es ihm gelungen, »den Schmutz der Ehe mit dem Blut seines Märtyrertodes abzuwaschen«.

Nicht nur einer unter den folgenden römischen Bischöfen war wie Petrus verheiratet. Niemand, auch nicht die Heilige Schrift, nahm Anstoß, denn ein Mann sein hieß verheiratet sein – und war ein Bischof kein Mann?

Rom kannte bis ins 9. Jahrhundert hinein Priesterkinder, die Päpste wurden: Bonifaz I. (418–422), Felix III. (526 bis 530), Agapet I. (535–536), Theodor I. (642–649), Hadrian II. (867–872), Martin II. (882–884), Bonifaz VI. (896). Andere Päpste waren Söhne oder Blutsverwandte von Päpsten.

So hatte Papst Hormisdas (514–523) einen Sohn. Dieser wurde, als sei es das Normalste von der Welt, ein gutes Jahrzehnt nach dem Tod seines Papstvaters selbst zum Papst gewählt. Er nannte sich Silverius (536–537), geriet vor ein Kriegsgericht, wurde von seinem späteren Nachfolger auf der Insel Ponza interniert und gab auf.

Papst Gregor I. (590–604), der den Titel »Diener der Diener Gottes« einführte, eine ziemlich leere Titelei, war der Urgroßenkel des Vorgängers Felix III. (526–530) und verwandt auch mit Papst Agapet I. (535–536). Papst Hadrian II. (867–872), selbst Sohn eines Bischofs, war zunächst verheiratet. Nach seiner Erhebung zum Papst mußte er erleben, daß der Entführer seiner Tochter diese zusammen mit ihrer Mutter ermordete.

Doch finden sich unter den römischen Bischöfen nicht nur brave Ehemänner: Symmachus (498–514), ein »äußerst zwielichtiger Charakter« (H. Kühner) und durch Bestechung ins Amt gelangt, mußte sich schon früh mit Vorwürfen wegen seines Lebenswandels auseinandersetzen. Der mit seinem Namen verbundene, höchst verdächtige Rechtssatz, nach dem der Papst von niemandem gerichtet werden dürfe, kam ihm sehr zupaß. Seinen Nachfolgern ging es quer durch alle folgenden Jahrhunderte nicht anders.

Auch Papst Leo III. (795–816) mußte sich seinen Lebenswandel vorwerfen lassen, auch er rettete sich unter Bezug auf den genannten Rechtssatz. Karl I. der Große hatte eine Untersuchungskommission eingesetzt, und der Papst hatte einen Reinigungseid geleistet, bei dem vieles im Dunkel blieb. Zwei Tage darauf, am 25. Dezember 800, krönte der dankbare Papst jenen Karl zum Kaiser.

Paschalis I. (817–824), der zweite Nachfolger Leos III., ein grausamer Mann, kam ebenfalls nicht um einen Reinigungseid herum. Offenbar gewöhnten sich die Päpste daran, in ihrem Leben fünfe auch mal grade sein zu lassen.

Die Quellen fließen allerdings in diesen frühen Jahren der Geschichte römischer Bischöfe und Päpste sehr spärlich. Um so häufiger finden sich schon jetzt, auch in der offiziellen vatikanischen Lesart, Papstlegenden und -fabeln. Ein Papst war stets exponiert. Seine Funktion sowie seine gesellschaftliche und politische Bedeutung ließen bald um beinahe jeden Papst, auch nach dem literarischen Konstrukt eines »Wandermotivs«, Geschichten entstehen, manchmal einen ganzen Legendenkranz. Sie erfüllten weithin die gleiche Funktion wie die Enthüllungsstories, die heute Massencharakter tragen und jeden halbwegs »Prominenten« betreffen. Papstlegenden werden freilich oft zu eigenen Anti-Legenden; sie wollen zu keiner Imitation einladen, sondern stellen Warnungen an die da unten dar, es denen da oben nicht nachzutun. Das gilt vor allem in Sachen zölibatärer Lebenswandel; da waren viele Päpste in der Tat kein Vorbild.

Gewiß, ich habe ein festes Urteil über Komödie und Tragödie des sogenannten Zölibatsgesetzes; ein Blick in die Jahrhunderte der Kirche lehrt einen in dieser Hinsicht genug. Keine Ehe, doch ein Harem wurde zur Regel hoher Zölibatäre. Schon im 8. Jahrhundert spricht der hl. Bonifatius von Herren, die sich »vier, fünf, auch noch mehr Konkubinen nachts im Bett halten. Und so werden sie Priester, ja Bischöfe«.

Kirchenfürsten ändern sich jedoch ungern; ihr angeblich zeitloses Amt disqualifiziert sie für die Reform. Ein Bischof von Fiesole war im 11. Jahrhundert von einem ganzen Schwarm von Konkubinen nebst Kindern umgeben, wenn er auftrat. Bischof Iuhell von Dol hielt öffentlich Hochzeit und stattete seine Kinder mit Kirchengut aus. Der Erzbischof von Besançon, der seine Herde bis zur äußersten Armut erpreßte, hatte im 11. Jahrhundert ein Verhältnis mit einer Blutsverwandten, einer Äbtissin; er schwängerte auch eine Nonne und schlief mit der Tochter eines seiner Priester. Oberhirt Heinrich von Lüttich mußte von Papst Gregor X. († 1276) gemahnt werden, mit seinen sexuellen Erfolgen nicht gar so öffentlich zu prahlen: »Bei einem Gastmahl hast du vor allen Anwesenden, ohne dich zu schämen, bekannt, daß du innerhalb zweiundzwanzig Monaten vierzehn Söhne gezeugt hast. Einigen von ihnen hast du Kirchenpfründen verschafft, ohne Rücksicht darauf, daß sie noch minderjährig waren.«

Petrarca (1304–1374) erzählt von einem siebzigjährigen Hirten, dessen Konkubine nur mit ihm schlafen wollte, wenn er sich im Kardinalsornat vor ihr zeigte. Kardinal Hugo von St. Cher verkündet nach Abschluß des Konzils von 1245 in Lyon: »Als wir ankamen, fanden wir nur drei oder vier Hurenhäuser, bei unserem Weggang verlassen wir nur eins, das sich aber vom Osten bis zum Westen der Stadt erstreckt.« Später sieht ein Prediger die Kirche als ein »Bordell des Antichrist«. Der gefeierte Theologe N. d’Oresme († 1382) nennt in Anwesenheit Papst Urbans V. die Prälaten »unzüchtige Hunde«. Beim Konzil zu Konstanz, das 1415 den sittenstrengen »Ketzer« Jan Hus verbrennt, sind 300 Bischöfe zugegen – und 700 Huren zu deren Bedienung, nicht gerechnet jene, welche die Oberhirten schon mitgebracht hatten.

Das Vorbild der Bischöfe, klagt eine altnorwegische Quelle, ist schlecht: »Sie verführen der Leute Frauen häufiger als andere unverständige, ungelehrte Leute und schämen sich nicht, falsches Zeugnis zu reden und Meineide zu schwören.« In Dänemark fordern Bauern im 13. Jahrhundert zum Schutz ihrer Frauen und Kinder vor den Nachstellungen der Hirten die sofortige Abschaffung des Zölibats. Pius II. stellt noch zwei Jahrhunderte später fest, daß die Friesen nicht duldeten, wenn unverheiratete Priester zum Amt zugelassen werden, weil sonst anderer Leute Ehebetten nicht sauber blieben. Würzburger Bürger weigern sich während des Deutschen Bauernkrieges, für ihren Oberhirten ins Feld zu ziehen, weil »sie ihre Weiber daheim nicht vor den geilen Pfaffen sicher wüßten«.

C. Weber hat für das Jahr 1520 eine Liste aufgestellt, nach dieser sind für 16 von 39 Kardinälen Kinder nachzuweisen. Noch im 17. Jahrhundert erkennt Kardinal L. de Guise sechs Kinder an, und im folgenden Jahrhundert verheimlicht Kardinal J. Th. von Bayern seine Kinder keineswegs. Das Leben der Kirchenfürsten ein Opferleben? Gewiß nicht, weil es nicht an dienstbaren Frauen fehlte. Die waren zur Hand.

Eher ein Opferleben, aber ein selbstgewähltes, weil nicht der Bischof oder Kardinal, sondern der rangniedrige Hirt sich als ein allzeit disponibles, nicht an Frau und Kinder gebundenes Menschenwerkzeug erwies. Empfand er sich noch als sündig, weil er sein Gelübde gebrochen und eine Frau angefaßt oder mit den Augen begehrt hatte, war er ein besonders qualifiziertes Instrument: Niemand gehorcht so willig wie ein Sünder demjenigen, der ihm Erlösung zusagt. Verzeihung freilich nur für den Reuevollen. Der konnte auch schon mal zum Bespitzeln und Denunzieren eingesetzt werden. Der schaute zu, wie ertappte Mitbrüder gefoltert und getötet wurden (so noch im späten 17. Jahrhundert durch einen Paderborner Oberhirten) oder wie sie, falls sie nicht nur Kinder gezeugt, sondern auch geheiratet hatten, aus dem Amt gejagt wurden (so heute).

Die Geschichte des Zölibatsgesetzes ist eine so wüste Lektüre, daß es nicht einmal der »schärfste« Roman von heute mit ihr aufnehmen kann. Gerade weil auch Päpste Ehebrecher waren, junge Mädchen zur Geliebten hatten, jede Art sexuellen Lustgewinns suchten, zahllose Kinder hatten, kann es keinen Zweifel geben, daß der Zölibat im gesamten Klerus mehr gebrochen als gehalten wurde (P. de la Rosa).

Am liebsten schwiege ich zum ganzen Komplex; er wird zu oft in die Öffentlichkeit getragen, als gebe es keine wichtigeren Anfragen an die Kirche, als sei ansonsten »alles in Ordnung«. Doch das Thema Päpste und ihre Kinder verlangt, sich mit dem Zölibatsgesetz zu befassen. Die Natur oder der Schöpfer wollten es nicht anders.

Kinder sind nun mal keine Folgen von Enthaltsamkeit. Ein Kind aber als Unglücksfall, Schadensereignis, sichtbare Folge elterlichen Versagens anzuprangern ist unmenschlich.

II.
Hurenregiment in Rom

Was es heißt, Päpste zu gebären und umzubringen

»Was tut die feile Dirne? Sie sitzt auf dem Stuhl, sagt Salomo, und lockt alle heran; wer Geld hat, geht hinein und kann tun, was ihm gefällt; wer aber das Gute will, wird fortgejagt. So hast du, feile Kirche, deine Schande vor der ganzen Welt enthüllt, und dein Pesthauch ist zum Himmel gestiegen.«

Girolamo Savonarola, † 1498

Abbildung

Jacques-Louis David
Papst Pius VII. und Kardinal Caprara
(um 1800)

Was folgt, ist finster.

Freilich war nicht nur dieses »dunkle Jahrhundert« der Papstgeschichte (etwa spätes 9. bis Mitte des 11. Jahrhunderts) finster. Es hat zwar durch den Kardinal und Kirchenhistoriker C. Baronio im 17. Jahrhundert diesen Namen bekommen. Doch die Bezeichnung führt – eine bewußte Ausflucht der Apologeten – in die Irre. Sie isoliert Einzelfälle und entrüstet sich mehr oder weniger maßvoll über sie und nur über sie. Als strahle ansonsten nur helle Sonne über dem Leben und Wirken der Päpste, als hätten diese keine Kreuzzüge, keine »Hexen«-Jagden, keine Inquisition, keinen Faschismus, keinen Weltkrieg gefördert – und alles andere als Licht in die Welt gebracht.

Auch vor dem eigentlichen »finsteren Jahrhundert« (etwa 882–1046), in dem von insgesamt 45 Päpsten ein Drittel des Amtes enthoben wurde und ein weiteres Drittel im Kerker, in der Verbannung oder durch Mord endete, ging es schon seit geraumer Zeit munter zu: Ein gewählter Papst, der Mönch Philipp, verzichtete am Tag seiner Wahl zum Papst auf das Amt und flüchtete zurück in sein Kloster (31. Juli 768). Der Diakon Johannes regierte im Januar 844 nicht länger als eine Stunde.

Und dann? Leo VIII. war Papst von 963 bis 965, doch zwischen Mai und Juni 964 regierte auch Benedikt V. – und beide gelten offiziell als rechtmäßige Amtsinhaber. Andererseits soll Papst Christophorus, der 903 seinen Vorgänger Leo V. nach nur dreißigtägiger Amtszeit einkerkern und foltern ließ, heute nicht mehr so ganz als legitimer Stellvertreter Christi gelten, obgleich das ganze Mittelalter ihn dafür hielt. Im übrigen wanderte auch Christophorus ins Gefängnis, und dort hat ihn – wie auch den Papst Leo V. – ihr Nachfolger Sergius III. erdrosselt.

Papst zu sein wurde gefährlicher denn je: Stephan VI. wurde 897 stranguliert, Johannes X. 928 mit einem Kissen erstickt, Benedikt VI. von seinem Nachfolger Bonifaz VII. 974 um die Ecke gebracht. Johannes XIV. starb 984 in der Engelsburg an Gift, Stephan VIII. wurden Nase und Ohren abgeschnitten, so daß er sich nie mehr in der Öffentlichkeit zeigte. Benedikt III. († 858), Johannes XI. († 936), Benedikt X. († nach 1073) kamen im Kerker mit dem Leben davon. Benedikt X., Christophorus, Johannes XVI. wurden scheußlich geblendet und verstümmelt. Päpste wurden ins Exil geschickt, in den Kirchenbann getan.

An Kinder war unter diesen Umständen nicht zu denken, sollte man meinen. Doch in Rom ist nichts unmöglich. Die Heiligen Väter kamen trotz alledem ganz gut mit dem Problem zurecht.

Denn schließlich kam es, nicht ganz ohne Zutun der jeweiligen Päpste, zu einer förmlichen Pornokratie (C. Baronio), einem Hurenregiment in Rom. Auch wenn die Details dieser Vorgänge weithin undurchsichtig bleiben, weil sie bewußt vernebelt wurden, wie das in einem saeculum obscurum ist: Während der Zeit absoluter Anarchie lebte auch das Papsttum nicht auf einem Felsen im Ozean der Welt. Vielmehr tat es alles, um mitzuhalten.

Keine Ausreden: Diese Päpste werden nach wie vor offiziell als legitime Amtsinhaber betrachtet und in der Papstliste geführt, wenn sie auch nichts – und ihre Bettgenossinnen alles zu sagen hatten.

Eine besonders lange Lebenserwartung hatten die Stellvertreter Christi freilich nicht: In der kurzen Zeitspanne von acht Jahren (896–904) starben acht von ihnen und wohl in keinem einzigen Fall eines natürlichen Todes. Papst zu sein bedeutete nun einmal, sich auf einen recht heißen Stuhl zu setzen und sich damit auf einen vorzeitigen Tod gefaßt zu machen. So war Benedikt IV. im Sommer 903 unverhofft dahingerafft worden, vermutlich hatte ihn Berengar I., König von Italien, beseitigen lassen. Die beiden nächsten Päpste hielten sich auch nur kurz: Leo V. (Sommer 903) wurde von Christophorus (Herbst 903) eingekerkert und gefoltert, Christophorus selbst zusammen mit seinem Vorgänger Leo V. schnell erwürgt.

Täter war in beiden Fällen ein Mann, der sich, nachdem er die Sache Petri in seinem Sinne bereinigt hatte, mit Hilfe eines bewaffneten Haufens in Rom als Sergius III. zum Papst machte. Er brachte schon Erfahrung mit: Unter Johannes IX. (898–900) hatte er als Gegenpapst fungiert, war aber von den Räuberhorden des Amtsinhabers verfolgt und vom Papst abgesetzt, gebannt und ins Exil geschickt worden.

Sergius III. (904–911), der Doppelmörder auf dem Stuhl des Petrus, war wohl ein Graf von Tusculum. Dieses Geschlecht wird sich zu dem alles beherrschenden Machtfaktor in Rom aufschwingen und in anderthalb Jahrhunderten acht der Seinen zu Päpsten machen. Das Papsttum gerät mehr und mehr zur bloßen Kulisse für den Ehrgeiz eines adeligen Hauses. Der römische Adel hielt zusammen: Sergius III. stattete ihn mit einträglichen Pfründen aus – und konnte sich immerhin acht Jahre, eine vergleichsweise überlange Zeitspanne, im Amt halten. Sein Grabmal in der Peterskirche wird seine Amtsführung loben und die Tatsache verdammen, daß »Wölfe«, also seine Vorgänger, ihn sieben Jahre von dem ihm zustehenden Thron ferngehalten hatten.

Thron und Amt hielten freilich Sergius III. keineswegs davon ab, nach wie vor locker mit Frauen umzugehen. Diese boten sich dem Papst – und seinen Nachfolgern – geradezu an. Es waren herrschsüchtige, gerissene, genußbegierige Damen, die wußten, was sie wollten und wie sie es am besten bekamen. Das Fleisch blieb nun einmal schwach, der Geist willig. Insofern erfüllten die Päpste der Zeit – wie Dutzende vor und nach ihnen – zumindest hierin getreu die Buchstaben der Heiligen Schrift (Mt 26, 41), wenn auch wohl nicht ganz im Sinne des Erfinders.

Was nun einsetzte und sich lange hielt, wird schlicht und treffend als »Hurenregiment« bezeichnet. Kein Historiker hat diese Epoche so präzise auf den Punkt gebracht wie H. Kühner (1977). Er schreibt über Marozia, die dreimal verheiratet war und das Bett mit Sergius III. wie mit anderen Heiligen Vätern teilte: Sie »begann umsichtig, Päpste einzusetzen, abzusetzen, zu morden und zu gebären«. Jedes dieser Verben ist, auch wenn die entsprechende Konterlegende berücksichtigt wird, mit zeitgenössischen Beispielen zu belegen: einsetzen (Johannes X., Leo VI., Stephan VII., Johannes XI.), absetzen (Leo VI., Stephan VII., Johannes X.), morden (Johannes X., Leo VI., Stephan VII.), gebären (Johannes XI.).

Als etwa fünfundvierzigjähriger Mann hatte Sergius III. mit seiner fünfzehnjährigen Konkubine (und vermutlichen Nichte) Marozia einen Sohn gezeugt. Wahrscheinlich hat er das junge Mädchen erstmals im Lateranpalast, seiner Residenz, verführt. Marozia (Mariuccia, »Mariechen«) war die Tochter der ebenso schönen wie machtbesessenen Theodora. Diese war eine »schamlose Hure, von der Hitze der Venus entflammt« (Liutprand von Cremona). Zudem war sie Bettgenossin des künftigen Papstes Johannes X. (914 bis 928), der mehr Zeit in ihrem Bett als in irgendeiner Kirche verbracht haben soll. Ihr Enkel, Sohn Marozias und Papst Sergius’ III., wurde 931 schließlich als Johannes XI. auch Papst, und so blieb alles in der Familie.

Theodora († nach 916) stellt zusammen mit ihrer Tochter Marozia einen der seltenen Belege für die uralte patriarchalische Behauptung dar, Männer und ihre Reiche würden allein von Frauen zerstört. Immerhin schaffte Theodora es, daß ein Kirchenfürst nach dem anderen rasch und wundersam dahinschied – und Thron um Thron für ihren Bettschatz frei wurde. Zuerst verstarb der Bischof von Bologna, Johannes wurde sein Nachfolger. Nach kurzer Zeit segnete auch der Erzbischof von Ravenna das Zeitliche – Johannes beerbte ihn. Nach einer weiteren kurzen Frist verschied der Papst – und es wäre bei so viel Glück schon ein Wunder gewesen, hätte sich nicht Johannes auf seinen Thron gesetzt.

Theodora, die römische senatrix, konnte zufrieden sein. Sie soll es nicht ertragen haben, daß ihr Liebhaber zweihundert Meilen von Rom entfernt in Ravenna amtierte. Daher mußte er herbeigeschafft – und Papst werden. Dieser Johannes X. gilt dem Historiker H. Zimmermann als »ein tüchtiger Papst« mit »Fähigkeiten«, der »Rom und dem Papsttum auch weithin neuen Glanz und neue Bedeutung verliehen hat«.

Jedenfalls hielt er sich vierzehn Jahre lang und erwies sich im Bett – nicht weniger im Krieg gegen die Sarazenen – als Mann. Doch er fand seine Meisterin. Theodoras Tochter Marozia herrschte nach dem Tod ihrer Mutter in Rom als absolute Diktatorin (senatrix et patricia). Als ihr der frühere Liebhaber ihrer Mutter, Johannes X., zu selbständig wurde, ließ sie ihn absetzen, in die Engelsburg werfen und Mitte 929 ersticken.

Nach zwei von Marozia noch zu Lebzeiten des Papstes Johannes X. erhobenen und später ermordeten Nachfolgern, Leo VI. (928) und Stephan VII. (928–931), bloßen Platzhaltern von ihren Gnaden, wurde Marozias Sohn, Sproß des Papstes Sergius III., als junger Mann von etwa 23 Jahren selbst Papst. Dieser Johannes XI. hat seine Mutter mit hoher Wahrscheinlichkeit ihrem dritten Mann angetraut, einem weithin bekannten Schürzenjäger mit besonderer »Schwäche für Weiber« und Händler mit Bistümern und Abteien. Hochzeit und Hochzeitsnacht wurden in der Engelsburg gefeiert.

Freilich wurde der junge Papst wenig später von seiner Mutter in Dauerhaft genommen. Diese träumte zwar von einer Krönung zur Kaiserin, die ihr eigener Sohn vornehmen sollte. Doch landete sie selbst im Kerker. Über das Ende von Mutter und Sohn ist nichts Besonderes zu berichten. Beide wurden ermordet.

Marozias weiterer Sohn Alberich II. (932–954), der seine Mutter einmal öffentlich als Hure bezeichnet hatte, nahm die Zügel in die Hand, regierte fast ein Vierteljahrhundert lang unbestritten in Rom wie im Kirchenstaat und ordnete sich die Päpste völlig unter. Leo VII. (936–939), Stephan VIII. (939–942), Marinus II. (942–946) und Agapet II. (946–955) verdankten ihr Amt allein ihm und nicht dem Walten des Heiligen Geistes, das wie üblich beschworen wurde. Stephan VIII. hatte Marozias Sohn freilich auch Kerker, Verstümmelung und schnellen Tod zu danken.