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Impressum

Martina André

»Das Geheimnis des Templers«

Episode I

- Ein heiliger Schwur -



ISBN 978-3-8412-0604-6

Aufbau Digital ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Veröffentlichung: Dezember 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

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unter Verwendung von iStockphoto Motiven: © Nathan Winter, © Reinhold Leitner



E-Book Konzept und Gestaltung: Marcus Thie, Berlin

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Martina André

Das Geheimnis des Templers

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Episode I

»Ein heiliger Schwur«

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Buchtrailer auf Youtube

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Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

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Personenregister

Glossar

Kapitel I

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Im Jahre des Herrn 1300 Breidenburg/Liesertal/Mosel

Der 19. März 1292, auch Gedenktag des heiligen Josef genannt, würde Gero unvergesslich bleiben, wie so vieles, was ihn später an Elisabeth erinnerte.

Damals waren die Vorbereitungen für seinen zwölften Geburtstag in vollem Gange, und seine Mutter, Jutta von Breydenbach, besprach mit einer Köchin die Menüfolge für ein Festmahl, zu dem sie einige Verwandte und Freunde des Hauses Breydenbach eingeladen hatte.

Auf einem Brotkanten kauend, saß Gero neben den Frauen in der Küche und lauschte interessiert, welche Köstlichkeiten sie aus dem wenigen, was sich nach einem harten Winter in der Speisekammer befand, zaubern wollte, als plötzlich eine alte Waschmagd durch den Türbogen gerannt kam. Wild gestikulierend verkündete sie, dass der Burgherr von seinem Kreuzzug aus dem Heiligen Land zurückgekehrt sei. So wie es aussah, war er zwar verletzt, aber er lebte. Geros Mutter ließ die Liste fallen, die sie bis dahin in der Hand gehalten hatte, und fasste sich ans Herz, als ob sie der Schlag getroffen hätte. Dabei war sie mit einem Mal so bleich wie der Inhalt des Butterfasses. Gero befürchtete schon, sie würde umfallen, doch dann nahm sie ihn bei der Hand und zerrte ihn, gefolgt vom übrigen Gesinde, hinaus auf den Hof, wo sie fünf völlig durchnässten Gestalten auf erschöpft wirkenden Gäulen gegenübertraten. Reiter wie Pferde boten ein Bild des Jammers. Abgekämpft und entkräftet, glitt ein Ritter nach dem anderen aus dem Sattel.

Der verschlossene Ausdruck ihrer bärtigen Gesichter war beängstigend düster und vermittelte Gero das Gefühl, als hätte sich der Anblick der Hölle darin eingebrannt.

„Richard“, stammelte Geros Mutter und fiel ausgerechnet dem Mann um den Hals, den er am allerwenigsten für seinen Vater gehalten hätte. Nur das weißblonde, strähnige Haar, das die eisblauen Augen fast vollständig verdeckte, ließ Gero erahnen, dass es sich um den richtigen Mann handelte. Auch die anderen Ritter – wie sein Vater Gefolgsleute des Erzbischofs von Trier, wie man an ihren abgerissenen Wappenröcken erkennen konnte – glaubte er noch nie im Leben gesehen zu haben. Erst bei näherer Betrachtung erkannte er in ihnen langjährige Kameraden seines Vaters, obwohl auch sie nur noch wenig Ähnlichkeit mit den glattrasierten, frohgemuten Männern hatten, die vor gut zwei Jahren von der Breidenburg ins Heilige Land aufgebrochen waren. Damals waren sie von frenetischem Jubel begleitet worden und der Hoffnung, Jerusalem von den Heiden zurückzuerobern. Später hieß es, die Sache sei nicht so einfach wie gedacht, und man werde länger für die Befreiung des Heiligen Landes kämpfen müssen. Vor ein paar Wochen war ein Bote des Erzbischofs auf der Burg angekommen und hatte Geros Mutter berichtet, Akko sei am 18. Mai des Jahres 1291 endgültig verloren worden, und man wisse nicht, ob die Männer zurückkehren würden. Geglaubt hatte Gero ihm nicht. Er hatte voll und ganz der Waffenkunst seines Vaters und dessen Begleiter vertraut, die nach einem heroischem Aufruf ihres Lehnsherrn mit beinahe dreißig Rittern ins Heilige Land aufgebrochen waren, um zunächst Akko vor dem Einfall der Heiden zu bewahren und später die Heilige Stadt zurückzuerobern. Geros Mutter war nicht gerade begeistert gewesen, als ihr Mann sie mit zwei minderjährigen Söhnen auf dem Familienstammsitz der Breydenbacher zurückgelassen hatte.

Aber Geros Vater hatte damit argumentiert, dass er einen solchen Lehnsdienst nicht ablehnen könne und sie froh sein solle, dass er ihr wenigstens die Wachtruppen zurücklassen werde. Außerdem hatte er ihr mit dem Zisterziensermönch Wintrich von Achenbach einen vertrauensvollen Verwalter an die Seite gestellt, der die Verbindung zum Erzbischof hielt und sich um die dringlichsten Amtsgeschäfte wie die Eintreibung der Abgaben kümmerte. Geros Mutter hätte für solcherlei Dinge fortan sowieso keine Zeit mehr gehabt, weil sie beinahe Tag und Nacht in der Kapelle gesessen hatte, um für die gesunde Rückkehr des Vaters zu beten.

Allem Anschein waren ihre Gebete erhört worden. Richard von Breydenbach machte zwar einen furchterregenden Eindruck, und zu allem Übel fehlte ihm die rechte Hand, aber immerhin lebte er noch.

Mitten unter diesen von Grausamkeiten und Elend gezeichneten Männern befand sich ein unerwarteter Lichtblick. Ein kleines, dunkelhaariges Mädchen, das offenbar hinter seinem Vater im Sattel gesessen hatte, war Gero erst später aufgefallen. In Lumpen gekleidet und dünn wie ein Stock, die großen, braunen Augen auf Gero gerichtet, als wäre er ein aufgehender Stern, stand die Kleine auf dem schmutzigen Pflaster des Burghofes, als habe sie sich verirrt. Und obwohl ihr lockiges Haar so verlaust war, dass selbst Essigwasser nichts helfen würde, war sie für Gero das schönste Wesen, das er je in seinem jungen Leben gesehen hatte.

Die niedliche Kleine war etwa drei Jahre jünger als Gero und allem Anschein nach Jüdin, wie der Vater wenig später bei einem deftigen Mahl zu berichten wusste. Er und seine Begleiter hatten sie beim Angriff der Mameluken auf Akko vom Totenlager der Eltern gerettet, die kurz zuvor von den einfallenden Heiden erschlagen worden waren.

„In der Hitze des Gefechtes habe ich geschworen, sie vor Gott dem Herrn an Kindes statt anzunehmen, wenn er uns lebend aus der Stadt heraushilft“, erklärte er Geros Mutter, die das Ganze zunächst für einen schlechten Scherz hielt. Doch als Geros Vater sie daran erinnerte, dass sie selbst zwei Töchter verloren hatte, lenkte sie ein, und schon kurz darauf hatte sie das Mädchen fest in ihr Herz geschlossen.

Auch Gero und sein Bruder Eberhard hatten keine Mühe, die Kleine als Schwester anzuerkennen, wobei sie Geros vier Jahre älterem Bruder eher gleichgültig war. Was vielleicht daran lag, dass er sich lieber seiner Knappenausbildung widmete als einem zerbrechlichen Püppchen aus dem Outremer, wie er sie nannte.

Der ursprüngliche Name des Mädchens war Hannah gewesen, doch schon bald hatte der Vater sie auf den christlichen Namen Elisabeth taufen lassen und heuerte Gero an, sie zusätzlich zur gottgefälligen Unterweisung durch Bruder Rezzo in der Bibel zu unterrichten. Obwohl Elisabeth so scheu war wie ein Reh und zu Beginn kein einziges Wort in deutscher Sprache verstand, faszinierte sie Gero so sehr, dass sie ihn sogar dazu verleitete, Hebräisch zu lernen.

Der Umstand, dass seine Eltern Elisabeth – oder Lissy, wie er sie nannte – nur an Kindes statt angenommen hatten und sie somit nicht seine leibliche Schwester war, hatte ihn in jungen Jahren bedrückt. Erst als er älter wurde, erkannte er den Nutzen darin. Sie waren nicht blutsverwandt. Das hieß, er durfte sie auf eine weitaus innigere Art lieben, als es bei leiblichen Geschwistern üblich gewesen wäre. Was zudem bedeutete, dass die Gefühle, die er für sie hegte, keiner wie auch immer gearteten Beichte bedurften. Ein geradezu himmlischer Vorteil, wenn man eine gottesfürchtige Mutter und einen strenggläubigen Vater besaß, dessen Verlangen nach unbeugsamem Gehorsam im Sinne der Heiligen Schrift keinen Raum ließ für eine Liebe, der keine Zukunft erlaubt war.

Seinem Vater schien diese Zuneigung ohnehin zu entgehen. Er zog es vor, nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land unentwegt von seinen Heldentaten zu berichten, und Gero wurde das Gefühl nicht los, dass er sich auf diese Weise für die Niederlage, die er und die übrigen Christen hatten hinnehmen müssen, rechtfertigen wollte. In den endlosen Debatten, die er in Anwesenheit seiner noch jugendlichen Söhne mit anderen einheimischen Rittern führte, hieß es fortan, Jerusalem sei zwar seit der Einnahme von Akko vorerst an die Heiden verloren, aber es gebe durchaus noch eine Chance, diesen ungläubigen Teufeln den heiligen Boden aufs Neue zu entreißen. Allerdings nur, wenn Gott der Herr ein Einsehen habe und die mutigsten aller Ritter noch einmal zusammenrufe, um ihnen in einem letzten, alles vernichtenden Schlag gegen den Feind – und damit meinte er vor allem die ägyptischen Mameluken – endlich den lang ersehnten Sieg zu verschaffen.

Weil irgendein verteufelter Mameluke ihm im Kampf die rechte Hand abgeschlagen hatte, konnte Geros Vater sich leider nicht mehr persönlich für die Rettung des Heiligen Landes einsetzen.

„Aber ich habe ja noch einen jüngeren Sohn, der diese Aufgabe später einmal mit Bravour übernehmen wird“, betonte er stets vor versammelter Mannschaft mit glänzenden Augen und lenkte seine Aufmerksamkeit auf Gero, dem er damit gewaltig schmeichelte. „Nicht wahr, mein Junge?“, fragte er, wie um sich selbst zu bestätigen, und klopfte seinem Jüngsten mit stolzem Blick auf die Schulter. „Ich habe beim Niedergang von Akko vor Gott dem Allmächtigen geschworen, dass ich dich im rechten Alter zum Templerorden gebe“, bekannte er zu Geros Überraschung, „damit du mit der Miliz Christi das zu Ende bringst, was uns versagt worden ist.“ Anschließend schaute er Zustimmung heischend in die staunende Runde und nickte Gero, dem nicht eingefallen wäre, zu widersprechen, bedeutungsvoll zu. „Und so soll es sein.“

Gero hatte zu jener Zeit nicht die leiseste Ahnung, welches Gewicht ein solcher Schwur für ihn haben sollte. Geschweige denn, ob er ihm gerecht werden konnte. Aber es hatte ihm gefallen, wie wohlwollend ihn die Männer nach einer solch gewichtigen Ankündigung gemustert hatten. Jedes Mal, wenn fortan die Rede darauf kam, ließen sie ihm anerkennende Blicke zukommen, ähnlich einem prachtvollen Hengst, den man gewinnbringend versteigern wollte.

„Gero ist jetzt schon ein stattlicher Bursche“, waren sich die Bewunderer seines Vaters einig. „Größer als andere und geschickt mit dem Schwert.“

„Die Templer werden viel Freude mit ihm haben, und die Heiden wird er das Fürchten lehren, sobald sie ihn sehen“, hatte ein anderer gemeint. Worte, die Gero gegenüber seinem älteren, linkischen Bruder als zukünftigen Helden dastehen ließen. Was ihm eine gewisse Genugtuung verlieh. Denn Eberhard, der um einiges kleiner und schmächtiger war als Gero, hielt ihm ständig unter die Nase, dass er als der Ältere das Lehen des Vaters erben würde und damit auch dessen Machtanspruch. Gero blieb als Zweitgeborenem höchstens der Weg in einen christlichen Orden, wie Eberhard mit hämischem Grinsen bemerkte.

„Aus mir wird mal ein Burgherr, und aus Gero wird mal ein Mönch“, verkündete Eberhard gegenüber jedem, der es wissen wollte, mit hochnäsiger Miene. Wobei er absichtlich verschwieg, dass die weißgewandeten Tempelritter zwar Mönche, aber in erster Linie Krieger waren und damit unter der hiesigen Ritterschaft weit mehr Bewunderung auf sich vereinen konnten als gewöhnliche Ordensleute.

„Mönchskrieger“, verbesserte Gero ihn fortan und grinste zufrieden, obwohl er nicht wirklich einschätzen konnte, ob er sich mit einer solchen Aussicht wahrhaftig besser stand als sein Bruder.

Immerhin wurde über den Orden der Templer in den Reihen der Klosterschüler, denen Gero bis zum vierzehnten Lebensjahr angehörte, gerne und viel spekuliert. Nicht selten hinter vorgehaltener Hand, was die Sache für Jungs seines Alters nur noch spannender machte. Es hieß, sie seien in Wahrheit streitende Engel im Auftrag des Herrn, die sich im Kampf gegen die Heiden im Handumdrehen in fürchterliche Dämonen verwandeln konnten. Dabei ließen sie nicht die geringste Gnade walten und schlugen jedem noch so gewitzten Feind den Kopf ab. Selbst wenn Gero still für sich diese Behauptung anzweifelte, weil er sich fragte, wie es denn dann überhaupt zum Verlust des Heiligen Landes gekommen war, schien die Geschichte für sein Ansehen unter den Mitschülern durchaus nützlich zu sein.

Jeder wusste inzwischen, dass er spätestens nach der Schwertleite mit einundzwanzig selbst dieser kämpfenden und betenden Truppe von Engeldämonen angehören sollte. Besonders die schmächtigen Kameraden, denen allenfalls ein Leben als Klosterschreiber beschieden war, beneideten ihn glühend um die Aussicht, zu jener legendären Truppe der Templer zu gehören.

Allein schon aus diesem Grund wäre Gero nicht einmal im Traum eingefallen, den Vorstellungen seines Vaters zu widersprechen.

Im Nachhinein gab es wohl noch andere Gründe, warum er seinem Vater gefallen wollte. Gründe, die ihm damals nicht ins Bewusstsein gerückt waren. Richard von Breydenbach war vor seiner Abreise ins Heilige Land immer ein großer, respekteinflößender Mann gewesen, dem ebenbürtige Adlige mit erheblicher Achtung und seine Leibeigenen mit ängstlicher Unterwürfigkeit begegnet waren. Doch am Tag seiner Rückkehr hatte Gero ihn erstmals als einen gebrochenen Krieger erlebt, was bei ihm zu einer tiefen Verunsicherung geführt hatte. Es war eine seltsame Mischung aus Mitleid und Furcht, die ihn durchströmte, wenn er daran dachte, wie verwundbar sein starker Vater ihm plötzlich erschienen war. So ganz anders als vor diesem Krieg. Wobei ihn vor allem der Gedanke ängstigte, dass Gott der Allmächtige den christlichen Rittern offenbar seine Gnade verweigert hatte, und das, obwohl etliche von ihnen ihr Leben geopfert hatten, um das Land, in dem Sein Sohn geboren und gekreuzigt worden war, von den heidnischen Besatzern zu befreien. Stattdessen hatte der Allmächtige nur untätig zugeschaut, während das sogenannte Heilige Land die überlebenden Christen ausgespuckt hatte wie eine unbekömmliche Mahlzeit.

Was hatten die Streiter Christi falsch gemacht?, fragte Gero sich unaufhörlich. Und würde es ihm eines Tages als Templer gelingen, seinem Vater die Schmach dieser furchtbaren Niederlage zu nehmen, indem er die Heiden besiegte? Richard von Breydenbach glaubte jedenfalls daran, und Gero liebte ihn zu diesem Zeitpunkt zu sehr, als dass er ihn enttäuschen wollte.

Kapitel II

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Entgegen der Aussicht, die Burg eines Tages für die Templer verlassen zu müssen, galten Gero und seine angenommene Schwester schon bald als ein unzertrennliches Paar, obschon sich ihre Gemeinsamkeiten zunächst auf Spiel, Spaß und Lernen beschränkten. Hinzu kam bei Gero das Gefühl, sie vor anderen, stärkeren Kindern auf der Burg und in der Schule beschützen zu müssen. Das Bedürfnis, Elisabeth zu behüten, ließ selbst nicht nach, als sie beide den Kinderschuhen längst entwachsen waren.