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TAAVI SOININVAARA

Rot

Leo Kara ermittelt

Aus dem Finnischen
von Peter Uhlmann

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Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel Punainen jättiläinen erschien 2011 bei Otava, Helsinki.

ISBN 978-3-8412-0540-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Januar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2011 Taavi Soininvaara

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture /

Hanka Steidle

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH,

www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

PROLOG - Die Tasche - Helsinki, 21. Oktober 1992

ERSTER TEIL - Smirnows Material - 4. – 6. Oktober, Gegenwart

ZWEITER TEIL - Der Beginn der Zerstörung - 6. Oktober – 8. Oktober

DRITTER TEIL - Das Lächeln - 9. Oktober – 12. Oktober

Hauptfiguren und wichtigste Institutionen

Alanko, Anni. Stellvertretende Generalstaatsanwältin.

Arho, Anita. Ehemals für Finanzen zuständiges Mitglied des »Kabinetts«.

Bellamy, Lilith. Im Jahre 1989 Mitglied der von Aleksi Kara geleiteten Forschungsgruppe.

Carter, Colleen. Analytikerin der USA-Abteilung des britischen Auslandsnachrichtendienstes SIS.

Danilow, German. Verantwortlicher für Immobilienangelegenheiten des AEM-Konzerns.

Egger, Nadine. Wirtin in Wien. Leo Karas Freundin.

Egger, Bruno. Nadine Eggers Sohn.

Elliott, John. Generaldirektor des britischen Nachrichtendienstes MI5.

FSB. Inlandsnachrichtendienst der Russischen Föderation.

Gilmartin, Betha. Vizechefin des britischen Auslandsnachrichtendienstes SIS.

Golowkin, Wasili. Clive Grovers Kontaktperson (»Betreuer«) in der Londoner Botschaft der Russischen Föderation.

Grover, Clive. Leiter der Abteilung für Aufklärungsoperationen des SIS.

Hakanen, Laura. Polizeiinspektorin. Chefin der Abteilung für Interne Kontrolle der Obersten Polizeibehörde.

Das Kabinett. Eine Gruppe führender Persönlichkeiten Finnlands, die in ihrem Land die Interessen der Machthaber Russlands vertritt.

Kankare, Risto. Geschäftsführender Direktor der Fortum  AG. Mitglied des Kabinetts.

Kara, Leo. Persönlicher Assistent des Generaldirektors des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC).

Karlsson, Jonny (Paranoid). Computerguru, bricht in Datensysteme ein, Hacker. Kati Soisalos Freund.

Ketonen, Jussi. Ehemaliger Chef der finnischen Sicherheitspolizei SUPO.

KPdSU. Kommunistische Partei der Sowjetunion.

KRP (Keskusrikospoliisi). Eigenständige zentrale Behörde der finnischen Kriminalpolizei, deren Hauptaufgabe in der landesweiten Bekämpfung der organisierten und der besonders schweren Kriminalität besteht.

Kärävä, Ville. Rechtsanwalt. Eeva Vanhalas Vertrauter.

Laamanen, Erno. Präsident von Suomen Pankki, der Finnischen Zentralbank. Mitglied des Kabinetts.

Lukkari, Saara. Inspektorin. Leiterin der Abteilung Gegenspionage der SUPO.

Manas. Kirgise, vom KGB ausgebildeter Killer. In Diensten der Stiftung Mundus Novus.

MI5 (The Box). Britischer Nachrichtendienst.

Mironow, Nikolai. Erster Stellvertreter des Chefs des Nachrichtendienstes FSB der Russischen Föderation.

Moser, Anton. Generaldirektor des Konzerns AEM. Nadine Eggers Vater.

Mundus Novus. Eine Stiftung, die Forschungszentren besitzt.

Nyman, Claes (Klasu). Kriminaloberinspektor. Chef der Aufklärungsabteilung der KRP.

Okoye, Joy. Anton Mosers nigerianische Haushaltshilfe.

Palomaa, Eero. Assessor, Rechtsanwalt. Ehemaliger Helfer des Kabinetts.

Rostow, Andrej. Wissenschaftler. Verantwortlich für die Forschungsprogramme von Mundus Novus.

Saurivaara, Kirsti. Dekanin der School of Science an der Aalto-Universität.

Silowiki. Von Wladimir Putin geführte Gruppierung, die Russland beherrscht.

Sinko, Jose. Mitarbeiter von ProTurva, einer Firma für Sicherheitsdienstleistungen.

SIS. Britischer Auslandsnachrichtendienst.

Smirnow, Anatoli. Im Jahre 1992 Leiter der Verwaltungsabteilung im Außenministerium der Russischen Föderation.

Soisalo, Kati. Assessorin, Rechtsanwältin.

Starfire Optical Range (SOR). Forschungslabor der US Air Force.

Timtschenko, Arkadi. Oligarch. Gebürtiger Russe.

Tirkkonen, Sakke. Präsident der finnischen Abteilung des Motorradclubs MC Black Angels.

Ukkola, Jukka. Stellvertretender Leiter der KRP. Kati Soisalos Exmann. Mitglied des Kabinetts.

UNODC. Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung.

Vanhala, Eeva. Im Jahre 1992 Mitarbeiterin der SUPO. Mitglied des Kabinetts.

Vasama, Virpi. Jose Sinkos Ehefrau.

Väkikorpi, Asko. Generalstaatsanwalt. Mitglied des Kabinetts.

Ximing, Jiang. Chinesischer Steinbrucharbeiter.

»In den letzten Jahrzehnten wurde die Beherrschung des Weltraums vornehmlich genutzt, um Operationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft zu unterstützen … Anfang des 21. Jahrhunderts wird sich die Beherrschung des Weltraums zu einem eigenen, gleichwertigen Mittel der Kriegsführung entwickeln … Die Überlegenheit auf den Kriegsschauplätzen sowohl im Weltraum, in der Luft, zu Wasser als auch zu Lande wird zur totalen Beherrschung aller Schlachtfelder führen … Wir müssen die stabile Fähigkeit entwickeln, die Überlegenheit im Weltraum sicherzustellen, genau so wie wir es zu Lande, zu Wasser und in der Luft getan haben.«

»Vision for 2020« U.S. Space Command, April 1997

»Wenn die USA ein Pearl Harbor im Weltraum vermeiden wollen, müssen sie die Möglichkeit eines Angriffs auf ihre Systeme im Weltraum ernst nehmen … Wer den USA gegenüber feindlich eingestellt ist, kann sich auf dem globalen Markt die Mittel beschaffen, um die US-Weltraumsysteme zu zerstören oder lahmzulegen, und unsere Satelliten oder deren Steuerungssysteme angreifen …«

Bericht der US-Kommission zur Untersuchung
von Management und Organisation der nationalen Sicherheit
im Weltraum, 11. Januar 2001

»Ohne dass es irgendeine öffentliche Diskussion darüber gegeben hätte, hat das Pentagon schon Milliarden Dollar für die Entwicklung von Weltraumwaffen und für die Ausarbeitung von Plänen zu ihrer Anwendung ausgegeben.«

Tim Weiner, The New York Times, 18. Mai 2005

PROLOG
Die Tasche
Helsinki, 21. Oktober 1992

Anatoli Smirnow war in Helsinki, um deutlich zu machen, dass die neue Russische Föderation Finnland genauso fest im Würgegriff hatte wie früher die Sowjetunion. Das würde er den finnischen Machthabern in seinem Vortrag klar vor Augen führen. Er saß in einem kleinen Raum hinter dem Vorlesungssaal des Finnischen Außenpolitischen Instituts in Punavuori. Auf seinem Schoß lag eine Tasche mit Kopien geheimer Dokumente aus dem Archiv der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die alle Finnland betrafen. Smirnow fühlte sich wie jemand, der als nächster vor das Hinrichtungskommando treten musste. Er hatte schweißige Hände und einen Kloß im Hals, obwohl er ständig schluckte; sein Herz hämmerte, er war gezwungen, die Krawatte zu lockern.

So richtig konnte er immer noch nicht begreifen, wie es zu all dem gekommen war. Angefangen hatte es 1976. Damals war er, ein junger Sportler mit einer Ingenieurausbildung, für die Arbeit in der Abteilung Internationale Beziehungen des Leningrader Gebietskomitees der KPdSU angeworben worden, und hatte dann bisweilen mit Finnland und Finnen zu tun gehabt. Im Januar 1987 wurden die finnischen Angelegenheiten endgültig sein Hauptbetätigungsfeld, man ernannte ihn zum Sachbearbeiter im legendären »Finnland-Zimmer« der Abteilung Internationale Beziehungen des Zentralkomitees der KPdSU. Dort freundete er sich schnell mit seinem Vorgesetzten an, dem altgedienten Funktionär Iwan Rosdoroschny.

Als Rosdoroschny 1988 pensioniert wurde, überließ er ihm Kopien von Geheimdokumenten zu Finnland aus dem Archiv der KPdSU. Aufgeschreckt durch deren brisanten Inhalt beschaffte sich Smirnow nun aus verschiedenen Quellen weiteres Geheimmaterial über Finnland. Nach seiner Berufung zum Leiter des Sekretariats der Abteilung Internationale Beziehungen der KPdSU im Jahre 1990 landete auf seinem Schreibtisch eine beträchtliche Anzahl geheimer Unterlagen, noch mehr als seinerzeit im Finnland-Zimmer.

Der fehlgeschlagene Putschversuch der Altkommunisten vom 19. bis 21. August 1991 änderte schließlich alles, sowohl in der Sowjetunion als auch in Anatoli Smirnows Leben. Am 23. August gelangte ein Heft in seine Hände, das vorschriftswidrig in der Abteilung Internationale Beziehungen aufbewahrt worden war. Das Heft enthielt alle Informationen über die Zahlungen der KPdSU an Bruderparteien weltweit, auch an die finnischen Kommunisten. In dem Chaos durch den Putschversuch brachte er noch mehr geheimes Material über Finnland an sich.

Am 26. August stand Smirnow plötzlich mit dem Rücken zur Wand: Der Chef der Abteilung Internationale Beziehungen, Valentin Falin, befahl ihm, alle Dokumente zu vernichten, die bewiesen, dass die KPdSU ihren Bruderparteien, ihren Helfern, Agenten und ebenso Politikern und anderen einflussreichen Personen, die der Sowjetunion wohlgesonnen waren und über erhebliche Macht verfügten, viele Millionen Dollar gezahlt hatte. Mit besonderem Eifer hatte man Geld nach Finnland gepumpt, jedes Jahr flossen Millionen Finnmark sowohl an Politiker und Parteien als auch an Privatpersonen.

Sollte er die Wahrheit vertuschen oder aufdecken? Man zwang ihn, eine Entscheidung zu treffen, die Unmögliches von ihm verlangte. Der Befehl Falins, das Heft zu vernichten, kam vierundzwanzig Stunden nach Präsident Boris Jelzins Erlass über die vorübergehende Beschlagnahmung des Eigentums und des Archivs der KPdSU. Falins Order verstieß demzufolge gegen Jelzins Ukas. Smirnow musste sich also auch für eine Seite entscheiden: für die Kommunisten der alten Macht oder die reformgesinnten neuen Machthaber. Er beschloss, die Kommunisten zu verraten und auf die Demokratie zu setzen.

Smirnow übergab den Behörden am 26. August 1991 den Großteil seiner Unterlagen und auch das Geld des Geheimfonds der Abteilung Internationale Beziehungen – 11,5 Millionen Dollar. Doch das Heft mit den Angaben zu den Zahlungen der KPdSU ins Ausland und die meisten Dokumente über Finnland behielt er.

Mittlerweile, ein Jahr danach, hatte sich herausgestellt, dass es eine kluge Entscheidung gewesen war: Die Demokratie hatte auch in Russland den Kommunismus besiegt. Tausende alte Parteifunktionäre, Kollegen und Freunde, hatten am Kommunismus festgehalten und inzwischen ihre Arbeit verloren. Sie standen mit leeren Händen da, er hingegen leitete nun die Verwaltungsabteilung im Außenministerium der neu geschaffenen Russischen Föderation.

Und er war auch vermögend, so reich, wie er es sich noch vor einem Jahr nicht einmal in seinen kühnsten Träumen erhofft hätte. Das war das Beste. In den Monaten nach dem Putsch der Kommunisten hatten alle versucht, die verworrene Lage in Russland auszunutzen und von dem unermesslich großen Eigentum der KPdSU zu profitieren, etwas für sich abzuzweigen, ihre Zukunft zu sichern. Er selbst hatte Informationen an den Journalisten Aleksander Jewlachow verkauft, der in der Wochenzeitschrift »Rossija« Artikel über die Parteifinanzen der KPdSU veröffentlichte.

Smirnow war so in seine Erinnerungen vertieft, dass er aufschreckte, als der Direktor des Außenpolitischen Instituts im Hinterzimmer erschien und vor ihm stehen blieb. Jetzt war es soweit. Er konnte sich nicht entsinnen, wann er zuletzt vor einem öffentlichen Auftritt so aufgeregt gewesen war – vielleicht damals vor langer Zeit, als er das erste Mal an einer Versammlung teilgenommen hatte, die vom Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU geleitet wurde, von dem Mann, der über die halbe Welt herrschte. Smirnow ging zum Rednerpult, öffnete seine Tasche und nahm das Vortragsmanuskript heraus. Das Stimmengewirr verebbte. Er spürte die Angst des Publikums. Sie wussten genau, warum er hier war und was sich in seinem Besitz befand. In diesem Raum war der Kalte Krieg noch nicht zu Ende.

Als er auf dem Rang des Auditoriums Ulf Sundquist und Paavo Lipponen erblickte, fasste er etwas mehr Mut.

Im Jahre 1974, am Beginn ihrer Politikerkarriere, waren die beiden Finnen in Moskau auf dem Weltkongress der Friedenskräfte zu Gast gewesen, um die Beziehungen der Sozialdemokratischen Partei Finnlands zur KPdSU weiterzuentwickeln. Sundquist und Lipponen hatten die Rede Leonid Breschnews gelobt, sie habe bei ihnen einen »unauslöschlichen Eindruck hinterlassen«. Ihren Inhalt bezeichneten die jungen Politiker als »fundiertes Programm der friedliebenden Kräfte«.

Anatoli Smirnow räusperte sich, begann mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln und kam dann in fließendem Finnisch zur Sache. »In meinem Besitz befindet sich eine große Anzahl als geheim deklarierter Dokumente über Finnland, darunter fast alle diesbezüglichen Geheimbeschlüsse der KPdSU aus den letzten Jahrzehnten. Leider darf ich sie nicht vorlegen, solange ich nicht weiß, welche Unterlagen aus dem Superarchiv der KPdSU in der nächsten Zeit für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Ich kann Ihnen jedoch eine kleine Kostprobe geben«, sagte Smirnow und klopfte auf seine Tasche. »Diese Dokumente werden den Finnen die Augen öffnen. Viele finnische Politiker und andere einflussreiche Persönlichkeiten werden gezwungen sein, ihre Posten aufzugeben, und manche werden sich für ihre Taten auch vor Gericht verantworten müssen. Zu erwarten sind Nachrichten, die einschlagen wie eine Bombe, Skandale und viel Aufruhr.« Smirnow las zunächst von seinem Manuskript ab, aber allmählich ließ die Anspannung nach. Er wurde lockerer und wagte schon, beim Sprechen Blickkontakt zu seinem Publikum aufzunehmen.

»Helsinki war ein Labor, ein Versuchsfeld, auf dem die Sowjetunion in aller Ruhe testete, wie die westlichen Länder auf die verschiedenen Formen der indirekten Machtausübung reagierten. Die Sowjetunion hat die finnische Politik in der ganzen Zeit vom Krieg bis zu ihrem Zusammenbruch nach Belieben gesteuert. Finnland war wie eine Maus in den Krallen der Katze.«

Er trank einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Ich besitze zahlreiche Dokumente – es handelt sich um hunderte Seiten –, auf denen die Botschaft der Sowjetunion in der Helsinkier Tehtaankatu die KPdSU über Ereignisse in Finnland informiert: über Gespräche mit Politikern der SPFi, der Zentrumspartei sowie ihrer Vorgängerin, der Agrarunion, und der konservativen Kokoomus, über den Zustand der Kommunistischen Partei Finnlands, über Jugendorganisationen, Gewerkschaften, andere Verbände, Volksbewegungen, Unternehmer und deren Einstellung und Verhältnis zur Sowjetunion. Auf der Grundlage dieser Berichte wurde dann in Moskau entschieden, Menschen zu diffamieren, die sich kritisch zur Sowjetunion geäußert hatten, oder Sympathisanten der Sowjetunion anzuwerben beziehungsweise zu belohnen. Die KPdSU nahm Einfluss auf fast alle wichtigen personellen Entscheidungen in Finnland. Das betraf sowohl die Wahl des Präsidenten und der Ministerpräsidenten als auch der Vorsitzenden von Freundschaftsgesellschaften und Sportorganisationen. Egal, welchen Vertreter der Sowjetunion finnische Politiker trafen, die KPdSU erhielt immer einen Bericht über das Gespräch.«

Smirnow spürte jetzt, dass er Herr der Lage war. Er trank sein Glas in aller Ruhe aus und goss Wasser nach.

»Wenn es in der Sowjetunion etwas gab, worauf man sich verstand, dann war es das Anfertigen von Berichten und Protokollen und das Verwalten von Archiven, geheimen wie öffentlichen. Die Berichterstattung erfolgte permanent und lückenlos. Im Archiv der KPdSU finden sich vollständige Listen der Teilnehmer an den Parteitagen der großen finnischen Parteien, Berichte über alle wichtigen Angelegenheiten Finnlands und über Gespräche mit hunderten finnischen Politikern, führenden Vertretern der Wirtschaft, Beamten, Diplomaten, Professoren, Journalisten und anderen einflussreichen Leuten. Mir liegen auch Zusammenfassungen der Gespräche der finnischen Staatsführung mit Leonid Breschnew, Konstantin Tschernenko, Juri Andropow und Michail Gorbatschow vor. Eine Veröffentlichung dieser Unterlagen in ihrer Gesamtheit wird die berufliche Laufbahn zahlloser Personen in Ihrem Land zerstören. Dann beginnt endlich auch in Finnland die Aufarbeitung der Ereignisse während der Zeit des Bestehens der Sowjetunion.« Bei diesen Worten klopfte er wieder auf seine Tasche.

»Ich bin heute hier in Helsinki, um Ihnen mitzuteilen, dass der Einfluss der Sowjetunion auf die Angelegenheiten Finnlands noch größer war, als es der Westen vermuten konnte. Mir ist bekannt, welche finnischen Politiker ohne Wissen ihrer Parteien mit Vertretern der KPdSU verhandelten, welche Geschäftsleute die Interessen der Sowjetunion vertraten. Und das absolut Wichtigste ist  …« Er ordnete die Seiten seines Manuskripts, um die Spannung zu erhöhen. »Ich verfüge über Beweise, die zeigen, welche Finnen als Helfer des KGB arbeiteten und welche Honorare man ihnen zahlte. Und ich besitze die Belege für alle Geldsummen, die auf Anweisung der KPdSU nach Finnland überwiesen wurden.«

Anatoli Smirnow genoss es, als er die Seufzer im Publikum hörte und die verblüfften Gesichter sah. Die armseligen Kerle fürchteten, demnächst könnten Köpfe rollen, und zwar ihre. Am liebsten hätte er ihnen gesagt, dass er nicht beabsichtigte, sein Material zu veröffentlichen, sondern nur alle in Kenntnis setzen wollte, dass es existierte. Auf diese Weise erinnerte die neue Kreml-Administration die Finnen daran, wer hier in Wirklichkeit die Macht ausübte.

* * *

Der rothaarige Mitarbeiter der SUPO-Überwachungsabteilung war leger, aber korrekt gekleidet, er trug eine dunkle Baumwollhose und ein hellblaues Hemd. Die schwarze Ledertasche auf seinem Schoß wurde vom langen hellbraunen Mantel verdeckt. Er saß im Foyer des Traditionsrestaurants Elite im Helsinkier Stadtteil Etutöölö. Als 17:09 Uhr ein Charterbus vorfuhr, erhob er sich. Alles war bereit.

Er drückte die Zigarette aus und beobachtete unauffällig, wie der Direktor des Außenpolitischen Instituts die Tür zum Restaurant aufhielt, bis die ganze Gruppe aus dem Kleinbus das geräumige Foyer betreten hatte. Vor der Garderobe wurde es eng, als die Gäste –  Beamte des Außenministeriums, ehemalige und aktive Politiker, kommunistische Funktionäre und Journalisten  – dem Portier ihre Mäntel hinhielten. Der SUPO-Mann fand Anatoli Smirnow in der Menge und trat näher an ihn heran.

Als Smirnow seine Tasche auf den Fußboden stellte, um den Mantel auszuziehen, bückte sich der SUPO-Mann blitzschnell und tauschte die Tasche des Russen gegen seine. Die des Russen versteckte er sofort unter seinem Mantel. Das Ganze erforderte nur ein paar rasch aufeinander folgende Bewegungen. Anatoli Smirnow hatte seine Tasche höchstens zehn Sekunden losgelassen. Das Gedränge im Foyer erleichterte dem rothaarigen Polizisten die Arbeit.

Er verließ das Restaurant, ging hundert Meter weiter bis zur Oksanenkatu, klopfte dreimal an die Seitentür eines weißen Ford Transit und zwinkerte seiner Kollegin zu, als die Tür des Lieferwagens aufglitt. Dann reichte er ihr die Tasche und kehrte zum Restaurant zurück, er würde im Elite zu Abend essen und Smirnow im Auge behalten.

Die SUPO-Mitarbeiterin Eeva Vanhala, die im Laderaum des Transporters saß, hatte dicke Tränensäcke und dunkle Augenringe. Ihr Gesicht war kreidebleich, letzte Nacht hatte sie nur wenig geschlafen und das auch noch unruhig. Eeva Vanhala schwitzte, sie trug die Verantwortung für diese Operation. Das war mit Abstand ihr wichtigster Auftrag, seit sie in der Abteilung für Gegenspionage der SUPO arbeitete. Sie hatten Smirnows Tasche schon vor einigen Wochen in Moskau fotografiert und somit genug Zeit gehabt, ein identisches Exemplar zu beschaffen und so zu bearbeiten, dass es genau die gleichen Kratzer und abgenutzten Stellen aufwies wie das Original. Den Tausch würde der Russe nur bemerken, wenn es der Zufall wollte, dass er das Double öffnete und die leeren Blätter sah. Doch das war zumindest in den nächsten anderthalb Stunden nicht zu befürchten, so lange würde das Essen für die Gäste des Außenpolitischen Instituts mindestens dauern. Es blieb also nicht viel, aber ausreichend Zeit. Das war die einzige Gelegenheit, das Material zu kopieren. Übernachten würde Smirnow in einem der Gebäude auf dem Gelände der russischen Botschaft, und dort einzudringen kam nicht in Frage.

Eeva Vanhala brauchte nur ein paar Minuten, bis sich das Kombinationsschloss öffnete, denn sie wusste, wie man den richtigen Code mit höchstens dreißig Versuchen fand. Sie klappte den Deckel hoch und fluchte. Die Tasche war vollgepackt mit Unterlagen, das mussten hunderte Seiten sein … Ihre Hand zitterte, als sie das erste Dokument nahm und umdrehte, auf die Glasplatte des kleinen Tischkopierers legte und den Knopf drückte. Das Gerät sortierte die Kopien in zwei Fächer – eine für die SUPO, die andere für sie selbst. Das nächste Blatt, umdrehen, hinlegen, wieder zwei Kopien, das nächste, umdrehen, hinlegen … Nach einer Viertelstunde war sie gezwungen, eine Pause zu machen, die Hände wollten einfach nicht mehr in dem Takt arbeiten, den die Befehle aus ihrem Gehirn vorgaben. Sie hatte noch nicht einmal annähernd die Hälfte geschafft. Wieder stand ihr der Angstschweiß auf der Stirn.

Das nächste Blatt, umdrehen, zwei Kopien, oh verdammt, ein Papierstau … Zwei Kopien, das nächste Blatt, umdrehen … Nach anderthalb Stunden lag in der Tasche immer noch ein etwa zwei Zentimeter hoher Stapel. Ihr Kollege im Restaurant Elite würde sich melden, sobald Smirnows Tischgesellschaft den Kellner um die Rechnung bat, ihr blieb also noch etwas Zeit. Dennoch versuchte sie, das Tempo zu beschleunigen, geriet dadurch aber nur in ihren Handbewegungen durcheinander. Sie wollte lieber nicht daran denken, für welche Vergehen man sie anklagen würde, sollten die zusätzlichen Kopien bei ihr gefunden werden.

»Die Tischgesellschaft des BÄREN hat die Rechnung bestellt!«, dröhnte es plötzlich in ihrem Ohrhörer. Eeva Vanhala bestätigte den Empfang der Meldung. Ein Dokument mit etlichen Seiten war noch übrig, das nächste Blatt, umdrehen, zwei Kopien, das nächste Blatt, umdrehen, gottverdammich, wieder ein Papierstau, zwei Kopien …

Smirnows Material schnell wieder einpacken, ihre Kopien in die Umhängetasche und den Ohrhörer raus. Sie stieg hastig aus, rannte fünfzig Meter bis zu ihrem Peugeot auf der Apollonkatu und warf ihre Tasche in den Kofferraum. Dann versteckte sie Smirnows Aktenkoffer unter ihrem Mantel und eilte im Laufschritt zur Glastür des Restaurants Elite.

Als sie ihren rothaarigen Kollegen im Foyer der Gaststätte sah, blieb sie stehen. Wenn Blicke töten könnten, hätten die ihres Kollegen sie auf der Stelle hingerichtet. Anatoli Smirnow wartete im Mantel vor der Garderobe, rauchte und hatte die Tasche fest in der Hand. Eeva Vanhala begriff, dass sie zu spät gekommen war. Sie stand mit Smirnows Aktenkoffer am Mika-Waltari-Park im eisigen Nordwind und spürte auf der Zunge den gallebitteren Geschmack des Versagens.

Die Teilnehmer am Essen des Außenpolitischen Instituts verließen einer nach dem anderen das Restaurant, um auf ein Taxi oder ein anderes Auto zu warten. Eeva Vanhala beobachtete, wie Anatoli Smirnow am Rand des Parkes stehenblieb und sich mit dem Institutsdirektor unterhielt, aber ihr fiel nichts ein, was sie unternehmen könnte. Wie sollte sie erreichen, dass der Russe die von der SUPO präparierte Tasche losließ? Verdammt, die Sache ging total schief.

Plötzlich tauchte ihr Kollege aus dem Restaurant auf und befahl ihr mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. In aller Ruhe und so, als wäre es Zufall, schlenderte der rothaarige Mann zu Smirnow hin, steckte sich eine Zigarette in den Mund und suchte in seinen Taschen. Schließlich bat er den Russen um Feuer.

Eeva Vanhala war einen Meter von Anatoli Smirnow entfernt, als der den Aktenkoffer auf den rötlichen Fußwegsteinen absetzte und die Streichholzschachtel aus der Hosentasche holte. Sie trat rasch hinter ihn, stellte ihre Tasche neben seine und schnappte sich das Double. Als sie den Platz vor dem Restaurant verließ, fühlte sie sich fast schwerelos: Die ganze Anspannung und die Enttäuschung waren wie weggeblasen, ein Wohlgefühl überkam sie. Das nannte man wohl einen Endorphinrausch. Sie hatte Smirnows Material für sich kopiert.

ERSTER TEIL
Smirnows Material
4. – 6. Oktober, Gegenwart

1

Dienstag, 4. Oktober

Im Jahr 1989 ist der 13. Oktober ein Freitag. Vater, Mutter, meine zehnjährige kleine Schwester Emma und ich, Leo Kara, sitzen im Esszimmer, um mit dem Dinner das Wochenende zu eröffnen. Die Stimmung ist angespannt. Vater gießt sich einen Drink ein, Wodka mit Selters, Mutter bringt das Essen auf den Tisch und Emma plappert wie immer alles Mögliche. Auf Anweisung meines Vaters schalte ich den Fernseher mitten in einer Folge von »Coronation Street« aus. Es gibt Schmorbraten vom Lamm mit Pfefferminzgelee, Bratkartoffeln, braune Soße, gedünsteten Kohl, Brokkoli und als Beilage Yorkshire-Pudding. Mutter und Vater trinken dazu Rotwein und Wasser, Emma und ich Dr Pepper. Als jeder sein Essen auf dem Teller hat, fängt Vater an, über seine Arbeit zu reden. Es ist die letzte gemeinsame Mahlzeit und wir hören einen Vortrag über die astronomischen Entdeckungen, die das Modul Kvant-1 der sowjetischen Raumstation Mir angeblich gemacht hat. Keinen interessiert das.

Plötzlich klirrt es laut, das Küchenfenster wird eingeschlagen, wir ducken uns alle blitzschnell unter den Tisch. Dann zersplittert eine zweite Scheibe. Emma kreischt und die Eindringlinge stürmen herein, ich kann noch vier schwarz gekleidete Soldaten sehen, zwei in der Küche und zwei im Wohnzimmer, bevor Vater mit dem Gewehrkolben geschlagen und mir ein Beutel über den Kopf gezogen wird. Man schleppt uns in einen Kleintransporter, der vor dem Haus wartet. Als der Wagen durch die Londoner Straßen holpert, werde ich hin und her geworfen und verletze mich an Armen und Beinen, Emma weint hysterisch und Vater verlangt von den Angreifern eine Erklärung. Die drehen statt einer Antwort den Regler der Stereoanlage auf volle Lautstärke, If you don’t know me by now von Simply Red ätzt sich in mein Gedächtnis ein. Ich übergebe mich und verliere das Bewusstsein.

In einem Keller wache ich wieder auf, meine Oberlippe ist mit geronnenem Blut bedeckt. Emma liegt auf dem kalten Betonboden und schläft unruhig. Ich gerate in Panik, brülle und hämmere mit den Fäusten an die Stahltür, bis meine Kräfte erlahmen. Irgendwo weiter oben höre ich Vaters und Mutters gedämpfte Schreie. Dann dreht sich der Schlüssel im Schloss und ich sehe Manas das erste Mal. Der kirgisische Killer lächelt hohl, seine Hände sind blutverschmiert. Und in diesem verdammten Moment wird Emma wach und erblickt Manas, der gerade wieder geht und die Tür abschließt. Vor Angst und Entsetzen verliert meine Schwester völlig die Fassung. Verzweifelt sucht sie einen Fluchtweg und findet schließlich unter Kisten einen uralten Abfluss in die Kanalisation. Sie schafft es, den Metalldeckel beiseitezuschieben und schlägt dann mit einem großen Stein auf den Rand der Öffnung im Boden, um sie zu vergrößern, ein paar Mörtelbrocken brechen heraus. Emma hämmert, bis sie blutige Hände hat, und es gelingt ihr schließlich, in den Schacht hineinzusteigen. Ich probiere es auch, aber für mich ist das Loch zu eng.

»Ich will versuchen zu fliehen«, sagt Emma, und es klingt wie eine Frage, meine Schwester schaut mich so an, als würde sie auf meine Erlaubnis warten. Ich überlege lange. Emma ist erst zehn und kennt wahrscheinlich die Gegend nicht, in die man uns gebracht hat. Was geschieht, wenn sie erwischt wird? Bringt man sie dann um? Bringt man mich um? Ich verbiete ihr, zu fliehen.

Wutentbrannt stürmt Emma zu dem Abfluss und schlüpft hinein, ich erwische gerade noch ihr Bein, ziehe sie wieder heraus und nehme sie in den Arm, bis sie sich beruhigt hat. Wir liegen stundenlang in dem dunklen und kalten Keller; nichts zu essen, kein Wasser und oben ständig Schreie, bei denen einem das Blut in den Adern gefriert. Ich spüre die Angst als physischen Schmerz und bin sicher, dass man uns alle umbringen wird. Als die Nacht anbricht, versuchen wir uns eng umschlungen warm zu halten und schlafen schließlich ein.

Wach werde ich, als die Kellertür aufgeht und Manas etwas brüllt. Mit einem Satz stürzt er zu dem Kanalisationsschacht. Emma ist nirgendwo zu sehen. Der Kirgise steckt eine Hand tief in den Abfluss hinein, ich höre einen gedämpften Schrei meiner Schwester, er kommt von unten, da wird mir klar, was passiert ist: Emma versucht zu fliehen.

Ich richte mich auf. Manas bemerkt es und schlägt mit der Faust auf meinen Oberschenkel wie mit einem Hammer. Es ist nicht so, dass ich irgendeine Entscheidung treffe, alles geschieht wie von selbst, erst als ich schon den dunklen Kellergang entlang renne, wird mir klar, dass ich flüchte. Vorn ist ein Lichtschein zu sehen, ich erreiche das Treppenhaus und beschleunige mein Tempo, soweit das der Schmerz im Bein zulässt. Eine große Werkhalle, weit und breit kein Mensch. Ich renne von einer Tür zur anderen – alle sind abgeschlossen. Die Fenster sind vergittert, draußen sieht man Laubbäume und weiter weg Fabrikgebäude. In einer Ecke der Halle steht ein mehrere Meter hoher Ofen, vermutlich ein Koksofen. Ich kehre ins Treppenhaus zurück und steige vorsichtig hinauf. Die Schmerzensrufe von Vater und Mutter sind nun deutlicher zu hören. Im ersten Stock findet sich kein Fluchtweg, ich laufe schneller, die Stufen hinauf, die Schreie werden noch lauter, auch die zweite Etage ist leer.

Ich bleibe im Treppenhaus stehen und schnappe nach Luft. Ist das Gebäude mit anderen Häusern verbunden? Könnte ich über das Dach fliehen? Doch Vater und Mutter werden im dritten Stock gefoltert, wenn ich mich dorthin wage, erwischt man mich bestimmt. Ich brauche eine Waffe, irgendetwas, womit ich mich wehren kann. Zwar bin ich erst vierzehn, aber groß und kräftig, im günstigsten Fall schaffe ich es möglicherweise, einen der Männer zu überrumpeln, aber nicht mehrere. Ich beschließe, mein Glück im Keller zu versuchen, vielleicht kann ich dort zugleich Emma helfen.

Ich renne die Treppen wieder hinunter und werde erst langsamer, als ich den Keller sehe, in dem Emma und Manas zurückgeblieben sind. Man hört ein gedämpftes Weinen, dumpfe Schläge und das Knirschen von Sand. Vorsichtig trete ich näher und werfe durch den Türspalt einen Blick in die Zelle hinein. Manas schlägt mit einem Stein auf den Rand der Abflussöffnung und hält mit der anderen Hand Emma am Fuß, ihre Stimme ist vom Schreien ganz heiser. Meine Schwester ist eingeklemmt. Ich mustere Manas und schätze meine Chancen ab, der Mann ist so groß wie ein Gorilla und bewaffnet, gegen den komme ich auf gar keinen Fall an.

Im selben Augenblick gelingt es Manas, Emma aus der Kanalisation herauszuziehen. Verblüfft registriere ich, wie er meiner Schwester etwas beruhigend zuflüstert, sie auf den Arm nimmt und schaukelt wie ein Kleinkind. Ich begreife nicht, was hier los ist. Die gleichen Leute foltern weiter oben Vater und Mutter.

Mit Emma auf dem Arm wendet sich Manas zur Tür. Ich renne zurück ins Treppenhaus. Im Erdgeschoss verstecke ich mich hinter einem Stapel Kartons und beobachte, wie Manas die leise weinende Emma die Stufen hinauf trägt. Schon bald werden die alle hinter mir her sein. Es hilft nichts, wenn ich mich verstecke, sie finden mich, das ist unvermeidlich. Ich muss versuchen zu fliehen, und dafür gibt es nur einen Weg.

Ohne anzuhalten stürme ich die Treppen hinauf in die zweite Etage, bleibe stehen, lausche, höre aber nur mein Herz heftig schlagen, sonst nichts. Keine Schreie. Leise schleiche ich weiter hinauf, bis ich gedämpfte Stimmen vernehme. Doch ich muss es riskieren.

Ich werfe kurz einen Blick in die Fabrikhalle der dritten Etage und ziehe den Kopf sofort wieder zurück hinter die Wand. Da drin ist niemand. Ich schaue noch einmal hinein, diesmal in aller Ruhe. Am anderen Ende der Halle, ein paar Dutzend Meter entfernt, sind Türen zu sehen. Dann bemerke ich eine Holztreppe, die zum Dachboden hinauf führt, und plötzlich glimmt ein Fünkchen Hoffnung. Vielleicht gelange ich über das Dach in ein anderes Gebäude und kann entkommen.

So schnell bin ich noch nie gerannt, die kurze Strecke bis zur Bodentreppe kommt mir vor wie ein Marathon, mitten in der Halle höre ich aus einem der Räume hinter den Türen einen schrillen Schrei meiner Mutter, ich würde lieber stehen bleiben, muss aber weiter. Die Bretter knarren, als ich die Treppe zur Bodentür hinaufsteige. Die ist verschlossen. Mit einem verrosteten, altersschwachen Vorhängeschloss. Ich ziehe mit aller Kraft, und sofort lösen sich die Schrauben aus dem Türrahmen, ich stopfe sie mitsamt dem Schloss in die Hosentasche, betrete den Dachboden und schließe die Tür. In meinem Kopf dröhnt es, und ich habe einen metallischen Geschmack im Mund.

Die Dachluke befindet sich neben der Brandmauer. An den Wänden des riesigen Raumes sind Kisten gestapelt, ich zerre zwei unter das kleine Fenster, klettere voller Hoffnung hinauf und stoße die Luke auf. Sie klappt hoch und kracht dann dröhnend auf das Blechdach, ich erstarre. Gott sei Dank sind keine Schritte zu hören. Ich ziehe mich hoch auf das Flachdach, richte mich auf und fluche: Es gibt keinerlei Verbindung zu irgendeinem anderen Gebäude. Trotzdem gehe ich an der Dachkante entlang und sehe nach, ob nicht doch daneben ein niedrigeres Haus steht, auf das ich springen könnte. Nein, nichts. Vor Enttäuschung bekomme ich feuchte Augen, ich muss das Dach wieder verlassen, nie zuvor ist mir etwas so schwergefallen.

Die ersten Stunden auf dem Dachboden vergehen quälend langsam. Ich sitze neben der Tür und bin zu einer Verzweiflungstat entschlossen, sobald man mich findet. Plötzlich ertönt ein gellender Schmerzensschrei meines Vaters, mir bleibt fast das Herz stehen. Die Rufe nehmen kein Ende, ich gehe gebückt auf dem Bohlenfußboden hin und her, bis ich die Stelle geortet habe, wo man sie am deutlichsten hört. Zwischen der Brandmauer und den Dielen ist der Beton bröckelig. Ich hole meine Schlüssel aus der Hosentasche und stoße den mit den schärfsten Kanten in den Beton, der auch schnell bricht. Fieberhaft bohre ich weiter, obwohl mir nicht klar ist, warum ich unbedingt sehen will, wie Vater gefoltert wird. Schließlich durchsticht die Schlüsselspitze die Decke und feine Putzstückchen rieseln hinab. Ich halte den Atem an und rühre mich nicht von der Stelle. Vater schreit nicht mehr. Dann hört man, wie unten eine Stahltür knarrt, hat Vaters Peiniger den herabfallenden Putz bemerkt? Ich verstecke mich hinter den Kisten und zittere vor Angst.

Es dauert lange, bis ich mich traue, an das Loch zurückzukehren. Ich presse das Gesicht auf den Boden, schaue mit einem Auge hinunter und schrecke zusammen: Vater ist blutüberströmt und sitzt anscheinend nur noch auf dem Metallstuhl, weil man ihn festgebunden hat. Ich unterdrücke die Tränen und schlucke die aufsteigende Übelkeit. Dann überlege ich kurz, ob ich es riskieren soll, Vater etwas zu sagen, ihm mitzuteilen, dass ich frei bin. Würde das helfen? Ich beschließe, zu schweigen, in dem Zustand könnte Vater meine Worte ohnehin schwerlich begreifen, schlimmstenfalls erzählt er womöglich seinem Folterer von den Geräuschen. Ich lege mich auf den Fußboden.

Mein Puls beruhigt sich erst nach einer Ewigkeit, dann überkommt mich Müdigkeit. Ich kämpfe gegen den Schlaf an, bis unten Metall klirrt – die Tür des Folterraumes geht auf. Ich drücke ein Auge auf das Loch im Boden und wage kaum zu atmen, schon bei dem Gedanken, was passiert, wenn man mich entdeckt und fasst, wird mir angst. Manas kommt herein, als würde er sein Büro betreten: ganz ruhig und ohne eine Miene zu verziehen. Ich kann ihm beim Foltern immer nur kurz zuschauen, dann muss ich erst einmal wegsehen. Manas schlägt mit einem Stahlrohr auf Vater ein, als würde er einen Teppich klopfen oder Holz hacken. Der Gesichtsausdruck des Kirgisen gleicht einer Maske, er ändert sich nicht einen Deut.

Diese Tortur wiederholt sich Stunde für Stunde, zwischendurch legt Manas kurze Pausen ein, es lässt sich schwer einschätzen, wie viel Zeit jedes Mal vergeht. Ich wage nicht zu schlafen, aus Furcht, ich könnte im Traum vor Entsetzen schreien. Als der Abend anbricht, wird es auf dem Dachboden eisig kalt, vergeblich suche ich in den Kisten irgendetwas, womit ich mich zudecken könnte. Nachts gefriert mir der Atem. Zuweilen kommen mir ganz unversehens die Tränen, ich versuche nicht daran zu denken, was Mutter und Emma gerade angetan wird.

Schließlich geht der Schlaf doch als Sieger hervor. Als ich aufwache, habe ich entsetzliche Angst. Unten sind wieder Geräusche zu hören, Vaters Schreie klingen nun gedämpfter, wie lange wird er das noch aushalten? Die Zeit kriecht dahin, ich habe nicht die geringste Ahnung, wie lange ich schon vor Kälte auf dem Dachboden zittere.

Ich falle in eine Art Trancezustand, dessen Rhythmus von Vaters Schreien und meinem Kampf gegen das Einschlafen bestimmt wird. Allmählich geht mein Zeitgefühl verloren, am Ende weiß ich nicht mehr, ob ich mich erst einen oder schon zwei, drei Tage hier verstecke. Vor Hunger tut mir der Magen weh. In der quälenden Einsamkeit empfinde ich selbst die ewigen Streitereien zwischen Vater und Mutter als angenehme Erinnerungen. Unten wimmert Vater leise, das ist die Stimme eines Mannes, der aufgegeben hat, es klingt, als würde er beten, endlich erlöst zu werden, lange hält er nicht mehr durch. Dann verlässt der Folterknecht Manas den Raum, jetzt können sich alle für einen Moment ausruhen.

Doch plötzlich höre ich, dass die Stahltür wieder geöffnet wird, weshalb kehrt Manas so schnell zurück? Ich drehe mich auf den Bauch und drücke ein Auge auf das Guckloch. Der Kirgise lächelt Vater an, nicht schadenfroh, nicht grausam, sondern irgendwie merkwürdig. Vater sitzt blutüberströmt da, er kann nur mit Mühe den Kopf hoch halten. Mir kommen die Tränen, sie lassen sich nicht unterdrücken.

Auf einmal beugt sich Manas vor und öffnet Vaters Fesseln, das hat der Folterer bisher kein einziges Mal getan. Dann hebt er den Kopf, schaut nach oben zur Decke und starrt mich an, als wüsste er, dass ich hier bin. Im hellen Licht ist sein gleichgültiges Gesicht gut zu sehen, die hohen Backenknochen, die schrägen Augen, das schwarze Haar  … Manas brüllt Vater an, packt ihn am Arm, versucht ihn hochzuziehen und stößt ihn schließlich zurück auf den Stuhl. Dann taucht in der Hand des Kirgisen eine Waffe auf.

Zwei Schüsse. Vaters Kopf schnellt nach hinten, die Wand färbt sich vom Blut ganz rot. Ich übergebe mich heftig, die stinkende Flüssigkeit tropft durch das Loch hinunter in den Verhörraum.

Schwankend stehe ich auf. Panische Angst überkommt mich, mein ganzer Körper ist wie betäubt, die Schüsse dröhnen mir in den Ohren. Ich stürme los und bin nur noch zwei Meter von der Dachbodentür entfernt, da fliegt sie auf. Manas tritt herein und verpasst mir kurzerhand einen Faustschlag gegen die Brust, der mich umwirft. Der Kirgise greift nach meinem Hemd, es wird zerfetzt, als ich versuche mich loszureißen. Dann legt sich seine Hand um meinen Hals und drückt zu. Nun geht alles zu Ende …

Manas schleppt mich in die darunterliegende Etage. In meiner Todesangst wehre ich mich, trete um mich und versuche zu beißen, der Kirgise öffnet eine Tür am Giebelende der Halle und stößt mich auf den kalten Betonfußboden des hell erleuchteten Raumes. Mutter hängt etwa zwanzig Meter entfernt mit Ketten an der Wand, ihr Mund ist zugeklebt. Sie ist nackt und bewusstlos, das Gesicht blutverschmiert, der ganze Körper mit blauen Flecken übersät. Emma sitzt auf dem Fußboden, hat die Arme um die Beine geschlungen, murmelt irgendetwas und starrt mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin, mich bemerkt sie nicht. Mir stockt der Atem.

Ich mache ein paar Schritte zu meiner Mutter hin, aber Manas verstellt mir den Weg und packt mich am Kinn. »Wo bewahrt dein Vater sein Forschungsmaterial auf ?«

Ich weiß es, ich kenne die Antwort – in seinem Arbeitszimmer, in dem großen, alten Röhrenradio. Ich habe gesehen, wie Vater die Rückwand des Geräts abgenommen und Unterlagen hineingesteckt hat.

»Wenn du nicht redest, erschieße ich erst deine Mutter und dann das Mädchen.«

Vor so eine Entscheidung dürfte niemand gestellt werden. Ich bin halbtot vor Angst, mein Gehirn funktioniert nicht. Emma steht unter Schock. Vater ist wegen seiner Unterlagen getötet und Mutter halb tot geschlagen worden. Aber keiner von beiden hat etwas verraten.

»Ich zähle nicht bis zehn, nicht einmal bis fünf. Ich gehe zu deiner Mutter hin, drücke ihr die Waffe an die Stirn und schieße. Das ist jetzt deine einzige Chance zu reden«, sagt Manas und starrt mich ausdruckslos an. Ich bin sicher, dass er seine Ankündigung wahr machen wird.

Manas wendet sich zu Mutter hin und geht auf sie zu. Ich zähle die Schritte, die Zeit bleibt stehen. Ich öffne den Mund, als Manas ihr die Waffe an die Stirn drückt. Er dreht den Kopf und schaut mich an, ich bekomme kein Wort heraus …

Ein Schuss kracht und Blut spritzt aus Mutters Hinterkopf an die Betonwand. Das ist meine Schuld. Eine zweite Kugel trifft Mutter, das Echo schallt durch die Halle, ich renne los, sehe aber noch, wie Manas seine Waffe auf Emma richtet. Ich stürze ins Treppenhaus, bleibe jedoch stehen, weil ich von unten Stimmen höre. Als ein dritter Schuss knallt, wird mir klar, dass auch Emma meinetwegen umgebracht wurde. Das Herz zerspringt mir beinahe, ich mache kehrt und schaue mich um: die riesige, leere Halle, die Treppe zum Dachboden, der Raum, aus dem ich eben geflohen bin, eine zweite Tür …

Ich haste zu ihr hin, fasse nach der Klinke, drücke mit aller Kraft und spüre, dass sie sich bewegt, hält jemand auf der anderen Seite die Tür zu? Ich springe hoch und versuche mein Gewicht auf die Klinke zu übertragen. Sie senkt sich ein paar Zentimeter, geht aber sofort wieder nach oben. Dann höre ich, wie hinter der Tür ein Mann ruft, zwei Wörter auf Russisch:

»Derschi maltschika! Halte den Jungen auf !«

Als ich den Kopf drehe, sehe ich hinter mir Manas näher kommen, er hebt seine Waffe. Ich greife mit beiden Händen nach der Klinke, springe hoch und lasse mich mit meinem ganzen Gewicht auf den Türgriff fallen, im selben Moment kracht ein Schuss, vielleicht auch ein zweiter.

Zähflüssiges Blut läuft mir in die Augen, mein Bewusstsein schwindet, ich will zu Manas hin kriechen. Dann wird um mich herum alles dunkel.

Leo Kara wachte im spartanisch eingerichteten Schlafraum seiner Zweizimmerwohnung in der Wiener Engerthstraße auf. Er lag schweißüberströmt im Bett und starrte auf die blutroten Ziffern, die der Wecker an die Decke projizierte: 03:02. Die nächtliche Wolfsstunde. Er hatte das Gefühl zu ersticken, sein ganzer Körper bebte und brannte wie Feuer. Er war so tief erschüttert, dass er nicht einmal schreien konnte – das zwanzig Jahre währende quälende Warten war endlich vorbei. Jetzt erinnerte er sich an alles, was in London damals geschehen war. Die Bilder kreisten in seinem Kopf wie Schmeißfliegen, er hatte alles in einem einzigen Alptraum gesehen, der über ihn hinweggerollt war.

Er schloss die Augen. Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, er zitterte und sein Atem rasselte. Minuten vergingen, es erschien ihm unmöglich, zu akzeptieren, was 1989 geschehen war. Er trug die Schuld an der Ermordung seiner Mutter und vielleicht auch seiner Schwester, seiner Familie. Die bisher fehlenden Erinnerungen waren wieder aufgetaucht, und das hatte ihm den letzten Rest an innerem Frieden geraubt. Es kam ihm so vor, als würde er von einem schwarzen Loch aufgesaugt, als wäre er im freien Fall auf dem Weg zum endgültigen Zusammenbruch. Er würde nie akzeptieren können, was er getan hatte, niemand könnte das.

Kara stand auf, stieß im Flur den Stapel Post und Werbung mit einem Fußtritt um und betrat das Bad. Er blieb vor dem Spiegelschrank stehen und fuhr zusammen, als er sich sah. Die Augen lagen tief in den Höhlen, sein Gesicht war kreidebleich, das Grübchen am Kinn hatte sich noch stärker eingegraben, und nun entdeckte er nicht nur in seiner blonden Bürstenfrisur einzelne graue Haare, sondern auch zwischen den dunklen Bartstoppeln.

Rasch drehte er das Wasser auf und duschte so kalt, wie er es aushielt. In seinem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Er hatte die Antwort auf die Frage von Manas gewusst, vielleicht wäre er imstande gewesen, den Tod seiner Mutter zu verhindern. Wie zum Teufel sollte man damit leben? Wenn extrem traumatische Erinnerungen wieder auftauchten, dann könnte das nach Ansicht der Psychiater einen Menschen zugrunde richten. Und jetzt erinnerte er sich an alles.

Kara zog eine ausgebleichte Trainingshose an, ging in die Küche und holte aus dem hintersten Winkel des Speiseschranks eine alte Teebüchse hervor. Er legte alles, was sie enthielt, auf den kleinen Tisch. Dann setzte er sich auf den Hocker und wickelte zum Abbinden ein dickes Gummiband oberhalb des Ellbogens um den Arm. Er steckte die Kanüle der Injektionsspritze in die Ampulle, zog 0,2  Milliliter Morphium auf, spritzte die Luft und ein paar Tropfen hinaus und leckte die Nadel ab. Nachdem er das Gummiband mit der freien Hand straff gezogen und ein Ende zwischen die Zähne geklemmt hatte, klopfte er mit dem Finger auf die anschwellende Vene in der Ellbogenbeuge, bis sie wie ein dicker, dunkelblauer Wurm sichtbar wurde, stach die Nadel in das Gefäß und drückte den Kolben langsam nach unten, sehr langsam.

Als sich das Wohlgefühl wie auf leisen Sohlen in seinem Körper ausbreitete, seufzte Kara und entspannte sich. Das war der einzige Fluchtweg, wenn die Verzweiflung die Oberhand gewann, wenn er dringend Hilfe brauchte, aber keiner da war und half. Nie war jemand da, der ihm half. Er schloss die Augen und sah seine Mutter in jungen Jahren vor sich, als sie noch in Helsinki gewohnt hatten, vor all dem Grauen. Es schneite damals, Mutter trug eine hübsche weiße Mütze und rote Winterstiefel. Er lief auf der Eisbahn in Tapanila mit den Schlittschuhen, die er zu seinem zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Mutter stand daneben auf dem Eis und freute sich, sie war unglaublich froh und schön und sehr stolz, als sie ihm zuschaute.

Er öffnete die Augen und schüttelte die Erinnerung ab. Dann goss er sich zwei Fingerbreit Linie-Aquavit aus dem Gefrierfach in ein Glas, nahm den Küchenhocker und trat hinaus auf seinen kleinen Balkon. Die Oktobernacht war so kalt, dass er eine Gänsehaut bekam. Die nahegelegenen Straßen schimmerten im diesigen Licht der Laternen, im Vergnügungspark Donau-Insel mitten auf dem Fluss glitzerten nur ein paar Lampen. Auf der anderen Seite des Flusses im Stadtviertel Alte Donau war seine Arbeitsstelle zu sehen, der Gebäudekomplex der Vereinten Nationen, die UNO-City.

Das Schicksal seiner Mutter und seine Schuld gingen ihm immer noch durch den Kopf, aber das Bedrohliche daran schien jetzt in der Ferne zu liegen, wie hinter einem Nebelschleier. Nun wusste er endlich, was damals geschehen war, was er selbst getan hatte und welche Grausamkeiten die Entführer begangen hatten. Aber warum war das alles passiert? Er musste seinen Vater finden, das wurde ihm nun klar. Schon vor etwa zwei Monaten hatte Kara erfahren, dass Manas seinen Vater keineswegs umgebracht hatte. Das war sowohl von den britischen Behörden als auch von seinem Vater selbst mit einem Brief bestätigt worden. Und Manas hatte mit seiner Behauptung gelogen, er habe Emma in dem Keller sofort nach seiner Flucht getötet. Es war alles eine Inszenierung gewesen. Das weckte in ihm die Hoffnung, auch Emma könnte noch am Leben sein. Und nach wie vor erschien es ihm unbegreiflich, dass Vater da irgendwo war, dass er atmete, aß, schlief …

Doch warum ging ihm dieses Lächeln nicht aus dem Sinn, das über das Gesicht von Manas gehuscht war, kurz bevor er ihm Vaters Hinrichtung vorgespielt hatte? Dieses Lächeln ließ Kara nicht mehr los, so sehr er sich auch bemühte, es aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Eine Art Verdacht nahm in seinem Kopf Gestalt an, nichts weiter als eine leise Spur, wie der Hauch einer Erinnerung : Er wusste, dass sie existierte, bekam sie aber nicht zu fassen.

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Dienstag, 4. Oktober