Katharina Stegelmann

Bleib immer ein Mensch

Heinz Drossel. Ein stiller Held
1916–2008

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Impressum

Mit 37 Fotos und Faksimile

ISBN 978-3-8412-0567-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Januar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Fotos von Heinz und Marianne Drossel,

Berlin, Flughafen Tempelhof

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung
»Macht’s besser!«
I. Eine schicksalhafte Begegnung. Versuch einer Rekonstruktion
II. Vor dem Krieg (1916–1939)
Jeder gegen jeden
»Das große KZ, das Deutschland heißt«
III. Offizier wider Willen (1939–1942)
Mehr als eine Formalie
»Mord und Brand«
IV. Verfolgt, verleugnet, versteckt (1939-1945)
Post aus Polen
»Mit tiefem Schmerz«
Vollkommen verzweifelt
Im Notfall willkommen
Berlin wird »judenrein«
V. Zweimal Russland und zurück (1942-1945) Nach den Erinnerungen von Heinz Drossel
»Wo sind Deutschlands Psychiater?«
Die Frau auf der Jungfernbrücke
Eine neue Dimension
Zwischen Hoffnung und Depression
»Das sind alles Schweine«
»Schwachsinn bis zum Exzess«
»Wojna kaputt – Krieg ist Scheiße«
VI. Nach dem Krieg (August 1945 – 1962)
»Wir haben nicht lange geredet«
Die Vergangenheit sollte ruhen
Die Sache mit Koschinski
»Plötzlich verarmt«
»Wir müssen hier raus«
»Tabula rasa«
»Ich habe es nicht mehr ertragen«
… und immer wieder die Tortur
VII. Am Ende ein Traum
Sehnsucht nach Normalität
Zynische Laune des Schicksals
»Eine gewisse innere Ruhe«
Nachtrag
 
Dokumente
Eidesstattliche Erklärung von Marianne Drossel, 24. August 1949
Eidesstattliche Erklärung betreffs Verfolgung
Anfrage an die Jüdische Gemeinde zu Berlin, 14. Januar 1952
Anlage zum Antrag auf Entschädigung, 25. Oktober 1952
Marianne Drossel, An den Senator für Sozialwesen in Berlin, 27. April 1954
Kostenbescheid der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin, 6. Februar 1961
Heinz Drossels Versetzungsgesuch an den Senator für Arbeit in Berlin, 13. Juni 1962
Ruth Drossel an Katharina Stegelmann, 30. Juni 2011
 
Zu diesem Buch
Literatur
Anmerkungen
Bildnachweis
Dank

Vorbemerkung

Kennengelernt habe ich Heinz Drossel an einem heißen Augusttag 2003. Er hatte sich zu einem Gespräch bereit erklärt, das mir als Grundlage für ein Porträt über ihn als »stillen Helden« im SPIEGEL-Buch »Die Gegenwart der Vergangenheit« dienen sollte. Schon kurze Zeit später dachte ich, dass ich die Geschichte dieses Mannes, die Geschichte seiner Familie erzählen möchte – und zwar ausführlicher, als es damals möglich war. Heinz Drossel war gleich einverstanden, als ich ihn fragte, ob ich seine Familienbiographie schreiben dürfe. Wir haben uns viele Male getroffen, regelmäßig telefoniert und unzählige E-Mails ausgetauscht. Wir sind zusammen gereist, er hat mich mit seinen Töchtern, Enkeln und Weggefährten bekannt gemacht. Wir wurden Freunde.

Die Geschichte über Heinz Drossel und seine Frau Marianne habe ich nach vielen Gesprächen mit Heinz Drossel, Lektüre seiner Biographie »Die Füchse«, Studium der Akten aus den Wiedergutmachungsverfahren von Marianne Drossel, Gesprächen mit den heute lebenden Familienangehörigen und Freunden sowie Recherchen bei diversen Institutionen und in Archiven aufgeschrieben. Ich habe die Fakten zusammengetragen, um ein wahrheitsgemäßes Bild der Geschehnisse wiederzugeben. »Die Wahrheit« allerdings ist in diesem Buch nicht zu finden. Schon gar nicht »die volle Wahrheit«.

Die Erinnerungen der noch lebenden Beteiligten, die Aussagen von Familienangehörigen über die heute verstorbenen Protagonisten ergeben nicht immer ein einheitliches Bild. Es gab widersprüchliche, unlogische Angaben. Es blieben Lücken, einiges konnte durch Recherchen geklärt werden. Manches musste ich verschweigen, weil die Betroffenen es so wünschten. Ich habe auch eigene Schlussfolgerungen gezogen, mich für die wahrscheinlichere Variante entschieden und hier und da Ergänzungen gewagt, um zu einem Bild zu kommen, wie es hätte sein können.

»Macht’s besser!«

Osterholz-Scharnbeck bei Bremen, 24. Mai 2004

Es ist ziemlich eng im Musikraum des Gymnasiums. Fast 150 Jugendliche, Schülerinnen und Schüler aller fünf 10. Klassen, sind anwesend. Der Gast sitzt hinter einem Schultisch, ein Glas Wasser zu seiner Rechten, ein Mikro zu seiner Linken, vor sich ein paar Blatt Papier. Er ist zierlich und grauhaarig, er trägt keine Brille, und er ist alt. Als er sich von seinem Stuhl erhebt, wirken seine Bewegungen kurz unsicher, als hätte er Gleichgewichtsprobleme, dann strafft er sich und erscheint sogleich um einiges jünger. Er tritt an den Rand der kleinen Bühne. Die allgemeine Unruhe wird durch einzelne Pscht!- und Ruhe!-Rufe durchbrochen. Der kleine, alte Herr schaut schweigend in die Zuschauerreihen, er nimmt ganz leicht die Schultern zurück und sagt: »Guten Morgen«. Es wird still.

»Ich bin im alten deutschen Kaiserreich geboren«, sagt Heinz Drossel, und das ist für die Schüler offenbar eine kleine Sensation. Es ist, als halten alle 150 Jugendlichen kurz die Luft an. Im Kaiserreich! Der Mann dort auf dem Podium ist wirklich steinalt.

»Ich bin im alten deutschen Kaiserreich geboren, ich habe den Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg miterlebt, und die Weimarer Zeit habe ich sehr bewusst erlebt. Ich habe mit Mühe das ›Tausendjährige Reich‹ Adolf Hitlers und seinen schrecklichen Krieg überlebt. Und seit es sie gibt, lebe ich in der Bundesrepublik Deutschland.«

Um die 16 Jahre alt sind die Jugendlichen, die an diesem sonnigen Maitag keinen regulären Unterricht haben, sondern einem »Zeitzeugen« lauschen sollen. Auf dem Lehrplan in Geschichte steht »Nationalsozialismus«. Drossel dürfte der erste Mensch sein, der die dunkle Zeit Deutschlands als Erwachsener miterlebt hat und den jungen Menschen davon live erzählt. Gewiss hat der eine oder andere Großeltern, die im sogenannten Dritten Reich aufgewachsen sind, vielleicht gibt es einen Großvater, der als Kindersoldat sein Leben ließ. Aber diese jungen Leute hören wohl zum ersten Mal aus erster Hand, was es hieß, unter der Hitlerdiktatur zu leben, was es bedeutet, mitzuerleben, wenn Bekannte der Eltern plötzlich verschwinden, oder wie man sich als 16-Jähriger fühlt, wenn der Freund keinen Zutritt zu Cafés hat, weil er Jude ist.

1 Heinz Drossel, 2005 in Jerusalem

1 Heinz Drossel, 2005 in Jerusalem

Heinz Drossel hebt einige zerschlissene Notizbücher hoch. Das, so erklärt er, seien seine Kriegstagebücher, die über 60 Jahre alt sind, sie waren mit in Frankreich und in Russland, am Ende könnten die Zuhörer, die er »liebe Freunde« nennt und siezt, gern kommen und die Büchlein anschauen.

Drossel erzählt, er läuft auf der kleinen Bühne hin und her und macht den Gestapo-Offizier nach, bei dem er sich als 18-Jähriger nach einem vermissten Geschäftspartner seines Vaters erkundigte. Er berichtet, wie er mit seinem Freund Salomon einen Abschiedskaffee trinken wollte, und dass ein Nazi lautstark forderte: »Der Jude muss weg!« Drossels Stimme wird leise, er blickt traurig in die Zuschauerreihen: »Da habe ich mich geschämt, Deutscher zu sein.«

Drossel erzählt von seinen Vorbildern, seinem Vater und seinem Großvater, und wie beide ihn dazu anhielten, die Welt zu entdecken und zu hinterfragen. Er erzählt von den Wirren der Weimarer Zeit, wie er als Schüler mit Millionenbeträgen hantierte, wenn er morgens das Brot für die Familie kaufen ging, und von den orthodoxen Ostjuden, die das Scheunenviertel in Berlin bevölkerten.

Seine Erlebnisse als Soldat und Offizier an der Front erwähnt Drossel nur kurz, »Landsergeschichten« kommen nicht vor. Auch in dieser Phase seines Lebens hat er sich seine eigenen Gedanken gemacht und versucht, seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Es wird deutlich, dass Menschlichkeit für ihn ein Wert ist, der über allem steht. Und dass er keine Unbequemlichkeit, kein Risiko scheute, wenn er meinte, dieser Wert sei in Gefahr. Wie sonst hätte er sich im Januar 1945 von einer Sekunde auf die nächste entschließen können, für vier Juden ein Versteck zu organisieren und ihre Flucht vor der Gestapo zu ermöglichen? Einer dieser Geretteten, Ernest Fontheim, wurde Drossels bester Freund. Die Begegnung mit dessen inzwischen erwachsener Tochter, sagt Drossel, habe ihm die wahre Tragweite seiner damaligen Tat offenbart: »Als ich sie im Arm hielt, da wurde mir bewusst, dass es diese Frau wahrscheinlich nicht geben würde, wenn ich anders gehandelt hätte.«

Es gibt viele bewegende Augenblicke während dieses gut zweistündigen Vortrags, der eine Erzählung und keine Belehrung ist. Drossel bleibt immer sachlich in der Wortwahl, auch bei der Schilderung dramatischer Situationen. Kurz und knapp berichtet er, wie es kam, dass er 1942 eine junge Jüdin davor bewahrte, sich das Leben zu nehmen, und dass diese Frau später seine Ehefrau wurde. Es ist ganz still im Raum.

Es kommt aber auch zu Unruhe, nach eineinhalb Stunden muss eine Pause eingelegt werden. Die Schüler sind da durchaus geteilter Meinung, aber die anwesenden Lehrer bestimmen es so. Reinhard Egge, ehemaliger Bundeswehroffizier, Mitglied des Vereins »Für Demokratie – Gegen das Vergessen« und Initiator dieser Veranstaltung, empört sich über einen Schüler, der etwas gegessen hat, während Drossel sprach. Der bleibt ruhig. »Ich weiß«, sagt er, »dass ich nicht alle erreiche, aber das kann ich nicht ändern.« Nach der kurzen Unterbrechung soll Drossel das Mikrofon nehmen, seine Stimme ist im Laufe des Vortrags etwas rau und leiser geworden. Dafür muss der 87-Jährige sich setzen. Das gefällt ihm nicht, aber er fügt sich.

Zum Schluss wendet sich Drossel noch einmal direkt an seine Zuhörer. »Liebe Freunde«, sagt er, »das war mein Leben unter der wohl brutalsten Diktatur und im mörderischsten Krieg des 20. Jahrhunderts. Man konnte auch in der Zeit überleben, musste aber einen hohen Preis zahlen. Eine nationalsozialistische Diktatur fordert, dass man sich mit Haut und Haar verkauft. Sein Gewissen und vielleicht das Wichtigste: persönliche Freiheit. Und was persönliche Freiheit bedeutet, kann eigentlich nur der ermessen, der eine Zeit seines Lebens in Unfreiheit gelebt hat. Sie wissen, viele Menschen haben sich verkauft damals. Ich verurteile diese Menschen nicht. In solch einer Situation ist es eine Gewissensentscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Aber eine Entscheidung, die die deutsche Zukunft bestimmt hat. – Macht’s besser!«

Kurze Stille, dann lautstarker Beifall. Langsam löst sich die Versammlung auf. Nur vorn, an Drossels Tisch, bildet sich eine Traube von Mädchen. Sie betrachten seine Tagebücher, sie bedanken sich. Eines kommt, tritt auf die kleine Bühne, umarmt den verdutzten Herrn und drückt ihm einen zarten Kuss auf die Wange. Dann läuft sie schnell davon.

I. Eine schicksalhafte Begegnung.
Versuch einer Rekonstruktion

Jungfernbrücke, Berlin, November 1942

Die Frau steht mit knurrendem Magen auf der Brücke, unter ihr plätschert leise die Spree. Schwarz und kalt. So kalt, dass es eigentlich nicht lange dauern dürfte. Wenn sie den Sprung wagt. Marianne Hirschfeld hat Angst. Nicht vor dem Tod, aber vielleicht ist sie doch kräftiger, als sie glaubt, und wird kämpfen. Vielleicht wird sie halb tot aus dem Wasser gezogen, in ein Krankenhaus gebracht, dort identifiziert – und in ein KZ gesteckt. Im Lager gibt es dann vielleicht keine Möglichkeit mehr, dem Elend selbst ein Ende zu machen.

Vor wenigen Stunden hat sie erfahren, dass ihre Vermieter, das jüdische Ehepaar Fleischer, früher als geplant aus Berlin flüchten wollen. Eigentlich wollten sie zu dritt die Stadt verlassen. Das war die letzte Hoffnung, an die Marianne sich noch geklammert hat. Es war schier unmöglich geworden, in Berlin zu existieren. Jeden Tag drohte der Abtransport in den sicheren Tod, jeden Tag fielen die Bomben, und die Versorgung mit Lebensmitteln war schon lange eine Katastrophe. Jetzt muss sie zurückbleiben, denn sie hat noch nicht genug Geld zusammen.

Sie hatte auch schon eine Bleibe für ihren 6-jährigen Sohn gefunden, der durch seinen »arischen« Vater und einen evangelischen Taufschein so gut geschützt war, wie es eben ging. Er war ein cleverer, zäher Bursche, er würde es schaffen, bestimmt. Und das Baby, hatte das eine Chance? Der Gedanke an das winzige Mädchen war kaum auszuhalten. Marianne war keine Wahl geblieben, als sie ihre Tochter Judis im August 1942 im Jüdischen Krankenhaus zur Welt brachte. Bei der Geburt hatte es schwere Komplikationen gegeben, die Marianne fast das Leben kosteten. Um sich und den Mann, den sie liebte, zu schützen, musste sie lügen. Sie behauptete, der Vater sei ebenfalls Jude; sie gab einen falschen Namen an.

Nun lag das kleine Mädchen immer noch dort. Als Frühchen hatte es besonderer Pflege bedurft, und im Alltag einer Verfolgten war kein Platz für ein Baby. Marianne traute sich nicht, ihre Tochter zu besuchen; aus Angst, von den Gestapobeamten verhaftet zu werden, die das Hospital inzwischen lückenlos kontrollierten und als Sammelstelle zum Abtransport jüdischer Menschen missbrauchten.

Marianne hatte sich vorgenommen, nicht an ihre Kinder zu denken. Aber das gelingt ihr nicht. Sie weiß nicht, was sie schrecklicher findet: sie im Stich zu lassen – sei es durch Flucht oder Freitod – oder die Überzeugung, sie sowieso nicht schützen zu können. Sie wünscht sich einmal mehr, bei Judis’ Geburt gestorben oder überhaupt nie geboren worden zu sein, und läuft ruhelos auf und ab. Tu es! Jetzt!, versucht sie sich anzuspornen und beugt sich weit über das Geländer.

Sie hört die Schritte nicht, die sich in der Dunkelheit nähern. Stiefelschritte. Sie wird von hinten am Arm gefasst. Sie blickt über die Schulter und sieht eine Wehrmachtsuniform. Sie sieht nichts anderes, nur die Uniform, und versucht sich loszureißen und doch noch übers Geländer zu kommen. Aber der Mann hält sie fest. Marianne wird beinahe ohnmächtig, das Blut rauscht ihr in den Ohren, sie ist jetzt ganz erstarrt und hört nur undeutlich, was er sagt.

2 Marianne Hirschfeld  mit ihrem Sohn William (Billy) Albinus, Berlin 1941/42

2 Marianne Hirschfeld mit ihrem Sohn William (Billy) Albinus, Berlin 1941/42

Der Unteroffizier Heinz Drossel, auf Heimaturlaub in seiner Geburtsstadt, traut seinen Augen nicht, denn er erkennt sie innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder: Das ist die junge hübsche Frau vom Vorkriegssommer 1938. Sie waren einander in Tempelhof über den Weg gelaufen, ihr kleiner Sohn war dabei; durch ihn waren sie kurz ins Gespräch gekommen und hatten ein paar freundliche Sätze gewechselt. Nun steht sie hier vor ihm, völlig bewegungsunfähig, er hält sie am Arm. Noch in der gleichen Sekunde, in der er fragt, weiß er, was für eine dumme Frage das ist: »Geht es Ihnen nicht gut?« Der Mensch vor ihm ist vor Entsetzen wie gelähmt. Und dann fragt er: »Sind Sie Jüdin?«

Marianne bricht zusammen, ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie nickt, er nimmt sie in den Arm, hält sie und sagt leise: »Haben Sie keine Angst, ich bringe Sie in Sicherheit.« Sicherheit – die Bedeutung dieses Wortes war Marianne Hirschfeld in den letzten Jahren abhandengekommen. Nichts war mehr sicher. Alles war schwankend, ungewiss und bedrohlich. Konnte sie diesem Wehrmachtsoffizier vertrauen? Ihr blieb nichts anderes übrig. Sie folgte ihm.

Zusammenhanglose Gedanken, aber vor allem Bilder gingen durch Heinz Drossels Kopf, als er Seite an Seite mit dieser zierlichen, über die Maßen erschöpften Gestalt zur nächsten S-Bahnstation ging. Er sah ihr Kind vor sich. Und dann sah er den Jungen von Dagda, der für immer namenlos bleiben würde. Er war eines der zahlreichen Opfer einer Massenerschießung von Juden, deren heimlicher Augenzeuge Drossel 1941 geworden war. Der Junge von Dagda war etwa sechs Jahre alt gewesen. Er stand nackt und zitternd mit seinen Eltern und anderen Verwandten und Bekannten am Rand einer Grube, in der schon Tote lagen. Er streckte seine Hand zu einem Erwachsenen an seiner Seite aus. In dem Augenblick schoss ihm ein SS-Mann in den Kopf. Sein kleiner Körper fiel zu den Leichen in die Grube und wurde von weiteren Ermordeten bedeckt.

Auf der Jungfernbrücke dachte Heinz Drossel nicht nach, er schob die Frau sanft vom Geländer weg. Alles würde sich finden, musste sich finden. Das Naheliegendste war, die Frau erst einmal mit nach Hause zu nehmen.

Die Straßen waren zum Schutz gegen die Bomber kaum erleuchtet, auch in der S-Bahn glommen nur ein paar Notlichter. Die beiden blieben auf dem Ponton stehen, eng aneinandergeschmiegt. Der Schaffner ignorierte den Offizier und die Frau diskret. Sie wirkten wie ein Liebespaar. Sie ahnten nicht, dass diese Pose, die sie zum Schutz vor neugierigen Blicken einnahmen, in die Zukunft wies. Denn sie sollten tatsächlich ein Paar werden, eine Familie gründen und ihr Leben miteinander verbringen. Bis dahin wird aber noch viel Zeit vergehen, Zeit, in der beide ums Überleben kämpfen und sie keine Nachricht voneinander bekommen. Fast genau drei Jahre wird es bis zu ihrem unverhofften Wiedersehen dauern.

II. Vor dem Krieg (1916–1939)

Jeder gegen jeden

Berliner Straße 79, Berlin-Tempelhof, 1. April 1933

Noch nie zuvor hat Heinz seinen Vater so außer sich gesehen. Paul Drossel schreit vor Wut. In den frühen Morgenstunden dieses 1. April 1933 haben SA-Leute auf die Schaufensterscheibe seines Wäschegeschäfts mit weißer Farbe »Jude« und einen Judenstern geschmiert. Der 16-jährige Heinz drückt sich im Flur herum und beobachtet, wie sein Vater zum Telefon rast. Er bebt förmlich, als er nach dem Hörer greift. Drossel fordert bei der Parteidienststelle der NSDAP, »diese Schweinerei« müsse entfernt werden. Und zwar nicht nur bei ihm selbst, sondern auch beim Geschäft Levy gegenüber und das alles »zack, zack!« und von den Verursachern.

Drossel bekam seinen Willen – wenn auch nur teilweise: Zwei junge SA-Männer kamen angetrottet, säuberten seine Scheibe, doch sie ließen die des jüdischen Nachbarn verschmutzt. Beruhigen konnte sich Vater Drossel lange nicht, er verabscheute den Boykott der jüdischen Geschäfte. Wie die Schmierereien bewiesen, war den neuen Machthabern bewusst, dass Paul Drossel nichts von ihrem Regime hielt. Daraus hatte er nie ein Hehl gemacht und sich auch geweigert, sein Geschäft mit den schon zu dieser Zeit obligatorisch gewordenen Hakenkreuzfahnen zu »schmücken«. Der Hausobmann hatte ihn deswegen bereits mehrfach verwarnt. Mit diesem Zeichen der Renitenz war es nun vorbei. Drossel, der den Aufstieg der Nazis voller Argwohn verfolgt hatte und als einer der wenigen in seinem Bekanntenkreis den »braunen Haufen« nicht verharmloste, ließ eine Hakenkreuzflagge im Sonderformat von 40 mal 50 Zentimetern fertigen und hängte sie vor seine Tür.

Dieses Zugeständnis an die neuen Machthaber fiel Paul Drossel sehr schwer. Doch die Verantwortung für seine Familie, aber auch seinen Kunden gegenüber, die ihn schon des Öfteren bedrängt hatten, nicht so stur zu sein, bewog ihn, klein beizugeben. Mancher der Käufer befürchtete, selbst ins Visier zu geraten, wenn er bei einem unverhohlenen Gegner der NSDAP ein und aus ginge. Drossel prophezeite seinem Sohn Heinz, dass die Partei seinen Wutausbruch nicht vergessen und die Familie die Folgen zu spüren bekommen würde. Er sollte recht behalten.

Die Gestapo-Vorladungen waren unverschlossene Briefe, deutlich gekennzeichnet mit dem Hakenkreuzstempel und dem Absender der Gestapo. So wusste der Briefträger Bescheid, der konnte es den Nachbarn erzählen, die begannen untereinander zu tuscheln – eine Methode, deren Kalkül oft aufging: Leute, die diese berüchtigten Briefe erhielten, liefen Gefahr, ausgegrenzt zu werden. Denn die Menschen wollten vermeiden, mit jemandem, den die Gestapo im Visier hatte, in Verbindung gebracht zu werden. Mehrmals wurde Paul Drossel ins Gestapo-Hauptquartier zitiert. Aus den Verhören des Geschäftsmannes ist nichts bekannt. Im Mai 1943 liquidierte die Gestapo sein Wäschegeschäft.

Paul Martin Drossel wurde am 15. Dezember 1880 in Stralsund als erster Sohn eines Schneidermeisters geboren. Nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre und einigen Jahren Berufstätigkeit als Buchhalter in der Wäschefabrik »Meder & Thiele« in Berlin heiratete er 1911 Elfriede Labové. Die 1892 in Berlin geborene Tochter eines Schlossers war als Näherin bei »Meder & Thiele« tätig. Paul und Elfriede ging es bald wirtschaftlich gut. Im Jahr 1916, als ihr einziger Sohn Heinz zur Welt kam, bewohnten sie eine schöne große Vierzimmerwohnung im bürgerlichen Berlin-Tempelhof. Die Geburt seines Sohnes am 21. September konnte Paul nicht miterleben. Er war seit August 1914 als Soldat für »Kaiser und Vaterland« im Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 18 an der Front.

3 Gestapo-Vorladung an Paul Drossel

3 Gestapo-Vorladung an Paul Drossel

Drossel erlebte den Ersten Weltkrieg von Anfang bis Ende als aktiver Soldat. Die meiste Zeit verbrachte er an der Ostfront. Kriegserlebnisse hat er zu Hause nie erzählt, nur dass »die Russen« ganz wunderbare Menschen seien, berichtete er seinem Sohn schon früh. Seit der Gefreite Drossel am 9. Januar 1919 aus dem Wehrdienst entlassen worden war, ging es für die Familie finanziell bergab. Er konnte wie Millionen andere im Deutschen Reich keine Arbeit finden.

Nachdem am 9. November 1919 von Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausgerufen worden war, der Kaiser abgedankt und Friedrich Ebert als Reichskanzler die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, begann in Deutschland eine Zeit des Chaos und der Gewalt. Die konservativen Kräfte, gestützt von Militär und Industrie, wollten sich mit einem Machtwechsel zugunsten der Sozialdemokraten, die ihnen als Vaterlandsverräter galten, nicht abfinden. Straßenschlachten waren in Berlin an der Tagesordnung; die Morde an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner 1919 waren nur der Anfang einer Vielzahl von Bluttaten, die die Weimarer Republik erschütterten.

4 Paul und Elfriede Drossel, Hochzeitsfoto

4 Paul und Elfriede Drossel, Hochzeitsfoto

Bereits bei den Wahlen zum 1. Reichstag am 6. Juni 1920, gut zwei Monate nach dem Kapp-Putsch, der den Sturz der Regierung Ebert zum Ziel hatte, verloren die Koalitionsparteien der jungen Republik ihre absolute Mehrheit. Die konservativ-nationalistisch orientierten Parteien DVP und DNVP gewannen zahlreiche Sitze hinzu. Der Generalstreik, den die Gewerkschaften als Antwort auf den Kapp-Putsch organisierten, beflügelte die demokratischen Kräfte nur kurz; die Einigkeit unter bürgerlichen und linken Wählern und Parteien gegen die militaristischen, national-konservativen Putschisten hielt nicht lange an.

Für Drossels wurde die Miete ihrer vergleichsweise großen Wohnung unbezahlbar. 1920 fand das Familienoberhaupt einen Laden mit dazugehörigem Zimmer und kleiner Küche in Tempelhof, Klo auf dem Hof. Für Elfriede war die Situation ein einziger Albtraum; der kleine Heinz fügte sich mit kindlicher Nonchalance in das neue Umfeld. Sein Bett bestand in den ersten zwei Jahren aus einem Bügelbrett, das, mit Decken notdürftig abgepolstert, über zwei Stühle gelegt wurde. Paul Drossel biss die Zähne zusammen: Mit den letzten Reserven und geliehenem Geld wollte er für seine Familie und sich eine neue Existenz aufbauen und eröffnete ein Geschäft für maßgefertigte Hemden, Tisch- und Bettwäsche.

Die ersten Jahre waren für die Familie Drossel eine entbehrungsreiche Zeit. Auch der kleine Heinz musste seinen Teil zum Geschäft beitragen; schon als Grundschüler erledigte er Botengänge zu den Nähereien am Hackeschen Markt. In dessen Umgebung lag das sogenannte Scheunenviertel, der Teil Berlins, in dem sehr viele osteuropäische orthodoxe Juden lebten. Die Grenadierstraße und die Kanonierstraße wimmelten nur so von traditionell gewandeten Männern mit Kippa und Schläfenlocken. Die exotischen Bewohner dieser Straßen irritierten das Kind nicht. Es hatte bereits gute Erfahrungen mit einem Glaubensbruder dieser Leute gemacht.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum väterlichen Geschäft hatte ein jüdischer Altkleiderhändler seinen Laden. Der Erstklässler Heinz Drossel ging Tag für Tag an dem alten Mann vorbei, der auf einem Schemel vor seiner Tür zu sitzen pflegte. Der Fremde erregte die Neugier des Jungen, und nach kurzer Zeit schlossen die beiden Bekanntschaft. Der Jude erzählte dem Jungen Geschichten aus dem Alten Testament, die der Kleine überaus spannend fand, die ganze Art des Alten beeindruckte ihn nachhaltig. »Der Kleiderhändler Jud Flieg«, sagte Drossel fast 80 Jahre später, »war der erste Fremde, den ich kennengelernt habe. Und seine traurigen Augen habe ich nie vergessen.«

5 Heinz mit einer Bekannten vor dem Wäschegeschäft in Berlin-Tempelhof, um 1922

5 Heinz mit einer Bekannten vor dem Wäschegeschäft in Berlin-Tempelhof, um 1922

Die ersten Schuljahre verliefen ohne besondere Aufregungen. Heinz’ Kontakt zu anderen Kindern war eher spärlich, er verbrachte viel Zeit damit, seinen Eltern zur Hand zu gehen. Außer den Botengängen fürs Geschäft erledigte er schon früh diverse Einkäufe. Während in der Schule das kleine Einmaleins gelehrt wurde, hantierte er mit Millionen- und Milliardenbeträgen – 1923 führte die wirtschaftliche Depression zur Hyperinflation, die deutsche Wirtschaft brach zusammen.

Im September gelangten die ersten Milliardenscheine auf den Markt, es folgten Billionen- und zuletzt sogar Hundertbillionenscheine. Im Oktober kostete ein Kilo Roggenbrot bis zu 78 Milliarden Mark, die Unterstützung eines Arbeitslosen belief sich auf 21 Milliarden Mark pro Woche. Lautstarke Proteste und Schlägereien gehörten zum Straßenbild. Auch vor der Ladentür des Drossel’schen Wäschegeschäfts ging es manchmal hoch her. Straßenbahnwagen wurden umgekippt, Nasen blutig geschlagen. Kommunisten kämpften gegen die berüchtigten SA-Trupps, Nationalsozialisten gegen Sozialdemokraten.

Über eine halbe Million Menschen bekamen in Berlin im November Unterstützungsgelder. Niemand konnte davon existieren, und die Löhne hielten nicht Schritt mit der schwindelerregenden Entwicklung der Geldentwertung. Lebensmittel wurden immer knapper, die Landwirte hielten ihre Vorräte zurück. Schließlich mangelte es auch an Papier – die Notenpressen kamen nicht mehr nach mit dem Druck des Geldes. Notgeld, Goldanleihen und »wertbeständige Stadtkassenscheine« wurden eingeführt, Vorkriegspreise zugrunde gelegt und, von der Goldmark ausgehend, täglich neue Preise errechnet – ein einziges Wirrwarr war die Folge.

Mit Einführung der Rentenmark am 15. November 1923 entspannte sich die Lage langsam, und die wirtschaftliche Situation Deutschlands begann sich zu stabilisieren. Die Lebensumstände wurden wieder erträglicher, die Menschen schöpften Hoffnung. So auch Familie Drossel. Das Tal schien überwunden, und die finanzielle Lage erlaubte es, dass Elfriede zusammen mit Heinz in den Urlaub fahren konnte. Von 1924 bis 1932 machten Mutter und Sohn jedes Jahr eine kleine Reise. Der Vater kümmerte sich derweil ums Geschäft, das sich gut entwickelte, bald konnte er sogar einige Mitarbeiter fest anstellen.

Die erste Reise von Mutter und Sohn in den Thüringer Wald sollte vor allem den gerade von einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung genesenen Heinz wieder auf die Beine bringen. Sieben Wochen lang hatten die Eltern um das Leben ihres einzigen Kindes gebangt. Zu seiner Pflege war eine Ordensschwester engagiert worden. Die Erfahrung, dass jemand für ihn betete, wie er es zwischen schweren Fieberschüben beobachten konnte, hatte den Jungen sehr bewegt. Das war, so meinte Drossel später, die erste »innere Erfahrung von Religion«.

6 Familie Drossel, um 1931

6 Familie Drossel, um 1931

Im Laufe des Jahres 1925 mietete Paul Drossel ein Extra-Zimmer für den Sohn im Erdgeschoss des Vorderhauses. Bis dahin hatte das Hinterzimmer des Ladens für die ganze Familie genügen müssen. 1928 bekam Heinz ein anderes Zimmer im zweiten Stock. Von seinem neuen Reich aus konnte der Junge die Wohnungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite gut sehen. Freitag abends war es besonders der Blick in das Wohnzimmer der Familie Levy, der ihn faszinierte und ihn ungeniert auf seinem Beobachtungsposten verharren ließ. Herr Levy hatte knapp ein Jahr zuvor sein großes modernes Wäschegeschäft eröffnet und war somit der einzige direkte Konkurrent seines Vaters in Tempelhof. Die beiden Geschäftsleute hatten sich schnell arrangiert, konnte einer einen Kundenwunsch nicht erfüllen, schickte er ihn zum anderen.

Jeden Freitag beging die Familie Levy in traditioneller Weise den Sabbat. Die Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit der Zeremonie beeindruckte den Schüler Heinz zutiefst. Es war eine Zeit, in der er sich ausführlich mit den Weltreligionen befasste, seine Kommunion stand kurz bevor. Seine Beobachtungen in der nachbarlichen Wohnung motivierten ihn, sich mit dem jüdischen Glauben zu beschäftigen, und durch seinen Großvater mütterlicherseits angeregt, las der Junge Texte über Buddhismus, Christen- und Judentum und das Gilgameschepos.

Großvater Hermann Labové war eine prägende Person für Heinz Drossel. Der aus Vorpommern stammende Schlosser, der für die Reichsbahn arbeitete, hatte nur wenig Schulbildung genossen. Er war jedoch sehr belesen, und je älter er wurde, desto intensiver beschäftigte sich Hermann Labové mit philosophischen und religiösen Schriften. An seinen Studien ließ er Heinz schon früh teilhaben, er erklärte ihm Kant und das Firmament und vermittelte dem Knaben einen ersten Eindruck davon, was es heißt, eine eigene Weltanschauung zu haben.

Die heilige Kommunion wurde in der katholischen Familie Drossel mit gebührender Feierlichkeit begangen. Im Gasthaus »Veith’s Gesellschaftshaus« wurde im Kreise der Verwandtschaft groß getafelt. Vater Paul hielt eine Tischrede auf den nun in den Kreis der Erwachsenen aufgenommenen Sohn. Deren Schlussworte hat Heinz Drossel nie vergessen, sie wurden für ihn zum Lebensmotto: »Bleib immer ein Mensch, mein Junge, und anständig, auch in schweren Zeiten und selbst dann, wenn es Opfer von dir fordern sollte.«1

Das erste und einzige Mal, das Heinz mit beiden Eltern in die Ferien fuhr, war Silvester 1932. Vater Paul meinte, dies sei vielleicht für lange Zeit die letzte Gelegenheit. Er besaß ein waches politisches Bewusstsein, und der Ausgang der letzten Wahl hatte ihn sehr nachdenklich gestimmt. Die NSDAP hatte zwar einen kleinen Dämpfer hinnehmen müssen, war aber mit 33,1 Prozent nach wie vor stärkste Partei.2

Bei den allwöchentlichen Treffen mit Geschäftsfreunden aus Tempelhof im Hause Drossel wurde viel diskutiert. Oft hörten die Männer, die meisten der Zentrumspartei zugeneigt, gemeinsam Radio, um sich über die politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland und der Welt zu informieren. Ab 1931 versammelten sie sich regelmäßig in Heinz’ Zimmer – der Vater hatte inzwischen eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Wasserklosett im Hinterhaus gemietet – und benutzten das Radiogerät, das Heinz 1928 zum 12. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Der Junge durfte an der Männerrunde teilhaben und lauschte, wie der Schokoladenfabrikant mit dem Metzgermeister angeregte, zuweilen hitzige Debatten führte.

Vater Drossel trat in dieser Runde von Anfang an vehement gegen die NSDAP auf, während die meisten anderen meinten, diese neue Partei sei nicht weiter ernst zu nehmen. Selbst wenn Hitler mit in der Regierung säße, sei das nicht so schlimm, und über kurz oder lang würden die Braunen auch wieder verschwinden – eine Haltung, die viele Deutsche damals teilten. Drossel senior war da ganz anderer Meinung, sein Sohn erinnerte sich, dass er prophezeite: »Wenn die erst mal dran sind, werden wir die nicht so schnell wieder los.«

Vor den Wahlen im November 1932 wandte sich der Gymnasiast an seinen Vater mit der Frage, welche Partei denn die beste sei und welche er wählen werde. Statt zu antworten, forderte Drossel seinen Sohn auf, sich selbst zu informieren, Zeitung zu lesen, Parteiprogramme zu studieren und auch die Kundgebungen zu besuchen. Sobald Heinz sich einen Eindruck verschafft hätte, könnten sie weiter reden. »Wenn du zu den Radikalen gehst und geschossen wird, musst du dich verziehen«, gab er ihm lapidar mit auf den Weg.

7 Familie Hermann Labové, Heinz Drossels Mutter vorn links

7 Familie Hermann Labové, Heinz Drossels Mutter vorn links

Drossel Junior befolgte den Rat seines Vaters. Er beobachtete Aufmärsche der Kommunisten, lauschte den Reden der Sozialdemokraten, besuchte auch Versammlungen der Nationalsozialisten, und er tat etwas, was nur wenige Deutsche taten: Er las Hitlers »Mein Kampf«. Wirr und schlecht geschrieben fand der 16-Jährige das Pamphlet, aber die Botschaft war eindeutig: Hitler wollte Krieg, und er wollte die Juden vertreiben und vernichten.

Die Wahlen am 6. November verliefen für die NSDAP nicht besonders erfolgreich – sie verlor 34 Mandate, blieb aber stärkste Partei. Die Kommunisten dagegen hatten einen Zuwachs von 11 Mandaten zu verzeichnen, die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft schlug sich im Wahlergebnis deutlich nieder. Die Unterstützung vieler einflussreicher Vertreter der Großindustrie sowie einiger Bankiers und Großgrundbesitzer verhalf Hitler dennoch zur Macht: Sie forderten Reichspräsident von Hindenburg auf, Hitler zum Regierungschef zu machen.

Hitler intrigierte erfolgreich gegen den am 3. Dezember eingesetzten Reichskanzler Kurt von Schleicher, koalierte mit dem gerade abgesetzten Franz von Papen und einigte sich am 4. Januar 1933 mit ihm als Vizekanzler auf eine Regierung Hitler/Papen, die mit weitreichenden Präsidialvollmachten ausgestattet sein sollte und zwei Hauptziele verfolgte: »Die Entfernung aller Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden von führenden Stellungen in Deutschland« und die »Wiederherstellung der Ordnung im öffentlichen Leben«. Dazu gehörte nach Auffassung der neuen Verbündeten die »Abschaffung des Vertrages von Versailles … und die Wiederherstellung eines sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht starken Deutschlands«.3

Zwei Tage nachdem Schleicher notgedrungen seinen Rücktritt erklärt hatte, ernannte der greise Reichspräsident von Hindenburg den Führer der NSDAP, Adolf Hitler, am 30. Januar 1933 zum deutschen Reichskanzler. Familie Drossel erfuhr die Nachricht aus dem Radio – und war entsetzt.

Heinz Drossel lässt den Tag in seinen Erinnerungen Revue passieren: »Schon am Nachmittag marschieren SA-Kolonnen durch die Straßen. Unentwegt plärrt das Radio Aufrufe zu einer großen Huldigungsfeier am Abend vor der Reichskanzlei: ›Für den Führer‹. Gegen 19 Uhr entschließe ich mich, in die Stadt zu fahren. Massen in Zivil strömen von allen Seiten, SA-Kolonnen marschieren unter Gesang ihrer Kampflieder – alles in Richtung Innenstadt. ›Heute gehört uns Deutschland – morgen die ganze Welt‹. … Ich erreiche die Reichskanzlei. Von allen Seiten mit Scheinwerfern angestrahlt steht oben am Fenster ein Mann mit steinernem Gesicht … Ich gehe zu Fuß nach Hause, steige den nachtdunklen Kreuzberg hinauf, ein Blick zurück auf die närrisch gewordene Stadt. Weit entfernt jetzt das dumpfe Brausen des Lärms, über allem das flackernde Licht abertausender Fackeln; der Himmel glüht feurig über der Innenstadt – ein Menetekel?«4

Einen knappen Monat später, am 27. Februar, brannte der Berliner Reichstag. Hitler gab sofort den Kommunisten die Schuld und rechtfertigte so die »Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat«, die schon einen Tag später in Kraft trat. Damit waren die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt. Persönliche Freiheit, Presseund Meinungsfreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht, Schutz der Privatsphäre und des Eigentums, das Postgeheimnis – alle demokratischen Rechte unterlagen fortan »Beschränkungen«, die auch »außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig«5 waren.

Das »Ermächtigungsgesetz« trat am 21. März in Kraft. Auf der Grundlage dieses Gesetzes »zur Behebung der Not von Volk und Reich« konnte die Regierung auf dem Verordnungswege vier Jahre lang Gesetze beschließen – das Parlament war funktionslos, der Terror begann. Die Kommunistische Partei wurde verboten, gewählte Abgeordnete wurden verhaftet, zahlreiche Beamte suspendiert und durch NSDAP-Mitglieder ersetzt. Berlins Polizeichef Hermann Göring hatte bereits Ende Februar 40 000 SA- und SS-Leute zu Hilfspolizisten erklärt und den rücksichtslosen Gebrauch von Schusswaffen verlangt.

Am Montag, dem 27. März 1933, war in einer Berliner Zeitung die Schlagzeile zu lesen: »Massenaktion angeordnet«.6 Vom 1. April an, hieß es da, sollten sämtliche jüdischen Geschäfte und auch jüdische Ärzte und Rechtsanwälte boykottiert werden, SA-Patrouillen und -Posten sollten die Einhaltung der Aktion kontrollieren und gewährleisten. Die offizielle Begründung für die Maßnahmen war ebenso fadenscheinig wie absurd: Die Juden würden im Ausland Lügen und Verleumdungen gegen das »neue Deutschland« verbreiten, der Boykott sei eine Abwehr- und Vergeltungsaktion.

Auch jene, die bis dahin den in der Nazibewegung fest verankerten Antisemitismus ignorieren wollten oder verleugneten, konnten nun eigentlich nicht mehr wegschauen; ein Teil der Bevölkerung war ohnehin offen antisemitisch. »Die« Juden – oft in Personalunion mit »den« Sozialdemokraten oder Kommunisten – waren an allem schuld: am schmachvollen Frieden von Versailles, dessen Bedingungen Deutschland in den Ruin zu treiben drohten, an der Arbeitslosigkeit, an der schlechten wirtschaftlichen Situation des Einzelnen.

Die Liste der Boykottmaßnahmen war lang. Kein Deutscher sollte bei Juden kaufen. Alle »arischen« Geschäfte hatten ihre jüdischen Angestellten zu entlassen, jüdische Geschäftsinhaber sollten arische Geschäftsführer bestellen, ihre jüdischen Mitarbeiter ebenfalls entlassen und nur noch arische Angestellten beschäftigen und bezahlen. Die Basis für die in den folgenden Jahren systematisch vollzogene Vernichtung der Lebensgrundlage der jüdischen Bürger Deutschlands war gelegt.

Heinz Drossel schwänzte am Tag des ersten Judenboykotts in Deutschland die Schule und sah sich in der Stadt um, nachdem er seinen aufgewühlten Vater verlassen hatte. Er bemerkte weitere beschmierte Schaufenster, verbarrikadierte Geschäfte, SA-Männer, die, mit Pappschildern ausgerüstet, Eingänge von jüdischen Geschäften zu blockieren versuchten: »Kauft nicht bei Juden!« Doch vor einem Wollgeschäft in Neu-Tempelhof, das von einem jüdischen Kaufmann geführt wurde, sah er eine Szene, die ihm Mut machte oder ihn zumindest etwas beruhigte. Dort bahnten sich zwei resolute Berlinerinnen, die SA-Wache als »dumme Jungs« beiseiteschiebend, ihren Weg in das Geschäft und erledigten ihren Einkauf.

Solch offene Missachtung der »angeordneten Massenaktion« und viel öfter noch versteckte, aber deutliche Missbilligung ließen das erste Pogrom aus Sicht der Nazis nicht erfolgreich erscheinen. Die Propagandamaschine beschäftige sich denn auch nur kurz mit diesem »Aufstand der Deutschen«. Das »Gesetz zur Wiederherstellung des Beamtentums« allerdings trat wie geplant am 7. April in Kraft; Massenentlassungen von jüdischen Universitätsprofessoren, Ärzten in staatlichen Krankenhäusern, Lehrern, Justizangestellten wurden rigoros durchgesetzt. Die Obrigkeit machte vor, was sie von ihrem »arischen« Volk erwartete: die totale Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben.

Juden war es verboten, in Parkanlagen spazieren zu gehen oder zu sitzen, Cafés oder Restaurants zu besuchen, Kinos, Theater, Sportstätten – überall hingen Schilder: »Juden unerwünscht« oder »Für Juden nicht gestattet«. Seit dem 25. April 1933 war jüdischen Kindern der Zugang zu staatlichen Schulen erheblich erschwert.7 Ab November 1938 waren Juden ganz vom staatlichen Schulbesuch ausgeschlossen, sie durften nur noch jüdische Einrichtungen besuchen. Viele Eltern schickten ihre Töchter und Söhne schon vor Inkrafttreten dieses Gesetzes auf jüdische Schulen, damit sie nicht mehr den ständigen Hänseleien und Grausamkeiten ausgesetzt waren, die sowohl von »arischen« Mitschülern als auch Lehrern ausgingen.

1934 waren sechs von 16 Schülern in Heinz Drossels Klasse noch nicht in der Hitlerjugend oder einer anderen Parteigliederung für Jugendliche organisiert. Die Gleichschaltung war so weit fortgeschritten, dass die bisher unabhängigen »Jugendbünde«, manche kirchlicher, andere weltlicher Orientierung, vollständig von den Nazis übernommen worden waren – oder verboten. Nachdem Heinz von einem HJ-Führer an seiner Schule angesprochen worden war, warum er nicht teilnehmen würde, beriet sich der Gymnasiast mit seinem Vater. Dieser empfahl seinem Sohn aus taktischen Gründen, sich bei der Hitlerjugend zu melden. Der Geschäftsmann war wegen unliebsamer Äußerungen wieder ins Visier der Gestapo geraten und auch vorgeladen worden.

8 Abiturklasse von Heinz Drossel, Berlin 1936; Drossel: obere Reihe, 2. v. rechts, rechts neben ihm Salomon Warmann

8 Abiturklasse von Heinz Drossel, Berlin 1936; Drossel: obere Reihe, 2. v. rechts, rechts neben ihm Salomon Warmann

Die Lage für sich und seine Familie erschien ihm offenbar so brisant, dass er sogar um Aufnahme in die Partei ersuchte. Wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge wurde sein Antrag abgelehnt. Es war klar, dass dem Sohn Nachteile drohten, wenn er offen den Gehorsam verweigerte. Heinz nahm dann an einigen Treffen der HJ teil, aber fand es dort »sterbenslangweilig, geistlos und sinnlos«8. Ein befreundeter Arzt seiner Eltern bescheinigte ihm schließlich »Dienstunfähigkeit« – obwohl er Leistungssport betrieb.

Heinz Drossel beschrieb seine Schule, insbesondere auch seine Klasse und die meisten seiner Lehrer als »unpolitisch«. Ab 1934 wurde trotzdem alles »brauner«. Einige Lehrer erschienen in SA-Stiefeln zum Unterricht. Fahnenappell und Hitlergruß gehörten zum Alltag. »Rassenkunde« stand auf dem Lehrplan. Der Biologielehrer, ein kleiner, dicklicher, dem nationalsozialistischen Rasseideal wenig entsprechender Mann, verwies den einzigen jüdischen Schüler, Salomon Warmann, des Raumes: »Warmann, Sie müssen jetzt die Klasse verlassen, wir reden heute über den arischen Menschen!« Heinz und einige andere schämten sich, Salomon lächelte verständnisvoll, nahm sein Jackett und ging.