JESSICA & DIANA
ITTERHEIM

Tanz
der
Engel

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0573-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von © Hans Doddema/

iStockphoto und Trevillion Images/Susan Fox

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Inhaltsübersicht

Kapitel 1: Raffael

Kapitel 2: Umschwärmt

Kapitel 3: Höhenflüge

Kapitel 4: Verfluchte Engel

Kapitel 5: Verbotene Pfade

Kapitel 6: Dämonenstaub

Kapitel 7: Von Engeln und Dämonen

Kapitel 8: Meisterhafte Lügnerin

Kapitel 9: Schutzmauern

Kapitel 10: Gefährliche Träume

Kapitel 11: Festgeklettet

Kapitel 12: Hände-Ringen

Kapitel 13: Beherrschung

Kapitel 14: Meinungsverschiedenheiten

Kapitel 15: Schattenseiten

Kapitel 16: Drill Instructor

Kapitel 17: Geprüft

Kapitel 18: Dämonenduft

Kapitel 19: Verplant

Kapitel 20: Ausgetrickst

Kapitel 21: Freund oder Feind

Kapitel 22: Weihnachtsflucht

Kapitel 23: Tanz mit dem Feuer

Kapitel 24: Gefallen

Kapitel 25: Engelsleuchten

Kapitel 26: Beobachtet

Kapitel 27: Der Rat der Engel

Kapitel 28: Maskiert

Kapitel 29: Verschlungen

Kapitel 30: Untergetaucht

Kapitel 31: Versteckspiel

Kapitel 32: Engel in Gold

Kapitel 33: Geschöpfe der Dunkelheit

Kapitel 34: Im Kreis der Engel

Leseprobe: Fluch der Engel

Danksagung

Engel & Dämonen: Stammbaum

Wenn du wissen willst,

wer du bist,

dann schau nicht in den Spiegel ,

sondern sieh in dein Herz –

oder in die Augen desjenigen ,

der dich liebt.

Für unsere Jungs

Kapitel 1
Raffael

Marisa stupste mich mit dem Ellbogen in die Seite, als wir gemeinsam zum Schultrakt liefen. »Schau mal«, kicherte sie. »Sie frisst ihn noch auf, wenn er nicht aufpasst.«

Ich strich eine verirrte Strähne meiner langen, dunklen Haare aus dem Gesicht und spähte zu dem verwitterten Holzsteg hinüber, der in den von blaugrauen Wolken überschatteten See ragte. Eng umschlungen standen dort die kurvenreiche Hannah und der adonisgleiche Raffael und knutschten, als gäbe es kein Morgen mehr.

»Das wäre wahrscheinlich die beste Lösung«, erwiderte ich trocken.

»Aber hallo! Ist da etwa jemand eifersüchtig?«

»Quatsch! Hast du vergessen, dass ich Juliane und Raffael zusammengebracht hab?«

»Nein, das habe ich nicht.« Marisas wasserblaue Augen gefroren zu Eis, während sie das turtelnde Paar beobachtete. »Aber seitdem er Juliane durch Hannah ersetzt hat, überfällt mich jedes Mal ein mieses Gefühl, wenn ich sehe, wie er eines von uns Mädchen anschaut – selbst wenn es nur Hannah ist. Als würde er einen Verführungszauber anwenden.«

»Das wäre ja ein toller Trick.« Ich bemühte mich, ein glaubwürdiges Lachen zustande zu bringen und zwang meine Mundwinkel, oben zu bleiben – schließlich war ich diejenige, die auf seine Spielchen hereingefallen war. »Mich kann er mit seinen schwarzen Glutaugen jedenfalls nicht mehr becircen. Und Hannah ist alles andere als ein hilfloses Häschen.«

»Da hast du recht. Trotzdem fände ich es völlig okay, wenn sie ihm bald den Laufpass geben würde.«

Ich warf Marisa einen verstohlenen Blick zu. Der berechnende Unterton in ihrer Stimme gefiel mir nicht. Andererseits konnte ich mit ihr, als meiner Verbündeten, einfacher herausfinden, warum Raffael noch immer den smarten Schüler spielte. Er hatte mich an Sanctifer verraten und damit nicht nur mein, sondern auch Christophers Leben aufs Spiel gesetzt. Und freiwillig besuchte er das äußerst romantisch an einem einsamen See gelegene Märchenschlossinternat, auf dem ich seit vier Monaten zur Schule ging, bestimmt nicht.

Als ich erfuhr, dass Raffael ein von Sanctifer geschickter Flüsterer war, hatte ich behauptet, dass ich meinen Einfluss bei den Engeln geltend machen würde, falls er sich noch einmal an Juliane vergreifen sollte. Und obwohl es im Grunde nur eine leere Drohung war, ließ er sich davon einschüchtern. Aber anstatt von der Bildfläche zu verschwinden, hatte er Hannah aufgerissen – was nicht sonderlich schwer war, da sie schon lange auf ihn stand. Mich jedoch brachte das in eine Zwickmühle: Niemand verdiente so jemanden wie Raffael – auch wenn er mit seiner pechschwarz gewellten Mähne und seinem athletischen Körper zum Anbeißen aussah. Nicht einmal Hannah, die Internatsoberzicke! Sie zu überzeugen, Raffael lieber zur Hölle zu schicken, als sich von ihm anhimmeln zu lassen, würde alles andere als einfach werden.

»Und wenn wir der Grund wären, warum Hannah mit ihm Schluss macht, und Raffael dabei einen Denkzettel verpassen, würde ihm das wohl kaum schaden«, erklärte Marisa mit einem zufriedenen Grinsen. »Sicher wäre er dann nicht mehr so überzeugt davon, die Unwiderstehlichkeit in Person zu sein.«

»Schon möglich«, erwiderte ich halbherzig. Marisa in meine Pläne einzuweihen, das war etwas anderes, als sie mit hineinzuziehen.

»Ich hatte gehofft, dass du das auch so siehst!« Marisa lächelte hinterhältig, doch ich bemerkte es erst jetzt: Sie manipulierte mich! »Max und Florian haben sich was ausgedacht«, bestätigte sie meine Vermutung. »Ich erzähl’s dir später.«

Mein Magen verknotete sich. Seit wann agierte Marisa so intrigant? War sie auf diese Idee gekommen, oder hatte jemand sie dazu überredet? Ein zweiter, von einem Engel geschickter Flüsterer, der wie Raffael – dank ein wenig Engelsmagie – andere überzeugen konnte, etwas zu tun, das sie im Grunde gar nicht wollten?! Oder war es Raffael selbst, der meine Freunde beeinflusste? Nur mit welchem Ziel?

Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Sanctifers Plan, durch mich an Christopher heranzukommen, war beinahe aufgegangen. Und möglicherweise wusste er, dass sein einstiger Schüler schon bald in meiner Nähe auftauchen würde. Christopher hatte mir versprochen, eine Möglichkeit zu finden, wie wir beisammen sein konnten. Und obwohl mein Geduldsfaden fast aufgebraucht war, vertraute ich ihm. Christophers Zeitgefühl tickte langsamer als meines.

Es war sonderbar, Florian auf Hannah zugehen zu sehen, als sie – allein – die Aula betrat. Aber dass er sich auch noch mit ihr unterhielt und ab und zu in schallendes Gelächter ausbrach, war wirklich unglaublich. Bislang hatte er immer behauptet, Hannah Platinblond läge weit unter seinem Niveau. Anscheinend war seines rapide gesunken oder ihres sprunghaft angestiegen. Wie Raffael wohl reagieren würde, wenn er die beiden entdeckte? Ich behielt sowohl die Eingangstür als auch Florian im Auge.

Wie jeden Vormittag hatten wir Schulversammlung, und Frau Germann, unsere immer korrekt in Kostüm und Bluse gekleidete Rektorin, versuchte gerade unsere Lernmotivation für die letzte Etappe vor den Sommerferien anzukurbeln. Wie meistens standen die älteren Schüler weiter hinten und unterhielten sich, während die Jüngeren, die diese Anfeuerungsparolen noch nicht so oft gehört hatten, halbwegs aufpassten.

»Was hat Florian denn vor?«, flüsterte ich Marisa zu. »Gräbt er Hannah etwa freiwillig an, oder gehört das zum Plan? Und wie habt ihr Raffael aufgehalten? Hat Max ihn k. o. geschlagen?«

»Sei leise! Juliane weiß nichts davon.« Marisa hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Kichern zu verbergen. Sicher konnte auch sie sich nur schwer vorstellen, wie der kleine, gutmütige Max den großen Raffael niederschlug.

»Wovon weiß ich nichts?«, mischte sich Juliane ein, die ihren Namen aufgeschnappt hatte.

»Dass Florian seit neuestem auf Hannah steht«, erklärte ich sarkastisch.

»Was?! Das ist nicht dein Ernst!«

»Na, dann schau mal nach rechts, wenn du mir nicht glaubst.«

Julianes hellgraue Augen begannen zu strahlen, als sie Hannah entdeckte, die tatsächlich mit Florian flirtete – sie schöpfte wohl Hoffnung, Raffael könnte bald zu Hannahs Vergangenheit gehören.

»Aber ich glaube, seine Chancen, bei ihr zu landen, sind gleich null. Raffael sieht einfach zu gut aus«, bremste ich ihren Enthusiasmus.

Julianes Gesicht versteinerte. »Florian ist gar nicht so übel. Er hat zwar nur braune Haare und keine so außergewöhnlich schwarzen Locken wie Raffael, dafür sind seine Augen blau.«

»Und er ist schmächtiger.«

»Breit genug!«, zischte Juliane zurück, während sich auf ihrem blassen, von aschblonden Haaren umrahmten Gesicht rote Flecken bildeten.

»Na, das hätte dir auch früher auffallen können. Wie’s aussieht, wechselt Florian gerade ins feindliche Lager. Und er wäre nicht der Erste, der …« Marisas Stoß in meinen Rücken brachte mich zur Besinnung, bevor ich dir abhandenkommt hinzufügen konnte und stattdessen ein »sicher äußerst überrascht von deiner Meinung wäre« hervorbrachte.

Die Wolkendecke riss auf. Mein Herz begann zu rasen, als ein Lichtstrahl durch die Glaskuppel der Aula fiel und genau die Stelle erhellte, an der ich stand. Ich schloss die Augen und spürte, wie sich Wärme in mir ausbreitete. War es möglich, im Schatten zu bleiben, wenn sich das Licht so unglaublich gut anfühlte? Die Wolken siegten, ehe ich mich in der Erinnerung an Christopher verlor – und das belebende Gefühl in meinem Körper verschwand.

»Hast du das gesehen? Sie hat ihm ihre Hand auf die Schulter gelegt und ihm etwas ins Ohr geflüstert!«

Es dauerte einen Moment, bis ich zu Marisa zurückfand und antworten konnte. »Vielleicht hat sie Raffael doch aufgefressen, und Florian ist ihr nächstes Opfer«, spöttelte ich. Allerdings war mir nicht ganz wohl bei der Sache. Schließlich hatte ich bei meinem Ausflug in Christophers Welt nicht nur Engel, sondern auch andere dämonische Kreaturen kennengelernt. Warum sollte es nicht ein Wesen geben, das seine Liebhaber verschlang? Und Hannah, mit ihrem platinblonden Schopf und ihren üppigen Kurven, war wie dafür geschaffen, Jungs ins Verderben zu locken.

»Übrigens, als Nächstes sind wir dran«, flüsterte Marisa mir zu. »Und wag ja nicht, zu kneifen! Auch Florian musste in den sauren Apfel beißen.«

Ich platzte fast vor Ungeduld, mehr von Marisa zu erfahren – um es ihr auszureden. Meine Freunde wussten schließlich nicht, wen sie sich da zum Feind machten. Doch Marisa ließ mich zappeln, was ihre Pläne betraf. Und Raffael blieb auch den Rest des Tages verschwunden, so dass ich mir – trotz allem, was er getan hatte – tatsächlich Sorgen um ihn machte. Vielleicht war ihm wirklich etwas zugestoßen, oder – noch schlimmer – Sanctifer hatte ihn zu sich befohlen.

Erst nach dem Abendessen gab Marisa meinen bohrenden Fragen nach und schleppte mich auf mein Zimmer. Dank Hannah durfte ich in einem Einzelzimmer wohnen, in dem weißen, mit Stuck und Marmor verzierten Schloss am See. Das war mit Abstand das Beste, was Hannah – natürlich unbeabsichtigt – je vollbracht hatte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach werden würde, aber anscheinend steht Hannah auf alles, was zwei Beine hat und sich täglich den Bart abrasiert«, begann Marisa und räkelte sich genüsslich in den zahlreichen Kissen auf meinem Fast-Himmelbett, auf das die letzten Sonnenstrahlen durch das darüberliegende Dachfenster fielen.

»Was genau meinst du?! Komm endlich zur Sache!«

»He, beruhig dich, und setz dich erst mal hin.«

Marisa klopfte auffordernd neben sich auf die meerblaue Tagesdecke, doch ich beschloss, lieber ein wenig Abstand von ihr zu halten, und ließ mich auf dem flauschigen blauen Teppich nieder, mit dem mein Zimmer ausgelegt war.

Während Marisa von Florians geglücktem Annäherungsversuch berichtete, malte ich mit meinen Fingern Linien und Kreise in den Flor, um mich zu beruhigen. Das Ganze gefiel mir immer weniger.

»Und nun zu deiner Rolle.« Marisa sah mich verschwörerisch an. »Du hilfst mir, Raffael zu betören.«

»Auf keinen Fall!« Ohne dass ich es wollte, ballten sich meine Hände zu Fäusten und rupften dabei ein paar Fäden aus dem Teppich – irgendwie war ich heute schnell aus der Fassung zu bringen.

»Und warum nicht? Findest du es okay, dass er Juliane so plötzlich abgelegt hat?«

»Nein, aber …«

»Nichts Aber. Er soll ruhig spüren, wie sich das anfühlt, wenn man abserviert wird. Am besten gleich zweimal: zuerst von Hannah und dann von mir. Er hat Juliane nicht mal gesagt, warum er mit ihr Schluss gemacht hat. Und das, nachdem die beiden ein paar äußerst innige Stunden zusammen verbracht haben!«

Ich seufzte – denn sie wusste nicht, was sie tat!

»Eigentlich wollten Max und Florian dich für die Rolle der Circe – schließlich stand er ja mal auf dich. Doch da du vielleicht schon anderweitig gebunden bist …« Marisa ließ ihre Anspielung kommentarlos im Raum stehen, um mir etwas über meinen geheimnisvollen Freund zu entlocken.

Als Christopher versuchte, mich abzuschütteln, hatte sie mir geraten, um ihn zu kämpfen. Ich hatte ihren Rat befolgt – und gewonnen. Trotzdem konnte sie nicht wissen, wie zutreffend ihre Worte waren. Christopher hatte sich an mich gebunden, damit er bei mir bleiben konnte.

Mein Herz zog sich bei der Erinnerung daran zusammen. Christopher, wo steckte er nur? Wie lange ließ er mich noch warten?! Anders als er hatte ich nicht die Ewigkeit vor mir.

Mein aufkommender Frust half mir, eine Entscheidung zu treffen. Geduldig sein und abwarten, bis Christopher endlich auftauchte, sollte nicht zu meiner Berufung werden.

»Na gut, ich bin dabei. Unter einer Bedingung: Ich übernehme Raffael und kümmere mich um ihn, bis Hannah mit ihm Schluss macht – mehr nicht.«

»Super!«, war alles, was Marisa dazu sagte.

Schon wieder fühlte ich mich manipuliert. Dennoch war es besser, wenn ich die Rolle des Vamps übernahm. Im Gegensatz zu ihr wusste ich ganz genau, mit wem ich es zu tun hatte.

Raffael erschien erst am übernächsten Tag wieder in der Schule. Florian sorgte dafür, dass Hannah beschäftigt war, und Marisa, dass Raffael mir zufällig in die Arme lief.

»Und?«, fragte ich. »Geschwänzt?«

»Arzttermin«, antwortete Raffael kurz angebunden.

»Zwei Tage lang?«

»Scheint so.«

Wir liefen schweigend den kiesigen Weg vom Gelben Haus, in dem die Mensa und – bis auf mich – die Schüler meiner Klassenstufe untergebracht waren, zum Schloss hinüber. Ich spürte Raffaels forschenden Blick, doch ich wagte nicht, ihn anzusehen. Schließlich brach er das Schweigen.

»Und? Sprichst du wieder mit mir?«

»Scheint so.«

Raffael zuckte die Schultern. »Freiwillig oder gezwungenermaßen?«

»Gezwungenermaßen«, gab ich zu. Es erschien mir kindisch, ihn anzulügen.

»Dacht ich’s mir. Und? Wer zwingt dich dazu? Deine Freunde oder dein Engel?«

Wie angewurzelt blieb ich stehen. »Er würde mich niemals zu etwas zwingen!«

»Bist du dir da so sicher?«

»Völlig!«

»Du hast ihm dein Blut also freiwillig gegeben?«

Betroffen schnappte ich nach Luft. Woher wusste Raffael davon? »Was … was meinst du damit?«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist. Ich weiß, wozu er dich gezwungen hat – jeder weiß das.«

Ich schwieg. Offenbar kannte er Christopher – und unser Geheimnis!

»Oder hat er dich auf eine andere Art überredet

Raffael kam mir bedrohlich nahe, dennoch hielt ich ihm stand. Erst als er mit einem Finger sanft über meine Lippen fuhr, wich ich zurück.

»Wusste ich’s doch! Er hat dich geküsst.«

»Du weißt gar nichts!«

»Wahrscheinlich mehr als du.«

In Raffaels Stimme lag ein Bedauern, das mich frösteln ließ. Doch noch bevor mir eine passende Antwort einfiel, kehrte er mir den Rücken zu und ging davon.

Ich biss mir auf die Zunge, um ihm nicht hinterherzuschreien, wie sehr er sich irrte. Christopher liebte mich – nur deshalb hatte er sich an mich gebunden.

»Scheißkerl!«, grummelte ich. Raffaels Finger hatten auf meinen Lippen eine brennende Spur hinterlassen. Wehe, wenn er es wagen sollte, mich noch einmal anzufassen! Wütend stapfte ich zum Schloss hinüber. Ich würde ihm den Hals umdrehen!

»Na? Wie lief’s?«

Ich schreckte zusammen, als Marisa aus dem Schatten einer der weißen Säulen oberhalb der steinernen Außentreppe hervortrat, die rechts und links den Aufgang zum Schloss markierten – sie hatte mich und Raffael beobachtet!

»Verdammt, Marisa! Was soll das?! Mich so zu erschrecken!«

»Von weitem sah’s gar nicht mal so übel aus«, sinnierte sie. »Ich glaub, er hat angebissen. Als er so zärtlich über deine Lippen fuhr, dachte ich, er würde dich gleich küssen.«

»Vergiss es!« Zärtlich! Dass ich nicht lache. Raffael wusste genau, was er mit seiner Berührung in mir auslösen würde. Offenbar war er nicht nur über die Engelswelt bestens informiert. Wütend öffnete ich die schwere Eichenholztür und eilte an Marisa vorbei in die prunkvolle, mit Marmorkamin und Mosaikfußboden verzierte Eingangshalle des Schlosses. Sie kam hinterher und verstellte mir den Weg.

»Doch, bestimmt. Seine Augen funkelten, während er dich dabei beobachtete.« Marisa seufzte. »Jungs und ihr Jagdinstinkt. Du hast ihn geweckt, als du ihm einen Korb gegeben hast. Jetzt wittert er eine zweite Chance.«

»Ich hab ihm niemals einen Korb gegeben!«

»Ach nein?! Glaubst du, Raffael ist so beschränkt und hat nicht bemerkt, wie du ihm Juliane untergejubelt hast?«

»Warst du nicht diejenige, die mich dazu ermutigt hat?«

Touché – Marisa schwieg. Ich drängte mich an ihr vorbei und stürmte die Treppe nach oben in mein Zimmer. Meine Lippen brannten – was ich hasste, weil es mir Christophers Abschiedskuss in Erinnerung rief.

Wo, verdammt, steckte er bloß? Hatte er es sich anders überlegt?

Verärgert kickte ich meine Schuhe unters Bett. Engel! Anscheinend wirklich unfassbar: Unfassbar schön, unfassbar anziehend – unfassbar vage!

Ich angelte mir mein Französischbuch und setzte mich an meinen Schreibtisch. Lernen würde mich ablenken. Weit kam ich nicht. Auf meinem Mund brannte noch immer die Spur, die Raffaels Finger hinterlassen hatte. Ich wischte mir – bestimmt zum hundertsten Mal – über die Lippen, um seinen Abdruck loszuwerden. Was wollte er mit seiner Berührung bezwecken? Und was glaubte er zu wissen, wovon ich angeblich keine Ahnung hatte?

Genervt starrte ich in den wolkenverhangenen Junihimmel, als ob ich dort Antworten auf meine Fragen fände. Ich wusste so wenig von Christopher und seiner Welt. Nur über eines war ich mir sicher: total verliebt in diesen überirdischen Engel zu sein.

Nach der durchgrübelten Pause kehrte ich zu meinem Kursraum zurück – und traute beinahe meinen Augen nicht: Marisa baggerte Raffael an! Wollte sie die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen – was ich unmöglich zulassen konnte –, oder spekulierte sie darauf, dass ich auf ihre Anmache reagieren und ihn wieder übernehmen würde? Doch im Grunde war es egal, ob Marisa mich mit ihrer Flirteinlage bloß anstacheln wollte. Nur ich wusste über Raffael Bescheid, weshalb es meine Aufgabe war, ihn von meinen Mitschülern fernzuhalten. Und da weder Hannah noch meine Freunde das kommende Wochenende im Internat verbringen würden, hatte ich genügend Zeit, ihn mir vorzuknöpfen.

Um Marisa von weiteren Flirtanfällen abzuhalten, weihte ich sie in mein Vorhaben ein.

»Damit ich nicht noch mal mit ansehen muss, wie du dich an Raffaels Hals schmeißt, werde ich mich die nächsten zwei Tage besonders intensiv um ihn kümmern. Spätestens am Sonntagabend wird er mir aus der Hand fressen.«

»Überschätzt du dich da nicht ein bisschen?«

»Wart’s ab. Er wird so folgsam wie ein Schoßhündchen sein.«

Wie ich das machen wollte, wusste ich schon ziemlich genau. Gut, dass meine Freunde mir nicht dazwischenfunken konnten, wenn ich Raffael überredete, für immer zu verschwinden.

Da Raffael unter der Woche schon zwei Tage freigenommen hatte, war ich nicht darauf vorbereitet, dass auch er die Schule verlassen würde. Doch letztendlich war es gut so. Mein Plan, ihm Christopher vorzustellen, wäre eh nicht aufgegangen. Allein – mit viel zu viel Zeit zum Grübeln – verbrachte ich ein trostloses Wochenende.

Als Raffael unerwartet früh am Sonntagmittag die Kantine betrat, nutzte ich die wenige Zeit, die mir noch blieb, bis meine Freunde wieder eintrudelten. Mit einem versöhnlichen Lächeln – das mir ziemlich schwerfiel – setzte ich mich zu ihm. Ich wollte keine weitere Minute damit verbringen, mir auszumalen, was er wusste und ich nicht.

»Du bist mir noch eine Erklärung schuldig«, begann ich.

Raffael zog fragend eine Augenbraue nach oben. »Tatsächlich? Worüber denn?«

»Wenn du schon behauptest, besser informiert zu sein als ich, wüsste ich gern, was du damit meinst.«

Raffael blickte sich in der Kantine um. »Nicht hier«, raunte er.

Sein argwöhnisches Verhalten verunsicherte mich. Außer uns war nur eine Handvoll Schüler anwesend, und die saßen weit genug entfernt, um uns nicht belauschen zu können. Trotzdem schlang ich mein Essen mit atemberaubender Geschwindigkeit hinunter. Mein Wissensdurst war größer als meine Bedenken.

»Dann leg mal los«, forderte ich ihn auf, als wir die Mensa verließen.

Raffael schwieg. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, schlug er den Weg zu der alten Steinmauer ein, die das erhöht gelegene Schlossgelände vom Seeufer trennte. Ich folgte ihm nur widerwillig – seine Geheimniskrämerei jagte mir allmählich Angst ein. Und auch die Rastlosigkeit, mit der er den See betrachtete, während wir das Gemäuer umrundeten. Erst als er sicher war, unbeobachtet zu sein, wandte er sich an mich.

»Und? Was willst du wissen?«

»Alles!«, platzte ich heraus.

»Das übersteigt meine Kenntnisse. Da musst du schon deinen Engelsfreund fragen«, antwortete er zynisch.

Ich presste meine Lippen zusammen und starrte über die spiegelnde Oberfläche des harmlos scheinenden Sees.

Raffael deutete meine Reaktion richtig. »Du weißt wohl nicht, wo er steckt?! Das geht den meisten so.«

»Was … wen meinst du?« Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war nicht die Einzige?

Raffael lehnte sich mit dem Rücken gegen die Steinwand. »Er hat dir also nicht verraten, welchen Vorteil Engel daraus ziehen, wenn sie sich an einen Menschen binden. Hat er dir deinen Lebenssaft entlockt, indem er behauptet hat, nur für dich da zu sein?«

Meine Beine drohten wegzuknicken. War Christophers Versprechen bloß ein Mittel zum Zweck? Hatte er mir seine Liebe nur vorgegaukelt? Dann wäre er keinen Deut besser als Sanctifer. Ich kämpfte gegen den Abgrund an, der mich verschlingen wollte. Christopher hatte mich belogen?!

Zwei Hände umfassten meine Arme und schüttelten mich.

»Lynn! Lass nicht zu, dass er dir weh tut!«

Raffaels Berührung holte mich aus meiner Verzweiflung. Ich durfte ihm nicht glauben. Er war ein Flüsterer: fähig, Menschen zu beeinflussen. Verbissen versuchte ich, mich aus seiner Umklammerung zu befreien, doch Raffael hielt mich umso fester.

»Bitte, Lynn, vertrau mir.«

»Dir? Wie könnte ich?!«

»Nur dieses eine Mal – ich … konnte nicht anders.«

Es war das Flehen in seiner Stimme, das mich innehalten ließ.

»Aber bloß, wenn du deine Finger von mir nimmst!«, antwortete ich eisig – nicht dass er dachte, er könne mich mit seiner Mitleidstour weichklopfen.

Raffael zog seine Hände weg, als hätte er sich an mir verbrannt. In seinen Augen lag eine Dankbarkeit, die mich bestürzte. Schnell trat ich einen Schritt zurück, um mich vor einem weiteren Übergriff in Sicherheit zu bringen. Der Funke von Dankbarkeit erlosch und hinterließ einen unguten Nachgeschmack.

Raffael warf einen weiteren gehetzten Blick über den See. Mehrfach strich er seine perfekt gewellten, schulterlangen Haare in den Nacken, bevor er sich zur Ruhe zwang und auf den mit Gras bewachsenen Streifen vor der Mauer niederließ.

»Nimm Platz, es wird eine Weile dauern.«

Ich folgte Raffaels Aufforderung und setzte mich – mit genügend Abstand – neben ihm ins Gras. Auch ich starrte auf das im Wind wogende Schilf am Ufer des Sees, damit er in meinem Gesicht nicht lesen konnte, wie verunsichert ich mich fühlte. Es war Zeit, mehr über Engel und ihre Eigenarten zu erfahren. Wie weit ich Raffael trauen konnte und wie viel ich von seiner Geschichte glauben wollte, würde ich später entscheiden.

»Obwohl es mir eigentlich nicht erlaubt ist, über Engel zu reden, und du mir eh nur die Hälfte glauben wirst – wenn überhaupt –, denke ich, dass ich bei dir eine Ausnahme machen kann. Schließlich warst du schon drüben. Und was den Wahrheitsgehalt angeht, kannst du ja bei deinem Engelsfreund nachfragen – falls er irgendwann wieder auftauchen sollte.« So, wie Raffael das sagte, bezweifelte er das.

Ich schluckte meinen Kommentar hinunter. Christopher war nicht Sanctifer. Er opferte keine unschuldigen Menschenseelen, um seine Ziele zu erreichen.

»Ich war sieben und …«

»Bestimmt ein herzallerliebster, von allen verwöhnter Wonneproppen«, unterbrach ich Raffael. »Wolltest du mir nicht etwas über Engel erzählen?«

»Das werde ich. Aber damit dein Bild von mir nicht einseitig bleibt, muss ich ein wenig ausholen. Vielleicht verstehst du dann, warum ich nicht anders handeln konnte.«

»Jeder hat eine Wahl«, zischte ich.

»Manche mehr, andere weniger.« Raffael starrte gedankenverloren über den See, während er weitersprach. »Ich war sieben, als Sanctifer mich bei sich aufnahm. Er hat mich in dem Schrank gefunden, in dem ich mich verkrochen hatte. In seinen Mantel gehüllt, trug er mich durchs Feuer. Es verschlang alles, was ich liebte – auch meine Mutter.« Er schwieg für einen kurzen Moment, um seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. Auf seinem Gesicht jedoch blieb der Schmerz, den er noch immer empfand.

»Auch ich wäre gestorben, wenn Sanctifer sich nicht um mich gekümmert hätte. Er versorgte meine Wunden und linderte die Schmerzen. Es blieben Narben, da er mir die Wahl lassen wollte, bis ich alt genug war, eine eigene Entscheidung zu treffen. Ich zögerte keine Sekunde, als er mir von seinen Möglichkeiten erzählte.«

Ich zog hörbar die Luft ein. Sanctifers Vorgehensweise konnte ich mir lebhaft vorstellen, zumal ich seiner einschmeichelnden Art beinahe selbst erlegen war.

Raffael sah mich böse an. Meine Missbilligung war ihm nicht entgangen.

»Glaub mir, nach zehn Jahren mit einem Frankensteingesicht hättest auch du alles getan, um wieder ein normaler Mensch zu werden.«

»Ich hätte niemals meine Seele verkauft.«

»Das habe ich nicht!« Raffaels Fingerknöchel traten weiß hervor. Eilig verschränkte er seine Arme, um seine Fäuste zu verstecken. Es schien ihn Kraft zu kosten, mir nicht an die Gurgel zu springen und stattdessen ruhig zu bleiben.

»Sanctifer hat mir Zeit gelassen, ehe ich eine Entscheidung treffen musste. Geduldig hat er meine Fragen beantwortet und mir den Weg zu seiner Welt geöffnet, damit ich alles anschauen konnte. An meinem siebzehnten Geburtstag hat er mir angeboten, sein Flüsterer zu werden. Ein geringer Preis, verglichen mit dem, was er mir dafür gegeben hat.«

»Und du bist nie auf die Idee gekommen, dass Sanctifer dich manipuliert? Dass er dich zehn Jahre lang leiden ließ, damit du alles für ein atemberaubendes Aussehen tun würdest?«

»Du findest mich atemberaubend?!« Raffael überging meinen Einwand, aber sein Miene sprach Bände: Auch er wusste, dass Sanctifer mit ihm spielte.

»Es gibt schönere«, antwortete ich.

»So wie deinen Engelsfreund

»Zum Beispiel.« Ich war mir sicher, zu explodieren, falls Raffael das Wort Engelsfreund noch einmal derart spöttisch betonen würde.

»Wenn ich gewusst hätte, dass du auf blond und grimmig stehst, hätte ich Sanctifer um ein anderes Gesicht gebeten.«

Grimmig?! Christopher war nicht grimmig zu mir – zumindest nicht mehr. Ich behielt meine Gedanken für mich. Mein Scher dich zum Teufel, Flüsterer wäre hier wahrscheinlich allzu wörtlich rübergekommen. Außerdem beschlichen mich erste Zweifel an Raffaels Geschichte.

»So viel wie du hab ich bei meinem Aufenthalt vielleicht nicht mitbekommen, aber eins ist mir trotzdem klargeworden: Lange kann man dort nicht bleiben!«

Raffael sah mich fragend an.

»Du weißt schon, die Totenwächterin und so.«

»Ja, ich hab von ihr gehört.«

»Gehört?!«, fauchte ich. »Du hast mitgeholfen, dass ich sie besser kennenlernen durfte, als mir lieb war.«

Die Wut in meinen Augen beeindruckte Raffael wenig. »Und? Ist es bei ihr wirklich so unglaublich?«

»Ja«, flüsterte ich plötzlich heiser, als ein eisiger Hauch vom See heraufkroch, über meine Beine strich, meinen Rücken entlangglitt und sich in meiner Kehle festsetzte. Verwirrt knetete ich meine tauben Fingerspitzen in der Hoffnung, das Gefühl zu vertreiben, das die Erinnerung an das Reich der Totenwächterin heraufbeschworen hatte.

Schärfer als beabsichtigt fuhr ich fort.

»Sieh’s dir doch selbst mal an! Du brauchst nur in den See zu laufen. Wenn du Glück hast, findet sie dich.«

Wir schwiegen beide. Offenbar kannte auch Raffael einige der weniger schönen Seiten der Engelswelt.

»Ich wusste nicht, was Sanctifer vorhatte. Er weiht mich nur selten in seine Pläne ein.« Raffael wirkte bedrückt. Entweder weil er wusste, dass er über die Rolle des Handlangers niemals hinauskommen würde, oder weil er bedauerte, dass Sanctifer ihm nicht vertraute – hoffentlich Ersteres. Dann bestand wenigstens die Chance, dass er irgendwann erkannte, bei Sanctifer auf der falschen Seite zu stehen.

Als sich vor mir das Bild von einem vor Ehrfurcht buckelnden Raffael abzeichnete, bemerkte ich erst, wie geschickt er mich von meinem eigentlichen Thema abgelenkt hatte – klar, er war ein Flüsterer.

»Gut für dich, nicht alles zu wissen, was Sanctifer so treibt. Trotzdem ist mir schleierhaft, wie du es angestellt hast, in der Engelswelt zu bleiben.«

»Dein Engel hat dir wirklich nicht viel verraten.«

»Wir hatten Wichtigeres zu besprechen«, konterte ich.

Raffael lachte über meine zweideutige Bemerkung. »Das kann ich mir vorstellen. Der Kuss eines Engels ist außerordentlich wirkungsvoll, wenn es darum geht, einen Menschen zu betören. Ich wette, du würdest alles für ihn tun.«

Ein viel zu schnelles »Ja« rutschte mir über die Lippen. Ich milderte es mit dem Zusatz, dass Christopher nie etwas von mir verlangen würde, wozu ich nicht bereit war. Christopher war nicht Sanctifer. Er würde mich niemals hintergehen. Wenn Christopher mir nicht alles erzählte, dann nur, weil er mich schützen wollte.

»So wie dein Blut. Nicht wahr? Du hast es ihm freiwillig gegeben.«

Da Raffael eh schon alles wusste, leugnete ich es nicht. »Das habe ich. Im Gegensatz zu deinem Engelsfreund, der es von mir erpressen wollte, wusste ich, worauf ich mich bei Christopher einlasse.«

Raffael erblasste – anscheinend war ihm die Sache mit Sanctifers zweischneidigem Angebot nicht bekannt –, doch er fing sich schnell wieder.

»Menschenblut ist viel wirksamer, wenn es freiwillig gegeben wird. Nur ein Bündnis aus freien Stücken ermöglicht, die Welten dauerhaft zu wechseln. Und da es bloß wenigen Auserwählten erlaubt ist, über die Engelswelt Bescheid zu wissen, warst du die perfekte Gelegenheit, die Gesetze zu umgehen. Der Rat hätte einem Engel wie Christopher ein solches Blutbündnis niemals erlaubt.«

»Aber so einem wie deinem?!«

»Sanctifer ist kein Racheengel.«

Das war mir neu. Aufgrund seiner Fähigkeiten und der Stärke, die er im Kampf gegen Christopher bewiesen hatte, hatte ich angenommen, dass auch Sanctifer ein Racheengel war.

»Und du denkst, Christopher wäre deshalb weniger vertrauenswürdig als Sanctifer?«

»Nicht ich meine das – der Rat beschließt die Gesetze.«

»Dann sollten die noch mal darüber nachdenken, welchen Wert ihre Gesetze haben.«

Mir war nicht ganz wohl bei der Vorstellung, Christopher könnte meinetwegen ein Engelsgesetz umgangen haben. Nicht, dass ich das besonders verwerflich fand, sondern weil ich fürchtete, es könne für ihn Konsequenzen nach sich ziehen. War er deshalb noch nicht aufgetaucht? Ich zog meine Beine dichter heran. Bei dem Gedanken wurde mir eisig kalt.

»Es gibt ein eigenes Gremium dafür, welcher Engel sich wem offenbaren darf. Sanctifer hat jahrelang darum gekämpft, sich mir als Engel zeigen zu dürfen.«

Ich schluckte. Christopher hatte mir seine Engelsgestalt enthüllt – ohne Genehmigung! Allerdings wusste er damals noch nicht, dass ich ein Mensch bin. Sicher milderte diese Tatsache das Vergehen – falls Raffaels Geschichte überhaupt stimmte.

»Erst vor ein paar Monaten durften wir einander unser Blut anvertrauen.«

Raffaels Zusatz riss mich aus meinen Überlegungen, welche Schwierigkeiten Christopher im Augenblick beiseiteräumen musste.

»Sanctifer hat dir sein Blut gegeben?!«

»Natürlich. Wie könnte ich sonst unbeschadet in beiden Welten leben?«

Blöde Frage. Klar. Darauf hätte ich selbst kommen können. Und auch auf die Schlussfolgerung: Christopher hatte unser Bündnis nur einseitig geschlossen! Er behielt sämtliche Karten in der Hand, und ich erhielt nichts als vage Versprechungen. Doch eine Beziehung, in der nur einer bestimmte, war nicht mein Ding und auch nicht, dass Christopher mir wesentliche Aspekte unserer Bindung verschwiegen hatte. Je mehr ich über diese kleine Informationslücke nachdachte, umso riesiger wurde sie – und mit ihr mein Ärger –, aber es kam noch härter.

»Dein Freund ist sicher unterwegs, um eine Zweite zu überzeugen, sich auf ihn einzulassen. Nur an einen Menschen gebunden zu sein, ist ihm bestimmt zu wenig.«

»Sanctifer vielleicht. Christopher niemals!« Wütend sprang ich auf. Ich hätte wissen müssen, dass ich aus einem Flüsterer nicht die Wahrheit herauskitzeln konnte.

Raffael schnitt mir den Weg ab, bevor ich flüchten konnte – und durch den See davonzukraulen, wagte ich nicht.

»Ich weiß: Die Wahrheit kann weh tun. Das Blut eines Menschen, der die Engelswelt kennt, ist sehr wertvoll. Doch das Blut eines Menschen, der unbeschadet dem Reich der Totenwächter entkommen konnte, ist unbezahlbar. Die Wächter haben ihr Recht auf deine Seele verwirkt.«

»Na und?«

Jetzt war es Raffael, der verärgert die Luft zwischen den Zähnen hindurchzog. »Wenigstens das hätte er dir sagen müssen.«

Mein Geduldsfaden riss. »Spuck’s aus, Flüsterer«, sagte ich samtweich. »Oder geh mir aus dem Weg! Bisher warst du nicht übermäßig informativ«, log ich.

»Du würdest mir sowieso nicht glauben.«

Ich bemerkte den traurigen Unterton in Raffaels Stimme, den er mit Sarkasmus zu überspielen versuchte – er wusste, warum ich ihm nicht traute. Ein unerwünschtes Gefühl stieg wieder in mir auf: Mitleid.

»Dir etwas zu glauben, ist ziemlich schwierig, bei so vielen Andeutungen und so wenig Inhalt.«

Raffael nickte und setzte sich wieder ins Gras – ich blieb stehen.

»Verrate niemandem, von wem du es weißt. Besonders nicht deinem Engelsfreund.«

»Komm zur Sache, wenn du was zu sagen hast.« Demonstrativ tippte ich mit dem Fuß auf die Erde.

»Wie du vielleicht weißt, wird jede Menschenseele geprüft. Wenn sie im Totenreich besteht, darf sie als Engel weiterleben. Versagt sie, verliert sie ihr bewusstes Sein und erhält – je nach Ausmaß ihres Versagens – früher oder später eine neue Chance.«

Während Raffael mir die Engelswelt erklärte, stiegen Bilder aus der Totengruft in meinem Gedächtnis auf: die Wartenden, deren Schicksal noch nicht entschieden war. Mit ihren fahlgelben Händen griffen sie nach mir, um mich bei sich zu behalten, während der Schmerz ihres Daseins in meinen Ohren widerhallte.

»Da du – wie auch immer – das Totenreich passieren konntest, ist deine Seele jetzt frei.«

»Aber wie du siehst, bin ich weder tot, ohne Bewusstsein, noch ein Engel!«

Raffael erkannte, dass ich ihm diesen Punkt der Geschichte nicht abnahm. »Und gerade darin liegt das Problem. Eigentlich darf kein noch lebender Mensch das Reich der Totenwächter betreten.«

»An mir lag’s sicher nicht.«

»Deshalb wird dir auch kein Vorwurf gemacht.«

Ich wurde hellhörig. »Und wem dann?«

»Darüber wird sicher verhandelt werden. Ebenso über die unerlaubte Hilfe, die du erhalten hast.«

»Was? Es kann ja wohl kaum verboten sein, eine unschuldige Menschenseele aus den Klauen der Totenwächterin zu befreien?!«

»O doch, da jetzt nicht mehr beurteilt werden kann, ob deine Seele wirklich unschuldig ist oder nicht – und genau das macht dich so wertvoll!«

Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus wie feuchter Nebel. Nicht, weil meine Seele aus Versehen ungeprüft der Wächterin entkommen konnte, sondern weil Christopher dafür verantwortlich war. Er hatte mich gerettet, wofür er sicher die Konsequenzen tragen musste.

In was hatte ich ihn da bloß reingeritten?

Die einzige Möglichkeit, wie ich ihm beistehen und die Wahrheit ans Licht bringen konnte, war auszusagen. Vielleicht würde Raffael mir verraten, was ich tun musste, um zu dieser Verhandlung eingeladen zu werden.

»Man hätte mich bestimmt einbestellt, um zu klären, wer mir geholfen und wer mich in diese Situation gebracht hat.«

Raffaels Miene versteinerte. »Menschen sind bei Engelsprozessen nicht zugelassen. Ihre Vertrauenswürdigkeit gilt als zweifelhaft.«

Arons Erklärung, in seiner Engelsgestalt nicht lügen zu können, fiel mir wieder ein. Und plötzlich verstand ich den Zusammenhang.

»Dann bin ich in ihren Augen wohl so etwas wie eine wertvolle Lügnerin?!«

»Im Moment bist du nur ein Mensch, mit dessen Blut ein Engel sich in der Menschenwelt verankern kann. Aber wenn du tot bist …« Raffael wirkte unsicher. Entweder er wusste es nicht, oder es steckte mehr dahinter. »Und da sicher niemand einem Racheengel traut, der die Gesetze überschreitet, prüfen sie anscheinend nicht nur, wer an deinem Seelenzustand die Schuld trägt, sondern auch, wer sich jetzt um dich kümmern soll.«

»Sie verschachern meine Seele?!«

»Wenn du es so nennen willst.«

»Kann ich nicht selbst entscheiden, wem ich mein Vertrauen schenke?«

»Dazu müsstest du Zugang zur Engelswelt haben und einen Engel finden, der dir sein Blut gibt, damit deine Seele in ihrer Welt bestehen kann.«

»Und sicher wäre Sanctifer bereit dazu.« Für wie blöd hielt mich Raffael eigentlich?

»Das weiß ich nicht – aber ich kann es mir vorstellen.«

Die Grenze meiner Gutgläubigkeit war überschritten, der Flüsterer eindeutig zu weit gegangen. Mir Sanctifer als Blutspender unterzujubeln, überstieg seine Überredungskünste.

»Ich glaube dir kein Wort! Und das mit deiner rührenden Verbrennungsgeschichte hast du sicher auch nur erfunden, um mich weichzukochen.«

»Wie du meinst.« Langsam erhob sich Raffael und baute sich mit seiner eindrucksvollen Größe vor mir auf. Ebenso langsam zog er sich sein T-Shirt über den Kopf.

Mir stockte beunruhigend schnell der Atem – nicht wegen der perfekt geformten Muskelmasse seines Oberkörpers oder der bronzefarbenen Haut, die sich darüber spannte, sondern wegen der, die fehlte.

Um die Stelle, wo Raffaels Bauchnabel sein sollte, wucherte rohes Fleisch. Dank der Jeans konnte ich nicht das volle Ausmaß erkennen, doch was ich sah, genügte, um spontane Übelkeit mit Würgereiz bei mir hervorzurufen. Ungläubig starrte ich ihn an: sein perfekt modelliertes Gesicht und dann wieder den entstellten Körper, der gerade sein Geheimnis preisgab.

Vor meinen Augen begann das Narbengeflecht sich zu verändern. Wie eine schlafende Schlange wickelte sich ein hautloses Tier auseinander und begann, sich zu winden: überzog Raffaels Brust, seine Schultern und schlängelte sich weiter nach oben, über seinen Hals, den Nacken entlang, bevor es sich von hinten auf sein Gesicht legte.

Ich unterdrückte einen Aufschrei und zwang mich, nicht zurückzuweichen.

»So sehe ich aus, wenn ich Sanctifers Zauber nicht trage. Ich verdanke ihm nicht nur mein Leben.«

Trotz der abstoßenden Hässlichkeit erkannte ich Raffael in der Kreatur wieder, die mir gegenüberstand. Auch wenn sein Äußeres jeden Reiz verloren hatte, seine Stimme war dieselbe geblieben, nur dass jetzt ein tiefer Schmerz in ihr mitschwang. Wie viel Willenskraft musste in ihm stecken, um eine Kindheit als Monster ertragen zu können?

Ich fand die Antwort in Raffaels Augen. Sie glommen nachtschwarz von seinen Erinnerungen und schimmerten doch voller Stärke. Er wusste, wer und was er war. Aber die anderen hatten immer nur das Ungeheuer in ihm gesehen.

Mir schauderte bei dem Gedanken an Raffaels Vergangenheit. Dagegen waren meine Eingewöhnungsschwierigkeiten in Italien das Paradies auf Erden gewesen.

Die fleischige Narbengeschwulst, die Raffaels Körper verunstaltete, war zur Ruhe gekommen. Das Heben und Senken seines Brustkorbs beim Atmen hinterließ jedoch den Eindruck, als lebe sie. Wie ein eigenständiges Wesen, in dem er gefangen war.

Ich blinzelte, um das Trugbild loszuwerden. Es half – ein wenig. Immer wenn Raffaels Atmung pausierte, sah ich anstatt des Geschwürs seinen glatten, von Muskeln durchzogenen Oberkörper. Vorsichtig streckte ich meine Hand nach ihm aus. Die sich aufrichtenden Härchen auf meinem Arm verrieten meine Gefühle: Furcht und gleichzeitig den Wunsch, ihn zu berühren. Es war wie ein Zwang, ihn anfassen zu müssen, um sicher zu sein, dass das, was ihn umgab, nicht wirklich lebte.

Kurz bevor ich es berührte, schien die Luft um uns herum dicker zu werden, als materialisiere sich die Anspannung zwischen uns. Sie entlud sich in dem Augenblick, in dem meine Hand auf Raffaels Fleisch traf. Tausend haarfeine Blitze zuckten durch meine Fingerspitzen, meinen Arm entlang, verteilten sich über meinen Körper und verwurzelten sich tief unter meiner Haut.

Ich wusste, dass ich meine Hand zurückziehen sollte; sah Raffaels narbenübersäte Gestalt, die vor ein paar Minuten noch Übelkeit in mir ausgelöst hatte. Dennoch konnte ich nicht anders: Ich schloss die Augen – und fühlte. Genoss das Prickeln in meinem Inneren und die vibrierende Luft, die mich umhüllte. Erst als sich Raffaels Finger um mein Handgelenk schlossen, fand ich zu mir. Erschrocken taumelte ich einen Schritt zurück.

Über Raffaels nun wieder makelloses Gesicht huschte ein Schatten, der sich schnell in ein spöttisches Grinsen verwandelte.

»Ich glaube, du hast genug gesehen – sonst bekomme ich noch Ärger mit deinem Engelsfreund

Raffaels Engelszusatz erstickte die Reste meines Emotionsflashs. Ihn anzufassen hatte in mir ähnliche Empfindungen ausgelöst, wie wenn ich Christopher berührte – um genau zu sein, viel zu ähnliche! Eine Wirkung, die Raffael unbewusst hervorgerufen hatte? Damit konnte ich umgehen. Und falls nicht? Wenn er mir damit zeigen wollte, wie einfach es selbst ihm fiel, diese Art von Engels-Charme einzusetzen?!

Meine Unsicherheit vermischte sich mit Ärger – eine explosive Mischung, die ich nur schwer kontrollieren konnte. Doch da ich mehr über Christopher erfahren wollte, wäre es zu früh, meinen einzigen Informanten im See zu ertränken. Also schluckte ich die Worte, die mir auf der Zunge lagen, hielt mich an der rauen Steinwand fest und zählte bis zehn, bevor ich antwortete.

»Ich denke nicht, dass Christopher sich mit jemandem wie dir einlässt, nur weil du mit entblößtem Oberkörper vor mir stehst: Euch trennen Welten!«

Mein Wortspiel amüsierte Raffael. »Der Punkt geht an dich. Bleibt nur die Frage, ob er sich auch noch mit dir einlässt, nachdem du ihm das gegeben hast, wofür der ein oder andere Engel töten würde.«

Meine mühsam erkämpfte Ruhe zerplatzte. Ohne ein weiteres Wort ließ ich Raffael stehen. Was auch immer er zu wissen glaubte, war das Gefühl, das sein bissiger Kommentar in mir auslöste, nicht wert.

Kapitel 2
Umschwärmt

Kaum war Marisa aus dem Taxi gestiegen, galt ihre erste Frage meinen Fortschritten bei Raffael.

»Und, wie weit bist du mit deiner Schoßhündchen-Dressurnummer gekommen?«

Ich warf ihr einen warnenden Blick zu, da Juliane in Hörweite ihre Tasche aus dem Kofferraum wuchtete.

»Ich weiß Bescheid«, informierte Juliane mich. »Und ich bin nicht Marisas Meinung!«

»Dann sind wir ja schon zwei«, antwortete ich.

Juliane überging meinen Einwurf, schlug den Kofferraumdeckel zu und funkelte mich böse an. »Ich finde, dass Raffael Hannah verdient hat. Sie wird ihn verzaubern – und dann sein Herz verschlingen«, krächzte Juliane, bleckte ihre Zähne und krönte die Darstellung – in bester Hexenmanier – mit einer angsteinflößenden Grimasse.

Marisas wasserblaue Augen funkelten vergnügt. »Ich wusste gar nicht, dass du derart grausam sein kannst! Aber nachdem er sich so viel Mühe gegeben hat, sich bei uns einzuschleimen, wäre das wohl angemessen.«

»Niemand verdient es, dass mit seinen Gefühlen gespielt wird«, widersprach ich ein wenig zu schnell.

Marisa und Juliane warfen mir einen ungläubigen Blick zu. Juliane öffnete den Mund, um mir zu widersprechen, doch Marisa brachte sie mit einem kurzen Seitenblick zum Schweigen. Schließlich entdeckte auch ich den schwarzen Mercedes, der die Auffahrt zum Schloss entlangfuhr: Hannah war im Anmarsch.

»Dein Wochenende muss sehr interessant gewesen sein«, war alles, was Marisa zu meinem überraschenden Sinneswandel sagte. Sie würde nicht lockerlassen und so lange nachbohren, bis sie wusste, warum ich plötzlich Raffael verteidigte, anstatt ihn bloßzustellen.

Ich seufzte leise. Hoffentlich fiel mir bis dahin etwas Passendes ein, da ich es ja selbst nicht so genau wusste.

Als Marisa und Juliane mich am Abend in ihr Zimmer nötigten und auf das Raffael-Thema zurückkamen, klärte ich meine Freudinnen als Erstes darüber auf, dass Raffael und ich nur einen Nachmittag am See zusammen verbracht hatten. Natürlich beteuerte ich, nicht besonders weit gekommen zu sein, was den Plan betraf, ihn anzumachen. Um sie davon abzubringen, mich zu einem zweiten Versuch zu überreden, setzte ich auf die Mitleidsschiene. Ich verriet ihnen, warum Raffael ohne Eltern aufwachsen musste. Als Krönung fügte ich einen herzlosen Onkel hinzu und schmückte das Ganze mit ein paar Lügengeschichten. Am Ende empfand ich beinahe selbst Mitleid mit Raffael.

»Vielleicht hat er deshalb Schwierigkeiten, sein Herz zu verschenken. Weil er sich fürchtet, es zu verlieren«, überlegte Juliane laut. In ihren hellgrauen Augen schimmerten Tränen, seit ich von Raffaels Beinahetod im Feuer erzählt hatte. Besser, ich brachte ihre romantische Seifenblase gleich zum Platzen – bevor sie Raffael vergab.

»Das glaube ich kaum. Sonst würde er auf ein Jungeninternat gehen anstatt mit Hannah aufs Zimmer.« Mein Tiefschlag zeigte Wirkung – in Julianes Pupillen blitze wieder Rachsucht auf.

»Wenigstens war Florians Flirttechnik erfolgreich. Auch wenn er noch nicht in ihrem Zimmer war, konnte er ihr zumindest einen heißen Begrüßungskuss entlocken.«

»Was?!«, fragten Marisa und ich gleichzeitig.

»Hinterm Bootsschuppen. Ich hab’s selbst gesehen.«

»Obwohl sie beim Abendessen auf Raffaels Schoß saß?! Entweder kann Hannah sich nicht entscheiden, oder sie liebt es abwechslungsreich«, sprach Marisa meine Gedanken laut aus. Hoffentlich behielt wenigstens Florian seine Gefühle unter Kontrolle und verliebte sich nicht in das unersättliche Biest.