Lion Feuchtwanger

Goya

oder
Der arge Weg
der Erkenntnis

Roman

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Impressum

Mit einer Nachbemerkung von Gisela Lüttig

Textgrundlage:

Lion Feuchtwanger, Gesammelte Werke in Einzelbänden,

Band 13, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1994

ISBN 978-3-8412-0614-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1961 erschienen; Aufbau ist eine

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung des Gemäldes „Der Sonnenschirm“,

1777, Francisco de Goya,

akg-images / Erich Lessing

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Erster Teil

1

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Zweiter Teil

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Dritter Teil

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Zu diesem Band

Erster Teil

1

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fast überall in Westeuropa das Mittelalter ausgetilgt. Auf der Iberischen Halbinsel, die auf drei Seiten vom Meer, auf der vierten von Bergen abgeschlossen ist, dauerte es fort.

Um die Araber von der Halbinsel zu verdrängen, hatten vor Jahrhunderten Königtum und Kirche ein unlösliches Bündnis eingehen müssen. Der Sieg war möglich nur, wenn es den Königen und den Priestern gelang, die Völker Spaniens durch strengste Disziplin zusammenzuschweißen. Es war ihnen gelungen. Sie hatten sie vereinigt in einem inbrünstig wilden Glauben an Thron und Altar. Und diese Härte, diese Einheit war geblieben.

Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts war die iberische Tradition auf tragisch lächerliche Art erstarrt. Zweihundert Jahre zuvor schon hatte sich der größte Dichter des Landes aus diesem finster grotesken Willen zur Beharrung seinen Stoff geholt. Er hatte in der Geschichte von dem Ritter, der von den alten, ritterlichen, sinnlos gewordenen Bräuchen nicht lassen kann, ein für immer gültiges Gleichnis geschaffen, und sein höchst liebenswerter Held, rührend und lächerlich, war berühmt geworden über den Erdkreis.

Die Spanier hatten über Don Quijote gelacht, aber ihren Willen zur Tradition nicht aufgegeben. Länger als sonstwo in Westeuropa hielt sich auf der Halbinsel das mittelalterliche Rittertum. Kriegerische Tugend, bis zur Tollheit heldisches Gehabe, hemmungsloser Frauendienst, herrührend aus der Verehrung der Jungfrau Maria, diese Eigenschaften blieben die Ideale Spaniens. Die ritterlichen Übungen, längst ohne Sinn, hörten nicht auf.

Verknüpft mit diesem kriegerischen Gewese war eine leise Verachtung der Gelehrsamkeit und des Verstandes. Desgleichen ein ungeheurer Stolz, berühmt und berüchtigt über die Welt, Stolz der Gesamtheit auf die Nation, Stolz des einzelnen auf seine Kaste. Das Christentum selber verlor in Spanien seine Demut und seine Heiterkeit, es nahm ein wildes, düsteres, herrisches Gepräge an. Die Kirche wurde hochfahrend, kriegerisch, männlich, grausam.

So war noch um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts das Land das altertümlichste des Erdteils. Seine Städte, seine Trachten, die Bewegungen seiner Menschen, ja, ihre Gesichter muteten den Fremden seltsam starr an, Überbleibsel der Vorzeit.

Aber jenseits der nördlichen Berge, abgetrennt von Spanien nur durch diese Berge, lag das hellste, vernünftigste Land der Welt: Frankreich. Und über die Berge drang trotz aller Absperrmaßnahmen seine Vernunft und seine Beweglichkeit. Unter der starren Oberfläche, sehr langsam, änderten sich auch die Menschen der Halbinsel.

Es herrschten damals über Spanien fremde Könige, Herrscher französischen Ursprungs, Bourbonen. Wohl konnten die Spanier sie zwingen, sich ihnen anzupassen, so wie sie früher die Habsburger gezwungen hatten, sich zu hispanisieren. Doch der spanische Adel lernte durch die französischen Könige und ihre französische Umgebung die fremden Sitten kennen, und manche lernten sie lieben.

Die Gesamtheit indes hielt, während sich der Adel langsam änderte, zäh am alten fest. Mit ernster Gier übernahm das Volk die Rechte und Pflichten, welche die großen Herren hatten fallenlassen. Der edelste Sport waren die Stierkämpfe gewesen, ein Privileg des Hochadels. Die Übung selber wie der Anblick war Adeligen vorbehalten gewesen. Jetzt, da sich die Granden nicht mehr im Stierkampf betätigten, übte um so leidenschaftlicher das Volk die wilde Sitte. Und wenn die Granden ihre Manieren lockerten, so wurde die Etikette des Volkes um so strenger. Schuhmacher legten Gewicht darauf, als kleine Adelige, als Hidalgos, angesehen zu werden, und Schneider begrüßten sich mit umständlichen Titeln. Don Quijote hatte abgedankt, Don Quijote hatte sich in einen eleganten Herrn von Versailles verwandelt; nun übernahm das Volk seinen Schild und sein klappriges Streitroß. Sancho Pansa wurde Don Quijote, heroisch und lächerlich.

Drüben, jenseits der Pyrenäen, köpfte das französische Volk seinen König und jagte seine großen Herren davon. Hier in Spanien vergottete das Volk seine Monarchen, wiewohl sie französischen Ursprungs waren und höchst unköniglich. König blieb dem Volke König, Grande blieb ihm Grande, und während diese Granden, französischen Sitten mehr und mehr zugetan, sich schon damit abgefunden hatten, auch mit einem republikanischen Frankreich zu paktieren, kämpfte das spanische Volk begeistert weiter gegen die gottlosen Franzosen und ließ sich totschlagen für den König, seine Granden und seine Priester.

Spanier gab es freilich, welche

Diesen Widerspruch verspürten

In sich selber, und sie kämpften

In der eignen Brust den Streit aus

Zwischen altem Brauch und neuem,

Zwischen Fühlen und Verstehen,

Schmerzhaft oft und leidenschaftlich,

Siegreich manchmal, doch nicht immer.

2

Doña Cayetana, Dreizehnte Herzogin von Alba, gab einen Theaterabend für ihre Freunde in ihrem Madrider Palais. Eine Truppe royalistischer Pariser Schauspieler, die vor dem Terror der Republik über die Pyrenäen hatte fliehen müssen, führte ein Stück des Schriftstellers Berthelin auf, »Das Martyrium der Marie-Antoinette«, ein Drama, das trotz seines zeitgenössischen Inhalts im klassischen Stil gehalten war.

Die Zuhörer – es waren ihrer nicht viele, zumeist Herren und Damen des Hochadels – verloren sich in dem weiten Saal, der nur mäßig erhellt war, auf daß die Vorgänge auf der Bühne besser beleuchtet seien. Edel und eintönig klangen von der Szene herab die sechsfüßigen Jamben, ihr erhabenes Französisch war spanischen Ohren nicht immer ganz verständlich, der Saal war warm, es überkam die Zuhörer in ihren bequemen Sesseln allmählich eine melancholische, behagliche Schläfrigkeit.

Die königliche Dulderin auf der Bühne gab jetzt ihren Kindern, der vierzehnjährigen Madame Royale und dem neunjährigen König Louis dem Siebzehnten, noble Lehren. Dann wandte sie sich an ihre Schwägerin, die Prinzessin Elisabeth, und gelobte, sie werde, was immer über sie kommen möge, mit einer Fassung tragen, die ihres gemordeten Gemahls, des Sechzehnten Louis, würdig sei.

Die Herzogin von Alba selber hatte sich noch nicht gezeigt. Wohl aber saß in der ersten Reihe ihr Mann, der Marqués de Villabranca, der, gemäß dem Gebrauch, zu seinen vielen anderen Titeln auch den ihren angenommen hatte. Der stille, elegante Herr, eher schmächtig, doch vollen Gesichtes, schaute aus schönen, dunklen Augen nachdenklich auf die hagere Schauspielerin, die da oben sentimentale, pathetische Verse deklamierte, vorgebend, sie sei die tote Marie-Antoinette. Der Herzog von Alba war empfindlich vor Kunstleistungen nicht allerhöchsten Ranges und war von vornherein skeptisch gewesen. Aber seine liebe Herzogin hatte erklärt, infolge der Trauer, welche der Hof anläßlich des schauerlichen Ablebens der Königin Marie-Antoinette angeordnet hatte, sei das Leben in Madrid tödlich langweilig geworden, und irgend etwas müsse sie unternehmen. Eine solche Aufführung wie die des »Martyriums« bringe Leben ins Haus und beweise Teilnahme an der Trauer über den Untergang der Könige von Frankreich. Der Herzog konnte es verstehen, daß seine Frau, die um ihrer Capricen willen an allen Höfen Europas berühmt war, sich in der weiten Einsamkeit ihres Madrider Palais langweilte, er hatte ohne weiteres zugestimmt und ließ nun diese Vorstellung über sich ergehen, geduldig und skeptisch.

Seine Mutter, die Witwe des Zehnten Marqués de Villabranca, saß neben ihm, lässig und zuhörend. Die Habsburgerin auf der Bühne, wie war sie laut und tränenselig! Nein, so war Marie-Antoinette nicht gewesen, die Marquesa de Villabranca hatte sie gesehen und gesprochen seinerzeit, in Versailles. Sie war eine charmante Dame gewesen, Marie-Antoinette von Habsburg und Bourbon, heiter und liebenswert, ein wenig zu auffällig vielleicht und zu laut. Aber schließlich war sie eben nur eine Habsburgerin und hatte nichts von dem unaufdringlichen Adel einer Villabranca. Das Verhältnis Marie-Antoinettes zu ihrem schweigsamen, unaufdringlichen Louis, hatte es nicht Ähnlichkeit gehabt mit dem Verhältnis Cayetana de Albas zu ihrem Don José? Verstohlen schaute sie auf ihren Sohn, er war ihr Lieblingssohn mit seiner Zartheit und Schwäche, und was sie sah und lebte, bezog sie auf ihn. Er liebte seine Frau, und das verstand ein jeder, der sie einmal gesehen hatte; aber es war keine Frage, er stand in ihrem Schatten, der Welt war er der Mann der Herzogin von Alba. Ach, nur wenige kannten ihren Sohn José. Sie sahen und rühmten seine stille Vornehmheit. Allein um seine innere Musikalität, um das wunderbar ausgeglichene Schwingen seines Wesens wußten wenige, auch seine Frau wußte zu wenig darum.

Oben auf der Bühne war jetzt der Präsident des Revolutionstribunals, ein brutaler Mann, um der Königin das Urteil zu verkünden. Zunächst hielt er ihr noch einmal alle ihre Schandtaten vor, er verlas eine ebenso dumme wie scheußliche Liste maßloser Verbrechen.

In seinem weiten Sessel verloren, saß dürr und schmächtig in der strotzenden Gesandtenuniform Monsieur de Havré, der Geschäftsträger des Thronfolgers, der von Verona aus an Stelle des kleinen, von den Republikanern gefangenen Königs Frankreich regierte. Es war nicht leicht, ein Land zu regieren, von dem man keinen Quadratzoll besaß, noch weniger leicht, der Botschafter eines solchen Regenten zu sein. Monsieur de Havré war ein alter Diplomat, er hatte jahrzehntelang den Glanz von Versailles repräsentiert, er fand sich schwer in seine neue, klägliche Lage. Die Botschaften, die er im Auftrag seines Herrn, des Regenten, dem Hofe von Madrid zu bestellen hatte, sehr großspurig manchmal, nahmen sich merkwürdig aus im Munde eines Mannes, dessen Diplomatenuniform fadenscheinig wurde und der ohne die Unterstützung des spanischen Hofes sein Mittagessen nicht hätte bezahlen können. Da saß Monsieur de Havré, die schäbigsten Stellen seines Rockes mit dem Schiffhut deckend, seine schmale, bläßliche, hübsche, sechzehnjährige Tochter Geneviève neben sich. Auch sie hätte neue Kleider gut brauchen können, im Interesse Frankreichs und in ihrem eigenen. Ach, man war heruntergekommen. Man mußte froh sein, wenn die Herzogin von Alba einen einlud.

Oben auf der Bühne hatte der Mann vom Tribunal der königlichen Dulderin das Todesurteil verkündet, und sie hatte erwidert, sie sehne sich danach, mit ihrem Gatten vereint zu werden. Doch so leicht machte man ihr das Sterben nicht: vielmehr hatten sich die gottlosen Schurken eine letzte Schmach ausgedacht. Marie-Antoinette habe, erklärte, immer in Versen, der Schreckensmann auf der Bühne, Frankreich durch die langen Jahre ihrer zügellosen Wollust in den Augen der Welt erniedrigt; deshalb sei es der Wille des Volkes, daß sie, selber entwürdigt, entblößt bis zum Nabel, zum Richtplatz geführt werde.

Die Zuschauer hatten viele Berichte über das gräßliche Ereignis gelesen, aber das war neu. Sie horchten auf, schaudernd und gekitzelt, sie schüttelten die Schläfrigkeit von sich, das Schauspiel ging unter allgemeinem Interesse seinem Ende entgegen.

Jetzt schloß sich der Vorhang, man klatschte höflich. Die Gäste standen auf, froh, die Glieder zu bewegen, sie promenierten durch den Saal.

Mehr Kerzen wurden angezündet. Man konnte sehen, wer da war.

Auffiel ein Mann, der sich inmitten dieser gepflegten Herren und Damen trotz seiner sorgfältigen, ja kostbaren Kleidung ein wenig ungelenk ausnahm. Er war nicht groß, unter schweren Lidern lagen tief die Augen, die Unterlippe war voll und gewalttätig vorgeschoben, die Nase kam gerade, fleischig und flach aus der Stirn heraus, der Kopf hatte etwas Löwenhaftes. Er schlenderte durch den Saal, fast alle kannten ihn und erwiderten seinen Gruß mit Achtung. »Es ist angenehm, Sie zu sehen, Don Francisco«, hörte er wieder und wieder.

Don Francisco de Goya freute sich, daß ihn die Herzogin von Alba zu diesen erlesenen Gästen eingeladen hatte, er freute sich der Achtung, deren man ihn würdigte. Es war ein langer Weg gewesen aus dem Bauerndorfe Fuendetodos hierher in das Palais Alba, es war kein leichter Weg gewesen, aber hier war er, der kleine Francho, Maler des Königs jetzt, Pintor de Cámara, und wenn er diese großen Damen und Herren porträtierte, war es unentschieden, wer wem eine Gunst erwies.

Er neigte sich tief vor der alten Marquesa de Villabranca. »Wie fanden Sie Stück und Aufführung, Don Francisco?« fragte sie. »Ich kann mir nicht denken«, antwortete er, »daß die Königin Marie-Antoinette so sollte gesprochen haben. Und wenn, würde ich ihren Tod weniger bedauern.« Die Marquesa lächelte. »Immerhin ist es schade«, meinte sie, »daß die Majestäten nicht da waren.« Es lag aber in ihrem Ton eine kleine Spitzbüberei, sie schaute ihn an mit ihren schönen, ungenierten Augen, den breiten, schmallippigen Mund um ein Winziges verzogen. Und auch er lächelte und dachte mit, was die Marquesa nicht aussprach, daß nämlich die spanischen Bourbonen vermutlich ein unangenehmes Kitzeln verspürt hätten, wenn sie den ganzen Abend von dem hätten hören müssen, was den Hälsen ihrer französischen Verwandten zugestoßen war.

»Wann endlich werden Sie mich malen, Don Francisco?« fuhr die Marquesa fort. »Ich weiß, ich bin eine alte Frau, und Sie haben Besseres zu tun.« Er bestritt das, leidenschaftlich und mit Überzeugung. Die Marquesa war mit ihren Fünfundfünfzig noch immer schön, es war um sie der Hauch eines noch nicht lange vergangenen reichen Lebens. Goya sah das vielwissende, freundlich resignierte Gesicht, er sah das einfache, kostbare, dunkle Kleid, den zarten, weißen Schal, aus dem eine Rose hervorkam. Sie war genau das, was er sich in den Träumen seiner Jugend unter einer großen Dame vorgestellt hatte. Er freute sich darauf, sie zu malen.

Der Mayordomo bat die Gesellschaft in den großen Empfangssaal, wo die Herzogin sie erwarte. Goya begleitete die Marquesa. Langsam gingen sie durch die Gemäldegalerie, welche den Theatersaal mit dem Empfangsraum verband. Da hingen ausgewählte Bilder der alten spanischen, flämischen, italienischen Meister, es war schwer, nicht stehenzubleiben vor diesem Bilde, vor jenem; so eindringlich von den Wänden in dem flackerigen Lichte der Kerzen strahlte das alte Leben.

»Ich kann mir nicht helfen«, sagte die Marquesa zu Goya, »aber ich liebe meinen Raphael. Von allem, was hier hängt, ist mir ›Die Heilige Familie‹ das liebste.« Goya, entgegen dem allgemeinen Urteil, war kein Anhänger des Raphael, er schickte sich an, etwas freundlich Unverbindliches zu erwidern.

Da aber waren sie an der Wendung der Galerie angelangt, und durch die Flügeltür des großen Empfangssaals sahen sie Cayetana de Alba. Sie saß, nach alter Sitte, auf einer niedrigen, mit Teppichen belegten Estrade, die durch ein kleines Gitter mit weiter Öffnung vom übrigen Saal geschieden war, und sie trug nicht wie die übrigen Damen ein modernes Kleid, sondern ein spanisches von altem Zuschnitt. Die Marquesa lächelte. So war Doña Cayetana: sie nahm von Frankreich, was von Frankreich Gutes kam, aber sie wollte nicht verleugnen, daß sie Spanierin war. Es war ihr Abend, die Einladungen waren in ihrem, nicht in ihrem und in ihres Gatten Namen ergangen, niemand durfte es ihr verdenken, wenn sie auf den ersten, französischen Teil des Abends einen zweiten, spanischen setzte. Aber sich im eigenen Haus inmitten einer Abendgesellschaft in spanischer Tracht zu zeigen, fast wie eine Maja, ein solcher Effekt war ein bißchen sehr laut. »Sie hat immer neue Einfälle, unsere Doña Cayetana«, sagte die Marquesa zu dem Maler. »Elle est chatoyante«, fuhr sie fort, französisch.

Goya antwortete nicht. Töricht, wortlos stand er unter der Tür und starrte auf die Alba. Über dem silbergrauen Kleid trug sie schwarze Spitzen; bräunlichweiß leuchtete die warme Blässe des ungeschminkten ovalen Gesichtes, krauses, schwarzes Haar, gekrönt von einem hohen Kamme, umrahmte es üppig; winzig, zierlich, in ihren spitzen Schuhen, schauten die Füße aus dem weitfallenden Rock. Ein lächerlich kleiner, weißer, wolliger Hund saß auf ihrem Schoß, sie streichelte ihn mit der linken, behandschuhten Hand. Die Rechte aber, nackt, schmal, fleischig, kindlich, lag halb auf der Lehne des Sessels, und lässig, mit spitzen, leicht gespreizten Fingern, hielt sie den Fächer, beinahe geschlossen, nach unten.

Die Marquesa, da Goya noch immer schwieg, glaubte, er habe ihr Französisch nicht verstanden, und übersetzte: »Sie schillert wie eine Katze.« Don Francisco indes starrte weiter. Er hatte die Herzogin oft getroffen, er hatte ein Porträt von ihr gemalt, unbeteiligt, es war auch nichts Rechtes geworden, er hatte spielerisch das Gesicht der großen Dame, von der Madrid so viel und so gerne sprach, in den galanten, unverbindlichen Entwürfen verwandt, die er für die Gobelins der königlichen Schlösser anfertigte. Nun aber erkannte er sie nicht, er hatte sie niemals gesehen, und war das die Alba?

Die Knie zitterten ihm. Jedes Haar von ihr, jede Pore ihrer Haut, die starken, hohen Augenbrauen, die unter den schwarzen Spitzen halbentblößten Brüste erregten ihm eine Leidenschaft ohne Maß.

Die Worte der Marquesa klangen in ihm nach, ohne daß er ihren Sinn recht erfaßt hatte; mechanisch antwortete er: »Ja, sie ist erfrischend unabhängig, Doña Cayetana, überaus spanisch.« Er stand noch immer unter der Tür, die Augen auf der Frau. Nun aber hob sie den Kopf in seiner Richtung. Sah sie ihn? Schaute sie blicklos über ihn weg? Sie sprach weiter, streichelte weiter mit der Linken den kleinen Hund. Die Rechte indes hob jetzt den Fächer, entfaltete ihn ganz, so daß das Bild des Fächers sichtbar wurde – ein Sänger, der zu einem Balkon hinaufsang –, schloß ihn wieder und entfaltete ihn von neuem.

Freudiger Schreck lähmte Francisco den Atem. Es gab eine Fächersprache, in welcher die Majas, die Mädchen aus dem Volke, in der Kirche, bei öffentlichen Festen, in den Schenken, sich Unbekannten verständlich machten, und das Signal, welches da von der Estrade kam, war eine starke Ermunterung.

Vielleicht hatte die alte Marquesa inzwischen weitergesprochen, vielleicht hatte er geantwortet. Er wußte es nicht. Jetzt jedenfalls verließ er sie brüsk, unmanierlich, und ging durch den Saal der Estrade zu.

Gedämpfte Stimmen waren überall, Lachen, Klirren von Tellern und Gläsern. Durch das leise Gelärm indes kam von der Estrade her eine Stimme, etwas hart, doch keineswegs schrill, eine sehr junge Stimme, ihre Stimme. »War sie nicht ein wenig dumm, Marie-Antoinette, alles in allem?« fragte die Alba, und da sie offenbar wahrnahm, wie diese dreisten Worte befremdeten, erläuterte sie mit freundlichem Spott: »Ich meine natürlich die Antoinette in dem Stück Monsieur Berthelins.«

Nun war er auf der Estrade. »Wie hat Ihnen unser Stück gefallen, Señor de Goya?« fragte sie. Er antwortete nicht. Er stand da und schaute sie an, unbekümmert. Er war nicht mehr jung, fünfundvierzig Jahre alt war er, und er war nicht schön. Das runde Gesicht mit der flachen, fleischigen Nase, den tiefliegenden Augen und der üppigen, vorspringenden Unterlippe war sonderbar bekränzt von dem vollen, modisch gepuderten Haar, sein Körper, prall in dem eleganten Rock, war dicklich. Der ganze Mann mit seinem Löwengesicht wirkte gerade durch seine Gepflegtheit ungeschlacht, ein Bauer in übermodischer Hoftracht.

Er wußte nicht, ob er schließlich doch geantwortet hatte, wußte nicht, ob andere gesprochen hatten. Aber jetzt kam die bestürzende Stimme von neuem aus dem bräunlichweißen, hochmütigen, launischen Gesicht. »Gefallen Ihnen meine Spitzen?« fragte sie. »Der Feldmarschall Alba hat sie erbeutet, vor dreihundert Jahren in Flandern oder in Portugal, ich weiß nicht mehr.« Goya antwortete nicht. »Was entdecken Sie sonst an mir?« fuhr sie fort. »Sie haben mich gemalt, Sie sollten mich kennen.« – »Das Porträt ist nichts geworden«, brach es aus ihm heraus, seine Stimme, klingend sonst und schmiegsam, war heiser und ungebärdig laut. »Auch die Gesichter auf den Gobelins sind nichts als Spielerei. Ich möchte es nochmals versuchen, Doña Cayetana.«

Sie sagte nicht ja, nicht nein. Sie schaute ihn an, das mattleuchtende Gesicht unbewegt, aber die dunkeln, metallischen Augen voll und dringlich auf ihm. Drei Augenblicke lang schaute sie ihn so an, und für die Ewigkeit dieser drei Augenblicke waren sie allein in dem menschenvollen Raum.

Unvermittelt aber brach sie die zauberische Gemeinsamkeit. Beiläufig meinte sie, für die nächste Zeit werde sie für Sitzungen leider keine Zeit haben; sie sei beschäftigt mit dem Bau und der Einrichtung eines Landhauses in Moncloa. Von diesem Projekt sprach man viel in Madrid; die Herzogin, wetteifernd mit der toten Königin von Frankreich, wollte sich ihr Trianon bauen, ein kleines Schloß, gelegentlich dort ein paar Tage allein zu verbringen, nicht mit den Freunden der Familie, sondern mit ihren eigenen.

Sogleich indes nahm sie den früheren Ton wieder auf. »Wollen Sie mir in der Zwischenzeit etwas anderes malen, Don Francisco?« fragte sie. »Einen Fächer vielleicht? Wollen Sie mir ›El Abate y la Maja‹ malen?« Es war aber »El Fraile y la Maja«, »Der Mönch und das Mädchen«, ein Zwischenspiel von Ramón de la Cruz, eine gewagte kleine Komödie, die, für die öffentliche Aufführung verboten, in einer heimlichen Liebhabervorstellung gespielt worden war.

Die Herzogin von Alba bat den Hofmaler Francisco de Goya, ihr einen Fächer zu malen. Daran war nichts Ungewöhnliches, oft ließ sich eine Dame einen Fächer malen, Doña Isabel de Farnesio war berühmt für ihre Sammlung von mehr als tausend Fächern. Nichts Auffallendes geschah auf der Estrade. Trotzdem war denen ringsum, als wohnten sie einem vermessenen, unerlaubten Schauspiel bei.

Armer Don Francisco, dachte unten im Saal die alte Marquesa, vor ihrem innern Aug stand ein Bild des Rubens, das sie soeben in der Galerie gesehen hatte, der Herkules, den Omphale spinnen macht. Die alte Dame hielt auf Manieren, doch sie nahm es dem Maler, dem einzigen Bürgerlichen übrigens in dieser Gesellschaft von Granden, nicht übel, daß er sie so unerzogen hatte stehenlassen. Auch nahm sie es der Frau ihres Sohnes nur wenig übel, daß sie sich auf so bedenkliche, ja schamlose Art vergnügte. Sie verstand Doña Cayetana, sie hatte selber viel erlebt, sie liebte das Leben. Ihr Sohn, der schwach und zart war, brauchte starken Zustrom, das dünne Rinnsal des eigenen Lebens zu speisen, es war gut für ihn, daß er diese Frau zur Seite hatte, man mußte der Frau vieles nachsehen. Die großen Häuser Spaniens verdämmerten, die Männer wurden immer feiner und schwächer, und was noch an Kraft da war, das war in den Frauen, in dieser zum Beispiel, der Frau ihres lieben Sohnes, die da oben so frech und anmutig mit dem Maler spielte, einem der wenigen Männer des Landes.

Der Herzog von Alba selber, mit seinen großen, nachdenklichen Augen, verfolgte das Spiel, welches seine Frau mit dem Maler trieb. Da saß er, Don José Alvarez de Toledo, Dreizehnter Herzog von Berwick und Alba, Elfter Marqués de Villabranca und Inhaber vieler anderer Titel; unter den hundertneunzehn Granden des Königreichs waren nur zwei ihm gleich an Rang, er war gesegnet mit allen Glücksgütern dieser Welt. Da saß er, schmächtig, vornehm, sehr elegant, und es verlangte ihn nicht, einzugreifen in die Geschicke dieser Welt, wozu ihm seine Abkunft und der erworbene Name das Recht gegeben hätten, der große, stolze, finstere Name Alba, heute noch gefürchtet in Flandern. Vielmehr war dieser Alba müde der Hoheit und des vielen Denkens über die komplizierten Dinge des Lebens, es lüstete ihn nicht, einem andern was vorzuschreiben oder zu verbieten. Wahrhaft froh fühlte er sich nur, wenn er Musik hörte oder selber Musik machte. Ging es um Musik, dann fühlte er Kraft in sich, und er hatte sich kühn gegen den König gestellt, als dieser sich weigerte, die Oper im Coliseo del Príncipe weiter zu subventionieren; herausfordernd hatte er damals selber den Unterhalt der Oper auf sich genommen, bis es ihm der König verbot. Nun also schaute er auf seine schöne Herzogin, wie sie den Köder nach dem Maler auswarf. Er war sich bewußt, daß seine Kraft gering war, er begriff, daß sich Cayetana angezogen fühlte von Don Francisco, der ein Künstler war und ein Mann. Sie war ihm zugetan, seine Herzogin, doch er spürte gut, daß diese Zuneigung nicht frei von Mitleid war, niemals hatte sie ihm einen Blick gegeben wie den, mit dem sie Don Francisco angeschaut hatte. Eine leise Traurigkeit war in ihm. Wenn er allein ist, wird er zu seiner Violine greifen und sich mit Haydn oder Boccherini das »Martyrium der Marie-Antoinette« und was darauf folgte von der Seele waschen. Er fühlte auf sich den zärtlich besorgten Blick seiner Mutter; mit einem fast unmerklichen Lächeln wandte er ihr den Kopf zu. Sie verstanden sich ohne Worte, sie wußte, er gönnte der Frau auf der Estrade ihr Spiel.

Goya, auf der Estrade, nahm wahr, daß sich die Frau nicht mehr mit ihm befaßte, und wußte, daß sie ihn an diesem Abend nicht mehr ansehen würde. Er ging, unziemlich früh.

Draußen empfing ihn unwirtliches Wetter, eine jener unangenehmen Madrider Januarnächte, voll von Wind und Schauern schneevermischten Regens. Sein Wagen wartete, mit livrierten Bedienten, das gehörte sich so für den Maler des Hofes, wenn er bei der Herzogin von Alba eingeladen war. Aber zur Verwunderung seiner Leute schickte er den Wagen fort. Er zog es vor, zu Fuß nach Haus zu laufen, und achtete, der sparsame Mann, nicht darauf, daß sein hoher Seidenhut und seine Schuhe Schaden leiden mochten.

Wild, verlockend, herausfordernd und furchterregend stand die nächste Zukunft vor ihm. Vor zwei Tagen erst hatte er seinem Freunde Martín Zapater nach Saragossa geschrieben, wie gut geregelt jetzt endlich seine Dinge seien, und das war die Wahrheit gewesen. Es gab keinen Zank mehr mit seiner Frau Josefa; er hatte Freude an seinen Kindern; von den vielen Kindern, die sie ihm geboren hatte, waren freilich nur drei am Leben geblieben, aber es waren nette, gesunde Kinder. Der Bruder seiner Frau, der unleidliche Bayeu, Erster Maler des Königs, redete ihm nicht mehr ein in seine Kunst und seine Lebensführung, sie hatten sich versöhnt, übrigens litt Bayeu schwer am Magen und wird es nicht mehr lange machen. Auch setzten ihm, Francisco, seine Angelegenheiten mit Frauen nicht mehr so heftig zu wie früher; Pepa Tudó, mit der er es jetzt schon seit acht Monaten hielt, war vernünftig. Den schweren Krankheitsanfall, der ihn vor einem Jahr heimgesucht, hatte er überwunden, und er war schwerhörig nur dann, wenn er’s sein wollte. Auch um seine Finanzen stand es nicht schlecht. Die Majestäten zeigten ihm bei jeder Gelegenheit, wie sehr sie ihn schätzten, so tat Don Manuel, der Herzog von Alcudia, der Favorit der Königin, und alles, was in Madrid Namen und Geld hatte, drängte sich, von ihm porträtiert zu werden. »Komm bald, Martín meines Herzens«, hatte er seinen Brief geschlossen, »und schau Dir an, wie zufrieden lebt Dein wohlbestellter ewiger Freund, Dein kleiner Francho, Francisco de Goya y Lucientes, Mitglied der Akademie und Maler des Hofes.« Oben und unten aber hatte er den Brief mit einem Kreuz versehen, auf daß sein Glück daure, und in einer Nachschrift hatte er den Freund aufgefordert, der Jungfrau del Pilar zwei vielpfündige Kerzen zu stiften, daß sie ihm sein Glück erhalte.

Aber Kreuze und Kerzen halfen nicht, und was vor zwei Tagen wahr gewesen, war es heute nicht mehr. Die Frau auf der Estrade hatte alles umgeworfen. Es war Seligkeit gewesen, die großen, metallischen Augen aus dem launischen, hochmütigen Gesicht auf sich zu spüren; neues Leben hatte ihn überschwemmt. Aber er wußte: was gut ist, will bezahlt sein, so besser es ist, so höher. Er wußte, er werde um die Frau kämpfen und leiden müssen, denn man war umgeben von bösen Geistern, immerfort, und wenn man nicht achtgab und sich seinem Gewünsche und Geträume ohne Vorsicht überließ, dann fielen die Ungeheuer einen an.

Er hatte schlecht gesehen. Er hatte eine launische Puppe aus der Frau gemacht. Das war sie, unter anderm; aber das andere, das dahinter, hatte er nicht gesehen. Dabei war er damals schon kein schlechter Maler gewesen, ein besserer jedenfalls als alle andern, auch als die beiden, die ihm bei Hofe voranstanden, Bayeu und Maella. Die mochten mehr gelernt haben bei ihrem Mengs und in ihrem Winckelmann, aber er hatte das bessere Aug und zu Lehrern den Velázquez und die Natur. Und trotzdem war er ein Stümper gewesen. Er hatte nur das Klare der Menschen gesehen, das Deutliche, aber das Vielerlei, das Verworrene, das in jedem Menschen ist, das Gefährliche, das hatte er nicht gesehen. In Wahrheit zu malen angefangen hatte er erst in den letzten Jahren, eigentlich erst seit wenigen Monaten, seit seiner Krankheit. Älter als vierzig hatte er werden müssen, ehe er auch nur zu begreifen begann, was Malen heißt. Aber nun hatte er’s begriffen, nun arbeitete er, jeden Tag viele Stunden. Und da mußte ihm diese Frau dazwischenkommen. Sie war eine großartige Frau, und es wird ein großartiges Erlebnis sein, und sie wird ihm viel zu schaffen machen, und sie wird ihm die Zeit und den Geist für die Arbeit wegstehlen, und er verwünschte sich und sie und das Schicksal, weil er sie so hoch wird bezahlen müssen.

Ein kleines Klingeln kam durch den Schnee, und dann sah er, wie sich ein Priester und ein Chorknabe mit dem Allerheiligsten durch das Wetter arbeiteten, offenbar auf dem Wege zu einem Sterbenden. Leise fluchend zog er sein Taschentuch heraus, breitete es in den Matsch und kniete nieder, wie es der Brauch, die Inquisition und sein Herz verlangten.

Es war ein schlechtes Vorzeichen, daß er der Monstranz auf dem Weg zu einem Sterbenden begegnete. Es wird nicht gut ausgehen mit der Frau. Lieber einem neunjährigen Stier in einer Sackgasse in den Weg laufen, murrte er in seinem Innern, als einer Frau, wenn dein Herz geil ist. Er war aus dem Volk, und sein Inneres war voll von den alten Sprüchen des Volkes.

Er schnaufte unwillig durch die Nase, während er sich durch das Wetter weiterarbeitete, die Hausmauern entlang; denn die Mitte der Straße war knöchelhoher Matsch. Nichts als Ärger hatte man. Unvermittelt dachte er an Monsieur de Havré, den französischen Gesandten. Er hatte sein Porträt gemalt, und der Franzose hatte nicht bezahlt. Nachdem er die Rechnung ein drittes Mal geschickt, hatte man ihm überdies bei Hofe bedeutet, man sähe es nicht gern, wenn der französische Herr weiter behelligt werde. Francisco hatte Aufträge, so viele er wollte, doch wenn es galt, Zahlung zu erhalten, gab es oft Schwierigkeiten. Dabei mehrten sich die Ausgaben. Der Wagen und die Pferde waren kostspielig, die Bedienten waren unverschämt und verlangten immer mehr, auch stahlen sie, aber man konnte nichts machen, ein Hofmaler konnte sich nicht lumpen lassen. Wenn sein seliger Vater wüßte, daß er, der kleine Francho, in zwei Tagen ausgibt, was die ganze Familie Goya in Fuendetodos in einem Jahr verbraucht hat, in seinem Grabe drehte er sich um. Aber war es nicht herrlich, daß er, Francisco, so viel ausgeben konnte? Und ein Schmunzeln ging über sein Gesicht.

Er war vor seinem Hause; der Sereno, der Blockwächter, sperrte ihm das Tor auf. Goya stieg hinauf, warf die nassen Kleider ab, legte sich zu Bett. Allein er konnte nicht schlafen. Im Schlafrock ging er in sein Atelier. Es war kalt. Auf leisen Sohlen schlich er über den Korridor. Aus dem Türspalt des Bedienten Andreo kam Licht. Goya klopfte; wenn der Bursche schon seine fünfzehn Realen bekam, sollte er wenigstens Feuer anmachen. Unwillig tat der halbangezogene Mensch, wie ihm geheißen.

Goya saß nieder und schaute ins Feuer. Schatten kletterten die Wand hinauf, hinunter, fratzenhaft, unheimlich anziehend, bedrohlich. Ein Gobelin hing an der einen Wand, darstellend eine Prozession, das züngelnde Licht riß Teile heraus, den riesigen Heiligen, der auf einem Podium getragen wurde, Gesichter der wilden, inbrünstigen Menge. Der kinnbärtige Kardinal, der, von Velázquez gemalt, aus finstern, etwas gelangweilten Augen von der andern Wand schaute, wurde gespenstisch in dem Geflacker, und selbst die uralte, bräunlichschwarze Holzfigur der Jungfrau, die eckig anmutige Virgen de Atocha, Franciscos Schutzheilige, wurde spöttisch und bedrohlich.

Goya stand auf, räkelte sich, riß sich mit kräftiger Schulterbewegung aus dem Geträume. Lief auf und ab. Nahm Streusand, schüttete ihn über den Tisch.

In den Sand zu zeichnen hub er

An. Es wurde eine nackte

Frau; sie hockte auf dem Boden,

Mit gekreuzten Beinen, lässig.

In den Sand zurück verwischte

Goya sie und machte eine

Zweite, nackt auch sie und tanzend.

In den Sand zurück auch diese

Wischte Goya, machte eine

Dritte. Aufrecht ging sie, stolzen

Ganges, auf dem Kopfe trug sie

Einen Krug. Auch diese mußte

In den Sand zurück. Er griff zum

Stifte. Zeichnete die vierte.

Einen hohen Kamm trug diese,

Und vom Kamm die schwarzen Spitzen

Der Mantilla fielen über

Ihre weiße Nacktheit. Seufzend,

Hilflos zornig, durch die Nase

Schnaubend, sah Francisco Goya

Auf die Zeichnung und zerriß sie.

3

Er arbeitete. Von der Leinwand schaute eine Dame, sehr hübsch, das längliche Gesicht leicht maskenhaft und spöttisch, die Augen weit auseinanderstehend unter hohen Brauen, den breiten Mund mit schmaler Ober- und starker Unterlippe geschlossen. Dreimal bereits war ihm die Dame gesessen. Außerdem hatte er verschiedene Skizzen von ihr gemacht. Jetzt arbeitete er an der Vollendung des Bildes. Er war seines Handwerks sicher und ein rascher Arbeiter. An diesem Porträt werkelte er schon die vierte Woche, und es wollte und wollte nicht glücken.

Dabei war alles »richtig«. Dies war die Dame, die er darstellen wollte, er kannte sie genau und seit langem, er hatte sie mehrmals gemalt, sie war die Frau seines Freundes Miguel Bermúdez. Alles war da, das Verschwiegene, Spöttische, tief Verschmitzte, welches sie hinter ihrer damenhaften Maske versteckte. Aber ein Winziges fehlte, und dieses Winzige war für ihn das Entscheidende. Er hatte sie gesehen bei einer Gesellschaft Don Manuels, des Herzogs von Alcudia, des allmächtigen Günstlings, dessen vertrauter Sekretär Miguel Bermúdez war, sie hatte ein hellgelbes Kleid getragen, weißes Spitzengewebe darüber: und da auf einmal hatte er sie ganz gesehen, das Verschwebende, Verwirrende, das Abgründige, worauf es ankam. Es war ein gewisser silbriger Ton über ihrer Erscheinung gewesen, ganz genau hatte er damals beim Anblick dieser Doña Lucía Bermúdez in dem hellgelben Kleid mit dem weißen Spitzengewebe erkannt, was er machen wollte, machen mußte. Nun quälte er sich damit ab, und es war alles da, das Gesicht und das Fleisch und die Haltung und das Kleid und der helle, graue Hintergrund, der bestimmt richtig war. Und doch war nichts da: die Tönung war nicht da, auf die es ankam, und was fehlte, war ein Winziges, und was fehlte, war alles.

In seinem Heimlichsten wußte er, warum das Bild nicht geriet. Mehr als zwei Wochen waren jetzt vergangen seit dem Theaterabend im Palais Alba, und er hatte von der Frau auf der Estrade nichts gehört. Er war erbittert. Wenn die Frau nicht kam, warum nicht wenigstens rief sie ihn und verlangte den Fächer? Gewiß, sie war beschäftigt mit ihrem frechen, lächerlichen Schloß in Moncloa. Auch hätte er ja wohl ungerufen zu ihr gehen und ihr den Fächer bringen können. Allein das litt sein Stolz nicht. Die Frau mußte ihn rufen. Die Frau wird ihn rufen. Ein Vorgang wie der auf der Estrade konnte doch nicht einfach weggewischt werden wie die Figuren, die er in den Sand zu zeichnen pflegte.

Francisco war nicht allein im Atelier. Wie beinahe immer war sein Schüler und Mitarbeiter Agustín Esteve da; der Raum war groß genug, daß man einander nicht störte.

Heute malte Don Agustín an einem Reiterbild des Generals Ricardos. Das kalte, grämliche Gesicht des alten Generals hatte Goya gemalt, das Pferd und die zahllosen Einzelheiten der Uniform und der Medaillen, auf deren genaue Wiedergabe der General Gewicht legte, überließ er seinem gewissenhaften Agustín. Agustín Esteve, ein hagerer Mensch Anfang der Dreißig, hügeliger Kopf, hohe, gebuckelte Stirn unter zurückweichendem Haar, hohle Wangen, dünne Lippen, das ganze Gesicht länglich, ziemlich spitz zulaufend, war nicht redselig; Francisco indes, mitteilsam von Natur, liebte es, auch während der Arbeit zu schwatzen. Heute aber war auch er schweigsam. Gegen seine Gewohnheit hatte er von dem Abend bei der Alba nicht einmal seinen Nächsten erzählt.

Agustín, auf seine leise Art, trat hinter Goya und beschaute die silbriggraue Leinwand mit der silbriggrauen Frau. Er lebte nun sieben Jahre bei Goya, sie waren beinahe den ganzen Tag zusammen. Don Agustín Esteve war kein großer Maler und war sich dessen schmerzhaft deutlich bewußt. Aber er verstand viel vom Malen, und da war kein zweiter, der so genau gewußt hätte, was stark an Francisco war und was läppisch. Goya brauchte ihn, sein mürrisches Lob, seinen mürrischen Tadel, seine stummen Vorwürfe. Goya brauchte Kritik, er begehrte dagegen auf, er verhöhnte und beschimpfte den Kritiker, er bewarf ihn mit Schmutz, aber er brauchte ihn, seine Bestätigung und seine Verneinung. Er brauchte seinen schweigsamen, immer verdrossenen, tief verständigen, viel wissenden, kennerischen, hageren Agustín, der herumging wie die sieben mageren Kühe, er beschimpfte ihn wüst, wünschte ihn zum Teufel, liebte ihn. Er konnte ohne ihn nicht auskommen, sowenig wie Agustín ohne seinen großen, kindischen, bewunderten, unerträglichen Freund.

Agustín schaute lange auf das Bild. Auch er kannte die Dame, die da so spöttisch von der Leinwand auf ihn schaute, er kannte sie sehr gut, er liebte sie. Er hatte kein Glück bei Frauen, und er wußte, wie wenig reizvoll er war. Doña Lucía Bermúdez war bekannt als eine der wenigen Frauen von Madrid, die neben ihrem Manne keinen Cortejo hatte, keinen erklärten Liebhaber. Francisco, dem, wenn er’s nur darauf anlegte, jede Frau zufiel, hätte sicher ihr Cortejo werden können. Daß er’s offenbar nicht wollte, befriedigte Agustín, doch kränkte es ihn auch. Er war bei alledem Kenner genug, das Bild nur auf seinen künstlerischen Wert hin anzuschauen. Er sah, daß es gut war, und daß gerade das, was Francisco anstrebte, nicht erreicht war. Er bedauerte das und freute sich, ging zurück zu seiner großen Leinwand und arbeitete schweigend weiter am Hinterteil seines Generalspferdes.

Goya war es gewohnt, daß Agustín hinter ihm stand und auf seine Leinwand schaute. Das Porträt der Doña Lucía war nicht geglückt, immerhin war, was er da machte, neu und verwegen, und er hatte auf Agustíns Urteil gespannt gewartet. Nun dieser wiederum stumm vor seinem berittenen General saß, stieg Wut in Goya hoch. Wie frech er war, dieser verkrachte Student, der sich hatte nähren müssen von Bettelsuppen an Freitischen. Wo wäre der Jämmerling hingekommen, wenn sich er, Francisco, seiner nicht angenommen hätte? Der Kastrat, der alle Frauen anschmachtete und sich nichts traute und nichts erreichte. Und so einer wagte es, sich wortlos von seinem Bilde abzukehren. Aber er hielt an sich. Tat, als habe er nicht gemerkt, daß sich der andere das Bild angeschaut hatte. Arbeitete weiter.

Zwei Minuten hielt er’s aus, dann, grimmig, gefährlich sanft, sagte er über die Achsel: »Was hast du zu äußern beliebt? Du weißt doch, daß es heute um meine Ohren wieder schlechter steht. Du hättest ruhig deine faulen Lippen ein wenig weiter aufmachen können.« Don Agustín erwiderte sehr laut und sehr trocken: »Ich habe nichts gesagt.« – »Wenn man von dir was hören will«, schimpfte Francisco, »dann spielst du Salzsäule, und wenn du nicht gefragt bist, dann geht es wie ein Wasserfall.« Agustín erwiderte nichts. Goya aber, böse, fuhr fort: »Ich habe dem General Ricardos versprochen, den Schinken noch diese Woche abzuliefern. Wann endlich wirst du mit deinem Pferd fertig?« – »Noch heute«, antwortete trocken Agustín. »Aber dann werden Sie finden, daß Sie an der Seele des Generals noch eine ganze Menge zu arbeiten haben.« – »Es ist deine Schuld«, empörte sich Goya, »wenn ich nicht rechtzeitig abliefern kann. Ich hatte geglaubt«, höhnte er, »so viel Handwerk wenigstens hättest du dir zugelegt, daß du nicht eine ganze Woche auf einen Pferdearsch verwenden mußt.«

Agustín nahm dem Freunde die Grobheit nicht übel. Was Francisco sagte, zählte nicht; es zählte nur, was er malte. Ins Bild malte er seine Empfindungen und Ansichten treu und wahr bis an die Grenze der Karikatur. Und die Bilder, die Francisco von ihm, Agustín, gemalt hatte, trugen nicht nur die Inschrift: »Dem Don Agustín Esteve sein Freund Goya«, sie waren in Wahrheit das Werk eines Freundes.

Goya machte sich wieder an das Porträt, und wieder arbeiteten beide eine Weile schweigend. Dann klopfte es an die Tür, und herein kam ein unangemeldeter Gast, Don Diego, der Abate.

Goya störte es nicht, wenn man ihm bei der Arbeit zuschaute; er war diszipliniert und verhöhnte jene Maler, die, wie Antonio Carnicero, der Nichtskönner, viel von Stimmung redeten. Franciscos Freunde und seine Kinder mochten jederzeit ins Atelier kommen, Fragen an ihn richten und nach Belieben schwatzen, während er malte. Versperrt war sein Atelier erst nach der sehr frühen Abendmahlzeit; dann ließ er nur zu, wen er sich selber aussuchte, einen Freund oder eine Freundin, oder er blieb auch allein.

Er war also nicht eben ungehalten, als der Abate kam, beinahe war er ihm heute willkommen. Er spürte, er werde das, was ihm vorschwebte, heute doch nicht »sehen«, es gehörte zu dem wenigen, was sich durch Arbeit nicht erzwingen ließ, worauf man zu warten hatte.

Müßig schaute er zu, wie der Abate im Atelier herumging. Der schwere Herr saß niemals still, auffallend leichten Schrittes ging er durchs Zimmer; er hatte, Don Diego, eine selbstverständliche Art, wo immer er war, alles zu untersuchen, es in die Hand zu nehmen, wieder hinzulegen, Bücher, Schriftstücke, Gegenstände jeder Art. Goya, der Menschen schnell durchschaute, kannte den Abate seit langem, aber er war sich über sein Wesen nie klargeworden, ihm war, als trüge der sehr intelligente Mann ständig eine kunstvolle Maske. Unter der hohen, schönen Stirn Don Diegos schauten kluge, lustige Augen, darunter war eine flache, gerade Nase; voll, überaus breit, genießerisch streckte sich der Mund. Das ganze Gesicht saß blaß, jovial, gescheit und sehr unpassend über der schwarzen geistlichen Gewandung. Der Abate war eher ungeschlacht, doch war alles an ihm gepflegt, und er vermochte selbst die geistliche Gewandung elegant zu machen; kostbare Spitzen schauten aus der schweren, schwarzen Seide, steinbesetzt glänzten die Schnallen der Schuhe.

In dem großen Atelier umherwandernd, erzählte der Abate allerlei Klatsch, freundlich ironisch, manchmal auch scharf, niemals langweilig. Er war gut informiert, er war bei den Herren der Inquisition ebenso zu Hause wie in den Kreisen der Freigeister.

Francisco zollte ihm wenig Aufmerksamkeit. Da aber hörte er ihn sagen: »Als ich heute beim Lever Doña Cayetanas war, –« Er zuckte hoch in jäher Erregung. Doch was war das? Er sah den Abate die Lippen bewegen, aber er hörte kein Wort. Ungeheurer Schreck faßte ihn. War jene Krankheit zurückgekommen, die er für immer überwunden glaubte? War er taub? Er schickte einen Blick des Grauens und der Hilflosigkeit hinüber zu dem alten Holzbild der Jungfrau de Atocha. Was die Jungfrau und alle Heiligen verhüten mögen, dachte er, er dachte es mehrere Male, es war alles, was er denken konnte.

Als er wieder hörte, erzählte der Abate von dem Doktor Joaquín Peral, der offenbar auch bei dem Lever der Alba gewesen war. Doktor Peral war erst vor kurzem aus dem Ausland zurückgekehrt und über Nacht der Wunderarzt der Madrider Gesellschaft geworden; es hieß, er habe den Grafen Espaja vom Tode auferstehen machen. Überdies, erzählte der Abate, sei der Doktor beschlagen in allen Künsten und Wissenschaften und ein ausgezeichneter Gesellschafter, man reiße sich um ihn. Allein er sei verwöhnt und mache sich kostbar. Der Herzogin von Alba freilich warte er täglich auf, und sie schätze ihn außerordentlich.

Francisco bemühte sich, den Atem ruhig zu halten. Hoffentlich hatten Agustín und dieser Don Diego nichts von seinem Anfall bemerkt; sie waren luchsäugig, beide. »Mir hat noch keiner geholfen«, sagte er grimmig, »von diesen Bartkratzern und Aderlassern.« Es war aber noch nicht lange her, daß sich die Ärzte aus der Innung der Barbiere hatten aussondern dürfen. Der Abate lächelte. »Ich glaube, Don Francisco«, sagte er, »dem Doktor Peral tun Sie unrecht. Er versteht sein Latein und seine Anatomie. Von seinem Latein kann ich es mit Sicherheit sagen.«

Dann aber verstummte er für eine kleine Weile. Er stand im Rücken Goyas und schaute auf das Porträt, an dem dieser arbeitete. Agustín beobachtete ihn scharf. Der Abate gehörte zu dem Freundeskreise der Bermúdez, und Agustín glaubte wahrgenommen zu haben, daß die Aufmerksamkeiten, die er der schönen Lucía sagte und erwies, zuweilen mehr waren als die üblichen Galanterien eines mondänen Abate.

Jetzt also stand Don Diego vor dem Bilde Doña Lucías, und Agustín wartete gespannt auf das, was er sagen werde. Doch der sonst so beredte Herr äußerte sich nicht.

Vielmehr erzählte er weiter von Doktor Peral, dem großen Arzt. Der habe aus dem Ausland herrliche Gemälde mitgebracht, sie seien aber noch nicht ausgepackt, Doktor Peral suche ein Haus für seine Sammlung. Vorläufig habe er sich einen wunderbaren Wagen angeschafft, einen schöneren sogar, als Don Francisco ihn fahre. Die Karosserie sei in englischem Stil gehalten, vergoldet, den Bildschmuck habe Carnicero entworfen, der übrigens auch Doña Cayetanas Lever beigewohnt habe. »Auch er?« konnte sich Goya nicht enthalten auszurufen. Er befahl sich, ruhig zu bleiben, sich keine neue Welle der Wut und der Taubheit zu gestatten. Es gelang ihm, doch mit Mühe. Er sah sie alle, mit seinen Maleraugen sah er sie, den Abate, den Bartkratzer und den Carnicero, den Kleckser, den Pfuscher, der sich den Titel eines Hofmalers erschlichen hatte, wie sie herumsaßen, die drei Widerwärtigen, während man die Frau anzog und frisierte. Er sah sie schwatzen, sah ihre gespreizten Gesten, sah sie sich weiden am Anblick der Frau, und er sah die Frau ihnen zulächeln, hochmütig und trotzdem ermunternd.