Lion Feuchtwanger

Erfolg

Drei Jahre Geschichte
einer Provinz

Roman

Bild

Impressum

Mit einer Nachbemerkung von Gisela Lüttig

Textgrundlage:

Lion Feuchtwanger, Gesammelte Werke in Einzelbänden,

Band 6, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1993

Die „Wartesaal“-Trilogie umfasst die Romane

Erfolg

Die Geschwister Oppermann

Exil

ISBN 978-3-8412-0616-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1948 erschienen; Aufbau ist eine

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Inhaltsübersicht

Erstes Buch - Justiz

1. Josef und seine Brüder

2. Zwei Minister

3. Der Chauffeur Ratzenberger und die bayrische Kunst

4. Kurzer Rückblick auf die Justiz jener Jahre

5. Herr Hessreiter demonstriert

6. Das Haus Katharinenstraße 94 sagt aus

7. Der Mann in Zelle 134

8. Rechtsanwalt Dr. Geyer stellt anheim

9. Politiker der bayrischen Hochebene

10. Der Maler Alonso Cano (1601–1667)

11. Der Justizminister fährt durch sein Land

12. Briefe aus dem Grab

13. Eine Stimme aus dem Grab und viele Ohren

14. Die Zeugin Krain und ihr Gedächtnis

15. Herr Hessreiter diniert am Starnberger See

16. Ein Schlafzimmer wird berochen

17. Ein Brief aus Zelle 134

18. Gnadengesuche

19. Ein Plädoyer und eine Stimme aus der Luft

20. Ein paar Rowdys und ein Herr

Zweites Buch - Betrieb

1. Ein Waggon der Untergrundbahn

2. Einige abwegige Bemerkungen über Gerechtigkeit

3. Besuch im Zuchthaus

4. Der Fünfte Evangelist

5. Fundamentum regnorum

6. Eine Legitimation muß sein

7. Herr Hessreiter diniert in München

8. Randbemerkungen zum Fall Krüger

9. Ein graubrauner Bräutigam

10. Ein Brief im Schnee

11. Die Puderdose

12. Tamerlans lebendige Mauer

13. Tod und Verklärung des Chauffeurs Ratzenberger

14. Einige historische Daten

15. Der Komiker Hierl und sein Volk

16. Die Hochzeit von Odelsberg

17. Der Reliquienschrein des Cajetan Lechner

18. Eine keramische Fabrik

19. David spielt vor König Saul

20. Und dennoch: es ist nichts faul im Staate Bayern

21. Die Funktion des Schriftstellers

22. Der Chauffeur Ratzenberger im Fegefeuer

23. Die Nachtwandler

Drittes Buch - Spaß. Sport. Spiel

1. Stierkampf

2. Ein Bayer in Paris

3. Kasperl im Klassenkampf

4. Projekt einer Katzenfarm

5. Klenk ist Klenk und schreibt sich Klenk

6. Hundemasken

7. Sechs Bäume werden ein Garten

8. Von der Würde

9. Einhundertfünfzig Fleischpuppen und ein Mensch

10. Bayrische Lebensläufe

11. Sieht so ein Mörder aus?

12. Ein König im Herzen seines Volkes

13. Bayrische Patienten

14. Johanna Krain zieht sich für ein Fest an

15. Das Apostelspiel in Oberfernbach

16. Kasperl und der Torero

17. Konsultation in Gegenwart eines Unsichtbaren

18. Für einen jeden sein Spinnerts

19. Der Mann am Schalthebel

20. Von der Demut

21. Herr Hessreiter diniert in Berlin

22. Johanna Krain lacht ohne Grund

23. Vorkriegsvater und Nachkriegssohn

24. Johanna Krain badet in dem Fluß Isar

25. Die Bilder des Erfinders Brendel-Landholzer

26. Vom Glück der Unpersönlichkeit

Viertes Buch - Politik und Wirtschaft

1. Panzerkreuzer Orlow

2. Der Steinbock

3. Leben auf dem Lande

4. Das Land Altbayern

5. Von den sieben Stufen menschlicher Freude

6. Der Dollar schaut ins Land

7. Guten Abend, Ratte

8. Noch vor der Baumblüte

9. Aus der Geschichte der Stadt München

10. Die Tarnkappe

11. Der nordische Gedanke

12. Gescheit oder dumm: meine Heimatstadt

13. Der Handschuh

14. Bevölkerungspolitik

15. Gedenket des Bäckergesellen

16. Von der Fairneß

17. Kaspar Pröckl verbrennt Das Bescheidene Tier

18. Einer klettert am Gitter seines Käfigs

19. Der unsichtbare Käfig

20. Der Fluß Ruhr

21. Herr Hessreiter diniert zwischen Vlissingen und Harwich

22. Charakterköpfe

23. Caliban

24. Ein Brief in der Nacht

25. C + M + B

26. Johanna Krain und ihre Maske

27. Rechtsanwalt Geyer schreit

28. Zeichen am Himmel

29. Die Baumblüte

30. Franz Flauchers gewünschte Stunde

31. Ein Silberstreif

32. De profundis

Fünftes Buch - Erfolg

1. Polfahrt

2. Die Toten sollen das Maul halten

3. Deutsche Psychologie

4. Opus ultimum

5. Der Marschall und sein Trommler

6. Coriolan

7. Nordische List gegen nordische List

8. Cajetan Lechners rauhester Tag

9. Zufall und Notwendigkeit

10. Eine Wette kurz vor dem Morgen

11. Wie das Gras verwelkt

12. Der wasserlassende Stier

13. Johanna Krains Museum

14. Herr Hessreiter diniert im Juchhe

15. Kaspar Pröckl verschwindet gegen Osten

16. Die Familie Lechner kommt hoch

17. Seid ihr noch alle da?

18. Jacques Tüverlin erhält einen Auftrag

19. Die Welt erklären heißt die Welt verändern

20. Otto Klenks Erinnerungen

21. Die Tante Ametsrieder greift ein

22. Das Buch Bayern

23. Ich hab’s gesehen

Information

Zu diesem Band

Erstes Buch
Justiz

1
Josef und seine Brüder

In der staatlichen Sammlung moderner Meister in München hing im ersten Jahr nach dem Krieg mehrere Monate hindurch im Saal VI ein großes Gemälde, vor dem sich oft Leute ansammelten. Es stellte dar einen kräftigen Mann in mittleren Jahren, der, ein starkes Lächeln um die festen Lippen, aus langen, tiefliegenden Augen auf eine Schar von Männern schaute, die gekränkt vor ihm standen. Es waren ältere Männer von gehaltenem Aussehen, die Gesichter verschieden: offen, verkniffen, gewalttätig, behaglich. Eines aber hatten alle gemeinsam. Sie standen fest und satt da, bieder, überzeugt von sich und ihrer Sache. Es war offenbar ein übler Mißgriff vorgekommen, so daß sie mit Recht beleidigt, ja erbittert waren. Nur ein ganz junger Mensch unter ihnen, trotzdem ihn die Polizisten im Hintergrund besonders scharf beobachteten, hatte nicht diese gekränkte Miene. Vielmehr schaute er aufmerksam und vertrauend auf den Mann mit den langen Augen, der hier sichtlich als Herr und Richter fungierte.

Die Menschen des Bildes und ihre Erlebnisse muteten bekannt an und fremd zugleich. Ihre Kleider konnten auch heute getragen werden, doch war mit Sorgfalt alles Modische vermieden, so daß man nicht erkannte, welchem Volk und welcher Zeit sie angehörten. Suchte man im Katalog nach dem Bild, so fand man unter Nummer 1437 als den Maler einen Franz Landholzer, als Bezeichnung des Bildes:

Josef und seine Brüder

oder: Gerechtigkeit

(310 x 190)

Von dem Maler Franz Landholzer waren andere Werke nicht bekannt. Der Erwerb des Bildes durch den Staat hatte Lärm gemacht. Der Maler war nicht sichtbar geworden. Er sei ein Sonderling, hieß es, lebe vagabundierend auf dem Land, habe unangenehme, aggressive Manieren.

Die zünftige Kritik hatte mit dem Bild nicht viel anzufangen gewußt. Es war schwer einzuregistrieren. Ein Rest von Dilettantismus, von Nichtroutine war unverkennbar, schien mit Absicht ans Licht gestellt. Die seltsam außermodische, klobige Art der Malerei, trotzdem sie so wenig sensationell war wie der Gegenstand, brachte manchen Kritiker auf. Auch der Untertitel »Gerechtigkeit« wirkte aggressiv. Die konservativen Blätter lehnten ab. Die Neuerer verteidigten das Werk, ohne Schwung.

Ehrliche sprachen aus, daß die fraglos starke Wirkung mit dem üblichen Vokabular der Kunstkritik nicht zu erklären sei. Viele Beschauer kamen immer wieder vor das Bild zurück, viele dachten über den Gegenstand nach, viele schlugen die Bibel auf. Da fanden sie die Geschichte von dem Spaß, den Josef mit seinen Brüdern macht, nachdem sie ihn, weil er ihnen bei ihrem Vater im Wege steht und weil er überhaupt anders ist als sie, verkauft haben, und nachdem er ein großer Herr geworden ist, Ernährungsminister des reichen Landes Ägypten. Sie kommen zu ihm, erkennen ihn nicht und wollen ein Getreidegeschäft mit ihm machen. Er aber läßt den Heimkehrenden einen silbernen Becher in ihr Gepäck hineinpraktizieren und die Unschuldigen wegen Diebstahls verhaften. Worauf sie mit Recht empört sind und beteuern, sie seien anständige Leute.

Diese anständigen Leute also hatte der Maler des Bildes Nummer 1437 gemalt. Sie stehen da. Sie sind erbittert und verlangen ihr Recht. Sie sind gekommen, mit einem hohen Staatsbeamten einen für beide Teile vorteilhaften Abschluß zu tätigen. Nun traut man ihnen zu, sie hätten einen silbernen Becher mitgehen lassen. Sie haben vergessen, daß sie einmal einen gewissen Knaben verkauft haben, der ihr Bruder war; denn das ist lange Jahre her. Sie sind sehr empört, aber sie benehmen sich würdig. Und der Mann lächelt sie an aus seinen langen Augen, und im Hintergrund die Polizisten stehen dienstwillig und etwas stumpf, und das Bild heißt »Gerechtigkeit«.

Übrigens verschwand Nummer 1437 nach einigen Monaten wieder aus der staatlichen Galerie. Ein paar Zeitungen brachten Glossen über dieses Verschwinden, viele Besucher vermißten »Josef und seine Brüder« mit Bedauern. Aber dann verstummten die Zeitungen, allmählich verstummten auch die Fragen der Besucher, und das Bild wurde wie sein Maler vergessen.

2
Zwei Minister

Der Justizminister Dr. Otto Klenk schickte trotz des Regens das wartende Auto nach Hause. Er kam aus dem Abonnementskonzert der musikalischen Akademie, angenehm erregt. Er wird jetzt etwas spazierengehn, später vielleicht noch ein Glas Wein trinken.

Den Lodenmantel, den er liebte, um die Schultern, die Brahmssche Sinfonie noch im Ohr, die Pfeife wie stets im Mund, trottete der kräftige, hochgewachsene Mann behaglich durch den gleichmäßigen Regen der Juninacht. Er bog in den weitläufigen Stadtpark ein, den Englischen Garten. Die alten, großen Bäume trieften, der Rasen roch erquicklich. Es ging sich angenehm in der reinen Luft der bayrischen Hochebene.

Der Justizminister Dr. Klenk nahm den Hut von dem braunroten Schädel. Er hat einen arbeitsvollen Tag hinter sich, aber jetzt hat er etwas Musik gehört. Gute Musik. Die Nörgler mögen sagen, was sie wollen, gute Musik macht man in München. Er hatte seine Pfeife im Mund, eine Nacht ohne Geschäfte vor sich. Er fühlte sich frisch wie auf seiner Jagd im Gebirg.

Eigentlich ging es ihm gut, ausgezeichnet ging es ihm. Er liebte es, Bilanz zu machen, festzustellen, wie es um ihn stand. Er war siebenundvierzig Jahre alt, kein Alter für einen gesunden Mann. Seine Nieren sind nicht ganz in Ordnung, vermutlich wird es einmal sein Nierenleiden sein, an dem er abkratzt. Aber fünfzehn, zwanzig Jahre hat das noch Zeit. Seine beiden Kinder sind gestorben, von seiner Frau, der dürftigen, gutmütigen, eingetrockneten Geiß, hat er Nachwuchs nicht mehr zu erwarten. Aber draußen der Simon, der Bams, den er von der Veronika hat, die jetzt auf seiner Besitzung Berchtoldszell im Gebirg den Haushalt führt, gedeiht ausgezeichnet. Er hat ihn in der Filiale der Staatsbank in Allertshausen untergebracht. Dort wird er Karriere machen; er, der Minister, wird noch gutgestellte Enkel erleben.

Soweit ging es ihm weder gut noch schlecht. Allein in seinem Beruf, da ging es besser als mittelmäßig, da fehlte sich nichts. Seit einem Jahr jetzt hat er sein Ministerium inne, verwaltet er die Justiz des Landes Bayern, das er liebt. Es war mächtig vorangegangen in diesem Jahr. Wie er durch den riesigen Körper, durch den langen, rotbraunen Schädel herausstach aus seinen zumeist kleinen, rundköpfigen Ministerkollegen, so auch fühlte er sich durch Herkunft, Manieren, Gehirn ihnen überlegen. Es war hergebracht seit der Überwindung der Revolution, daß die besseren Köpfe der herrschenden Schicht sich von der Regierung des kleinen Landes zurückhielten. Sie schickten subalterne Leute ins Kabinett, begnügten sich, aus dem Hintergrund zu dirigieren. Man hatte sich gewundert, daß er, von großbürgerlicher Herkunft, ein guter Kopf, in die Regierung eintrat. Aber er fühlte sich sauwohl darin, raufte sich voll Passion herum mit den Gegnern im Parlament, trieb volkstümliche Justizpolitik.

Vergnügt stapfte er unter den triefenden Bäumen. In dem knappen Jahr, in dem er daran war, hat er gezeigt, daß er Schmalz in den Armen hat. Da ist der Prozeß Woditschka, durch den er die bayrische Eisenbahn verteidigt und das Reich hineingelegt hat, da ist der Prozeß Hornauer, durch den er die bodenständige Brauindustrie vor einer scheußlichen Blamage bewahrte. Da ist jetzt vor allem der Prozeß Krüger. Seinetwegen hätte dieser Krüger, bis er schwarz wird, Subdirektor der staatlichen Sammlungen bleiben können. Er hatte nichts gegen den Krüger. Nicht einmal, daß er die mißliebigen Bilder in die Staatsgalerie gehängt hat, nahm er ihm übel; er selber hatte Sinn für Bilder. Aber daß er auftrumpfte, der Krüger, daß er, pochend auf seine feste, lebenslängliche Anstellung, sich mokierte, die Regierung könne ihm den Arsch lecken, das ging zu weit. Man hatte es sich gefallen lassen müssen, zunächst. Der Flaucher, der Kultusminister, der traurige Hund, war nicht fertig geworden mit dem Krüger. Aber da hat er, Klenk, seine ausgezeichnete Idee gehabt und den Prozeß auffahren lassen.

Er lächelte breit, klopfte an seiner Pfeife herum, brummelte mit seinem mächtigen Baß Melodien aus der Brahms-Sinfonie, schnupperte den Geruch der Wiesen ein und des langsam aufhörenden Regens. Immer wenn er an seinen Kollegen vom Kultusministerium dachte, war er vergnügt. Dieser Dr. Flaucher war so recht der Typ jener bäuerlich kleinbürgerlichen Beamten, wie sie die Partei ins Kabinett vorzuschicken liebte. Ihm, Klenk, machte es Freude, sich an ihm zu reiben. Es war amüsant, wie der schwere, plumpe Mensch, wurde er gereizt, hilflos den Kopf vorstieß, wie die kleinen Augen aus dem dicken, viereckigen Schädel bösartig den Feind anfunkelten, wie dann irgendeine klobige, salzlose Grobheit kam, von ihm, Klenk, mühelos pariert.

Der Mann im Lodenmantel streckte den Handrücken aus, konstatierte, daß der Regen so gut wie aufgehört hatte, schüttelte sich, machte kehrt. Er hatte einen Spaß vor. Der Flaucher hatte von Anfang an den Prozeß Krüger möglichst groß aufziehen, eine sensationelle Sache daraus machen wollen. Scheußliche Lackl schickten einem die Schwarzen jetzt als Kollegen ins Kabinett. Immer wollten diese gescherten Rammel Zeugnis ablegen, Trümpfe auf den Tisch hauen, Justament schreien. Er, Klenk, wollte die Sache mit Krüger leise abmachen, elegant. Schließlich war es keine Kulturtat, einen Mann vom Verwaltungssessel der staatlichen Galerien weg ins Zuchthaus zu schicken, weil er abgeschworen hatte, mit einer Frau geschlafen zu haben. Aber der Flaucher blökte in die Welt hinaus, ließ alle Zeitungen trompeten von dem Fall Krüger. Da hatte er, Klenk, einen Referenten geschickt nach dem Gut des Dr. Bichler, hatte vertraulich die Meinung dieses großen Bauernführers, eines heimlichen Regenten im Lande Bayern, einholen lassen. Selbstverständlich hatte der Dr. Bichler, wie das von dem klugen Bauern nicht anders zu erwarten war, seine, Klenks, Meinung geteilt. Hatte von den Eseln in München gesprochen, die immer zeigen wollten, daß sie die Macht hätten. Als ob es auf den Schein der Macht ankäme und nicht auf ihren tatsächlichen Besitz. Das mit den Eseln kann der Flaucher noch nicht gehört haben; denn der Referent ist erst heute zurückgekommen. Bestimmt noch sitzt der Flaucher in der Tiroler Weinstube, einem Restaurant der Altstadt, wo er immer den spätern Abend verbringt, und tut sich dick mit dem morgigen Prozeß. Das mit den Eseln, diese Meinung des allmächtigen Mannes, das muß er, Klenk, ihm versetzen. Den Hauptspaß muß er sich gönnen.

Er kehrte um. Rasch stapfte er zurück, fand am Ausgang des Parks einen Wagen.

Ja, in der Tiroler Weinstube saß der Flaucher. Er saß in dem kleinen Nebenzimmer, wo der Viertelliter Wein zehn Pfennige mehr kostete, unter lauter Vertrauten. Klenk fand, daß der Kollege in diesem Restaurant viel passabler aussah als unter den Empiremöbeln des gut eingerichteten Arbeitsraums in seinem Ministerium.

Die betont bürgerliche Gemütlichkeit, die Holztäfelung, die massiven, ungedeckten Tische, die altväterisch festen, für seßhafte Männer gemachten Bänke und Stühle, das war der richtige Rahmen für den Dr. Franz Flaucher. Da hockte der schwere Mann mit seinem breiten, eigensinnig dumpfen Schädel, rings um ihn saßen auf gewohnten Plätzen Männer in festen Stellungen, mit festen Ansichten. Der Raum war dämmerig vom Rauch guter Zigarren und vom Dunst nahrhafter Speisen. Aus einem nahgelegenen Bierlokal drang durch die geöffneten Fenster der Gesang einer beliebten Volkssängertruppe; der Text ein Gemisch von Rührung und eindeutiger Fleischlichkeit. Draußen lag eng und verwinkelt der kleine Platz mit dem weltberühmten Bräuhaus. Hier also hockte auf dem gewohnten, festen Holzstuhl, den Dackel Waldmann zu seinen Füßen, der Minister Dr. Franz Flaucher, Maler, Schriftsteller, Wissenschaftler um ihn herum. Der Minister trank, lauschte, beschäftigte sich mit seinem Dackel. War heute, am Vorabend des Prozesses Krüger, besonders geachtet. Er hatte seinen Haß gegen den Mann Krüger nie verheimlicht. Es erwies sich, daß dieser Mensch mit den verderbten Kunstanschauungen auch im bürgerlich sittlichen Leben faul und angefressen war.

Wie der Kollege von der Justiz eintrat, wurde die Laune des Dr. Flaucher herabgestimmt. Es war ein bitterer Tropfen in seinem Wein, daß er den Sieg über den Mann Krüger eigentlich diesem Klenk zu verdanken hatte. Denn der Minister Dr. Franz Flaucher mißbilligte den Minister Dr. Otto Klenk, trotzdem sie der gleichen Partei angehörten und die gleiche Politik verfolgten. Er mißbilligte die patrizierhaft überlegene Art, wie Klenk mit ihm verkehrte, er mißbilligte sein Geld, seine beiden Autos, sein Besitztum und seine Jagd im Gebirge, seine lange Figur, sein herrisch unernstes Wesen, den ganzen Mann und alles, was ihm gehörte. Der hatte es leicht, der Klenk. Schon seine Eltern und Ureltern waren Großkopfige gewesen. Was wußte der von dem Wesen eines Beamten. Er, Franz Flaucher, geboren als vierter Sohn des Konzipienten des Königlichen Notars in Landshut in Niederbayern, hatte wahrlich jeden Zoll seines Weges von der Wiege bis zum Ministersessel mit Schweiß und hinuntergewürgten Demütigungen bezahlen müssen. Wieviel Nachtwachen und Zähnezusammenbeißen erforderte es schon, bis er im Gegensatz zu seinen Brüdern nicht nur nicht im Griechischen gescheitert war, sondern die Mittelschule absolvieren konnte, ohne eine Klasse wiederholen zu müssen. Dadurch zur Laufbahn eines höheren Beamten bestimmt, wieviel Schlauheit und Selbstüberwindung hatte er aufbringen müssen, um auf diesem Weg nicht steckenzubleiben. Wieviel Bittgänge, um immer wieder die klerikalen Stipendien zu ergattern, wieviel bescheidene Überredungsversuche bei den Redakteuren, bis er als Mitglied einer katholischen, nichtschlagenden Verbindung immer wieder seine Aufsätze unterbrachte, die von allen Seiten her Recht und Pflicht des Studenten beleuchteten, Satisfaktion mit der Waffe zu verweigern. Und wäre nicht der Glücksfall gekommen, daß Burschenschafter nach einem lustigen Frühschoppen, um seine Demut auf die Probe zu stellen, ihn verprügelten, er wäre trotz allem unten klebengeblieben. Allein auch so, wie oft noch mußte er bescheiden und zäh auf sein Märtyrertum hinweisen, an dem, ihm zum Heil, der Sohn einer einflußreichen Persönlichkeit aktiv beteiligt war, wie oft noch demütig und beharrlich Schmerzensgeld aus dieser Affäre verlangen, bis er hochkam. Und wieviel Lippenzusammenpressen kostete es, vor den Leithammeln der Partei immer wieder, während man es doch besser wußte, zu kuschen, damit nicht eines anderen besserer Gehorsam dieses andern bessere Eignung zum Minister erweise.

Mit tiefem Mißtrauen sah er, wie Klenk, lärmend begrüßt, am Tische Platz nahm, mit bärenhafter Anmut behagliche Witze riß, den oder jenen der Tafelrunde bald gutmütig, bald giftiggrün anulkend. Ein zuwiderer Kerl, dieser Klenk, ein verwöhnter Mensch, dem die Politik nichts ist als eine Gaudi, eine beliebige Beschäftigung, das Leben auszufüllen, wie ein Pokerabend im Herrenklub oder seine Jagd in Berchtoldszell. Was wußte der Klenk davon, wie tief von innen her sich Franz Flaucher verpflichtet fühlte, die alten, wohlbegründeten Anschauungen und Gebräuche zu verteidigen gegen die modische Laxheit der genußgierigen Zeit. Krieg, Umsturz, der ständig sich intensivierende Verkehr hatten so viele Dämme eingerissen: er, Franz Flaucher, war dazu da, die letzten Sicherungen von den giftigen Strömungen der Zeit zu schützen.

Was galten dem Klenk diese Dinge. Wie er dahockte, der Bursche, mit seinem großen Schädel, seinen langnägeligen Pratzen. Natürlich war ihm auch der übliche Tiroler Wein nicht gut genug, er mußte einen teuern Flaschenwein saufen. Sicher war ihm sogar der Prozeß Krüger nur ein spannender, amüsanter Trick. Daß einen die Unschädlichmachung des Mannes Krüger so angehen konnte wie die Heilung einer nassen Flechte, dafür hatte der unernste Mann kein Organ.

Denn der Angeklagte des Prozesses, der Doktor Martin Krüger, war so recht ein Gewächs der übeln Zeit nach dem Krieg. Während der Revolution ins Amt gekommen, hatte er als Subdirektor der staatlichen Sammlungen Gemälde erworben, die bei allen kirchlich und gesund Denkenden Anstoß erregten. Jenes zweideutige, umstürzlerisch gefärbte Bild »Josef und seine Brüder« war man ja glücklicherweise verhältnismäßig rasch wieder losgeworden. Aber der blutrünstige, sadistische »Crucifixus« des Malers Greiderer und jener weibliche Akt, der dadurch so schamlos wirkte, daß er ein Selbstporträt der Malerin darstellte – mußte eine Person nicht durch und durch verderbt sein, die sich selber nackt malte, Schenkel, Brüste dirnenhaft zur Schau stellend? –, diese beiden Bilder verhunzten noch bis vor kurzem die staatlichen Galerien. Seine Galerien, für die er, Franz Flaucher, verantwortlich war. Den Minister, dachte er an die beiden Bilder, überkam ein fast körperlicher Ekel. Er konnte den Urheber dieser Schweinerei, den Mann Krüger, nicht riechen, nicht seinen geschwungenen, schmeckerischen Mund, nicht seine grauen Augen mit den dicken Brauen. Als er einmal seine Hand hatte nehmen müssen, die warme, behaarte Hand des Mannes Krüger in seine eigene, harte, dickgeäderte, hatte er Sodbrennen bekommen.

Er hatte sogleich alles unternommen, um den Mann Krüger auszurotten. Aber seine Ministerkollegen, an der Spitze natürlich der Klenk, hatten Bedenken gehabt gegen gewaltsame Maßnahmen. Den Dr. Martin Krüger, der als Kunsthistoriker weithin klingenden Namen hatte, auf disziplinärem Weg wegen Unzulänglichkeit wegzujagen, hätte der Stadt eine Einbuße an Kunstprestige gebracht, und davor scheute man im Kabinett damals noch zurück.

Der Minister Flaucher, wenn er an diese Einwände dachte, durch die seine Kollegen ihn verhindert hatten, schon viel früher mit dem Krüger Schluß zu machen, knurrte so laut, daß der Dackel Waldmann zu seinen Füßen unruhig wurde. Kunstprestige! Der Staat, dem er diente, war ein Agrarstaat. Die Stadt München, mitten in diesem Staat gelegen, war ihrer Struktur und ihrer Bevölkerung nach eine Siedlung mit stark bäuerlichem Einschlag. Das sollten seine Kollegen gefälligst bedenken. Fernhalten sollten sie ihrer Residenz jene modisch sich brüstende, gehetzte Lebsucht, die die großen Städte der Epoche so scheußlich verunstaltete. Statt dessen redeten sie damisch daher von Kunstprestige und ähnlichem Blödsinn.

Der Minister Flaucher knurrte, seufzte, rülpste, goß Wein hinunter, lehnte sich mit beiden Armen übellaunig über den Tisch, duckte den wulstigen Schädel, betrachtete aus kleinen Augen den behaglich dasitzenden Klenk. Die Kellnerin Zenzi, seit langen Jahren diesen Tisch der Tiroler Weinstube betreuend, lehnte an der Anrichte, schaute organisatorisch auf ihre Gehilfin Resi und mit kleiner, gelassener Amüsiertheit auf die lärmenden Männer, ihren Gemütszustand und den Stand ihrer mehr oder weniger geleerten Gläser gleichzeitig im Auge haltend. Die dralle Frau, plattfüßig durch ihren Beruf, breit und hübsch von Gesicht, kannte sehr gut ihre Gäste, sie hatte genau beobachtet, wie sich der Minister Flaucher veränderte, als der Minister Klenk eintrat. Sie wußte, daß der Dr. Flaucher um diese Stunde, war er guter Laune, nochmals Würste, war er schlechter Laune, Rettich zu bestellen pflegte. Er brauchte seine Weisung nicht zu Ende zu knurren, so stand schon sein Rettich vor ihm.

Kunstprestige! Als ob er nicht Sinn hätte etwa für Musik. Aber es war dekadent, snobistisch, von wegen diesem Kunstprestige jedem Schlawiner seine provozierenden Schweinereien durchgehen zu lassen. Der Minister Flaucher zog verdrießlich und in Gedanken den Teller mit den Speiseresten seines Nachbarn zu sich heran und warf dem Dackel Waldmann den Knochen zu. Noch während er kunstgerecht seinen Rettich zubereitete, fraß es ihm an der Seele, wie endlos lang er den Schädling Krüger im Amt hatte dulden müssen.

Der Dackel zu seinen Füßen schmatzte, nagte an dem Knochen, schlang, fraß. Der Minister, die Hantierungen an seinem Rettich beendet, wartete, daß die einzelnen Schnitten der wässerigen Wurzel genügend Salz einsögen. Durch die geöffneten Fenster kam, trotz des Lärms in der Stube deutlich vernehmbar, aus dem gegenüberliegenden Bierlokal, von vielen hundert Stimmen mit gerührtem Behagen gesungen, die Münchner Stadthymne: solang der alte Peter am Petersberg stehe, solang die grüne Isar durch die Münchner Stadt gehe, so lang höre die Gemütlichkeit in der Münchner Stadt nicht auf. Ja, lange, lange hatte der Flaucher warten müssen, ehe er den Krüger ausgerottet hatte. So lange, bis ihm der – es war bedauerlicherweise nicht zu leugnen –, der Klenk das Werkzeug gegen den Mann Krüger in die Hand lieferte. Der Flaucher sah jene Stunde wieder deutlich vor sich. Es war an einem Abend wie heute; es war hier in der Tiroler Weinstube, an dem Tisch schräg gegenüber, unter dem großen Brandfleck in der Täfelung, den der Schriftsteller Lorenz Matthäi einmal so obszön ausgedeutet hatte. Hier hatte ihm der Klenk, seine tiefe Riesenstimme mühsam dämpfend, in Andeutungen zuerst, auf seine verdruckte, hinterhältig frotzelnde Art, später in klaren Worten die Affäre Krüger hingereicht, jene gottgesandte Meineidsaffäre, die die Handhabe bot, den Mann Krüger sogleich vom Amt zu suspendieren und ihn jetzt durch den Prozeß ein für allemal zu beseitigen. Es war ein großer Abend gewesen, er hätte beinahe dem Klenk seine ganze protzige Überlegenheit verziehen, so gehoben fühlte er sich über den Untergang der schlechten und den Sieg seiner guten Sache.

Und jetzt war es also an dem. Morgen wird der Prozeß steigen. Er, Flaucher, wird den Sieg auskosten, er wird dastehen, massig, imponierend, wie er es zuweilen an Pfarrern auf dörflichen Kanzeln gesehen hat, und mit dicker Stimme verkünden: »Seht ihr, so sind die Gottlosen. Ich, Franz Flaucher, habe von Anfang an den Teufel richtig gewittert.«

Er begann seinen jetzt genügend gebeizten Rettich zu verzehren; jeder einzelnen Schnitte gab er ein wenig Butter bei und einen Bissen Brot. Aber er aß mechanisch; der Genuß, den er sich erhofft hatte, wollte sich nicht einstellen. Ja, das Hochgefühl, mit dem er vor ein und einer halben Stunde seine Wohnung verlassen hatte, war fort, endgültig futsch, seitdem der Klenk in der Stube war. Scheinbar friedlich kümmert er sich nicht um den Flaucher, aber das simuliert er, gleich wird er ihn mit scheinheiliger Freundlichkeit derblecken.

Da hörte er schon die tiefe Stimme des Klenk. »Übrigens, Kollege«, sprach sie, »ich habe Ihnen noch etwas zu sagen.« Was der ihm zu sagen hat, ist sicher kein Oktoberfest. Ganz gelassen klang die umfangreiche Baßstimme; aber Flaucher hörte doch die böse, höhnische Absicht heraus. Klenk hatte sich umständlich zu seiner ganzen riesigen Höhe erhoben. Flaucher blieb sitzen, über den letzten Schnitten seines Rettichs. Aber Klenk winkte freundlich, jovial. Flaucher, widerwillig, gezogen, richtete sich hoch. An der Anrichte stand die Kassierin Zenzi, schaute ihn an. Auch ihre hurtige Gehilfin Resi, gleichzeitig mit einem Gast schwatzend, an einem anderen Tisch einen Teller wechselnd, schaute den beiden Männern nach, wie sie jetzt vertraulich nebeneinander zur Toilette gingen, Flaucher ein trübes Gefühl im Herzen wie als Student, wenn er hinausgebeten wurde.

In dem gekachelten Raum erzählte der Justizminister dem Kultusminister von der Unterredung seines Referenten mit dem Bauernführer Bichler. Nein, der Bichler war nicht recht einverstanden mit der Prozeßtaktik des Kollegen Flaucher. Esel, hatte er gesagt, schlechthin und unmißverständlich Esel, nach einem zuverlässigen Bericht. Nun teilte ja auch er, Klenk, die Meinung des Kollegen über die einzuschlagende Taktik keineswegs. Immerhin: Esel sei eine geschmalzene Bezeichnung. Das erzählte er, ohne seine riesige Baßstimme zu dämpfen, dröhnte es so laut, daß man ihn sicher auch außerhalb der Toilette hörte.

Trüb, die dicken Schultern noch runder und schlaffer als sonst, kehrte der Kultusminister Flaucher aus dem gekachelten Raum zurück an der Seite des fröhlich schwatzenden Klenk. Er hatte es ja gewußt, ihm gönnte man nichts. Gegen diese Willensäußerung des Ökonomen Bichler, des wahren Regenten in Bayern, war nicht aufzukommen. Hier hieß es beiseite treten, den Triumph aus den Händen fallen lassen. Beschissen jetzt schien ihm alles, der ganze Prozeß. Stumm über seinen Rettichresten saß er, den leise winselnden Dackel mit dem Fuß beiseit schob er, dumpf, grimmig hörte er zu, wie die vergnügte Laune des Klenk Lärm und Gelächter der Tafelrunde immer neu entfesselte.

Schwunglos schließlich, knurrig kehrte der Kultusminister Flaucher in seine Wohnung zurück, die er, weil am Vorabend des Prozesses Krüger, kurze Zeit zuvor sehr gehoben verlassen hatte. Müde, die Betrübnis seines Herrn ängstlich spürend, wischte Waldmann der Dackel in seinen Winkel.

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Der Chauffeur Ratzenberger und die bayrische Kunst

Der Vorsitzende, der Landesgerichtsdirektor Dr. Hartl, jovialer, blonder Herr, verhältnismäßig jung, noch nicht fünfzig, leicht beglatzt, beliebte eine elegante, schmissige Prozeßführung. Es gab unter den bayrischen Richtern nicht viele, die einen Prozeß, auf den die Augen des Reichs gerichtet waren, halbwegs mit Anstand führen konnten. Er wußte also, daß die Regierung mehr oder minder auf ihn angewiesen war, daß er ziemlich willkürlich vorgehen konnte, wenn nur das Endresultat, in diesem Fall die Verurteilung des Angeklagten, der Politik des Kabinetts entsprach. Reich, unabhängig, fühlte sich der ehrgeizige Richter als großer Herr. Es konnte nicht schaden, wenn er der Regierung bewies, daß er seine Fähigkeiten nach allen Seiten hin spielen lassen konnte, daß er ein Faktor war, mit dem man rechnen mußte. Seine gut bayrisch konservative Überzeugung stand über allem Zweifel fest; er war gesichert durch kluge Zusammensetzung der Geschworenenbank; juristisch fühlte er sich hinreichend souverän, mit Hilfe der zur Verfügung stehenden biegsamen Paragraphen jeden Spruch, der ihm beliebte, formal überzeugend zu begründen: warum also sollte er es sich nicht leisten, eine große Sache wie diesen Prozeß Krüger artistisch spielerisch zu führen, sein Verständnis für Menschliches leuchten zu lassen.

Mit sicherem Instinkt für wirkungsvollen Aufbau schränkte er die Vernehmung des Angeklagten auf Formales ein, auf nüchterne Angaben, und bot Spannung erst, als das Interesse zu erlahmen begann. Eine lange Weile mußte man warten, bis er den Hauptbelastungszeugen vorrief.

Die Hälse reckten sich, Lorgnons wurden vors Auge gestielt, die Zeichner der großen Journale begannen hastig zu arbeiten, als jetzt der Chauffeur Franz Xaver Ratzenberger, kleiner, dicker Mensch, rosig runder Kopf, blonder Schnauzbart, wichtig vortrat, geschmeichelt von der allgemeinen Aufmerksamkeit. Linkisch in dem ungewohnten schwarzen Anzug, ging er mit breitem, gespielt natürlichem Schritt, sehr plump. In knarrendem, umständlichem Dialekt beantwortete er die Fragen nach seinen Personalien.

Lautlos hörte man dann den wenigen, ungeschlachten, an sich nichtssagenden Sätzen zu, mit denen der untersetzte, kleinäugige Mensch den Beklagten Krüger entscheidend belastete. Er hatte also, vor drei und einem halben Jahr, in der Nacht vom Donnerstag, dem 23., zu Freitag, dem 24. Februar, den Beklagten Krüger und eine Dame um drei Viertel zwei Uhr morgens von der Widenmaierstraße zu dem Haus Katharinenstraße 94 gefahren. Dort war der Dr. Krüger ausgestiegen, hatte ihn abgelohnt und war mit der Dame in das Haus hineingegangen. Da der Beklagte in dem Disziplinarverfahren gegen die jetzt verstorbene Anna Elisabeth Haider unter Eid das Gegenteil bezeugt hatte, daß er nämlich in jener Nacht die Dame nach ihrer Wohnung gebracht habe, dann aber im gleichen Wagen weitergefahren sei, lag, wenn die Aussage des Chauffeurs glaubwürdig befunden wurde, Meineid vor.

Der Vorsitzende machte loyalerweise, ohne daß erst der Verteidiger Dr. Geyer hätte eingreifen müssen, den Chauffeur auf das Unwahrscheinliche seiner Aussage aufmerksam. Die Vorgänge lagen mehr als drei Jahre zurück. Wie kam es, daß Ratzenberger, der doch in der Zwischenzeit mehrere tausend Fahrgäste befördert hatte, sich des Dr. Krüger und seiner Begleiterin so genau erinnerte? War keine Verwechslung möglich? Im Datum? In den Personen? In der legeren Art, wie er mit Leuten aus dem Volk umzugehen pflegte, redete der Vorsitzende auf den Zeugen ein, so daß der Staatsanwalt beinahe unruhig wurde.

Aber der Chauffeur Ratzenberger war gut präpariert und blieb keine Antwort schuldig. In anderen Fällen könne er nicht mit solcher Bestimmtheit sagen, wann, wo und wie. Aber am 23. Februar sei sein Geburtstag, den habe er gefeiert, und eigentlich sei er entschlossen gewesen, die Nacht darauf keinen Dienst zu tun. Er sei aber dann doch losgefahren, weil nämlich die Rechnung für das Elektrische nicht bezahlt gewesen sei, und seine Alte habe so in ihn hineingeplärrt, und da sei er halt doch losgefahren. Hier konstatierten die Berichterstatter Heiterkeit. Es sei saukalt gewesen, und er hätte sich saumäßig geärgert, wenn er keine Fuhre gekriegt hätte. Sein Halteplatz sei an der Mauerkircherstraße gewesen, in einer Gegend, wo lauter noble Leute wohnten. Und dann habe er halt eine Fuhre gekriegt, eben den Herrn Dr. Krüger und eine Dame. Die Herrschaften seien aus einem Haus an der Widenmaierstraße gekommen mit lauter erleuchteten Fenstern, wo offenbar ein Fest gewesen sei.

Dies brachte er vor, treuherzig knarrend, nach jedem Satz etwas schmatzend, sehr bemüht, sich verständlich zu machen. Er wirkte auch bieder, gemütlich, glaubwürdig, er verbreitete Wohlwollen und Anregung. Richter, Geschworene, Journalisten, Publikum folgten interessiert seinen Aussagen.

Wieso er darauf geachtet habe, fragte der Vorsitzende – auch er sprach jetzt im Dialekt, was ihm allgemeine Sympathien eintrug –, daß der Dr. Krüger mit der Dame in das Haus in der Katharinenstraße gegangen sei. Der Chauffeur Ratzenberger erwiderte, dafür interessieren er und alle seine Kollegen sich sehr; denn die Herren, die eine Dame nach Hause begleiten und dann mit ihr hinaufgehen, die ließen sich nicht lange herausgeben, sondern spendierten anständige Trinkgelder.

Wieso er in der Dunkelheit den Angeklagten so genau gesehen habe, daß er ihn heute mit aller Bestimmtheit wiedererkenne?

Er bitte sehr, erwiderte der Chauffeur, aber einen Mann wie den Herrn Doktor erkenne man eben wieder.

Alle beschauten den Angeklagten, sein massiges Gesicht, die breite Stirn mit dem hereingewachsenen, strahlend schwarzen Haar, die grauen Augen mit den dicken, finsteren Brauen darüber, die fleischige, wuchtige Nase, den geschwungenen Mund. Es war richtig, dies Gesicht war leicht zu merken. Es war glaubhaft, daß der Chauffeur sich das Gesicht durch die Jahre gemerkt hatte.

Der Angeklagte saß unbeweglich. Sein Verteidiger, Dr. Geyer, hatte ihm eingeschärft, nicht einzugreifen, sondern ihn machen zu lassen. Dr. Geyer hätte gern auch das herausfordernde Lächeln vom Gesicht des Mannes Krüger gestrichen, das bestimmt nicht wohlgetan war und ihm wenig Sympathie brachte.

Der Rechtsanwalt, hagerer, blonder Herr, dünne, gekrümmte Nase in dem nervösen, mit Anstrengung beherrschten Gesicht, spärliches Haar, rasche, blaue Augen unter dicken Brillengläsern, merkte sehr gut, daß die Fragen des Vorsitzenden Suggestivfragen waren, dazu angetan, die Glaubwürdigkeit des Zeugen Ratzenberger zu erhärten, nicht, sie zu erschüttern. Er sah, daß man gut vorbereitet war auf den Einwand, daß unmöglich sich ein Chauffeur an das Verhalten eines Fahrgastes nach mehr als drei Jahren so minutiös genau erinnern könne. Dr. Geyer beschloß also, den Zeugen von anderer Seite her zu erschüttern. Er saß da, voll Spannung und Geladenheit wie ein angekurbeltes Auto, zitternd vor der Abfahrt. Eine rasche Röte kam und ging. Mit zufahrender Stimme, die scharfen Augen nicht von dem Chauffeur lassend, begann er, harmlos zunächst und von weit her, das Vorleben des Zeugen zu beklopfen, das auf besondere Glaubwürdigkeit nicht schließen ließ.

Der Chauffeur Ratzenberger hatte seine Stellung als Mechaniker oft gewechselt. Dann im Krieg war er viel in der Etappe gewesen, schließlich doch an die Front gekommen, verschüttet, wegen einer schweren Verletzung entlassen worden. Hatte sich in der Heimat aus irgendwelchen Gründen besonderer Protektion erfreut, so daß er die Uniform endgültig ausziehen konnte. Hatte dann geheiratet, ein Mädchen, das von ihm bereits zwei nicht mehr kleine Kinder hatte und das jetzt etwas Geld erbte. Von diesem Geld der Frau hatte er sich seine Autodroschke gekauft. Während er die Kinder, besonders seinen Sohn Ludwig, auf derbe Art verzog, war die Frau mehrmals bei der Polizei vorstellig geworden, ihr Mann habe sie mißhandelt. Auch von einem Familienzwist war die Rede, bei dem Franz Xaver Ratzenberger einen Bruder am Kopf verletzt habe und von seinen Geschwistern frecher und grober Lügen überführt worden sei. Mehrmals war er von Besitzern und Lenkern privater Wagen angezeigt worden, weil er sie unflätig beschimpft, auch körperlich bedroht hatte. Ratzenberger führte diese Anzeigen auf Intrigen zurück, behauptend, die meisten Herrenfahrer hätten etwas gegen die Droschkenführer, weil die besser fahren könnten. Auch sei er seit dem Krieg, häufig schon aus geringfügigem Anlaß, gereizt. Einmal hatte er, er wußte selbst nicht mehr recht warum, einen Selbstmordversuch gemacht. War unversehens aus einer Fähre, die in der Nähe Münchens über die Isar führte, mit dem Ausruf »Adieu, schöne Gegend!« aus dem Fährboot ins Wasser gesprungen, aber wieder aufgefischt worden.

Der Rechtsanwalt Dr. Geyer wunderte sich, daß man einem so nervösen Mann die Konzession zur Führung einer Autodroschke gegeben habe. Feststand, daß der Zeuge Ratzenberger trank. Wieviel? fragte die zufahrende, nicht angenehme Stimme Dr. Geyers. Etwa drei Liter am Tag. Manchmal auch mehr? Manchmal auch fünf. Auch sechs? Auch sechs. Existierte nicht ein polizeiliches Protokoll, daß er einmal einen Fahrgast, weil der ihm kein Trinkgeld gab, verprügelt hatte? Möglich. Wahrscheinlich habe der gescherte Lackl ihn beleidigt. Beleidigen lasse er sich nicht. Ob der Dr. Krüger ihm ein Trinkgeld gegeben habe, damals? Wisse er nicht mehr. Er pflege sich aber doch die Damenbegleitung seiner Kunden gerade wegen des Trinkgelds anzuschauen. Die hastige, helle Stimme des Anwalts hackte verwirrend scharf auf den Zeugen ein. Ob er den Angeklagten auch sonst schon gefahren habe? Wisse er nicht mehr. Aber so viel sei doch richtig, daß einmal ein Verfahren gegen ihn anhängig gemacht wurde, ihm die Fuhrkonzession zu entziehen?

Der Zeuge Ratzenberger wurde unter den rasch auf ihn niederstoßenden Fragen Dr. Geyers zunehmend unsicher. Er schmatzte viel, kaute an seinem rötlich verfransten Schnauzbart, geriet so tief in den Dialekt, daß die auswärtigen Berichterstatter kaum zu folgen vermochten. Der Staatsanwalt griff ein. Die Fragen hätten mit der Sache nichts zu tun. Der Vorsitzende, mit betonter Menschlichkeit für den Angeklagten, ließ die Fragen zu.

Ja also, es hatte einmal ein solches Verfahren wegen Konzessionsentziehung geschwebt. Eben wegen jener angeblichen Gewalttätigkeit gegen einen Fahrgast. Es sei aber niedergeschlagen worden. Die Angaben jenes Mannes, eines schofeln Kerls, eines Schlawiners, der sich nur von der Entrichtung der Taxe drücken wollte, hätten sich nicht als stichhaltig erwiesen.

Eine neue, rasche Röte flog über die Wangen des Dr. Geyer. Er packte schärfer zu. Seine schmalen, dünnhäutigen Hände hielt er jetzt nicht ohne Anstrengung ruhig, seine helle, hohe Stimme bohrte an dem Zeugen, klar, unerbittlich. Er wollte Zusammenhänge herstellen zwischen der heutigen Aussage des Chauffeurs und jenem Verfahren auf Konzessionsentziehung. Er wollte darlegen, daß das Verfahren niedergeschlagen worden sei, als sich die Möglichkeit ergab, durch die Aussage Ratzenbergers den Dr. Krüger zu belangen. Er stellte unschuldige Fragen, von sehr weit her sich näher pürschend. Aber da schaute Ratzenberger nicht vergeblich hilfesuchend nach dem Vorsitzenden, da griff Dr. Hartl ein, da war eine Mauer. Nicht erfuhr das Gericht, wie Ratzenberger zuerst ganz unbestimmt ausgesagt hatte, wie man ihm dann die Konzessionsentziehung ausmalte, wieder verschwinden ließ, bis er in seinen Bekundungen fest war. Nicht erfuhr man, wie da Fäden gingen von der Polizei zu den Justizbehörden, von den Justizbehörden zum Kultusministerium. Hier war alles vag, unbestimmt, nichts festzustellen. Immerhin war das Postament, auf dem der Zeuge Ratzenberger stand, angeknabbert. Allein er rettete, unterstützt vom Vorsitzenden, seinen Abgang. Durch einen volkstümlichen Ausspruch: er habe vielleicht wirklich einmal einen Fahrgast nicht ganz gebührlich behandelt; aber man solle fragen, wen man wolle, jeder Chauffeur der Stadt fahre besser mit zwei Maß Bier im Leib. Damit wurde er entlassen, fest glaubend, nach bestem Wissen und Gewissen seiner Zeugenpflicht genügt zu haben, mit sich nehmend viele Sympathien, die berechtigte Hoffnung auf manche Trinkgelder, die bestimmte Aussicht, selbst wenn ihn wieder so ein damischer Hammel von Fahrgast wegen Gewalttätigkeiten anzeigen sollte, im sichern Besitz seiner Konzession zu sein.

Das Gericht beschäftigte sich sodann mit dem Faschingsfest, das jener Autofahrt vorangegangen war. Dieses Fest hatte im letzten Jahr des Kriegs stattgefunden. Eine Dame aus Wien hatte einige dreißig Leute in ihre Wohnung gebeten. Die Wohnung war auf nette, anspruchslose Art geschmückt gewesen, man hatte getrunken, getanzt. Aber die Insassen der darunterliegenden Etage, der Dame aus Wien aus mancherlei Gründen feind, hatten die Polizei gerufen. Es war grober Unfug, während des Kriegs zu trinken und zu tanzen, die Polizei hatte die Festgäste aufgehoben. Soweit sie in kriegsdienstpflichtigem Alter standen und keine Beziehungen von Einfluß hatten, wurden sie, auch wenn sie als nicht felddiensttauglich oder als unabkömmlich befunden waren, umgeschrieben und an die Front geschickt.

Da die Wienerin, die das Fest veranstaltet hatte, Abgeordneten der oppositionellen Linksparteien nahestand, ließ sich die Behörde angelegen sein, den Vorfall nach Möglichkeit aufzubauschen. Schnell verwandelte sich der harmlose Tanz in eine wüste Orgie, man erzählte starkfarbige Details von den obszönen Akten, die sich dort abgespielt hätten. Die Dame wurde aus Bayern ausgewiesen. Sie hatte ein Kind von einem angesehenen Mann, der vor zwei Jahren gestorben war. Jetzt versuchten die Verwandten dieses Mannes, sie als sittlich unzuverlässig von der Vormundschaft über ihr Kind auszuschließen. Die Münchner Bürger erzählten sich angeregt schmunzelnd und lippenleckend immer saftigere Einzelheiten von jenem Abend; man kommentierte ausführlich, entrüstet und interessiert die raffinierten Verfallserscheinungen der Schlawiner, unter welcher Bezeichnung man in jener Stadt alle zusammenfaßte, die, sei es im Aussehen, sei es in der Lebensform, sei es in der Begabung, von der Norm des Mittelstandes abwichen.

Bestritt Dr. Krüger, daß er und die Dame an jenem fragwürdigen Abend in der Widenmaierstraße teilgenommen hatten? Nein. Durch eine umständliche Beweisführung suchte die Anklagebehörde festzustellen, daß die obszöne Luft jenes Festes Vorbedingungen geschaffen habe, aus denen heraus das Faktum, das der Chauffeur beeidet, daß nämlich Dr. Krüger der Dame in ihre Wohnung gefolgt war, doppelt naheliegend erschien. Der Staatsanwalt beantragte zunächst, wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Öffentlichkeit auszuschließen. Es gelang zwar Dr. Geyer, diesen Vorstoß abzuwehren, vor allem, da sich der Vorsitzende bei dem murrenden Publikum nicht unbeliebt machen wollte. Doch nun wurde in öffentlicher Sitzung anschaulich gemacht, daß Polster auf dem Boden herumlagen, daß die Beleuchtung trüb und zweideutig war, daß man auf schamlose, überaus sinnliche Art tanzte. Dr. Geyer machte geltend, daß, wenn das Fest so anregend gewesen wäre, der Beklagte sich doch kaum so verhältnismäßig früh entfernt hätte. Allein der Staatsanwalt erwiderte geschickt: gerade durch die Atmosphäre jenes Abends habe Dr. Krüger das Bedürfnis gefühlt, möglichst bald mit seiner Dame allein zu sein. Konziliant, verständnisvoll, entlockte der Vorsitzende dem Zeugen immer mehr kleine Züge, die, an sich harmlos, in der Ausdeutung des Staatsanwalts höchst zwielichtig erschienen. Waren nicht Personen beiderlei Geschlechts anwesend? Lag man nicht auf Matratzen herum? Aß man nicht stimulierende Gerichte, deutschen Kaviar beispielsweise? Die Dame wurde vernommen, die jenes Fest veranstaltet hatte. Waren nicht an jenem Abend, an ein und demselben Abend, zwei Männer anwesend, mit denen sie liiert gewesen war? Tanzte sie nicht mit diesen beiden Männern? Hatte sie nicht auch, als dann die Polizei erschien, Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet? Sich mit den Polizisten herumgeprügelt? Sie war eine üppige Dame mit einem schönen, fleischigen Gesicht. Sie litt unter der Hitze des schwer zu lüftenden Raums, war nervös, ihre Aussagen klangen überstürzt, hysterisch. Sie erregte Heiterkeit und ein gewisses mit Verachtung gemischtes Wohlwollen, wie es die Bewohner jenes Landstrichs ihren Huren entgegenzubringen pflegten. Es stellte sich heraus, daß sie sich keineswegs mit den Polizisten herumgerauft hatte; sie hatte lediglich, als ein Polizist sie von hinten an der Schulter packte, mit dem Fächer gegen die unsichtbare Hand geschlagen. Sie war auch nicht etwa wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt worden, sondern nur wegen Übertretung der Vorschriften über die Rationierung der Kohle und der Elektrizität, weil sie nämlich gegen die Vorschrift in mehr als einem Zimmer Licht gebrannt hatte. Allein während die Gewalttätigkeiten des Chauffeurs Ratzenberger gegen den Schlawiner schmunzelnde Billigung fanden, hatte man für den Fächerschlag dieser Dame ein allerdings gekitzeltes Kopfschütteln. Jedenfalls sah man wieder, wie wüst es bei den Schlawinern zuging; das Publikum kam sehr auf seine Rechnung. Man war angenehm erregt, sogar geneigt, dem Angeklagten mildernde Umstände zuzugestehen. Doch trotz aller Kunst Dr. Geyers hatte das Gericht es zuwege gebracht, daß nun sämtliche Zuhörer von der Schuld des Mannes Krüger überzeugt waren.