ANDREA SCHACHT

DieHerrin
des
Labyrinths

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ROMAN

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0554-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau Taschenbuch erstmals 2013 erschienen; Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieser Titel ist die Neuarbeitung eines Romans, der erstmals im Jahr 2006 unter dem Pseudonym Kathy DeBrett erschienen ist.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Büro Süd, München

unter Verwendung eines Motivs Arcangel Images, © Irene Lamprakou

Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Ein Honigtopf für alle Götter
Ein Honigtopf für die Herrin des Labyrinths

(kretische Inschrift um 1400 v. u. Z.)

Inhaltsübersicht

Teil I

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

Teil II

KAPITEL 24

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

KAPITEL 56

KAPITEL 57

KAPITEL 58

KAPITEL 59

KAPITEL 60

KAPITEL 61

KAPITEL 62

KAPITEL 63

Teil III

KAPITEL 64

KAPITEL 65

KAPITEL 66

KAPITEL 67

KAPITEL 68

KAPITEL 69

KAPITEL 70

KAPITEL 71

KAPITEL 72

Teil I

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EIN UNGEWISSER WEG IN DIE MITTE

KAPITEL 1

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Magie

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der sich nichts mehr bewegte. Es ging nicht mehr vorwärts, es ging nicht mehr rückwärts, und oben und unten konnte ich auch kaum noch voneinander unterscheiden. Ich war müde, einfach müde und antriebslos, und kein Arzt hatte eine Erklärung für diesen faden Zustand. Mir fehlte etwas. Ein Funke, ein Antrieb, ein Hauch von Leidenschaft. Dazu kam auch noch, dass mich die Frage nach meiner eigentlichen Identität immer stärker bedrängte.

Seit ich denken konnte, lauerte irgendwo in den Abgründen meines Bewusstseins dieses quälende »Wer bin ich wirklich?«. Wenn ich morgens in den Spiegel sah, dann nickte mir im kalten Neonlicht eine nüchterne Pflegerin ungeschminkt zu, die Kranken und Gebrechlichen in ihrem Leid beistand. Kam ich nach Hause, wurde ich die verständnisvolle Mutter eines heranwachsenden Genies. Abends spielte ich die gefällige Partnerin eines langweiligen Pantoffelhelden. In der Vergangenheit war ich eine pflichtbewusste, aber dennoch enttäuschende Tochter konservativer Eltern gewesen. Andere Nebenrollen spielte ich auch, manche recht gerne, andere widerwillig. Ein paar spielte ich inzwischen nicht mehr. Beispielsweise die lustvolle Rolle der ekstatischen Tänzerin und Geliebten. Die gab ich nur einmal. Dann nie wieder. Aus guten Gründen, denn sie hatte mir keinen großen Applaus, sondern nur namenlosen Schmerz und Trauer eingebracht.

Kurz und schlecht – ich sah mich selbst in meinen unterschiedlichen farblosen Kostümen durch die verstaubten Kulissen meines Lebens streifen. Doch dahinter blieb ich nur das namenlose Kind, das sich angstvoll vor der dunklen, der entsetzlichen Frau in Schwarz versteckte, die mir meine Identität gestohlen hatte.

Eine Freundin bemerkte schließlich meine desolate Verfassung und machte mir einen Vorschlag, der mir, milde gesagt, etwas befremdlich erschien. Sie wollte mit Hilfe irgendwelcher verborgenen Kräfte meinem Leben eine positive Wendung geben. Nicole behauptete, sie verstehe etwas von derartigen Zauberkunststücken, denn sie sei eine Hexe. Ich ließ sie also machen und lächelte im Stillen etwas über ihr naives Vertrauen in diesen Hokuspokus.

Eines Tages berichtete sie mir schließlich, der magische Akt sei vollzogen, sie habe die alten Göttinnen angerufen, auf dass sie von nun an mein Schicksal zum Besseren lenkten. Die Göttinnen hingegen schienen nicht geneigt zu sein, sich Nicoles Anweisungen zu fügen, denn es geschah nichts.

Dachte ich, aber dann begannen die Dinge in Schwung zu kommen.

Aber ich will nacheinander berichten, auf welche Weise die Beherrscherinnen der Nacht in mein Leben eingriffen. Wie sie an den Biegungen des verschlungenen Weges auf mich lauerten und wie sie mich in dem seltsamen Labyrinth begleiteten, durch das ich mich hindurchwinden musste. Bis ich dort in der Mitte den Honigtopf fand. Buchstäblich und auch in vielerlei anderer Bedeutung.

KAPITEL 2

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Der Tod der alten Dame

Es war kurz nach zwei Uhr nachts, als mich das Telefonklingeln weckte. Schlaftrunken meldete ich mich, wurde aber sofort wach, als ich Nicoles Stimme hörte.

»Amanda, kannst du gleich kommen? Gita verlangt nach dir.« Dann folgte ein Schluchzen. »Es … es geht ihr nicht gut.«

»Ich komme sofort!«, sagte ich leise, um Ulli nicht zu stören. Er jedoch hatte sich beim Klingeln nur mit einem leisen Schnarcher auf die andere Seite gedreht und die Decke über die Ohren gezogen. Der Anruf kam nicht ganz unerwartet, denn in den letzten Tagen hatte sich Gita Halstenberg immer weiter von uns zurückgezogen.

Die alte Dame war meine Patientin, ich pflegte sie seit beinahe zwei Jahren. Anfangs brauchte sie nur etwas Hilfe bei den Bewegungen außer Haus, aber dann wurde sie schließlich schwächer, war an den Rollstuhl gebunden, und seit zwei Monaten hatte sie das Bett nicht mehr verlassen können. Gita war fünfundachtzig, und wenn auch ihre körperlichen Kräfte nachgelassen hatten, ihr Geist war noch immer klar und beweglich. Sie wohnte in einem alten, großen Haus, einer wundervoll renovierten Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende, und wurde von Nicole und mir betreut. Nicole arbeitete als eine Art Sekretärin bei ihr, organisierte den Haushalt und war vor allem die Freundin von Gitas Sohn Ferdinand. Beide wohnten seit einiger Zeit mit in dem weitläufigen Haus.

Ich hatte mich so lautlos wie möglich fertiggemacht, doch nichts entgeht meinem großohrigen Sohn. Er öffnete die Tür seines Zimmers, als ich durch den Flur schlich.

»Ist was passiert, Baba?«

Da ich es mir zur Aufgabe gemacht hatte, Patrick immer die Wahrheit zu sagen, wäre ein beschwichtigendes: »Nein, nein, geh nur wieder schlafen!« jetzt völlig unglaubwürdig gewesen. Also sagte ich ihm, wie die Situation sich darstellte.

»Nicole hat angerufen. Ich denke, Gita liegt im Sterben. Sie will mich sehen, darum fahre ich zu ihr. Ich weiß nicht, wie lange ich weg bin. Kannst du dir dein Frühstück morgen selbst machen?«

»Nein, denn ich komme mit. Ich mag Gita.«

»Aber Patrick, du kannst doch nicht die ganze Nacht …«

»Aber du, was? Moment, ich bin gleich fertig.«

Sollte ich es ihm verbieten? Gita war wie eine Großmutter für ihn. Konnte es einem Elfjährigen schaden, wenn er mal eine Nacht ohne Schlaf auskommen musste? Ernsthaft glaubte ich das nicht, und außerdem fand ich einen gewissen Trost darin, ihn bei mir zu haben, wenn ich ganz ehrlich war.

Wir wurden schon erwartet. Im Haus brannte Licht, und nicole machte uns die Tür auf. Auch Dr. Erman war da und nickte mir freundlich zu.

»Gehen Sie zu ihr, Amanda. Sie weigert sich, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Vielleicht können Sie sie überreden. Oder der junge Mann hier, den sie offensichtlich sehr zu schätzen weiß.«

»Kann sie denn da wieder gesund werden?«, fragte Patrick zweifelnd.

Dr. Erman und ich tauschten einen Blick, und er sog lange den Atem ein.

»Versuchen Sie es, Amanda.«

Auch er machte sich keine falschen Hoffnungen. »Ja, natürlich. Komm, Patrick.«

Wir gingen durch die weitläufigen Gänge zu dem ebenerdigen Raum, den man für die alte Dame hergerichtet hatte, seit sie nicht mehr alleine in die oberen Stockwerke gelangen konnte. In dem geräumigen Zimmer war es warm. Zwei wunderschöne Tiffany-Lampen warfen ihr farbig schillerndes Licht auf die Gobelins an den Wänden, und die weiße Gardine bauschte sich leicht vor dem halb geöffneten Fenster. Nur das professionelle Krankenbett passte nicht so recht in die lauschige Atmosphäre. Gita lag in weißen Kissen, blass, mit bläulichen Ringen unter den Augen. Als wir eintraten, hob sie mühsam die Lider und sah zu uns hin. Eine schwache Handbewegung lud uns ein, näher zu treten.

»Patrick, wie schön, dass du mitgekommen bist«, flüsterte Gita, und mein Sohn, der noch über die spontanen Reaktionen eines Kindes verfügte, ging sofort auf sie zu und streichelte ihre Hand.

»Natürlich, Oma Gita. Ich kann dich doch nicht so einfach gehen lassen.«

»Das würde Nandi sich nie trauen zu sagen«, meinte Gita mit einem schwachen Abglanz ihres früheren sarkastischen Lächelns. Ferdinand Halstenberg, ein mehr oder minder erfolgreicher Fernsehproduzent, wurde, obwohl er inzwischen auch Mitte vierzig war, noch immer von allen Nandi gerufen. Er war so ein Typ. Es fiel ihm schwer, der Tatsache ins Gesicht zu sehen, dass seine Mutter im Sterben lag.

»Ich habe sie alle weggeschickt, Amanda. Ich wollte mit Ihnen alleine sprechen.«

Patrick erhob sich und machte Anstalten, sich zu entfernen. »Nein, Junge, bleib hier. Ich bin froh, dass du da bist. Ich bin froh, dass du Amandas Kind bist«, flüsterte sie. Dann winkte sie leicht mit der Hand und bat: »Macht noch eine Lampe aus. Mich stört das Licht.«

So blieben wir dann eine Weile im Halbdunkel des Raumes, in dem die Schatten auf den Gobelins spielten und die Figuren darauf den Eindruck machten, als ob sie tanzen würden. Nur wir saßen ruhig in einem goldenen Kreis von Licht.

»In der Schublade liegt ein Umschlag, Amanda.«

Gita war kaum zu verstehen, aber ich bemühte mich, ihre Wünsche zu erfüllen, und nahm den festen Umschlag heraus, auf dem mein Name stand. Ich öffnete ihn und fand darin eine lederne Briefmappe. Als ich sie herauszog, flatterte ein beschriebener Bogen zu Boden. Ich hob ihn auf.

»Vorlesen, bitte.«

»Ja, natürlich.«

Ein wenig hatte ich Probleme, in dem matten Licht Gitas nicht eben leserliche Handschrift zu entziffern. Es war ein Text, den sie schon vor einiger Zeit geschrieben haben musste, denn das Schriftbild war energisch und schwungvoll. Mit gedämpfter Stimme las ich also das vor, was ich für eine seltsame Form der Lebensbeichte hielt:

»Ich habe kein Unrecht gegen die Menschen begangen, und ich habe keine Tiere misshandelt.

Ich habe nichts Unrechtes anstelle von Rechtem getan. Ich habe keinen Gott beleidigt, und ich habe nichts getan, was die Götter verabscheuen.

Ich habe kein Waisenkind um sein Eigentum gebracht. Ich habe nicht Schmerz zugefügt, und ich habe niemanden hungern lassen.

Ich habe keine Tränen verursacht.

Ich habe nicht getötet, und ich habe nicht zu töten befohlen.

Niemandem habe ich ein Leid angetan.«

So las ich, und Gita hielt die Augen geschlossen. Doch dann sah sie mich wieder an und nickte kaum merklich.

»Nicht alles stimmt. Nein. Nicht alles.«

Dann blieb sie wieder eine Weile still und schien zu dösen. Auch ich war schläfrig, und Patrick hatte seinen Kopf müde an die Sessellehne gelegt.

»Aber ich will kein Waisenkind um sein Eigentum bringen.« Erschrocken zuckte ich zusammen, denn Gita hatte erstaunlich laut gesprochen. Sie sah mich mit ungewöhnlich klaren Augen an.

»Behalten Sie die Mappe und den Umschlag, Amanda. Sie werden beides brauchen.«

»Was soll ich denn für Sie tun?«, fragte ich sie. Flüsternd, manchmal stockend erzählte Gita von ihrer Tochter, die sie vor über dreißig Jahren verlassen hatte. Verblüfft hörte ich zu. Mir war nicht bekannt gewesen, dass Nandi eine Schwester hatte. Josiane hieß sie, wurde aber liebevoll Josi gerufen. Gita liebte sie, zu sehr vielleicht, denn als Josi zwanzig war, fühlte sie sich eingeengt von der ständigen Bemutterung. Sie verließ das Haus nach einem Streit und ging mit einem Mann ins Ausland. Selten nur ließ sie ihrer Mutter eine Nachricht zukommen, und selbst als sie bei einem Unglück in Ägypten ums Leben kam, dauerte es zwei weitere Jahre, bis Gita davon erfuhr.

»Aber ich weiß, sie hatte ein Kind, Amanda. Auch wenn das niemand glauben will. Es ist eine Tochter, und sie ist meine Erbin. Amanda, suchen Sie meine Enkelin!«

»Ja, aber …« Ich wollte aufbegehren, aber dann wurde mir wieder bewusst, dass hier keine Diskussion mehr möglich war. Was immer ich sagen könnte, was an logischen Argumenten einwenden, es war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Gita befand sich an der Schwelle des Todes, und das Einzige, was ich für sie tun konnte, war, ihr den Übergang zu erleichtern. So nahm ich also ihre weiße, kühle Hand in die meine und versprach ihr, alles zu tun, was mir möglich war.

»Danke«, seufzte Gita leise und schloss wieder die Augen.

Es war still im Haus, absolut ruhig. Patrick hatte sich in den Polstern wie ein junger Hund zusammengerollt und schien zu schlafen. Hinter den Gardinen verlor die Nacht ihre Schwärze, und das erste, zaghafte Tschilpen eines verschlafenen Vogels kündete das Anbrechen eines neuen Tages an. Unter meinen Fingern fühlte ich den schwachen, unregelmäßigen Puls der alten Dame. Ich hatte schon an einigen Sterbebetten gesessen, bei meiner Mutter und meinem Vater, bei einigen Pflegefällen auch. Es hat mich immer tief berührt, aber nie hatte ich eine solche Fülle von Liebe gefühlt wie die, die jetzt aus mir herauszuströmen schien. Natürlich mochte ich Gita, sie war eine bewundernswerte, intelligente und äußerst originelle Frau. Mich überraschte mein eigenes Gefühl, als ich sie jetzt ansah.

Weitere Vögel hoben zu zwitschern an, und mit einem Mal schienen alle mit ihren Liedern den neuen Morgen zu begrüßen.

Die Finger in meiner Hand bewegten sich ganz sacht, und ich sah zu Gita hin. Sie bewegte die Lippen, aber ich konnte sie nicht verstehen. Darum neigte ich mich weit vor, so dass sie direkt in mein Ohr wispern konnte.

»Amadea. Das ist dein Name, Kind. Amadea, so heißen wir alle, wenn wir auf die Welt kommen und wenn wir sie verlassen. Amadea, wie schön, dass du jetzt bei mir bist.«

Ich küsste sie zart auf die Wange, aber als ich mich zurücklehnte und wieder ihre Hand ergreifen wollte, war sie schlaff geworden, und der Puls war nicht mehr zu spüren. Bis in die Grundfesten erschüttert, starrte ich in den dämmerigen Morgen hinaus, und die Zeit nahm eine andere Dimension an.

»Baba, was ist los mit dir? Baba, komm! Baba!!!« Patrick schüttelte meine Schulter, und ich bemühte mich, wieder zu mir zu kommen. Aber wo ich in diesen wenigen Minuten gewesen war und warum, das wusste ich einfach nicht mehr.

KAPITEL 3

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Der Beginn der göttlichen Wanderung

In der Welt hinter den Welten eilte eine junge Göttin ihrem Geliebten entgegen, mit dem sie seit Äonen nicht mehr zusammen gewesen war. Die Arme geöffnet, mit wehenden Haaren und einem glückseligen Lächeln auf dem strahlenden Gesicht lief sie auf ihn zu. Doch ehe sie ihn erreichen konnte, stolperte sie und fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Sie wehrte sich und versuchte, dem Sog zu entkommen, aber unbarmherzig wurde sie umhergeschleudert. Orientierungslos in der pulsierenden Dunkelheit begehrte sie auf, wehrte sich, aber unbarmherzig wurde sie weiter und weiter gezogen, bis sie plötzlich das Licht am Ende des Tunnels sah. Ungehalten und ziemlich empört protestierte sie lautstark, was jedoch nichts Wesentliches bewirkte. Also kam sie zu der Erkenntnis, dass ihr ein Missgeschick geschehen war, das sie im Augenblick nicht ändern konnte. Darum versuchte sie, wenigstens herauszufinden, wo sie gerade angekommen war. Von irgendwoher vernahm sie leises Murmeln, ferne Musik und bewundernde Worte. Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass es die Welt der Sterblichen sein müsste, in die sie so unfreiwillig befördert worden war. Eine Welt, in der ihr, sofern sie sich richtig erinnerte, in der Vergangenheit Anbetung und Verehrung, Zärtlichkeit und Süße zuteil geworden waren. Und wenn ihr auch die Begegnung mit ihrem Liebsten verwehrt war, so war das doch nicht das schlimmste Schicksal. Es schien sich auch nicht viel verändert zu haben seit ihrem letzten Aufenthalt, denn die Menschen beteten sie weiter an, brachten ihr Opfer und salbten sie.

Zum Dank lächelte die Göttin, und die Menschen waren glücklich.

KAPITEL 4

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Der Fels im Leben

Am Abend nach Gitas Tod saß ich noch lange am Wohnzimmerfenster und sah zu, wie die graublaue Dämmerung zur Nacht wurde. Ich war zwar vollkommen übermüdet, aber mir ging soviel im Kopf herum, dass ich nicht ins Bett gehen wollte. Schon gar nicht zu Ulli, der mir eine völlig unerklärliche Szene gemacht hatte, weil ich in der Nacht mit Patrick zusammen zu Gita gefahren war. Seiner Meinung nach war mein beruflicher Einsatz übertrieben. Er warf mir vor, ich distanziere mich nicht genug von den Fällen und nehme alles viel zu persönlich.

»Noch nicht mal einen Zettel mit einer Nachricht hast du hinterlassen. Was glaubst du wohl, wie ich mir vorkomme, wenn ich morgens aufwache, und die Bude ist verlassen!«

Als ich mich lahm verteidigte, denn natürlich war an diesem Vorwurf etwas Wahres dran, schlug er in die nächste Kerbe: »Und dann musst du auch noch abends zu deiner Zappelstunde gehen!«

So nannte er meine Versuche, mir ein bisschen ausgleichende körperliche Bewegung zu verschaffen. Gegen die sportliche Betätigung hatte er im Prinzip nichts, aber dass ich dazu einen Bauchtanzkurs der hiesigen Volkshochschule besuchte, war ihm von Anfang an ein Dorn im Auge. Ich hatte mir schon eine ganze Reihe ziemlich abfälliger Bemerkungen dazu anhören müssen. Mir platzte diesmal der Kragen, und wir zankten uns fast eine Stunde lang. Es war nicht besonders konstruktiv, und schließlich kam für mich dabei nur heraus, dass Ulli sich in den letzten Wochen nicht genügend beachtet gefühlt hatte. Die Stimmung wurde ausnehmend unerquicklich, mit einem muffeligen Schweigen trottete er schließlich mit einer Zeitschrift unter dem Arm in sein Zimmer. Ich machte das Fernsehgerät an.

Natürlich hatte er mir ein schlechtes Gewissen verursacht, mit dem ich mich dann alleine auseinandersetzen konnte. Denn eigentlich ist Ulli ein gutmütiger, beständiger Mensch, der mir in einer Zeit, als ich kaum noch an die Möglichkeit eines ruhigen Zusammenlebens mit einem Partner geglaubt hatte, einen sicheren Halt im Leben gegeben hatte. Seit drei Jahren waren wir jetzt zusammen, und normalerweise gestaltete sich unsere Beziehung recht harmonisch. Dass ihr das aufregende Prickeln fehlte, störte mich nicht. Im Gegenteil, derartige Gefühlsverwirrungen hatte ich einmal erfahren und wollte mir durch diesen Zustand nicht noch einmal mein Leben auf den Kopf stellen lassen. Entschieden verbannte ich den Gedanken an dieses Kapitel der Vergangenheit, auch wenn das nicht endgültig möglich war. Denn als lebender Beweis schlief mein Sohn nebenan in seinem sorgsam aufgeräumten Zimmer.

Patrick war ein seltsames Kind. Er war von Natur aus ordentlich und hatte eine außergewöhnlich große Neigung zu allen abstrakten Problemen. Er tüftelte an mathematischen Aufgabenstellungen herum, die seine Lehrer in Erstaunen versetzten, nervte Ulli ständig mit irgendwelchen technischen Fragen, und ganz selbstverständlich hatte er mir zu seinem letzten Geburtstag einen PC abgeschmeichelt. Meine Befürchtungen aber, er könne dadurch ein Einzelgänger und Stubenhocker werden, hatten sich zum Glück nicht bewahrheitet. Irgendwie fand Patrick auch immer noch Zeit für ein Fußballspiel, lieber aber noch für seine Tischtennis-Stunden und manchmal auch für eine kleine Rauferei. Daneben hatte er aber ein sagenhaftes Talent, sich anderen interessanten Themen gegenüber gelangweilt bis gleichgültig zu verhalten. Lediglich sein Ehrgeiz, in keinem Fach unter Mittelmaß zu liegen, ließ ihn widerwillig Gedichte lernen und Bilder malen.

Mein Sohn war ein Lichtblick in meinem farblosen Leben. Ich liebte ihn sehr, trotz der Erinnerung an seinen Vater, die er immer wieder in mir weckte. Mal durch eine charakteristische Kopfbewegung, mal durch die immer deutlicher werdende Ähnlichkeit in seinen kindlichen Zügen oder den leicht schleppenden Tonfall, den er, warum auch immer, ebenfalls an den Tag legen konnte. Ich bemühte mich aber aufrichtig, ihn mit meiner Fürsorge nicht zu knebeln, sondern ihm so viele Entwicklungsmöglichkeiten zu geben wie möglich. Bislang hatten wir noch keine ernsthaften Probleme, außer dem einen. Patrick akzeptierte Ulli nicht als meinen Partner. Nicht dass er es deutlich ausgesprochen hätte, aber ich merkte es an seinen Reaktionen. Er war höflich zu ihm, jedoch nie herzlich. Wenn Ulli ihn berührte oder anfasste, machte er sich unwillig los, und selbst wenn Ulli versuchte, mit ihm von Mann zu Mann zu reden, spürte ich eine feine Herablassung in Patricks Verhalten.

Inzwischen war es Nacht geworden, der Mond hing voll und rund über den Dächern. Müßig dachte ich an Nicole, die vor sechs Wochen einen Zauber für mich gewirkt hatte. Wahrscheinlich wäre heute der bessere Termin gewesen, aber da ich sowieso nicht so recht an irgendwelche magischen Kräfte glaubte, konnte mir das letztendlich auch egal sein.

In meinen Gedanken wanderte ich noch einmal zurück zu den letzten Stunden mit der alten Dame, die mir so ans Herz gewachsen war. Und plötzlich schlug die Trauer über mir zusammen.

»Amanda, ach, Amanda, wein doch nicht.«

Ulli legte mir die Arme um die Schultern und zog mich an sich. »Habe ich dir so weh getan mit meinen Worten? Dann entschuldige ich mich, Amanda, meine Liebe. Bitte hör auf zu weinen.«

Ich lehnte mich an ihn, den unverrückbaren Fels in meinem Leben, und ließ mich trösten.

KAPITEL 5

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Das Testament

»… erhält Frau Amanda Baptista Ellingsen-Reese diesen Betrag, damit sie meinen Wunsch erfüllen kann und das Kind meiner Tochter Josiane …«

Mehr als verblüfft hörte ich bei der Verlesung des Testamentes zu. Ich hatte die letzten Worte von Gita nicht ganz ernst genommen, ein Wunschdenken einer sterbenden Frau, die Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderbrachte.

»Was für ein Unsinn!«, schnaubte Ferdinand leise neben mir. »Als ob du mehr erreichen kannst als dieser Detektiv, den sie damals beauftragt hat. Da ist kein Kind gewesen!«

»Sollte sich meine Enkelin nach Ablauf eines Jahres nicht bei den Testamentsvollstreckern gemeldet und entsprechend ausgewiesen haben, fällt ihr Erbanteil an meinen Sohn Ferdinand.«

Sohn Ferdinand hatte zwar eine unbewegliche Miene aufgesetzt, aber vermutlich war er mit dieser Regelung nicht sonderlich zufrieden. Ich konnte ihn durchaus verstehen. Andererseits keimte ganz plötzlich ein völlig neuer Gedanke in mir auf. Das war eine interessante Möglichkeit, die sich mir da bot. Dann aber überraschte uns der weitere Text von Gitas Testament. Er lautete:

»Über das Vermächtnis meiner Mutter verfüge ich wie folgt: Das Erbe fällt an denjenigen, der das Lösungswort findet, das zu den nachfolgenden Zeilen gehört:

Wer wandert, der findet den Weg, der sich windet.

Den wandelt die Mitte, der lenkt seine Schritte von innen nach außen.

Und wen auf dem Weg das Schicksal berührt, der nenne mir die, die den Tanz anführt.

Der Honig im Topf ist ihr zugedacht, die in der Mitte des Herzens erwacht.«

Gita hatte wahrlich einen skurrilen Sinn für Humor. Sie hatte ihrer Familie ein Rätsel hinterlassen, das, sofern ich die Gesichter der Anwesenden deuten konnte, keinem ihrer Angehörigen auch nur einen Schimmer der Erkenntnis entlockte.

Der Rest des notariellen Wortgeklingels ging ziemlich unbemerkt an mir vorüber, während sich meine Gedanken überschlugen. Als wir das Büro von Dr. Wentz verließen, zog mich Nicole zur Seite in eine halbverdeckte Ecke. Einerseits wollte sie wohl die Begegnung mit Valerie, Nandis Ehefrau, vermeiden, auf der anderen Seite war sie auch entsetzlich neugierig.

»Siehst du, jetzt tut sich was in deinem Leben! Ist das nicht gigantisch?«, flüsterte sie mir zu. »Glaubst du mir jetzt, dass der Zauber wirkt?«

»Na ja, das ist schon ein komischer Zufall. Aber ich weiß nicht, ob ich das machen soll, Nicole. Wo soll ich denn überhaupt anfangen, diese Enkelin zu suchen?«

»Ich könnte ja mal das Pendel für dich befragen.«

Ich unterdrückte ein Lächeln. Nicole hatte seit kurzer Zeit einen absoluten Pendel-Tick und traute ihrem kleinen, spitzen Messinganhängerchen zu, auf jede beliebige Frage eine Antwort zu haben.

»Gib mir lieber etwas Zeit, über diesen eigenartigen Auftrag nachzudenken, Nikki.«

Das tat ich dann auch, und als ich die Konsequenzen vor mir sah, war ich geneigt, an einen Eingriff höherer Gewalten zu glauben – ich, die ich weder religiös noch abergläubisch war.

»Aber ich könnte nebenbei endlich meine Diplomarbeit schreiben«, wandte ich ein, als Ulli nur verständnislos den Kopf schüttelte.

»Ein Hirngespinst ist das, wenn du mich fragst. Meine Güte, die Frau, diese Josiane, ist seit gut dreißig Jahren tot. Wie willst du denn da noch eine Spur auffinden?«

»Das weiß ich jetzt auch noch nicht, aber ich habe ja ein ganzes Jahr Zeit. Bis zum 31. Juli im nächsten Jahr. Das Geld, das ich dafür bekomme, wird ja wohl nicht nur für Reisen und so draufgehen.«

»Und du meinst, du kannst beides unter einen Hut bringen, diese absurde Suche und eine Diplomarbeit? Weißt du überhaupt, was das heißt? Recherchen, Untersuchungen, Berge von Literatur wälzen …«

»Hör mal, Ulli, ich habe schon eine Reihe von Semesterarbeiten während des Studiums geschrieben. Das hat mich nicht an die Grenzen der Belastung getrieben. Ich konnte mir durchaus mal die eine oder andere halbe Stunde Freizeit abzwacken.«

»Klar, du bist ja auch der Überflieger in der Familie! Was hast du überhaupt studiert? Warum erzählst du mir das eigentlich jetzt erst?«

Ulli wurde richtig giftig, und mit einem Mal wurde mir klar, dass er in seiner Ausbildung ziemlich zu kämpfen gehabt hatte. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum ich ihm nie etwas von meiner Zeit an der Uni erzählt hatte. Das und noch ein paar andere Umstände aus der Vergangenheit.

»Ich habe Sozialpädagogik studiert«, gab ich kleinlaut zu und erntete ein nachsichtiges Lächeln.

»Ach so! Und du glaubst, du kannst da jetzt so ohne Weiteres wieder einsteigen?«

»Sicher nicht ohne eine ganze Menge wieder aufzufrischen, aber es wäre wirklich eine Chance. Ich habe ja inzwischen eine Menge praktischer Erfahrung gesammelt.«

»Warum hast du überhaupt aufgegeben, bevor du deinen Abschluss gemacht hast?«

»Wegen Patrick«, beschied ich ihn kurz.

»Klar. Aber jetzt spielt dein Sohn keine Rolle mehr? Jetzt willst du vermutlich wie eine wilde Hummel in der Weltgeschichte herumschwirren und diese blödsinnige Enkelin suchen? Wenn sie überhaupt existiert, will die wahrscheinlich überhaupt nichts von ihrer Familie wissen. Könnte doch auch sein, oder?«

»Vielleicht doch?«

»Dann hätte sie sich ja wohl mal melden können, oder?«

»Aber wenn sie nicht weiß, wer sie ist?«

»Dann findest du sie auch nicht. Amanda, ich denke, es wäre viel vernünftiger, du suchst dir eine feste Stellung als Pflegerin in einem Heim. Mit geregelten Bezügen und Arbeitszeiten.«

Er versuchte, mich noch eine ganze Weile lang zu überzeugen, aber immer mehr klang mir meine eigene Frage in den Ohren: »Aber wenn sie nicht weiß, wer sie ist?«, denn genau dieses Problem war auch meines. Seit ich denken konnte, fragte ich mich das, und in den letzten Jahren war die Frage immer dringender geworden. Wer war ich eigentlich?

Wenn also irgendetwas den Ausschlag gab, sich auf diese unmögliche Suche zu machen, dann waren es gerade Ullis Einwände, die mich trotzig auf den Weg brachten.

Für ein paar Tage war unser Verhältnis ziemlich unterkühlt, dann gab er allerdings mit einem gelangweilten Schulterzucken nach, wenn er auch keine besondere Unterstützung war. Ich hingegen kümmerte mich in meiner freien Zeit diesmal nicht um einen neuen Pflegeauftrag, sondern nahm Kontakt zur Universität auf, die sich zum Glück in leicht erreichbarer Nähe befand. Ein Umzug in eine andere Stadt – das wäre vermutlich das Ende unserer Beziehung gewesen. Auch Patrick wollte ich das nicht zumuten. Im Augenblick ging das Sommersemester dem Ende entgegen, und nachdem ich die bürokratischen Formalitäten erledigt hatte, stand es mir frei, mich für das Wintersemester einzuschreiben und mir einen Betreuer für die abschließende Arbeit zu suchen.

Nachdem ich das alles an einem sonnigen Freitag im Juli erledigt hatte, fühlte ich mich seit langer, langer Zeit wieder ein bisschen leichter und freier, ohne dass ich mir so recht im Klaren darüber war, was dieses Gefühl auslöste. Denn die Probleme, die vor mir lagen, konnte man nicht eben als übersichtlich bezeichnen.

Zum wiederholten Mal setzte ich mich mit den wenigen Unterlagen, die ich von Gita erhalten hatte, in den Schatten auf der Terrasse und blätterte sie noch einmal durch. Die Mappe enthielt einige Schreiben von Josiane und den Bericht einer Detektei. Beide halfen mir nicht besonders weiter. Es war von Menschen und Orten die Rede, die ich nicht kannte. Sie stammten alle aus einer Zeit, die mehr oder weniger um meine Geburt herum lag. Vor rund dreiunddreißig Jahren war Josiane von zu Hause fortgegangen, offensichtlich mit einem Mann, der nicht die Zustimmung ihrer Eltern gefunden hatte. Zu dieser Zeit war sie Anfang zwanzig gewesen und hatte sich eindeutig nach mehr oder besser nach einer anderen Form der Freiheit gesehnt als der, die man ihr zu geben bereit war. Das alleine erschien mir nicht besonders ungewöhnlich, damals waren viele junge Menschen aus der bestehenden Ordnung ausgebrochen. Ich hatte ebenfalls nicht vergessen, dass auch ich, als ich in Josianes Alter war, einige drastische Schritte unternommen hatte, um mich von meinem Elternhaus loszulösen. Interessant war nur, dass Gitas Tochter sich mit reichlich Abenteuerlust ins Ausland begeben hatte. Sie verschwieg in ihren Briefen zwar jede Adresse, aber man konnte ihren Weg über Südfrankreich, Italien, Marokko bis nach Ägypten verfolgen. Doch diese Reise absolvierte sie nicht wie andere junge Abenteurer mit Rucksack, Zelt und Schlafsack, sondern offensichtlich im Abendkleid und in teuren Wagen. Irgendwann änderte sich der Name ihres Begleiters, nicht aber die Umstände. Zwei Jahre lang hatte sie zwar nicht oft, aber einigermaßen regelmäßig geschrieben, dann hörten die Briefe nach und nach auf, bis lange Zeit überhaupt keine Nachricht mehr eingetroffen war. Erst weitere fünf Jahre später datierte ein Schreiben, das von Josianes Tod berichtete. Es stammte von einem Heinrich Vanderhorst, der nach eigenen Angaben beinahe zwei Jahre gebraucht hatte, um Josianes Familie ausfindig zu machen.

»Baba, kann ich die Melone haben, die im Kühlschrank liegt?«

Patrick war nach Hause gekommen, und klappernd flog die Tasche mit den Tischtennisschlägern in den Flur.

»Natürlich, dafür habe ich sie mitgebracht«, rief ich ins Haus. Ich schloss die Mappe mit den Briefen, als Patrick mit einem Viertel Wassermelone schlürfend und tropfend auf dem Gartenstuhl neben mir Platz nahm.

»Das ist von Gita, nicht? Steht da eigentlich was Wichtiges drin?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Bislang kann ich noch nicht viel damit anfangen.«

»Aber du wirst doch diese Tochter suchen, oder? Ich glaube, Gita war das ziemlich wichtig.«

»Ja, das war es wohl.«

Ich überlegte einen Moment. Mit Ulli hatte ich zwar über meine Veränderungswünsche gesprochen, Patrick hatte ich aber bislang noch nicht eingeweiht. Irgendwie hatte ich den Mut dazu noch nicht gefunden. Mag sein, dass mir Ullis Meinung weniger wichtig war als die meines Sohnes, und deshalb hatte ich wohl zunächst Fakten schaffen wollen.

»Patrick, ab September werde ich auch wieder die Schulbank drücken! Wie findest du das?«, fing ich vorsichtig an.

»Ernsthaft? Was lernst du?«

»Ich schreibe meine Diplomarbeit und versuche, meinen Abschluss zu machen.«

»Stark, Mann! Über welches Thema?«

»Am liebsten über einen Bereich der Altenhilfe.«

»Bäh. Hättest du nicht besser Maschinenbau oder Informatik oder so was studieren können? Ich meine, das ist doch viel spannender.«

»Tut mir leid, Patrick, aber ich fürchte, meine Begabung lässt auf dem Gebiet etwas zu wünschen übrig. Außerdem würdest du mir dann sowieso ständig Löcher in den Bauch fragen.«

»Das tät dem gar nicht schaden«, kicherte er, und ich zog prompt mein T-Shirt etwas weiter nach unten. Da waren nun mal diese zehn rundlichen Kilo versteckt, die loszuwerden eine Askese bedeuteten, zu der ich mich einfach nicht aufraffen konnte.

»Bleib sachlich, Junior!«, mahnte ich ihn, und er wurde wieder ernst.

»Gut, du schreibst also darüber. Bleiben wir hier in der Stadt, oder müssen wir umziehen?«

»Nein, wir müssen nicht umziehen.«

»Prima, denn ich wollte im Herbst bei den Meisterschaftsspielen mitmachen. Und wie machst du das mit der Suche nach dieser Enkelin? Schon eine Idee?«

»Noch keine. Aber ich hab ja auch noch nicht angefangen.«

»Darf ich die Sachen mal sehen, die da in der Mappe sind. Vielleicht fällt mir was ein.«

»Ich glaube es zwar nicht. Aber wenn du dir die Hände wäschst, kannst du gerne hineinsehen.«

Ein aufgeregtes Funkeln stand in Patricks Augen. Rätsel zu lösen liebte er, und da er oft ausgesprochen originelle Gedanken hatte, dachte ich mir, es könnte ja nicht schaden, wenn er sich mal mit dem Problem beschäftigte. Auch wenn es in manchen Bereichen wahrscheinlich seinen Erfahrungshorizont überstieg.

Neugierig schlug er die lederne Mappe auf und fuhr glättend über die Seiten.

»Was ist das?«, fragte er und legte sorgfältig die Papiere auf den Tisch, um die Rückseite der Mappe zu untersuchen.

»Was soll da sein?«

»Da ist was Dickes drin. Hast du das noch nicht gemerkt?« Jetzt hatte er mich auch neugierig gemacht, und gemeinsam sahen wir uns das Leder an.

»Hier ist doch eine Tasche, ein Einschub oder so, Baba. Schau mal, da ist was drin.«

Mit geschickten Fingern tastete er nach dem Gegenstand und förderte ihn zutage.

»Schau mal, kannst du erkennen, was das ist?«, fragte Patrick und hielt mir die Fotografien einer schwarz angelaufenen Silbermünze entgegen. Ich nahm die Bilder und sah sie verwundert an. Die Münze musste uralt sein, wenn sie echt war. Auf der einen Seite war ein weiblicher Kopf abgebildet, ob Königin oder Göttin konnte ich nicht sagen. Auf der anderen Seite jedoch zeigten sich ein kreisförmiges Muster und einige griechische Buchstaben.

»Das, Patrick, ist eine sehr alte Münze aus Knossos. So steht es zumindest da. Aber was das Ganze zu bedeuten hat, das kann ich dir auch nicht sagen.«

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. Wir beide versteckten wie ertappte Sünder die Fotos, und Patrick schlüpfte mit der Mappe in sein Zimmer, während ich dem Besucher öffnete.

Etwas verdutzt stand ich Ferdinand Halstenberg gegenüber.

»Grüß dich, Amanda. Störe ich?«

Seit Gitas Beerdigung vor zwei Wochen hatte ich Nandi nicht mehr gesehen und auch nicht mehr gesprochen. Nicole und ich waren zwar gut befreundet, aber zu ihm hatte ich nie so recht Kontakt finden können. Darum wunderte mich sein Besuch einigermaßen.

»Komm herein, Nandi. Was führt dich her?«

»Ach, ich soll dir von Nicole diese Bücher bringen.«

Ich nahm ihm das Päckchen ab und steuerte ihn in Richtung Terrasse. Der Vorwand war einen Hauch fadenscheinig, denn Nicole hatte ich erst den Abend zuvor im Kurs getroffen, und da war von Büchern keine Rede gewesen.

Nandi, ein untersetzter Mann, nicht viel größer als ich, wischte sich die Stirn, als er sich schwer in den Stuhl fallen ließ. Höfliche Gastgeberin, die ich war, bot ich ihm ein kaltes Getränk an.

»Oh, danke, Amanda. Und, wie geht es dir?«

»Gut.«

Ich blieb ein wenig einsilbig, denn ich war mir nicht ganz sicher, welche Interessen er vertrat.

»Du siehst blendend aus. Die braune Farbe steht dir. Du hast ja wohl jetzt ein bisschen Zeit, um in der Sonne zu liegen.«

»Wie meinst du das, Nandi?«

»Na ja, der Studienbetrieb fängt ja erst im Herbst wieder an. Nicole hat mir von deinen Plänen erzählt. Finde ich richtig gut!«

»Mmh ja.«

»Du solltest dir die Ferien ruhig gönnen. Schließlich hast du meine Mutter über zwei Jahre lang wirklich aufopfernd gepflegt. Sie hat immer wieder betont, wie zufrieden sie mit dir war. Sie mochte dich sehr.«

»Danke, das beruhte aber auf Gegenseitigkeit. Ich habe selten jemand seine Krankheit mit soviel Gelassenheit tragen sehen. Sie war eine bewundernswerte Frau.«

»Ja, das war sie wohl. Wenn sie auch manchmal ein paar fixe Ideen hatte.«

»Das ist mir nicht aufgefallen. Aber du kanntest sie ja besser als ich. Schließlich bist du ihr Sohn.«

»Sie hat es nie so ganz verwunden, dass meine Schwester fortgegangen ist. Sie hat sich die ganze Zeit über Vorwürfe gemacht, aber so richtig verrannt hat sie sich erst in ihren letzten Tagen. Sie hat sich immer mehr eingebildet, Josi müsse eine Tochter haben. Sogar ihr Testament hat sie geändert.«

»Bitte?«

Irgendwas wollte Nandi doch von mir, und ich hatte das Gefühl, dass ich mich dagegen wehren musste.

»Ja, es hat ein früheres Testament gegeben, ich kenne zwar seinen Inhalt nicht, aber die Klausel mit dem Legat für dich, um Josis Kind zu suchen, ist erst einen Monat vor ihrem Tod ergänzt worden.«

»Ach ja?«

Was sollte ich darauf erwidern? War ich in seinen Augen jetzt eine Erbschleicherin? Eigentlich kaum denkbar, bei der Höhe des Gesamterbes war der Betrag, so angenehm er auch für mich ausgelegt war, doch ein ziemlich geringer Anteil. Aber als Betreuer alter, sterbender Menschen kann man durchaus Gefahr laufen, dass irgendjemand hinterher etwas von unlauterer Beeinflussung ruft.

»Dass wir uns nicht falsch verstehen, Mandy …«

»Ich glaube, ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich nicht Mandy genannt werden will«, sagte ich mit einer gewissen Schärfe. Ich war wahrhaftig kein »Mandy-Typ«.

»Entschuldigung. Also, Amanda. Ich will in keiner Weise, dass du auf deinen Anteil an dem Erbe verzichtest. Es war völlig richtig, dass meine Mutter dich bedacht hat. Aber du solltest dich wirklich nicht verpflichtet fühlen, das Geld für diese sinnlose Suche auszugeben.«

Aha, in diese Richtung trapste also die Nachtigall!

»Na ja, Nandi, schließlich war es ihr Wunsch. Ich käme mir ziemlich schäbig vor, wenn ich mich jetzt einfach zurücklehne, kassiere und keinen Finger rühre.«

»Vergiss es! Wer sollte sich darüber schon aufregen? Es gibt keine Enkelin. Im nächsten Jahr gehst du zu Dr. Wentz und sagst ihm, dass du niemanden gefunden hast. Das ist mehr als einleuchtend, bei den spärlichen Informationen, die dir vorliegen. Du hast doch nur die Briefe von Josi, nicht wahr?«

»Ja, mehr ist da nicht in der Mappe gewesen, nur noch der Bericht der Detektei, dass sie nichts ermitteln konnten. Aber vielleicht könntest du mir ja noch ein paar Hinweise geben?«

»Ich? Du liebe Zeit! Als Josi abgezogen ist, war ich gerade mal dreizehn Jahre alt und hatte ziemlich wenig Interesse an meiner zehn Jahre älteren Schwester.«

Da mochte schon etwas dran sein, aber wenn Nandi gewollt hätte, hätte er mir schon ein etwas besseres Bild von der jungen Frau geben können. In diesem Zusammenhang fiel mir noch etwas ein.

»Gibt es eigentlich Fotos von Josiane?«

»Bestimmt. Aber was willst du damit anfangen? Familienähnlichkeiten aufstöbern? Mach dich nicht verrückt mit der Sache. Selbst wenn irgendwo auf der Welt diese ominöse Tochter von Josi herumvegetiert, wird sie wahrscheinlich ganz froh sein, dass sie keine lästige Verwandtschaft hat.«

Wenn sie, wie er es so zynisch auszudrücken beliebte, irgendwo herumvegetierte, könnte sie durchaus an einem beträchtlichen Erbe interessiert sein, verkniff ich mir zu sagen. Nandi hatte offensichtlich den lebhaften Wunsch, niemand möge die alten Geschichten aufrühren, und das erschien mir noch nicht einmal so unverständlich. Denn wenn die Erbin nicht auftauchte, würde er nun mal auch ihren Anteil am Erbe erhalten. Andererseits hatte ich nicht den Eindruck, dass Nandi am Rande des Existenzminimums lebte. Außerdem blieb es ihm ja unbenommen, das Rätsel zu lösen, um den Nachlass seiner Großmutter zu erhalten, was immer das war. Darüber hatte sich Gita im Testament nämlich ausgeschwiegen, und auch der Notar war nicht bereit gewesen, dazu nähere Auskünfte zu geben.

»Also, ich weiß nicht recht, Nandi. Auch wenn ich nicht viel Erfolg haben werde, muss ich zumindest versuchen, eine Spur zu finden. Das würde mein Gewissen beruhigen«, erklärte ich ihm und bemühte mich, ihn mit ein paar gezielten Blicken Richtung Tür zum Aufbruch zu bewegen.

»Tu, was du nicht lassen kannst. Aber du solltest auch auf deinen Sohn und deinen Freund Rücksicht nehmen. Die Lebenden sind wichtiger als die Toten.«

Daher wehte der Wind. Ulli hatte Verbündete gesucht und gefunden.

Mit einigen nichtssagenden Floskeln komplimentierte ich Nandi aus dem Haus.

KAPITEL 6

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Die lächelnde Göttin

Die Göttin war recht zufrieden mit den Sterblichen, die sie verehrten. Wenn sie auch oft genug mit ihren Gedanken in der Welt hinter den Welten weilte und sich nach ihrem Geliebten sehnte. Da sie aber eine verantwortungsvolle Göttin war, ließ sie die Menschen davon nichts spüren, solange sie ihr huldigten.

Ihre Welt war klein geworden, ein friedlicher, heiterer Tempel, in dem sie sich sicher und geborgen fühlte. Man opferte ihr Milch und Honig, kleidete sie in kostbare Gewänder, summte erhebende Hymnen, und der Duft schmeichelnder Essenzen umhüllte sie. Es war wirklich sehr erträglich – bis zu dem Tag, an dem die schützenden Mauern zusammenbrachen, der Honigtopf zerbarst, die ihr Dienenden flohen und sie alleine ließen. Und inmitten der Trümmer erhob sich eine finstere Macht, eine dunkle Gestalt, die Frau in Schwarz, die sie fortzerrte von der Stätte, an der sie geliebt worden war.

Dunkelheit umgab sie lange Zeit, wirre Bilder vernebelten ihre Sinne, und der Geruch der Angst umhüllte sie, bis die Klauen der Finsternis sie endlich freigaben. Aber selbst da blieb das Gefühl von Kälte und Einsamkeit zurück, und nichts war mehr, wie es vorher gewesen war. Darum entzog die Göttin der Welt ihre Gunst. Versunken in ihrer Sehnsucht an die Zeit vor den Zeiten begehrte sie nichts anderes mehr, als dorthin zurückzukehren. Und so, träumend und suchend, erkannte sie schließlich, dass ihr nur ein Weg offen stand, ihren Geliebten wiederzusehen. Sie musste die Welt der Sterblichen verlassen. Das war ihr nur recht, denn die Menschen waren ihr derzeit reichlich zuwider. Doch wie das funktionieren sollte, dazu fand sie keinen Rat in ihren Träumen. Eine Weile schmollte sie vor sich hin, aber schließlich sah sie ein, dass es durch Herumsitzen und Warten auch nicht getan war. Sie beschloss, andere Göttinnen um Hilfe zu bitten.

KAPITEL 7

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Familienverhältnisse

»Schöne Arme machen! Schöne Hände! Drehen, drehen, Hüftkreis!«

Kerstin wiederholte vermutlich zum hundertsten Mal die Schrittfolge, und wir sechs Frauen bemühten uns, einigermaßen synchron die Bewegungen durchzuführen. In der Spiegelwand sah ich mich dick und dünn, dann lang und wieder kurz werden. Die Bedingungen in dem Übungsraum der Volkshochschule waren nicht optimal. Die Spiegel wellten sich, die Beleuchtung war trübe, der mit braunen Teppichfliesen belegte Boden hatte Stolperstellen und gehörte dringend erneuert. Aber so war das nun mal. Seit zwei Jahren besuchte ich diesen Kurs. Nicole hatte mich dazu überredet, als ich mit Gitas Pflege angefangen und über Rückenschmerzen geklagt hatte.

»Gegen Rückenschmerzen gibt es nichts Besseres als Bauchtanz. Ich liebe es! Komm doch mal mit. Ich habe schon drei Stunden mitgemacht, und es ist einfach genial!«

An Nikkis theatralische Adjektive war ich damals noch nicht gewöhnt, auch nicht an ihre überschäumende Begeisterung, die sie kurzfristig an den Tag legen konnte. Sie überrollte mich förmlich und schleppte mich schließlich in den Kurs mit, weil mir einfach keine Ausrede mehr einfiel, die glaubwürdig genug war. Den wahren Grund, warum ich mich davor fürchtete zu tanzen, wollte ich ihr allerdings nicht verraten.

Allerdings bemerkte ich schon in den ersten Minuten des Unterrichts bei Kerstin, dass meine Angst hier unbegründet war. Es war eine reine Anfängergruppe, und daher legte sie mehr Wert darauf, uns einzelne Isolationsübungen trainieren zu lassen, als wirklich zu tanzen. Ich fand es ganz erheiternd, ließ die unterschiedlichsten Körperteile kreisen, zog Schleifen und Achten mit den Hüften und ließ den Oberkörper und den Kopf gleiten. Meine Rückenschmerzen besserten sich wirklich, aber das hätten sie vermutlich auch getan, wenn ich zur Hausfrauengymnastik gegangen wäre.

»Nicole, nur die Arme bewegen, nicht den Po«, korrigierte Kerstin meine Freundin – auch dies sicher zum tausendsten Mal, denn trotz ihrer an den Tag gelegten Begeisterung war Nicole eine ziemlich undisziplinierte Tänzerin.

Während Kerstin versuchte, bei den anderen die Haltungsfehler auszumerzen, sah ich mir selbst meine Bewegungen an. Das machte ich nicht sehr oft, denn nicht nur die Zerrwirkung der Spiegel war nervend, sondern ich sah mich auch nicht gerne tanzen. Aber die pummelige Frau im Shirt, mit schwarzen Hosen und einem grünen Tuch um die Hüften, die ich jetzt so distanziert wie möglich betrachtete, machte ganz manierliche Kreise und Wellen. Nur meine Haare hatten sich wieder selbständig gemacht, und ich unterbrach kurz meine Übungen, um die widerspenstigen Locken mit der Haarspange zu befestigen. Es gibt Leute, die beneiden mich um die Naturkrause. Ich beneide diejenigen, die glatte, leicht zu entwirrende und frisierbare Haare haben. Das einzige wirklich Bemerkenswerte an meinem wirren Schopf ist die weiße Strähne, die sich von der linken Schläfe aus in einem dicken Strang durch die dunkelbraunen Locken zieht. Sie ist nicht gefärbt!

»Amanda, wenn du dich genug bewundert hast, können wir jetzt zum freien Tanz übergehen.«

»Wenn’s denn sein muss.«

Auch die anderen Teilnehmerinnen murrten, freier Tanz war nicht beliebt. Ich zog mich in eine schummerige Ecke zurück und bewegte mich zurückhaltend zu der akzentuierten Musik. Kerstin näherte sich mir mit wiegenden Hüften, um mich zu mehr Einsatz zu animieren. Aber ich ließ mich nicht ködern.

»Warum gehst du nicht mal ein bisschen aus dir heraus? Du kannst doch tanzen.«

»Ist mir zu anstrengend heute.«

»Das ist dir immer zu anstrengend. Meine Güte, jetzt drückst du dich schon vier Kurse lang bei den Anfängern herum. Du beherrschst die Figuren besser als jede meiner Fortgeschrittenen. Hast du denn gar keinen Spaß am Tanzen?«

»Doch, sonst wäre ich nicht hier.«

»Amanda, ich kann dir nichts mehr beibringen. Warum gehst du nicht zu einer anderen Lehrerin?«

»Willst du mich aus dem Kurs werfen?«

»Nein, darum geht es doch gar nicht. Du kannst gerne kommen und Masse bilden. Aber für dich wäre das viel besser. Eine Herausforderung. Du könntest auch mal auftreten, weißt du.«

Da sei der Himmel oder sonstige Mächte davor. Ein öffentlicher Auftritt war das Letzte, was mir vorschwebte. Ich machte mich klein und unscheinbar, in der Hoffnung, dass Kerstin von mir abließ. Sie tat es, und ich merkte, wie frustriert sie war.

Im Nebenraum zogen wir uns später um. Nicole verstaute klirrend und raschelnd das Kostüm, in dem sie zu den Stunden erschien, die anderen packten Fransentücher und Münzgürtel zusammen. Ich musste an die gehässige Äußerung einer Tänzerin denken, die Kerstin einmal vertreten hatte. Sie hatte behauptet, in diesem Kurs sei der Aufwand an Kostümen umgekehrt proportional zum Können der Schülerinnen.