UDO REITER

Gestatten, dass ich sitzen bleibe

MEIN LEBEN

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0565-0

Aufbau Digital

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg unter Verwendung eines Fotos von Milena Schlösser

Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

»Arschlings Riggebach«

Gotteskind

»Benimm dich, sonst kommt der Schlauch«

Der Bruder vom Reiter

Singe, wem Gesang gegeben

»Kein Wunder, dass du ein Monster geworden bist«

»Die bessern Leit«

»Wenn das stimmt, ist mein Weltbild falsch«

Hinten weit in der Türkei

Rohtraut, Schön-Rohtraut

Nie wieder laufen

The Krüppel Brothers

In memoriam Dr. Maximilian Schäfer

Jakob van Hoddis

Smith & Wesson, 38-er spezial

»Doktoressa, helfen Sie!«

»Im Abendstudio hören Sie …«

»Sind wir zu negativ?« – Überlegungen zum Journalismus

Ein Spritzer rotes Gift

»Pferde auf der Fahrbahn«

Der Mann von der Frau Lehrer

Franziska Gustava

Rollstuhlgeschichten

Der Kuss des Maestros

Deutschland, einig Vaterland

Ein dreifaches Dilemma

Vergleichende Angebote

Das mongolische Sandwich - vom Reisen im Rollstuhl

Der Kirchturm von Gottscheina

Vom Provisorium zum ARD-Vorsitz

Die Wunder von Rom

Die Nacht von Magdeburg

Vom Schlachthof zum Medienzentrum

Digitale Revolution

Schwachstellen

»Der ewige Intendant«

Mohammed Mustafa

»Dein Leib ist abgebrauchet«

Zwischen Innovation und Korruption

»Ein Skandal folgt auf den nächsten«

»Reiter feuert Merkel«

»A man should know when to leave the party …«

»Wir alle fallen. Diese Hand da fällt«

Der König ist tot, es lebe der König

Bildnachweis

Personenregister

Am Nikolausabend 1966 habe ich mir das Kreuz gebrochen. Ich war in meinem alten VW-Käfer unterwegs von Pfaffenhofen an der Ilm, wo ich den Onkel Hans besucht hatte, zurück nach München, wo ich damals studierte. Die Straße geht durch einen Ort namens Reichertshausen. Es gibt dort eine Milchfabrik, und in jener Nacht gab es noch etwas: Blitzeis.

Wie es genau passiert ist, weiß ich nicht. Ich erwachte am nächsten Tag im Kreiskrankenhaus in Pfaffenhofen und wunderte mich, dass so viele Leute um das Bett standen: der Onkel Hans, die Tante Berta, mein Cousin Alfons, gut, die waren aus Pfaffenhofen, aber da standen auch mein Vater und meine Mutter und meine Freundin und mein Bruder, und alle sahen mich so komisch an. Ich habe gemurmelt: »Oh, die ganze Bagage!« und war dann wieder weg. Das nächste Mal wachte ich in München auf, im Klinikum rechts der Isar. Man versuchte gerade, mich auf einem Röntgentisch aufzusetzen, was mir fürchterlich weh tat. Der Grund für die Schmerzen wurde mir später klar: Es war das gebrochene Rückgrat.

Nach und nach gingen mir die Folgen dieses Nikolaustags auf: Ich war vom fünften Brustwirbel abwärts querschnittgelähmt. Ich würde nie mehr laufen können, ein Krüppel im Rollstuhl, und das mit dreiundzwanzig Jahren. Kein Studienabschluss, kein Beruf, keine Perspektive. Nicht gerade die Pole-Position.

»Arschlings Riggebach«

Dabei hatte es gar nicht so schlecht angefangen. Am 28. März 1944 kam ich in Lindau, einer idyllischen kleinen Insel im Bodensee, auf die Welt. Mein Vater war Flugzeugmechanikermeister und arbeitete bei Dornier in Friedrichshafen. Weil die Produktion von Flugzeugen als kriegswichtig galt, musste er nicht an die Front und überlebte den Krieg unbeschadet. In Lindau hat man vom Krieg wenig mitbekommen. Die Häuser haben gezittert, wenn Bomben auf das sechsundzwanzig Kilometer entfernte Friedrichshafen fielen. Dann gingen die Sirenen, meine Mutter packte mich in den Kinderwagen und rannte mit mir in den Wald, der gleich hinter unserer Wohnung begann. Das war alles.

Als der Krieg vorbei war, war ich ein Jahr alt. Es begann eine Kindheit in »Riggebach«. Dieses Rickenbach war ein Dorf auf dem Festland im Westen von Lindau nahe der Grenze zu Österreich. Keine feine Gegend. Ein paar Bauernhöfe, ein Fabrikgelände, ein Lebensmittelhändler, der Schuhmacher Taubenberger, der Bäcker Hechelmann und später Werkswohnungen der neu gegründeten Lindauer Dornierwerke. Dort, im Mühlweg 10, wohnten wir. Wenn es beim Skatspielen schlecht lief, sagten die Lindauer: »Es geht arschlings Riggebach.«

Gleich nach dem Krieg – den Flugzeugbau in Friedrichshafen gab es nicht mehr – hat mein Vater bei den Albau-Werken in Lindau-Reutin in der Kemptener Straße angefangen. Das war eine Klitsche, die aus dem Rest-Aluminium der nationalsozialistischen Flugzeugproduktion Paddelboote und Kochtöpfe herstellte. Das Geschäft muss schlecht gegangen sein, mein Vater kam am Ende des Monats oft ohne Geld nach Hause. Dafür bekam er ein paar Aluminiumtöpfe. Mit denen fuhren wir samstags zum »Hamstern«. Er setzte mich in den Kindersitz auf seiner Fahrradstange und radelte mit mir das Bodenseeufer hinunter: Wasserburg, Langenargen, Nonnenhorn. Wir klapperten die Bauernhöfe ab, und wenn wir Glück hatten, tauschten die Bauern die Töpfe gegen ein paar Äpfel oder einen Sack Kartoffeln. Damals habe ich die ersten Kirschen meines Lebens bekommen. Auf dem Heimweg habe ich sie vorn auf dem Fahrrad aus einem Körbchen heraus gegessen und die Kerne auf die Straße gespuckt. Zu Hause hatte ich Bauchweh.

Im Mühlweg liefen damals schnurrbärtige dunkelhäutige Männer herum: Marokkaner. Lindau war französische Besatzungszone. Das DKW-Motorrad, das mein Vater in den fünfziger Jahren gebraucht kaufte, hatte das Nummernschild »FBy 1099«. FBy hieß französische Besatzungszone Bayern. Die Hausfrauen im Mühlweg hatten Angst vor den Marokkanern. Nur die Frau Nagengast nicht. Die ließ sich mit einem ein und taufte ihre Tochter dann Yvonne. Sie wurde daraufhin von den anständigen Rickenbacherinnen gemieden.

Es gab wenig zu essen in den Nachkriegsjahren. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie manchmal in der Nacht aufgestanden sind, um die Kartoffelschalen vom Vortag nochmals aufzukochen und als Suppe zu essen. Wenn ich das heute erzähle, lacht mich meine Tochter immer aus und sagt, ich würde Sozialkitsch verbreiten. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es so war. Meine Eltern haben sich das bestimmt nicht ausgedacht. Ende des Monats schickte meine Mutter meist mich zum Einkaufen. Einem Kind kann man kein Geld mitgeben, hieß es dann. Beim Zacher, dem Gemischtwarenhändler, konnte man anschreiben lassen: Brot, Zucker, Nudeln und gelegentlich Camelia. Das waren blaue Schachteln, auf denen ein merkwürdiger Spruch stand: »Camelia gibt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen«. Wenn ich fragte, was denn da drin sei, hieß es nur: »Das ist nichts für Kinder«. Aufklärung war damals noch nicht en vogue.

Die Albau-Werke waren inzwischen eingegangen. Mein Vater hatte eine neue Arbeit gefunden, bei der Lindauer Dornier GmbH, die sich nach dem Krieg in Rickenbach angesiedelt hatte. Die Firma gehörte Peter Dornier, dem zweitältesten der sieben Söhne des legendären Flugzeugbauers. Er versuchte sich mit Textilmaschinen und kooperierte dazu mit dem Chemnitzer Unternehmer Haubold, einem Nachfahren von Carl Gottlieb Haubold, dem »Vater des Chemnitzer Maschinenbaus«. Unser Haubold hatte mit seinen drei Töchtern nach 1945 die Sowjetische Besatzungszone verlassen und war nach Lindau umgesiedelt. Die schon etwas ältlichen Haubold-Damen wohnten in der sogenannten Villa, dem feinsten Haus in Rickenbach. Durch markante Kleidung, für Rickenbacher Verhältnisse ungewöhnliches Make-Up und einen dicken Opel-Kapitän, in dem sie durch die Gegend kutschierten, trugen sie zur optischen Aufwertung des Dorfes bei. Mit dem Haubold’schen Know-how wurde das neu gegründete Unternehmen im Lauf der Jahre zu einem weltweit erfolgreichen Produzenten von Webstühlen und Webmaschinen. Mein Vater fing 1950 dort als Werkmeister an. Er bekam zweihundert Mark pro Monat, und das regelmäßig. Es ging langsam aufwärts. Auf die Einkaufsliste kamen jetzt Butter, Leberwurst und gelegentlich »Südtiroler Sonnenschein«. Das war ein dünner Rotwein, die Literflasche um 1,75 DM. Dieser Exzess sprach sich herum, und mein Vater kam bei den Mühlweg-Leuten in den Ruf eines Gourmets.

Neben unserem Haus befand sich die Dornier-Kantine. Dort musste ich abends oft eine Flasche Bier holen. In der Kantine war auch das einzige Telefon im ganzen Mühlweg. Wenn beispielsweise jemand krank war und man den Dr. Klose rufen musste, ging man dorthin. Das war aber selten der Fall. Herr Weber, der Kantinenpächter, hatte riesengroße buschige Augenbrauen, wie ich sie später nur noch bei Theo Waigel gesehen habe. Er hat immer eine Sau gehalten und die dann selbst in der Waschküche geschlachtet. Wir Mühlweg-Kinder, der Herbst Helmut, der Spieß Oskar, der Dossenberger Walter und ich, durften dabei zuschauen. Es war gruselig. Der Weber hat der Sau mit der umgekehrten Axt mehrmals auf den Schädel gehauen. Sie hat gequiekt, bei jedem Schlag weniger, bis sie schließlich platt auf dem Boden lag. Dann hat er ihr mit dem Messer den Hals aufgeschnitten und das Blut in einen Kübel laufen lassen. Unter pädagogischen Gesichtspunkten war das sicher nicht einwandfrei. Aber damals war man noch nicht so weit.

Die Milch brachte tagtäglich der Häckelsmüller, ein mürrischer, wortkarger Mann mit eckigem Gesicht. Auf seinem Leiterwagen zog er drei große Milchkannen aus Weißblech hinter sich her. Die Frauen kamen dann mit ihren Milchkrügen aus den Häusern, unserer war weiß mit blauen Punkten, und ließen sich die Milch mit einer Schöpfkelle in den Krug füllen.

Kartoffeln und Briketts wurden später von Dornier organisiert. Sie kamen in Waggons auf das Werksgelände, wurden dort in Säcke gefüllt, nach Hause gekarrt und im Keller eingelagert. Einmal waren die Kartoffeln miserabel. Viele grün, andere mit faulen Stellen. Als sich mein Vater, der im Betriebsrat war, beim Lieferanten beschwerte, meinte der nur: »Sie werns scho fressn.« Die Position der Verbraucher war damals noch schwach. Wenn der Winter besonders kalt war, erfroren die Kartoffeln und schmeckten dann unangenehm süß. Aber es half nichts, sie kamen auf den Tisch, und was auf den Tisch kam, wurde gegessen. Weggeworfen wurde nichts, vor allem kein Brot. Das geht mir heute noch nach. Wenn ich frisches Brot kaufe, habe ich ein Problem damit, das alte zu entsorgen. Ich esse es lieber auf und lasse das neue alt werden. Anderen Kriegskindern soll es ähnlich gehen.

Einmal in der Woche, am Sonntag, gab es jetzt Rindfleisch vom Metzger Lettmeier in Lindau-Reutin. Es brutzelte den ganzen Samstag in einem gusseisernen Topf vor sich hin. Sonntags nach der Kirche kam es zum obligatorischen Kartoffelsalat auf den Tisch. Der Kartoffelsalat meiner Mutter hat sich von allen anderen Sorten, die ich im Lauf meines Lebens noch essen sollte, unterschieden. Ganz dünn geschnittene Kartoffeln (»Heiß geschnitten ganz allein, kann der Salat geschmeidig sein«, sagte die Oma), Pfeffer, Salz, Zwiebeln, Essig, Öl und heißes Wasser. Sonst nichts. Keine Äpfel, kein Speck, keine Gürkchen, keine Mayonnaise. Mutters Kartoffelsalat ist bis heute das Einzige, was ich selber kochen kann. Er schmeckt prima, und ich habe schon viel Lob dafür geerntet. Es gab Leute, die mich nur deswegen besucht haben. Kati Witt zum Beispiel. Ich hatte ihr auf irgendeiner Medienparty von meiner einschlägigen Kochkunst erzählt. Sie besuchte mich dann mit ihrer Managerin und brachte als Gegenentwurf einen sächsischen Kartoffelsalat ihrer Mutter mit. Wir haben einen Geschmacksvergleich gemacht. Ihrer war auch nicht schlecht.

Am Sonntagmittag im Mühlweg bekam ich auch ein kleines Stück vom Rindfleisch. Montags gab es für den Vater den Rest vom Braten. Überhaupt war es damals selbstverständlich, dass der Vater etwas anderes zum Essen bekam als Frau und Kinder. Abends kriegte er meist ein Stück Käse und ein paar Scheiben Wurst, dazu die Flasche Bier aus der Kantine. Meine Mutter und ich, später auch mein Bruder, haben Griesbrei oder gekochte Kartoffeln gegessen.

Die Kinder im Mühlweg waren trotzdem – vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden. Ich hatte Eltern, ein eigenes Zimmer, eine Oma und sogar Spielzeug. Der Schreiner Schmid, der mit seiner Frau und vier Töchtern unter uns wohnte, hat mir einmal ein Lastauto aus Holz gezimmert. Und dann gab es noch einen unförmigen schwarzen Teddybär, den ich immer mit ins Bett nahm. Im Sommer haben wir im Wald »Räuber und Gendarm« gespielt, Fuchslöcher untersucht, Feuerchen gemacht, Baumbuden gebaut und im Rickenbach mit der Hand Forellen und Krebse gefangen. Doktorspiele gab es natürlich auch. Die Kinder auf dem Dorf mögen in der Sexualtheorie den Stadtkindern ja nachhinken. Was die praktische Aufklärung betrifft, sind sie meist weiter. Da sieht man einiges bei den Kühen und bei den Hühnern. Und da gab es die Schmid Irmtraud, die Wannagat Gisela, die Dossenberger Martha und die Nagengast Wonni. Die Angst, bei unseren Treffen unter der Treppe oder auf dem Dachboden von Erwachsenen erwischt zu werden, war groß. Das heutige Verständnis für kindliche sexuelle Neugier war damals unvorstellbar. Es hätte härteste Strafen gesetzt. Wahrscheinlich hat der Reiz des strikt Verbotenen die Sache noch interessanter gemacht. Vor allem die Schmid Irmtraud, die direkt unter uns wohnte, war fast so etwas wie meine feste Freundin. Dreißig Jahre später – wir hatten uns längst aus den Augen verloren – habe ich gehört, dass sie ihren Sohn Udo getauft hat. Das fand ich rührend. Offenbar hat sie ihre Kindheit im Mühlweg auch nicht vergessen.

Gotteskind

Damals hatte ich allerdings ein spezielles Problem, das mir in den kommenden Jahren noch sehr zu schaffen machen sollte. Es war, wenn man so will, ein theologisches Problem. Mein Vater war überaus fromm. Ein redlicher Mann, rechtschaffen, fleißig, angesehen – aber mit einem schweren Schlag ins Pietistisch-Sektiererische. Ein Homo religiosus. Schon als junger Mann war er in die Neuapostolische Kirche eingetreten, eine protestantische Erweckungsbewegung, die um 1830 in England entstanden war und deren Apostel ihre Anhänger auf das zweite Kommen Jesu vorbereiten wollten. Mein Vater nahm das sehr ernst. Er war Gemeindeevangelist und hat regelmäßig gepredigt. Unter anderem hat er die Botschaft eines sogenannten Stammapostels verkündigt, der fest davon überzeugt war, dass der Herr Jesus zu seinen Lebzeiten wiederkommen und seine Gemeinde direkt in den Himmel heimholen würde. Dreimal pro Woche gingen wir in die Kirche, zweimal am Sonntag, vormittags und nachmittags, einmal am Mittwoch, abends. Jahr für Jahr. Am Sonntag liefen wir zu Fuß von Rickenbach nach Aeschach, wo die Kirche stand, zweimal hin, zweimal zurück, insgesamt etwa fünfunddreißig Kilometer. Am Mittwoch traf man sich im Wohnzimmer bei Rehkuglers in Oberhochsteg, das waren dann nur fünf Kilometer. Das mit dem unmittelbar bevorstehenden Kommen Jesu klingt für Außenstehende vielleicht etwas unwahrscheinlich, aber wir haben diesen Glauben von klein auf eingetrichtert bekommen, und ich war bis in die Pubertät hinein fest von meiner bevorstehenden Himmelfahrt überzeugt. Meinem Freund Jürgen Müller wollte ich noch mit vierzehn Jahren im Gymnasium klarmachen, dass nach der Offenbarung des Johannes einhundertvierundvierzigtausend Auserwählte demnächst direkt in den Himmel entrückt würden und dass er doch unbedingt die Chance ergreifen solle, bei diesem Ereignis dabei zu sein. Er sah mich damals sehr merkwürdig an. Aber ich greife vor.

Die anderen Kinder im Mühlweg waren evangelisch. Ich habe mich als kleiner Junge in meiner religiösen Sonderrolle unwohl gefühlt. Einmal sagte ich zu den anderen Kindern, was mein Vater mir beigebracht hatte: »Ich bin ein Gotteskind.« Darauf sagte die Schmid Rosmarie: »Ja, meinst du denn, wir sind Elefantenkinder?« Das hat mich sehr irritiert. Als ich noch nicht zur Schule ging, haben mich meine Eltern, wenn sie am Mittwoch Abend in die Kirche gegangen sind, immer ins Bett gebracht und allein gelassen. Einmal bin ich wach geworden und habe vor Angst aus dem Fenster gebrüllt. Ich dachte, jetzt sind sie in den Himmel gekommen und haben mich nicht mitgenommen. Unten kamen Schmids aus dem Haus gelaufen und riefen nach oben: »Die kommen doch wieder!« Da war ich still.

Auch zu Hause wurde viel gebetet, nach dem Aufstehen, vor dem Schlafengehen, vor dem Essen. Am Samstagabend saß man in der Küche, und der Vater las vor – aus der Bibel oder aus der »Wächterstimme«, einem neuapostolischen Kirchenblättchen, das früher einmal »Wächterstimme Zions« geheißen hatte, aber in der NS-Zeit titelbereinigt wurde. Noch heute höre ich seine Stimme, und bis heute kann ich schwer ertragen, wenn mir jemand etwas vorliest. Vaters Frömmigkeit war verbunden mit einer militanten Lustfeindlichkeit. Ich durfte zum Beispiel nicht auf den Jahrmarkt und nicht ins Kino. Das hielt er für Teufelswerk. Einmal war in Reutin ein Radrennen. Da wollte ich hin zuschauen. Mein Vater rief mich in die Küche, schaute mich ernst an und fragte, ob ich nicht wüsste, wo der zwölfjährige Jesus hingegangen sei: »In den Tempel, nicht zum Radrennen.« Ich bin trotzdem hingegangen, aber mit sehr schlechtem Gewissen.

Meine Mutter war weniger fromm, aber sie hat dem religiösen Wahn ihres Mannes keinen Widerstand geleistet. So etwas war damals nicht vorstellbar. Sie war Hausfrau. Sie kümmerte sich darum, dass das Essen mittags und abends pünktlich auf dem Tisch stand, immer zehn Minuten nach dem Sirenensignal, das bei Dornier die Mittagspause oder den Feierabend ankündigte. Sie sorgte für eine saubere Wohnung, saubere Wäsche und saubere Kinder. Und dass es dem Mann gut ging. Ein übliches deutsches Frauenleben im Kleinbürgermilieu der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ins Leere laufen ließ sie ihn manchmal trotzdem. Und behutsam korrigiert hat sie ihn auch. Das war möglich. In der Neuapostolischen Kirche war es zum Beispiel Pflicht, zehn Prozent des Einkommens in den Opferkasten zu legen, also der Kirche zu spenden. »Den Zehnten«, wie es im Alten Testament hieß. Verwaltet hat das gesamte Geld bei uns meine Mutter, sie war also auch für das »Opfer« zuständig. Ich bin ziemlich sicher, dass sie diesen Zehnten nur offiziell in den Opferstock legte und in Wirklichkeit regelmäßig ein paar Mark für die Familie abzweigte. Als ich sie viele Jahre später einmal danach gefragt habe, ist sie rot geworden.

»Benimm dich, sonst kommt der Schlauch«

Auch in der Kindererziehung waren sich meine Eltern nicht immer einig. Dass damals streng erzogen wurde, auch mit Schlägen, war selbstverständlich. Das galt in der Familie ebenso wie später in der Schule. Aber was die Intensität der Strafaktionen betraf, war meine Mutter deutlich zurückhaltender und fiel dem Vater gelegentlich in den Arm, und zwar buchstäblich. Wenn ich etwas angestellt hatte, hat mein Vater vom Küchenschrank ein Stück Gartenschlauch genommen, das eigens zu diesem Zweck dort aufbewahrt wurde, und mich damit durchgehauen. »Benimm dich, sonst kommt der Schlauch«, war eine feste Redewendung bei uns. Auch wenn man die Wirkung von Abschreckung in der modernen Strafrechtsdiskussion bestreitet, glaube ich schon, dass die Schlauchandrohung manche Untat präventiv verhindert hat. Wir waren jedenfalls ziemlich brave Kinder. Wenn es zu einer Bestrafung kam, hat mein Vater mich meist übers Knie gelegt und auf den Hintern geschlagen. Zu seiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass es immer einen Grund dafür gab. Entweder ich war frech, oder ich hatte mutwillig etwas kaputt gemacht. Einfach drauflosprügeln, wie es in anderen Familien vorkam, vor allem wenn die Väter betrunken waren, das wäre mit seinem protestantischen Ethos nicht vereinbar gewesen. Einmal, das war der schwerste Fall, hat er mich am Arm gepackt und mit dem Schlauch auf meine Rückseite eingeschlagen. Ich habe gebrüllt und bin an seiner Hand im Kreis herumgelaufen. Er schlug weiter, immer noch eine Runde, bis ich so grün und blau war, dass ich danach eine Woche lang nicht zum Schwimmen gehen konnte. Das ging sicher ein bisschen weit, aber meine »Tat« war auch nicht ohne: Es war Sonntag Vormittag, man war wie üblich in der Kirche, aber aus irgendeinem Grund, vielleicht waren zu wenig Plätze da, musste ich diesmal draußen bleiben und die eineinhalb Stunden warten, bis der Gottesdienst vorbei war und die Eltern wieder herauskamen. Mir war langweilig, und ich begann aus den zahlreichen Fahrrädern, die die Glaubensbrüder vor der Kirche abgestellt hatten, die Luft abzulassen. Das hat so schön gepfiffen. Aber dann war mir immer noch langweilig, und ich habe – der Teufel muss mich geritten haben – die Ventile aus den Fahrradreifen herausgedreht und sie im hohen Bogen weggeworfen. Als die Gläubigen schließlich aus der Kirche herauskamen und nach Hause radeln wollten … Ich muss nicht weiter erzählen.

Auch sonst hat mein Vater mitunter ungewöhnliche Erziehungsmethoden angewandt. Einmal – an das Delikt kann ich mich nicht mehr erinnern – sollte ich des Hauses verwiesen werden. Das war natürlich nicht ernst gemeint, aber mit meinen vier oder fünf Jahren habe ich es geglaubt. Weil mein Vater auf die Schnelle die Hosenträger nicht gefunden hat, hat er mir die Hose mit einem Strick zugebunden und mich los geschickt. Ich kann mich noch heute erinnern, was er dabei sagte: »Geh fort. Dann bist du ein armes Waisenbüble, hast keine Mama und keinen Papa mehr, alle schubsen dich weg, keiner will dich.« Mir sind die Tränen die Wangen runtergelaufen, bis schließlich meine Mutter eingegriffen und mit einem energischen »Schluss jetzt!« dem Ganzen ein Ende gesetzt hat.

Ich weiß, dass man solche pädagogischen Bemühungen heute eher skeptisch beurteilt und dass es vor allem gegen körperliche Züchtigung ernsthafte Einwände gibt. Ich habe meine eigene Tochter auch anders erzogen (wenn überhaupt). Es ist leicht, sich heute vom hohen Ross des aufgeklärten Intellektuellen über die früheren Methoden zu entrüsten, und ich will sie auch nicht verteidigen, aber manchmal frage ich mich schon, wenn ich die Ergebnisse unserer liberalen Erziehung sehe, ob der heutige pädagogische Hochmut wirklich so berechtigt ist. Wir wussten als Kinder immerhin, was gut und was schlecht war, was man tun durfte und was nicht. Und dass es Konsequenzen hat, wenn man die Grenzen des Erlaubten überschreitet. Zumal, das darf man nicht übersehen, die Härte ja nur eine Seite dieser Erziehung war. Die andere Seite war Fürsorge, Zuständigkeit und Verlässlichkeit. Wir wussten, wo wir hingehörten und dass man im Ernstfall für uns da war. Dass dabei etwas mehr Zärtlichkeit und offen gezeigte Zuneigung nicht geschadet hätte, will ich gern einräumen. Ich kann mich beispielsweise nicht erinnern, dass meine Mutter mich je geküsst oder auch nur in den Arm genommen hätte. Auch dass meine Eltern sich einmal umarmt hätten, habe ich nie gesehen. Das galt im pietistischen Arbeitermilieu dieser Zeit als unangemessene Frivolität.

Dennoch hatte auch die strenge Religiosität meines Vaters, die in ihrer Engherzigkeit und Verbohrtheit weiß Gott abschreckend war, ihre positiven Seiten. Ich bin zum Beispiel ziemlich bibelfest, und diese Bibel ist ein wunderbares Buch, das, von jeder Religiosität abgesehen, zu Recht zum kulturellen Erbe der Menschheit gehört. Die Begegnung mit diesem Kulturerbe verdanke ich der bornierten religiösen Zwangsausübung meines frommen Vaters – den vielen Samstagabend-Lesungen am Küchentisch und den endlosen Predigten in seiner Kirche. Noch heute wundern sich Leute, die das nie bei mir erwarten würden, über meine guten Bibelkenntnisse. (Zum Glück in der alten Luther-Übersetzung!) Aber auch darüber hinaus: Ich kann nicht finden, dass mir das enge religiös-moralische Korsett, in dem ich aufgewachsen bin, geschadet hat. Allein die Möglichkeit, als Jugendlicher diese Fesseln zu sprengen, als Gymnasiast Nietzsche zu entdecken und das Christentum in gymnasialem Überschwang als Sklavenreligion zu enttarnen, war die Mühe der religiösen Erziehung wert. Ich bin meinem Vater jedenfalls im Nachhinein eher dankbar für das, was er an mir getan hat. Und manchmal frage ich mich, ob ich mein späteres Schicksal ohne diese drakonische Erziehung genau so bewältigt hätte.

Der Bruder vom Reiter

Zurück in den Mühlweg. Weihnachten 1949. Irgendetwas kündigte sich an. Als ich am Weihnachtsmorgen wach wurde, war nur mein Vater da. Der geschmückte Baum stand im Wohnzimmer. Wo ist denn die Mama? »Wir fahren in die Stadt«, war seine Antwort. Ich wusste nicht, was das sollte, und war vollkommen verwirrt. Zwar hatte man mir seit einiger Zeit ein merkwürdiges Gebet beigebracht: »Lieber Gott, schenk mir doch ein Brüderchen«, aber dass das so konkret würde und noch dazu an Weihnachten, wer sollte das voraussehen. Langsam bekam ich mit, was passiert war: Das Gebet war erhört worden. Im Elisabethenheim auf der Insel kam am 25. Dezember mein Bruder auf die Welt. Roland sollte er heißen. Äußerst problematisch wurde es, als er ein paar Tage später nach Hause in den Mühlweg geholt wurde. Alle waren da, Vater, Mutter, Oma, Opa, und standen um den Neuankömmling herum. Ich hockte unterm Küchentisch und dachte: »Das wars, jetzt ist es vorbei. Jetzt kümmern sie sich bloß noch um den.« Das war die erste Erfahrung von Verlassensein in meinem jungen Leben. Es kam dann aber doch nicht ganz so schlimm. Ich habe zu meinem Bruder, der heute ein angesehener Orthopäde in Österreich ist, ein sehr herzliches Verhältnis und bin froh, dass er da ist. Seine Tochter Veronika ist mein Patenkind.

Wir haben uns viele Jahre ein Zimmer geteilt, das keinen Wasseranschluss hatte und nicht zu heizen war. Im Winter waren morgens immer Eisblumen an den Fensterscheiben, in die man ein Loch hauchen konnte. Wir trugen kurze Hosen und lange braune Wollstrümpfe, die mit Gummibändern an einem Leibchen gehalten wurden. Die Schuhe wurden beim Schuster Taubenberger gekauft. Ich bekam die neuen, mein Bruder musste sie auftragen. Das war nicht der einzige Nachteil, der ihm aus der Tatsache erwuchs, dass ich fünf Jahre älter war. Ich habe meinen Alters- und Kompetenzvorsprung offenbar auch hierarchisch eingesetzt und den Jüngeren mit Dominanzansprüchen gequält. Das ist einmal so weit gegangen, dass er empört ein Brotmesser nach mir geworfen und meinen Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlt hat. Im Gymnasium, das hat er mir viele Jahre später gestanden, hat es ihn verletzt, wenn die Lehrer zu ihm sagten: »Ach, Sie sind der Bruder vom Reiter.« Er wollte natürlich selber der Reiter sein. Aber das ist alles überstanden, und gelegentlich hat er auch von mir profitiert. So habe ich bei unserem Vater fraglos Eisbrecherarbeit geleistet. Viele Vergehen, die bei mir noch zu Zornesausbrüchen und Strafaktionen führten, hat er ihm schon durchgehen lassen. Einmal hatte ich zum Beispiel eine Fünf in Mathematik. Zwei Tage lang habe ich mich nicht getraut, es ihm zu gestehen. Als ich mich endlich aufraffte, stand er gerade vor dem Küchenspiegel und hat sich rasiert. Er war über die Mitteilung so erschrocken, dass er sich mit dem Rasiermesser in den Hals schnitt. Ich sehe noch heute vor mir, wie das rote Blut über den weißen Rasierschaum herunterlief. »Ich habs ja geahnt«, rief er, »das konnte nicht gut gehen!« Am nächsten Tag ging er zu Herrn Neumerkl, dem Mathematiklehrer, in die Sprechstunde und wollte mich vom Gymnasium nehmen, weil ich doch offensichtlich ungeeignet sei. So etwas hat er bei meinem Bruder nicht mehr gemacht. Oder die religiösen Dispute, als ich langsam lernte, wie man sein christliches Weltbild mit gezielten naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragen attackieren konnte. Einmal wurde er dabei so wütend, dass er sich zu dem Ausruf hinreißen ließ: »Es reut mich, was ich Haar auf dem Kopf hab, dass ich dich zu denen hineingeschickt hab.« Diese Fundamentalkritik an der gymnasialen Ausbildung gab es bei Roland auch nicht mehr. Seinen Frieden hat er aber auch nicht mit ihr gemacht. Als mein Vater einmal zufällig davon hörte, dass Goethe mit über siebzig noch eine Beziehung zu der jungen Ulrike von Levetzow anfing, sagte er verächtlich: »Neben so einen würde ich mich als gewöhnlicher Prolet nicht hinstellen.« Auch die tief sitzende Wissenschaftsfeindlichkeit gläubiger Menschen, die durch wissenschaftliche Argumentation instinktiv ihr religiöses Weltbild gefährdet fühlen, war bei ihm lebenslang spürbar. Sie äußerte sich mitunter in kuriosen Kleinigkeiten. So hing in einer Dornier-Werkshalle der Spruch »Nach unseren Berechnungen dürfte die Hummel nicht fliegen. Aber sie fliegt doch!« Diesen Satz zitierte er oft und gern als Beweis für die Unzuverlässigkeit wissenschaftlichen Denkens und die Existenz tiefer liegender Wahrheiten. Wenn ich dann sagte, »Wahrscheinlich haben sie nur falsch gerechnet«, konnte er sehr ärgerlich werden. Auch wenn der Wetterbericht im Radio nicht ganz richtig lag, empfand er das als Bestätigung für sein Weltbild. »Wenn sie doch wenigstens zum Fenster hinausschauen würden!«, sagte er dann höhnisch. Aber der Reihe nach.

Singe, wem Gesang gegeben

Als mein Bruder auf die Welt kam, wurde ich sechs. Das hieß, ich kam in die Schule. Die Volksschule für die Rickenbacher Kinder war im Lindauer Stadtteil Reutin, ungefähr sechs Kilometer von Rickenbach entfernt. Natürlich wurde gelaufen. Hin und zurück, im Sommer und im Winter, je eine gute halbe Stunde. Meist ging ich zusammen mit dem Zacher Roland und dem Spieß Oskar, das hatte dann wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert. Die Mädchen gingen separat, die frühere Nähe war inzwischen einer gewissen Entfremdung gewichen. Sie waren jetzt blöde Dinger, die man höchstens noch an den Zöpfen ziehen konnte.

An den ersten Schultag erinnere ich mich noch genau. Er hat mich fast für mein Leben traumatisiert. Dabei fing es gut an. Die Lehrerin hieß Fräulein Klingler und machte einen resoluten mütterlichen Eindruck. Sie erzählte uns, was wir nun alles lernen würden. Das klang vielversprechend, bis sie plötzlich verlangte, dass jetzt jeder Einzelne etwas vorsingen sollte. Mir schoss das Blut in den Kopf. Das war das Ende! Ich konnte absolut nicht singen. Alles, was aus meiner Kehle kam, war Missklang. Und meine Eltern, pädagogisch feinfühlig, hatten mir das bei jeder Gelegenheit eingebläut. Man kann sich das heute, wo auf Kinder und ihre Stärken und Schwächen meist liebevoll eingegangen wird, nicht mehr recht vorstellen. Aber ich geriet damals in Panik und dachte wirklich, dass das Fräulein Klingler mich jetzt gleich empört unter dem Hohngelächter der anderen vor die Tür jagen würde. Gerettet hat mich nur die Größe der Klasse. Wir waren fünfundvierzig Kinder, und die Zeit reichte nicht zum Vorsingen für alle. Aber der Schreck saß tief, und das Singen ist bis heute eine Schwachstelle in meinem Leistungsspektrum und in meiner Psyche. Die Tatsache, dass ich es trotzdem laut und gern tue, kann ich mir nur als Versuch einer Überkompensation erklären.

Natürlich gab es auch schönere Erlebnisse in der Reutiner Volksschule. Da war zum Beispiel ein kleines sanftes Mädchen, das Marion Brockhaus hieß. Sie trug meist eine gestrickte hellgraue Trachtenjacke mit einem roten Rand und silbernen Knöpfen. Ich war furchtbar in sie verliebt, das erste Mal in meinem Leben. Die Marion wohnte in Lindau-Zech. Das war, wenn man nach Rickenbach musste, ein ziemlicher Umweg. Aber ich begleitete sie, wann immer es ging, nach Hause. Das heißt, ich lief verlegen neben ihr her. Viel zu bieten hatte ein siebenjähriger Bub damals nicht. Ich pflückte immer Haselnüsse, machte sie auf und brachte ihr die Kerne mit. Wenn sie mich dann anlächelte und die Nusskerne aß, war ich glücklich. Ihre Familie ist schon kurz darauf aus Lindau weggezogen, und ich habe sie aus den Augen verloren. Einige Jahrzehnte später bin ich ihr dann in Leipzig wiederbegegnet. Nicht zufällig. Sie war nämlich nicht irgendeine Marion Brockhaus, sondern eine Nachfahrin des berühmten Leipziger Enzyklopädie-Verlegers Heinrich Brockhaus. Nach der Wende besuchte sie die Stadt ihrer Väter und hat 2004 zusammen mit ihrem Mann, dem Kunsthändler Hans-Peter Bühler, dem neu erbauten Leipziger Bildermuseum einundvierzig Bilder französischer Maler geschenkt, darunter Werke von Delacroix, Degas und Monet. Ich habe ihr bei dieser Gelegenheit meine frühe Liebe gestanden. Sie war gerührt, konnte sich aber an die Haselnüsse nicht mehr erinnern. In der Eingangshalle des Leipziger Bildermuseums gibt es ein großes Mosaik mit den Portäts der Stifter. Dort kann man sie sehen.

Meine musikalische Karriere wurde später im Gymnasium mit dem Musikunterricht bei Alfred Kuppelmayer fortgesetzt, einem begabten Musiker, der auch selbst komponierte. Seine »Frühlingkantate« wurde sogar vom Süddeutschen Rundfunk produziert. Bei Alfred Kuppelmayer hatten wir Musikgeschichte und Kompositionsunterricht. Das lag mir. Ich schrieb mehrere Einser. Sie sollten mir aber nichts helfen. Studienrat Kuppelmayer ließ mich am Ende des Jahres zu sich kommen und sagte, dass er mir nach Zensurlage eigentlich eine Eins geben müsste, dass sich in ihm aber alles sträube, jemandem, der so falsch singe, eine solche Musiknote ins Abschlusszeugnis zu schreiben. Ob ich nicht auch mit einer Zwei einverstanden wäre? Ich dachte an Fräulein Klingler und mein damaliges Glück und sagte Ja.

Dabei war meine Familie durchweg musikalisch, alle spielten ein Instrument. Mein Bruder Fagott, meine Mutter Harmonium und mein Vater – jawohl, Zither. Irgendwann in seiner Jugend muss es da fröhliche Abgründe gegeben haben. Und manchmal, ganz selten, wenn die Stimmung besonders günstig war, konnten wir ihn dazu bewegen, das Instrument vom Dachboden zu holen und uns etwas vorzuspielen. Er hat dann mit merkwürdig versonnenem Blick die Zither erst endlos lang gestimmt – und dann tatsächlich gespielt, und zwar ein Repertoire, das kein Mensch bei ihm vermutet hätte: das Kufsteiner Lied, des Försters Töchterlein, den Königsjodler und einiges mehr aus dieser Ecke. Ich halte dieses Liedgut meines Vaters noch immer in Ehren. Mein Freund Thomas Gruber, der ehemalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, hat mich dabei in den letzten Jahren nach Kräften unterstützt. Immer im April, wenn wir uns bei den Bozener Filmfestspielen in Südtirol trafen, haben wir zum Abschluss einen Abend mit den Kollegen von der RAI und vom Studio Rom eingeplant. Wir sind dann zur Mali, einer Südtiroler Bergbäuerin, hinaufgefahren und haben bis spät in die Nacht mit ihr gesungen: »Tirol, Tirol, Tirol, du bist mein Heimatland, weit über Berg und Tal das Alphorn schallt«.

Zu den musikalischen Vergnügungen meines Vaters hat gepasst, dass wir irgendwann Ende der fünfziger Jahre entgegen dem strengen Lustverbot seiner Kirche bei Neckermann ein Radiogerät bestellen durften. Ich erinnere mich noch an den Moment, als es ankam. »Blaupunkt Virginia 2430« – dunkelbraun poliertes Holz, vorn auf hellem Stoffuntergrund ein grün leuchtendes magisches Auge, das die Senderstärke anzeigte. Wir standen am Abend erwartungsvoll um das neue Gerät herum. Der Vater drückte die UKW-Taste. Es lief – meine erste Begegnung mit dem Bayerischen Rundfunk – »Die weißblaue Drehorgel«, eine damals in Bayern beliebte volkstümliche Sendung mit dem Weiß Ferdl, einem in Bayern weltberühmten Komiker, und dem Roider Jackl, einem ebenso berühmten Gstanzl-Sänger. Gstanzln sind gesungene Mehrzeiler in bayerischer Mundart. Wir waren hingerissen. Mein Vater verwies zwar darauf, dass natürlich nicht jeden Abend so ein schönes Programm kommen würde, aber der Durchbruch war geschafft. Das Radiogerät spielte von da an eine wichtige Rolle in unserem sozialen Leben. Unvergessen die Silvesteransprachen des BR-Programmdirektors Walter von Cube, der am 31. Dezember jeden Jahres kurz vor Mitternacht mit tiefer, tönender Stimme verkündete, dass »wieder ein Jahr im Meer der Vergangenheit versunken« sei. Das einzuschalten gehörte in ganz Bayern zum Jahresend-Ritual. Dass dreißig Jahre später ein Programmdirektor namens Udo Reiter im Bayerischen Rundfunk diese Ansprachen halten würde, lag außerhalb des Vorstellbaren.

»Kein Wunder, dass du ein Monster geworden bist«

Zu unserer Wohnung im Mühlweg 10 gehörte ein Garten. Dort hat meine Mutter zwischen Johannis- und Stachelbeersträuchern Salat und Gemüse angepflanzt, Bohnen, Rettich, Kartoffeln. Der hintere Teil des Gartens war abgetrennt und diente als Hühnergehege. An die zehn Hennen wurden da gehalten, manchmal (trotz der neuapostolischen Lustfeindlichkeit) auch ein Hahn. Diese Hühnerhaltung hatte im Leben meines Vaters einen hohen Stellenwert. Jeden Abend, wenn er aus der Fabrik heimkam, nahm er ein Stück Brot und ging zu seinen Hennen. Er kannte jede mit ihrem Namen, hielt ihnen Brotkrumen hin und redete mit ihnen. Ich glaube, er hat mit den Hühnern mehr gesprochen als mit seiner Frau. Sie dankten es ihm, indem sie sich auf den Boden duckten, die Flügel ausbreiteten und sich streicheln ließen. Ich weiß nicht, ob dies eine hühnertypische Verhaltensweise ist, außer bei den Hennen meines Vaters habe ich das später nie mehr gesehen. Heute ist mir klar, dass er bei den Hühnern die emotionalen Defizite seines Lebens ausgeglichen hat. Seine Zuwendung war entsprechend. Wenn es im Winter kalt war, wurden im Küchenofen Ziegelsteine heiß gemacht, in Handtücher gewickelt und in den Hühnerstall getragen, damit die Viecher sich die Kämme nicht erfroren. Mein Bruder und ich mussten ohne Ziegelsteine auskommen. Jeden Abend wurde der Stall verschlossen, um einen Fuchsüberfall zu verhindern.

Die innere Nähe zu seinen Hennen hat meinen Vater von etwas abgehalten, was in der Tierhaltung mitunter auch nötig ist: ein Tier zu schlachten. Meist hat er das einem Nachbarn überlassen, aber einmal, als gerade niemand zur Verfügung stand, hat er tatsächlich mir, dem sieben- oder achtjährigen Buben, das Beil in die Hand gedrückt. Ich hatte schon einige Male zugeschaut und wusste daher, was zu tun war: das Huhn fangen, mit dem Hals auf den Hackstock legen und dann den Kopf abhacken. Beim Nachbarn hatte das immer so einfach ausgesehen, aber es selber tun? Einerseits war es ja eine Auszeichnung, eine solche Erwachsenentätigkeit übertragen zu bekommen, andererseits, das weiß ich heute noch, wurde mir ganz anders, als ich auf das todgeweihte Huhn heruntersah. Ich habe es getan. Ich glaube, mit geschlossenen Augen. Danach flatterte das kopflose Huhn wie wild in meiner linken Hand und verspritzte jede Menge Blut. Als ich die Geschichte Jahrzehnte später meiner Frau erzählte, sagte sie nur: »Kein Wunder, dass du ein Monster geworden bist.«

Noch so eine Geschichte, die mir in Erinnerung geblieben ist: Einmal waren die Eltern wie üblich am Samstagvormittag in der Stadt beim Einkaufen. Als sie zurückkamen, haben sie, was sehr selten vorkam, aus irgendeinem Grund heftig gestritten. Meine Mutter war so wütend, dass sie aus dem Haus gerannt und in den Wald gelaufen ist. Mein Bruder und ich sagten nach einiger Zeit zu unserem Vater, komm, jetzt müssen wir die Mama suchen und zurückholen. Auf dem Tisch stand die frische Wurst und die Brezen, und der Vater sagte: »Ja, aber erscht mach mer Brotzeit.« Bilder einer Kindheit.

Weihnachten kam immer die Bildstein Oma zu Besuch. Maria Bildstein, geborene Preisser, die Mutter meiner Mutter. Sie sah aus, wie Omas früher aussahen: gütig, behäbig, die grauen Haare zu einem Knoten gesteckt. Sie wohnte zur Untermiete in Aeschach, in der Anhegger Straße, bei Frau Fäßler, ein Zimmer, kein fließendes Wasser. Sie war die »Aeschacher Oma«. Am Sonntag nach der Kirche haben wir öfters bei ihr vorbeigeschaut. Es gab dann immer ein »Schokolädle«. Als mein Bruder Diphtherie hatte, habe ich ein paar Tage bei ihr gewohnt. Sie hat in ihrem Bett geschlafen, ich auf dem Sofa. Abends musste sie immer ihre offenen Füße wickeln. Wir haben sie sehr gemocht. Wenn sie uns zum Lachen bringen wollte, nahm sie ihre Zähne aus dem Mund und schnitt Grimassen. An Weihnachten hat sie bei uns übernachtet. Ich durfte dann neben ihr schlafen, und sie hat mir vor dem Einschlafen Geschichten erzählt. Es war ein bemerkenswertes Leben. Sie war ein lediges Kind und wurde als Magd auf einem Bauernhof im Allgäu abgegeben. Dort wurde sie, wie das üblich war, selbst geschwängert und bekam ihrerseits ein lediges Kind, meinen späteren Onkel Josef. Der hat mir einmal erzählt, wie er mit seinem Erzeuger – Vater kann man ja kaum sagen – bekannt gemacht wurde. Seine Mutter, meine Oma, nahm ihn, als er schon ein paar Jahre alt war, mit ins Wirtshaus. Sie stieß ihn in den verqualmten Raum hinein auf einen Tisch zu und sagte: »Da des do hinda isch dein Vader!« Später hat sie einen gewissen Benedikt Bildstein geheiratet, von dem meine Mutter, seine Tochter, immer sagte, er sei »Ökonomiebaumeister« gewesen. Ich glaube, er war Hilfsarbeiter im Straßenbau. Er ist früh gestorben, ich habe ihn nie kennengelernt. Die Bildstein Oma habe ich als eine liebenswürdige und lebenskluge Frau in Erinnerung. Manche ihre Sprüche gehen heute nicht mehr, andere benutzen wir immer noch gelegentlich: Entweder muschs Maul aufmache oder en Geldbeutel. – Alt und grau derfscht werde, aber net frech. – Wenn der Bettelmann aufs Ross kommt … – Fürs Ghabte gibt der Jud nix. – In zwanzg Johr isch alls in andre Händ.

Offenbar war die Bildstein Oma sprachlich begabt. Einmal musste sie in der Schule einen Hausaufsatz vorlesen. Sie hatte aber die Hausaufgabe nicht gemacht. Also stand sie auf und trug aus dem Stand einen Aufsatz vor, den es gar nicht gab. Ich bin ihr Enkel. Noch etwas ist mir von ihr geblieben. Wenn ein Stück Seife weitgehend aufgebraucht war, hat sie es nicht entsorgt, sondern behutsam auf das neue Stück aufgedrückt und auf diese Weise restlos zu Ende verbraucht. Als ich sie deswegen auslachte, erklärte sie mir in vollem Ernst: »Das heißt ›Kampf dem Verderb‹. Das war unterm Hitler.« Der Name hat mir damals noch nichts gesagt. Es war sozusagen meine erste Begegnung mit dem Dritten Reich. Und sie hat Spuren hinterlassen: Ich kann bis heute ebenfalls keine Seifenreste entsorgen. Wenn die Stücke klein und unhandlich geworden sind, mache ich sie nass und klebe sie zu einem neuen Stück zusammen. Ich habe damit bei meiner Tochter und bei manchen anderen Besuchern meiner Badezimmer Kopfschütteln und bedenkliche Blicke ausgelöst. Aber ich kann nichts dagegen tun. Als eine Freundin einmal ein solch zusammengeklebtes Stück in den Mülleimer geworfen hat, musste sie es wieder herausholen. In Gestalt der Aeschacher Oma hat Adolf Hitler eine lebenslange Marotte bei mir ausgelöst.