HANNE NEHLSEN

Tod im
Watt

Ein Nordsee-Krimi

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Impressum

ISBN 978-3-841-20591-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Inhaltsübersicht

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Epilog

Eins

Die Herbststürme setzen in diesem Jahr früh ein, dachte Frerk Thönnissen, während er den Mann beobachtete, der sich auf dem Deich seinem Haus näherte. Wilken Nissen schob ein altes Fahrrad und hatte sich tief über den Lenker gebeugt, um dem Wind, der an seiner Kleidung zerrte, wenig Widerstand entgegenzusetzen. In der freien Hand hielt er einen länglichen Gegenstand. Die tief liegenden Wolken jagten von der See her über die Insel. Obwohl es erst früher Nachmittag war, hatte das Grau des Himmels das Tageslicht so weit gedämpft, dass hinter den Fenstern der niedrigen Häuser Licht brannte. Der Regen trommelte gegen die Scheiben, der Sturm heulte in den Dachüberständen und verfing sich in den Ziegeln. Die kahlen Zweige der Kopfweiden peitschten im Wind, erbarmungslos riss er die letzten Blätter von den Büschen.

Thönnissen stand am Fenster seines Hauses, das unmittelbar am Deich lag, und sah durch die Butzenscheiben nach draußen. Jetzt hatte ihn auch Nissen bemerkt. Der Mann in der dunkelgrünen Öljacke hob die Hand mit dem Gegenstand und winkte heftig, unterbrach seine Aktion aber sehr schnell, als ihm die nächste Böe das Zweirad fortzureißen drohte.

Nissen wohnte zwei Häuser weiter, was in der dünn besiedelten Region allerdings etwa zweihundert Meter Abstand bedeutete. Er war knapp über sechzig und hatte früher seinen Lebensunterhalt wie viele Männer auf der Insel beim Küstenschutz verdient. Nebenher betrieb er eine kleine Landwirtschaft, hatte ein paar Schafe, eine Handvoll Rinder und Hühner zum Eigenbedarf.

Nissen verließ die Deichkrone über die schmale Rampe, die zu Thönnissens Haus führte.

Der atmete tief durch, hakte mit dem Daumen in den Hosenbund und zog die Hose hoch. Dann durchquerte er das behaglich eingerichtete Wohnzimmer, ging durch die geflieste Diele und öffnete die niedrige Tür auf der dem Wetter abgewandten Rückseite des Hauses. Obwohl der Sturm hier nicht so heftig tobte wie im Westen, wehte der kalte Wind herein, und Thönnissen fröstelte.

Nissen erschien an der Hausecke, lehnte sein Fahrrad gegen die Wand und trat ohne Zögern ins Haus. Dem Mann troff die Nässe aus allen Poren. Dann drehte er sich um und sah Thönnissen ins Gesicht. Die grauen Augen im wettergegerbten Gesicht waren zu einem schmalen Spalt geworden.

»Ich hab’ Wessels gefunden«, sagte er atemlos.

Thönnissen sah ihn verständnislos an. »Na, und?«

Nissen schüttelte heftig den Kopf. Dabei sprenkelten kleine Wassertropfen aus seiner Wollmütze. »Der ist tot, verstehst du? Tot.«

»Was sagst du?«, fragte Thönnissen erstaunt.

Nissen fuhr sich mit der gestreckten rechten Hand über die Kehle. »Begreifst du das nicht? Der ist hin.« Die beiden Männer schenkten der Wasserlache keine Beachtung, die sich um Nissen gebildet hatte.

»Nee!«

»Doch, Mensch. Damit hat er sich erschossen. Glaube ich jedenfalls«, schob er etwas leiser hinterher. Er streckte Thönnissen ein verdrecktes Gewehr hin. »Nimm mal«, forderte Nissen, »damit ich mich ausziehen kann.«

Thönnissen ergriff die Waffe und schnupperte daran. »Riecht, als wäre daraus geschossen worden.«

»Was meinst du denn?«, empörte sich Nissen. »Glaubst du, irgendwer bringt Wessels um? Warum sollte einer den alten Spinner ermorden. Und das hier, auf unserer Insel? Auf Pellworm?«

Er hatte seine Öljacke ausgezogen und wollte die Waffe wieder zurückhaben, doch Thönnissen entzog sie ihm.

»Die behalte ich!« Er lehnte sie gegen die Wand und sah seinen Besucher an. »Komm erst mal rein. Willste einen Schnaps?«

»Ja, den kann ich jetzt brauchen.« Nissen hatte sich jetzt seiner gesamten Kleidung entledigt und sie achtlos auf die Fliesen der Diele geworfen. Auf Strumpfsocken folgte er in die Wohnstube, die Thönnissen auch als Büro diente. Der holte zwei Gläser aus einem Schrank, eine angebrochene Flasche mit Rum und füllte ein. Nissen hob sein Glas. »Auf den alten Wessels. Prost.«

Sie tranken. Thönnissen füllte nach, und erst als sie auch das zweite Glas geleert hatten, fragte er: »Wo hast du ihn gefunden?«

»Im Westen. Am Parlament. Hinten, hinterm Knick. Zwischen meiner und Feddersens’ Wiese. Da lag er im kleinen Sielzug. Ich hab’ ihn vom Deich aus gesehen. Bin sofort runter und dachte, dem ist schlecht. Hab’ zuerst versucht, ihn aus dem Dreck zu ziehen. Erst da hab’ ich kapiert, dass er tot war. Hat sich mit seiner Flinte erschossen.«

»Bist du dir sicher, dass er tot ist?«

Nissen zeigte Empörung. »Hör mal. Ich hab’ genug Schafe und Hühner in meinem Leben geschlachtet, dass ich weiß, wann jemand tot ist.« Dabei drehte er die geballten Fäuste gegeneinander, als würde er einem Hahn den Garaus machen.

Thönnissen strich sich mit der Hand über die Mundwinkel. »Ich glaube, Wilken, das ist ein schlechtes Beispiel.«

»Kann sein. Aber der ist bestimmt alle. Und? Was machen wir jetzt? Schließlich bist du die Polizei«, erinnerte Nissen daran, dass Frerk Thönnissen den Polizeiposten auf der Insel bekleidete.

»Wir informieren den Doktor«, entschied der Polizist. »Dann zeigst du mir die Stelle.«

»Was soll ich bei diesem Wetter da draußen?«, protestierte Nissen.

»Du bist ein wichtiger Zeuge.«

»Schön. Wenn du willst. Aber vorher schenkst du noch einen ein.« Nissen drehte sein leeres Glas in der Hand.

Seufzend öffnete Thönnissen die Flasche und befüllte die beiden Gläser erneut. Nachdem auch diese geleert waren, griff er zum Telefon und wählte die Nummer des Arztes. Es dauerte ewig, bis sich eine verschlafen klingende Frauenstimme meldete.

»Ja. Hallo?«

»Moin, Annemieke. Hier ist Thönnissen. Ist Fiete da?«

Die Frau des Arztes gähnte herzhaft am anderen Ende der Leitung. »Der schläft. Was ist denn los?«

»Dann weck ihn. Es ist ein Notfall.«

Sie schien mit einem Schlag munter geworden zu sein. »Ehrlich? Friedrich hat doch erst morgen wieder Sprechstunde.«

»Manchmal warten die Patienten eben nicht. Sag ihm, es wäre wichtig. Es handelt sich um einen Toten.«

Die Neugierde war bei der Arztfrau geweckt. »Wer ist gestorben?«

»Wessels.«

»Mein Gott. Den habe ich doch heute Vormittag noch gesehen. Da war er noch ganz munter.« Sie zögerte einen Moment. »Wenn er schon tot ist, dann eilt das doch nicht.«

Thönnissen räusperte sich. »Annemieke, ich spreche jetzt offiziell als Polizeibeamter. Du weckst jetzt umgehend Fiete. Der soll sofort zum Sielzug am Deich hinauskommen. Am Knick zwischen den Wiesen von Feddersen und Nissen. Ist das klar?«

Einen Moment war es still in der Leitung, bis sich die Arztfrau mit leiser Stimme vernehmen ließ: »Fiete geht es im Moment nicht so gut.«

Thönnissen konnte sich gut vorstellen, was sie damit meinte. Wahrscheinlich lag der Doktor in seiner Kammer und schlief seinen Rausch aus. Jeder auf der Insel wusste um das Alkoholproblem des Arztes. Aber sie waren auf ihn angewiesen. Trotz intensiver Bemühungen hatte sich bis heute kein anderer Mediziner gefunden, der die Praxis auf dem Eiland übernehmen wollte. Und wenn Dr. Johannsen nüchtern war, konnte er dank seiner langjährigen Erfahrung die meisten gesundheitlichen Alltagsprobleme der Inselbewohner lindern. Für ernsthafte Erkrankungen suchte man ohnehin einen Spezialisten auf dem Festland auf.

Thönnissen hörte, wie die Arztfrau leise zu weinen begann. »Er kann wirklich nicht. Mein Gott«, jammerte sie.

»Annemieke, koch einen starken Kaffee und flöß Fiete das Zeug ein. Wir bringen Wessels zu euch in die Praxis«, fasste der Polizist einen Entschluss und legte auf, ohne die Antwort abzuwarten.

»Wie willst du Wessels zum Doktor bringen?«, wollte Nissen wissen und zeigte nach draußen, wo der Sturm unvermindert tobte. »Wir können ihn doch nicht bis hierher schleifen. Und die Deichkrone ist so aufgeweicht, da kommst du mit keinem Wagen durch.«

»Aber mit einem Trecker.«

Thönnissen griff erneut zum Telefon. Als sich jemand am anderen Ende meldete, sagte er: »Hallo, Kathrin. Ist Boy da?« Thönnissen lauschte in den Hörer, um anschließend zu erwidern: »Das interessiert mich nicht, ob der gerade im Getränkelager Flaschen zählt. Hol ihn an den Apparat. Das ist dringend. Und wichtig!« Er sah Nissen an und verdrehte kunstvoll die Augen, während er wartete.

»Moin, hier ist Thönnissen«, fuhr er fort, als sich der Gesprächspartner meldete. »Wir brauchen deine Hilfe. Wessels ist tot. Nissen hat ihn vorhin gefunden. Wir müssen ihn zum Doktor bringen. Das geht nur mit einem Trecker.«

»Du spinnst doch«, entgegnete Boy Feddersen, der neben seiner Landwirtschaft ein Hotel auf der Insel betrieb und zudem Bürgermeister der Gemeinde war, nachdem sein Vorgänger in den Landtag gewählt worden war.

»Ganz und gar nicht. Du holst deinen Trecker. Mit dem können wir auf dem aufgeweichten Weg fahren. Außerdem hast du doch diesen hölzernen Kasten, den du auf die Kupplung montieren kannst. Ich meine das Ding, mit dem du deine Milchkannen von der Weide transportierst.«

Feddersen stöhnte auf. »Mensch, hast du mal aus dem Fenster geguckt?«

»Glaubst du, Wessels hat auf dieses Wetter gewartet, um zu sterben?«

»Wie ist er denn umgekommen?«, wich der Hotelbesitzer aus.

»Erschossen.«

»Er sich selbst?«

»Das steht noch nicht fest. Aber wer sollte es sonst gewesen sein? Wer hätte einen Grund, den alten Wessels umzubringen?«, erwiderte Thönnissen. »Nun quatsch nicht so viel dumm Tüch. Damit kriegen wir Wessels auch nicht aus dem Dreck gezogen.«

»Gut«, seufzte Feddersen. »Ich bin in einer Viertelstunde bei dir.«

Es dauerte etwa zwanzig Minuten, bis der Hotelbesitzer mit seinem Trecker auf dem Deich hinter Thönnissens Haus hielt. Der Polizist und Wilken Nissen gingen zu ihm hinauf und kletterten auf das Gefährt. Der Sturm blies immer noch heftig und zerrte an der Wetterkleidung der Männer. Der Regen peitschte fast waagerecht und durchdrang das Ölzeug. Thönnissen hatte seine Uniform angelegt und hielt krampfhaft seine Dienstmütze fest. Wortlos legte Feddersen den Gang ein und fuhr auf der Deichkrone entlang. Von hier oben sah man die Brecher, die mit Urgewalt gegen die Tetrapoden klatschten, die als Wellenbrecher vor dem Deich gestapelt waren. Die Gischt spritzte hoch, und das salzige Wasser wurde durch den Wind bis zum Deich hochgeweht und setzte sich im Gesicht und auf den Lippen ab. Die See schien zu kochen und war eine einzige brodelnde Masse.

Schon von der Deichkrone aus sah man das Bündel, das an der Böschung des Grabens lag. Wessels trug die dunkelgrüne Jacke, die jeder Einheimische auf der Insel kannte. Jetzt hatte sie sich mit dem schmutzig grauen Brackwasser des Sielzugs vollgesogen. Die drei Männer stiegen vom Trecker und stapften schweigend die Böschung hinab.

»Armes Schwein«, sagte Nissen, während sich Thönnissen über den Toten beugte.

»Hast du ihn angefasst?«

Nissen nickte heftig. »Klar, ich habe ihn doch ein Stück aus dem Schiet gezogen. Der wäre doch glatt abgesoffen. Wir haben auflaufendes Wasser. Da sind die Schotten dicht, und der Regen sammelt sich hier.« Er zeigte auf den schmalen Wasserlauf zwischen den Wiesen.

Der Polizist musste ihm recht geben. Das ganze Areal war ohnehin eine einzige Matschwüste. Spuren waren hier nicht mehr zu sichern. Trotzdem stoppte er seine beiden Helfer, als die beherzt anpacken wollten.

»Moment. Ich will noch ein paar Fotos schießen.« Er kramte eine Digitalkamera aus seiner Wetterjacke, drehte sich mit dem Rücken gegen den Wind und machte eine Serie von Aufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Nachdem er die Kamera wieder verstaut hatte, bemerkte er aufmunternd: »So, nun können wir.«

Die drei Männer zerrten zunächst an der Kleidung des Toten, zogen ihn ein Stück weiter aus dem Graben, bis er komplett im Morast lag. Vorsichtig drehte Thönnissen den Leichnam auf den Rücken.

Jeder auf der Insel hatte Hinrich Wessels gekannt. Er galt manchen als Sonderling, weil er in einer alten Kate, abseits der anderen Häuser wohnte. Er war über siebzig Jahre alt und hatte früher mit jeder Art von bezahlter Arbeit seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht bestritten. Seine Zeit verbrachte er am liebsten allein. Selten hatte er sich in ein belangloses Gespräch eingelassen. Es wurde erzählt, dass er mit den wenigen Tieren, die er hielt, besser kommunizieren konnte als mit den Menschen seiner Umgebung. Jetzt lag er vor den drei Männern. Die Augen blickten starr zum Himmel. Im faltigen Gesicht zeichneten sich in der Blässe des Todes die dunklen Bartstoppeln umso deutlicher ab. Der Mund war leicht geöffnet und gab den Blick auf die schadhaften Zahnreihen frei. Ein Rinnsal getrockneten Blutes war aus dem Mundwinkel herausgelaufen und hatte sich mit dem großen dunklen Fleck vereinigt, der von der Kinnpartie beginnend im Kragen der dunkelgrünen Drillichjacke verschwand.

Die Kugel hatte Wessels direkt im Unterkiefer getroffen.

»Wo hast du das Gewehr gefunden?«, wollte Thönnissen von Nissen wissen, musste diesen aber erst sanft anstoßen, weil der wie gebannt auf den Toten starrte und die Frage des Polizisten nicht mitbekommen hatte. Erst nachdem Thönnissen sie wiederholt hatte, deutete Nissen auf eine Stelle im feuchten Gras.

Thönnissen sah sich um, konnte aber keinen geeigneten Gegenstand entdecken, den er als Markierung in die Erde hätte rammen können.

»Stell deinen linken Fuß dorthin«, befahl er Nissen, der widerstrebend dieser Aufforderung nachkam. Dann fotografierte er auch diesen Fleck mehrfach.

»Was ist los?«, meckerte Feddersen und schlug sich zum Aufwärmen beide Arme um den Oberkörper. »Können wir jetzt endlich? Ich friere mir den Hintern ab.«

»Das muss alles seine Ordnung haben«, brüllte Thönnissen gegen den Wind an, aber Feddersen winkte nur ab.

»Du bist von der Polizei. Ich hole mir hier noch den Tod.«

Jetzt grinste ihn Nissen an. »Dann kannst du dich mit dem alten Wessels in ein Sammelgrab legen. Das kommt dann billiger.«

»Idiot«, erwiderte Feddersen und packte mit an, als sich Thönnissen über den Leichnam beugte und den Toten unter den Achseln anhob. Gemeinsam schleppten sie Wessels den Deich hoch.

»So ein Mist«, fluchte Nissen laut, als er auf halber Höhe an einer lehmigen Stelle des Deiches ausrutschte, auf dem nassen Gras keinen Halt fand und dabei das linke Bein des Toten losließ. Das Ganze geschah so plötzlich, dass die beiden anderen Wessels nicht halten konnten und der Leichnam halb über den gestürzten Nissen fiel.

»Nimm den Kerl da weg«, kreischte der unter der Leiche. »Zieh ihn weg.«

Mühsam kroch er unter dem Toten hervor und kam in die Höhe. Er klopfte sich den Dreck ab und fluchte: »Macht euren Scheiß alleine. Ich bin doch nicht der Totengräber.« Er wollte sich entfernen, aber Thönnissen hielt ihn am Ärmel fest.

»Du bleibst hier. Fass mit an, sonst bekommen wir Wessels nie zum Doktor.«

Widerstrebend packte Nissen wieder zu. Diesmal schafften sie es ohne Unterbrechung, den Toten bis zum Trecker zu schleppen. Über die niedrige Kante ließen sie ihn auf die Ladefläche fallen.

»So ein Schweinkram«, schimpfte Feddersen und versuchte, sich vom gröbsten Dreck zu befreien. Thönnissen sah auf seine von Schmutz übersäte und völlig durchnässte Uniformhose, zog es aber vor zu schweigen.

Der Trecker sprang trotz der Feuchtigkeit problemlos an. Langsam rumpelte er mit den drei Männern und der merkwürdigen Fracht die Deichkrone entlang, verließ an der Rampe den Schutzwall und tuckerte durch die menschenleeren Straßen einmal quer über die Insel zum Haus des Arztes im Herzen von Tammensiel. Dem zentralen Ort.

Bevor sie läuten konnten, öffnete Annemieke Johannsen bereits und sah mit weit aufgerissenen Augen auf das seltsame Gefährt und die vor Dreck strotzenden Männer.

»Was ist denn mit euch los?«

»Wir bringen Wessels«, antwortete Nissen vorlaut.

»Das ist nicht euer Ernst?«

»Leider doch«, mischte sich Thönnissen ein, der mit Unterstützung der beiden anderen den Leichnam gegriffen hatte und in Richtung Tür trug.

»So kommt ihr mir nicht hier herein«, verteidigte die Frau den Eingang.

»Wenn du uns noch lange hier stehen lässt, spült uns der Regen vielleicht ab. Aber dann muss dein Mann uns drei auch behandeln«, sagte Feddersen nüchtern und pustete Wassertropfen von der Unterlippe, die von seiner Nasenspitze herabgefallen waren.

Widerwillig gab Annemieke Johannsen den Weg frei. »Nach links, ins Behandlungszimmer.«

Dr. Johannsen hatte die Praxis vor mehr als dreißig Jahren übernommen. Es hatte den Anschein, als hätte er seitdem keine Renovierungsarbeiten mehr vornehmen lassen. Die Wände waren dunkel, und an vielen Stellen platzte die Farbe ab. Ebenso antiquiert war das Ordinationszimmer. Elfenbeinfarbige Stahlmöbel beherrschten den Raum. Der alte Medikamentenschrank mit der Tüllgardine hinter der Scheibe, die Liege mit dem verstellbaren Kopfteil, der runde Drehschemel und der abgestoßene Holzschreibtisch, hinter dem Fiete Johannsen seine Sprechstunde abhielt – das waren allen Inselbewohnern vertraute Requisiten.

Mit einem Stoßseufzer ließen die drei Hinrich Wessels’ sterbliche Überreste auf die Liege fallen, die mit einer dünnen Papierdecke belegt war.

»Wo ist dein Mann?«, fragte Thönnissen mit strenger Miene.

»Der kommt gleich«, antwortete Annemieke schnell und besah sich neugierig den Toten. »Der sieht aber komisch aus«, meinte sie dann, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte. »Wessels ist weder an Altersschwäche noch im Suff gestorben.« Sie war seit fast zwanzig Jahren mit dem Doktor verheiratet und diente ihm als Sprechstundenhilfe. Die Begegnung mit dem Tod barg für sie keine Überraschung mehr.

Die drei Männer standen im Halbkreis. Um sie herum bildeten sich auf dem abgetretenen Fischgrätenparkett Wasserlachen.

»Wer soll den Schiet wieder wegmachen?« Die Frau des Arztes wies auf den Schmutz, den die drei Männer ins Haus getragen hatten.

»Na, du«, griente Nissen sie an.

Bevor Annemieke antworten konnte, wurden sie durch ein polterndes Geräusch aus dem hinteren Teil des Hauses abgelenkt. Es folgte ein leiser Fluch. Kurz darauf erschien Dr. Johannsen. Untersetzte Figur, das aufgedunsene rote Gesicht von geplatzten blauen Äderchen durchzogen. Der graue Haarkranz stand ungekämmt vom Kopf ab. Auf seinem zerknautschten Hemd sah man einen kleinen dunklen Fleck. Es sah aus, als hätte er beim Mittagessen das Textil bekleckert. Die beigefarbene Hose aus grobem Cord hing unter dem vorgewölbten Bauch. Er hatte seinen weißen Kittel übergezogen, aber nicht zugeknöpft.

»Was ist los?«, wollte er noch in der Tür wissen.

»Mach erst einmal deine Hose zu, Fiete«, begrüßte ihn Thönnissen und wies auf den Reißverschluss, den Dr. Johannsen zu schließen vergessen hatte.

Der Arzt holte das Versäumnis nach, während er aus kleinen Augen den Polizisten musterte. »Für Sie immer noch Herr Doktor Johannsen, bitte, Herr Wachtmeister.«

»Wenn schon – denn schon: Polizeiobermeister, Herr Doktor.«

Der Mediziner beugte sich über den Toten. Deutlich war die Alkoholfahne zu riechen, als er an der kleinen Gruppe vorbeigekommen war. »Was ist mit Wessels?«

»Sieht aus, als wäre er tot geblieben«, gab Nissen von sich.

»Das sehe ich auch«, brummte Johannsen.

»Warum fragst du denn?«, erwiderte Nissen.

Sie ließen den Arzt eine Weile gewähren und sahen zu, wie er die Augenlider anhob, die beiden Hände des Toten besah, den Hals abtastete und versuchte, dessen Mund zu öffnen.

»Woran ist er gestorben?«, mischte sich Thönnissen ein.

Der Arzt blickte den Polizisten über die Schulter an, wie man einen Hund betrachtet, der auch nach der hundertsten Erklärung das Kunststück immer noch nicht begriffen hatte. »Vermutlich an Herzversagen. Wie alle Menschen, die sterben.«

»Blödmann«, murmelte Thönnissen so leise, dass Dr. Johannsen es nicht mitbekommen konnte.

»Wie lange ist er schon tot?«, versuchte es der Polizist erneut.

Dr. Johannsen tastete den Leichnam weiter ab. »Mangels eigener Erfahrung weiß ich nicht, wie lange man braucht, um in den Himmel zu kommen. Oder in die Hölle. Außerdem bin ich Arzt und kein Hellseher.«

»Kurpfuscher«, wisperte Thönnissen.

Der Mediziner richtete sich auf und machte eine Handbewegung, als würde er neugierige Kinder davonscheuchen. »Husch. Ich untersuche Wessels jetzt. Da sind Sie überflüssig. Alle drei.«

»Ich bin Polizeibeamter«, protestierte Thönnissen.

»Na, und?«

Die drei Männer verließen das Behandlungszimmer, wobei Nissen deutlich anzusehen war, dass er gern bei der Untersuchung des Leichnams dabei gewesen wäre.

»Ich warte hier«, entschied der Polizist und nahm auf einem der abgenutzten Stühle auf dem Flur Platz, der als Warteraum diente. »Ihr könnt jetzt gehen.«

Feddersen rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander. »Gibt es wenigstens eine Art Aufwandsentschädigung für unsere Hilfe?«

Thönnissen grinste ihn an. »Da musst du dich an den Bürgermeister wenden.«

»Das ist nicht lustig«, antwortete der Gemeindevorsteher und stapfte, Wilken Nissen im Gefolge, zur Tür hinaus.

Frerk Thönnissen begann in seiner nassen Kleidung zu frieren. Die Kälte kroch von den Waden, die beim Waten im Sielzug klitschnass geworden waren, aufwärts. Auf den Extremitäten bildete sich Gänsehaut. Er bibberte am ganzen Körper. Die Untersuchung des Leichnams schien ewig zu dauern. Manchmal ist dein Job nicht vergnüglich, dachte er. Obwohl er auf diesem Posten nicht viel auszustehen hatte. Seit sieben Jahren war er »der Inselpolizist«, nachdem er zuvor eine Reihe anderer Stationen auf dem Festland kennengelernt hatte. Es war eher ein Zufall gewesen, dass er hierher versetzt worden war, auf die Insel, von der er stammte. Immer wieder wurde diskutiert, ob man die Einmannstation nicht schließen und durch die Polizeistation der größeren Nachbarinsel mit versorgen sollte. Eine solche Entscheidung wäre sicher tragbar gewesen, denn es ereignete sich nicht viel auf dem Eiland. Raub und Diebstahl waren fast unbekannt, und wenn die Entwendung von ein paar Hühnern angezeigt wurde, handelte es sich meistens um ein Versehen, und die Zweibeiner waren schlicht entlaufen. Meinungsverschiedenheiten wurden überwiegend untereinander ausgetragen, ohne dass die Polizei einschreiten musste. Die wenigen Autos stellten kein Problem dar, und wenn Thönnissen einmal zu einem Unfall gerufen wurde, der stets nur mit einem kleinen Blechschaden verbunden war, dann war garantiert ein Tourist daran beteiligt. Um die kümmerte er sich auch während der Saison. Wenn ihm langweilig war, schlenderte er an schönen Sommertagen zum kleinen Hafen, der allerdings eher einer erneuerungsbedürftigen Mole glich, und schrieb Strafzettel für die Feriengäste, die dort im Halteverbot standen. Das brachte Thönnissen regelmäßig Diskussionen mit Bürgermeister Feddersen ein, der gleichzeitig Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins war und den Urlaubsfrieden seiner Hotelgäste gestört sah. Ein Delikt jedoch gab es, das im Gegensatz zum Festland hier auf der Insel nicht von der Polizei verfolgt wurde: Wenn er jeden anzeigen würde, der mit Alkohol am Steuer unterwegs war, dann würde es auf diesem wunderbaren Flecken Erde nur noch Pferdefuhrwerke geben. Außerdem gab es gerade diesen Punkt betreffend einen dunklen Fleck in seiner eigenen Vergangenheit, und das war auch der Grund, weshalb er hierher zurückgekommen war. Natürlich konnte er mit seinen dreiundvierzig Jahren keine Karriere mehr machen, nicht nach diesem Schnitzer. Aber was wollte er mehr? Hier konnte man in Frieden leben. Und wie viele Plätze auf der Erde gab es, von denen man so etwas behaupten konnte? Thönnissen lächelte zufrieden in sich hinein.

Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Vor ihm stand Johannsen und räusperte sich. Er hatte ihn nicht kommen gehört. »Beamter müsste man sein«, lästerte der Arzt. »Dann könnte man sein Geld mit süßem Nichtstun verdienen. Zumindest hier bei uns.«

»Das ist aber mit dem Nachteil verbunden, dass man beim Alkoholkonsum Zurückhaltung üben muss.«

Der Arzt reagierte nicht auf die Spitze. Die verbalen Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem Polizisten wirkten nur auf Dritte scharfzüngig. Für die beiden war es ein Ritual, das eher von einer rauen, aber herzlichen Verbundenheit herrührte.

Thönnissen stand auf. »Was hast du gefunden, Fiete?«, fragte er und versuchte, der Alkohol geschwängerten Atemluft Dr. Johannsens auszuweichen.

»Ich schätze, Wessels ist zwei bis drei Stunden tot. Erschossen. Aber das hast du ja selbst gesehen.«

»Kann es Selbstmord gewesen sein?«

Der Arzt lachte auf. »Ich bin ein alter Landarzt und kein Rechtsmediziner. Ich könnte dir erklären, was passiert, wenn du eine Kugel vom Unterkiefer in den Kopf bekommst. An der Wunde sind auch Verbrennungsspuren zu erkennen. Das könnte bedeuten, dass die Gewehrmündung ziemlich nahe an Wessels’ Hals gehalten wurde. Ob der Schuss aber aufgesetzt war ...«, er zuckte fast hilflos mit den Schultern, »das kann ich nicht beurteilen. Ich lese zu wenig Krimis.«

»Können wir davon ausgehen, dass es ein Unfall war? Wenn du den Totenschein ausstellst und ›natürlicher Tod‹ ankreuzt, wäre die Sache doch erledigt.«

Der Arzt klopfte ihm vertraulich auf die Schulter. »Damit hätten wir alle weiterhin unsere Ruhe. Nee, mein Lieber, den Gefallen tue ich euch nicht. Für mich ist die Sache nicht eindeutig.«

Doch Thönnissen gab sich nicht so schnell geschlagen und versuchte es erneut: »Sind wir es dem alten Wessels nicht schuldig, dass er in Würde begraben wird? Hier, auf unserem Friedhof an der Kirche, ohne dass ihn wildfremde Menschen in einem Leichenschauhaus aufschlitzen? Womöglich noch neugierige Studenten, die unseren Hinrich aus Wissbegierde zerlegen?«

Johannsen schüttelte energisch den Kopf. »Kommt nicht in die Tüte. Ich habe den Totenschein schon ausgestellt. Alles Weitere musst du veranlassen.« Er sah den Polizisten an. »Das ist mir doch auf den Magen geschlagen. Jetzt brauche ich erst einmal einen Schnaps. Willst du auch einen?«

Thönnissen verneinte. »Nein, ich bin im Dienst.« Hoffentlich roch der Doktor nicht, dass der Polizist selbst schon mit Nissen Rum getrunken hatte.

Der Arzt wies mit seinem ausgestreckten Arm in sein Ordinationszimmer. »Und schafft mir Wessels von der Pritsche. Morgen kommen wieder die Lebenden zu mir. Die wollen nicht neben einer Leiche liegen.«

Der Polizist nickte. Er würde Jesper Ipsen, den Bestatter auf der Insel, verständigen. Der würde Wessels abholen und in seiner gekühlten Leichenhalle zwischenlagern, bis Thönnissens vorgesetzte Dienststelle entschieden hatte, wie weiter zu verfahren sei.

Zwei

Der Sturm hatte an Heftigkeit verloren. Geblieben war eine steife Brise von Westen, die die Wasserfläche in ein unruhiges Auf und Ab verwandelte.

Thönnissen stand am Tiefwasseranleger, der am Ende eines eineinhalb Kilometer langen, ins Wattenmeer gebauten Damms lag, und sah dem Spiel der Wellen zu, die sich zu Spitzkämmen auftürmten, von weißem Schaum gekrönt, und dann in sich zusammenbrachen, um immer wieder neuen Nachfolgern Platz zu machen. Er hatte im Seegang die auf und ab stampfende Silhouette der »Pellworm I« schon vor einiger Zeit entdeckt. Jetzt kämpfte sich die Fähre, die die Insel einige Male am Tag mit dem Hafen Strucklahnungshörn auf der Halbinsel Nordstrand verband, durch die Dünung. Es würde noch eine gute Viertelstunde dauern, bis das Schiff den Anleger erreicht hatte und die Besatzung mit dem Festmachen beginnen konnte.

Auf der asphaltierten Fläche vor dem Anleger hatten sich neben dem Kühllaster eines Lebensmittelgroßhändlers, der den Inselladen mit Nachschub versorgt hatte, drei Pkw aufgereiht. Alles auswärtige Kennzeichen. Urlauber, deren Ferien zu Ende waren und die nun heimfuhren.

Thönnissen hatte seine vorgesetzte Dienststelle in Husum angerufen und einen Bericht über den Leichenfund sowie die nach Auffassung Dr. Johannsens ungeklärte Todesursache durchgegeben.

Ein überschlauer Hauptkommissar hatte geunkt, dass bei Erschießen die Todesursache doch nicht unklar sei. Trotzdem hatte man sich entschlossen, einen Kriminalbeamten zu schicken, der die Umstände von Wessels’ Tod vor Ort klären sollte. Um die aus Sicht der Verwaltung horrenden Kosten der Fähre für Fahrzeuge zu sparen, sollte der entsandte Beamte sein Fahrzeug am Fährhafen auf dem Festland stehen lassen. Man war der Auffassung, dass auf der Insel ein Auto nicht zwingend erforderlich war. Das galt auch für Thönnissens Dienstwagen. Der VW-Golf hatte nur eine unterdurchschnittliche Laufleistung auf dem Buckel, war aber bereits über fünfzehn Jahre alt. Und wenn Thönnissen das Fahrzeug, das aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nur auf Kurzstrecken zum Einsatz kam, nicht auch für seine wenigen privaten Fahrten nutzen würde, würde der grün-weiße Streifenwagen im rauen Nordseeklima mangels dienstlicher Einsätze nur vor sich hingammeln.

Außer dem Inselpolizisten hatten sich jetzt ein Dutzend weitere Leute eingefunden. Eine Urlauberfamilie mit zwei lebhaften Kindern und ein älteres Touristenehepaar, für die die Ankunft des Schiffes einen der Tageshöhepunkte darstellte.

Odde Michels hatte Thönnissen lässig gegrüßt. Er betrieb eine Landwirtschaft im Süden der Insel und wartete vermutlich auf die Ankunft seiner Tochter, die auf dem Festland das Gymnasium besuchte.

Lenchen Sustrup war mit zwei Koffern bewaffnet. Die alte Dame wollte für ein Weilchen der selbstgewählten Einsamkeit entfliehen und eine Zeit bei ihrer Tochter zubringen, die mit ihrer Familie seit Jahrzehnten irgendwo hinter Hamburg wohnte, hatte sie Thönnissen die Tage berichtet, als sie sich beim Kaufmann über den Weg gelaufen waren.

Die »Pellworm I« war jetzt nah an der Anlegestelle. Auf der Brücke sah man den Schiffsführer in seinem blauen Strickpullover, der von seinem erhöhten Stand aus den Bug seines Schiffes aufmerksam im Blickfeld hatte. Hinter der robusten Metallklappe, die als Rampe diente, tauchte der Kopf eines Decksmannes auf. Von den Fahrzeugen oder Passagieren der Fähre war nichts zu erkennen.

Das Schiff glitt fast im Zeitlupentempo an der hölzernen Spundwand entlang, die seitlich neben dem Anleger in den Grund des Watts gerammt war. Langsam senkte sich die Bugklappe. Jetzt konnte Thönnissen die drei Fahrzeuge sehen, die auf dem Weg zur Insel waren. Im Vordergrund hatte sich eine Handvoll Passagiere versammelt. Ein paar Insulaner kehrten, mit Einkaufstaschen beladen, aufs Eiland zurück. Nur wenige Fremde sahen mit der Thönnissen stets belustigenden Spannung dem Anlegemanöver zu. Drei Männer, die sich nicht zu kennen schienen, schenkten dem Tun der Besatzung keine Beachtung. Schon aus dieser Distanz war der Kriminalbeamte erkennbar, der sich deutlich von den anderen beiden unterschied, einem südländisch wirkenden Reisenden und einem Typ Marke »Bodybuilder«. Thönnissen hatte keinen Zweifel, dass es der Dritte war. Der Mann stand einen halben Meter abseits, trug einen grauen Parka mit hochgeschlagenem Kragen und hielt eine Reisetasche aus dunklem Stoff in seiner rechten Hand.

Mit einem sanften Ruck stieß das Schiff nun gegen die Landungsbrücke. Der Decksmann ließ die Bugklappe vollständig herab, und wie mit einer Kralle hakte sie hinter das landseitige Gegenstück und bildete mit der hölzernen Brücke eine für Fahrzeuge und Fußgänger gleichermaßen zu nutzende Rampe. Mittels Fernbedienung öffnete der Mann von der Besatzung die rot-weiß lackierte Schranke, und die Passagiere verließen die Fähre.

Der Kriminalbeamte erreichte als Zweiter festen Boden unter den Füßen. Er sah sich suchend um.

Thönnissen ging auf ihn zu. »Sind Sie der Hauptkommissar?«, fragte er, da keiner der wenigen anderen Passagiere zum Bild eines Polizisten zu passen schien.

Der Mann sah ihn musternd an und antwortete nicht gleich, ergriff dann aber doch die ihm entgegengestreckte Hand.

»Polizeiobermeister Thönnissen. Ich bin der Inselpolizist.«

Zögernd erwiderte der Mann den Händedruck. »Hauptkommissar Hundt. Ich komme von der Mordkommission aus der Kreisstadt.«

Er war ein wenig kleiner als Thönnissen, nicht ganz einen Meter achtzig. Seine deutlichen Geheimratsecken, ein Gesicht im Übergang, schwammig zu werden, und die untersetzte Figur waren gleichsam die nach außen erkennbare Bestätigung, dass der Hauptkommissar die Fünfzig inzwischen überschritten hatte.

»Ich hatte erwartet, dass die Schutzpolizei Uniform trägt«, ließ sich Hundt mit schneidender Stimme vernehmen und riss Thönnissen aus seinen Betrachtungen.

»Das macht sie für gewöhnlich auch. Aber wenn der Innenminister uns nur zwei Uniformen zukommen lässt, die zudem beide nicht witterungsbeständig sind, dann ist man auf abgelegenen Inseln auch als Polizist gezwungen, seine Privatkleidung in den Dienst der guten Sache zu stellen.« Thönnissen unterließ es, dem Hauptkommissar schon am Fähranleger zu berichten, dass er seine Uniform bei der Bergungsaktion verschmutzt hatte.

»Wenn Sie eine Ausstattung in die Reinigung geben, bleibt Ihnen immer noch die zweite.«

Thönnissen zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf die Fähre.

»Eine Reinigung gibt es bei uns nicht. Sie geben die Kleidung beim Inselkaufmann ab, der sie im wöchentlichen Rhythmus nach drüben schafft. Mit Glück bekommen Sie Ihre Sachen eine Woche später wieder. Darf ich?«

Damit wollte er dem Kripobeamten die Reisetasche abnehmen, aber Hundt lehnte ab, indem er sie enger an den Körper heranzog.

Sie hatten den Streifenwagen erreicht und stiegen ein.

»Bei uns läuft alles ein wenig anders«, erklärte Thönnissen. »Ich brauche keine Uniform. Hier weiß auch jeder so, wer ich bin.«

»Darum geht es nicht. Die Uniform ist das äußere Merkmal des hoheitlichen Amtes, das man Ihnen übertragen hat.«

Thönnissen lachte kehlig auf. »Tja, wem Gott ein Amt gegeben ... Mir hat es aber der Innenminister übertragen. So steht es in meiner Ernennungsurkunde. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche wie Gott.«

»Sie scheinen eine merkwürdige Dienstauffassung zu haben«, stellte der Hauptkommissar fest. »Ich denke, darüber sollten wir uns noch einmal auseinandersetzen, solange ich hier bin.«

Thönnissen verkniff sich eine Antwort. Das fängt ja gut an, dachte er bei sich. Inzwischen waren sie am Hotel »Nordseeblick« angekommen. Er bremste den Golf ab und ließ ihn vor dem Eingang ausrollen. »So, da wären wir.«

Hundt machte keine Anstalten auszusteigen. Er hockte auf dem Beifahrersitz, umklammerte seine Reisetasche, die er auf den Knien hielt, und starrte nach draußen. »Was soll ich hier?«

»Ich habe im Hotel ein Zimmer für Sie gebucht.« Thönnissen warf einen Blick auf die Reisetasche des Hauptkommissars. »Ihr Gepäck sieht nicht so aus, als hätten Sie darin ein Zelt verstaut.«

»Gibt es keine Unterkunftsmöglichkeit auf der Polizeistation?«

»Die Polizeistation ist in meinem Haus und besteht aus einem alten Schreibtisch und einem Rollladenschrank.« Der Inselpolizist lachte. »Natürlich können Sie es sich aussuchen, in welchem der Formularfächer des Schranks Sie nächtigen möchten. Und zur morgendlichen Körperpflege haben Sie die Wahl zwischen der Pumpe im Hof und der Gastfreundschaft in meinem Bad.«

»Sie haben eine merkwürdige Art an sich«, sagte Hundt, stieg aus und stapfte auf den Eingang zu. Plötzlich hielt er inne und drehte sich noch einmal um. »Wo ist die Polizeistation überhaupt?«

Thönnissen wies den Deich entlang. »Ungefähr einen Kilometer südöstlich. Sie können mein Haus nicht verfehlen. Es ist das letzte.«

»In einer halben Stunde bei Ihnen«, presste der Hauptkommissar zwischen den Zähnen hervor und verschwand im Hoteleingang.

Hundt benötigte eine Stunde, bis er beim Haus des Inselpolizisten eintraf. Er sah sich neugierig um, nachdem Thönnissen ihn ins Wohnzimmer geführt hatte. Neben der Küche, einem Hauswirtschaftsraum, dem Schafzimmer und dem Bad gab es nur noch das Wohnzimmer, das gleichzeitig als Büro diente. Das Obergeschoss wurde von Thönnissen nicht genutzt. Ihm reichte der vorhandene Platz.

Die offene Holzbalkendecke, der Dielenfußboden und der dezent gemusterte Teppich unter dem Couchtisch verliehen dem niedrigen Raum etwas Anheimelndes. Den alten Sekretär und den wuchtigen dunklen Holzschrank mit den kunstvoll gedrechselten Säulen und den Türen mit aufgesetzten Mustern hatte Thönnissen ebenso geerbt wie das Sofa, das allerdings in der jüngeren Vergangenheit neu bezogen worden war.

»Sie leben allein hier?«, wollte der Hauptkommissar wissen.

Thönnissen nickte. »Ich bin nicht verheiratet.«

»Man muss heutzutage nicht verheiratet sein, um die Wohnung mit jemandem zu teilen«, erwiderte Hundt und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. Thönnissen entging nicht, wie der Kripobeamte seinen Blick durch den Raum schweifen ließ.

»Sie scheinen überrascht, wie ich hier wohne«, sprach er ihn direkt darauf an.

Der Hauptkommissar betrachtete eine Weile gedankenverloren den wuchtigen Kachelofen mit der umlaufenden steinernen Bank, der Messingklappe und dem blitzblank polierten Ofenbesteck aus dem gleichen Material.

»Gemütlich sieht es aus. Obwohl es mich schon erstaunt, dass ein Mann in Ihrem Alter in dieser Umgebung lebt.«

Thönnissen wiegte den Kopf. »Das ist eine typische Reaktion von Leuten vom Festland. Sie werden getrieben vom sogenannten Zeitgeist, unterliegen dem Diktat der Aktualität und verlieren den Sinn für Bewährtes und Stabiles.« Er klopfte gegen das Holz des Schranks. »Das ist massiv. Es stammt von meinen Urgroßeltern. Diese Menschen haben sich in dieser damals lebensfeindlichen Umgebung durchgesetzt. Was die geschaffen haben, das hatte notgedrungen Bestand. Und warum soll ich das opfern und gegen schwedischen Zeitgeist austauschen, nur weil es dem Auge ungewohnt erscheint?«

Es war Hundt anzusehen, dass er über die Antwort erstaunt war. »Widmen wir uns der Arbeit«, sagte er ausweichend.

»Möchten Sie einen Tee oder lieber Kaffee?«, fragte Thönnissen.

Sein Gast entschied sich für Kaffee, und der Inselpolizist verschwand in der Küche. Es war das Klappern von Geschirr zu hören, dazwischen zischte die Kaffeemaschine. Nach einer Weile tauchte Thönnissen wieder auf und balancierte ein Holztablett. Er deckte auf dem Couchtisch für seinen Gast und sich ein. Auf einem kleinen Teller hatte er ein paar Sandkekse angerichtet.

»Sie sind ja fast eine perfekte Hausfrau«, spottete der Hauptkommissar.

Thönnissen zog eine Augenbraue in die Höhe. »Fast?« Er beobachtete, wie der Kripobeamte Milch und Zucker in seine Kaffeetasse füllte und lange umrührte.

»Was haben Sie bisher vorliegen?«, lenkte Hundt wieder auf das Thema seiner Anwesenheit, nachdem er geräuschvoll vom heißen schwarzen Gebräu getrunken hatte.

»Einen toten Hinrich Wessels.«

Der Hauptkommissar betrachtete Thönnissen über den Rand seiner Kaffeetasse.

»Und? Was weiter?«

»Wie weiter?« Der Inselpolizist war erstaunt.

»Wollen Sie mich veräppeln?«

»Mehr haben wir nicht. Wessels. Und sein Gewehr, mit dem er sich erschossen hat.«

»Wie kommen Sie auf Selbstmord?«

»Weil bei uns auf der Insel niemand ermordet wird. Seit Störtebeker nicht mehr.«

»Und wo sind die handfesten Beweise, dass kein Fremdverschulden vorliegt?« Hundt hatte einen arroganten Tonfall angeschlagen.

»Sagte ich schon. Außerdem ist es Wessels’ Gewehr, das Nissen bei der Leiche gefunden hat.«

»Liegt der medizinische Befund denn schon vor?« Langsam wurde der Hauptkommissar ungeduldig.

Thönnissen nickte und berichtete, was Dr. Johannsen ihm gesagt hatte.

»Ich möchte das lesen.« Hundt streckte die Hand aus.

Der Inselpolizist ließ ein ironisches Lachen hören. »Fiete, also der Doktor, der schreibt doch keine Berichte. Da können Sie lange warten.«

Der Kriminalbeamte stöhnte auf. »Sie wollen mir nicht erklären, dass das, was Sie mir hier erzählen, der Wahrheit entspricht?«

»Doch«, erwiderte Thönnissen treuherzig. »Wessels hat eine Kugel in den Kopf bekommen. Da ist es doch egal, welchen Teil des Gehirns die ... also.« Er sprach nicht weiter, sondern drückte beide Handflächen gegeneinander, als würde er etwas zerquetschen wollen.

»Haben Sie die Tatwaffe sichergestellt?«

»Tatwaffe?« Thönnissen sah Hundt ratlos an. »Wenn Sie Wessels’ Gewehr meinen ... Das hat Nissen mitgebracht.«

»Wollen Sie damit sagen, dass dieser Nissen es angefasst hat?«

Thönnissen nickte. »Sicher. Wie hätte er es sonst zu mir bringen können.«

»Wir finden also Nissens Fingerabdrücke auf der Waffe.«

Der Inselpolizist druckste herum. »Nicht nur Nissens. Auch meine.«

»Bitte?« Hundts Frage glich fast einem Aufschrei.

»Nun ja ... Ich musste es doch entgegennehmen. Nissen hat es mir in die Hand gedrückt.«

»Ist das Gewehr noch von anderen betatscht worden?« Hundt riss langsam der Geduldsfaden.

Thönnissen tat zunächst, als hätte er die Frage nicht gehört. Als der Hauptkommissar sie jedoch wiederholte, kam er um eine Antwort nicht herum. »Kann sein«, gab er zögernd zu. »Sie stand ja bei mir auf dem Flur. Wenn so etwas passiert, dann sind die Leute natürlich neugierig. Kann man ja auch verstehen.«

»Und Sie haben jedem das Gewehr in die Hand gedrückt?«

Thönnissen schüttelte energisch den Kopf. »Natürlich nicht. Aber bei uns ist es nicht üblich, die Häuser abzuschließen. Hier kennt jeder jeden. Da vertraut man einander. Wer sein Haus abschließen würde, käme schnell in Verruf, weil alle glauben, er hätte etwas zu verbergen.«

Hundt seufzte resignierend. »Toll«, sagte er mehr zu sich selbst. »Auf solche Begleitumstände kann ich gut verzichten.« Er sah auf die Uhr.

»Hatte der Tote Feinde?«, nahm er dann den Faden wieder auf.

»Wessels war ein Sonderling. Aber Feinde? Nein. Ganz bestimmt nicht.« Thönnissen nippte an seiner Teetasse und ließ das aromatische Getränk wie einen edlen Tropfen im Mund kreisen. »Sie kommen nicht von hier. Deshalb kennen Sie auch nicht das Leben auf einer Insel. Sie können sich hier nicht aus dem Weg gehen. Man begegnet sich täglich. Alle sind aufeinander angewiesen. All das, was das Leben dort drüben« – sein ausgestreckter Arm wies in Richtung des Festlandes – »schwermacht, entfällt hier. Es gibt keinen Neid, keinen Hass, man kennt sich. Wirklich reich ist niemand. Und wer nicht mitzieht, wird die Insel sehr bald verlassen.«

»Und deshalb kommen Sie Ihren Pflichten nicht nach?« Hundt hatte sich in Thönnissens Richtung vorgebeugt.

»Ich bitte Sie! Nur weil ich im Unterschied zu Ihnen weiß, wie die Uhren hier ticken, wollen Sie mir ein Dienstvergehen andichten?«

»Es wäre nicht Ihr erstes«, ließ sich der Hauptkommissar nicht beirren.

Thönnissen winkte ab. »Eine dumme Sache damals.« Er schlug sich leicht mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ich verstehe mein Handeln selbst nicht mehr. Zum Glück gab es verständnisvolle Vorgesetzte, die sich für mich eingesetzt haben. Seitdem übe ich meinen Dienst untadelig aus. Das steht auch in meinen Beurteilungen.«

Der Hauptkommissar lächelte matt. »Wer soll Sie auf diesem Ruhestandsposten beurteilen? Und wenn Sie wirklich gefordert werden, dann passiert so etwas wie jetzt. Hätten Sie umsichtiger gehandelt, wären alle Fragen gelöst.«