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Martina André

Das Geheimnis des Templers

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Episode VI

»Mitten ins Herz«

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Impressum

Martina André

»Das Geheimnis des Templers«

Episode VI

- Mitten ins Herz -

ISBN 978-3-8412-0609-1

Aufbau Digital ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Veröffentlichung: Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung und Illustration Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung von iStockphoto Motiven: © Nathan Winter, © Reinhold Leitner

E-Book Konzept und Gestaltung: Marcus Thie, Berlin

www.aufbau-verlag.de

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Personenregister

Glossar

Leseprobe aus »Das Rätsel der Templer«

Kapitel I

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Zypern/Ordensburg der Templer in Famagusta 1302

Gero von Breydenbach war nicht sicher, wie lange er das Bewusstsein verloren hatte. Lediglich die Schmerzen in seinem Oberkörper pochten noch genauso heftig wie auf dem Schiff, als er ein paar Mal zu sich gekommen war. Sein rechter Arm und seine rechte Seite, von der Schulter bis hinunter zu den Rippen, fühlten sich an, als ob sie von glühendem Eisen durchstoßen worden wären. Was ihn dazu brachte, sich auf der Stelle in den Zustand seliger Umnachtung zurückzuwünschen.

Mehr und mehr stellte sich die Erinnerung ein, wie es überhaupt zu seiner misslichen Lage gekommen war.

Wie er in der mondhellen Dämmerung an den Gestaden von Antarados für nur einen Moment die Kontrolle über seinen Gegner verloren hatte. Wie der Säbel des Mameluken, gegen den er kämpfte, ihn mit voller Wucht am Helm getroffen hatte. Wie er das Gleichgewicht verlor und dann den sengend heißen Schmerz verspürte, der kurz danach seine Schulter streifte. Dann war es dunkel um ihn herum geworden.

»Hey, kannst du mich hören?« Zu der rauen, nur allzu bekannten Stimme schälte sich das passende Gesicht aus dem sich lichtenden Nebel heraus. Struan MacDhoughail nan t-eilan Ileach, sein schwarzbärtiger Kamerad von den schottischen Inseln, fixierte ihn mit seinen Kohleaugen, als ob er ihn allein kraft seines durchdringenden Blickes ins Leben zurückholen wollte. Als er sah, dass Gero die Augen öffnete, wechselte der angespannte Gesichtsausdruck des hünenhaften Templers zu rührender Besorgnis. Aber was Gero noch viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass sich der ansonsten so humorlos wirkende Schotte vergeblich an einem Lächeln versuchte. Jeder, der Struan kannte, wusste, dass er nur selten sein blendend weißes Gebiss präsentierte. Entweder weil es für ihn nur wenig zu lachen gab, oder weil er mit seinen ausgeprägten Eckzähnen, die in beängstigender Weise an ein Raubtier erinnerten, keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte.

»Sag ehrlich«, murmelte Gero mit halbgeschlossenen Lidern. »Wie schlimm steht es um mich? Werde ich sterben?«

»Nein«, beeilte sich der Schotte zu sagen, bemüht, seiner Reibeisenstimme etwas Weiches, Zuversichtliches zu geben. »Der verdammte Heide hat dir mit seinem Krummsäbel bloß die Schulter aufgeschlitzt. Es sieht nicht schön aus, aber unsere Brüder im Hospital haben dir gleich nach unserer Ankunft Unmengen von dem Schimmeltrank eingeflößt. Die Wunde eitert längst nicht mehr so stark wie in den ersten Tagen, aber bis sie vernäht werden kann, wird es noch eine Weile dauern.«

Beinahe enttäuscht drehte Gero seinen Kopf und versuchte zu ergründen, wie ausgeprägt die Verletzung war, die ihm der Mameluke zugefügt hatte. Die Sehnen an seinem Hals schmerzten, und mehr als ein Verband und ein riesiger blauer Fleck, der unter dem sauberen Leinen hervorschaute, war nicht zu erkennen. Erschöpft sank er zurück in die Kissen und schloss für einen Moment die Augen. Wie viel lieber wäre er tot gewesen und hätte in das liebliche Antlitz von Lissy geblickt, die nun weiterhin im Paradies auf ihn warten musste.

»Wo bin ich und wie lange war ich weg?«, fragte er mit geschlossenen Lidern und meinte damit, wie lange er im Zustand der Bewusstlosigkeit verbracht hatte.

»Du bist noch immer in Famagusta«, erklärte Struan geduldig. »Vor fünf Tagen sind wir angelandet. Danach haben dich die Brüder sofort ins Hospital der Ordensburg gebracht. Bisher warst du nicht transportfähig, sonst hätten sie dich bereits nach Nikosia ins Hauptquartier verlegt. Du kannst von Glück sagen, dass du zwischendrin ein paar Mal für kurze Zeit wach geworden bist. So konnte dir der Medikus wenigstens etwas zu trinken einflößen.«

»Fünf Tage?« Gero hob seine Lider und schaute Struan zweifelnd an. Gleichzeitig stellte sich ihm eine andere Frage, die sich von selbst beantwortete, als er seine gesunde Hand zu seinem Geschlecht wandern ließ. Er trug eine Windel, als ob er ein Säugling wäre.

»Verdammte Scheiße«, entfuhr es ihm leise. »Wann werde ich wieder zum Abort gehen können?«

»Mit etwas Glück wirst du ziemlich bald wieder auf den Beinen sein«, versicherte ihm Struan und überging damit den Moment der Peinlichkeit. »Gott sei Dank führst du das Schwert mit links und nicht mit rechts“, fuhr er fort, „sonst könnte es tatsächlich länger dauern, bis du wieder kämpfen darfst.«

Struan seufzte sichtbar erleichtert, und entgegen seinen Gewohnheiten lächelte er nun tatsächlich. Gero war längst klar, dass er dem Schotten sein Leben zu verdanken hatte, und er spürte Tränen der Rührung in sich aufsteigen.

»Ohne dich wäre ich jetzt tot, Bruder«, bekannte er mit belegter Stimme. »Der Heide hätte mich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Jenseits befördert.« Und ich würde endlich wieder mit Lissy vereint sein, dachte er, sagte es aber nicht.

»Ich hab den Kerl, der dir das angetan hat, mit meinem Claidheamh mòr in zwei Hälften geteilt«, erklärte Struan mit ausdrucksloser Miene. »Was ich in jedem Fall getan hätte, ganz gleich, ob er dich töten wollte oder nicht.«

»Das mag ja sein.« Gero versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln, auch wenn es gequält war. »Trotzdem stehe ich in deiner Schuld, mein Leben lang. Ab sofort sind wir mehr als nur Brüder im Geiste. Wir sind Brüder im Herzen, und dafür möchte ich dir danken, mit allem, was mir zur Verfügung steht.«

Trotz größter Schmerzen tastete Gero nach der Hand des Schotten und drückte sie fest. »Wenn ich das hier überlebe«, versicherte Gero ihm, werde ich für dich da sein, wann immer du mich brauchst.«

»Das ist sehr großzügig von dir«, entgegnete Struan und setzte augenblicklich seine übliche Maske der Gleichgültigkeit auf. Aber auch in seinen Augen glitzerte es verdächtig. »Aber dazu bedarf es keines Schwures«, fügte er leise hinzu. »Unter Brüdern sollte meine Tat selbstverständlich sein. Außerdem hast du deine Rettung nicht nur mir zu verdanken.«

Gero wagte einen zurückhaltenden Blick in die Umgebung. Er lag in einem weichen Hospitalbett, gar keine Frage, bis zur Brust mit weißen Laken bedeckt. Weiter hinten im Raum standen noch andere Betten, in denen offenbar alte und kranke Ordensbrüder vor sich hin dösten. Ansonsten war niemand anwesend, dem er über Struan hinaus hätte danken können. »Wo sind die anderen, die mit uns auf dem Schiff waren?«, fragte er, um sich zu vergewissern, dass seine übrigen drei Kameraden und auch die wenigen Zivilisten, die auf Antarados mit an Bord gegangen waren, den Angriff und die Überfahrt überlebt hatten. Seine Sorge galt in erster Linie Warda, seiner Freundin, wie sie sich selbst bezeichnet hatte, aber das wollte er vor seinem schottischen Bruder nicht zugeben. Struan kannte sie nur unter dem Namen Maria, und er ahnte noch nicht einmal, dass sie einst eine Hure gewesen war und Gero eine zwar kurze, aber doch bedeutungsvolle Liaison mit ihr gehabt hatte.

In seiner Erinnerung tauchten schwach ihre angstvoll geweiteten Augen auf, als er für einen Moment zu sich gekommen war und Warda sich über ihn gebeugt hatte. Aber im Nachhinein war er nicht sicher, ob es sich nicht doch um einen Traum gehandelt hatte. Er hatte sie berühren und etwas sagen wollen, aber dann hatte es ihn zurück in ein düsteres Nebelland gezogen, und dort war ihm Lissy auf halber Strecke begegnet und hatte ihm versichert, dass es für ihn noch nicht an der Zeit wäre, die Seiten zu wechseln.

»Und was ist mit der Frau?«, fragte er beiläufig, bemüht, Struan nicht direkt ins Gesicht zu schauen, sondern eher auf dessen saubere, wollweiße Chlamys und den gleichfarbigen Wappenrock, den er über dem Kettenhemd trug. Auf beidem war das Templerkreuz aufgenäht, dessen blutrote Farbe ihm nie stärker ins Auge gestochen war als in diesem Moment.

»Meinst du diese Wäscherin? Wie hieß sie noch gleich?« Struan tat, als ob er nachdenken müsste, obschon Gero sicher war, dass er wusste, von wem die Rede war und auch ihren Namen noch kannte.

»Maria«, kam ihm Gero zuvor, von plötzlicher Sorge erfüllt, Struans Zurückhaltung könnte auf ein Unglück hindeuten. »Was ist mit ihr?«

»Ihr geht es gut«, versicherte ihm Struan mit auffällig neutraler Miene. »Das glaube ich zumindest. Sie hat mich gefragt, ob sie dich im Hospital besuchen darf, aber ich habe ihr erklärt, dass die Hospitalleitung ihr gutgemeintes Ansinnen aufgrund der strengen Ordensregeln sicherlich ablehnen wird. Zumal du in einem Dormitorium liegst, in dem ausschließlich schwerkranke Brüder versorgt werden.«

»Hat sie sonst noch etwas gesagt?«, fragte Gero leicht ungeduldig. »Wo sie sich jetzt aufhält und welche Pläne sie hat? Soweit ich weiß, hat sie ihre Anstellung im Orden schon vor dem Überfall der Mameluken gekündigt. Ich meine, immerhin haben wir ihrer Mithilfe unser Leben zu verdanken. Eigentlich müsste der Orden sie und die anderen überlebenden Inselbewohner dafür entlohnen.«

»Davon weiß ich nichts.« Struan schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie hat mich lediglich aufgefordert, die Ordensleitung über alles zu unterrichten, was auf Antarados geschehen ist. Danach ist sie einfach davongegangen. Aber Arnaud hat mir erzählt, dass auch sie von den zuständigen Stellen zu dem Vorfall auf der Insel verhört wurde. Allerdings weiß ich nicht, was dabei herausgekommen ist.«

»Und?«, fragte Gero mit schmerzverzerrter Miene, weil er dummerweise versucht hatte, sich ein bisschen bequemer hinzulegen. »Konntest du alle notwendigen Instanzen davon überzeugen, dass der Sturm auf die Festung kein verteufelter Zufall war?«

»Selbstverständlich«, bestätigte Struan. »Nachdem man sämtliche überlebenden Bewohner der Insel, die mit dem Schiff angelandet sind, zum Verhör in die Ordensburg von Yermasoyia gebracht hat, wurden Arnaud, Roderic, Brian und ich direkt hier im Ordenshaus von Aymo d’Oiselay persönlich ins Gebet genommen. Jacques de Molay ist erst gestern aus Nikosia eingetroffen. Als Ordensmeister wollte er von uns persönlich erfahren, wie die Geschehnisse auf Antarados abgelaufen sind und wie sie von uns bewertet werden. Ich schätze, wenn er hört, dass du zu dir gekommen bist, will er auch noch mit dir reden.«

»Hast du ihm von Hugos d’Empures’ Verrat erzählt?«

»Das habe ich«, gab Struan mit unbewegter Miene zur Antwort. »So ausführlich, wie ich konnte. Dabei habe ich nichts ausgelassen. Nur die Sache mit Maria habe ich nicht erwähnt. Schon gar nicht, dass sie Hugo von Beginn an verdächtigt hat, ein falsches Spiel zu spielen. Ich wollte sie nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen. Schließlich war sie selbst von der Ordensleitung befragt worden, und ich wusste nicht, was sie denen erzählt hatte.«

Gero schloss erleichtert die Augen. »Auf dich kann man sich wirklich verlassen«, murmelte er erschöpft. Dann schaute er auf und bedachte den Schotten mit einem prüfenden Blick.

»Und welches Resümee haben unsere Ordensoberen aus dem Vorfall gezogen? Geben sie uns die Schuld? Oder eher mir, weil ich Bartholomäus de Chinsi nicht rechtzeitig gewarnt habe?«

Struan sah sich in dem großen, kahlen Schlafsaal des Hospitals suchend um, doch die meisten, vorwiegend von greisen Brüdern belegten Betten standen zu weit entfernt, als dass man ihre Unterredung hätte belauschen können.

»Niemand von uns hat es so dargestellt, als ob du vorher schon etwas von Hugos Verrat gewusst haben könntest«, stellte Struan mit gedämpfter Stimme klar. »Ich habe mich vor dem Gespräch mit d’Oiselay mit den anderen Jungs abgesprochen, sogar Arnaud de Mirepaux war mit von der Partie und hat geschworen, nichts von deinen vorherigen Befürchtungen zu erwähnen. Er ist dir im Übrigen sehr dankbar, dass du uns in die Katakomben geführt hast. Wörtlich sagte er, ohne deine Unterstützung wären wir nun alle tot oder säßen in irgendeinem ägyptischen Kerker.«

»Und was meint die Ordensführung zur Schuld von Hugo d’Empures? Haben sie ihn wenigstens auf die Liste der meistgesuchten Verräter gesetzt?«

»Sie haben ihn schlicht für tot erklären lassen«, erwiderte Struan verdrossen. »Offiziell ist er zusammen mit unserem Ordensmarschall als Held gestorben. Diese Meldung wird die Ordensleitung in genau dieser Form zum Papst nach Rom absetzen, und auch Hugos katalanische Verwandte werden eine entsprechende Urkunde erhalten. Das bedeutet, er weilt hochoffiziell nicht mehr unter den Lebenden. Sollte er je wieder einen Fuß auf christlichen Grund und Boden setzen und sich als Hugo d’Empures ausgeben, wird er unverzüglich als Hochstapler festgenommen und gehängt, ganz gleich, ob es noch jemanden gibt, der ihn als den einzig wahren, alten Hugo identifizieren kann.«

Gero riss ungläubig die Augen auf. »Soll das heißen, man wird ihn für das, was er getan hat, sogar noch ehren? Das bedeutet also, selbst wenn er wieder auftauchen würde, hätte er niemals eine härtere Strafe zu befürchten, als dass man ihn als Lügner und Betrüger hängen würde! Geschweige denn, dass die Sache ein Nachspiel im Kapitel von Paris hätte!«

»Zumindest nicht offiziell.« Struan schüttelte unmerklich den Kopf. »Der Templerorden hat zwei Tage nach unserem Verhör in einem geheimen Kapitel in Nikosia entschieden, die Angelegenheit keinesfalls in der wahrhaftigen Version publik zu machen. Es wäre eine zu große Schmach, wenn man zugeben müsste, dass ein Kommandeur-Leutnant der Templer zu den Heiden übergelaufen ist und neunhundert Ordensangehörige ihrem Schicksal überlassen hat. Wegen der Geschichte mit Hugo will man alles, was geschehen ist, möglichst unter den Teppich kehren. Ein Spion von solcher Bedeutung in den Reihen des Templerordens würde unserem Ansehen bei König und Klerus empfindlich schaden. Weil man zugeben müsste, das Unheil nicht rechtzeitig erkannt zu haben. In den amtlichen Verlautbarungen wird es heißen, der Überfall der Heiden und unsere Antwort darauf sei eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen. Die Mameluken hatten offenbar gerade nichts Besseres zu tun, als uns anzugreifen. Und wir hatten dem nichts entgegenzusetzen, weil sich der Austausch unserer Versorgungsschiffe und Galeeren unglücklicherweise überschnitten hat. In einer offiziellen Erklärung dazu soll behauptet werden, Hugo habe als einzig überlebender Offizier Verhandlungen mit den Mameluken aufgenommen, weil Bartholomäus de Chinsi zuvor in einem erbitterten Kampf gegen die Heiden gefallen sei. Nachdem sich die verbliebenen Templer in letzter Not in die Festung zurückgezogen hätten, sei der bedauernswerte Bruder Hugo von den Mameluken in gleicher Weise hinters Licht geführt worden wie seine Vorgänger damals in Akko. Nachdem die Mameluken ihm und allen Bewohnern der Festung freien Abzug versprochen hätten, sei er nach dem Öffnen der Tore wie der Ordensmarschall im Kampf getötet worden. Seine Schutzbefohlenen seien in Ketten gelegt und nach Ägypten verschleppt worden …« Struan schwieg für einen Moment, damit Gero diese Ungeheuerlichkeit erst einmal verdauen konnte. »Den Rest kannst du dir denken.«

»Schon allein so etwas zu behaupten ist eine ziemlich schamlose Lüge«, stellte Gero verbittert fest. »Wie blöd muss man sein, um den gleichen Fehler noch mal zu machen, der die Templer 1291 in Akko nicht nur ihre Ordensburg gekostet hat, sondern gleich das gesamte Heilige Land. Selbst wenn es keine Alternativen gab, hätte Hugo mit seiner Erfahrung eine andere Entscheidung treffen müssen, als den Heiden einfach das Tor zu öffnen.« Gero war entsetzt, wie einfach es sich der Orden in dieser Sache machte. Zugleich versuchte er herauszufinden, was diese Verleugnung der wahren Umstände für ihn persönlich bedeutete. »Und was ist mit uns?«, fragte er ratlos. »Wir können doch bezeugen, dass Hugos Verrat überhaupt erst dazu geführt hat, dass die Mameluken es gewagt haben, uns anzugreifen, weil sie wussten, wir waren knapp an Proviant und warteten auf den längst überfälligen Zulauf von Galeeren und Versorgungsschiffen. Und weil sie sicher sein konnten, dass es auf der Festung einen zuverlässigen Teufel gab, der den Ordensmarschall dazu verführen würde, mit dem Öffnen der Tore eine falsche Entscheidung zu treffen.«

»Davon kein Wort, mein Freund«, bemerkte Struan mit einem leisen Ton der Verschwörung in seiner rauen Stimme. »Man hat uns einen gemeinschaftlichen Maulkorb verpasst, und damit wir diesen auch anbehalten, wird man alle fünf Templer, die dieses Massaker wie durch ein Wunder überlebt haben, ins Kernland nach Franzien versetzen, wo sie fortan ihren Dienst in einer weit weniger gefährlichen Umgebung verrichten sollen.«

»Und das, obwohl mehr als hundertfünfzig christliche Turkopolen geköpft wurden und hundertzwanzig Tempelritter mit mindestens weiteren sechshundert Angehörigen des Ordens in die ägyptische Sklaverei verschleppt wurden und man daraus resultierend dringend Nachschub für neue Truppen benötigt?« Gero konnte es immer noch nicht fassen und vergaß darüber beinahe seinen erbarmungswürdigen Zustand. »Das heißt, wir werden trotz unserer Loyalität zum Schweigen gezwungen und obendrein strafversetzt?«

»Nenn es, wie du willst«, entgegnete Struan vergleichsweise gefasst. »Sie haben auch schon eine Kommanderie für uns ausgesucht. Nicht weit entfernt von Troyes. Sie gilt als Ausbildungskompanie für besonders sprachbegabte Brüder. Eine Art philosophisches Zentrum. Wobei ich mich frage«, gab Struan grinsend zu bedenken, »was sie ausgerechnet mit mir dort anfangen wollen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein einziges Buch gelesen. Aber es heißt auch, die dort stationierten Templer sollen als Elitetruppe des Ordens auftreten. Sozusagen als Vorzeigetempler. Zum Beispiel, wenn der Papst auf seinen Reisen durch Franzien sicheres Geleit verlangt. Oder wenn die Ordensburgen Wettkämpfe untereinander und gegen andere Ordenshäuser ausrichten. Und damit es uns darüber hinaus nicht langweilig wird, dürfen wir regelmäßig Geldtransporte zwischen den Ordenshäusern begleiten oder Raubritternester ausheben oder …«

»… irgendwelche bleichen Jungfrauen aus den Klauen eines feuerspeienden Drachen retten …«, beendete Gero die Ausführungen des Schotten. Jerusalem schien also endgültig verloren zu sein. Jedenfalls was seinen persönlichen Einsatz betraf. Urplötzlich fragte er sich, was sein Vater wohl zu seinem unrühmlichen Ende bezüglich der Rückeroberung des Heiligen Landes sagen würde. Eigentlich interessierte es ihn nicht, was der Alte über ihn dachte, doch nun konnte er plötzlich nachvollziehen, wie sehr die Niederlage von Akko den Stolz seines Vaters verletzt haben musste. Seufzend schüttelte er den Kopf, was er jedoch wegen der stechenden Schmerzen in Hals und Schulter sogleich wieder seinließ.

»Ich kann es immer noch nicht glauben.« Mit resignierter Miene schaute er auf. »Hat man dir auch gesagt, wo genau die besagte Kommanderie zu finden ist, zu der man uns abordnen wird?«

»Bar-sur-Aube«, antwortete Struan gedehnt. »Immerhin scheint in der Stadt einiges los zu sein. Wie ich gehört habe, ist die Kirche Saint-Pierre ein Wallfahrtsort, und dort sollen jährliche Kaufmannsmessen abgehalten werden«, fügte der Schotte aufmunternd hinzu, weil er offenbar hoffte, dass seine Anmerkung Gero ein Trost sein könnte.

»Bar-sur-Aube«, wiederholte Gero nachdenklich, und seine Miene hellte sich trotz der düsteren Aussichten auf. »Den dortigen Komtur kenne ich«, sagte er leise. »Henri d’Our. Er ist ein Freund meines Vaters. Ein freundlicher Mann, obwohl es heißt, er führt seine Komturei mit straffer Hand. Vielleicht hast du ihn auch schon gesehen. Er weilte in Troyes, als wir dort unsere Aufnahmeprüfung als Novizen absolviert haben. Ich halte große Stücke auf ihn.«

»Wenn dem so ist«, sagte Struan und lächelte noch einmal. »Worauf wartest du dann noch? Sieh zu, dass du schnellstmöglich wieder gesund wirst, damit wir unsere Sachen packen und von hier verschwinden können.«

Kapitel II

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Trotz der Eile dauerte es noch mal drei Monate, bis Gero Ende Februar im Jahre des Herrn 1303 so weit genesen war, dass er zusammen mit seinen Kameraden nach Franzien aufbrechen konnte. Inzwischen hatte man ihn wieder nach Nikosia verlegt, wo er langsam, aber sicher zu Kräften gekommen war. Seit ein paar Wochen hatte er das Kampftraining mit dem Schwert wieder aufnehmen können, und auch das Reiten fiel ihm nicht mehr schwer, obwohl er David, seinen treuen Hengst, den er auf Antarados den Mameluken überlassen musste, noch immer schmerzlich vermisste, sobald er im Sattel saß. Wahrscheinlich beglückte der schwarze Riese nun die edlen Stuten irgendeines dekadenten Emirs, tröstete sich Gero über den Verlust seines treuen Begleiters hinweg.

Zwei Tage vor ihrer Abreise zum Hafen von Limassol, wo sie die ›Rose von Aragon‹ für die Überfahrt nach Franzien an Bord nehmen würde, bat Gero um zwei Stunden Ausgang am Abend, der ihm ohne Nachfrage von einem persönlichen Adjutanten Jacques des Molays gewährt wurde, unterschrieben im Auftrag des Meisters. Dessen Großzügigkeit resultierte wahrscheinlich aus dem Umstand, dass man Gero wie auch den übrigen Kameraden, denen die Flucht von Antarados geglückt war, eine Sonderbehandlung zuteilwerden ließ.

Das Oberhaupt der Templer hatte ihn einen Tag, nachdem er aus seiner Ohnmacht erwacht war, höchstpersönlich aufgesucht und ihn detailliert zum Hergang des Überfalls der Mameluken auf Antarados befragt.

»Es ist meine Schuld«, beteuerte Gero trotz aller Vorbehalte, die Wahrheit ans Licht bringen zu wollen, bei der eingehenden Befragung durch de Molay. »Ich habe geahnt, dass Bruder Hugo ein doppeltes Spiel treibt, aber ich habe es unterlassen, unseren Ordensmarschall davon in Kenntnis zu setzen.«

»Wie genau soll ich das verstehen?« De Molay sah sich auf Geros Aussage hin offensichtlich veranlasst, intensiver nachzuhaken, wie er seinen Verdacht gegenüber Hugo d’Empures bei de Chinsi hätte begründen wollen. Gero wiederum wurde plötzlich klar, dass er Warda ins Spiel bringen musste, wenn er das Ganze im Detail erklären wollte, und das konnte er, allein um sie vor einer tiefer gehenden Untersuchung zu schützen, nicht tun. Stattdessen zog er es vor, sich auf göttliche Eingebung und eine uralte Prophezeiung zu berufen, die ihm von wem auch immer zu Ohren gekommen sei, was de Molay jedoch ganz und gar nicht zu beeindrucken schien, sondern ihn lediglich dazu veranlasste, eine Braue hochzuziehen. Gero hingegen war nicht sicher, ob sein Ordensmeister tatsächlich nichts von dieser Prophezeiung wusste oder ob er dieses Wissen lediglich für sich behalten wollte.

»Wenn jemanden die Schuld an diesem Debakel trifft, dann mich«, versicherte ihm der grauhaarige und um Jahre gealterte Ordensmeister mit aufrechtem Blick. »Der Untergang von Antarados und der Verlust all dieser guten Menschen hat nicht nur den Orden mitten ins Herz getroffen, sondern auch mich ganz persönlich. Allerdings würde es dem Orden in der jetzigen Situation nur schaden, wenn ich meinen Rücktritt ankündigen und einem anderen Ordensoberen das Ruder überlassen würde. Der Aufbau und die Unterhaltung von Antarados hat die Arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel Unmengen an Geld gekostet, wovon das meiste noch nicht einmal aus unseren eigenen Kassen stammt. Wenn wir nun unsere Niederlage mit Pauken und Fanfaren in den Okzident tragen, wird dort niemand mehr Vertrauen in uns setzen, geschweige denn glauben, es könnte uns jemals gelingen, Jerusalem für die Christen zurückzuerobern. Was nicht nur fatale Folgen für die finanzielle Unterstützung des Ordens durch Dritte hätte, sondern auch für die Gewinnung weiterer Brüder als Ordensritter. Und deshalb bleibt mir nichts anderes, als Euch und den anderen Brüdern den strikten Befehl zu erteilen, nicht nur absolutes Stillschweigen über die wahren Gründe der Eroberung des Eilandes durch die Mameluken zu bewahren, sondern euch darüber hinaus in Franzien für die weitere Rekrutierung junger Adliger einzusetzen, indem ihr dort mit gutem Beispiel vorangeht. Ich muss nicht hinzufügen, dass Ihr dem Orden einen Eid geleistet habt, der Euch verpflichtet zu gehorchen, ganz gleich, was geschieht.«

Der ranghöchste Ordensritter der legendären Miliz Christi bedachte Gero mit einem unmissverständlichen Blick, der ausdrückte, dass eine Zuwiderhandlung eine ungeahnt harte Strafe nach sich ziehen würde. »Um der Heiligen Muttergottes willen“, fügte er schließlich um einiges sanfter hinzu, „ich benötige dringend Eure Unterstützung in der Sache.«

»De par Dieu, Beau Seigneur – im Namen Gottes! Worauf Ihr Euch verlassen könnt!« Gero tat seinen Schwur mit der Hand auf dem Herzen, obwohl es in seinem Innern brodelte, weil er insgeheim eine vollkommen andere Überzeugung vertrat.

Kapitel III

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Er zweifelte immer noch, als er am Abend vor seiner Abreise nach Franzien in vollem Templerornat den Weg zu Fuß in die Stadt antrat. Trotz der hereinbrechenden Dämmerung erregte er in seinem weißen Mantel und dem Wappenrock mit dem roten Kreuz auf Brust und Schulter bei den entgegenkommenden Passanten mehr Aufsehen, als ihm lieb war. Zumal die einheimische Bevölkerung die Templer nicht eben verehrte. Dies war sicher ein Grund, warum er überwiegend misstrauische Blicke erntete und er die Ordensburg seit der Razzia in der »Taverne der Engel« nicht mehr ohne sein Schwert und seinen Messergürtel verlassen hatte. Obwohl er angesichts seines Vorhabens lieber Zivilkleidung getragen hätte, wäre es ihm ohnehin nicht möglich gewesen, weil er bei seiner Flucht aus Antarados neben seinem geliebten Streitross auch seine private Kleidung hatte zurücklassen müssen. Wenigstens war ihm das Liebesgedicht seiner verstorbenen Frau geblieben sowie der Siegelring seiner Familie und sein Wappenbuch. Alles zusammen trug er stets in einer kleinen Ledertasche um den Hals direkt über dem Herzen. Dass ihm nach dem Überfall der Mameluken darüber hinaus sein kostbarer Anderthalbhänder nicht verlorengegangen war sowie das einfache, silberne Kreuz, das er wie alle Brüder an einem Lederband um den Hals trug, hatte er Struan zu verdanken, der nicht nur sein Leben, sondern auch seine wertvollste Habe vor den Heiden gerettet hatte.

Trotz des engen Bandes zwischen ihm und dem Schotten, das seit Antarados noch enger geworden war, hatte er Struan nicht gesagt, wohin er sich begab. Nur der Wachhabende am Tor der Ordensburg von Nikosia wusste Bescheid, als er ihm den vom Ordensmeister unterzeichneten Passierschein gezeigt hatte.

Mit ausladenden Schritten näherte er sich der westlichen Altstadt, wo das Haus von Wardas Tante zu finden war. Auch wenn Warda vielleicht nicht dort lebte, würde ihre Tante wahrscheinlich wissen, wo sie sich aufhielt. Zum Abschied hatte er ihr einen Brief geschrieben. Etwas, das normalerweise im Orden nicht erlaubt war, aber für Warda ging er das Risiko ein. Welche Bedeutung hatte schon ein einfacher Brief gegen das, was Hugo d’Empures dem Orden zugefügt hatte? Der ehemalige Kommandeurleutnant war der eigentliche Grund, warum Gero nicht abreisen konnte, ohne Warda Lebewohl zu sagen. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er überhaupt auf Hugos Verrat aufmerksam geworden war. Dabei betrachtete er es als besonderes Glück, dass die einstige Hure, die sie bei ihrem ersten Aufeinandertreffen noch gewesen war, des Lesens und Schreibens in lateinischer Schrift mächtig war, was bei einer Frau ihrer Herkunft noch lange keine Selbstverständlichkeit darstellte. Dass sie so klug und gebildet war, hatte Gero neben ihrer aufreizenden Erscheinung gleich zu Beginn ihres Kennenlernens fasziniert.

Am Tag zuvor hatte er unzählige gedankliche Anläufe unternommen, in einem Schreiben zu erklären, warum er sich in den vergangenen Monaten nicht bei ihr hatte melden können. Trotz allem, was er ihr nicht zu geben vermochte, fühlte er sich ihr zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet. Doch am Ende war er zu dem Schluss gekommen, dass all die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, viel zu förmlich klangen. Auf dem kostbaren Papier, das er im Skriptorium unter Vortäuschung falscher Tatsachen erbeten hatte, waren dann am Ende lediglich drei Sätze und ein Name übriggeblieben: Es tut mir leid. Ich danke dir für alles. Ich werde immer an dich denken. Gero.

Seit er nach Nikosia zurückgekehrt war, hatte er pausenlos an Warda denken müssen, aber keine Gelegenheit gefunden, ihrer Tante einen Besuch abzustatten, um herauszufinden, ob sie, wie verabredet, dort Unterschlupf gefunden hatte.

Bevor er das orientalisch anmutende Gebäude mit den spitz zulaufenden Fensterbögen und dem kühlen Innenhof erreichte, blieb er mehrmals stehen und überlegte, ob es vielleicht besser wäre, einfach wieder umzukehren. Doch dann sagte er sich, dass schließlich nichts dabei war, eine alte mürrische Frau aufzusuchen und sie nach dem Verbleib ihrer Nichte zu fragen. Wenn er Pech hatte, würde sie ihm noch nicht einmal die Tür öffnen oder sie ihm vor der Nase zuwerfen, kaum, dass sie ihn erblickt hatte.

Als er klopfte, ließ er sich noch immer Dutzende von Szenarien durch den Kopf gehen, was als Nächstes geschehen könnte.

Schließlich wurde die eisenbeschlagene Tür mit einem Knarren geöffnet, und zu seiner Überraschung trat ihm ein bulliger Zypriot mit finsterem Blick entgegen. Instinktiv legte Gero seine Hand an das T-Heft seines Schwertes und straffte die Schultern.