Informationen zum Buch

Ein Toter in einem Hotel – Marstrand hält den Atem an.

In Marstrands Turisthotell, einem leerstehenden Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, wird ein Toter gefunden. Schnell ist Karin Adler von der Göteborger Polizei vor Ort und nimmt die Ermittlungen auf. Ist der alte Holger Erikson, die gute Seele von Marstrand, wirklich gewissen Investoren so sehr ein Dorn im Auge gewesen, dass sie ihn ermordet haben? Je intensiver Karin Adler in diesem Mordfall ermittelt, desto mehr Ungereimtheiten ergeben sich. Während Karins Freundin Lycke das Computersystem der Gemeinde überprüft, stellt diese fest, dass ganze Datenbestände verschwunden sind. Als sie auf den Fehler hinweist, bedroht man sie – und dann verschwindet ihr Sohn.

»Eine beeindruckende Mischung aus Mord und Romantik.« Dagens Nyheter

Ann Rosman

Das Totenhaus

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Katrin Frey

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Nachwort

Quellen und Dank

Über Ann Rosman

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für meinen Freund Stig, 1930–2013,
dem ich für viele interessante Gespräche danke.

»Du stellst so viele Fragen, Ann.«

»Ja.«

»Und ich sitze hier und könnte sie alle beantworten,

aber noch sind dir gar nicht alle Fragen eingefallen.«

Hier sucht die Kraft, die Gott im Meer verströmt.
Und seid dankbar, dass es auch für die Leidenden Hoffnung gibt.

Dieser Text stand 1822 über dem Eingang zu Marstrands erstem Badehaus in der Arvidsvik auf Koö, Marstrand.

Prolog

Der Anblick des schönen gelben Gebäudes aus Holz erfüllte ihn jedes Mal mit gemischten Gefühlen. Die vielen Sprossenfenster, die leer auf den alten Handelshafen starrten, der Turm mit den gewölbten Scheiben voller Sandkörner, die morschen Balkongeländer, die auf halb acht hingen, und das undichte Blechdach.

Er fuhr im Nissan King Cab des Rettungsdienstes die Varvsgata hinauf und parkte direkt vor dem Hotel.

Die Feuchtigkeitsflecken an der Decke waren seit seinem letzten Besuch größer geworden, an einer Stelle tropfte es sogar, und an der Südseite waren drei Fensterscheiben kaputtgegangen. Wie immer, wenn er das Gebäude betrat und das geschnitzte Treppengeländer, den roten Teppich auf den Stufen und die mundgeblasenen Lampen aus satiniertem Glas bewunderte, kam ihm der gleiche Gedanke:

So ein Haus verfallen zu lassen, ist doch Wahnsinn.

Die größte Gefahr für die dicht nebeneinander stehenden Holzhäuser auf Marstrandsö stellten Brände dar, das war ihm als Feuerwehrmann mehr als bewusst. Wenige Dinge brannten so gut – und so schnell – wie trockenes altes Holz, das mit mehreren Schichten Leinölfarbe bedeckt war. Fußboden, Decke und Wände waren mit Sägespänen und vergilbtem Zeitungspapier gedämmt, und das ähnlich konstruierte Holzhaus des direkt angrenzenden Nachbarn war im besten Fall durch eine Brandwand geschützt. Ohne Marstrands Feuerwehr, die das Überleben einer Stadt aus Holz erst möglich machte, wäre bereits eine ganze Häuserzeile abgebrannt, bevor die Feuerwehr aus Kungälv die gut fünfundzwanzig Kilometer zurückgelegt und mit der Fähre die Insel erreicht hätte. Als Freiwilliger Feuerwehrmann hatte man sich innerhalb von fünf Minuten nach Empfang des Alarms auf der Feuerwache einzufinden. Das System mit der selektiven Kräftealarmierung, das anzeigte, ob es sich um einen Brand oder einen medizinischen Notfall handelte, hatte sich bewährt. Dank ihrer Schnelligkeit waren sie sowohl mit einem Herzstillstand als auch mit einem eine Woche alten Baby mit Atemnot fertiggeworden. Die Truppe, die er diesmal bei sich hatte, war gut vorbereitet. Die Leute waren normalerweise innerhalb von drei Minuten vor Ort und wussten, dass der Wagen meistens nach fünf Minuten losfuhr. Die Übungen, die er regelmäßig am Montag durchführte, hatten sich gelohnt.

Zwei Stunden später hatte die Nebelmaschine den Flur im Obergeschoss des Nordflügels, wo sich früher die preisgünstigeren Zimmer befunden hatten, mit dichtem weißem Rauch gefüllt. Nicht einmal seine Handschuhe konnte er erkennen.

Drei Übungspuppen waren festgelegt worden.

Lulle hielt sich das Funkgerät an die Lippen, erteilte den wartenden Kräften in der Feuerwache die letzten Anweisungen und sagte zum Schluss: »Abbe und Dennis gehen als Erste vor, anschließend tauschen wir, damit auch Lill-Bengt und Mattias die Übung machen können. Sprecht bitte, soweit es möglich ist, durch die Masken, damit wir nicht alles über Funk mithören müssen. Okay?«

»Klar«, sagte Lill-Bengt, der zwar überhaupt nicht klein war, aber zu einer Zeit bei der Feuerwehr angefangen hatte, als dort noch ein anderer Bengt tätig gewesen war, ein hauptberuflicher Fischer mit Händen so groß wie Klodeckel.

»Dann legen wir los. Alarm. Ein Brand mit starker Rauchentwicklung im Turisthotel. Möglicherweise befinden sich noch Personen im Gebäude.«

Nach wenigen Minuten tauchte das Löschfahrzeug auf.

Lill-Bengt, der normalerweise als Hausmeister in der Schule arbeitete, verließ seinen Platz hinterm Lenkrad und schaltete die Pumpe ein. Anschließend hockte er sich hin und setzte das Standrohr an den Hydranten an. Währenddessen stiegen Abbe und Dennis aus dem Löschfahrzeug.

Gruppenführer Mattias kontrollierte die Ausrüstung von Abbe und Dennis, die zuerst vorgehen und die Puppen holen sollten. Immer zu zweit. Er korrigierte die Position eines Gurtes an Dennis’ Atemschutzgerät. Die beiden wirkten jetzt schon verschwitzt unter den Masken. Die zwei eher ruhigen und besonnenen Männer hielten jetzt die Daumen hoch und gingen rein. Draußen saß Lulle neben Mattias, verfolgte die Suche über Funk und warf währenddessen einen Blick auf den Grundriss des alten Gebäudes. Zehn Zimmer, fünf auf jeder Seite des Flurs, in dem sie sich gleich befinden würden.

»Linksrunde.« Das war die Stimme von Dennis. Dieser Befehl bedeutete ihnen, dass sie sich mit der linken Hand an der Wand auf Knien fortbewegen und den Schlauch in der rechten halten sollten. Er klang konzentriert und hatte entgegen der Anweisung vor lauter Eifer ins Funkgerät gesprochen, obwohl die Information nur die beiden Feuerwehrmänner betraf. Mattias und Lulle gingen kommentarlos darüber hinweg, mussten aber hinsichtlich seines angespannten Tons lächeln.

»Okay«, sagte Mattias. »Verstanden.«

Im dritten Raum auf der linken Seite entdeckten sie den ersten Dummy.

»Eine Person gefunden«, ertönte es aus dem Funkgerät. »Wir kommen raus.«

Dennis stellte sich über den Kopf der Puppe und fasste sie unter den Armen. Als sie ihm aus den Händen rutschte, fluchte er laut. Dumpf schlug sie auf dem Boden auf.

Jung und ungeduldig, dachte Abbe, der wusste, wie es war, echte Menschen zu retten. Wie das Adrenalin in den Adern rauschte, wenn man keine Ahnung hatte, wie lange der Vermisste dem Rauchgas bereits ausgesetzt war. Man wusste nur, dass einem nicht viel Zeit blieb, um eventuell ein Leben zu retten. Auch das schwere Gefühl in der Brust, wenn einem klar wurde, dass es schon zu spät war, kannte er. Übungen hingegen machten Spaß und waren vor allem wichtig, damit die Abläufe reibungsloser und routinierter wurden. Er räusperte sich und sprach lauter, um sich durch die Atemschutzmaske Gehör zu verschaffen.

»Wer von dir gerettet wird, kommt zwar mit dem Leben davon, bekommt aber höchstwahrscheinlich eine Gehirnerschütterung« sagte er, damit Dennis sich entspannte.

»Halt die Klappe«, antwortete Dennis schon etwas ruhiger. Er packte die Schultern des Dummys noch einmal, schleppte ihn rückwärts in den Eingangsbereich des Hotels und hinaus auf die Varvsgata. Nach den Rauchmassen im Haus wirkte die Maisonne fast unerträglich grell. Mit zusammengekniffenen Augen nahmen die Männer undeutlich wahr, wie der Gruppenführer den Daumen hob und ihnen zunickte. Anschließend verschwanden sie wieder im verrauchten Turisthotel.

Sie kehrten zunächst in den Raum zurück, in dem sie die Übungspuppe gefunden hatten, und suchten von dort aus weiter. Nachdem sie sich der Reihe nach durch die vielen Zimmer auf dieser Ebene gearbeitet hatten, stiegen sie vorsichtig die Holztreppe ins Obergeschoss hinauf. An einigen Stellen fehlten Stufen, und das geschnitzte Geländer war morsch. Der Wind blies durch eine kaputte Scheibe, und der Rauch lichtete sich für einen Moment, um dann oben, wo sie den Korridor nach links nahmen, wieder dichter zu werden.

»Rechts- oder Linksrunde?«, fragte Dennis, als Abbe ihn vorbeiließ.

»Linksrum, ich folge dir.«

Mit der einen Hand an der Wand und dem Schlauch in der anderen bewegten sie sich in geduckter Haltung durch den schneeweißen Rauch und teilten Mattias mit, wo sie sich befanden. Sie tasteten sich durch einen Raum nach dem anderen, öffneten und schlossen Türen, untersuchten die kleinen Küchenzeilen und die Abstellkammern, die zu einigen Zimmer dazugehörten. Sie traten auf alte Matratzen und zurückgelassenes Besteck, streiften Bettgestelle aus Eisen, Tische und Eiskübel, die auf dem Boden lagen. Hin und wieder sagte Abbe ein paar aufmunternde Worte zu seinem jüngeren Kollegen, gab ihm Tipps und Hinweise und ließ ihn wissen, dass er seine Sache gut machte. Sie waren mit den Räumen auf der linken Seite fertig und auf die rechte Seite des Flurs hinübergegangen, als er Dennis etwas umstoßen hörte.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, keine Sorge, ich bin nur irgendwo drangekommen.«

Dann öffnete er die Tür zu einem der letzten Zimmer im Flur und ihnen schlug gleißendes Licht entgegen. Abbe blinzelte.

»Warum ist hier kein Rauch?« Er drehte sich zu seinem Kollegen um, den er nun klar und deutlich erkennen konnte. Beide richteten sich auf und betraten den Raum.

»Keine Ahnung.« Dennis zuckte kräftig mit den Schultern, so dass die Riemen seines Atemschutzgerätes schlackerten.

Er wollte sich gerade über Funk an Lulle wenden und ihn fragen, was hier los war, als er etwas auf dem Boden liegen sah. Einen menschlichen Körper.

»Ich dachte, wir arbeiten diesmal nur mit Dummys und ohne lebende Statisten«, sagte Dennis.

»Warte mal, Dennis.« Abbe betrachtete prüfend den Raum, aber sein Kollege ging bereits auf den Körper zu.

»Ist das einer von euren kranken Scherzen?« Dennis riss sich die Atemschutzmaske vom Gesicht.

Seine Mimik wechselte von Verwunderung zu Entsetzen über die Puppe, die keine war. In dem Raum mit den gelbgestrichenen Wänden hing der unverkennbare Geruch von Schimmel und Tod schwer in der Luft. Dennis stolperte hinaus, und Abbe hörte, wie er sich im Gang übergab.

»Nein, nein, nein, nein … Was zum Teufel ist denn das?« Abbe hockte sich neben die Gestalt, die tatsächlich ein Mensch, ein Mann, war, wie er nun erkannte. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht von ihm abgewandt.

Abbe tastete den Puls des Mannes. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, die kalte Haut, die er berührte, zeigte ihm längst an, dass es zu spät war. Viel zu spät. Vorsichtig und darauf bedacht, nicht noch mehr anzufassen, stand er auf und sprach ins Funkgerät.

»Hier liegt eine Person, ich kann keinen Puls ertasten.«

»Was? Das ist nicht möglich, wir üben diesmal ohne lebende Statisten. In welchem Zimmer seid ihr?«, fragte Lulle.

Der Rauch aus dem Flur wehte herein und ließ die Szenerie noch unwirklicher erscheinen, wie einen Traum. Abbe erklärte, wo sie sich befanden.

»Okay, Jungs«, sagte Lulle. »Verlasst den Raum, ich komme hoch und sehe mir das an.« Bereits auf dem Weg ins Gebäude rief er die Rettungsleitstelle an, wo man über die Übung unterrichtet war.

»Wir haben hier während einer Brandstellenübung im Turisthotel Marstrand eine tote Person gefunden. Wir brauchen die Polizei und einen Rettungswagen. Ich melde mich wieder, wenn ich Genaueres weiß.«

Abbe war zwar für seinen derben Humor bekannt, aber während einer Übung machte er keine Witze. So etwas tat man einfach nicht. Als Lulle Dennis bleich auf den Boden hocken sah, während Abbe am Ende des Flurs ein Fenster öffnete, damit der Rauch abzog, bestand kein Zweifel mehr daran, dass dies alles andere als ein Scherz war.

Lulle klopfte Dennis auf die Schulter, bevor er in den Raum hineinging. In Anbetracht des Blutflecks war das Leben buchstäblich aus dem Mann herausgeronnen. Er achtete darauf, nicht in die Lache zu treten, kniete sich hin und vergewisserte sich, dass der Mann tot war. Nicht, dass er auf Abbes Urteil nicht vertraut hätte, aber er ging lieber auf Nummer sicher.

»Was zum Teufel macht der hier, und was ist passiert?« Abbe stand im Türrahmen und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Fußboden. Die hellen Dielen standen in scharfem Kontrast zum dunklen Blut, das in die Ritzen gesickert war.

»Wir fassen nichts an«, sagte Lulle und rief noch einmal bei der Rettungsleitstelle an. Die Übung war zu einem Ernstfall geworden, und nun kam es darauf an, keine Fehler zu machen und alles zu dokumentieren. Er informierte über die Blutspritzer an den Wänden und die Blutlache auf dem Fußboden und erkundigte sich, ob Rettungsdienst und Polizei unterwegs seien. Anschließend sah er Abbe an.

»Nimm Dennis mit an die frische Luft und sperrt unten ab, damit niemand reinkommt. Ich bleibe hier oben und warte auf die Polizei.«

1

Marstrands Warmbadehaus, Samstag, 25. Mai 2013

Als Holger die Rahmen mit grüner Farbe lackierte, stellte er fest, dass der Fensterkitt getrocknet war. Das längliche Gebäude hatte zweifellos eine Menge Fenster. Jeweils zehn hohe und ebenso viele kleinere darüber auf beiden Seiten der Steinstufen, die zu der zweiflügeligen Eingangstür hinaufführten. Und das allein auf der Vorderseite, die nach Osten zeigte. Trotz seiner siebzig Jahre zitterte seine Hand nicht, und wo jüngere Maler rollenweise Malerkrepp verwendeten, setzte er einfach ruhig und konzentriert den Pinsel an. Nicht zu viel und nicht zu wenig Farbe, genau der richtige Winkel und ein sorgfältig ausgewählter Pinsel. Hin und wieder musste er zwar den Lappen aus der Hosentasche ziehen und damit einen Tropfen wegwischen, aber oft kam das nicht vor. Manche Dinge hatte er in all den Jahren eben gelernt. In der Blüte seiner Jahre hatte er sich auch um das Kaltbadehaus gekümmert. Das weiße Gebäude aus Holz, das vor dem Warmbadehaus im Wasser lag, erinnerte mit seinen Zinnen, Türmen und Wimpeln an ein Schloss. In den Becken des Kaltbadehauses hatte er schwimmen gelernt. Und 1969 hatte er dagestanden und mit Tränen in den Augen mitansehen müssen, wie der Sturm das Gebäude in Stücke riss. Der Hafen füllte sich mit Holzstücken, die einst als Badekabinen gedient hatten, in denen sich Grafen und Angehörige des Königshauses genauso ausgezogen hatten wie Küchenmädchen und Laufburschen. Nur die Mole aus Beton war übriggeblieben. Das Warmbadehaus hingegen hatte zum Glück standgehalten. Das ockerfarbene Gebäude hatte die Windstöße und die stürmischen Wellen abwehren können, die den Kai an der nördlichen Hafeneinfahrt überspülten. Die große verglaste Veranda nach Norden war ebenso wie einige Fensterscheiben kaputtgegangen, aber das längliche Haus stand noch und bekam jetzt von ihm einen neuen Anstrich.

Mit Malerarbeiten beschäftigte er sich mittlerweile eigentlich am wenigsten, doch an Tagen wie diesem, wenn die Sonne schien und der vertraute Duft nach Leinölfarbe in der Luft lag, mochte er das Streichen. Holger hatte sich zum guten Geist des Hauses entwickelt, der mal hier und mal dort half. Die Arbeiten machten ihm Spaß, und es war ihm eine Ehre, dass er über die Schlüssel zu mehreren Häusern in der Stadt verfügte. Die Sommergäste riefen ihn oft an. Im Sommer hatten sie Arbeit für ihn, im Winter baten sie ihn, nach dem Rechten zu schauen. Natürlich gegen eine Aufwandsentschädigung. Wenn er Mängel entdeckte, behob er sie, ganz egal, ob es sich um eine undichte Leitung, einen verstopften Abfluss oder ein defektes Stromkabel handelte.

In den vergangenen Jahren hatte er dafür gesorgt, dass im Warmbadehaus alles funktionierte. Eigentlich sollten die Angestellten beim Gebäudeservice der Kommunalverwaltung in Kungälv anrufen, wenn es Probleme gab, aber da die Kommune das Haus am liebsten verkaufen wollte, hätte man dort nur auf dessen schlechten Zustand hingewiesen und die nächstbeste Möglichkeit beim Schopf gepackt, das Bad zu schließen. Daher brachte Holger gemeinsam mit den beiden Festangestellten des Warmbadehauses alles selbst in Ordnung.

Am Ende wurde der Verkauf dennoch durchgesetzt, obwohl man anfänglich behauptet hatte, das Gebäude nicht privatisieren zu wollen. Den meisten der neunundfünfzig Kommunalratsmitglieder in Kungälv war das Städtchen an der Küste nicht wichtig genug. Touristen pilgerten in Scharen dorthin, aber wie sollte man einem Politiker den Wert eines Holzhauses auf der Insel begreiflich machen? Wie ihm klarmachen, dass es unterm Strich allen zugutekam, wenn das ganze Jahr über Leben im Ort war? Aber die Leute denken nicht langfristig, stellte Holger fest. Dies bewies allein die neueste Mitteilung, dass die Kommunalverwaltung sich nicht an der Ausrichtung von Regatten beteiligen wolle, weil man das Segeln als elitären Sport betrachte. Man konnte die Sache sehen, wie man wollte, aber es ließ sich nicht leugnen, dass dieser elitäre Sport dem Hotel und den Restaurants Gäste und den Geschäften Kunden bescherte. Und wenn man schon keine Menschen unterstützen wollte, die genug Geld hatten, warum um alles in der Welt verkaufte man dann das Warmbadehaus, die einzige Jugendherberge auf der Insel, zum Spottpreis, damit es anschließend in ein Luxus-Spa oder was immer dort eigentlich betrieben werden sollte, verwandelt wurde? Die Angelegenheit wurde nur hinter vorgehaltener Hand besprochen, und wenn Holger fragte, konnte oder wollte ihm niemand wirklich antworten. Die Käufer hatten erklärt, diese Art von Behandlungen gebe es im schwedischen Gesundheitssystem noch nicht und daher wolle man nicht ins Detail gehen. Sonst würde womöglich die Konkurrenz hellhörig werden. Von zwanzig ganzjährigen Arbeitsplätzen und einem MRT-Gerät für fünfzehn Millionen war die Rede gewesen. Holger hatte Leserbriefe geschrieben, in denen er seine kritische Haltung äußerte. Vielleicht wird es trotzdem eine gute Sache, dachte er. Vielleicht bin ich ja einfach nur alt, verbohrt und sentimental.

Holger hatte zu Hause eine Kiste mit alten Fotos, Buchungslisten aus dem Badehaus und sogar einigen alten Krankenakten. Gemeinsam mit den anderen Angestellten hatte er das Ganze gesammelt, und in seiner Funktion als guter Geist durfte er den Kram mit nach Hause nehmen. Vielleicht würde sich der Heimatverein dafür interessieren. Irgendwie mussten die Zeugnisse der Arbeit der Bademeisterinnen doch bewahrt werden. Sowohl Holgers Mutter als auch seine Großmutter hatten als Bademeisterinnen im Warmbadehaus gearbeitet. Großmutter Ida hatte mit ihren vor Kälte schmerzenden Händen im Winter Hering eingesalzen und im Sommer den Badegästen in Marstrands Meereskuranstalt, wie sich Warm- und Kaltbadehaus damals nannten, den Rücken geschrubbt. Sie hatte ihn in die Salzerei mitgenommen und ihm von der Schwindsuchtbrücke erzählt. Und die eine oder andere Geschichte über das Benehmen der feinen Herrschaften gegenüber den Bademeisterinnen. Und vom Seewolf hatte sie ihm auch erzählt.

Hinter der Scheibe tauchte ein bekanntes Gesicht auf. Holger ließ den Pinsel sinken und wartete, bis Björn das Fenster geöffnet hatte.

»Das wird ja richtig schön«, sagte er.

»Kannst du das von drinnen erkennen?«, fragte Holger.

»Nein.« Björn lachte. »Eigentlich bin ich gekommen, um dir zu sagen, dass es bald Kaffee und Kuchen gibt. Was hältst du davon?«

»Ja, gerne«, sagte Holger.

»In fünf Minuten ist alles fertig.« Björn machte das Fenster wieder zu.

Holger trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden die Sprossen. Er drückte den Deckel auf den Farbeimer und nahm ihn mit hinter das längliche Haus direkt am Wasser. Er kam auf dreißig Wanderjollen, die auf ihren Trailern ordentlich aufgereiht dastanden. Wie immer blieb er einen Augenblick am Ufer stehen. Der Ort mit dem Sandstrand gleich daneben, den Badeleitern auf der Mole, die das ganze Jahr über benutzt wurden, und dem Steg vor dem Warmbadehaus hatte etwas Magisches an sich. Er streckte den Rücken und ging weiter zum Eingang.

Die grünen Flügeltüren standen offen und hießen die Besucher willkommen. Als Holger eingetreten war, bemerkte er, dass hier offenbar eine Art Segelfreizeit stattfand. Wären die Politiker nicht so phantasielos gewesen, hätte man das Haus behalten und ein Segelgymnasium daraus gemacht. Die Schüler könnten im Jugendherbergstrakt des Warmbadehauses wohnen und hätten das Meer direkt vor der Tür, dachte er und schlängelte sich zwischen wasserdichten Taschen und Säcken voller Segel, Schwimmwesten, Stiefeln und Trockenanzügen hindurch, die direkt hinter den Türen lagen. Die Namensschilder zeigten an, wem die Sachen gehörten, und dem Lärmpegel nach zu urteilen, saßen die Jugendlichen im Innenbereich des Restaurants beim Mittagessen. Er selbst hatte schon vor einer halben Stunde gegessen.

Holger nickte Anki zu, die in dem kleinen Büro saß, schloss die Tür zur Abstellkammer auf, verstaute den Farbeimer und ließ den Pinsel in ein mit Terpentin gefülltes Marmeladenglas gleiten. Eigentlich bestand seit dem Verkauf kein Anlass mehr, das Warmbadehaus zu streichen und instand zu halten, aber er konnte einfach nicht mitansehen, wie das Gebäude verfiel und die Farbe abblätterte. Die jungen Segler im Jugendherbergstrakt und auch die Kinder, die sonntags zum Schwimmunterricht kamen, entschädigten ihn für die Mühe. Über die etwa hundert Meter entfernte Rampe wurden Jollen zu Wasser gelassen, und aus der nördlichen Hafeneinfahrt ertönte fröhliches Geschrei. Was würde nun aus all dem werden? Viel Zeit und Arbeit hatte er in das Haus investiert. Er hatte mitgeholfen, als ein Fahrstuhl installiert wurde, damit auch Rollstuhlfahrer beide Stockwerke erreichen konnten. Und er hatte dafür gesorgt, dass das Becken überdacht wurde, so dass man nun auch im Winter schwimmen konnte. Es war ein seltsames Gefühl, im warmen Wasser zu liegen, wenn es draußen stürmte und schneite, oder zuzusehen, wie sich das Salzwasser auf die Kaimauer warf und diese allmählich mit einer trügerischen Eisschicht überzog.

Beim Verkauf hatte die Kommune den Käufer des Warmbadehauses verpflichten wollen, das Schwimmbecken zu bestimmten Zeiten in der Woche für die Allgemeinheit zu öffnen und die beliebten Schwimmkurse am Sonntag weiterhin zu ermöglichen. Doch offenbar war es dem Käufer irgendwie gelungen, um diese Bedingungen herumzukommen. Seufzend wusch sich Holger die Hände und trocknete sie sorgfältig ab, bevor er hinaus in die Sonne ging und sich an den Tisch setzte, den Björn draußen auf der Restaurantterrasse gedeckt hatte.

»Bitte sehr, mein Herr. Unser hausgebackener Rhabarberkuchen mit Baiserhaube.« Björn stellte einen Teller vor ihn hin.

Holger nahm noch Schlagsahne dazu und durchstieß mit dem Löffel die knusprige Decke des Kuchens. Das süße Baiser vermählte sich mit dem säuerlichen Rhabarber, und zusammen mit der Schlagsahne schmeckte das Ganze – ja, himmlisch.

Björn schenkte Kaffee ein und setzte sich Holger gegenüber.

»Tja, du.« Er seufzte.

»Wie geht es dir?«, fragte Holger, obwohl er die Antwort eigentlich kannte. Björn hatte gehofft, im Haus bleiben und den Betrieb seines Restaurants Drott fortsetzen zu können, aber aufgrund der ungewissen Zukunft erhielt er keine Buchungen von sonst lange im Voraus angekündigten Hochzeiten und Festen mehr. Folglich ging es finanziell stetig bergab.

»Nicht besonders. Wir haben Rechtsmittel eingelegt.«

»Ist denn schon unterschrieben?«

»Ja, aber es geht nur schleppend voran, weil einige Akten, die den Verkauf belegen, geheim sind. Fragt sich nur, warum. Irgendwas ist hier faul.« Er trank einen Schluck Kaffee und blickte aufs Wasser. Holger nickte. Auf der anderen Seite des Sunds kreisten Möwen. Eine Najad-Yacht aus Deutschland glitt in den Hafen, die dreifarbige Flagge am Heck wehte im Wind.

»Ich habe nicht verstanden, was sie vorhaben«, sagte Holger.

»Das hat wohl niemand«, antwortete Björn.

»Marstrands beste Lage. Es besteht die Gefahr, dass sie hier irgendwas nur halbherzig betreiben, um dann – da es nicht gut gelaufen ist – zu sagen, dass Wohnungen daraus gemacht werden. Ich habe versucht, die Politiker zu warnen, aber es gibt immer Leute, die einem nicht zuhören.« Holger legte den Löffel auf den Teller und trank Kaffee.

»Wenn man vom Teufel spricht. Ove Karlsson und Angela Fransson.« Björn zeigte zur Långgata, in der ein Mann und eine Frau anspaziert kamen. »Die neuen Besitzer des Warmbadehauses.«

»Ove Karlsson«, sagte Holger. »Ich dachte, der wäre in Konkurs gegangen.«

»Manche rappeln sich wieder auf.« Kopfschüttelnd nahm Björn seine Tasse und ging zurück ins Restaurant.

Holger blieb sitzen und verfolgte, wie das Paar zum Societetshus abbog und die Holzstufen hinaufging. Ove Karlsson war schmal, fast mager, obwohl er sein Geld mit einer Raststättenkette gemacht hatte. Holger konnte sich kaum vorstellen, was Ove mit Marstrands Warmbadehaus im Sinn hatte. Ein einziges Mal hatte er in einer dieser Raststätten gegessen. Die Tabletts waren klebrig gewesen, und erst beim dritten Versuch hatte er einen sauberen Teller gefunden. Das Essen triefte vor Fett, und den Lastwagenfahrern war Bier serviert worden, obwohl sie noch fahren mussten. Nicht, dass man das Ove persönlich zum Vorwurf hätte machen können, aber als Besitzer eines Unternehmens sollte man sorgfältig darauf bedacht sein, geeignete Leute einzustellen, die dann weitere Leute um sich scharten, die ebenfalls aus dem richtigen Holz geschnitzt waren. Was Ove Karlsson mit dem Warmbadehaus vorhatte, war ihm ein Rätsel. Hoffentlich würde er nicht das Restaurant übernehmen. Angela hingegen besaß einen Schönheitssalon, von dem sich mit etwas gutem Willen eine Verbindung zur Geschichte des Hauses herstellen ließ. Traurig war es trotzdem. Holger trank den letzten Schluck von seinem inzwischen kalten Kaffee und wollte gerade aufstehen, als weitere Personen die Treppen zum Societetshus hinaufkamen. Der letzte Besucher wandte sich hastig um, bevor er die Tür hinter sich zuzog. Gevalia. Der Mann hieß eigentlich Lennart Holm und hatte mittlerweile eine Vollzeitbeschäftigung in der Kommunalpolitik. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er noch Kaffee verkauft, daher der Spitzname. Es war schon ein bisschen merkwürdig, dass sie alle gleichzeitig ins Societetshus gingen. Oder trafen sie sich womöglich, um den Eigentümerwechsel zu besprechen? Falls es nicht darum ging, dass Björn Rechtsmittel eingelegt hatte. Wie auch immer, ein paar nützliche Gesprächsfetzen konnte er bestimmt aufschnappen. Er warf einen Blick auf seine weiße Malerhose und sagte sich, dass er sich schon lange nicht mehr um die Veranda des Societetshus gekümmert hatte. Und der heutige Tag eignete sich dafür genauso gut wie jeder andere Tag. Er winkte Björn zu, der in der Restaurantküche am Fenster stand, und überquerte den Badhusplan.

Es war nicht schwer, die Gruppe zu finden, die sich in den mittleren Teil der oberen Veranda gesetzt hatte. Unbemerkt gelangte Holger in die Eckveranda an der Westseite. Er hatte sich die Utensilien und die Farbe aus der Abstellkammer des Societetshus geholt und pinselte nun halbherzig an der Fassade herum. Dann stellte er den Eimer ab und das Hörgerät lauter. Aus dem Zusammenhang gerissene Sätze drangen an sein Ohr. Die Stimme der Frau war leichter zu verstehen.

»… gut für alle Beteiligten … Hindernisse aus dem Weg zu räumen …«

Holger hatte weder eine Ahnung, was eventuell für alle Beteiligten von Vorteil wäre, noch, wer die Beteiligten oder Hindernisse waren. Vorsichtig schlich er sich noch etwas näher heran. Der Holzboden unter seinen Füßen knarrte, und das Gespräch stockte. Mehrere Sekunden vergingen, bis die Frau weitersprach. Holger klopfte das Herz bis zum Hals. Das Adrenalin schien sein Gehör geschärft zu haben, denn nun bekam er alles deutlich mit. Mit gerunzelter Stirn lauschte er und begriff, dass alles noch schlimmer war, als Björn vermutete. Viel schlimmer. Wer saß mit am Tisch und beteiligte sich an dem Gespräch? Er hätte gerne die Gesichter gesehen, wagte aber nicht, der Gruppe noch näher zu kommen.

»Tja, was meint ihr? Sollen wir uns einen Kaffee holen gehen?«

»Keine schlechte Idee.«

Holger hörte, wie sich die Gruppe in Bewegung setzte. Waren sie alle gegangen? Es klang zumindest so. Sie würden nur wenige Minuten brauchen, um sich unten mit Kaffee zu versorgen und wieder zurückzuzukommen. Falls er sich den Tisch ansehen wollte, musste er es jetzt tun. Mit dem Farbeimer in der Hand ging er entschlossen in Richtung des Tisches und tat, als würde er die Fassadendetails in Augenschein nehmen, um zu prüfen, ob sie einen Anstrich benötigten. Zum Glück waren alle Beteiligten weg, aber die Dokumente lagen noch auf dem Tisch. Farbenfrohe Broschüren mit der Aufschrift »Das Tor zur Nordsee – Carpe Mare«. Daneben eine Rolle, in der Holger Zeichnungen vermutete. Hastig sah er sich um, bevor er die Blätter auseinanderrollte, hatte sie aber kaum ansehen können, als auf der Treppe Schritte ertönten. Die Rolle fiel auf den Boden, und er beugte sich hinunter, um sie aufzuheben und wieder an ihren Platz zu legen. Sieben Broschüren lagen auf dem Tisch. Rasch öffnete er den obersten Knopf seines Flanellhemds, ließ ein Exemplar darunter verschwinden, und lief denselben Weg zurück, den er gekommen war. Leider jedoch nicht schnell genug.

»Was machst du hier?«, fragte der Mann, der mit einem Becher Kaffee in der einen und einer mit einer Serviette umhüllten Zimtschnecke in der anderen Hand durch die Tür kam. Er trug einen dunklen Anzug, sein blauer Hemdkragen war tadellos gebügelt, und die weinrote Krawatte mit den diagonalen Streifen sah teuer aus. Sein Blick wirkte herausfordernd. »Also? Was treibst du da?«

Holger versuchte einen verständnislosen Blick aufzusetzen. Während er die Achseln zuckte, dachte er fieberhaft nach. Ein Wort auf Polnisch, los, irgendeins …

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Als der Mann gestikulierend den Arm hob, blitzte eine Kette aus gebürstetem Stahl an seinem Handgelenk auf.

»Czerwona farba.« Holger hielt Pinsel und Farbeimer in die Höhe. Nicht, dass es sich um rote Farbe gehandelt hätte, aber der Mann konnte hoffentlich kein Polnisch. Sicherheitshalber wiederholte er die Worte mit Nachdruck. Anschließend drehte er sich um und ging. Mit kräftigem Herzklopfen stieg er so ruhig wie möglich die Treppe hinunter, verschwand in der Abstellkammer und machte die Tür hinter sich zu. Seine Hände zitterten, und sein Herz überschlug sich fast. Er wagte kaum, Luft zu holen. Der Prospekt klebte an seiner Brust. Wussten sie, wie viele Exemplare sie davon gehabt hatten? Würden sie dieses hier vermissen?

Am besten machte er sich schnellstens aus dem Staub. Er stellte den Pinsel direkt in den Topf und pfiff darauf, dass Pinsel und Farbe dadurch unbrauchbar wurden. Vorsichtig öffnete er die Tür, zog sie leise hinter ins Schloss und ging durch die Hintertür auf die Villagata hinaus.

Eine halbe Stunde später wurde das Treffen auf der oberen Veranda des Societetshus beendet. Feste Händedrücke besiegelten das Versprechen von Erfolg und Gewinnen. Auf dem Weg nach draußen wandte sich einer der Anzugträger an die Kellnerin, die den ganzen Tag gearbeitet hatte.

»Ich würde gerne mal mit dem Polen sprechen«, sagte er.

»Pole?« Sie machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht, was du meinst.«

»Der Maler?« Er zeigte auf die Veranda, aus der sie gekommen waren.

»Ach so, Holger.« Sie lachte. »Was ist denn mit ihm? Habt ihr Farbflecken auf der Kleidung?« Sie warf einen Blick auf seine dunkle Hose.

»Holger?«

»Holger Eriksson, er ist so etwas wie der gute Geist des Hauses. Bringt fast alles in Ordnung. Aber dass er Pole ist, glaube ich nicht.«

Donnerstag, 24. Mai 1906

Doktor John Bauman, Besitzer der Meereskuranstalt Marstrand und örtlicher Badearzt, setzte seinen Hut auf, nickte dem Hausmeister zu, der ihm die Tür aufhielt, und trat aus dem Warmbadehaus hinaus in die Sonne. Der Wind war noch kühl, aber die Sonnenstrahlen wärmten bereits und würden Luft und Wasser bald auf sommerliche Temperaturen erwärmen.

Wie üblich blieb er stehen und blickte auf das Wasser in der nördlichen Hafeneinfahrt. Aus dem Marstrandsfjord war ein lautes Dröhnen zu hören, und weiter draußen türmten sich weiße Schaumkronen auf den Wellen. Das Dampfschiff aus Göteborg würde nicht pünktlich eintreffen, stellte er fest. Der Wind blies zwar längst nicht mehr so stark wie gestern, aber die Dünung draußen im Fjord war noch kräftig. Die Fahrt war mit Sicherheit alles andere als angenehm. Im Sund glitzerte das Wasser viel ruhiger in der Sonne. Ein mit frisch gefangenen Makrelen voll beladener Kutter war eben auf dem Weg zur Salzerei drüben auf Malepert. Während er über den Badhusplan ging, verfolgte er, wie die Fischer das überladene Boot genau im richtigen Moment in den Wind drehten und die Segel lose flattern ließen, so dass der Kutter nun langsam an die Kaimauer glitt. John Bauman staunte immer wieder über die Geschicklichkeit der Fischer. All die Faktoren, die sie mit einkalkulieren mussten. Stärke und Richtung des Windes und der Strömung, das Gewicht des Schiffs, die Segelfläche und die Ladung an Bord. Und das war erst das Boot selbst, da wusste man noch nicht, ob es am Kai überhaupt einen Anlegeplatz gab. Doch irgendwie bekamen die Fischer es hin, dass sich die behäbigen Holzboote folgsam drehten und in die richtige Position begaben. Tampen wurden an Land oder auf die anderen Boote geworfen, wo sich bereits hilfsbereite Hände nach ihnen ausstreckten. Vorausgesetzt, es handelte sich nicht um die Konkurrenz, die lieber mit verschränkten Armen am Kai stand und zusah, wie alles schiefging. Mehr als einmal hatte er die Fischer wieder zusammengeflickt, nachdem die Konflikte in Handgreiflichkeiten ausgeartet waren. Solange die Fäuste verwendet wurden, blieb es im Rahmen, aber wenn sich die Männer mit ihren Gerätschaften oder anderen Schlagwerkzeugen ausrüsteten, waren die Verletzungen meistens schlimmer.

Er bog ab und spazierte mit dem Wind im Rücken über die Norrbro, den rechtwinkligen Holzsteg, der den Kai vor dem Badhusplan mit dem Hafenkai verband. Der Wind wehte hier nicht ganz so stark, auch wenn er um die alte Verteidigungsfestung Fredrigsborg pfiff. Wo früher die Kanonen gestanden hatten, befand sich nun ein imposantes Gebäude aus Holz. Doktor Bauman blickte hoch zur Villa Aruga. Sie war im gleichen Ocker gestrichen wie das Warmbadehaus und das Grand Hotel. Diese Farbe war früher für den wohlhabendsten Hof in einem Ort verwendet worden, um seine Stellung zu betonen.

Durch die halb geöffneten Balkontüren im oberen Stockwerk sah er, wie ein schützendes Laken von dem Flügel gezogen und zusammengefaltet wurde, bevor auch das nächste Möbelstück aus dem Winterschlaf geweckt wurde. Ein Gärtner hatte alle Hände voll zu tun mit dem Unkraut auf den Kieswegen rings ums Haus, und ein Maler besserte an den Fensterrahmen die Farbe aus, obwohl das Gebäude erst zwei Jahre auf dem Buckel hatte. In jedem Haus wird groß reinegemacht, dachte der Doktor zufrieden und stellte fest, dass Familie Wijk, genau wie viele andere Wohlhabende, Bedienstete vorausgeschickt hatte. Wenn die Herrschaften eintrafen, sollte alles fertig sein. Veranden, die im Winter nicht geheizt, sondern verriegelt und verrammelt gewesen waren, wurden nun geöffnet und gelüftet. Fenster wurden geputzt und Fußböden gescheuert. Für die Ortsansässigen galt das Gleiche. Nicht dass sie selbst etwas von ihren sauberen Wohnungen gehabt hätten. Die Leute aus Marstrand zogen mit Sack und Pack in die Keller, um die oberen Stockwerke an Kurgäste zu vermieten. Man war auf die Einnahmen angewiesen.

Die Insel war vor dem Wind geschützt, und der Kai lag behaglich in der Sonne. Er hielt sich die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Nun näherte sich das Dampfschiff, das gerade dabei war, den Albrektsunds Kanal zu verlassen. In der Dünung in der südlichen Hafeneinfahrt schaukelte es merklich. Kurz darauf ertönte das kraftvolle Schiffshorn. Wie auf Kommando tauchten von überallher Träger und Jungs mit Karren auf, die nur darauf warteten, die mitgebrachten Waren und das Gepäck der Ankommenden zu transportieren.

Die St. Erik machte beim Anlegen den üblichen Krach. Wenn das schwer zu steuernde Schiff im Anmarsch war, hielten sich alle fern. Niemand stellte sich zweihundertfünfunddreißig Tonnen Stahl in den Weg. Die Matrosen warfen Leinen an Land, und kurz darauf wurden die schweren Trosse an den steinernen Pollern auf dem Kai vertäut.

Nachdem die Gangway ausgeklappt war, gingen die Reisenden der Reihe nach von Bord. Doktor Bauman sah blasse Gesichter. Kein Wunder bei dem Seegang. Drei Mädchen mit karierten Kopftüchern schienen besonders erleichtert zu sein, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie bestaunten die elektrische Straßenbeleuchtung und starrten die schwarzen Pfähle an, die das Verladen des Herings auch im Winterhalbjahr ermöglichten. Ein wenig verloren standen sie mit ihren beiden Koffern auf dem Hafenkai und schienen auf jemanden zu warten, der sich um sie kümmern würde. Vermutlich ein Bediensteter aus einer der Pensionen. Die Kofferträger prügelten sich fast darum, gegen ein kleines Entgelt das Gepäck der Reisenden schleppen zu dürfen, aber die Mädchen schüttelten den Kopf, als jemand auf ihre Koffer zeigte.

Er wollte gerade zu ihnen gehen und sie fragen, ob er irgendwie behilflich sein könne, als er einen jungen Mann mit brauner Arzttasche bemerkte.

»Doktor Karl Wallin?«, sprach er ihn an.

»Das ist richtig.«

»John Bauman.« Er streckte die Hand aus. »Willkommen in Marstrand.« Der Händedruck seines Gegenübers war fest, die Hand trocken und warm. Die blauen Augen wirkten so klar wie die eines frisch gefangenen Fischs.

»Danke. Wie freundlich von Ihnen, mich abzuholen.«

Doktor Bauman lächelte unter seinem Schnurrbart.

»Das ist doch selbstverständlich. Ist Ihre Reise von Stockholm gut verlaufen?«

»Sehr gut. Der Zug kam pünktlich, und Ihre Anweisungen waren ausgezeichnet.«

»Ich nehme an, die Schiffsreise war nicht ganz angenehm.« Er lächelte.

»Mit Ihrer Annahme haben Sie absolut recht. Wir hatten fürchterlichen Seegang. Ich persönlich leide nicht an Seekrankheit, aber einigen Passagieren ging es wirklich nicht gut.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Doktor Bauman. »Haben Sie etwas vom Archipel im Süden zu sehen bekommen?«

»Der Schärengarten ist hier so anders als in der Umgebung von Stockholm. Sie haben so wenig Bäume.«

»Stimmt, zumindest wirkt es so, wenn man an den Inseln vorüberfährt. Manchmal jedoch verbergen sich hinter den scheinbar toten grauen Klippen fruchtbare Weiden und blühende, von weißen Zäunen umgebene Gärten. Wir werden Ihnen vor Beginn der Saison die Gegend und die Höfe zeigen. Wo ist Ihr Gepäck?«

Seine Arzttasche hielt Karl noch in der Hand, aber nun zeigte er auch auf zwei große Koffer, die Doktor Bauman kurz darauf auf einen Handwagen laden ließ. Zum Schluss stellte Karl seine Arzttasche zum restlichen Gepäck, und dann rumpelte die Karre über das Straßenpflaster und Karl und der Doktor spazierten hinterher. Die pastellfarbenen Holzhäuser mit den verzierten Veranden machten einen idyllischen Eindruck.

»Da ich vermute, dass Sie von der Reise hungrig sind, würde ich Ihnen gern ein Mittagessen im Turisthotel vorschlagen.«

»Das kling gut, vielen Dank.«

Er hatte von dem Hotel gehört, das erst vor wenigen Jahren gebaut worden war, und sogar schon mehrere Ansichtskarten davon gesehen, auch wenn ihm momentan nicht einfallen wollte, welche Verwandte seiner Mutter sie ihm geschickt hatte.

Alle, die ihnen entgegenkamen, grüßten Doktor Bauman. Der Mann erwiderte das jedes Mal mit einem Nicken, während er abwechselnd auf die Schiffe und die Häuser zeigte. Er redete in einem fort und gestikulierte nicht nur mit den Händen, sondern nahm auch seinen Spazierstock zu Hilfe.

»Dies ist das Herz von Marstrand, der Hafen. Die Einfahrten lassen sich mit Pulsadern vergleichen, das Wasser ist ständig in Bewegung. Viele hier sind eigentlich Fischer.« Er deutete auf die Kisten, die sich auf dem Kai stapelten, und den Makrelenkutter, der gerade gelöscht wurde. »Aber im Sommer verdienen sie sich mit Bootstouren für die Kurgäste etwas dazu.«

»In Saltsjöbaden ist es genauso.« Karl betrachtete die silbrigen Leiber, die noch in einer der Kisten zappelten.

»Makrelen.« Doktor Bauman wandte sich an den Besitzer des Bootes. »Ist das dein letzter Fang, Frans?«

»Letzter Fang, Herr Doktor. Wird eine ziemliche Plackerei, das Deck sauberzukriegen.« Er zeigte auf die Eimer an Bord. »Aber es hat letztes Jahr geklappt, also wird es dieses Jahr auch gehen, denke ich.« Er legte die Hand an den Mützenschirm. Doktor Bauman nickte zurück.

»Einige Fischkutter haben sich in die reinsten Vergnügungsboote verwandelt und segeln nur noch mit Kurgästen herum, aber die meisten fischen im Herbst und Winter und schrubben dann in dieser Jahreszeit alle Schuppen und den Fischgeruch weg.«

Doktor Bauman wusste, dass es eine Heidenarbeit war, die Boote zu säubern. Er hatte sie ja gesehen, wenn sie im November voll beladen und verdreckt einliefen. Der Kontrast zum Juli, wenn die Damen mit ihren Sonnenschirmen und den langen weißen Kleidern an Bord gingen, hätte nicht größer sein können. Lauge und anschließend Seife – jeder hatte ein eigenes Rezept, um sein Boot sauberzumachen.

»Ich dachte, hier würde man Hering fischen?«, fragte Karl.

»Das tut man ab Oktober, aber im Frühjahr ist der Hering zu mager, und da nimmt man mit der Makrele vorlieb. Und danach kommen die Kurgäste. Die Fischer putzen und bauen Sitzbänke ein. Dann fahren sie mit den Badegästen hinaus, wenn das Wetter es zulässt, oft den ganzen Tag. Der Wind darf nicht zu stark sein, sondern nur mäßig die Segel füllen. Auf einem Kutter haben zehn bis zwölf Personen Platz, so dass eine Tagestour drei bis vier Reichstaler einbringen kann. Die Menschen sind anpassungsfähig.«

Doktor Bauman fiel auf, dass der junge Mann sich bemühte, nicht die Nase über den Geruch nach Schweiß und Fisch zu rümpfen, als zwei Fischer an ihnen vorbeigingen. Jeder von ihnen schleppte eine Kiste Makrelen, die anschließend auf ein größeres Schiff verladen wurde. Nicht selten hatten sie es im Beruf mit Wunden zu tun, die einen ähnlich unangenehmen Geruch verströmten. Ein verzogenes Gesicht gehörte sich dabei nicht. Vielleicht würde er ihm eine Salbe geben können, die er sich dann unter die Nase streichen könnte. »Man gewöhnt sich daran.« Doktor Bauman deutete mit einer dezenten Kopfbewegung auf die Fischer.

Karl versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen.

»Es scheint eine gute Saison zu werden. Viele haben schon im Januar gebucht. Die Leute wollen sichergehen, dass sie dieselbe Unterkunft wie im Vorjahr bekommen. Und letztes Jahr hatten wir zweitausend Badegäste.«

Karl blieb stehen. »Zweitausend? Das ist wirklich nicht schlecht.«

»Während der Badesaison verdoppelt sich die Einwohnerzahl von Marstrand. Die Vorsaison beginnt am 1. Juni und endet am 14. Juli, und die Hauptsaison geht vom 15. Juli bis zum 31. August. Daher fand ich es auch gut, dass Sie schon jetzt im Mai kommen, denn da können wir uns in Ruhe um Ihre Angelegenheiten kümmern. Sobald die Badegäste eintreffen, ist dafür keine Zeit mehr.« Doktor Bauman hatte das Tempo beschleunigt, als triebe ihn allein der Gedanke an all die Arbeit, die auf sie zukam, zur Eile an.

Ungläubig betrachtete Karl die wenigen Menschen auf dem Kai. Wer die verschiedenen Gesichter der Stadt nicht kannte, konnte sich den bevorstehenden Ansturm nur schwer vorstellen.

»Warten Sie es ab, Sie werden schon sehen«, sagte der Doktor, als hätte er Karls Gedanken gelesen. »Hier wird der Teufel los sein, ganz zu schweigen von der Ankunft Seiner Majestät. Dann haben wir hier die vornehmsten Familien des Landes.«

Vor seinem inneren Auge sah Doktor Bauman, wie die blaublütigen Damen in den eleganten Kleidern plötzlich so einen unbezwingbaren Blick aufsetzten und sich mit erstaunlich spitzen Ellbogen durch die Menge drängelten, um den König persönlich zu Gesicht zu bekommen. Dann blieb er unvermittelt stehen und richtete seinen Spazierstock auf eins der größeren Holzhäuser am Kai. »Widells Spezialitäten und Gemischtwaren«, sagte er. »Die haben fast alles. Und die Post befindet sich im selben Gebäude.«

»Das merke ich mir«, antwortete Karl.

»Es gibt natürlich noch mehr Geschäfte. Bei Lindberg in der Kyrkogata gibt es Feinkost und Konserven.«

»Kyrkogata?«, fragte Karl. »Ist die hier in der Nähe?«

»Sie verläuft parallel zum Kai. Bäcker haben wir einige. Pehrsson verkauft ebenfalls Spezialitäten und Gemischtwaren, Löfgrens in der Långgata haben eine Buch-, Musikalien- und Schreibwarenhandlung, Walls haben einen Frisiersalon, auch der in der Långgata …«

»Långgata«, wiederholte Karl. Ihm war anzuhören, dass ihm der Name überhaupt nichts sagte.

»Nach dem Mittagessen haben wir bestimmt Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt.« Doktor Bauman setzte den Hut ab, um eine entgegenkommende Dame zu grüßen.«

»Das wäre sehr freundlich.« Karl sah an einem Holzhaus in der Nähe hoch.

Der Mann mit dem Handwagen, der sich Karls Gepäck angenommen hatte, war längst außer Sichtweite, und Karl fragte sich, wo man ihn wohl einquartieren würde.

Doktor Bauman war schweigend an einem länglichen Kellergebäude vorübergegangen, das sich am Kai erstreckte. Karl betrachtete es nachdenklich.

»Etwas merkwürdig, auf einem der Grundstücke mit der besten Aussicht nur einen Keller zu bauen.«

»Salomon Meyer, ein ungemein reicher Kaufmann, wollte das imposanteste Haus in ganz Marstrand bauen, und zwar hier am Kai. Da die Familie jedoch schon nach dem Souterrain finanzielle Probleme bekam, setzte man einfach ein Dach auf das Kellergeschoss und wartete auf bessere Zeiten.«

»Aber die besseren Zeiten sind nie gekommen«, sagte Karl, während sie in die Varvsgata abbogen.

»Genau so war es. Hier dagegen haben Sie das neueste Hotel der Insel. Das Turisthotel.« Doktor Bauman deutete stolz auf die gelbe Fassade. Über den hohen Fenstern zum Wasser waren weiße Markisen montiert, und hinter einem Zaun lag eine Restaurantterrasse, auf der zwei Eschen Schatten spendeten.

»Seine Majestät Oskar II. hat sich an dem Bau beteiligt und besitzt sechs Hotelaktien. Ich selbst habe mich mit einer begnügt. Sie haben immerhin fünfhundert Kronen das Stück gekostet.« Aufmerksam beobachtete er Karls Reaktion.

»Es sieht solide aus«, sagte Karl. »Schönes Gebäude«, fügte er dann noch hinzu. Nun war mehr Begeisterung aus seiner Stimme herauszuhören. »Sie sind also Teilhaber?«

Beim letzten Wort machte Bauman ein zufriedenes Gesicht. Als hätte der junge Arzt begriffen, mit wem er es zu tun hatte.

»Kommen Sie, wir wollen eine Kleinigkeit essen.« Er stieg die Treppe zum Restaurant hinauf.

Er stellt kluge Fragen, konstatierte Bauman und informierte Karl über das Durchschnittsklima im Sommer und den Salzgehalt, der sich zwischen zweieinhalb und drei Prozent bewegte. Schnelle Temperaturschwankungen waren die Ausnahme, und daher pries man mit Recht die lauen Abende und Nächte. Das lag an den enormen Wassermassen und den nackten Klippen, die die Wärme speicherten, erklärte er. Der junge Mann nickte.

»Dank der Wassertemperatur ist das Klima bis Mitte November angenehm und mild, und daher eignet sich Marstrand nicht nur im Sommer als Kurort.«