Informationen zum Buch

Abgründig, weiblich – tödlich

Immer wieder hat Maria auf die große Liebe gehofft, auf den Mann fürs Leben und das lang ersehnte Kind. Stattdessen erlebte sie Rücksichtslosigkeit, Lüge, Betrug. Als auch Tom sie hintergeht, ihre letzte Hoffnung auf glückliche Zweisamkeit, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und nimmt blutige Rache. Ganz oben auf ihrer Liste steht Johannes, der ihre intimsten Geheimnisse preisgegeben hat. Ihm folgen sechs weitere Kandidaten, denen sie Verletzung und Verrat heimzahlen will. Doch dann heftet sich Hauptkommissar Tesoro an ihre Fersen, und ein gefährliches Spiel beginnt.

Ein hochspannender Roman über eine Frau, die die Männer das Fürchten lehrt.

Christine Eichel

Der Rache süßer Atem

Roman

Für Anton,

meinen Schützenkönig

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Dank

Über Christine Eichel

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Prolog

Sie riss die Smith & Wesson hoch. Zu schnell. Verdammt. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, tief einatmen, ganz ruhig.

Im Ausatmen senkte sie die Waffe kontrolliert ab, so lange, bis Kimme und Korn die nackte Brust des Mannes fokussierten, der etwa drei Meter von ihr entfernt saß. Auf seinem Bett, die Augen weit aufgerissen. Ein letzter Funken Hoffnung, der in jäh hochschießender Panik erlosch.

»Scheiße, Prinzessin, das meinst du nicht ernst.«

Und ob. Todernst. Ihr rechter Zeigefinger legte sich um den Abzug, langsam, ganz langsam zog sie das kühle, gebogene Stück Metall zu sich heran. Von irgendwoher hörte sie die Stimme ihres Vaters: Nicht bewusst abdrücken, Kleines, durch die Schießerwartung zuckt deine Hand, dann verreißt du die Waffe. Nähere dich dem Druckpunkt wie absichtslos. Lass es einfach geschehen.

Millimeterweise schob sich ihr Zeigefinger weiter. Der Revolver war schwer. Sie musste die Muskeln ihrer ausgestreckten Arme aufs äußerste anspannen, um den silberfarbenen Lauf präzise auszurichten. Sechs 44er Magnum-Patronen steckten in dem Trommelmagazin, eine würde nach den Gesetzen der Zielballistik reichen: hohe Penetrationskraft, gute Splitterbildung, schnelle Tötungswirkung, das war das Wichtigste. Ein mit Adrenalin gefluteter Körper konnte sonst ungeahnte Energien mobilisieren.

»Prinzessin, was habe ich dir denn getan?« Die Stimme des Mannes bekam etwas Flehendes. »Denk dran, wie wir …«

Nicht hinhören. Alles ausblenden. Konzentrier dich.

Das Blut pochte in ihren Ohren. Sie hatte keinen Blick mehr für das weitläufige Loft, für die großformatigen Bilder an den Wänden, die Stahlrohrmöbel, den matt glänzenden dunkelbraunen Pitchpineboden. Das zerwühlte Bett. Auch das Gesicht des Mannes sah sie nicht mehr, weder seinen sprachlos geöffneten Mund noch seine wasserhellen Augen, die sich selbst in Momenten größter Lust nie verdunkelten. Für sie existierte nichts auf der Welt außer dieser nackten, aufgepumpten, haarlosen Brust.

Sie zielte aufs Herz. Was sonst.

Von draußen drang Sirenengeheul in den Raum. Sie versuchte, es zu ignorieren. Unmöglich. Die Sirenen wurden lauter, der Kopf des Mannes fuhr herum, zum Fenster, von wo blau zuckendes Licht auf das Bett fiel.

»Die sind hinter dir her! Die kriegen dich, Prinzessin!«

Wie von selbst erreichte ihr Zeigefinger den Druckpunkt, ein Knall zerriss die Luft, doch ihre Hände hatten im letzten Moment gezittert, ganz leicht nur, aber was hieß das schon, wenn es auf äußerste Präzision ankam. Mit einem scharfen Plopp bohrte sich das Geschoss in das gepolsterte Kopfteil des Betts. Verrissen.

Der Mann sprang auf. Sein überdefinierter, muskulöser Körper flog, seine Halsadern pulsierten. Wie hypnotisiert hatte er dagesessen, jetzt machte er einen Schritt auf sie zu, ohne den Revolver aus den Augen zu lassen, den sie für den nächsten Schuss spannte. Das Trommelmagazin drehte sich und rastete klickend ein. Plötzlich ging alles ganz schnell. Vom Hausflur hörte man Fußgetrappel, der Mann sprintete los, sie wirbelte herum, rannte ins Badezimmer, der zweite Schuss löste sich, verfehlte knapp ihren rechten Fuß. Herrgott, du machst Fehler wie eine Anfängerin! Fluchend verriegelte sie die Badezimmertür hinter sich, sicherte den Revolver und schob ihn in den linken Stiefel. Mit einem Satz war sie am Fenster, dessen Flügel weit geöffnet waren, eiskalte Nachtluft legte sich wie eine Maske auf ihr Gesicht.

Na los doch, spring!

Den Bruchteil einer Sekunde lang schätzte sie die Höhe ab. Knapp drei Meter, zu hoch, aber sie kletterte schon auf das Fensterbrett und ließ sich einfach fallen.

Großer Gott, was tue ich da?

Wie eine Katze landete sie auf allen vieren, stechende Schmerzen in Unterarmen und Knien, ihre Handflächen wie zerfleischt, was Scharfkantiges im Dreck, vielleicht Scherben, sie achtete nicht darauf. Im Zickzack lief sie über den dunklen Hinterhof, sah das Blaulicht in der Toreinfahrt, wich zurück, stürzte die Stufen zum Kellereingang des Nachbarhauses hinunter. Die Holztür ließ sich leicht aufstoßen. Atemlos hastete sie durch muffige Schwärze, ertastete Wände, stolperte keuchend durch die Gänge, raus, raus, bloß raus hier, fand die Kellertreppe, erreichte den Hausflur.

Obwohl sie kein Licht einschaltete, sah sie im Halbdunkel das Blut an ihren Händen. Egal, später. Hart klopfte ihr Herz gegen die Rippen, während sie zum Hauseingang schlich und die Tür öffnete. Als hätte sie alle Zeit der Welt, schlenderte sie gemächlich hinaus. Schaulustige strömten heran, Sirenen gellten, die ganze Straße voller neugieriger Gesichter, vom flackernden Blaulicht zerhackt. Alle sahen zum Nachbarhaus.

Tief zog sie ihre Mütze in die Stirn, dann mischte sie sich ohne Eile unter die Gaffer, ihre blutenden Hände in den Manteltaschen vergraben. Stimmengewirr umgab sie. »Was’n da los?« – »Schießerei.« – »Bestimmt wieder Ausländer.« – »Ja, die ballern rum wie bekloppt.« – »Hey, mach mal Platz für den Krankenwagen.« – »Nee, ist ein Mercedes mit Blaulicht.« – »Kiek ma, was will der feine Pinkel denn hier?«

Aus dem Augenwinkel sah sie den Mann, der aus der silbergrauen Limousine stieg, im Trench, elegant wie immer, mit diesen unerträglich geschmeidigen Bewegungen, formvollendet, das Gesicht schmal und blass, die dunklen Augen … O Gott. Bloß nicht hinsehen. Und doch trafen sich ihre Blicke, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein, vielleicht schützte sie die Dunkelheit, beschattete ihr Gesicht, vielleicht …

»Bleib stehen!«

Er hatte sie erkannt. Blitzschnell tauchte sie ab, glitt in die Menge, bahnte sich mit eckigen Schwimmbewegungen ihrer Arme einen Fluchtweg, schlug Haken, fing an zu laufen, da, hinter der nächsten Ecke die Straßenbahn, rein da, spring rauf, los doch, schnell jetzt, die Türen schlossen sich hinter ihr.

»Bleib stehen, verdammt!«

Sein heiserer Schrei durchdrang das Zischen der Türen, das elende Gebimmel der Straßenbahn, das Rumpeln der Räder auf den Schienen. Es war noch nicht vorbei.

Kapitel 1
Vier Wochen zuvor

Ein Vorhang aus Nieselregen. Das Geräusch sirrender Reifen auf nassem Asphalt. Zeitlupenhaft vorbeigleitende Passanten, deren Konturen in den Wasserschlieren auf der Fensterscheibe verschwammen wie in einem Aquarell. Bleierner November.

Untätig saß Maria am Empfangstresen der Contemporary Cum Gallery. Der hohe, langgestreckte Raum war fast leer. Aber was sollte man schon erwarten an einem verregneten Novembertag außer ein paar gestrandeten Gestalten, die vor dem Mistwetter ins Trockene flohen? Weder das Touristenpaar in identischen magentafarbenen Nylonjacken würde etwas kaufen noch die beiden jungen Mädchen, die sich gegenseitig mit ihren Handys fotografierten. Kichernd standen sie vor einem Bild, das einen schönen jungen Mann zeigte, in einer Badewanne, den nackten Körper in Plastikfolie gehüllt.

Maria fegte nichtexistente Stäubchen vom Revers ihres grauen Blazers. Grau ist das neue Schwarz, hatte Henry gesagt. Grau entsprach ihrer Gemütsverfassung. Zum hundertsten Mal an diesem Vormittag checkte sie ihr Smartphone. Keine Nachricht. Nichts.

Mein Handy, meine Hölle. Dennoch griff sie immer wieder danach und wischte über das glatte Rechteck, als könne sie ihm das Ersehnte durch die Beschwörungsmagie dieser Geste entlocken.

Jedes Mal, wenn das Display leer blieb, fühlte es sich an wie eine persönliche Niederlage.

Es hatte schon zu viele Niederlagen gegeben. Marias Selbstbeherrschung glich dem mürben Firnis eines alten Gemäldes – ein Craquelé feiner Haarrisse, ein Zustand fortschreitender Auflösung. Wieder und wieder strich sie eine Haarsträhne aus der Stirn, rieb an ihrem Revers, knetete ihre Hände. Nur eine tiefe innere Erschöpfung hinderte sie daran, wild um sich zu schlagen.

Die letzte Nachricht von Tom war zehn Tage her, zehn lange Tage und Nächte. Der Fluch des Schweigens. Es ließ so viel offen, eigentlich alles. Ihre anfängliche Enttäuschung hatte sich längst in Panik verwandelt. Warum meldet er sich nicht? Zweifelt er an unserer Liebe? Oder denkt er ernsthaft und in Ruhe darüber nach, wie es mit uns weitergeht?

Sie fürchtete sich vor den Antworten.

Manchmal weiß ich selbst nicht mehr, was ich denke, hatte Tom bei ihrem letzten Treffen vor vier Wochen gesagt, und der ratlose Blick aus seinen wasserhellen, nahezu eisblauen Huskyaugen hatte Maria frösteln lassen. Sagte man so etwas nach einem vollen Jahr Beziehung? Sagte man es, wenn man darüber sprach, wie es wäre, zusammenzuleben?

Der Schock plötzlich einsetzender Kälte vereiste ihre Lungen und ließ ihren Atem gefrieren. Er verlässt dich. Mein Gott, Tom verlässt dich.

Nein. Sie parkte diesen Gedanken in einer weit entfernten Sackgasse ihres Bewusstseins. Eher hielt sie für möglich, dass ihm etwas zugestoßen war. Vor ihrem inneren Auge sah sie Tom schwer verletzt auf einer Krankenstation, mit verbundenem Kopf und bandagierten Händen, außerstande, ihr auch nur ein einziges Wort zu schreiben.

Unsinn. Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch Schweigen ist eine Botschaft. Es interessiert Tom nicht, wie es dir geht, was du denkst, was du fühlst. Es interessiert ihn nicht einmal, dass auch du ihm nicht schreibst. Sein Schweigen ist laut und unbarmherzig, dein Schweigen verhallt ungehört.

Sie seufzte tief. Ach, Maria, du und dein Herzeleid, was für eine abgedroschene Geschichte.

Sonderliches Glück mit Männern hatte sie nie gehabt. Ihr Liebesleben glich einem Wagen mit stotterndem Motor, über den sich sorgenvolle Mechaniker in Form von Freundinnen beugten, die seit Jahren ergebnislos darüber debattierten, wie man die unbrauchbare Karre flottmachen könnte.

Nachdenklich beobachtete Maria das Touristenpaar. Die Frau, eine geländegängige hochrote Mittsechzigerin, kramte ein Butterbrot aus ihrem Rucksack und reichte es dem Mann. Die Art, wie er danach griff, wortlos, vertraut, und dann lächelnd nickte, als er auch noch ein gekochtes Ei in Empfang nahm, hatte etwas Rührendes. Eigentlich war Essen nicht erlaubt in der Galerie, aber Maria ließ die beiden gewähren. Sollten die doch ihren Spaß haben, inklusive Rucksack, Ei und Stulle. Sollten die doch ihre komischen Beziehungsrituale ausleben, um die Maria sie hilflos beneidete.

Warum bestanden ihre eigenen Beziehungen aus einem verwirrenden, unübersichtlichen, immer nur vorläufigen Ausprobieren von etwas, was nie eintraf?

Oder täuschte sie sich? Schließlich hatte es schon häufiger Phasen gegeben, in denen Tom sich zurückzog, Tom, der Künstler, der Einzelgänger, der einsame Wolf, der von Zeit zu Zeit ganz allein den Mond anheulen muss. Er braucht halt viel Zeit für sich selbst. Lass ihm seinen Freiraum. Die lange Leine.

Mit ihren Butterbroten schritten die beiden Touristen so zackig an den Bildern entlang, als nähmen sie eine Truppenparade ab. Es war offensichtlich, dass ihnen nicht gefiel, was sie sahen. An den kalkweißen Wänden hingen großformatige Fotoarbeiten einer russischen Künstlerin. Auf dem größten krümmte sich ein skelettartig abgemagertes Mädchen im Herbstlaub, ihre nackte Haut schimmerte bläulich. Die anderen Bilder wirkten nicht minder verstörend. Eine clownesk geschminkte Frau posierte breitbeinig in ihrer vermüllten Küche, wie aufgebahrt lag ein lebloser Mann im blauen Trainingsanzug zwischen Essensresten auf einem Tisch. Nur der schöne Jüngling in der Badewanne war dem gnadenlosen Blick der Künstlerin entronnen.

Mit einem Ausdruck größter Missbilligung studierte das Paar die ausgelegte Preisliste. Längeres Räuspern.

»Zehntausend Euro?«, erkundigte sich die Frau ungläubig. »Sie verlangen zehntausend Euro für diese – Bilder? Was sollen sie überhaupt bedeuten?«

Immer dieser Erklärungsbedarf. Maria hatte nie verstanden, warum das Schauen und Staunen in Vergessenheit geraten waren. Jeder wollte heute eine Gebrauchsanleitung für die Kunst. Sie hätte gern eine Gebrauchsanleitung fürs Leben gehabt.

»Die Ausstellung heißt ›Vom Vernichten der Musen‹.« Ihr Blick richtete sich auf das Bild einer Hochschwangeren, notdürftig von weißer Gaze verhüllt, dem Blick des Betrachters schutzlos ausgeliefert, erdenschwer. »Die Künstlerin will herausfinden, wie weit sich ein Mensch einem anderen ausliefern kann. Deshalb verstrickt sie ihre Modelle in ein Spiel von Macht, Abhängigkeit und Hingabe, bis hin zur völligen Vernichtung.«

So stand es jedenfalls im Katalog. Ein Akt der Wahrhaftigkeit. Eine Hommage an die Vergänglichkeit.

Zwei entsetzte Augenpaare starrten Maria an.

»Komm«, sagte der Mann, »wir gehen.«

An der Tür stieß er fast mit Henry zusammen, Marias Chef, ihr bester Freund. Die obligatorische schwarze Lederjacke über ein weißes T-Shirt geworfen, kam er herein und schwenkte eine Flasche Champagner. Während er Maria umarmte, schloss sie die Augen. Ihr verwaister Körper verzehrte sich nach Berührungen. Es tat so gut, den Kopf an Henrys graublondem Bart zu reiben, sich in seinen rheinisch gefärbten, singenden Tonfall fallen zu lassen.

»Miami war super, ich habe zwei große Arbeiten verkauft, die Leute stehen auf ultravisionäre Totalutopisten, ich sag immer: Queer läuft, weil die ungelüftete Normalität das Wünschen beleidigt, wir brauchen die Wunderkammern der Imagination, es muss sich radikal indiskret anfühlen, Schatzi, ich habe dir Mandelmousse mitgebracht, das ist ayurvedisch, ich glaube, du könntest Soulfood gebrauchen, oder?«

Er brach in Lachen aus, erheitert über seine eigenen quecksilbrigen Assoziationsketten.

Obwohl er auf die fünfzig zuging, wirkte er wie ein großes Kind, vergnügt, verspielt, unzerstörbar. Den Erfolg seiner Galerie in der noblen Charlottenburger Fasanenstraße verdankte er einem seismographischen Kunstgespür, gepaart mit untrüglichem Geschäftssinn, wesentlich jedoch der Gabe, das Gewicht der Welt in Schwerelosigkeit zu verwandeln. Selbst Marias Anfälle von Schwermut nahm er hin, als seien es amüsante Fehlleistungen.

»Wie läuft es mit Tom? Immer noch geräuschvolles Schweigen?«

Als flehe sie unsichtbare Gottheiten an, hob Maria die Hände.

»Ja, aber das ist bestimmt nur eine Phase.«

Henrys graue Augen lächelten matt.

»Schatzi, du lebst in einem Traumland der guten Feen und tanzenden Plüschbären. Wach mal auf.«

Kopfschüttelnd entfernte er das Stanniolpapier von der Champagnerflasche und drehte am Korken.

»Glaub mir, ich weiß, was es heißt, Sex mit Liebe zu verwechseln. Die Oxytocin-Falle. Nach einer guten Nummer kuscheln – und baam, baam, baam ist es passiert. Du bist emotional unterzuckert. Deshalb verliebst du dich immer gleich, wenn du mit einem Mann im Bett landest, und erwartest, dass er dich gefälligst zurückliebt.«

Maria funkelte ihn an.

»Du bist schamlos.«

»Danke.«

»Das war kein Kompliment, Henry.«

Mit einem Knall, der wie ein Pistolenschuss von den Wänden widerhallte, sprang der Korken aus der Flasche. Während Maria in die Teeküche ging, um Gläser zu holen, spürte sie einen nadelfeinen Stich. Hatte Henry recht? Verliebte sie sich zu schnell? Und war das überhaupt Liebe? Oder ein lachhafter Wahn, hervorgerufen durch körperliche Vertrautheit, die sie für emotionale Nähe hielt? Was konnte man schon wissen über die Maschinenräume der menschlichen Seele, über das, was tief im Unterbewusstsein vor sich ging?

Als sie mit zwei Gläsern in den Galerieraum zurückkehrte, waren auch die beiden jungen Mädchen verschwunden. Henry lehnte am Empfangstresen, mit diesem Gesichtsausdruck, den Maria an ihm kannte – besorgt und belustigt zugleich. Er nahm ihr die Gläser ab und goss sie voll.

»Auf uns Mädels.«

Sie tranken einen Schluck.

»Maria, Liebes, ich versteh ja, dass du leidest. Dein Gefühlsleben besteht aus lauter Sollbruchstellen, aber glaube mir – Ghosting ist ein verbreitetes Phänomen.«

»Ghosting?«

»Na ja, wenn der Lover abtaucht. Passiert mir öfter. Sogar mit Jim, obwohl wir schon über zwei Jahre zusammen sind. Irgendwie. Und irgendwie eben auch nicht.«

Klirrend setzte Maria ihr Glas auf dem weißlackierten Empfangstresen ab.

»Tom ist kein Lover, das ist eine echte Beziehung. Wir kennen uns seit einem Jahr. Wir wollten sogar zusammenziehen.«

»Du wolltest mit ihm zusammenziehen, Schatzi. Was macht dich so sicher, dass auch er es wollte?«

Was macht dich so sicher? Dass er eine eigene Zahnbürste in deinem Badezimmer hat? Einen Stapel Wechselwäsche in deinem Kleiderschrank? Dass ihr sonntags gemeinsam eure Lieblingsserie angesehen habt?

»Tom hat ein Nähe-Distanz-Problem. Das meint auch sein Therapeut.«

»Also, mit Distanz hat er ganz offensichtlich keinerlei Probleme«, grinste Henry. »Der will nur spielen und hält sich alle Optionen offen. Kein Heiratsmaterial, wenn du mich fragst.«

Touché. Wie ertappt zuckte Maria zusammen. Seit langem schon wünschte sie sich einen Mann, der blieb, der sich zu ihr bekannte. Sie wünschte sich ein Kind. Ein Zuhause. Nichts davon hatte sich erfüllt. Bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag war sie mit Spaßaffären zufrieden gewesen, angstlos und unverliebt. Danach hatte sie sich auf die Suche nach der echten Liebe begeben, nach dem märchenhaften Glück, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. All ihre Freundinnen waren mittlerweile verheiratet oder konnten feste Beziehungen vorweisen, die meisten hatten Kinder. Nur Maria war irgendwie übrig geblieben.

Wieder knetete sie ihre Hände und betrachtete den leeren rechten Ringfinger, den sie zunehmend als Schmach empfand.

»Tom ist meine letzte Chance.«

»Ach, was. Du bist attraktiv, du bist klug, du bist …«

»In sieben Wochen werde ich vierzig!«, unterbrach sie Henry heftiger als gewollt. »Vierzig ist die Schallgrenze, danach kommt nichts mehr, kein Mann, kein Kind, nichts.«

»Aber …«

»Ausgerechnet am Heiligen Abend Geburtstag zu haben, war für mich schon als Kind eine unverdiente Strafe. Doch jetzt wird ein Countdown runtergezählt, verstehst du das nicht? Wenn Tom mich verlässt, wartet nur noch der Boulevard der Dämmerung auf mich.«

Mit den Tränen kämpfend hastete Maria zur Toilette. Vier Quadratmeter graugekachelte Zuflucht, wo sie sehnsuchtsbesoffen weinen durfte, ohne den Vorwurf, sie solle gefälligst ein wenig Selbstachtung zeigen. Mit beiden Händen stützte sie sich auf das Waschbecken. Wer war die Frau auf der anderen Seite des Spiegels?

Für knapp vierzig wirkte Doktor Maria Hafner, promovierte Germanistin und Gelegenheitskunsthändlerin ohne jegliches Talent für Liebesangelegenheiten, noch fast mädchenhaft. Schulterlanges rotes Haar rahmte ein ebenmäßiges, ovales Gesicht mit einem rührenden Grübchen im Kinn. Aber hier, im gnadenlosen Neonlicht, sah Maria die Spuren der Erschöpfung, die Schatten unter den grünen Augen, die Falten, die wie mit einem scharfen Messer eingeritzt von den Nasenflügeln abwärts verliefen. Sie sah auch den ungeküssten Mund, für den sie sich schämte.

Glücklichsein war nie ihre Stärke gewesen. Ihre Mutter nannte sie therapiebedürftig, ihre Freundin Evi sozial kompliziert, Henry sprach von einem emotionalen Pflegefall. Und Tom?

Ghosting. Eigentlich ein passender Begriff. Tom hatte sich entmaterialisiert, ein durchsichtiger Schemen aus Erinnerungen und Hoffnungen. War diese Beziehung jemals real gewesen? Maria schluckte. Oder hatte sie eine bedeutungslose Affäre nachträglich beseelt? Ihr Spiegelbild schien nicht ganz sicher zu sein. Als ob ihm das Wirklichkeitsvertrauen abhandengekommen sei.

Doch, doch, alles real, sagte sie sich. Aber was habe ich dann falsch gemacht? Womit habe ich Tom vertrieben? Mit meiner Liebe? Die habe ich doch immer runtergespielt.

Nur ein einziges Mal hatte sie ihm die drei verräterischen Worte gesagt, in einer klirrend kalten Winternacht, als sie nackt unter seiner Felldecke gelegen und wie in einem sentimentalen Film die Sterne im dunklen Viereck des Fensters gezählt hatten. Er hatte sie vage angelächelt, ohne »ich dich auch« zu sagen. Trotzdem war sie sicher gewesen, dass er es fühlte. Zumindest hatte sie es gedacht. Oder eher gehofft. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. Ich denke zu langsam und hoffe zu schnell.

»Maria!« Henrys Stimme hinter der Tür. »Komm sofort da raus, Schatzi. Vergiss Tom. Lass uns lieber noch ein Glas trinken.«

Vergessen? Tom vergessen? Sie vermisste ihn so sehr, dass es körperlich weh tat. Ihr Brustkorb eine Bleikammer, ihr Herz ein Brandherd, ihr Kopf ein Schmerzzentrum. Aus der Handtasche holte sie eine Migränetablette, drehte den Wasserhahn auf und schöpfte mit der hohlen Hand Wasser, um die Tablette hinunterzuspülen.

Ich muss mein Leben ändern. Ich will nicht mehr kontrolliert verzweifelt sein.

Ein feines Glöckchenklingeln ließ sie zusammenzucken. Mit zitternden Fingern griff Maria nach dem Handy. Eine SMS. Von ihm! Sie war kaum in der Lage, die Buchstaben zu entziffern, so heftig tanzten sie vor ihren Augen.

Liebe Maria, ich melde mich morgen. Tom.

Von einem Moment auf den anderen taumelte sie in eine Wolke des Glücks. Tom! Endlich! Sie las die Nachricht ein weiteres Mal. Mit der ganzen Kraft ihres wunden Herzens versuchte sie, den Worten einen vielversprechenden Sinn zu verleihen. Liebe Maria, klang das nicht fast zärtlich? Und dann das ich melde mich morgen – was für eine Verheißung!

»Maria! Was tust du da drin? Muss ich mir Sorgen machen?«

Nein, sie war kein emotionaler Pflegefall. Ihr Herz war leicht, alles fühlte sich leicht und richtig an. Das geduldige Warten hatte sich gelohnt. Sie beglückwünschte sich, dass sie nicht die Nerven verloren und Tom bedrängt hatte. Gut gemacht, Maria. Du hast nicht geklammert, ganz so, wie es in allen Ratgebern und Chatforen steht. Kompliment. Du bist die Souveränität in Person.

Vermutlich war es ein Test gewesen. Sie hielt den Atem an. Ein Test wofür? Für eine echte Beziehung, spätere Heirat nicht ausgeschlossen?

Kapitel 2

Am nächsten Morgen wachte Maria um viertel nach fünf Uhr auf und konnte nicht mehr einschlafen. Heute war der Tag, an dem Tom sein Schweigen brechen würde. Alles schien verwandelt, verzaubert. Wie ein Kind am Morgen der weihnachtlichen Bescherung genoss sie die Wonnen der Vorfreude.

Während sie sich die Zähne putzte, entdeckte sie im Spiegel einen eigentümlichen Glanz in ihren Augen. Beschwingt lief sie in die Küche, stellte die Espressomaschine an und lehnte sich an die Küchenzeile, späte Siebziger, knalliges Orange. Weder die scheußliche Farbe noch der schadhafte grau-weiß gekachelte Küchenboden konnte ihrer guten Laune etwas anhaben. Selbst der doppelte Espresso schmeckte besser als sonst.

In einem mohnroten Kleid erschien Maria pünktlich um elf in der Galerie, erklärte Besuchern die Kunst, entwarf Einladungen für die nächste Vernissage, erledigte Anrufe, beantwortete Mails. Und das alles in der Gewissheit, dass die Zeit des Wartens ein Ende hatte. Keine Tränen mehr, kein Hoffen, kein Bangen, nur selige Gewissheit. Sie hätte jeden einzelnen Besucher umarmen können.

Tom blieb stumm. Er blieb den gesamten Donnerstag tagsüber stumm. So oft Maria auch auf ihr Handy schaute: keine Nachricht, kein Anruf, nichts.

Ihre Vorfreude war längst unruhiger Anspannung gewichen, als sie am Abend die Wohnungstür aufschloss. In hohem Bogen flog das mohnrote Kleid aufs Bett, dann zog sie einen alten grauen Jogginganzug an, um die Küche und das Bad zu putzen. Es war ein psychohygienischer Akt, den sie mit rituellem Ernst verrichtete. Saubere Wohnung, reine Seele. Andere Leute meditierten oder saßen ihre Zeit in Selbsthilfegruppen ab, Maria putzte mit nahezu hysterischer Hingabe.

Auch im Wohnzimmer gab es einiges zu tun. Wie die übrigen Räume war es eher studentisch eingerichtet. Eine verblichene rote Couch, ein paar zusammengewürfelte Sessel, ein alter Bauernschrank aus Kirschbaumholz. Der Schreibtisch bestand aus einer aufgebockten Glasplatte, an den Wänden hingen Kunstplakate, und die weißen Regale stammten aus einer Zeit, als der Name Billy gleichbedeutend mit der Aufbewahrung von Büchern gewesen war.

Weit habe ich es nicht gebracht.

Sie setzte sich auf die Couch. Wenn alles gut gegangen wäre, würde ich jetzt nicht in dieser Bude hocken, zwei Zimmer im Kreuzberger Wrangelkiez, Altbau, dritter Stock, sondern als geachtete, wohlbestallte Professorin Vorlesungen halten. Es war aber nicht gut gegangen. Genau genommen war gar nichts gut gegangen.

Wehmütig schweifte ihr Blick über die Regale, in denen hoch oben neben großformatigen Kunstbänden ihre Fachbücher über die Epoche der späten Romantik standen. Dort verstaubte auch die zerlesene Eichendorff-Gesamtausgabe, und wer, wenn nicht Eichendorff, hatte der Sehnsucht betörend schöne Verse abgerungen? Sie stand wohl am Fensterbogen, Und flocht sich traurig das Haar, Der Jäger war fortgezogen, Der Jäger ihr Liebster war. Einst hatte Maria als Expertin für den Meister der beschädigten Seelenlandschaften gegolten. Zehn Jahre war das her. Ein Mann hatte damals ihre akademische Karriere zerstört. Natürlich ein Mann. Einer dieser narzisstischen, rücksichtlosen Kerle, von denen Maria viel zu vielen begegnet war.

Sie stand auf und goss sich in der Küche ein Glas Rotwein ein. Versonnen betrachtete sie die schimmernde Flüssigkeit, von der jemand behauptet hatte, sie zu trinken sei, als ob einem der liebe Gott mit roten Samthosen die Kehle hinunterspaziere. Welch famoser Spaß. Sie presste die Lippen aufeinander. Ich habe alles verloren, meine Unschuld, meinen Leichtsinn, meine Fröhlichkeit. Vielleicht auch meine Zukunft.

Mit dem Glas in der Hand ging Maria zurück ins Wohnzimmer. Deprimiert brütete sie vor sich hin. Nach ihrem Scheitern an der Universität hatte sie eher planlos weitergemacht – mit Artikeln für lokale Zeitungen, Gelegenheitsjobs, sogar gekellnert hatte sie. Etwas war damals aus den Fugen geraten. Eine seltsame Schwäche hatte sie erfasst, zum Entsetzen ihrer Mutter. Wenn Vater das noch erleben müsste. Wir hatten so große Hoffnungen in dich gesetzt. Wir haben dir immer alles ermöglicht. Und jetzt? Du kellnerst?

Vor zwei Jahren hatte sie dann Henry kennengelernt, bei einer Party, und es war Freundschaft auf den ersten Blick gewesen. Wenig später hatte sie in seiner Galerie angefangen, Bilder aufgehängt, Preislisten getippt, auf Vernissagen Wein serviert. Mittlerweile verkaufte sie die Kunstwerke. Hier und da eine Provision, wenn sie ein Bild loswurde, es reichte, um über die Runden zu kommen.

Diese Lautlosigkeit. Halb acht schon. Noch immer keine Nachricht von Tom.

Frierend umschlang Maria ihre Knie mit den Armen, als sie plötzlich ein elektrisierender Gedanke durchzuckte: Fanden Bescherungen nicht immer abends statt? Mit Musik und Kerzenschein? Vielleicht steht Tom ja gleich unangemeldet vor der Tür, mit einem Strauß Rosen oder einer Flasche Wein. Von einer Sekunde auf die andere schlug ihre Lethargie in hektische Betriebsamkeit um. Sie duschte, zog einen schwarzen Spitzenbody an und streifte ihren Morgenmantel aus roter Seide darüber, ein Geschenk von Tom. Zum Schluss entzündete sie die Kerzen im Schlafzimmer.

Dann wartete sie.

Die Zeit verstrich, ohne dass etwas geschah. Zum Glück gab es immer noch etwas zu tun. Während in ihrem Hinterkopf das einseitige Zwiegespräch mit Tom weiterlief – bitte melde dich, ich flehe dich an –, sortierte sie abgelaufene Joghurts aus und polierte die Küchenarmaturen. Als ihr partout nichts mehr einfallen wollte, faltete sie Toms Wäsche neu und legte sie in den Schrank zurück.

Nach und nach wich ihre Hyperaktivität tiefer Niedergeschlagenheit. Sie legte sich aufs Bett. Immer wieder tippte sie das Handy an, doch nichts geschah, außer dass die Minutenanzeige geisterhaft geräuschlos weitersprang. Es hatte Epochen gegeben, in denen sehnsüchtig Wartende auf das Ticken der Uhr horchten, doch das Resultat ereignislos vergehender Zeit war immer noch dasselbe. Mir ist zu wehe zum Weinen – Die Uhr so gleichförmig pickt, Das Rädlein, das schnurrt so in einem, Mir ist, als wär’ ich verrückt.

Ihre Augen wanderten über die rot-weiß gestreifte Tapete des Schlafzimmers, über den cremefarbenen Teppich, die silbernen Kerzenleuchter, und blieb schließlich am Kamin hängen, einem elektrisch betriebenen Fake mit klassizistischer Holzumrandung. Möglicherweise hatte sie ihn in der Hoffnung gekauft, sein künstliches Feuer könne ihre Seele wärmen und die Männer ans – wenn auch imaginäre – Lagerfeuer locken. So weit die Idee. Sie fror erbärmlich. Das wärmende Nest, das sie gebaut hatte, war kalt und verlassen.

Immer noch keine Nachricht. Ob sie Tom schreiben, ihn anrufen sollte?

Leider gab es ungeschriebene Regeln im Kommunikationszeitalter, und die wichtigste lautete paradoxerweise: Wer zu viel kommuniziert, verliert. Maria wusste, dass sie Tom nicht schreiben durfte, bevor er seinerseits antwortete. Setz ihn nicht unter Druck. Tu so, als mache es dir nichts aus, dass er sich nicht meldet. Seit einem Jahr ging das so. Take it easy, die größte Lüge überhaupt. Kein Wort über ihre Sehnsucht, kein Wort über ihre Verstörung, wenn er sich tagelang in Schweigen hüllte. Falls Maria ihm überhaupt schrieb, dann in einem Tonfall demonstrativer Lässigkeit. Wie geht’s denn so? Alles schön bei dir? Ich wünsch dir einen sonnigen Tag.

Heute musste sie die Regel brechen, sie konnte nicht anders. Um viertel nach acht Uhr schrieb sie mit bebenden Fingern: Hi Tom, hoffe, bei dir ist alles okay. xxx, Maria.

Dann wartete sie wieder, unfähig, etwas anderes zu tun, als ihr Handy anzustarren. Es wurde halb neun. Viertel vor neun. Tom, wo bist du? Was machst du? Denkst du denn gar nicht an mich?

So viel Vorfreude, so viel Enttäuschung. Mittlerweile war es neun Uhr. Maria hypnotisierte ihr Handy. Bitte. Mein Gott, Tom, du hast es versprochen!

Langsam verließ sie aller Mut. Sie war todmüde, nicht nur, weil sie in der Nacht zuvor kaum geschlafen hatte. Die vergangenen zehn Jahre hatten sie ausgelaugt. Rasendes Glück, jäher Absturz. Romantische Dates, große Gefühle, und dann – Schluss. Mehr oder weniger hatte sie stets das Gleiche von ihren Exfreunden gehört. Du bist eine tolle Frau, ich schätze so vieles an dir. Aber. Dann kam immer das Aber. Ich bin noch nicht so weit für eine feste Beziehung. Ich will mich nicht binden. Ich fühle mich außerstande, Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Ich mag dich, aber ich brauche meine Freiheit.

Im Nachhinein war es ihr ein Rätsel, woher sie die Kraft genommen hatte, bei jeder neuen Liebe auf ein glückliches Ende zu hoffen. Es war immer bei unverbindlichen Beziehungen geblieben. Wenn auch Tom sie verließ, war ihre Kraft zu hoffen aufgebraucht. Dann war ihre Kraft zu leben aufgebraucht. Und es sah ganz danach aus, als ob sie unaufhaltsam auf diesen Nullpunkt zuraste.

Ihr wurde unheimlich zumute. Das Warten hatte ihre Sinne geschärft statt abgestumpft, alles nahm sie überdeutlich wahr, schmerzhaft deutlich, die Kerzenflammen, die Lichtreflexe auf der seidenen Bettwäsche, das Rechteck des Handys. Währenddessen spürte sie die dunkle Gewalt des Scheiterns, und es wurde ihr eng in der Brust. Die Wände des Schlafzimmers schienen sich auf sie zuzubewegen, in ihrem Kopf hallten höhnische Stimmen, die zeitversetzt, wie im Kanon, den immerselben Satz wiederholten:

Du bist es nicht wert, geliebt zu werden.

Mit einem dumpfen, erstickten Laut vergrub sie ihr Gesicht im Kopfkissen. Ich habe Angst. Ich kann nicht mehr. Wenn er sich heute nicht meldet, bringe ich mich um.

Es war eine sehr konkrete Option. In ihrer Speisekammer lagerte ein ganzes Waffenarsenal, in einem Tresor, mit drei Schlössern und einem Zahlenfeld gesichert. Niemand wusste davon, niemand hatte jemals auch nur die Tresortür gesehen, weil Maria einen Schrank davorgeschoben hatte.

Ich habe alles, was ich brauche. Pistolen, Revolver, Gewehre, Munition. Es wird schnell gehen.

Sie dachte an ihren Vater. Die Waffen waren sein Vermächtnis. Er hatte sie wiederum von seinem Vater geerbt, einem hochdekorierten Kriegsteilnehmer und Scharfschützenausbilder in Hitlers Wehrmacht. Darüber sprach man nicht gern in ihrer Familie. Es war irgendwie peinlich. Klar, man war pazifistisch, Marias Mutter, die friedensbewegte taz-Leserin, sowieso und ihr verstorbener Vater, dessen Eltern stramme Nazis gewesen waren, im Bewusstsein ererbter Schuld. Deshalb hatte er Marias Mutter versprochen, die Waffensammlung nach dem Tod des Großvaters zu entsorgen.

Er hatte es nie getan.

Eines Tages, Maria war damals knapp vierzehn gewesen, hatte sie ihren Vater im Keller dabei ertappt, wie er eine Smith & Wesson reinigte. Neben ihm auf dem Tisch hatten so viele Munitionsschachteln gelegen, als wolle er die halbe Stadt umbringen. Bitte verrate es keinem, hatte er sie beschworen, er, der Pazifist und menschenfreundliche Allgemeinmediziner, der einen Eid zur Erhaltung des Lebens geschworen hatte. Und Maria, überrascht, fasziniert, hatte ihn angebettelt, dass er ihr im Gegenzug für ihr Stillschweigen das Schießen beibrachte.

Er war ein großartiger Lehrmeister gewesen. Alles hatte er ihr gezeigt, das Bestücken der Magazine mit Munition, den Umgang mit Kurzwaffen und Langwaffen, das Präzisionsschießen auf Metallscheiben und Schießscheiben, im Sitzen, im Stehen, im Liegen, in der Bewegung.

Welche Waffe eignet sich am besten für einen Selbstmord? Eine Pistole? Oder etwas Größeres?

Maria erschauerte. Noch ist die Nacht nicht vorbei, noch gibt es eine gewisse Chance, dass Tom sich später meldet. Um sich abzulenken, versuchte sie es mit Galgenhumor. Wäre doch zu blöd, wenn er zu dir zurückwill und nur noch eine Leiche schänden kann. Wäre doch krank, wenn er dir Rosen mitbringt und sie auf einen Sarg schmeißen muss. Dann fing sie an zu weinen.

Maria hatte viel und oft geweint, nicht erst, seit sie Tom kannte, aber dieses Weinen war anders. Es schüttelte sie. Es verwüstete sie. Es sog alle Kraft aus ihrem Körper. Ohne Tom bist du ein Nichts, ein Niemand, eine tote Hülle. Nur wenn er dich berührt, erwacht die Hülle zum Leben. Das hier ist kein Leben mehr. Kann man sich totweinen, so wie man sagt, jemand lache sich tot? Dann lieber einen Pistolenlauf in den Mund stecken. Worauf wartest du noch? Auf den nächsten Mann? Machst du Witze?

Es war wie ein Sog. Tränenblind stand Maria auf, holte ein Schlüsselbund aus der untersten Wäscheschublade und lief in die Speisekammer. Es war so lachhaft leicht. Sie musste nur den Tresor öffnen und beenden, was nicht mehr gut enden konnte.

Kapitel 3

Mit ihrem ganzen Gewicht stemmte sich Maria gegen den Schrank. Er war eine Hinterlassenschaft des Vormieters, ein uraltes Monstrum, bis oben hin vollgestopft mit kulinarischen Extravaganzen, die Maria für gemeinsame Essen mit Tom gekauft hatte. Essen, zu denen es nie gekommen war. Vergeblich warteten eingelegte Artischocken, Trüffelöl und Kokosmilch auf ihren Einsatz. Maria hätte den Schrank ausräumen müssen, um ihn leicht beiseiteschieben zu können, doch dafür fehlte ihr die Geduld. Mit beiden Händen rüttelte sie an den schartigen Holzkanten.

Ein brennender Schmerz. Sie schrie auf.

Etwas Spitzes hatte sich in ihre rechte Handfläche gebohrt, ein messerscharfer Splitter, wie sich bei näherem Hinsehen herausstellte. Schwer atmend starrte Maria die Wunde an und das Blut, das auf den gekachelten Boden tropfte. Es war, als erwache sie aus einem absurden Traum. Einen flaumigen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen, dann lief sie in die Küche, holte Pflaster aus einer Schublade und verband die Wunde. Wie betäubt sank sie auf einen Stuhl.

Ich brauche Hilfe. Sofort.

In ihrer Not rief sie Evi an, ihre Freundin aus Studienzeiten. Schluchzend stammelte sie Zusammenhangloses ins Handy. Evi war nicht im Mindesten überrascht. Genau das habe sie kommen sehen bei einem wie Tom. Es sei doch immer dasselbe mit Marias Kerlen, das größte Katastrophenmovie aller Zeiten.

»In deinem Zustand kannst du nicht allein bleiben«, befand Evi. »Wir müssen uns sehen, sofort.«

Widerspruch war zwecklos. Marias resolute Freundin fühlte sich zur Fachfrau für Liebesdinge berufen, seit sie Mann und Kind hatte, Gefühlsdiplomatie war ihre Sache nicht. Sie schlug ein Treffen in einer nahen Trattoria vor.

Es kostete Maria ungeheure Energie, überhaupt aufzustehen und sich anzuziehen. Seit Jahren führte sie Krisengespräche, die stets mit ihrer sozialen Bankrotterklärung endeten. Sie bekam es einfach nicht hin, das Leben, die Liebe. Wäre es nicht doch besser gewesen, sie hätte sich ein Neun-Millimeter-Geschoss in den Mund gejagt?

Nach zwei Blocks Fußmarsch erreichte sie das Lokal. Stimmengewirr erfüllte den hellen Raum, dessen Wände alte Filmplakate zierten. Evi war schon da. Ernst sah sie aus, aber gefasst. Die Rolle der Depressionsbetreuerin hatte sie zu oft gespielt, um noch erschüttert zu sein. Sie begrüßten einander mit flüchtigen Wangenküsschen.

»Jetzt bloß nicht den Kopf hängen lassen«, sagte Evi im Tonfall einer ungeduldigen Krankenschwester. »Du siehst ja furchtbar aus, selbst Tote sind besser drauf. Komm, lächle doch mal. Ein Sprizz, und die Welt ist wieder bunter.«

Kaum saß Maria auf einer der Bänke aus rotem Kunstleder, als sie es auch schon bereute. Nicht nur Evis aggressiver Optimismus, auch die Anwesenheit der vielen Familien mit Kindern peinigte sie. Wo sie auch hinschaute, überall schien das große Glück ausgebrochen zu sein. Eine Mutter wiegte lächelnd ihr Baby auf dem Schoß, am Nebentisch spielten zwei Jungs mit ihren Nintendos, unablässig explodierte irgendetwas, was die Eltern zu fröhlichem Gelächter veranlasste. Entsetzlich. Was machten Kinder überhaupt um diese Uhrzeit in Lokalen?

Maria liebte Kinder über alles, sie wünschte sich ja selbst ein Kind. Doch genau deshalb ertrug sie das alles nicht, diese Munterkeit, das Kinderlachen, die Normalität eines Familienlebens, das ihr verwehrt blieb. Zu viel. Es war alles zu viel. Auch Evi, für die ein gelungenes Leben eine Frage soldatischer Disziplin war. Über den Tisch hinweg langte sie nach Marias Hand.

»Was ist das da? Du hast dich verletzt? Wie ist das passiert?«

»Eine Bagatelle. Ich war völlig in Gedanken wegen Tom und habe mich aus Versehen geschnitten.«

»Tom ist ein Psycho«, legte Evi los. »Warum verliebst du dich bloß immer in diese kalten, unnahbaren Mistkerle? Warum, Maria? Hast du mal mit deiner Mutter darüber gesprochen?«

Um Gottes willen. Marias Mutter war Therapeutin, eine von der alles verstehenden, alles zerredenden Sorte. Maria zog ihre Hand so heftig zurück, dass ein leeres Weinglas umfiel und über die rot-weiß karierte Tischdecke rollte. Am Nebentisch starben virtuelle Krieger im prasselnden Kugelhagel, das Baby fing an zu weinen. Maria zerkrümelte ein Stück Brot.

»Bitte lass meine Mutter aus dem Spiel. Seit Jahren belästigt sie mich mit Ratschlägen. Wie finde ich den Mann fürs Leben? Wie binde ich ihn? Wie formuliere ich meine Erwartungen? Wie gebe ich ein adäquates Feedback? Komm mir bloß nicht mit diesem Psychokrempel.«

Evi setzte eine überlegene Miene auf.

»Aha, Wut also. Dir sind die Phasen der Trauer nach Kübler-Ross geläufig?«

Maria kannte sie in- und auswendig, kein Wunder bei einer therapeutisch versierten Mutter. Erste Phase: Nicht-wahrhaben-Wollen. Zweite Phase: Zorn. Dritte Phase: Verhandeln. Vierte Phase: Depression. Fünfte Phase: Akzeptanz. So weit die Theorie. Sie war direkt in die Depression gerutscht. Entnervt spielte sie mit einem riesigen Pfefferstreuer aus Holz, der auf dem Tisch stand.

»Seit wann bist du denn auch noch Hobbypsychologin?«

»Ich weiß«, Evi lachte vergnügt, »bisher beschränkten sich meine psychologischen Kenntnisse darauf, dass in Lokalen mit großen Pfefferstreuern die Kellner kleine Penisse haben. Aber die Kübler-Ross-Sache hab ich echt drauf.«

Großmütig überging Maria diese Albernheiten.

»Einfach von Frau zu Frau: Was stimmt nicht mit mir, Evi? Du bist meine Freundin. Sei ehrlich. Sag es mir, bitte.«

Der Kellner kam und erkundigte sich nach ihren Wünschen. Mit der großartigen Geste eines kommandierenden Befehlshabers bestellte Evi diverse Vorspeisen und Spaghetti carbonara. Maria verspürte keinen Appetit, nur eine würgende Übelkeit. Nachdem der Kellner sich entfernt hatte, beugte sie sich vor.

»Was, Evi? Was stimmt nicht mit mir?«

»Falsche Frage.« Marias Freundin winkte ab. »Viel aufschlussreicher ist doch: Was stimmt nicht mit den Typen?«

Ein längerer Vortrag folgte. Über die Spaßgesellschaft. Über Männer wie Tom, die nicht erwachsen werden wollten und weder Nähe noch Verbindlichkeit zuließen. Über Frauen wie Maria, die genau diese unerreichbaren Männer anziehend fanden. Und über Evis eigenen Mann.

»Du kennst Alex. Ein stinknormaler Superlangweiler, mit dem unschätzbaren Vorteil, dass er heiraten und Kinder haben wollte. Sieh mich an. Mein Liebesleben findet jenseits des messbaren Bereichs statt, aber ich habe eine Familie. Du musst dich entscheiden, Maria. Entweder verrennst du dich weiter in attraktive, aber bindungsschwache Männer, oder du suchst dir endlich was Solides.«

Maria kannte Alex. Ein sympathischer, freundlicher Mann, vielleicht ein wenig antriebsschwach. Und komplett asexuell. Sie musterte ihre Freundin. Das kantige Gesicht mit dem etwas angestrengten Zug um den Mund, die penibel zurechtgeschnittene Bobfrisur, den leeren Ausdruck von Zufriedenheit in ihren Augen. Wenig erinnerte an die kesse Studentin von einst, mit der Maria eine chaotische Wohnung und zuweilen die Lover geteilt hatte. Vor ihr saß eine Frau, die alles hatte und nichts mehr erwartete.

Der Kellner brachte zwei Aperol Sprizz. Schweigend nippten die beiden Frauen daran. Es gab nichts, worauf sie hätten anstoßen können. Maria knetete ihre Hände, wischte Stäubchen von ihrem Jackett, fuhr sich durchs Haar. Sie hatte Trost erwartet, doch Evi schien entschlossen zu sein, sie auf den eigenen Kurs umzubiegen. Jetzt sag bloß nicht Beuteschema.

»Du musst dein Beuteschema ändern«, sagte Evi. »Was willst du mit diesen gefühllosen Kerlen? Mittlerweile hasse ich all diese Toms, aber dieses Exemplar ganz besonders. Ist ja nicht das erste Mal, dass er dich …«

Nein, nicht das erste Mal. Und doch – es war vertrackt. Sobald jemand schlecht über Tom sprach, spürte Maria den Impuls, ihn zu verteidigen.

»Er ist kein schlechter Mensch, nur etwas schwierig, ein komplizierter Charakter eben.«

Und sie liebte ihn bis zum Wahnsinn, auch wenn er unerreichbar war. Oder weil er unerreichbar war?

»Du bist eine tolle Frau, Maria. Du hast es nicht nötig, diesen Typen hinterherzurennen, die dich nur benutzen und …«

Maria hörte gar nicht mehr hin. Sie wusste, was folgen würde: eine Kontroverse, bei der Evi ihren rabiaten Feminismus gegen weibliche Demut in Stellung brachte. Verstohlen checkte sie das Handydisplay. Nichts. Keine Nachricht, dabei war es schon kurz vor zehn. Was hatte Evi gesagt? Benutzen? Ihr Kopfkino sprang an. Tom im schwarzen Morgenmantel, wie er sie in seinem Loft empfing. Wie er sie zeichnete, während sie nackt für ihn posierte. Wie der Morgenmantel von seinem muskulösen Körper glitt und er sie ins Bett trug. Nein, Tom benutzte sie nicht. Er feierte ihre Weiblichkeit.

»Ich glaube, ich möchte jetzt gehen, Evi.«

»Möchtest du nicht«, widersprach ihre Freundin. »Warte noch …«

Maria wollte gerade fragen, worauf, als eine schlanke, etwa sechzigjährige Frau an den Tisch trat. Sie trug einen eisgrauen Kurzhaarschnitt und hatte ihre schmalen Lippen in abstoßendem Violett geschminkt. Mit ihrer versteinerten Miene und ihrem langen schwarzen Wollmantel verbreitete sie den Frohsinn einer Leichenbestatterin.

»O Gott«, entfuhr es Maria.

»Freu mich auch, dich zu sehen«, erwiderte ihre Mutter und setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. »Ich bin hier, um dich nach Hause zu holen. Wie geht es dir?«

»Sag du’s mir doch, du bist ja die Expertin. Übrigens habe ich bereits ein Zuhause und gehe nirgendwo mit dir hin.«

Maria verschränkte die Arme. Sie schätzte die mütterlichen Fachgespräche ohnehin nicht sonderlich, aber in ihrem überreizten Zustand war diese doppelte Betreuungsoffensive mehr, als sie ertrug.

»Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Frau Hafner«, wisperte Evi mit einem verlegenen Seitenblick auf Maria. »Ich glaube, das war dringend nötig.«

Nein, das war Verrat. Maria ballte die Fäuste, woraufhin die Wunde wieder zu schmerzen begann. Ein Komplott also. Zwei gusseiserne Amazonen gegen eine Frau, die sich zu ihrer Schwäche für einen Mann bekannte – das bedeutete einen Feldzug gegen antiemanzipatorische Umtriebe. Erbittert betrachtete sie ihre Mutter, die eigentümlich körperlos auf dem Stuhl saß, jeder Zoll eine Seelenvollzugsbeamtin.

»Oh, Wut, endlich, wie schön, das ist ein Fortschritt. Darauf habe ich lange gewartet. Nimmst du auch regelmäßig deine Tabletten, Maria?«

»Bitte.« Sie stöhnte auf. »Lass es, ja?«

Während ihre Mutter wieder ihr Sphinxgesicht aufsetzte, betrachtete Evi stirnrunzelnd die Eiswürfel in ihrem Sprizz.

»Erstens bist du bekanntlich grundlabil und solltest die heutige Nacht nicht allein verbringen. Zweitens habe ich mit deiner Mutter über deine verkorksten Beziehungen gesprochen.«

»Über deine Bindungsfähigkeit«, schaltete sich Gundula Hafner ein und bedachte ihre Tochter mit einem jener nachsichtigen Blicke, die an Überheblichkeit grenzten. »Hast du mal darüber nachgedacht, wie viel Nähe du überhaupt erträgst?«

Was für eine Frage. Marias Erbitterung wuchs.

»Ich liebe Nähe!«, rief sie so laut, dass die Jungen am Nebentisch kurz von ihren Spielkonsolen aufsahen. »Ich kann gar nicht genug davon bekommen!«

Wie eine Staatsanwältin vor der Anklageverlesung nahm ihre Mutter Haltung an. Es war ihr anzusehen, wie sie ihre professionelle Distanz genoss, die Fähigkeit, vollkommen emotionslos über Gefühle zu sprechen.

»Warum lässt du sie dann nicht zu? Bei Männern, die Nähe geben und Nähe wollen?«

»Kann es sein«, übernahm Evi, »dass du dich genau deshalb in diese bindungsschwachen, psychopathischen Scheißtypen verliebst, weil sie keine Gefahr für deine supercoole Singleexistenz bedeuten? Kann es sein, dass du es in Wahrheit darauf anlegst, Männer zu daten, die mit dem Penis denken, damit du nur ein Sexspielzeug bleibst und bloß nicht …«

»Stopp.« Beschwichtigend legte Gundula Hafner eine Hand auf Evis Arm. »Eine Intervention basiert auf bestimmten Regeln. Wir sollten nicht zu emotional werden und jeden saloppen oder allzu expliziten Sprachgebrauch vermeiden.«