Informationen zum Buch

Im Drogenkrieg von Cartagena.

Im Meer vor Cartagena treibt herrenlos eine Segelyacht mit einer Leiche: Gunter van Danz, erfolgsverwöhnter Nachtclubbesitzer von Ibiza, wurde offenbar erdrosselt. Dolf Tschirner, ein Mann für alle Lebenslagen, wird von Kriminalinspektor Fuentes bei den Ermittlungen als Dolmetscher angeheuert, zumindest lautet so die offizielle Begründung. Tatsächlich aber ist Tschirner dem Toten schon begegnet: zwölf Jahre zuvor in einem schmutzigen Drogenkrieg, als er seinen Sohn retten wollte.

Ein ungewöhnlicher deutscher Ermittler in Spanien – hochspannend und mit viel Lokalkolorit.

Ulrich Brandt

Iberische Schatten

Kriminalroman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Über Ulrich Brandt

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Ein Krimi ist kein Drogenhandbuch. Alle genannten Rauschgifte, auch wenn sie jeweils gängige Bezeichnungen tragen, stehen als Platzhalter für unterschiedliche Drogen und Suchtstoffe; ihre Konsumformen und Wirkweisen sind hier aus zweiter Hand geschildert, kombiniert, übertrieben oder sogar frei erfunden. Ähnlichkeiten, in Wirkung und Nebenwirkungen, auch bei körperlicher Abhängigkeit und Entzug, mit real existierenden Rauschgiften wären also eher zufällig.

Für Victor und Alicia, Manolo und Fran

1

Sein Grinsen war bleckend und fies, zum Reinhauen. Selbst als Leiche zog der Kerl die Mundwinkel krampfhaft in die Breite. Zwischen den Lippen strahlten zwei Reihen makelloser Porzellanzähne. Und der schmutzig weiße Brocken, der unter seiner Zunge hervorlugte.

Gunter van Danz, so hieß der Tote, konnte nicht sehr lange gelitten haben. Er war erdrosselt worden. Hinter dem armdicken Stahlrohr in seinem Nacken steckte ein Takelmesser, ein stabiles Werkzeug mit gebogenem Holzgriff, in einer Schlinge aus geflochtenem Kunststofftau. Die rotschwarze Leine hing der Leiche doppelt um den Hals, wo sie vertrocknete und blutunterlaufene Kerben hinterlassen hatte. Mit dem Takelmesser als Hebel war sie verdrillt und immer weiter zugezogen worden. Dennoch hatte der Tote sich sein Grinsen bewahrt. Oder die Grimasse war ihm so zur Gewohnheit geworden, dass diese Fratze den Ruhezustand seiner Mimik darstellte.

Der Leichnam saß an die Maststütze gefesselt. Die Fäuste hinter dem Rücken mit Handschellen fixiert, neigte der Brustkorb sich zu Boden, ein Arm hing schräg und entsetzlich verdreht aus der Schulter. Der Körper hatte sich entleert, aber das überhebliche Grinsen hielt dennoch, auch im Tod.

Van Danz war vollständig angezogen, er trug einen Seglerpullover, dazu Stoffhosen und Mokassins. Beinahe schon landfein, fand Dolf Tschirner. Die langen silbrigen Haare des Toten wirkten wie frisch gewaschen. Jedenfalls sah er nicht nach einem Einhandsegler aus, der tagelang unterwegs gewesen war und wenig geschlafen hatte. Er musste gut in Form gewesen sein, als sein Mörder ihn traf.

Gunter van Danz war, nach allem was Dolf bisher wusste, kein angenehmer Mensch gewesen. Dass er sich, selbst im Angesicht seines Killers, von seinem süffisanten Grienen nicht hatte abbringen lassen, sprach dafür, dass er bis zuletzt geglaubt haben musste, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Oder komplett bedröhnt war. Der Brocken unter seiner Zunge war Kokain. Es musste genug Koks sein, um van Danz rasch bewusstlos zu machen, wenn er ihn geschluckt oder auch nur mit seinem Speichel aufgelöst hätte.

Der Raum um die Leiche zeigte die typischen Dimensionen einer Segelyacht, die schrägen Begrenzungen des Fußbodens, die gekrümmten Linien an Decke und Außenwänden. Jedes Fleckchen Platz war sinnvoll genutzt.

Die Kajüte gehörte zu einem Kunststoffschiff; sie bot viel dunkles Holz, edle Beschläge und Geräte, sinnvoll eingebaute Ablagen und Schubfächer. Alles machte – wie das stabile Rohr der Maststütze – einen gediegenen, für den praktischen Bedarf angeordneten Eindruck.

Dolf trat aus dem Lichtbalken, der über seine Schulter ins Yachtinnere fiel. Obwohl es ein diesiger Tag war, stand diese Säule aus flirrender Luft im Schiff und beleuchtete den Staub aus weißem Pulver, der im Raum schwebte: Schnee, genau wie man es fünf Wochen vor Weihnachten erwarten konnte. Dolf stieß den Atem durch die Zähne aus. Nach Lachen war ihm nicht zumute. Der weißgelbe Brocken im Mund des Toten machte ihm schlechte Laune. Einer Drogengeschichte nachzuspüren widerstrebte ihm. Bei dem Thema kamen in Dolf Erinnerungen an das Schicksal seines Sohnes hoch, die er lieber mied. Unwillkürlich strich er sich über die Narbe an seiner rechten Augenbraue, ertappte sich dabei und schüttelte die düsteren Gedankenschatten ab.

Dolf orientierte sich mit Blick nach vorn, gegen den Bug der Yacht. Rechts war ein Navigationsplatz in die Möbel eingelassen, davor ein Drehstuhl festgeschraubt. Links erstreckte sich die Küchenzeile, eher praktisch als luxuriös. Nach vorne gingen zwei Türen ab, verschandelt mit hässlichen Vorhängeschlössern. Dazwischen, am höchsten Punkt des Innenraums, führte ein schmaler Gang ins Vorschiff, zu den Toiletten- und Stauräumen. Nach hinten boten zwei weitere schmale Türen Einblick in winzige Kabinen über dem Motorraum. Dolf hatte einen Plan der Yacht gesehen. Es war eine Bavardise 44, aus einer französischen Werft, fünfzehn Jahre alt, aber in bestem Zustand, aus Glasfiber mit einer fachkundig getischlerten Innenausstattung. Licht fiel – außer durch die Niedergangsöffnung in seinem Rücken – nur durch schmale Fensteröffnungen, die links und rechts auf Schulterhöhe verliefen.

Nichts deutete auf ein Handgemenge hin. Alles, was außerhalb der Reichweite des Gefesselten lag, war mehr oder weniger aufgeräumt. Werkzeug und Küchenutensilien lagen an den dafür vorgesehenen Plätzen, Bücher waren in ihren Regalen verstaut und mit Gummizügen gesichert. Geschirrtücher hingen über der Arbeitsplatte, Handbücher und Seekarten ruhten säuberlich über dem Navigationstisch. Dolf sah sich die Bücher genauer an. Krimis, Erotikromane, Thriller, fades Zeug.

In den Regalen lagen Hefte und Magazine gestapelt, aber keine Seglerzeitschriften, sondern Sexheftchen und Automagazine mit Bikinigirls und PS-Boliden. Alles wirkte nicht unordentlicher als auf einer Yacht auf hoher See zu erwarten. Benutztes Geschirr stand im Spülbecken; eine Handtuchrolle, eine einzelne Socke, ein Turnschuh verloren sich halb verborgen unter der Sitzbank der Kajüte.

»¿Qué dice Usted? ¿Ha visto todo?« Inspektor Fuentes’ Stimme drang interessiert durch die Luke herein. Die Niedergangsöffnung hinter Dolf war ein Durchlass mit erhöhter oberster Trittstufe, die zugleich die Abgrenzung gegen das Cockpit bildete, wo Fuentes auf einer der geschwungenen Bänke im Freien saß. Hatte Dolf genug gesehen?

»Si, todo visto. Pero no veo nada claro.« Er hatte alles gesehen, aber keinen Durchblick.

»Como yo. Felicidades, Señor Chirén.« Er hieß Tschirner, Adolf Tschirner, aber die Spanier machten aus seinem Namen, was sie wollten. Chirén war noch die harmloseste hispanisierte Version. So hatte Dolf sich selbst genannt, dreißig Jahre zuvor, als er seine Eisfabrik eröffnet hatte: Hielos Chirén.

Weniger als vier Stunden vorher hatte Inspektor Fuentes ihn in seiner bevorzugten Churrería beim Frühstück gestört. An einem Sonntag gab es nicht viele Dinge, die Dolf übler genommen hätte.

»Si, está aqui. Un momentito, Señor Inspector.« Téresa, die hübsche Serviererin am Tresen des Cafés, das die besten Churros am Ort frittierte, hatte ihm verwundert den Hörer gereicht. Ihre fein gezupften, im hohen Bogen gewölbten Augenbrauen stellten ein einziges Fragezeichen dar.

»Gracias, encanto.« – »¡Diga!« Das war in den Hörer gesprochen.

»Señor Chirén?«

»¿Si, Tschirner aqui. ¿Quién es?«

Fuentes war dran. Dolf setzte sich überrascht aufrecht hin, nahm sozusagen Haltung an. Wie kam ein Polizeiinspektor dazu, ihn beim Frühstück anzurufen, dazu noch über den Apparat der Churrería? Sehr merkwürdig.

»Ich wusste, dass ich Sie dort finde. Mobil hab ich niemanden erreicht.«

»Das Ding benutze ich nur im äußersten Notfall.«

»Ja, ich weiß.« Fuentes musste prusten. Zumindest klang es so am Telefon. Mit Vorreden hielt er sich nicht lange auf. »Kann ich Sie abholen lassen? Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen.«

»Am Sonntag?«

»Es wird Sie interessieren. Ich bin mir fast sicher.«

»Wo sind Sie?«

»In der Bar am Fischmarkt. Die kennen Sie doch. Kann ich Ihnen einen Wagen schicken?«

Fuentes wollte ihn abholen lassen? Selbst mit Blaulicht hätte es mit dem Polizeiauto durch die verwinkelten Gassen der Altstadt länger gedauert als Dolf zu Fuß brauchte. Er kannte den Weg zum Hafen, dort ging er zur Arbeit. Dolf kannte auch die Bar sehr gut, in der er mit Fuentes verabredet war. An einem Wochentag waren ab fünf Uhr morgens fast alle seine Kollegen dort, wenn ihre Schicht endete und die Versteigerung am Fischmarkt begann.

»Ist gut. Ich bin in zehn Minuten da.«

»Bis gleich, Chirén.«

Fuentes saß an einem Tisch am Fenster wie in einer Auslage. Hinter vergilbten Gardinen konnte man durch die trüben Scheiben Fischerkähne und Freizeityachten auf dem glitzernden Hafenbecken dümpeln sehen und hinter den Türmen der Festung die Bergrücken ahnen, die für die Bucht von Cartagena einen malerischen Rahmen bildeten. Dolf hatte keinen Blick für den Hafen. Den sah er drei Mal pro Woche bei Sonnenaufgang. Es gab schlimmere Anblicke, aber auch sehr viele angenehmere.

Fuentes hatte ein paar Tapas aus der Anrichte über dem Tresen vor sich. Ein paar Scheiben Lomo, ein größeres Stück Tortilla. Er aß hastig.

Als Dolf sich zu ihm setzte, brachte der Wirt auf den Wink des Inspektors hin einen weiteren Teller; eine kleinere Ausgabe der Ración, die Fuentes bestellt hatte; ebenso ein paar Scheiben gepökeltes Schweinefilet und ein Stück Tortilla auf einem Spießchen. »Seien Sie mein Gast!«

»Danke, ich komme gerade vom Frühstück.«

»Stimmt ja, hab ich vergessen. Ich muss einen Happen essen, ich bin seit Stunden auf den Beinen.«

»Was wollten Sie mir zeigen?«

»Einen Toten, eine Mordsache.« Wenn er gleichzeitig aß und redete, geriet Fuentes ins Schmatzen.

»Und warum ausgerechnet mir?«

»Sie sind Deutscher.« Fuentes presste es zwischen zwei Bissen heraus. »Es geht um einen Ihrer Landsleute. Selbe Biographie wie Sie, selber Hintergrund, jahrelang in Spanien gelebt.«

»Der ist das Opfer?« Falls Dolf sich wie ein begriffsstutziger Idiot anhörte, dann lag es daran, dass er sich auch so fühlte.

Fuentes beendete seine hastige Mahlzeit. Mit einer Papierserviette aus dem Spender wischte er sich die Mundwinkel, warf Papiertuch und Besteck auf seinen Teller und schob ihn an den Rand des Metalltischchens, um Platz für seine Unterlagen zu schaffen.

Mit wenigen Worten setzte er Dolf ins Bild: Gunter van Danz, neunundfünfzig, also nur zwölf Jahre jünger als Dolf, war zwei Tage zuvor auf seiner herrenlos in den Gewässern vor Cartagena treibenden Yacht gefunden und von der Wasserschutzpolizei aufgebracht worden.

Fuentes reichte Dolf ein Foto aus den Unterlagen herüber. »Exakt Ihr Typ. Auslandsdeutscher.«

Dolf hatte den unbestimmten Eindruck, dass Fuentes ihn aufmerksam beobachtete und auf eine Reaktion lauerte. Hatte das etwas zu bedeuten?

Er sah sich das Foto an. Den Mann, der darauf abgebildet war, hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

Er sah aus wie eine Art Thomas-Gottschalk-Verschnitt, mit schulterlangen, silbrig ergrauten Haaren. In jedem Detail stellte er das genaue Gegenteil von Dolfs Äußerem dar. Dolfs Augen sahen grau und meist trübe aus, seine Gesichtsfarbe war fahl, das Haar an den Rändern seiner Glatze kurzgeschoren, und der Zustand seiner Zähne ließ ihn die meiste Zeit mit halbgeschlossenem Mund sprechen.

»Der Mann ist mir kein Stück ähnlich: schlank, groß, durchtrainiert. Lange Haare, gute Zähne, teure Klamotten. Wollen Sie mich veräppeln?« Dolf war nicht viel kleiner als Fuentes, eins fünfundsiebzig, aber untersetzt und eher bullig.

»Der Mann kam aus Deutschland, wie Sie. Er lebte seit dreißig oder mehr Jahren in Spanien, wie Sie. Er war gut integriert in die Gesellschaft – wie Sie.«

Wahrscheinlich sollte das eine Anspielung darauf sein, dass Dolf früher eine spanische Ehefrau und einen Sohn gehabt hatte.

»Er ist der Betreiber eines Nachtclubs auf Ibiza.« Fuentes reichte Dolf ein anderes Foto, anscheinend aus einem deutschen Magazin kopiert. Es zeigte van Danz und sein bleckendes Grinsen mit zwei jüngeren Leuten, der Bildunterschrift nach einem bekannten Diskjockey aus Frankfurt und der Hauptdarstellerin einer deutschen Fernsehserie. »Die sprechen alle Deutsch dort.« Im Hintergrund war eine riesige Bühne zu sehen, abgespannt mit haushoch drapierten Vorhängen. Über der Tanzfläche schwebte im Kegel starker Scheinwerferbündel ein Stahlkäfig mit einer lasziven Tänzerin im Minibikini, auf High Heels.

»Sagt Ihnen das was?« Forschend sah Fuentes zu Dolf herüber.

»Gibt es keine Polizeifotos?« Dolf konzentrierte sich auf den Deutschen.

Fuentes zuckte die Achseln.

»Sauber geblieben?«

»Oder nie erwischt worden.« Fuentes’ Blick ließ offen, wie er das meinte. »Die Kollegen auf Ibiza sind enorm kooperativ. Aber viel mehr haben die auch nicht. Ich werde hinfahren müssen.«

»Und warum erzählen Sie mir das alles?«

»Werden Sie gleich sehen. Kommen Sie.«

Also waren sie direkt die paar Schritte zum Anleger der Policía naval hinübergegangen, wo die Yacht des Gunter van Danz festgemacht lag.

Dort stand Dolf im Innenraum des Schiffes und sah sich um. Selbstverständlich gab es keine Spur der Leiche mehr. Sie war Stunden zuvor weggeschafft worden, direkt nach der Arbeit der Kriminaltechniker und Rechtsmediziner, als alle Spuren dokumentiert, alle Details abfotografiert worden waren. Wie van Danz’ lebloser Körper ausgesehen hatte, als er auf dem dunklen Kajütboden gekauert, welche Spuren Kot, Urin und Körperflüssigkeit auf der Mahagonifläche hinterlassen hatten, war nur noch zu erahnen.

Dolf stand am Tatort, er sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen. Anstelle des Toten gab es nur die Kreidestiftlinien seiner Umrisse und einzelne Klebestreifen schwarzweiß gewürfeltes Maßband. Alle Einzelheiten entnahm Dolf den zahllosen Fotos, die aus jeder Perspektive vom Toten gemacht worden waren und auf dem Monitor des abgegriffenen Notebooks aufpoppten, das Inspektor Fuentes ihm überlassen hatte. Eine der Aufnahmen holte sich Dolf besonders nah heran: die Detailaufnahme der linken Hand des Toten. Am Ringfinger gab es eine winzige Zeichnung: zwei Wellenlinien, dicht übereinander. Dolf hatte das Zeichen schon einmal auf einem Ringfinger gesehen. Er entsann sich genau, in welcher Situation das gewesen war und wem der Finger gehört hatte. Die Erinnerung war alles andere als angenehm.

Ein letztes Mal blickte Dolf sich um und prägte sich alles ein. Von jetzt an würde er alleine auf die Fotos angewiesen sein, wenn er sich den Ort vergegenwärtigen wollte, an dem Gunter van Danz seine letzten Minuten verlebt hatte.

Er wandte sich um und kletterte die steile Treppe ins Cockpit hinauf. Er kniff die Augenlider zusammen, als er aus dem Niedergang trat. Gegen das Halbdunkel im Innenraum der Yacht blendete das Nachmittagslicht im Hafen, das zusätzlich vom gleißenden Wasser reflektiert wurde, obwohl es ein trüber, diffuser Tag war und dazu noch Mitte November. Die Temperatur in Cartagena verharrte bei kühlen fünfzehn Grad, einige Unbelehrbare erhofften sich tatsächlich ein paar Tropfen Regen; dabei hatte es seit mehr als zwölf Monaten nicht mehr geregnet.

»Also, was sagen Sie?«

»Ein Selbstmord war es wohl nicht.«

Fuentes musste grinsen. Sie waren sich viele Monate zuvor begegnet, der gehbehinderte deutsche Rentner und der forsche Kriminalinspektor aus Cartagena. Damals war es um einen angeblichen Selbstmord gegangen, der sich als Mord erwies. Dolf war nicht stolz auf seine Erkenntnisse. Er maßte sich nicht an, die Arbeit der Polizei kritisieren, geschweige denn korrigieren zu können. Er hatte einfach Glück gehabt. Am Ende der Geschichte hatte Fuentes ihm aus der Patsche geholfen, ihm vielleicht sogar das Leben gerettet.

Wahrscheinlich sollte Dolf dem Inspektor vertrauen. Sicher bildete er sich nur ein, dass Fuentes irgendwelche Hintergedanken hatte. Auch wenn diese Ahnung Dolf mehr und mehr beschlich. »Warum sollte mich das interessieren? Ich bin kein Polizist, Señor Fuentes

»Überraschen Sie mich: Was haben Sie gesehen?« Fuentes lächelte herausfordernd.

Oder redete Dolf sich das bloß ein? Er musste Zeit gewinnen, einen klaren Gedanken fassen. Ein paar unverfängliche Fragen konnten da nicht schaden.

»Sadalsuud III?« Der merkwürdige Name der Yacht war ihm schon beim Einstieg aufgestoßen.

»Das ist ein Fixstern, der hellste im Acuario, im Sternbild Wassermann. Wahrscheinlich ist es die dritte Yacht, die van Danz unter diesem Namen besitzt.«

Darauf wäre Dolf auch von alleine gekommen. »Was sind das für Esposas?« Die Spanier benutzten für Ehefrauen und Handschellen dasselbe Wort. »Polizei?«

»Keine Originale. Werden für Sexspielchen verwendet.«

»Den Unterschied kann ich nicht sehen.«

»Das ehrt Sie.«

Grinste Fuentes? Dolf musterte ihn kritisch. »Wo ist der Schlüssel dazu?«

»Wurde nicht gefunden.« Der Polizeiinspektor verzog keine Miene.

»Also hat ihn noch jemand in der Tasche.«

»Oder er liegt auf dem Meeresgrund. Wenn der Killer zu dem Zeitpunkt schon wusste, was er wollte, konnte er ihn genauso gut einfach wegwerfen.«

»Der Mann ist erdrosselt worden.«

»Garrotiert.«

»Wo ist der Unterschied?«

»Es geht langsamer, nur durch Luftabschluss. Ohne Unterbrechung der Blutzufuhr gibt es keine Hirnausfälle wie beim Erdrosseln. Jedenfalls dauert es viel länger.«

»Ein besonders grausamer Tod?«

»Könnte man so sagen, ja.« Fuentes ließ ihn nicht aus den Augen.

Dolf kam es wie eine Art Prüfung vor. Jedenfalls fühlte er sich wie im Verhör. Obwohl im Augenblick er es war, der die Fragen stellte.

»Spuren auf dem Werkzeug oder dem Tau?«

»Bis jetzt negativ.«

»Ein Profi? Was denken Sie?« Dolf hatte einmal Kontakt mit einem professionellen Killer gehabt. Daran dachte er nicht gerne zurück.

»Nicht zwingend. Kann auch jemand mit sehr viel Glück gewesen sein. Was haben Sie noch gesehen?«

Dolf kämpfte seinen aufkommenden Unmut nieder. Er hatte keine Lust, so viele Fragen zu beantworten. Dass Fuentes ihm einen unbekannten Toten gezeigt hatte, musste etwas zu bedeuten haben. Was wollte der Inspektor von ihm?

»Die Tätowierung am Ringfinger kommt mir irgendwie bekannt vor. Haben Sie so was schon mal gesehen?«

»Keine Ahnung, sagt mir nichts. Sonst noch was?«

Das Zeichen am Finger des Toten war also nicht der Grund, warum der Inspektor auf Dolf gekommen war. Sollte ihn das beruhigen? »Das Zeug unter seiner Zunge – hätte sich das nicht auflösen sollen?«

»Nicht so rasch wie gestreckter Stoff.«

Dolf musste schlucken. »Jemand hat ihm das Koks unter die Zunge geschoben, und van Danz musste sich anstrengen, um es möglichst nicht zu berühren. Konnte er es nicht ausspucken?«

»Anscheinend nicht. Ohne Atem ist Spucken nicht so einfach.«

»Grauenhaft. Und trotzdem das Grinsen?«

Fuentes nickte bloß nachdenklich, sagte aber nichts. Er ließ seinen Blick über das sonntäglich verlassene Hafenbecken schweifen. Vor ihnen, am Anleger mit dem Schildständer der Policía naval, dümpelte das weißblaue Schnellboot der Hafenpolizei im dieselgrauen Brackwasser. Die Pause dehnte sich. Dolf wurde ungeduldig, wartete jedoch ab.

»Ich hatte gehofft, Sie könnten uns weiterhelfen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Anstelle einer Antwort sah Fuentes ihn nur lange und nachdenklich an. »Sie kennen den Toten bestimmt nicht?«

»Das sagte ich bereits.«

»Ich weiß.«

Dolf hatte keine Ahnung, worauf Fuentes hinauswollte. Aber es klang alles andere als harmlos.

2

»Erinnerst du dich an die kleine Tätowierung an der Hand von Eduardos Dealer?«

»Wovon um Himmels willen redest du, Dolfo?«

Er war hastig durch die Altstadt gehumpelt, hatte bei seiner Schwiegertochter geklingelt und sie auf einen Kaffee eingeladen. Anscheinend hatte er Santes aus ihrer Mittagsruhe geholt. Sie war nicht erfreut. Nur hastig und oberflächlich zurechtgemacht, wie sie war, tippte sie unwirsch mit den Fingernägeln auf ihrer Untertasse herum. Am Tresen des halbleeren Cafés machte das ein nervtötendes Geräusch.

»An seiner linken Hand, wo man den Ring trägt, zwei kleine Wellenlinien – sind dir die niemals aufgefallen?«

»An Benitos Hand?«

»Ja, sicher.«

»Aber ich hab den Typen nie kennengelernt, Adolfo. Ich bitte dich!«

Sie hatte selbstverständlich recht. Nur weil Dolf selbst den Dealer seines Sohnes mehrfach getroffen hatte, sogar in eine heftige Auseinandersetzung mit ihm geraten war, kannte er den jungen Mann. Aber Santes war selbstverständlich niemals dabei gewesen. Sie hatte Benito nie gesehen. Sie konnte nicht wissen, wovon Dolf sprach.

»Wieso fragst du?«

Das wusste er selbst nicht so genau. Weil er sich nicht wirklich vorstellen konnte, dass der grinsende Tote auf der Yacht etwas zu tun haben konnte mit dem Kleinkriminellen, der mehr als zehn Jahre zuvor den Stoff für seinen Sohn besorgt hatte. Der Gedanke war einfach zu abwegig. Nur das winzige Symbol verband die beiden.

»Entschuldige. Ich hab mich vertan.«

»Was ist denn?«

Er hatte sich verrannt. Er lag wahrscheinlich falsch. Es war sinnlos, seine Schwiegertochter da mit hineinzuziehen.

»Inspektor Fuentes hat mir seine neueste Leiche gezeigt.«

»Was will Victor denn von dir?«

»Keine Ahnung; weil es dabei um einen Deutschen geht. Hat er zumindest behauptet.«

»Ich frag ihn.« Schon hatte Santes ihr Smartphone herausgezogen. Anscheinend war der Inspektor in ihren persönlichen Kontakten gespeichert. Dolf wunderte sich nicht wirklich. Santes kannte Gott und die Welt. Die meisten davon persönlich.

»Victor? Hör mal, hast du meinem Schwiegervater einen Job angeboten?«

Dolf fuchtelte abwehrend mit den Händen: So war das ganz und gar nicht gelaufen! Aber Santes reichte ihm nur schelmisch grinsend das Telefon herüber. Dolf machte gute Miene zum bösen Spiel.

»Ob Sie nicht einen Dolmetscher gebrauchen könnten, hab ich mich gefragt, Inspector. Wo doch im Club alle nur Deutsch sprechen?«

Fuentes klang nicht besonders interessiert. Dolmetscher hatten sie genug auf dem Kommissariat. Die Kollegen auf Ibiza sicher auch.

»Oder so eine Art persönlicher Assistent, Señor Fuentes

Fuentes hatte kein Geld anzubieten. Stattdessen würden eine Menge Spesen anfallen: die Flüge, der Hotelaufenthalt, verschiedene Mahlzeiten.

»Ich würde auch auf eigene Kosten reisen.« Dolf deckte das Mikrofon mit der flachen Hand ab. »Santes, sag mal, kannst du mir ein paar Hundert vorstrecken?« Sie nickte achselzuckend und seufzte.

Bei den Flugtickets wollte Fuentes sehen, was sich machen ließ. Er klang nicht ganz uninteressiert, fand Dolf. Sie verabschiedeten sich und legten auf.

Santes tätschelte ihm aufmunternd den Arm. »Na, ihr seid euch doch einig geworden, sehe ich. Gut gemacht, Dolfo!«

Also hatte er einen Job. Oder besser: eine Aufgabe. Denn Geld würde er nicht verdienen.

»Sie unterliegen der Schweigepflicht, Chirén, damit das klar ist!«

Dolf nickte. Fuentes und er standen auf der Fußgängerbrücke über das trockene Flusstal des Rio Algameca, zwei Minuten zu Fuß vom Polizeirevier und doch weit genug weg, dass der Inspektor in Ruhe rauchen und Dolf seine Fragen loswerden konnte. »Was ist mit Spuren auf der Yacht?«

Es gab jede Menge Spuren, Fingerabdrücke und DNA, von Frauen, von jungen Männern, von alten Männern. »Die neuesten Spuren scheinen von einem mittelalten Mann zu stammen, keine Registrierung, und einer jungen Frau, möglicherweise asiatischer Herkunft.«

Ob die Yacht verchartert worden war, wusste der Inspektor nicht. Aber Dolf spürte, dass Fuentes, ganz wie er selbst auch, an den Ungereimtheiten interessiert war, die sich aus der Auffindesituation im Schiff ergaben: Ein Raubmord war ausgeschlossen, weil jede Menge Bargeld herumlag, in unterschiedlichsten Währungen, aus Nordafrika, dem Nahen Osten, aber auch aus der Karibik, von den Bahamas, aus den USA. Und jede Menge Kokain, in fast jeder Ecke.

»Hat er selbst gekokst?«

»Die Ergebnisse kommen erst in den nächsten Tagen rein.« Grinste Fuentes schadenfroh, dass Dolf im Trüben stocherte? Oder bildete der sich das nur ein?

Hastig klärte Dolf die übrigen Fragen, die er sich zurechtgelegt hatte, und erfuhr, dass die Yacht vor dem Cabo de Palos gefunden worden war, wenige Seemeilen entfernt. Sie war mindestens einen Tag und eine Nacht, aber nicht viel länger, getrieben, ohne aufzufallen. Der geschätzte Todeszeitpunkt lag zwischen drei und fünf Tagen, bevor die Meldung hereinkam. »Gibt nicht viele Schmeißfliegen auf See.«

Anhand des Madenbefalls konnte man auf ein paar Stunden genau den Eintritt des Todes rekonstruieren, das wusste Dolf von einem anderen Fall, in den er selbst verwickelt gewesen war. Wo auf den neunzig Kilometern zwischen Ibiza und dem Festland der Mord passiert war, ließ sich nur vermuten, räumte Fuentes ein.

»Wie sind die von Bord gegangen? Die müssen mindestens einen Helfer gehabt haben. Mit einem Motorboot.«

»Das denken wir auch. Sonst noch was?«

»Die Schlösser. Passen so gar nicht zum Rest der Einrichtung.« Die Beschläge für Vorhängeschlösser waren so offensichtlich nachträglich hingepfuscht, dass es Dolfs Handwerkerauge schmerzte. Er selbst war zwar Schlosser, kein Schreiner. Aber selbst Holzarbeiten bekam er besser hin. »Waren denn irgendwelche wertvollen Dinge an Bord? Hat van Danz irgendwas geschmuggelt, was er verschlossen aufbewahren wollte?«

Fuentes hob nur die Achseln. »Wir müssen den Bericht abwarten. Der Kollege aus Ibiza hat ihn mir für heute Abend versprochen.«

»Wo ist Ihr Pack-Ende, Fuentes?«

Der Inspektor schaute ihn groß an.

»Haben Sie gar nichts Auffälliges, keinen Ansatzpunkt? Wo wir jetzt doch Partner sind, gewissermaßen …«, legte Dolf grinsend nach.

Fuentes musste unwillkürlich lächeln. »Doch, es gibt da etwas. Ein Haar, asiatisch, sehr dick, sehr lang.«

»Eine Frau? Passend zu den neuesten Spuren?« Dolf war überrascht. Er machte sich keine Mühe, das zu verbergen.

»Schon. Nur haben die Kollegen jede Menge Haare gefunden. Alle Farben, alle Längen. Meistens von Frauen, auch ein paar Männer darunter.«

»Er hat es wild getrieben, wollen Sie sagen?«

»Sieht ganz danach aus.«

»Gewinnender Typ.« Dolf verzog genervt das Gesicht. Fuentes ließ ihn keinen Moment lang aus den Augen.

3

Die Bar sah aus, wie sie schon immer ausgesehen hatte, seit Dolf sich erinnerte. Wahrscheinlich war er vierzig Jahre zuvor, neu in Cartagena, verliebt und unternehmungslustig, schon einmal hier gewesen, vielleicht auch nicht. Jedenfalls hatte sich der Schuppen nicht mehr verändert, seit Dolf in diese Gegend gezogen war, diesen Platz zu seinem Wohnzimmer und den Alten hinter dem Tresen zu seiner bevorzugten Nervensäge erkoren hatte.

Angel sah aus, als sei er schon immer alt gewesen. Einzelne dunkle, vielleicht sogar gefärbte Haarsträhnen klebten nach hinten gegelt – oder sehr fettig – auf seinem Schädel und standen auf seinem Hemdkragen auf. Seine faltigen Tränensäcke trug er unter dunklen Augenringen. Dass Angel schon seit langem alt und verlebt aussah, hatte auch Vorteile: Er wurde nicht älter, wenigstens nicht sichtbar.

Über sein eigenes Aussehen machte sich Dolf keine Illusionen. Er wirkte keinen Tag jünger als Angel, auch wenn er das wahrscheinlich war. Angel konnte Ende sechzig sein oder Anfang achtzig. Seine Bewegungen waren beherrscht und jahrelang eingeübt, kein Zucken zu viel. Nur sein Mundwerk lief ohne Unterlass. Vor allem, wenn man, wie Dolf in diesem Augenblick, in Ruhe nachdenken wollte.

»¿Qué te pongo? Das Übliche?«

»Was sonst?«

Angel fingerte eine Flasche aus dem Regal über seinem Kopf und ein Schnapsglas von unter dem Tresen her, schenkte bis zum Rand ein und stellte Dolf einen Brandy hin. Aus der Kühltruhe langte der Alte eine Dose Bier heraus. »Zapfanlage ist hinüber. Muss ich jemanden kommen lassen. Das Bier geht aufs Haus.«

»Okay. Aber gib mir ein Glas, bitte.« Dolf seufzte. Malteco und Dosenbier also. Das kam dem am nächsten, was man in seiner Geburtsstadt Lütt un Lütt genannt hätte oder außerhalb des Hafens ein Herrengedeck. Aber Harburg war zweitausendfünfhundert Kilometer entfernt.

»Alles klar?«

»Alles bestens.«

»Santes macht dir Sorgen?«

»Nein, keine Sorgen, alles klar.« Dolf hatte keine Lust, an seine Schwiegertochter erinnert zu werden. Wie sie Fuentes mit einem einzigen Telefonat dazu gebracht hatte, ihn als Partner zu akzeptieren, ärgerte Dolf.

»Schlechtes Thema, was?«

»Musst du nicht arbeiten?«

Der Alte grinste, machte eine weitläufige Handbewegung, die den ganzen Raum umschloss: Er hatte alles im Griff. Dolf brauchte sich gar nicht erst umzusehen. Es war noch früh, es gab nur wenige Gäste. Zwei Offiziere in marineblauen Ausgehuniformen standen am Tresen und hatten sich nichts zu sagen. Eine Frau in Bürokleidung, die erschöpft aussah, nippte an ihrem Martini und wartete auf niemanden. Ein bärtiger Fischer erhob sich gerade schwerfällig und stieß lautstark die Luft aus. Er schlurfte rollend zum Tresen, steckte Angel sein Geld zu und bekam im Gegenzug sein Handy samt Ladegerät gereicht, das wohl an einer Steckdose hinter dem Tresen aufgeladen worden war. Der Mann grüßte flüchtig in die Runde und trat aus dem Lokal. Angel baute sich vor Dolf auf.

»Noch mal dasselbe?«

»Langsam, Angel. Ich muss morgen fit sein.«

Der Alte neigte seinen fettigen Kopf und sah Dolf fragend an, neugierig war er von Berufs wegen.

Das Einzige, was gegen seine Neugier half, war, sie zu befriedigen. »Wie viele Deutsche gibt es in diesem Teil Spaniens – was schätzt du?«

»Fünftausend? In Denia allein zwölfhundert.«

Ein paar Kilometer die Küste hoch, in El Poblets, einem Vorort von Denia, gab es eine ganze Kolonie Deutscher, die sich in Spanien niedergelassen hatten.

»Und von denen fragt er ausgerechnet mich?«

Angel hakte nicht nach. Er nickte nur abwartend.

»Inspector Victor Fuentes. Kriminalinspektor bei der Policía judicial, Gewalt gegen Leben. Kennst du den?«

»Hast du mich schon mal gefragt.«

Dolf konnte sich nicht erinnern. »Und, was hast du mir gesagt?«

»Nichts Besonderes. Macht seine Arbeit. Hält sich aus Schwierigkeiten raus.«

»Der wollte mir unbedingt was zeigen.«

»Polizeiliche Ermittlung?«

Angel schenkte ihm einen neuen Schnaps ein. Und sich selbst auch einen. Er hob sein Glas. »Na dann: auf deinen neuen Job.«

Dolf stieß mit an. Dass er kein Geld verdienen würde, sondern eher welches ausgeben, wollte er Angel nicht unbedingt auf die Nase binden.

»Kannst du bestimmt nicht drüber reden, was?«

»Stimmt. Geht um einen Deutschen.«

»Jünger als wir?«

»Nicht viel. Sieht nur zwanzig Jahre jünger aus.«

»Na ja, Geld hilft. «

»Und Drogen.« Dolf zeigte auf sein leeres Glas.

Angel kam der Aufforderung sofort nach und schenkte ein.

»Davon war bei Gunter immer genug da.«

Dolf stutzte. Hatte er den Namen schon erwähnt? Er konnte sich nicht entsinnen.

Der Alte schien seine skeptische Miene lesen zu können. »Sein Boot mit dem unmöglichen Namen liegt fest, hör ich.« Angel zeigte mit der Stirn Richtung Ausgang, wo eben der Fischer hinausgeschwankt war.

Dolf nickte. »Als ob es nicht genug andere Deutsche hier gäbe.«

»Keinen, der so viel Zeit hat wie du. Die anderen müssen sich ja alle krampfhaft entspannen.«

Dolf schwieg verdrossen. Angel wandte sich ab, drehte eine Runde durch sein Lokal. Dolf folgte ihm mit den Augen, winkte ihn schließlich zu sich her.

»Willst du zahlen?«

Dolf schüttelte den Kopf, senkte die Stimme. »Wenn ich mir Koks besorgen wollte, wo würdest du mich dann hinschicken?«

»Die lungern am Bahnhof rum, weißt du doch selber.«

»Mehr als ein paar Gramm?« Dolf hatte nicht vor, dem Alten zu erläutern, dass er eine Art Alleingang plante, eine Recherche auf eigene Faust. Je weniger Leute davon wussten, umso besser.

»Lass die Finger von der Sache. Das sind merkwürdige Typen. Nicht wie du und ich. Und jetzt, wo …«

»Hast du eine Nummer? Oder soll ich jemand anderen danach fragen?«

»Im Moment musst du den Chinesen anrufen. Oder Taiwanese, keine Ahnung. Hier.« Angel kramte einen Notizzettel aus einer Schublade. Kein Name stand drauf, nur eine 630er-Nummer, ein Handy. »Miguel hat da mal bestellt.«

»Kenn ich den?«

»Betreibt einen Nachtclub an der Landstraße nach Murcia, hinter Miranda, du weißt schon.«

Spanische Bordelle lagen außerhalb der Ortschaften in neonbunt illuminierten Landgasthöfen oder Raststätten. In den baumlosen weiten Tälern der Gegend waren die blinkenden Pfefferkuchenhäuschen über zig Kilometer leicht auszumachen.

»Sag von mir aus, dass du ihn hier kennengelernt hast. Ist ja nicht verboten.«

Dolf nickte. Plötzlich hatte er es eilig, aus der Bar herauszukommen. Er kippte den Rest seines Bieres und legte ein paar Münzen auf den Tresen. »Gracias, alter Freund. Hasta mañana

Auf dem Rückweg, am trockenen Flussbett entlang, holte Dolf sein Handy heraus. Zum Glück war das Display so hell, dass er im grauen Licht auch noch den Zettel lesen und die Nummer eintippen konnte. Nach dem dritten Klingeln wurde abgehoben.

»¡Diga!« Eine Frauenstimme. Hell und dünn, vielleicht sogar ein Mädchen.

»Chirén aqui. Soy alemán. Miguel hat mir Ihre Nummer gegeben.«

»Wieso? Die steht doch im Telefonbuch.«

»Ich möchte einen größeren Posten einkaufen.«

»Wie war Ihr Name noch mal?«

»Chirén. Adolfo Chirén.«

»Klingt aber gar nicht deutsch.«

»Eigentlich Tschirner.«

»Tschirner? Wie Tschaikowski?«

»So ungefähr. Sie sind keine Spanierin, oder?«

»Wir rufen Sie an, Señor Tschirner.«

»Wann könnte das sein, ich bin nicht immer …« Ein Tuten. Sie hatte bereits aufgelegt.

4

Der Anruf kam weniger als eine halbe Stunde später, noch vor Mitternacht. Dolf war gerade dabei, sich seiner Schuhe zu entledigen. Ächzend nestelte er das Gerät aus seiner Jackentasche. Diesmal war eine Männerstimme dran, mit einem asiatischen Akzent: melodiöse Vokale, weiche Konsonanten, Singsang.

»Die Bushaltestelle an der Ecke San Antón und Reina Victoria stadtauswärts. Kennen Sie die?«

Dolf rief sich die Kreuzung vor Augen. Er kannte die Gegend. Die Alameda de San Antón war eine der Hauptschlagadern der Stadt. Die Avenida Reina Victoria Eugenia bot die vielleicht besten Geschäftsadressen. Aber ihre Verlängerung jenseits der Kreuzung, die Soldado Rosique, führte über eine nüchterne Betonbrücke direkt ins Niemandsland des Stadions. Dort waren staubige Parkplätze planiert. Wenn die Haltestelle auf der Brücke über das trockene Flusstal oder in allernächster Nähe lag, dann war der Ort aus weiter Entfernung einfach zu beobachten. »Sicher.«

»Wann können Sie dort sein?«

»Um zwölf.«

»Stellen Sie sich unter das Haltestellenschild.«

»Es fährt aber kein Bus mehr. Ziemlich auffällig.«

»Sie werden nicht lange warten.«

Er hatte recht. Dolf stand kaum zwei Minuten an der Bushaltestelle, als ein heller Lieferwagen vorfuhr und genau vor ihm hielt. Die seitliche Schiebetür surrte elektrisch auf. Der Innenraum war dunkel. Ein Arm reichte Dolf einladend entgegen. »Señor Tschirner? Steigen Sie ein!«

Sobald er im Wagen war, noch bevor er sich im Halbdunkel richtig orientiert und einen Sitzplatz gefunden hatte, fuhr der Lieferwagen an. Die Schiebetür schloss sich fast geräuschlos. Das Fahrzeug schien eine Art Wohnmobil zu sein, der Fond bot eine bequeme Sitzgarnitur. Seitlich erstreckten sich längsovale Fenster mit Rauchglasscheiben, die Sitzflächen waren mit weichem Samt bezogen, gastfreundlich warteten Getränkehalter in den Armlehnen. Dolf fühlte sich wie ein Hollywoodstar im Innenraum einer Stretchlimousine.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er sein Gegenüber: ein junger Asiate, Koreaner oder Japaner, den hohen Wangenknochen nach zu schließen, kaum über dreißig, mit einem auffälligen, goldenen Schneidezahn, der selbst in diesem diffusen Licht funkelte.

»Wohin fahren wir?«

»Nur so im Kreis herum. Sie wollten ordern?«

»Sie sind El Chino?« Es gelang Dolf nicht wirklich, seine Skepsis zu verbergen.

Der junge Asiate schien das nicht übelzunehmen. Er lächelte dünn. »Nein. Ich leite Ihre Bestellung weiter.« Eine sachte Handbewegung Richtung Fahrer. »Und die Antwort. Falls es eine Antwort gibt.« Den Durchgang zur Fahrerkabine verhängte ein seidig glänzender dunkler Vorhang, der durch die Bewegungen des Wagens leise schwankte. Ab und zu blitzte ein Strahl der gelblichen Straßenbeleuchtung herein. Sie schienen auf einer Landstraße zu fahren. Durch die abgedunkelten Scheiben ließ sich kaum etwas erkennen.

»Angenommen, ich möchte größere Mengen Kokain kaufen …«

»Wie groß?«

»Ein Kilo pro Monat, vielleicht anderthalb. Könnten Sie mir helfen?«

Der Koreaner hob die Achseln. Auf den Vordersitzen gab es eine Bewegung. Der seidige Vorhang wurde auseinandergeschoben, und eine gertenschlanke junge Chinesin glitt herein in den Fond des Wagens. Sie setzte sich Dolf gegenüber. Ihre Beine schlug sie sehr eng übereinander.

»Sie sollten sich Sorgen machen, Herr Tschirner.« Ihr Spanisch war akzentfrei. Ihre Stimme war definitiv nicht die Kleinmädchenstimme vom Telefon. Sie klang kehliger, zugleich gelassener, dabei sehr geschäftsmäßig und kein bisschen mitfühlend.

»Sie wollen El Chino sein? Das kann ich nicht glauben.« Langsam kam Dolf sich veräppelt vor.

Die junge Frau lächelte nur milde und hob andeutungsweise die Achseln. Fernost – das würde er nie verstehen, sollte das wohl heißen. »Was um Himmels willen wollen Sie mit solch einer Menge, Herr Tschirner?«

»An meine Freunde verkaufen.«

Sie lächelte abwartend, nicht freundlich. »In Deutschland?«

»Deutsche in Spanien, in deutschen Feriensiedlungen.«

»Wie soll das gehen?«

»Das ist doch wohl meine Sorge.«

»Wir prüfen Ihre Seriosität, Herr Tschirner; die Plausibilität Ihres Geschäftsmodells.«

»Sie sind doch keine Bank!«

»Ähnlich. Nur gründlicher.« Sie lächelte freudlos. Sie mochte vielleicht fünfundzwanzig sein, maximal dreißig. Aber bei einer Partie Poker oder Ronda, wenn es um Geld ging, hätte Dolf sie nicht gerne als Gegner gehabt. Sie saß ihm aufrecht gegenüber, aufmerksam und sprungbereit, in einem eleganten Hosenanzug aus irgendetwas kostbar Glänzendem, Chintz oder so, dunkelblau oder schwarz, kunstvoll bestickt. Darunter trug sie eine bunt gemusterte Bluse mit gerüschtem Piratenkragen, der ihren sehnigen Hals vorteilhaft umspielte. Ihr Haar schien im Nacken zu einem Knoten gebunden, jedenfalls streng nach hinten gefasst. Viele Einzelheiten nahm Dolf im diffusen Rotlicht ohnehin nicht wahr. Nur, dass sie wunderschöne, gepflegte Hände hatte, die sie über ihren Knien verschränkt hielt. Der Wagen beschleunigte. Es kam Dolf so vor, als fuhren sie auf die Autobahn.

»Ich kenne viele Deutsche. Die gesamte Küste hoch, in Denia, aber nicht nur.«

Die kühle Bankprüferin wartete ab. Nickte sie? Dolf entwickelte sein improvisiertes Vertriebsmodell beim Reden. Er konnte nur hoffen, dass es funktionierte. Wenn er auf ein Lächeln seines Gegenübers gehofft hatte, wurde er rundheraus enttäuscht.

»Die sind in den Siebzigern sozialisiert worden. Die Hippiezeit, Sie wissen schon: Cannabis, Koks, LSD

»Ich habe davon gelesen.« Sie konnte damals noch nicht auf der Welt gewesen sein.

»Mit denen würde ich gerne ins Geschäft kommen.«

»Also kennen Sie Ihre Abnehmer noch gar nicht, Herr Tschirner?« Das skeptische Kräuseln der Augenbrauen war an der strengen jungen Frau fast noch attraktiver als ihr abweisendes Lächeln.

»Es ist ein riesenhafter Markt!« Das Gespräch lief nicht in seine Richtung, spürte Dolf. »Wenn er erst entwickelt ist.«

»Nun ja.« Die junge Bankprüferin wiegte die Stirn, überlegte. Machte eine winzige Handbewegung in Richtung Fahrerkabine. Der Wagen schien augenblicklich an Geschwindigkeit zu verlieren. »Nein, Herr Tschirner, danke. Wir sind nicht interessiert.« Ihr Blick verlor jedes Leuchten. Mit niedergeschlagenen Augen wies sie ihm die Tür, die auf ihren Wink elektrisch aufsurrte. Der Lieferwagen kam zum Stehen. »Hasta luego, Señor Tschirner.«

Der Wagen spuckte Dolf irgendwo an einer mehrspurigen Straße aus. Falls er einen Funken Hoffnung gehabt hatte, dass seine Unterredung irgendeinen Eindruck bei den Leuten von El Chino hinterlassen hätte, belehrte ihn die Gegend eines Besseren. Es war industrielles Niemandsland. Es kostete Dolf eine Taxifahrt von fast zehn Euro, wieder in seine Bude zu kommen.

5

Früh aufzustehen machte Dolf nicht viel aus. Im Morgengrauen lag er oft wach oder wälzte sich in düsteren Gedanken. Er hatte kaum vier Stunden geschlafen. Sein Termin im Polizeirevier war erst gegen neun. Er hatte genug Zeit, um zu frühstücken. Als er sich das nächste Mal umdrehte und auf den billigen Digitalwecker blinzelte, war es bereits acht Uhr durch. Plötzlich hatte Dolf es eilig.

Von außen wirkte das Gebäude der Nationalpolizei fast wie neu. Die neongrüngelbe Fassade warf das winterliche Licht schroff und grell auf die enge Durchgangsstraße vor dem Eingangsportal. Im Innern war der Glanz sichtlich verblasst. Dolf musste warten. Er kannte den Bau aus dem Jahr der Errichtung, als die Steinfliesen im Eingang noch spiegelnd glänzten wie knöcheltiefes Wasser und nicht von Schmutzrändern und Schleifspuren blind geschmirgelt waren. Die letzten acht Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Damals war Dolf über das Erdgeschoss rasch in den Keller gebracht worden, in die Zellen für frisch Festgenommene. Die wurden für Verhöre im Revier gehalten, bevor man sie bis zum Prozess ins Untersuchungsgefängnis der Provinz verlegte. Nach seiner eigenen Verhaftung hatte Dolf Glück im Unglück gehabt und war schon nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß gekommen.

Dennoch machte ihm die Luft des Polizeireviers schlechte Laune. Der Geruch nach kaltem Schweiß und Plastikstühlen, nach Erbrochenem und billigem Rasierwasser lag kaum über der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Aber Dolfs Nervensystem spielte in diesen feindseligen Räumen verrückt und nahm jeden Duft in wenigen Molekülen wahr.

»Da sind Sie ja endlich.« Kaum zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit holte Fuentes ihn am Wartebereich des Reviers ab und winkte ihn eilig zum Aufzug. Es ging in den zweiten oder dritten Stock, Dolf hatte nicht genau hingesehen. Besser als im Keller war die Aussicht auch nicht. Der lange Flur wurde nur vom Flimmerlicht ewig brennender Neonröhren erhellt, die auf vergilbende Fahndungsplakate, Gewerkschaftsnachrichten und Essenspläne flackerten. »Salmón weiß Bescheid. Er wartet bereits auf uns.«

Fuentes war kein Segler. Dolf traute ihm eher ein Hobby wie Billard oder Darts zu, sah ihn in Bars herumstehen oder in guten Restaurants essen. Irgendetwas an Fuentes wirkte elegant. Vielleicht sein nach hinten gegeltes Haar, sein gepflegter, auf die hübsche, geschwungene Lippenlinie gestutzter Schnurrbart. Oder seine mittellange Stoffjacke. Seine ausgetretenen Schuhe oder seine zerknitterten Anzüge waren es jedenfalls nicht. Auf seine Laune war auch kein Verlass. Im Augenblick standen die Zeichen auf knurrige Ungeduld.

»Da sind wir.« Der Inspektor riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.

Sein Kollege tippte auf seinem Computer herum. »Moment noch!«

»Das ist Avido Salmón.« Fuentes ließ sich von Salmóns Geschäftigkeit nicht beeindrucken. Der Yachtexperte sollte Fuentes auf alle Fragen nach van Danz’ Seglerleben eine Antwort geben. Er war begeisterter Segler, auch früher bei der Policía naval gewesen. Dolf durfte zuhören, so war das vereinbart.

Salmón war eher schmächtig und sah nicht so sportlich aus, wie Dolf ihn sich vorgestellt hatte. Er mochte Ende vierzig sein, ein paar Jährchen älter als Fuentes, hatte müde Augen, bleiche Haut, blasse Bartschatten. Er war nicht der Typ Abenteurer und Weltumsegler, den Dolf erwartet hatte.

Als einzige Extravaganz bot Salmóns Büro ein Yachtmodell in einer Flasche. Der Segler folgte Dolfs neugierigem Blick. »Ein Geschenk der Kollegen zum Jubiläum.« Er griente. »Made in China.«

Sonst gab es nur noch den Fotokalender eines Yachtbetriebs aus der Umgebung, Hochglanzfotos mit Mädchen und Motoryachten, Konfektionsware.

»Kommen Sie!« Salmón schob seine Tastatur von sich und stand auf. Sein Lächeln war offen, sein Händedruck zupackend. »Sie sind also der deutsche Spürhund, was?«

»Jedenfalls nicht der Schäferhund. Und Sie sind Segler?«

»Nicht so oft, wie ich mir wünschte, leider. – Setzen wir uns doch.« Ein Ende von Salmóns Arbeitsplatz weitete sich zum Rund eines kleinen Besprechungstisches. Er räumte Unterlagen von den Bürostühlen.

»Schießen Sie los!« Damit legte Salmón eine Akte mit Fotos vor sich auf den Tisch – ganz offensichtlich die Akte van Danz. Dolf erkannte die Fotos vom Innenraum der Yacht. Er sah erwartungsvoll zu Fuentes hinüber.

»Su turno, Chirén. Lassen Sie hören, was Sie draufhaben.« Das Knurren des Inspektors klang aufmunternd.

Dolf wies mit dem Kinn auf die Akte vor Salmón. »Was sagt Ihnen das Boot über dessen Eigner? Was war der für ein Typ? Seine Unterlagen aus Ibiza sind noch nicht da.«

Salmón sah verwundert zu Fuentes hinüber. Dolf tat, als bemerkte er es nicht.

»Einhandsegler. Einzelgänger auf See. Ist lieber für sich als in Gesellschaft. Solides Schiff, gut ausgerüstet für lange Reisen, aber für Tagesausflüge nicht hübsch genug. Kein Protzboot, um Freunde oder Frauen zu beeindrucken.«

»Wozu die Autozeitschriften?«

»Auch Segler haben Hobbys. Wahrscheinlich nur ein Steckenpferd. Oder er brauchte ein neues Fahrzeug für sein Domizil auf der Insel.«

Dolf nickte unschlüssig. Er hatte beim Anblick der Automagazine das nachdrückliche Gefühl gehabt, dass damit irgendetwas nicht stimmte. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Er setzte neu an. »Welchen Eindruck haben Sie vom Fundort und den Tatwerkzeugen? Sprechen die nicht dafür, dass der Täter ebenfalls Segler war?«

»Nicht zwingend. Aber jemand mit Improvisationstalent, das schon. Bis auf die Handschellen hat er nur Bordmittel verwendet. Ist Ihnen sicher auch aufgefallen.«