Informationen zum Buch

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die, laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

»Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.«

Yeong-hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist.

Han Kang

Die Vegetarierin

Roman

Aus dem Koreanischen
von Ki-Hyang Lee

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Die Vegetarierin

Der Mongolenfleck

Bäume in Flammen

Über Han Kang

Impressum

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Die Vegetarierin

Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. Ihre farblose Kleidung zeugte von ihrer Scheu, etwas von sich preiszugeben. Als sie sich dem Tisch näherte, an dem ich auf sie wartete, fielen mir ihre Schuhe auf. Es waren die schlichtesten schwarzen Schuhe, die man sich nur vorstellen kann. Und dann dieser Gang, nicht schnell, nicht langsam, nicht raumgreifend und auch nicht tippelnd.

So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen, und ich musste auch nicht fürchten, dass sie mich mit den makellosen Herrenmodels aus Modekatalogen verglich. Sie regte sich nicht einmal auf, wenn ich zu spät zu einer Verabredung kam. So konnte ich beruhigt sein, dass ihr meine sonstigen Unzulänglichkeiten auch nichts ausmachten. Der Bauch, den ich mit Mitte zwanzig angesetzt hatte, meine dünnen Beine und Oberarme, die sich trotz aller Bemühungen weigerten, muskulöser zu werden, mein kleiner Penis, wegen dem ich einen Minderwertigkeitskomplex hatte.

Mein ganzes Leben lang habe ich nie die Herausforderung gesucht. Als ich klein war, umgab ich mich am liebsten mit deutlich jüngeren Kindern, damit ich den Chef spielen konnte. Später bewarb ich mich an einem College, das unter meinem Niveau lag, um sicherzugehen, dass ich ein Stipendium bekam. Schließlich nahm ich eine vollkommen durchschnittlich bezahlte Stelle in einer kleinen Firma an, in der man meine begrenzten Fähigkeiten jedoch zu schätzen wusste, solange ich pflichtschuldig meine Arbeit tat. Daher war es nur folgerichtig, dass ich eine Frau wählte, die an Durchschnittlichkeit kaum zu überbieten war. Eine Schöne, eine Intelligente, eine betörend Sinnliche oder gar eine Tochter aus reichem Haus hätte mein Leben sicher durcheinandergebracht.

Meine Erwartungen wurden voll und ganz erfüllt. Ich hatte eine ganz normale Ehefrau bekommen, ohne lästige Extravaganzen. Sie stand jeden Morgen um sechs Uhr auf und machte mir Frühstück aus Reis, Suppe und gelegentlich Fisch. Wie sie es von Jugend an gewohnt war, trug sie auch nach unserer Heirat durch Teilzeitjobs zum Familieneinkommen bei. Sie arbeitete als Hilfslehrerin in einem Institut für Computergrafik, das sie selbst ein Jahr lang besucht hatte, und kümmerte sich nebenher in Heimarbeit um Aufträge von Manga-Verlagen, bei denen es darum ging, Sprechblasen mit Text zu füllen.

Sie redete in der Regel nicht viel, bat mich selten um etwas und machte mir niemals eine Szene, egal wie spät ich heimkam. An Tagen, an denen wir zufällig beide frei hatten, bedrängte sie mich nicht, mit ihr auszugehen. Während ich die Nachmittage auf dem Sofa vertrödelte, in der Hand die Fernbedienung des Fernsehers, zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Wahrscheinlich zum Lesen, ihrer einzigen Leidenschaft. Dabei sahen die Bücher meistens dermaßen langweilig aus, dass ich mich nicht einmal überwinden konnte, die Titelseite aufzuschlagen. Nur zu den Mahlzeiten öffnete sich ihre Zimmertür, und meine Frau kam wortlos heraus, um zu kochen. Ich muss zugeben, das Leben mit ihr war nicht gerade aufregend, aber ich war dankbar dafür. Wäre sie eine der Frauen gewesen, die ihre Männer wegen jeder Kleinigkeit mehrmals am Tag anriefen und regelmäßig eine Szene machten, wie ich es bei meinen Arbeitskollegen und Freunden mitansehen musste, hätte ich schnell die Nase voll von ihr gehabt.

Nur in einer Hinsicht unterschied sie sich vom Großteil der anderen Frauen: Sie hasste es, einen BH zu tragen. Unsere Treffen vor der Heirat waren kurz und unspektakulär. Als ich aber einmal zufällig meine Hand auf ihren Rücken legte, dauerte es einen Moment, bis mir klar wurde, dass ich unter ihrem Pullover keinen BH-Träger spürte. Mir wurde ganz heiß bei dem Gedanken. Plötzlich sah ich sie mit ganz anderen Augen und verbrachte mehrere Minuten damit, in ihrem Verhalten nach Anzeichen dafür zu suchen, dass sie eine versteckte Botschaft an mich aussendete. Ich kam jedoch zu dem Schluss, dass dem nicht so war. Was war es also dann? Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit? Ich konnte es mir nicht erklären. Ihre Brüste waren auch nicht so wohlgeformt, als dass sie sie auf diese Art und Weise zur Schau hätte stellen können. Im Gegenteil, ein Push-up-BH hätte sie in meinen Augen vorzeigbarer gemacht.

Seit Beginn unserer Ehe trug sie zu Hause nie einen BH. Selbst wenn ich sie in den Sommermonaten davon überzeugen konnte, einen zu tragen, um die Brustwarzen zu bedecken, dann öffnete sie den Verschluss, sobald wir das Haus verlassen hatten. Es störte sie überhaupt nicht, dass man die offenen Häkchen unter eng anliegenden oder hellen Oberteilen sehen konnte. Wenn ich darüber eine Bemerkung machte, zog sie es vor, eine Weste überzuziehen, trotz der großen Hitze. Sie erklärte mir, ein BH würde sie einengen, ihre Brüste quetschen. Ich konnte das natürlich nicht nachvollziehen, da ich noch nie einen getragen hatte. Ungeachtet dieser Tatsache kam mir ihre Empfindlichkeit etwas übertrieben vor, kannte ich doch genügend Frauen, die diese Ansicht nicht zu teilen schienen.

Abgesehen von dieser Kleinigkeit lief unsere Ehe gut. Wir waren nun schon fast fünf Jahre verheiratet, und da es keine Liebesheirat gewesen war, konnte es uns auch nicht passieren, dass unsere Leidenschaft abkühlte und wir in Gleichgültigkeit und Langeweile versanken. Ich fragte mich jedoch, ob es nicht allmählich an der Zeit war, Vater zu werden. Wir hatten das Kinderkriegen zurückgestellt, bis wir in der Lage wären, eine Eigentumswohnung zu kaufen, was seit dem vorherigen Herbst der Fall war. Bis zu dem Morgen im Februar, an dem ich meine Frau im Nachthemd in der Küche vorfand, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass sich unser beschauliches Eheleben derart drastisch verändern würde.

*

»Was machst du denn da?«

Ich war gerade dabei gewesen, das Licht im Badezimmer anzumachen. Es war erst vier Uhr früh, und mich hatten brennender Durst und akuter Blasendrang aus dem Bett getrieben, da ich beim Abendessen mit den Kollegen eineinhalb Flaschen Soju getrunken hatte.

»Hallo? Ich habe dich gefragt, was du hier machst?«

Ich starrte sie an, und mich fröstelte. Jede alkoholbedingte Benommenheit war plötzlich wie weggeblasen. Sie stand reglos vor dem Kühlschrank. Ihr Gesicht lag im Dunkeln, so dass ich ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte, aber irgendetwas in ihrer Haltung machte mir Angst. Ihr volles, naturschwarzes Haar war zerzaust. Ihr knöchellanges weißes Nachthemd war wie immer leicht verrutscht.

Im Gegensatz zum Schlafzimmer war es in der Küche ziemlich kalt. Da sie recht verfroren war, hätte meine Frau normalerweise sofort eine Strickjacke angezogen und wäre in ihre Hausschuhe geschlüpft. Doch sie stand barfuß in dem dünnen Nachthemd zur Salzsäule erstarrt da. Hörte sie mich überhaupt? Ihre Haltung war so unnatürlich starr dem Kühlschrank zugewandt, als stünde davor eine unsichtbare Person oder ein Geist.

Was ging hier vor? War dies ein Fall von Schlafwandeln, von dem man gelegentlich hörte?

Ich ging auf sie zu, versuchte ihr ins Gesicht zu blicken. »Was ist mit dir los? Warum stehst du hier?«

Sie zuckte nicht zusammen, als ich ihr die Hand auf die Schulter legte. Sie war also nicht in Trance, sondern schien meine Anwesenheit sehr wohl bemerkt zu haben. Auch meine Fragen hatte sie vermutlich gehört und durchaus wahrgenommen, dass ich auf sie zugekommen war. Sie hatte mich lediglich ignoriert, wie sie es manchmal tat, wenn ich spät nach Hause kam und sie, ohne aufzublicken, einem Film im Fernsehen folgte. Aber was konnte um vier Uhr morgens in einer dunklen Küche an einer weiß schimmernden Kühlschranktür so fesselnd sein?

»Schatz!« In der Dunkelheit konnte ich nun verschwommen ihr Gesicht erkennen. Zunächst sah ich ihre Augen, kalt glänzend wie nie zuvor, dann öffneten sich langsam ihre Lippen.

»Ich hatte einen Traum.« Ihre Stimme war erstaunlich klar.

»Einen Traum? Wovon um alles in der Welt sprichst du? Ist dir klar, wie spät es ist?«

Sie drehte mir den Rücken zu und ging langsam ins Schlafzimmer, dessen Tür noch offen stand. Kaum hatte sie die Türschwelle überquert, legte sie ihre Hand auf die Klinke und zog die Tür leise hinter sich zu. Ich blieb allein in der dunklen Küche zurück und starrte auf die Tür, die die Silhouette meiner Frau verschluckt hatte.

Dann machte ich das Badezimmerlicht an und trat ein. Seit mehreren Tagen lagen die Außentemperaturen bei gut zehn Grad unter null. Obwohl ich schon vor ein paar Stunden geduscht hatte, waren meine Badesandalen immer noch feucht und kalt. Über das schwarze Loch des Ventilators oberhalb der Badewanne breitete sich die Trostlosigkeit des grausamen Winters auf den weißen Kacheln an den Wänden und auf dem Fußboden aus.

Als ich ins Schlafzimmer zurückkam, fand ich meine Frau zusammengekrümmt auf der Seite liegend. Sie gab keinen Laut von sich. Ich hätte ebenso gut allein im Raum sein können. Aber bei genauem Hinhören war da ein ganz leises Atemgeräusch. Sie schien nicht zu schlafen. Ich brauchte nur die Hand auszustrecken, um ihre weiche Haut zu spüren. Aber irgendwie konnte ich nicht. Auch hatte ich keine Lust, sie anzusprechen.

*

Eingewickelt in meine Bettdecke betrachtete ich gedankenverloren das Licht der Wintermorgensonne, das durch die weißen Vorhänge in das Zimmer fiel. Beiläufig hob ich den Kopf, um einen Blick auf die Wanduhr werfen zu können, woraufhin ich eiligst aus dem Bett sprang und in die Küche rannte. Meine Frau hockte vor dem Kühlschrank.

»Bist du irre? Warum hast du mich nicht geweckt? Hast du gesehen, wie spät …«

Ich hielt mitten im Satz inne, als ich etwas Weiches unter meiner Fußsohle spürte. Ich traute meinen Augen kaum. Sie kauerte in ihrem Nachthemd auf dem Boden, die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Um sie herum war der Fußboden bedeckt von einer Ansammlung schwarzer und weißer Gefrierbeutel sowie einer beträchtlichen Anzahl an Plastikbehältern. Man konnte nirgendwo einen Fuß hinsetzen, ohne daraufzutreten. Die Gefrierbeutel enthielten Fonduefleisch, Schweinebauch, zwei Packungen Rinderfilets, Tintenfisch, Aal, den uns ihre auf dem Land lebende Mutter erst kürzlich geschickt hatte, gepökelten und mit gelben Fäden umwickelten Trockenfisch, Teigtaschen und eine Menge nicht erkennbarer Lebensmittel. Stück für Stück warf sie diese in einen großen Müllbeutel.

Ich verlor die Beherrschung und rief: »Was zum Henker treibst du da?«

Genau wie ein paar Stunden zuvor nahm sie keine Notiz von mir und machte seelenruhig weiter mit der Entsorgung von Rind, Schwein, Hühnchen und sogar den Aalen, die nicht unter zweihunderttausend Won zu bekommen waren.

»Bist du übergeschnappt? Warum schmeißt du das alles weg?«

Ich bahnte mir meinen Weg durch die Verpackungen, fasste ihr Handgelenk und versuchte, ihr die Beutel zu entwinden. Unerwartet kraftvoll hielt sie jedoch dagegen, so dass es mich einige Anstrengung kostete, ihren festen Griff zu lösen. Während sie sich mit der Linken das gerötete andere Handgelenk massierte, sagte meine Frau gewohnt ruhig und emotionslos: »Ich hatte einen Traum.«

Schon wieder dieser Satz. Sie blickte mir unverändert ausdruckslos in die Augen. In diesem Moment klingelte mein Handy.

»Verdammt!«

Fieberhaft durchsuchte ich meinen Mantel, den ich am Abend zuvor auf das Sofa im Wohnzimmer gelegt hatte. Erst an der letzten möglichen Stelle, der inneren Brusttasche, ertasteten meine Finger das lärmende Gerät.

»… Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich hatte ein unerwartetes privates Problem … Ich bin wirklich untröstlich. Ich versuche, so schnell wie möglich da zu sein … Ja, ja, kein Problem, ich kann sofort aufbrechen … Ich brauche nicht lange … Nein, nein, ich bitte Sie, gedulden Sie sich nur noch einen kleinen Moment. Es tut mir wirklich leid … Ja, ich weiß nicht, was ich Ihnen sonst sagen soll …«

Ich klappte das Handy zu und stürzte ins Bad. Vor Erregung schnitt ich mich zweimal beim Rasieren.

»Gibt es kein gebügeltes Hemd mehr?«

Keine Antwort. Wütend wandte ich mich dem Wäschekorb zu und suchte nach dem getragenen Hemd vom Vortag. Glücklicherweise war es nicht allzu verknittert. Die Krawatte legte ich mir einfach ungebunden um den Hals, zog Socken an und schnappte mir Terminkalender und Geldbeutel. Meine Frau zeigte sich nicht. Dies war das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich zur Arbeit ging, ohne dass sie mir meine Sachen reichte und mich verabschiedete.

»Du bist doch krank! Völlig plemplem!«

Ich schlüpfte in die nächstbesten Schuhe und erwischte ausgerechnet die neuen, die mich drückten. Dann riss ich die Wohnungstür auf und stellte fest, dass sich der Lift im obersten Stockwerk des Hochhauses befand. Also hastete ich die drei Stockwerke zu Fuß hinunter. Erst nachdem ich es in letzter Sekunde geschafft hatte, in die U-Bahn zu springen, hatte ich Zeit, mein Spiegelbild in der Fensterscheibe zu betrachten. Ich fuhr mir durch die Haare, band die Krawatte und versuchte, die Knitterfalten aus meinem Hemd zu streichen. Das Bild meiner Frau drängte sich in meine Gedanken. Ihr erschreckend unbewegter Gesichtsausdruck und die ruhige Stimme.

Ich hatte einen Traum. Zweimal hatte sie dies gesagt. Hinter dem Fenster des fahrenden Zuges sah ich ihr Gesicht vor der dunklen Tunnelwand schweben. Es war mir fremd geworden, fast unbekannt. Aber ich hatte jetzt keine Zeit, über das seltsame Verhalten meiner Frau nachzudenken. Ich musste mir noch eine glaubhafte Ausrede für mein Zuspätkommen zurechtlegen und die Präsentation vorbereiten. Ich beschloss, an diesem Abend früher Schluss zu machen und mit meiner Frau zu sprechen. Seit ich vor Monaten den neuen Posten angenommen hatte, kam ich keinen Tag vor Mitternacht nach Hause.

*

Ein dunkler Wald. Kein Mensch weit und breit. Während ich zwischen den dornigen Büschen herumirrte, zerkratzte ich mir das Gesicht und die Arme. Ich hatte den Eindruck, Teil einer Gruppe gewesen zu sein, aber offensichtlich hatte ich diese verloren. Ich hatte Angst. Mir war kalt. Ich durchquerte ein vereistes Tal, bevor ich einen hellen Bau entdeckte, der einer Scheune ähnelte. Ich schob die Matte vor dem Tor beiseite und ging hinein. Da sah ich sie: Hunderte von riesigen roten Fleischstücken hingen an langen Bambusstangen. Blut rann von den frischeren Stücken herunter. Ich lief an unendlichen Reihen von Fleischstücken entlang und fand keinen Ausgang. Mein weißes Kleid wurde ganz blutig.

Ich wusste nicht, wie es mir schließlich gelang zu entkommen. Ich rannte und rannte durch das Tal. Plötzlich lichtete sich der Wald, die Blätter der Bäume erstrahlten im frischen Frühjahrsgrün. Kinder wimmelten umher, und es roch appetitlich. Zahlreiche Familien picknickten. Die Szenerie erschien unendlich idyllisch und friedlich. Am Ufer eines gluckernd dahinfließenden Baches saßen Leute auf einer Matte und aßen Kimbab. Irgendwo wurde Fleisch gegrillt. Gesang und Gelächter erfüllten die Luft.

Ich hatte trotzdem Angst. Mein Kleid war immer noch fleckig. Ich versteckte mich hinter einem Baum, damit niemand meine Anwesenheit bemerkte. Auch meine Hände waren blutig, ebenso wie mein Mund. Ich hatte in der Scheune dieses rohe Stück Fleisch vom Boden aufgehoben und gegessen. Mein Mund, die Zähne und mein Gaumen waren voll von Blut gewesen. Meine Augen spiegelten sich glitzernd in einer Blutlache am Boden.

Wie lebendig mir das Gefühl vorkam, rohes Fleisch zwischen den Zähnen zu haben und zu kauen. Mein Gesicht, das Leuchten in meinen Augen. Ein Gesicht, wie ich es zuvor noch nie gesehen hatte, und zugleich aber meines, ohne Zweifel. Nein, im Gegenteil: Eine Fratze, wie ich sie schon unzählige Male gesehen habe, die mir aber gänzlich unähnlich ist. Ich kann es dir nicht erklären. Diese lebhafte Erinnerung ist bizarr, furchtbar bizarr, gleichzeitig vertraut und doch neu.

*

Das Abendessen, das meine Frau für uns hergerichtet hatte, bestand aus Bataviasalat, Sojapaste mit Kimchi und einer Algensuppe ohne das übliche Fleisch oder Geflügel.

»Was um Himmels willen soll das alles? Willst du mir etwa weismachen, du hast das ganze Fleisch wegen eines lächerlichen Traumes weggeschmissen? Ist dir eigentlich klar, wie viel Geld du zum Fenster hinausgeworfen hast?«

Ich stand auf, ging zum Gefrierschrank und schaute hinein. Alles, was ich fand, war gemahlenes, geröstetes Getreide, Paprikapulver, eingefrorene Chilischoten und ein Beutel mit gehacktem Knoblauch.

»Mach mir wenigstens ein Spiegelei! Ich bin heute Abend wirklich ausgehungert. Ich hatte nicht einmal Zeit, zu Mittag zu essen.«

»Die Eier habe ich auch weggeworfen.«

»Was?«

»Danach habe ich die Milch abbestellt.«

»Das kann doch nicht wahr sein! Also werde auch ich von nun an überhaupt keine tierischen Produkte mehr zu mir nehmen können?«

»Ich kann es nicht ertragen, sie im Kühlschrank liegen zu sehen.«

Wie konnte sie nur so auf sich fixiert sein? Ich musterte sie eindringlich. Sie sah mich nicht an, wirkte aber ausgeglichen wie nie zuvor. Ich begriff nicht, dass die ganze Zeit ein solcher Egoismus und eine solche Rücksichtslosigkeit in ihr geschlummert haben sollten. Sie konnte doch nicht plötzlich so unvernünftig sein.

»Hast du mir gerade mitgeteilt, dass es in dieser Wohnung nichts mehr zu essen geben wird, das irgendwie von Tieren stammt?«

»Du frühstückst hier doch nur. Also kannst du mittags und abends Fleisch essen … Du wirst nicht gleich sterben, wenn du morgens darauf verzichten musst«, erwiderte sie, als sei ihre Entscheidung gerechtfertigt und wohlüberlegt.

»Na gut! Lassen wir mich einmal beiseite. Aber was ist mit dir? Du willst also gar nichts Tierisches mehr essen?«

Sie nickte.

»Ach ja? Wie lange willst du das durchhalten?«

»Für immer.«

Ich war sprachlos. Ich hatte schon mitbekommen, dass es gerade Mode war, sich vegetarisch zu ernähren. Die Leute stürzten sich darauf, weil sie sich davon ein langes, gesundes Leben erhofften, weil sie eine Allergie oder Probleme mit der Haut loswerden wollten oder weil sie sich Sorgen um die Umwelt machten. Buddhistische Mönche waren Vegetarier wegen des Gebots, nicht zu töten. Aber was hatte meine Frau dazu bewogen? Sie war kein pubertärer Teenager mehr. Sie musste weder abnehmen noch eine Krankheit kurieren, und sie war auch nicht von einem Geist besessen. Nein, sie wollte offenbar ihre Essgewohnheiten wegen eines Alptraums ändern. Und sie beharrte darauf, egal was ich als ihr Ehemann dagegen sagte.

Ich hätte es sogar verstanden, wenn sie schon immer eine Abneigung gegen Fleisch gehabt hätte. Seitdem ich sie kenne, hatte sie gern und viel gegessen, eine Eigenschaft, die mir ganz besonders an ihr gefallen hatte. Sie war geübt darin, Rindersteaks zu grillen, sie geschickt zu wenden und zu zerteilen. Sie war überhaupt eine sehr gute Köchin, was sie von Beginn unserer Ehe an jeden Sonntag unter Beweis stellte. Ihr frittierter Schweinebauch in einer Marinade aus Ingwer und Sirup war ein Gedicht. Oder eine ihrer Eigenkreationen: mit schwarzem Pfeffer und Sesamöl gewürzte feine Fleischstreifen, die sie in klebrigem Reismehl wälzte und briet. Ganz zu schweigen von ihrem Bibimbap. Dabei wurde der Reis erst eingeweicht, dann zusammen mit Rinderhack, Sesamöl und Sojasprossen gekocht. Von ihrem Hühnerragout konnte ich drei Teller essen. Das Beste daran waren die großen Kartoffelstücke und die sämige, süß-scharfe Soße.

Aber was bekam ich stattdessen? Gerade hatte sie mir die Algensuppe eingeschenkt, die zumindest auf den ersten Blick nichts Gutes verhieß. Meine Frau saß schief auf ihrem Stuhl und löffelte die unappetitlich aussehende Brühe. Dazu schaufelte sie sich Reis auf ein Blatt Bataviasalat, gab Sojabohnenpaste dazu, stopfte sich das Ganze in den Mund und kaute mit dicken Backen.

Ich verstand sie nicht. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich meine Frau offensichtlich überhaupt nicht kannte.

»Isst du nichts?« Sie wirkte teilnahmslos, als wäre sie in den Wechseljahren.

Sie kaute bedächtig und geräuschvoll auf ihrem Kimchi herum. Ich war aufgestanden und betrachtete sie aufmerksam. Sie jedoch schenkte mir, ihrem Mann, nicht die geringste Beachtung.

*

Die Dinge blieben so bis zum Frühling. Jeden Morgen musste ich mich mit vegetarischem Essen zufriedengeben, aber ich beschwerte mich nicht mehr. Wenn sich in einer Ehe ein Partner dermaßen radikal verändert, dann bleibt dem anderen gar nichts anderes übrig, als sich anzupassen.

Sie nahm immer mehr ab. Ihre ohnehin schon prominenten Wangenknochen traten noch deutlicher hervor und entstellten ihr Gesicht zusehends. Wenn sie nicht geschminkt war, sah sie richtig krank aus. Der Verzicht auf Fleisch konnte aber nicht der einzige Grund für ihre Gewichtsabnahme sein. Andernfalls wäre dies die Patentlösung für alle Übergewichtigen. Ich wusste, dass meine Frau nicht nur wegen ihrer veränderten Essgewohnheiten abmagerte. Es lag an ihrem Traum. Sie schlief nämlich kaum noch.

Meine Frau war nie ein Nachtmensch gewesen. Wenn ich zu später Stunde nach Hause gekommen war, dann schlief sie meistens schon. Doch mittlerweile fand ich mich immer allein im Schlafzimmer wieder, selbst wenn ich nach Mitternacht kam und mich in aller Ruhe fertig machte, bevor ich zu Bett ging. Es war mir ein Rätsel. Sie las nicht, chattete auch nicht im Internet und sah so gut wie nie mehr fern. Auch ihre Arbeit an den Sprechblasen nahm nicht viel Zeit in Anspruch.

Gegen fünf Uhr früh schlief sie endlich ein, wachte aber nach einer Stunde mit einem Seufzer wieder auf. Während des Frühstücks saß sie mir mit strähnigen Haaren und blutunterlaufenen Augen gegenüber und rührte ihren Löffel noch nicht einmal an. Am meisten störte mich, dass sie dem Sex aus dem Weg ging. Sie war immer sehr willig meinem Verlangen nachgekommen und hatte gelegentlich selbst die Initiative übernommen, indem sie mich streichelte. Jetzt jedoch schüttelte sie meine Hand ab, wenn ich sie nur auf ihre Schulter legte.

Eines Tages stellte ich sie zur Rede: »Was hast du für ein Problem?«

»Ich bin müde.«

»Du musst Fleisch essen. Es ist kein Wunder, dass du so schwach bist. Früher warst du nie so.«

»Die Wahrheit ist …«

»Was?«

»Es ist wegen des Geruchs.«

»Des Geruchs?«

»Ja, des Fleischgeruchs. Du riechst nach Fleisch.«

Ich lachte auf. »Du hast doch gerade mit eigenen Augen gesehen, dass ich geduscht habe. Wo bitte schön soll denn der Fleischgeruch herkommen?«

Mit Nachdruck entgegnete sie mir: »Er dringt dir aus jeder Pore.«

Von dem Moment an befürchtete ich das Schlimmste. Was, wenn es Symptome einer furchtbaren Krankheit waren? Einer Paranoia, einer Psychose oder einer Depression? Davon hörte man ja viel.

Aber ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass sie nicht mehr richtig im Kopf war. Wie gewöhnlich redete sie wenig, und die Wohnung war sauber wie eh und je. Am Wochenende bereitete sie täglich zwei bis drei vegetarische Mahlzeiten zu. Ab und zu gab es sogar gebratene Glasnudeln, wobei sie das Fleisch durch Pilze ersetzte. Daran war nichts Verrücktes, vor allem wenn ich berücksichtigte, dass es ja gerade im Trend lag, sich vegetarisch zu ernähren. Absonderlich war nur die Tatsache, dass sie nicht mehr schlief und dass sie auf meine Nachfragen immer wieder stereotyp antwortete: »Ich hatte einen Traum.« Sie wirkte dabei so abwesend und niedergeschlagen, als lastete irgendetwas auf ihr. Ich fragte sie nie mehr nach den Einzelheiten ihres Traumes, da ich keine Lust hatte, mir noch einmal das wirre Gerede von der Scheune in dem dunklen Wald oder der Spiegelung ihres Gesichtes in einer Blutlache anzuhören. Dieser Traum, zu dem ich keinen Zugang fand und den ich nicht verstand, auch keinen Versuch dazu unternahm, war jedenfalls der Grund für ihre Gewichtsabnahme. Es hatte einen Moment gegeben, da hätte sie mit ihrer Figur eine Ballerina sein können. Als dieser Punkt überschritten war, sah sie krank aus, da sie nur noch aus Haut und Knochen bestand. Meine Befürchtungen wischte ich jedoch vom Tisch. Denn wenn man sich ihre Eltern anschaute, die Holz verkauften und einen kleinen Lebensmittelladen führten, oder ihre Schwester und ihren Bruder, dann konnte eigentlich keine Geisteskrankheit in der Familie liegen.

Beim Gedanken an ihre Familie kam mir unwillkürlich dichter Rauch in den Sinn, der Duft von gegrilltem Knoblauch, das Klirren der mit Soju gefüllten Gläser der Männer am Grill und das lautstarke Geplapper der Frauen in der Küche. Die ganze Familie, allen voran mein Schwiegervater, liebte Tatar. Meine Schwiegermutter konnte Sashimi aus lebenden Fischen zubereiten, und ihre beiden Töchter, meine Schwägerin und meine Frau, beherrschten die Kunst, Hühnchen mit einem großen Fleischermesser zu tranchieren. Ich hatte den Pragmatismus meiner Frau geschätzt, die nicht gezögert hatte, Schaben mit der bloßen Hand zu zerquetschen. War sie etwa doch nicht die durchschnittlichste Frau der Welt, die zu finden ich mir so viel Mühe gegeben hatte?

Auch wenn mich ihr Zustand stark beunruhigte, sträubte ich mich dagegen, einen Arzt oder Therapeuten hinzuzuziehen. Hätte es sich um jemand Fremden gehandelt, hätte ich einfach sagen können: »Das ist nur eine kleine Unpässlichkeit, das geht vorbei.« Aber so wusste ich nicht, wie ich mit ihrem absonderlichen Verhalten umgehen sollte.

*

Am Morgen bevor ich diesen Traum hatte, war ich dabei, von einem gefrorenen Stück Fleisch feine Scheiben abzuschneiden, als du ungehalten sagtest: »Scheiße, warum dauert das so lange?«

Klar, sobald du mich drängst, verfalle ich in Hektik. Ich werde nervös, stehe plötzlich neben mir, und schon geraten die Dinge durcheinander. Schnell, schneller, noch schneller. Die Hand mit dem Messer zitterte, und mir schoss das Blut in den Kopf. Dann verrutschte die Unterlage, das Messer glitt ab, und ich schnitt mir in den Finger. All das ging so schnell 

Als ich meinen Zeigefinger hochhielt, trat ein Blutstropfen aus der Wunde. Er war rundlich und wurde immer praller. Automatisch steckte ich den Finger in den Mund, und plötzlich fühlte ich mich besser. Die hochrote Farbe und der süßliche Geschmack hatten eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich.

Als du dann auf einem Stück Fleisch herumkautest, spucktest du plötzlich etwas Glitzerndes aus und riefst: »Was zum Teufel ist das? Ein Metallsplitter vom Messer!« Dein Gesicht war wutverzerrt. »Und wenn ich den hinuntergeschluckt hätte? Ich hätte daran sterben können!«

Warum berührte mich das überhaupt nicht? Im Gegenteil, ich war die Ruhe selbst. Viel ruhiger als gewöhnlich. Als legte sich eine kühle Hand auf meine Stirn. Plötzlich entfernte sich alles von mir, wie Wasser, das bei Ebbe langsam ins Meer zurückweicht. Der Tisch, du, alle Küchenmöbel. Alles, was übrig blieb, war der Stuhl, auf dem ich saß, und ich in einem großen, leeren Raum.

Es war in dieser Nacht. Da habe ich das erste Mal die Blutlache auf dem Boden der Scheune gesehen und mein Spiegelbild darin.

*

»Was ist denn heute mit deinen Lippen los? Bist du nicht geschminkt?«