Informationen zum Buch

Sind Muslime die neuen Juden?

Neukölln sei für Juden nicht sicher, warnte der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde Daniel Alter mit Verweis auf den hohen Anteil von Muslimen. Kurz darauf warb der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, für eine Obergrenze bei Flüchtlingen. Sie stießen dabei ins selbe Horn wie Sarrazin, Buschkowsky und die AfD.

Ármin Langer, jüdischer Rabbinerstudent und Publizist, lebt in Neukölln und stellt sich diesen Positionen vehement entgegen. Seine erfolgreiche Salaam-Schalom-Initiative beweist, was Muslime und Juden voneinander lernen können und wie Gemeinschaft funktioniert. Eine mitreißende Geschichte, ein unverzichtbarer Apell.

Ármin Langer

Ein Jude in Neukölln

Mein Weg zum Miteinander der Religionen

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Muslime sind nicht die neuen Juden

Wie ich entdeckte, wer ich bin

Wie ich den Holocaust besiegte

Die Generation der Neuen Juden

Zweimal zwei Welten – Israel und Europa, Muslime und Juden

Ein Jude in Neukölln

G’tt bewahre! – Angst ist ein schlechter Ratgeber

Antisemitismus – eine islamische Importware?

Der engagierte Jude

Ich bin interreligiös, und du?

Martin Luther King war auch Jude

Eine »barbarische Religion«

Nächstenliebe für alle

Anmerkungen

Bibliographie

Glossar

Danksagung

Über Ármin Langer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Muslime sind nicht die neuen Juden
Prolog

Über Nacht wurde ich zum Mittelpunkt einer sehr kontroversen Auseinandersetzung. Und ich trug dafür die volle Verantwortung. Tags zuvor war mein erster deutschsprachiger Artikel Muslime sind die neuen Juden im Tagesspiegel erschienen. Ich behaupte darin, dass wir Juden, nach 2000 Jahren der Unterdrückung in Europa endlich Teil des Mainstreams sind und gerade durch unsere historischen Erfahrungen mit Mechanismen der Diskriminierung auf diesem Kontinent nun selbst aufgefordert sind, denjenigen bei der Emanzipation eine Hand zu reichen, die heute institutionell unterdrückt werden. Den Muslimen zum Beispiel. Und den Geflüchteten. In wenigen Tagen wurde der Artikel hunderttausendfach angeklickt, ich erhielt viele positive Rückmeldungen, aber auch Dutzende Hass- und Drohbriefe.

Keine Verantwortung trug ich hingegen für die Situation, die der Auslöser für den Artikel war. Im Zuge der Anschläge von Paris und der sogenannten Flüchtlingskrise steuerte die Debatte um die Integrationsfähigkeit von Muslimen in die völlig falsche Richtung, und ich fühlte mich verpflichtet, einen Denkanstoß zu geben, um diesen Kurs zu korrigieren. Notfalls auch mit etwas Polemik. Ich wollte den Leuten die Augen öffnen, meinem Ärger Luft machen. Denn ich hatte das untrügliche Gefühl, all die Ausgrenzungs- und Propagandaargumente, die den Muslimen von allen Seiten entgegenschlugen, schon einmal gehört zu haben. Als Antisemitismus.

»Ármin, können wir kurz reden?«, sprach mich Rabbiner Edward am Ende des Homiletik-Unterrichtes an. Meine Kommilitonen, die schon daran gewöhnt waren, dass Ármin immer Privatgespräche mit Mitarbeitern des Rabbinerseminars führt, verließen schnell den Raum. Es war Zeit für die Mittagspause, und Studenten sind immer hungrig. Besonders nach drei Stunden Predigtanalysen. Ich ebenso. Was diese Gespräche immer etwas erschwerte.

»Es geht um deinen Artikel.« Mit seinem starken niederländischen Akzent erklärte er, dass das Abraham-Geiger-Kolleg – an dem ich meine Rabbinerausbildung absolvierte – Anrufe aus jüdischen Gemeinden bekommen hätte. Mir wurde vorgeworfen, dass ich Antisemitismus verharmlosen und den Holocaust leugnen würde. Ich merkte ihm an, dass ihm das Gespräch unangenehm war, er die Vorwürfe nicht teilte.

Während meiner drei Jahre am Rabbinerseminar habe ich von Edward viel gelernt, ich schätze ihn bis heute sehr. »Bitte, drücke dich in Zukunft vorsichtiger aus!«, sagte er abschließend und schaute mir lang und ernst in die Augen. Ich hätte seinem Rat folgen sollen. Obwohl ich nach diesem Fall in meinen Artikeln nie als Rabbinerstudent Ármin Langer firmierte, sondern als Ármin Langer, Koordinator der Salaam-Schalom-Initiative, wurde ich ungefähr anderthalb Jahre später vom Abraham-Geiger-Kolleg rausgeworfen. Als Grund wurde meine unangemessene Sprache in einem späteren Artikel genannt. Wie mir Edward bei unserem Krisengespräch erklärte, sei es letztlich zweitrangig, was in dem Artikel tatsächlich stünde, wichtig sei vor allem, wie er wahrgenommen werde.

Eine Woche nach dem ominösen Gedankenaustausch mit Edward saß ich mit einem jungen, elegant gekleideten Mann in einem Café in Neukölln. Da ahnte ich noch nicht, dass er einer meiner engsten Freunde werden würde.

»Muslime sind die neuen Juden?«, begann er, »tut mir leid, Achi (mein Bruder), aber das ist einfach zu plakativ«, erklärte er und strich sich über seinen kurzen Bart. »Muslime sind natürlich nicht die neuen Juden. Antisemitismus gibt es auch heute und antimuslimischer Rassismus ist nicht neu. Die Sache ist komplizierter.«

Ich ließ ihn ausreden, seine perfekt gescheitelten Haare übten eine hypnotische Wirkung auf mich aus, bei meinem Lockenkopf kenne ich mich mit Haaren, die man kämmen kann, selbst nicht aus. Er lehnte sich auf den Tisch in der Neuköllner Kneipe, nippte an seinem frisch gepressten Orangensaft und nahm meinen Artikel Stück für Stück in seiner Akademikersprache auseinander. Und das, obwohl wir uns erst seit einer Stunde kannten. Er hieß Ozan, war 25 Jahre alt und muslimischen Glaubens. Eigentlich hatten wir über die Salaam-Schalom-Initiative reden wollen, waren aber gleich bei G’tt und der Welt, beim Unterschied zwischen Juden und Muslimen gelandet.

Unsere Salaam-Schalom-Initiative hatte im September 2014 eine Online-Kampagne mit dem Namen Du hast das Sagen! ins Leben gerufen. Wir baten unsere Unterstützer in den sozialen Medien, an unserer Lobbyarbeit mitzuwirken. Je mehr Stimmen öffentlich, egal ob im Netz, in der Zeitung, auf der Straße oder in den Kneipen, davon erzählten, dass Juden und Muslime im Alltag ziemlich gut miteinander auskommen, desto besser. Die Journalisten interessierten sich sehr für unsere Arbeit, wir brauchten also dringend Verstärkung für die Interviews, aber auch für die Organisation weiterer Aktionen, damit wir in den Interviews überhaupt etwas zu erzählen hatten.

Die dritte Person, die sich nach unserem Aufruf bei uns meldete, war Ozan Keskinkılıç. Ich las mit Begeisterung seinen Bewerbungsbrief: Ein junger Akademiker, Muslim arabisch-türkischer Herkunft, der angab, sich gesellschaftlich einbringen zu wollen, und zwar am liebsten in einem jüdisch-muslimischen Projekt. Ich stalkte ihn ein bisschen – gesegnet sei die jüdische Suchmaschine Google! –, und es stellte sich heraus, dass er mehrmals in Israel gewesen war, Hebräisch lernte und zur Schoa-Aufarbeitung in Deutschland forschte. Mein Enthusiasmus wich für einen Moment der Angst, dass er so ein philosemitischer Vorzeigemuslim ist. Die nerven nur – weil sie alle Fehler und Probleme der Welt bei den Muslimen sehen. Leute wie Ahmad Mansour, der pauschal allen Muslimen Terrorismuspotential unterstellt und dessen Äußerungen nicht zufällig auf großen Anklang bei den Lesern von PI-News stoßen. Ich lud Ozan auf einen Orangensaft in meine damalige Lieblingskneipe in Neukölln ein, um herauszufinden, ob er ein Ahmad Mansour ist oder nicht.

»Ich denke nicht, dass man Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus gegeneinander aufrechnen sollte«, argumentierte Ozan. Da kannten wir uns gerade mal ein paar Minuten. »Beide Rassismen sind in unserer Gesellschaft durchaus präsent, beide müssen bekämpft werden«, sagte er.

Zuerst spürte ich den starken Impuls, meine Argumentation zu verteidigen, es war ja keineswegs meine Absicht gewesen, antimuslimischen Rassismus auf Kosten von Antisemitismus zu thematisieren, aber Ozan hatte recht. Ich hatte Muslime sind die neuen Juden als Titel gewählt, also musste ich mit solcher Kritik leben.

Natürlich wurde der Titel von vielen, die den dazugehörigen Artikel gar nicht gelesen hatten, missverstanden, in Teilen auch absichtlich fehlinterpretiert. Viele assoziierten damit automatisch eine Relativierung des Holocaust. »Dieser Typ ist ein Spinner!«, »Ármin Langer ist ein gefährlicher Antisemit«, »Warum veröffentlicht der Tagesspiegel diesen holocaustleugnenden Artikel?« – solche und ähnliche Kommentare kursierten im Netz, flatterten in mein Postfach. Jemand schrieb: »Soll doch Ármin Langer nach Gaza gehen und dort gefickt werden, wenn er Muslime so sehr mag.«

Mein Lieblingskommentar stammte aber von einem User namens Kara ben Nemsi, der schrieb: »Philosemitismus in Deutschland nervt? Alles klar. Dann hören wir doch einfach damit auf; geht auch. Vielleicht stoppt dann endlich mal dieses nicht nur nervende, sondern überaus demütigende Spielchen: ›Egal was der Deutsche macht, er ist sowieso immer der ARXXX, und man kann es ihm flatsch ins Gesicht sagen.‹«

In dem Artikel mache ich deutlich, dass es mir nicht um die Lage der Juden während der Schoa geht, sondern lediglich um die Parallele der heutigen antimuslimisch-rassistischen Argumente und der antisemitischen Parolen des 19. Jahrhundert, aber viele nahmen sich nicht die Zeit, den ganzen Artikel zu lesen. Ozan hingegen schon.

»Du schreibst sehr gut, aber ich kann ehrlich nicht mehr als 80 Prozent deiner Aussagen unterstützen, weil der Text einfach nicht genug differenziert«, sagte er, während er das Glas Orangensaft prüfend in seiner Hand drehte wie alte Herren den Whisky.

»Warum genau 80 Prozent?«, fragte ich provokativ. Ich machte mir einen Spaß aus dem philosophischen Streit zwischen dem Wissenschaftler und dem Aktivisten, zwischen dem Rassismusforscher und dem angehenden Rabbiner, zwischen dem Muslim und dem Juden. »Warum nicht 85 Prozent?« Nach langen Verhandlungen verständigten wir uns darauf, dass er ungefähr 85 Prozent meiner Statements unterstützen könne.

Inzwischen ist Ozan ein enger Freund und aktives Mitglied der Salaam-Schalom-Initiative. Ich schätze ihn sehr. Und oft folge ich seinem Rat, weshalb dieses Buch – mit gutem Grund – nicht den Titel Muslime sind die neuen Juden trägt. In Deutschland habe ich gelernt, etwas tiefer zu stapeln. In meinem Herkunftsland Ungarn, wo alle sowieso schon zerstritten sind, würde dieses Buch vielleicht in der provokanteren Variante erscheinen. Aber auch ich habe gelernt, mich hier in Deutschland den Gepflogenheiten anzupassen.

Wie ich entdeckte, wer ich bin

Wenn alle Juden hassen,

dann liegt das Problem an den Juden, oder nicht?

Ármin (12 Jahre alt)

16 Jahre lang war ich ein Jugendlicher, der nie so richtig dazugehörte und nie so richtig wusste, warum. Bis zu jenem Sommer in Ungarn.

Mir war übel, wie immer. Bis heute kann ich den Geruch in einem Auto nicht lange aushalten. Irgendwo zwischen zwei bedeutungslosen Dörfern, die während des Staatskommunismus an die Autobahn und damit an den Kreislauf Ungarns angeschlossen wurden, drehte sich mein Vater, der hinter dem Lenkrad saß, zu mir um: »Übrigens, Ármin, du weißt, dass du Jude bist, oder? Also, mindestens väterlicherseits.« Ich erinnerte mich an die zahlreichen Bücher über den Holocaust bei uns zu Hause, trotzdem klang meine Antwort ziemlich unsicher: »Joa.«

Mein Vater und ich fuhren seit drei Stunden auf der endlosen Autobahn M7 durch Südungarn. Links und rechts vor allem Steppe. Auf meiner Haut sammelte sich Schweiß. Vereinzelt sah ich draußen Fabriken und Dörfer an uns vorbeirauschen. Ungefähr jede zehnte Minute entdeckte ich einen Menschen. Einen Opa, der in der Hitze sein Fahrrad schob. Eine ältere Dame, die mit vor der Brust gekreuzten Händen auf einer Holzbank saß, hinter ihr ein weiß gekalktes Haus. Misstrauisch verfolgte sie unseren vorbeigleitenden Wagen mit dem österreichischen Kennzeichen. Mein Vater arbeitete da schon als Informatiker in Wien.

Wir waren auf dem Weg nach Kaposvár. In der Kleinstadt sind meine Eltern geboren: Mein Vater reiste jeden Sommer dorthin. Als Kind war ich auch ein paar Mal dabei, hatte aber nie ganz verstanden, was der eigentliche Grund der Reise war. Mit sechzehn und als »Erwachsener«, der sogar seine Herkunft kannte, wusste ich: Wir fahren wegen des Holocaust nach Kaposvár. An dem Tag, als ich erfuhr, dass ich jüdisch bin, erfuhr ich auch, dass die Eltern meines Vaters, die ich nie gekannt habe, nach Dachau deportiert worden waren. Sie überlebten die Judenvernichtung.

Für alle anderen kam die Rettung zu spät. Zu Hause im westungarischen Sopron ging ich in mein ehemaliges Kinderzimmer und schaltete meinen alten Computer ein. Ich suchte in der Online-Datenbank des Jerusalemer Yad-Vaschem-Zentrums nach meiner Identität. Bald stellte sich heraus, warum ich nie Verwandte väterlicherseits kennenlernen oder gar in den Arm nehmen konnte: In Auschwitz wurden bis auf meine Großeltern alle getötet: meine Urgroßeltern, Großtanten, Großonkel und ihre ganzen Familien. Meinen Namen, Ármin, erhielt ich wegen meines Urgroßvaters, Ármin Rosenthal, der in Auschwitz vergast wurde.

Für einen 16-Jährigen ist das eine erschütternde Entdeckung. Besonders wenn er erst seit kurzem damit klar kommen musste, dass er schwul ist und zu dieser Zeit wegen seiner epileptischen Anfälle regelmäßig in der sterilen Neurologie-Abteilung des Stadtkrankenhauses liegen musste. Das Leben kann sehr anstrengend sein als Teenager.

Es vergingen drei Jahre, in denen ich das erst einmal so hinnahm. Erst als ich Sopron verließ und zum Philosophie-Studium nach Budapest zog, kam eine Frage auf, die mich schlecht schlafen ließ: Wer bin ich?

Ich schlief ein paar Nächte am Rande von Elisabethstadt, einem heruntergekommenen Viertel in Budapest – auch unter dem Namen Chicago bekannt, und als ich aufwachte, war ich aktives Mitglied der größten liberalen jüdischen Gemeinde des Landes, hielt Vorträge zur jüdischen Religion und Kultur auf Tagungen und Konferenzen, leitete Gottesdienste in einer Synagoge. Nur ein Jahr später, im Alter von 21, lag ich auf einem Bett im Krankenhaus, um von einem jüdischen Urologen beschnitten zu werden. Kurz darauf traf ich die Entscheidung, die schon seit einer Weile in mir reifte: Ich möchte Rabbiner werden.

Den Beschluss kündigte ich meinen Eltern per E-Mail an. Mein Vater meinte: »Nicht dass das jetzt vom Himmel fallen würde, ich habe damit gerechnet, du machst ja so viele jüdische Sachen in Budapest.« Meine Mutter war auch nicht überrascht, ich sei schon immer so »priesterlich« gewesen. »Das erste Buch, das du von deinem Taschengeld gekauft hast, war eine Bibel«, erinnerte sie mich. Tatsächlich hatten wir in unserem strikt atheistischen Haushalt nie eine Bibel besessen. Das wollte ich ändern.

Obwohl sie sich beide wahrscheinlich bis heute Gedanken machen, ob sie bei meiner Erziehung versagt haben, bekomme ich von ihnen die Unterstützung, die ich brauche: Auch wenn Theologie nicht so nützlich ist wie Chemie, das Studienfach meiner Schwester, zog ich immerhin aus der »Gefahrenzone Ungarn« weg. Das Jüdisch-Sein hat sich gelohnt. Für meine Eltern war mein Umzug nach Berlin eine Erleichterung.

Nach einer Statuskonfirmation vor dem deutschen Rabbinatsgericht – Vaterjuden werden in Deutschland im Gegensatz zu Ungarn nicht als Juden anerkannt, sie müssen daher ihren Status von einem Rabbinatsgericht bestätigen lassen –, mehreren Studienaufenthalten in Jerusalem und einigen Bewerbungsgesprächen mit Dozenten und Mitarbeitern des Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin erhielt ich im März 2013 die lang erwartete Nachricht:

Sehr geehrter Herr Langer, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass das Direktorium (…) beschlossen hat, Sie für das Ausbildungsprogramm zum Rabbiner anzunehmen.

Zwei Jahre später stand ich auf der Treppe des Neuköllner Rathauses mit einer schwarzen Kippa auf meinem Haupt – neben Emine, einer kopftuchtragenden Muslima. Es nieselte. Die Kinder fanden es lustig und rutschten auf dem nassen Asphalt hin und her. Wir blickten auf 150 Menschen.

»Kopftücher sind ebenso wie Hochsteckfrisuren, Kippot oder Hüte ein Teil von Neukölln, ein Teil Deutschlands«, fing ich meine Rede an.

Die Salaam-Schalom-Initiative, die ich erst anderthalb Jahre zuvor mit drei Freunden gegründet hatte, war erwachsen geworden und lud alle Neuköllner, Berliner und Bundesrepublikaner zu der ersten Demonstration ihrer Geschichte ein: Wir forderten, dass Frauen jeder Herkunft, jeder religösen Zugehörigkeit gleichermaßen Zugang zu öffentlichen Ämtern gewährt werden müsse. Eigentlich etwas Selbstverständliches, in Deutschland im 21. Jahrhundert.

Wie bei meinem Umzug nach Budapest dauerte es auch in Berlin nicht lange, bis ich anfing, die Welt um mich herum umzukrempeln. Ich tat das, was ich schon immer tun wollte. Mich für Menschen und unser Miteinander zu engagieren. Dass es nicht leicht sein würde, hatte ich erwartet. Es war nie leicht gewesen für mich. Und wenn man das Gefühl hat, das Richtige zu tun, ist es auch gleich viel einfacher, den Gegenwind auszuhalten. Die Tatsache, dass es heute keine andere Gruppe in Berlin gibt, in der sich so viele junge Juden engagieren wie in der Salaam-Schalom-Initiative, bestätigt unsere Botschaft: Muslime und Juden sind keine Feinde. Kaum eine andere Bürgerinitiative schafft es, so oft muslimische Stimmen in der Öffentlichkeit hörbar zu machen wie wir. Dank unserer zahlreichen engagierten Mitglieder sind wir eine der aktivsten Organisationen Deutschlands. Unsere Veranstaltungen werden gut besucht, an den Diskussionsabenden tauschen sich Angehörige aller Minderheiten und der Mehrheitsbevölkerung, also von den 65 Millionen Deutschen ohne Migrationshintergrund, aus. Das Projekt beschränkt sich inzwischen nicht mehr nur auf Berlin, Ableger wurden 2015 und 2016 in mehreren Städten, unter anderem in Kopenhagen, Hamburg und Essen, aufgebaut, und weitere Gruppen werden im Laufe der Zeit folgen, mit G’ttes Hilfe.

Im Zuge meiner Arbeit mit der Initiative und als Publizist stiegen mein Erfolg und der Widerstand dagegen proportional. Einige ältere Charlottenburger Herrschaften der jüdischen Gemeinde zu Berlin reden darüber, dass mir und den jüdischen Mitgliedern unserer Initiative der Eintritt in die Berliner Synagogen nicht gestattet werden sollte. »Sonst sprengt der El-Ármin sich noch in die Luft«, heißt es. Eine deutschlandweit bekannte rechts-zionistische Aktivistin ruft bei Vereinen und Parteien an und bittet sie, nicht mehr mit mir und »meiner« Initiative zusammenzuarbeiten. »Das sind doch alles Juden voller Selbsthass«, heißt es. Ich weiß, dass auch unsere muslimischen Mitglieder und Kooperationspartner in ihren eigenen Gemeinden für ihr Engagement stark kritisiert werden. »Freund der Juden«, musste sich Deniz zum Beispiel nicht nur einmal anhören. Autoren zahlreicher rassistischer und antisemitischer Blogs verlieren jedes Maß, Islamisten, Sesselnazis und rechtsextreme Zionisten schicken uns gleichzeitig Hassmails: »Linksdummnaive Islamkuschelgruppe!«, »Diese Zionisten machen nur Muslimwashing mit euch!«, »Ihr seid Puppen von Islamisten und türkischen Rechtsradikalen.« Das Rabbinerseminar und Sprecher jüdischer Institutionen üben Druck aus, um mich davon abzuhalten, weiter Interviews zu geben. Eine bekannte SPD-Politikerin drohte einer Zeitung mit Klage, wenn mein Artikel nicht aus der Online-Mediathek gelöscht würde. Mit meiner Solidarität mit den Muslimen Deutschlands und mit meiner Auffassung eines sozial engagierten Judentums lege ich den Finger in eine Wunde, die schon lange in der Bundesrepublik klafft. Und das ist auch gut so.

Ich bin Jude. Ich heiße Ármin. So wie mein Urgroßvater, Ármin Rózsa (geborener Rosenthal). Ich lernte ihn als Märtyrer der Schoa kennen, leider nicht persönlich, sondern am PC viele Jahrzehnte nach seinem Tod. Man kann vieles mit so einem schwierigen Erbe anfangen. »Du bist ein Opfer« ist eine Bedeutung meines Namens. Ein Opfer des Holocaust, des Antisemitismus, der schon immer Europa prägte. Mein Urgroßvater bekam diesen Namen, weil sich seine Familie in Ungarn assimilieren musste. Sie wollten so werden wie die aufgeklärten Westeuropäer, deswegen gaben sie ihren Kindern deutsche Namen. Meine Verwandten, zwei Generationen vor mir, hießen nicht mehr Schlomo und Rachel, sondern Leopold und Helena. Gegen die antisemitischen Gesetze und die Deportationen halfen aber auch die deutschen Namen nicht: Ármin könnte also auch ein Beweis dafür sein, dass Juden in Europa trotz aller Neuanfänge nicht willkommen sind.

Für mich aber hat mein Vorname eine andere Bedeutung. Er bietet mir die Möglichkeit, mich kritisch mit dessen Geschichte auseinanderzusetzen. Die jüdischen Ármins von heute müssen das nämlich machen. Wenn wir unsere Umwelt genauer betrachten, sehen wir eine andere Welt als die von Urgroßvater Ármin. Wir sehen eine Welt, in der Juden trotz des noch immer allgegenwärtigen Antisemitismus nicht mehr zu der unterdrückten Minderheit gezählt werden können. Wir sind, im Gegenteil, eine emanzipierte Minorität geworden, die so sehr mit dem Mainstream fusioniert ist, dass heute sogar die Rechtsextremen bei Pegida und Co. von einem »christlich-jüdischen Abendland« sprechen.

Heute gibt es in Deutschland eine staatlich finanzierte jüdische Begabtenförderung, Hunderte von Nicht-Juden belegen neben ihren jüdischen Kommilitonen an staatlichen Universitäten das Fach Jüdische Studien, 80 Jahre nach der Schoa werden in deutschen Stadtzentren wieder Synagogen eingeweiht. Zur selben Zeit gibt es aber noch immer viele Minderheiten, die auf europäischem Boden institutionell diskriminiert werden. So wie einst die Juden.

Der Name Ármin stammt aus derselben Wurzel wie das Wort Armee und heißt eigentlich Kämpfer.

Ich will beweisen: Juden und jüdisches Leben definieren sich heute nicht mehr allein durch die Beschäftigung mit der Schoa, die Bedrohung durch Antisemitismus. Es reicht nicht, den Blick nur in die Vergangenheit zu richten, unseren Status als Opfer immer wieder zu betonen. Die Ármins von heute können sich aktiv an den gesellschaftlichen Prozessen beteiligen. Das jüdische Leben und die jüdische Religion haben der Welt etwas anzubieten. Unser Auftrag ist das Miteinander, unsere schrecklichen Erfahrungen mit den Ausgrenzungen in der europäischen Gesellschaft sind unser Auftrag, andere vor Ähnlichem zu schützen. Den Weg, den wir schon zurückgelegt haben, und den Weg, der noch vor uns liegt, zu beschreiben, das ist das Ziel dieses Buches.

Wie ich den Holocaust besiegte

Es ist den Juden verboten, Hitler nachträglich siegen zu lassen. Es ist ihnen geboten, als Juden zu überleben, damit das jüdische Volk nicht untergehe. Es ist ihnen geboten, der Opfer von Auschwitz zu gedenken, damit das Andenken an sie nicht verlorengehe. Es ist ihnen verboten, am Menschen und seiner Welt zu verzweifeln und Zuflucht entweder im Zynismus oder der Jenseitigkeit zu suchen, damit sie nicht dazu beitragen, die Welt den Mächten von Auschwitz auszuliefern.1

Emil Fackenheim (1916–2003), Rabbiner und Philosoph

Die Glocken läuteten, und der Gottesdienst begann. Berlin-Spandau, ich saß in der ersten Reihe zwischen dem Vorsitzenden der evangelischen Weinbergkirchgemeinde und meinem Freund, dem jüdischen Kantor Amnon Selig. Die Organistin rief die Gemeinde auf, gemeinsam den Psalm 23 zu singen. All erhoben sich: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln./Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Nach dem Psalm setzten wir uns wieder. Wegen all diesem Hinsetzen und Aufstehen hatte ich das Gefühl, Sport zu treiben.

Es war ein Gedenkgottesdienst für die Opfer der Schoa, der erste Sonntag im Februar 2015. Der Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und die blutige Geiselnahme im jüdischen Supermarkt Hyper Cacher waren vor nicht einmal einem Monat passiert. Es waren Tage, in denen sich viele Sorgen um die Sicherheit des jüdischen Lebens in Europa machten. Gutes Timing also für einen Holocaust-Gedenkgottesdienst. Nach einer Stunde, Amnon hatte gerade zusammen mit der Gemeinde das bekannte hebräische Lied Hevenu Schalom aleichem gesungen, war ich, der 24-jährige Rabbinerstudent, dran: Ich stand auf, knöpfte mein Sakko zu und schritt langsam zum Altar. Als ich das große Kreuz mit dem Leib Jesu an der Wand erblickte, spukte ein unangenehmer Gedanke durch meinen Kopf. Die Gendarmen, die meine Großeltern festgenommen, mit ihren Glaubensgenossen in Viehwaggons gestoßen und nach Dachau deportiert hatten, trugen auf ihrer Uniform auch ein Kreuz. Die Nachbarn, die meine Familie verrieten, waren gläubige Christen. Und überhaupt: Wie kann es sein, dass ich mit einer Kippa auf dem Kopf vor einem Kruzifix spreche?

Ich tat es, denn es ging um ein heikles Thema: Antisemitismus. Obwohl ich in der Regel frei predige, hatte ich diesmal die Rede vorgeschrieben und las vom Blatt ab.

Meine Großmutter, Klára Rózsa, war eine sehr starke Frau. Sie stammte aus einer reichen, religiösen Familie mit vielen Gelehrten: Trotzdem betete sie nie in einer Synagoge, sondern in ihrem Garten. 1942, als sie schon im Ghetto in Kaposvár lebte, heiratete sie einen jungen, armen Bäcker aus dem heutigen Kroatien, meinen Großvater, Károly Langer. Im Sommer 1944 wurden beide von ungarischen Behörden nach Dachau deportiert, am 27. Januar 1945 wurden beide befreit. Sie haben die Wahl gehabt, nach Palästina auszuwandern, wie so viele andere Familien, oder in Ungarn zu bleiben. Sie entschieden sich für einen Wiederaufbau des Kontinents, der sie verraten hatte. Den Rest ihres Lebens haben sie dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus in Ungarn gewidmet.

Vor einem Monat wurden vier Juden in Paris von Terroristen getötet. Sie wurden für die Palästinapolitik des Staates Israel verantwortlich gemacht, obwohl sie an diesem Freitagmittag im koscheren Supermarkt nur ihr Brot für den Schabbat einkaufen wollten. Die Frage, ob die Juden Europas den Kontinent verlassen sollten, liegt wieder in der Luft.

Als der israelische Ministerpräsident, Benjamin Netanjahu, nach dem antisemitischen Terrorangriff in einer Rede in der Großen Synagoge von Paris die Juden Frankreichs aufrief, nach Israel zu emigrieren, fingen die französischen Juden an, die Marseillaise zu singen.

Wir bleiben in Europa. Wir bleiben dafke als Juden in Europa, wie es trotzig auf Jiddisch heißt. Trotz aller Gewalt. Wir lassen Hitlers Traum von einem judenfreien Europa nicht Wirklichkeit werden. Trotz aller Bedrohung geben wir die jüdische Tradition an unsere Kinder weiter.

Die Reaktion der französischen Juden auf den Terror in ihrem Land hatte mich sehr beeindruckt. Von diesem starken Selbstbewusstsein, dem Selbstverständnis, gleichermaßen Juden, Franzosen und Europäer zu sein, war ich in meiner Jugend lange Zeit weit entfernt.

Am Anfang bestand das Ausleben meines Glaubens vor allem in der Beschäftigung mit der Schoa. Diese Fixierung erschien mir absolut richtig und notwendig, sie erwuchs aus der ständigen Angst um die Zukunft des Judentums in Europa, und weil dieses Thema im gesamten jüdischen Leben die zentrale Rolle einnahm, betrachtete ich das lange völlig unkritisch.

In Kaposvár, das wir jeden Sommer besuchten, war der größte jüdische Feiertag immer der letzte Sonntag im Juni. Ein Tag, an dem alle Sitzplätze in der Synagoge besetzt sind. Es ist der meistbesuchte Gottesdienst des Jahres. Rosch Haschana (Neujahrstag)? Jom Kippur (Versöhnungstag)? Pessach (Fest des Auszuges aus Ägypten)? Nein. Am letzten Sonntag im Juni wird hier der Opfern des Holocaust gedacht, und es war fast jedes Jahr Anlass für meine Familie, sich auf die endlose Autobahn M7 nach Kaposvár zu begeben.

In der kleinen Synagoge am Rande des Friedhofs spürte ich immer schnell, wie wichtig, wie ernst dieses Gedenken ist. Eltern und Großeltern, Kinder und Enkelkinder tragen ihre schönsten Anzüge und feinsten Kleider. Die erste, zweite und dritte Generation der Holocaust-Überlebenden sitzt auf den Holzbänken. Zwischendurch werden am Märtyrer-Denkmal und an den Grabmalen Blumensträuße und Trauerkränze niedergelegt, was ein nicht-jüdischer Brauch ist. Nur manche legen kleine Steine auf die Gräber, wie es aus der Wüstenwanderung überliefert ist, denn in der Wüste gibt es keine Blumen. Es folgen Reden von Bürgermeister, Vizebürgermeister, Parlamentsabgeordneten.

Im Anschluss ziehen sich die Familien in Restaurants neben dem Friedhof zurück. Tanten und Onkel, Enkel, Großeltern, die sich das ganze Jahr lang nicht sehen, kommen hier zusammen. Der Tag der Märtyrer ist ein Familienfest.

Wir treffen dort immer László und Tamara wieder. Lászlós Eltern und die Eltern meines Vaters waren in Dachau. Die Amerikaner retteten sie am Ende des Krieges. Nach ihrer Rückkehr in die »Heimat« zogen sie ihre Kinder im sozialistischen Ungarn praktisch gemeinsam auf. Wir treffen sie nur in Kaposvár, beim Gedenken an die Opfer des Holocaust, und gehen dann miteinander essen. Es ist so paradox wie menschlich: Die Katastrophe, die so viele von uns vernichtet hat, dient als Fundament für das Wiedersehen von Familien, für unsere Gemeinschaft. Die ersten Male überwog bei diesen Ausflügen für mich die Freude. Ich mochte das Zusammensein, den festen Ablauf, das Plaudern darüber, wer was im letzten Jahr erlebt hatte. Dazu war das Essen immer sehr üppig und lecker.

Mit jedem neuen Jahr aber wunderte es mich mehr, dass es stets dieser traurige Anlass sein musste, um sich zu treffen.

Irgendwann fing ich an, über den Tellerrand von Kaposvár hinauszublicken, und stellte fest, dass auch in den großen Gemeinden von Budapest und Berlin die positive Seite der jüdischen Zivilisation – die jüdischen Sprachen, die jüdische Philosophie, die Volksmusik, die Glaubenspraxis oder der jüdische Kalender – nur selten die Hauptrolle spielte. Überall stattdessen: Holocaust und Antisemitismus. Die Schrecken von früher und die Ängste von heute. An keiner anderen von jüdischen Gruppen organisierten Veranstaltung in Ungarn nehmen so viele Nicht-Juden teil wie am Marsch der Lebenden, Zehntausende sind es jedes Jahr. Die Verantwortung dafür, dass die meisten hauptsächlich gegen das Vergessen marschieren, aber die fröhlichen Anlässe kaum berücksichtigen, liegt vor allem bei der offiziellen Vertretung der Juden. Der Dachverband der jüdischen Gemeinden in Ungarn beschäftigt sich fast nur mit Themen rund um Antisemitismus und Holocaust, da verwundert es wenig, wenn sich auch die breite Bevölkerung fast nur mit dem Beinahetod meiner Zivilisation befasst. Aber zu beklagen ist es allemal, und es zu ändern bedarf keiner Wunder.

Damals in Kaposvár nahm ich das europäische Judentum immer mehr als eine Gemeinschaft wahr, die versucht, unsichtbar zu sein, und nur dann hervortritt, wenn sie ihre Existenz gefährdet sieht. Ich sah etwas, das mich nicht überzeugte. Es musste auch anders gehen. Ich musste es anders machen. Zunächst einmal für mich selbst. So viel war klar. Aber es dauerte länger, als ich dachte, und war von mehr Rückschlägen begleitet, als mir lieb gewesen wäre.

Mein erster Schritt in die neue Richtung bestand darin, öffentlich eine Kippa zu tragen. Raus aus der Unsichtbarkeit. Das war mein Credo. Auch wenn es eher zufällig dazu kam. Eine Familie feierte mit Freunden Chanukka in ihrer Wohnung in Elisabethstadt, im siebten und »jüdischsten« Bezirk von Budapest. Als die Gäste nachts ihre Wohnung verließen, rief ein Polizist, der draußen auf der Straße patrouillierte, sie sollten sich besser nicht mit den Kippot draußen sehen lassen. Diese falsche Vorsicht in Bezug auf die Kippot und die Gefahr, dadurch antisemitischen Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist fester Bestandteil des Repertoires. Es gehört zur No-go-Area-Rhetorik. Irgendwo auf der Welt gibt es immer einen Ort, den jemand als für Juden besonders gefährlich ausmacht, woraus dann die Gefährdung der Existenz des gesamten Judentums abgeleitet wird.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat, wie Daniel Alter vor ein paar Jahren, kürzlich Neukölln erneut zur No-go-Area für Juden erklärt, mit Verweis auf die hohe Anzahl von Muslimen in diesem Berliner Bezirk. Aber das ist eine lange Geschichte, und sie soll später genauer erzählt werden. Nur so viel: Ich wohne seit drei Jahren in Neukölln und kann sagen, es lebt sich gut hier. Und ich habe den Verdacht: Wer von No-go-Areas spricht, will nicht die einen schützen, sondern vor allem die anderen brandmarken.

Jedenfalls: Einer der Juden, an die sich der ungarische Polizist gewandt hatte, war ein politischer Aktivist und machte die Sache publik. Eine kleine liberale Partei organisierte daraufhin die Demonstration Kippot ohne Angst, und ich, 19 Jahre alt, gerade zum Studieren nach Budapest gezogen, trug dort zum ersten Mal öffentlich eine Kippa.

Die Kippa ist seit der späten Antike ein Symbol für jüdische Religiosität. Es war eigentlich den Gelehrten vorbehalten, ihren Kopf zu bedecken, irgendwann ging die Praxis auf das jüdische Fußvolk über.

An diesem kalten Abend liefen Hunderte von kippot-tragende Juden und Menschenrechtsaktivisten ungestört durch die Pester Innenstadt. Die Atmosphäre war wie auf der Pester Donau-Promenade. Wir alle wussten, dass 99 Prozent der Anwesenden den Kopf nur zu diesem Anlass bedeckten. Dennoch fühlte es sich richtig an. Mit Kippa waren wir sichtbar, mit Kippa bekannten wir uns und sorgten dafür, dass andere uns erkannten. Und das, so mein Fazit des Abends, war doch notwendig, wenn man beginnen möchte, sich seinem Gegenüber anzunähern.

Wir hielten bis 20 Uhr aus, dann ging ich zufrieden nach Hause, denn ich hatte die Welt gerettet. Ich warf meine Kippa zurück in das oberste Fach des Kleiderschranks, wo sie lange Zeit gelegen hatte. Ursprünglich war sie ein Geschenk meines Vaters. Er hatte sie mir gekauft, noch bevor ich mit meiner Religiosität Ernst gemacht hatte. Sie war blau-weiß gehäkelt und ohne Stern. Eine sogenannte Kippa sruga, die heute vor allem von rechtsextremistischen Israelis und Siedlern im Westjordanland getragen wird – das wusste ich aber damals noch nicht.

Hätte mir jemand an jenem Abend gesagt, dass ich ein paar Jahre später praktisch jeden Tag zu bestimmten Anlässen meinen Kopf bedecken würde, hätte ich ihn ausgelacht. Erst mal kehrte ich in die Unsichtbarkeit zurück.

Schon vor dem Holocaust haben sehr viele jüdische Familien die Strategie der Unsichtbarkeit verfolgt: den Weg der Assimilation. Eltern, die Angst vor Antisemiten hatten, erzählten ihren Kindern häufig nicht, dass sie jüdisch sind. So ist es auch in meiner Familie geschehen, sechs Jahrzehnte nach der Schoa. Als ich in meinem katholisch geprägten Realgymnasium antisemitisch beschimpft wurde, konnte ich diesem »Vorwurf« immer mit einer inneren Ruhe widersprechen: Ich wusste ja bis zu meinem 16. Lebensjahr nicht, dass ich Jude bin. Meine Klassenkameraden waren da allerdings anderer Ansicht, sie ließen kaum einen Tag vergehen ohne eine antisemitische Beschimpfung: »Warum grinst du so blöd mit deiner jüdischen Visage?«, »Der Jude weiß die Antwort wieder!« oder einfach nur: »Halt die Fresse, du Jude!« Ich gewöhnte mich langsam daran, schikaniert zu werden. Mobbing unter Kindern ist ja nichts Außergewöhnliches. Marci wurde wegen seines Übergewichts gehänselt, Petra wegen ihrer Brille und ich wegen meiner scheinbar jüdischen Visage. C’est la vie.

Antisemiten riechen Juden kilometerweit gegen den Wind. Mohamed, ein arabischstämmiger deutscher Freund in Berlin, ist immer wieder erstaunt darüber, wie man mich allein wegen meines Aussehens als Jude identifizieren kann. Wenn ich meine angeblich semitischen Lippen dafür verantwortlich mache, weist er schockiert darauf hin, dass es in Deutschland seit ungefähr 80 Jahren nicht mehr adäquat sei, über Rassenmerkmale zu sprechen. Ich entschied mich, ihm nicht zu erzählen, dass im ungarischsprachigen Netz Hunderte von Seiten kursieren, die diese Merkmale auflisten, um die Identifizierung von Juden für Antisemiten einfacher zu machen: »Wie erkennt man Juden im Alltag?«, fragt die Webseite Jövőnk.info (Unsere Zukunft). Die Webseite Igaz Magyarok (Wahre Ungarn) führt eine bunt illustrierte Liste von Nasen, Augenbrauen und Pausbäckchen. Auf der ungarischen Version von GuteFrage.net, auf Gyakori Kérdések, gibt es folgende Antworten auf diese Frage: »Semiten haben viele physische Merkmale, man muss sie jahrelang in anthropologischen Büchern studieren.« Ein anderer User ist mehr praxisorientiert: »Wenn jemand einen deutschen Namen hat, aber nicht deutsch aussieht, ist er bestimmt jüdisch.«

Ich wurde von meiner Umgebung zum Juden gemacht, bevor mir meine Herkunft überhaupt bewusst war. Seltsamerweise fühlte es sich für mich gar nicht so schlecht an, quasi schon sadomasochistisch gut, der Klassenjude zu sein. Ich baute mir eine innere Synagoge aus Lügen auf. Einmal habe ich einem Klassenkameraden minutiös beschrieben, wie ich in der Stadt Győr, in der Hauptstadt unseres Komitats, einen Rabbiner kennenlernte. Er habe mir sehr geholfen, erklärte ich. Dabei wusste ich nicht einmal so richtig, was ein Rabbiner ist. Wenn ich heute darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss: Ich würde wieder lügen. Die komische Grimasse meines Klassenkameraden, als ich ihm davon erzählte, machte mich stolz. Den Gedanken, jüdisch zu sein, fand ich spannend, ohne zu wissen, dass es mal Realität werden würde.

Mein koketter Umgang mit dem Judentum endete an einem Sommertag im Jahr 2007, als ich mitten in eine antisemitische Demonstration geriet. Ich war 17 Jahre alt – seit einem Jahr wusste ich um die Herkunft und Geschichte meiner Familie – und auf dem Weg zur Stadtbibliothek von Sopron, um eine Gedichtsammlung von Pier Paolo Pasolini auszuleihen. Meine Mutter hat immer gute Buchempfehlungen.

Mein Weg von zu Hause in die Bibliothek führt normalerweise über den Széchenyi-Platz, einen großen Platz in der Stadtmitte. Dort steht die majestätische Statue von Graf István Széchenyi (1791–1860), dem großen Staatsreformer. Mein Gymnasium trug ebenfalls seinen Namen. Széchenyi, der auch als »Der größte Ungar« bekannt ist, war übrigens ein überzeugter Antisemit und positionierte sich gegen die Judenemanzipation: »Mit der Emanzipation der Juden verhält es genau sich so, als wenn der Planet Jupiter mit der Erde zusammenstieße; denn jener würde diese verschlingen«, schrieb er im Jahr 1839 in seinem Tagebuch.2 Széchenyi stellt dies 48 Jahre nach der Naturalisation der Juden in Frankreich (1791) fest, 27 Jahre nach deren bürgerlichen Verbesserung in Preußen (1812) und zur selben Zeit mit der Gleichstellung der Juden im Ottomanischen Reich. In Österreich-Ungarn kommt das erst im Jahr 1867.

Der Széchenyi-Platz mitten im Zentrum von Sopron war voll von schwarz gekleideten Menschen. Sie trugen verspiegelte Sonnenbrillen, ihre Glatzen waren von schwarzen Mützen verdeckt. Diese Menschen vertraten keine der liberalen Gedanken des Reformers Széchenyi. Sie beriefen sich nicht auf seine Förderung der schönen Künste und der Wissenschaften. Die schwarz gekleideten Gestalten feierten nur seinen kruden Antisemitismus. Dutzende von ungarischen Fahnen und rot-weiß gestreiften Árpád-Flaggen wehten in einer sanften Brise über ihren Köpfen. Árpád, ein alter ungarischer Fürst, wurde oft und gern von ungarischen Rechtsextremen missbraucht. Mein Herz schlug bis zum Hals, ich verstand schnell, dass ich Zeuge einer Versammlung von Mitgliedern der Ungarischen Garde geworden war, dem paramilitärischen Arm der Jobbik-Partei. Bisher hatte ich die nur im Fernsehen gesehen, jetzt standen sie mitten in meiner kleinen Heimatstadt. »Was suchen die Juden in Palästina?«, fragte der Jobbikfunktionär, und das Publikum schrie und johlte. Ich rannte um mein Leben, erst etliche Blocks weiter hielt ich wieder an und rang nach Luft.

Heute wäre mein erster Gedanke, dass die meisten dieser Menschen nicht einmal eine Ahnung haben, wo Palästina liegt. Damals spürte ich nur Angst. Ich ging einen großen Umweg zur Bibliothek. Als ich in der Bibliothek angekommen war – die übrigens auch nach Széchenyi benannt ist –, fühlte ich mich tatsächlich erleichtert und versteckte mich hinter meinen Büchern. Die Welt wäre so viel schöner, wenn die Nationalisten vor ihren »Problemen« auch in Bücher flüchten würden!

Es war nicht das letzte Mal, dass ich aus einem solchen Grund einen Umweg machen musste: Und immer war es ein kleiner Rückschlag, denn die alte Angst, die ich in der Gemeinde gelernt und seitdem versucht hatte immer weiter zurückzudrängen, die Angst um die Existenz der Juden in Europa, besetzte wieder das Zentrum, das meiner jüdischen Identität.

Oft fragte ich mich in diesen Momenten der Angst, ob meine Situation vergleichbar wäre mit der der assimilierten Juden um die Jahrhundertwende. Auch sie waren in einem engen Korsett gefangen, standen unter enormem Anpassungsdruck, wollten ihre jüdische Identität vergessen. Sie haben sich taufen lassen, sie haben ihre Kultur und Religion aufgegeben. Sie haben ihre jüdisch klingenden Namen gewechselt. In meiner Familie hieß Rosenthal dann Rózsa, Deutschländer hieß Darvas. Die Assimilationsversuche fanden wenig Anerkennung, man warf den Rózsas oder Darvas Opportunismus vor, unterstellte ihnen, sie wollten nur ihre Karrierechancen damit verbessern. Die ungarischen Volkszählungen aus den Jahren 1880, 1910 und 1920 listen dementsprechend »Juden nicht-jüdischer Religion« auf, die Namen änderten sich, die Skepsis blieb.3

Den Assimilierten begegnete auch die jüdische Seite mit Zurückhaltung. Ich las in der Budapester Bibliothek, die bis heute den Namen des jüdischen Sozialwissenschaftlers und Revolutionärs Ervin Szabó (1877–1918) trägt, mit großer Begeisterung die Originalausgabe des Buches des berühmten und polarisierenden deutschen Rabbiners Abraham Geiger (1810–1874) – des Namensgebers meiner späteren Ausbildungsstätte in Berlin. Geiger vertritt die Ansicht, dass es fast unmöglich sei, an die Göttlichkeit von Jesus und seiner Geschichte zu glauben, wenn man nicht schon mit der Vorstellung auf- und zusammenwächst. Ein Jude könne Jesus höchstens als einen »aufgeklärten Menschen« schätzen, aber nicht als Sohn Gottes.4 Ich hätte diese These dem jungen katholischen Priester erläutern sollen, den ich bei einem Stadtfestival in Sopron kennenlernte und der mir danach monatelang E-Mails über Jesus und seine Botschaft schickte. Seine Mission bestand darin, mich zu retten, ans christliche Ufer zu ziehen.

Die assimilierten Juden wurden von den Juden als auch von den Nicht-Juden weiterhin als Juden behandelt und aus jeweils anderen Gründen stigmatisiert. Sie saßen zwischen den Stühlen. Identifizierung, das Selbstbild, das ist das eine; Identifikation, das Bild der anderen von dir, das ist das andere. Das Zusammenspiel von Identifizierung und Identifikation hat politische Folgen, für jeden Einzelnen, für die Juden und die Ex-Juden von damals und heute – für mich. Je weiter man an den Rand seiner ursprünglichen Gruppe gerät, desto mehr ist man der Ausgrenzung der anderen und der vormals eigenen ausgesetzt. Der Integrationsdruck funktionierte damals nicht, er wird heute nicht funktionieren. Menschen aufgrund »mangelnder Integrationswilligkeit« zu sanktionieren, egal ob wir von den Juden des 19. Jahrhunderts oder von den Muslimen des 21. Jahrhunderts sprechen, trägt nicht zur Integration bei. Deutschland versteht auch gegenwärtig nicht, dass Integration bloß auf der Basis von eigener Motivation gelingen kann. Diese Motivation wird allein durch die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls erreicht, nicht mit einer Stigmatisierung als »der Andere«.

Im März 2014 war ich wieder in Budapest, als Berliner Rabbinerstudent und Tourist. Aber auch als Tourist beteiligte ich mich an einem Protest gegen den Bau des Denkmals zur Erinnerung an die deutsche Besatzung von 1944 am Szabadság tér, am Freiheitsplatz. Seit Wochen war dies das Hauptthema in den ungarischen Medien: Die Regierung baut ein Denkmal, das Ungarn als Opfer des Deutschen Reichs darstellt. Als ob die Ungarn im Zweiten Weltkrieg nicht freiwillig Hitlers Seite gewählt hätten. Ungarn, regiert vom Reichsverweser Miklós Horthy (1868–1957), war ein Verbündeter Nazi-Deutschlands und hatte viele für Juden diskriminierende Gesetze lange vor der deutschen Besetzung eingeführt. Eigentlich war das Nachkriegs-Ungarn 1920 mit dem Numerus-Clausus-Gesetz der erste europäische Staat, der eine Einschränkung der Bürgerrechte der Juden durch die Einführung einer Nationalitätenquote im Hochschulwesen vornahm.5 Der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906–1962), der für die »Endlösung der Judenfrage« in Ungarn verantwortlich war, wurde überrascht von der Bereitschaft der von Horthy ernannten Regierung, ihm dabei zu helfen.

Es nieselte. Die Säulen des Denkmals standen schon. Ein paar Hundert Menschen standen herum, mehrheitlich Rentner. Alle ratlos. Den bärtigen, unbekannten Redner konnte aufgrund seines lausigen Billig-Megaphons niemand hören. Nach meinen jüngsten Erfahrungen mit der Salaam-Schalom-Initiative in Berlin wäre ich am liebsten direkt eingeschritten, um der Demo etwas auf die Beine zu helfen. Aber es wäre nicht nur arrogant gewesen, es war einfach nicht meine Baustelle. »Was sagt er?«, fragte ungeduldig die ältere Dame neben mir. Sie trug eine sehr auffällige blonde, eher gelbe Perücke. Ich schaute mich um. Wahrscheinlich war ich der Jüngste. Die Demonstranten schienen dieselben zu sein, mit denen ich damals auf der Kippot-Demonstration gewesen war. Ich freute mich, sie wiederzusehen. Und mir wurde erneut klar, wie groß die Notwendigkeit war, die neuen Generationen zu mobilisieren.

Auf der Kippot-Demonstration sind wir auf die Straße gegangen, weil wir unser Judentum gegen Antisemitismus verteidigen wollten. Es war etwas Positives für uns. An diesem Tag im Jahr 2014 aber reichte mir das nicht mehr. Es konnte doch nicht sein, dass wir unsere Identität nur verteidigten, statt sie zu leben, ihre reiche Kultur zu zelebrieren.

Auf dem Nachhauseweg versuchte ich, mich an die Momente zu erinnern, in denen ich meine jüdische Identität positiv ausgeübt hatte, und kam sofort auf den Herbst meiner ersten öffentlichen Rede. Nachdem der Fidesz-Abgeordnete István Varga im Parlament gefordert hatte, Frauen sollten mindestens vier oder fünf Kinder bekommen, da das für mehr Respekt und weniger häusliche Gewalt sorge, organisierten mehrere feministische Gruppen einen Protestmarsch. Man muss sich den Subtext einmal vor Augen führen. Nur wenn die Frau sich als effiziente Gebärmaschine erweist, ist sie vor Schlägen von ihrem Mann sicher. Und gleichzeitig berichten europäische Medien darüber, dass Misogynie in Europa eine Importware aus dem Nahen Osten, etwas Islamisches sei.

Das war im Jahr 2012, ich war zu dieser Zeit in der liberalen Jüdischen Gemeinde Sim Schalom aktiv. Es war an einem spätsommerlichen Nachmittag im September, ein Tag vor Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr. Ein paar Tausend Menschen hatten sich vor dem Parlamentsgebäude in Budapest versammelt, hauptsächlich ältere Frauen.

Also sprach ich darüber, wie wir moderne Juden die chauvinistischen Elemente unserer Tradition, die den wichtigeren ethischen Lehren widersprechen, an die Gegenwart anpassen können. Ein Weg ist die moderne Orthodoxie: Sie hält an den traditionellen, chauvinistischen Formulierungen der jüdischen Liturgie fest, liefert aber eine zeitgenössische, feministische Auslegung mit. Ein anderer besteht darin, die ethisch problematischen Stellen zu ändern. Unter der Mehrheit der religiösen Juden auf dieser Welt, in den Synagogen des liberalen Judentums, sprechen die Männer heute nicht mehr den Segensspruch »Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nicht als Weib erschaffen hat«, sondern: »Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nach Seinem Willen erschaffen hat.« Aber nicht nur unsere Theologie muss egalitär sein, auch unsere Praxis: In modernen orthodoxen Ge