Informationen zum Buch

Weihnachten am Meer.

Weihnachten auf Sylt! Was kann es Schöneres geben? Doch nicht für Thiemo, der eigentlich von der Insel stammt. Als er kurz vor Heiligabend mit seiner Freundin nach Kampen reist, um dort mit ihren reichen Freunden zu feiern, beschleichen ihn immer mehr Zweifel, ob die verwöhnte, launische Victoria die richtige für ihn ist. Um ihr ein Weihnachtsgeschenk machen sie zu können, bestiehlt er eine alte Frau. Doch ausgerechnet sie begrüßt ihn wie einen Sohn und lädt ihn zu sich ein. Als er die alte Dame besucht, um das Geld zurückzubringen, erlebt Thiemo die größte Weihnachtsüberraschung seines Lebens.

Das besondere Weihnachtsbuch – nicht nur für Sylt-Fans. Von der Autorin des Bestsellers »Die Walfängerin«.

Ines Thorn

Ein Stern über Sylt

Ein Weihnachtsroman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Über Ines Thorn

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

1. Kapitel

Es war manchmal so, als würde eine unsichtbare Wand Thiemo von seinen Freunden trennen. Gerade jetzt wieder. Johannes hob die Hand und fragte die anderen: »Kennt ihr den? – Der Strand auf Sylt ist jedes Mal überlaufener. – Ja. Schrecklich. Diesmal mussten wir uns schon mit einer Reihensandburg zufrieden geben.«

Die anderen – Maja und Marten, Annabelle und Victoria – lachten. Thiemo stand mitten unter ihnen, sah in die fröhlich geröteten Gesichter, doch den Witz fand er nicht lustig, und, wenn er ehrlich war, wäre er lieber woanders gewesen als ausgerechnet hier in der rappelvollen Keitumer Teestube.

Es hatte den ganzen Tag über geregnet. Ein feiner, spitzer Nieselregen, den man kaum sah, der einen aber doch bis auf die Haut durchnässte. Über der Insel hatten den ganzen Tag Nebelschwaden gehangen, die im leichten Wind wie schwere Bettdecken hin und her wogten und alle Farben aufsaugten, so dass die Insel ihr graues Gesicht zeigte und selbst das Meer wie stumpf gewordenes Silber aussah. Jetzt, am Abend, ging der Nieselregen in Schnee über. Und mit einem Mal wirkte die Insel wie der Ort aus einem Märchenbuch. Die Reetdächer der Friesenhäuser färbten sich weiß, das gemütliche Licht aus den Fenstern warf goldene Schatten auf die leicht verschneiten Vorgärten. Auch die Geräusche waren gedämpft, und Thiemo hatte den Eindruck, dass er sich zum ersten Mal an diesem Tag selbst hören konnte, hier im Garten der Keitumer Teestube vor einer Holzhütte, in der Glühwein ausgeschenkt wurde. Die Lichterketten verbreiteten ein festliches Licht, unter dem es sich schwer lärmen ließ. Sein Blick hing an Victoria, der schönen Victoria, Star der gesamten Bremer Jacobs-Universität. Victoria war wirklich schön. Schön auf den ersten Blick mit ihrem langen Blondhaar, den blauen Augen mit den rabenschwarz getuschten Wimpern, dem leichten Rougeschatten auf den Wangen und dem breiten Mund, der so herrlich lachen konnte. Oder – wie jetzt – in einem trotzigen Bogen nach unten zeigte.

»Dieser grüne Kaschmirpullover ist einfach ein Traum. Ich glaube, ich sterbe, wenn ich ihn nicht bekomme«, sagte sie und schaute dabei in seine Richtung, während ihre Hand auf dem Arm von Johannes lag. Sie waren am Vormittag bummeln gewesen. Ausgerechnet in Kampen auf der Whiskymeile. Sie waren Hand in Hand an Boutiquen und Bars entlanggeschlendert. Nur sie beide, Thiemo und Victoria. Und alles war so schön gewesen. Victoria hatte das Grelle und Laute abgelegt, das sie so oft hatte, wenn die anderen dabei waren. Mit ihm war sie leiser und irgendwie glänzender. So zumindest kam es Thiemo vor. Victoria, das sagten alle, hatte viel Glamour. Sie trug stets die neuesten Klamotten, hatte das coolste Smartphone und die trendigste Frisur. Sie verstand es ausgezeichnet, sich in Szene zu setzen; sie war der Mittelpunkt aller Partys, und selbst hier, in Kampen, drehten sich nicht nur die Männer nach ihr um. Thiemo wusste nicht genau, wieso, aber er mochte Victoria sehr viel lieber, wenn sie allein waren. So wie heute Vormittag auf dem Strönwai. Der Nieselregen war ihm wie Kristallschnüre vorgekommen, der Wind wie ein Streicheln. Doch dann hatte Victoria diesen Kaschmirpullover im Schaufenster einer dieser übertriebenen Boutiquen entdeckt.

»Sonderangebot!«, stand auf einem großen Schild dabei. »Statt 1999 EUR nur 999 EUR.« Thiemo hatte nicht gewusst, dass man so unfassbar viel Geld für einen Pullover bezahlen konnte, aber in Kampen auf Sylt war das noch nicht einmal ungewöhnlich. Er hatte gelacht, hatte sich nicht vorstellen können, dass irgendjemand 999 Euro für einen Pullover ausgeben würde. Das war ja der halbe Monatsverdienst seiner Mutter, die als Krankenschwester arbeitete. Victoria war wütend geworden über sein Gelächter. »Ja, ich weiß schon«, hatte sie ihn mit blitzenden Augen angezischt. »Für dich ist so etwas dekadent. Aber für mich ist Luxus einfach wichtig. Ich liebe es, gutgekleidet zu sein.« Sie hatte ihn einfach stehen gelassen. Sogleich waren aus den Kristallschnüren spitze Tropfen geworden, und das Laute der Whiskeymeile hatte alles übertönt, sogar Thiemos Gedanken. Er hatte Victoria hinterher gesehen, hoffend, dass sie einen Witz gemacht hatte. Wieder einmal einen Witz, den er nicht verstand. Aber jetzt war es genug. Jetzt müsste sie sich zu ihm umdrehen, mit einem Lachen und ausgebreiteten Armen ihm entgegenstürzen. Doch das tat sie nicht. Sie ging einfach weiter, und die Absätze ihrer Stiefel klackerten empört über das Pflaster. Nun endlich begriff Thiemo, dass sie ihre Worte ernst gemeint hatte. Er wusste ja, wie launisch Victoria sein konnte. Deshalb zuckte er mit den Achseln und begab sich weg von der lauten Straße hinunter zum Meer, das eigentlich noch schlimmer lärmte, seine krachenden Brecher mit unglaublichem Getöse an den Strand warf, aber seinen Ohren doch Erholung schenkte. Er war gern am Meer. Und er war gern allein. Beides unterschied ihn von Victoria, die es keine Minute ohne Gesellschaft aushielt und das Meer bedrohlich fand. Und vielleicht war es deshalb sogar gut, dass sie nun weg war. Weg. Bei den anderen.

Thiemo blieb lange am Strand. Es störte ihn nicht, dass die Gischt ihm einen Salzschleier auf das Gesicht und die Haare legte. Es störte ihn nicht, dass der Wind in seine Ohren biss, und es störte ihn auch nicht, sich klein und unbedeutend vor der gewaltigen See zu fühlen. Er bückte sich und griff in den kalten, feuchten Sand. Er zerkrümelte ihn zwischen den Fingern, holte dann ein Reagenzglas aus seiner Tasche und gab etwas von dem Sand hinein. Er hatte nicht bemerkt, dass Johannes zu ihm gekommen war. Plötzlich stand er hinter ihm, den Schal zweifach um den Hals geschlungen, die Hände in den Taschen seines glänzenden Anoraks.

»Was machst du da?«, fragte Johannes.

»Ich nehme Bodenproben«, erwiderte Thiemo. »Für meine Abschlussarbeit. Ich hatte dir davon kurz erzählt.«

»Ja. Die Sandabtragsgeschichte.« Johannes nickte und blickte auf das Meer hinaus, als wollte er die Schaumkronen zählen.

»Warum bist du nicht bei den anderen?«, wollte Thiemo wissen.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht war mir einfach danach, zur Abwechslung etwas Sinnvolles zu tun. Falls man Spaziergänge am Strand als etwas Sinnvolles bezeichnen kann.« Er hockte sich neben Thiemo. »Manchmal beneide ich dich, weißt du das?«

»Mich? Warum denn? Ich habe nichts, was man beneiden kann.«

»Du hast ein Ziel. Und du hast Träume.«

»Du nicht?«

Johannes schüttelte den Kopf. »Es gibt nur Erwartungen, die ich erfüllen muss.«

Thiemo wusste nicht, was er sagen sollte, deshalb machte er eine Handbewegung, die die ganze Insel umschloss. »Jedes Jahr werden auf Sylt rund eine Million Kubikmeter Sand fortgespült. Die Insel wird immer kleiner.«

»Steht in jedem Heimatführer«, antwortete Johannes. »Und die Sandaufspülungen kriegen wir ja selbst mit. Überall Bagger und Lärm statt Strand und Ruhe.« Er lachte matt. »Sagt jedenfalls mein Vater. In den Griff bekommt man die Sache aber deshalb noch lange nicht.«

»Sagt auch dein Vater«, stellte Thiemo fest.

Johannes lachte. »Ja. Genauso ist es.«

»Ich würde gern etwas erfinden, was die Sandfortspülungen aufhält«, sagte Thiemo leise. »Ich würde gern dafür sorgen, dass die Insel nicht mehr kleiner wird.«

Johannes erhob sich. »Siehst du, das meine ich mit Traum. Oder Ziel. Du wirst das schaffen, da bin ich sicher. So und jetzt zurück zu den anderen. Kommst du auch?«

»Vielleicht später.«

»Victoria wird auf dich warten«, fügte Johannes hinzu.

»Nicht, wenn du da bist«, entgegnete Thiemo.

Die beiden jungen Männer lächelten kurz, dann hob Johannes die Hand und ging über den Strand zurück in die kleine Stadt.

Hier draußen, am nassen Strand hockend und das Gesicht von der Gischt ganz feucht, fühlte Thiemo sich wohl. Er fühlte sich mit sich und der Welt im Einklang. Er brauchte keinen Kaschmirpullover für beinahe tausend Euro wie Victoria. Er brauchte überhaupt sehr wenig. Nur ziemlich viel Ruhe und vielleicht einen Menschen, der ihn voll und ganz verstand. Bei dem er sich zu Hause fühlen konnte. Angenommen. Geschätzt. Victoria hatte ihn angenommen, zumindest hatte er hin und wieder den Eindruck. Aber so, wie man ein Hündchen aus dem Tierheim annimmt, das man notfalls zurückgeben kann, wenn man seiner überdrüssig wird. Victoria! Ach, wenn er sie doch verstehen würde! Wenn er doch immer wüsste, was sie gerade meinte. Wenn er doch sicher sein könnte, dass sie keinen solchen blöden Pullover brauchte und ihn vorhin nur an der Nase herumgeführt hatte.

Erst am Nachmittag, im Garten der Keitumer Teestube, waren sie wieder aufeinandergetroffen. Und noch immer hatte Victoria nichts anderes als diesen blöden Pullover im Kopf.

»Du hast doch bestimmt schon ein halbes Dutzend Kaschmirpullover«, erklärte Thiemo, des Themas allmählich überdrüssig. »Warum brauchst du unbedingt noch einen weiteren? Ich kann dich doch wärmen.«

Die anderen lachten. Thiemo kam sich dumm vor, aber er verstand wirklich nicht, warum Victoria noch einen Pullover brauchte.

»Du hast doch mich. Ich kann dich wärmen«, wiederholte er leise. Er meinte, was er sagte, während die anderen seine Worte für einen Witz hielten. Wenn man liebt, hatte er immer gedacht, dachte er noch heute, dann hat man keine anderen Bedürfnisse, als dem oder der Geliebten nahe zu sein. Dann kannte man weder Hunger noch Durst, noch brauchte man einen Pullover. Vor allem dann nicht, wenn der Mantel des Liebsten Platz bot für zwei. Aber Victoria war ja nicht seine Geliebte. Er wusste eigentlich gar nicht, was sie für ihn war. Manchmal berührte sie ihn und küsste ihn gar, und dann glaubte er, sie wäre seine Freundin. Und dann, so wie jetzt, hängte sie sich bei Johannes ein, warf ihm verliebte Blicke zu, und Thiemo war sich sicher, dass sie Johannes’ Freundin war.

Als er noch auf der Insel gewohnt hatte, hatte es eine alte Frau gegeben, die manchmal auf ihn aufgepasst hatte. Sie hatte ihm Geschichten erzählt, Märchen und Sagen oder einfach nur Lebensweisheiten. Wie sie aussah, wusste er heute nicht mehr, und ihren Namen hatte er auch vergessen. Doch nicht ihre Geschichten. Und an ihre Worte konnte er sich ebenfalls noch gut erinnern: »Liebe macht satt«, hatte sie immer gesagt. »Liebe macht wunschlos, weil sie alles enthält, was du dir je gewünscht hast. Wenn du einen Menschen triffst und keinen anderen Wunsch mehr hast, als mit ihm zusammen zu sein, dann weißt du, dass es Liebe ist.«

Ob er Victoria liebte, wusste er nicht genau, denn es gab da noch ein paar Wünsche, die er auch in Victorias Gegenwart nicht vergessen konnte. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Und wahrscheinlich auch die Liebe. Wenn er sich denn sicher sein könnte, dass Victoria ihn liebte, dann – so sagte er sich – wüsste er auch sicher, ob er sie liebte. Aber dieses ewige Hin und Her verwirrte ihn ganz und gar, so dass er manchmal einfach nicht wusste, was er von Victoria halten sollte.