Informationen zum Buch

Vom Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

Trotz Sterbehilfediskussion ist der frei gewählte Tod ein Tabu. Anne Waak beschreibt auf unterhaltsame und profunde Weise, wie und warum Menschen in Gegenwart und Vergangenheit den Tod suchten. Ein lebensbejahendes Buch über das Sterben.

»In Anne Waaks kleiner Kulturgeschichte zeigt sich der ›freie Tod‹ einmal nicht als Schandmal, sondern von seiner bizarrsten, lustigsten und verführerischsten Seite.« Ingo Niermann

So divers die Umstände jedes einzelnen Falls sind und so sehr sich die Selbstmordraten je nach Kulturraum und Epoche unterscheiden, so eingeschrieben scheint der Suizid in die Geschichte der Menschheit. Und dennoch: Er ist die Absage an die Gemeinschaft, eine Beleidigung derer, die zurückbleiben, und immer eine Tragödie. Das aber hat Menschen noch nie davon abgehalten, sich aus interessanten Gründen und auf interessante Art umzubringen. Anne Waak hat ihre Geschichten gesammelt, sie beschreibt die Orte, Umstände, Beweggründe und zeigt dabei vor allem eines: Der Suizid gehört zum Leben wie jeder andere Tod auch.

Anne Waak

Der freie Tod

Eine kleine Geschichte des Suizids

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Vorwort

Was sie schon immer über Selbstmord wissen wollten

Sechs Lieblingsorte von Suizidalen

Deutschland im Frühling 1945

Fast Selbstmord: Drei Sirius-Fälle und der Mann, der seinen Penis aß

Die Tode der anderen – Selbstmord in der DDR

Live und in Farbe – Die Frau, die vor laufender Kamera Suizid beging

Der Freitod durch die Hand des Henkers

Menschliche Fackeln – Tod durch Anzünden

»Gehe für ein Weilchen weg« – Abschiedsbriefe

Grönland, Unschönland

Die Frau des Mannes, der den Gaskrieg erfand

Eine Waffe namens Ich – Die Geschichte des Selbstmordattentats

Unter der Glasglocke – Schriftstellersuizide

Durch das Himmelstor – Sektenselbstmorde

Berufsrisiko – In der Werkstatt der Welt

Unkrautvernichter: Der lange Tod Isabella Blows

Jugendselbstmorde

Achten Sie auf die Cockpit-Tür – Pilotensuizide

Methoden

Wenn Tiere nicht mehr Leben wollen

Vom Selbstmord erzählen

Bis dass der Tod uns scheidet – Doppelselbstmorde

Der Mann, der aus dem Hochhaus fiel

Dorothy Parker – Resumé

Quellenverzeichnis

Dank

Anmerkungen

Über Anne Waak

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Vorwort

Seit mehr als zweitausend Jahren streitet man sich darüber, ob der Mensch ein Recht hat, sich zu töten, oder die Pflicht, weiterzuleben – bislang ohne Ergebnis. Was man weiß, ist, dass Menschen sich immer umgebracht haben. Laut dem französischen Soziologen Émile Durkheim, der 1897 das Grundlagenwerk »Le Suicide« herausbrachte, hat jede Gesellschaft in jedem Augenblick ihrer Geschichte eine bestimmte Neigung zum Selbstmord.

Oft ist von ihm als einem Tabuthema die Rede – eine Aussage, die Wolfgang Herrndorf in seine Liste der Sätze aufnahm, »die Sie als Vollidiot zum Thema Tod unbedingt sagen müssen«. Tatsächlich eignet sich der Suizid nicht sonderlich gut für Small Talk, andererseits erschienen im Zeitraum zwischen Durkheims Untersuchung und dem Jahr 1970 ganze 4700 Veröffentlichungen zu diesem Thema. Von Verdrängung kann also keine Rede sein. Gerade in dem, was zum Selbstmord geschrieben wird, zeige sich nicht das Tabu des Todes, schreibt Roger Willemsen, sondern »der Terror des Lebens, die Stilisierung der Existenz zum ersten Wert«. Aber, um einen anonymen Abschiedsbriefschreiber zu zitieren: »Was ist schlimmer: tot zu sein oder tot zu leben?«

Ein anderer von Herrndorfs Idiotensätzen lautet, der Tod gehöre zum Leben. Nicht nur aus dem offensichtlichen Grund, weil der eine zwangsläufig am Ende des anderen steht. Sondern auch, weil in jedem von uns neben einem Instinkt zum Leben auch eine Tendenz zur Selbstzerstörung besteht. Viele menschliche Verhaltensweisen tragen dazu bei, die Lebenserwartung zu verkürzen: Rauchen, Trinken, Drogen, kalorienreiches Essen, Sport, die Teilnahme am Straßenverkehr und selbst Sex lassen sich als selbstverletzendes und damit indirekt suizidales Verhalten auffassen. All diese Kulturtechniken sind Teil unseres Gepäcks, das Leben selbst ist immer risikoreich und ultimativ tödlich, ja, es wird, folgt man dem österreichischen Philosophen und Genussverfechter Robert Pfaller, durch tendenziell gesundheitsschädliche Praxen überhaupt erst lebenswert. Innerhalb dieser Logik stellt Selbstmord lediglich einen Extrempunkt auf einer Skala dar.

Das Deutsche ist wahrscheinlich eine der wenigen Sprachen, die vier Worte für diese eine Sache kennen. Jedes von ihnen hat eine eigene ideologische Färbung: Martin Luther hat 1527 als Erster von »sein selbst morden« geschrieben und so den »Selbstmord« geprägt, Sir Thomas Brown erfand im Jahr 1643 den neulateinischen Begriff »Suicid«, Nietzsche den fast romantischen »Freitod« (ein Wort übrigens, das im nationalsozialistischen Deutschland wegen seines negativen Propagandawertes verboten war). Mit dem juristischen Begriff »Selbsttötung« wird versucht, größtmögliche Neutralität zu signalisieren.

Am prägnantesten hat Roger Willemsen das Dilemma beschrieben, der 1986 das Buch »Der Selbstmord« herausbrachte und diesen Titel bei einer späteren Neuauflage erneut wählte, »wohl wissend, dass keine Vokabel das Phänomen im Kern erfasst: So wenig einen ›Mord‹ begeht, wer sich umbringt, so wenig ›frei‹ ist, wer in den Freitod geht. Doch wer, wie die Psychologie, glaubt, dem Dilemma durch Schwulstformen wie ›Suizid‹, ›suizidieren‹ und ›Suizidalität‹ zu entkommen, muss gleichzeitig einräumen, dass ›Suizid‹ nichts anderes ist als die lateinische Übersetzung von ›Selbstmord‹«. Weil also keine Formulierung richtig gut ist, benutze ich sie abwechselnd und ohne werten zu wollen.

In »Le Suicide« beschreibt Durkheim die Linderungs- und Schutzwirkung des Glaubens: Religiöse Menschen bringen sich seltener um als religiös unempfindliche. Unklar ist, ob das an der Hoffnung spendenden Kraft der Religionen oder an ihrem Selbstmordverbot liegt, das den Glauben zu einer Art instrumentalisierten Angst vor sich selbst macht. Erst mit dem Tod Gottes befreit sich der Mensch, er ist damit allein für sein Leben und damit auch für sein Sterben verantwortlich. Dass das Leben das größte Geschenk ist, das er – ungefragt – bekommt, heißt nicht, dass er es nicht zurückgeben kann. Der Selbstmord ist die letzte Freiheit, die uns bleibt. Auch und selbst in den Fällen, wenn er falsch ist, feige oder unendlich grausam gegen andere.

Ein Buch über Selbstmord muss heute auch immer eines über Depression sein. Aber wie frei ist ein Tod, der unter dem Eindruck begangen wird, nur so dem Zustand entkommen zu können, den der Autor Alexander Wendt mit »die Widerwärtigkeit außen und die Hässlichkeit innen« beschreibt, als eine Kapsel der Traurigkeit, gleich »einem großen metallenen Überraschungsei, dessen symmetrische Hälften sich aufeinander zubewegen«.

Seit die Menschen über den Selbstmord nachdenken, haben sie sich mit der Depression (oder der Melancholie, wie sie lange hieß) beschäftigt. Es wurde empfohlen, sich das Gesicht mit Hasenblut zu waschen oder einen Bezoar bei sich zu tragen, einen Stein, der aus verschluckten Haaren und organischen Abbauprodukten im Magen von Wildziegen entsteht. Erst der Mediziner Emil Kraepelin definierte 1899 das »manisch-depressive Irresein« als Krankheit mit körperlichen Ursachen. Aber nur weil die Depression nicht mehr als Problem der Galle oder als Gottesstrafe verstanden wird, sondern als eine Art Schnupfen des Gehirns, heißt das noch lange nicht, dass sie so einfach heilbar wäre. Antidepressiva helfen einigen tatsächlich, bei anderen wirken sie immerhin über den Placeboeffekt. Bei manchen schlagen sie gar nicht an. Die Annahme, dass einer Depression ein gestörter Serotonin-Haushalt zugrunde liegt, mag genauso irrig sein wie der Tipp mit dem Hasenblut.

David Foster Wallace beschreibt das Verhältnis einer depressiven Person zur Unerträglichkeit ihrer Krankheit so: Ein Psychotisch-Depressiver sitzt im Obergeschoss eines brennenden Hochhauses. Die Furcht davor, bei vollem Bewusstsein in die Tiefe zu springen, bleibt konstant, aber der Schmerz nähert sich in Gestalt der lodernden Flammen. »Wenn die Flammen nah genug kommen, wird der tödliche Sturz die geringfügig kleinere von zwei Schreckensvorstellungen. Es geht nicht um eine Sehnsucht, sich herunterzustürzen, es geht um den Schrecken der Flammen. Und keiner unten auf dem Fußweg, der hochschaut und schreit ›Nicht‹ und ›Halt durch‹, kann verstehen, warum jemand springt.«

Der Philosoph Byung-Chul Han bezeichnet die Depression als eine narzisstische Erkrankung: »Zur Depression führt der überspannte, krankhaft übersteuerte Selbstbezug. Das narzisstisch-depressive Subjekt vernimmt nur Widerhall seiner selbst. Bedeutungen gibt es nur dort, wo es sich irgendwie wieder erkennt.« Nur so kann ich es mir erklären, dass sich Leute vor Züge werfen. Der Blick ist auf das eigene Unglück verengt, das Leben und der Tod der anderen ausgeblendet.

Jeder Selbstmord ist eine Absage an die Gemeinschaft, eine Beleidigung derer, die zurückbleiben, und immer eine Tragödie. Das aber hat Leute noch nie davon abgehalten, sich aus den verschiedensten Gründen und auf interessante Arten umzubringen. Von einigen von ihnen handelt dieses Buch.

Was Sie schon immer über Selbstmord wissen wollten

Sechs Lieblingsorte von Suizidalen

Deutschland im Frühling 1945

Das 1949 vom Hauptamt für Statistik herausgegebene Kompendium »Berlin in Zahlen« verzeichnet für das Jahr 1945 insgesamt 7057 Fälle von Selbstmord. Deutlich mehr als die Hälfte davon entfallen allein auf den Monat April. Zum Vergleich: Heute sind es etwa 400 im Jahr.

Nun war es nicht etwa so, dass diese Suizide besonders heimlich verübt wurden. In Zeitungen, Rundfunk und öffentlichen Verlautbarungen wurde regelrecht für Selbstmord geworben. Es wäre zweifellos am besten, sagte ein Sprecher des Propagandaministeriums, wenn die vorrückenden Feinde nur noch tote Deutsche vorfänden. In einer Rundfunkrede beschwor Propagandaminister Goebbels das Beispiel Friedrichs II. herauf, für den nur der Sieg oder aber der Tod gegolten habe. Nachdem die Berliner Philharmoniker am 11. April Wagners »Götterdämmerung« gespielt hatten, das »Konzert für Minister Speer«, sollen am Ausgang der Beethovenhalle Hitlerjungen mit Körben voller Zyankalikapseln gestanden haben, die sie an die Konzertbesucher austeilten. In den letzten Kriegsmonaten war das Selbstmordtabu außer Kraft gesetzt.

Seit dem 25. April 1945 war die 65. Armee der Zweiten Weißrussischen Front von Stettin aus unterwegs durch Vorpommern und Mecklenburg-Strelitz, um deutsches Territorium zu erobern.

In Demmin, einem Ort zwei Stunden nördlich von Berlin, der vom Krieg nur aus der Zeitung oder dem Rundfunk wusste, waren die Straßen durch Trecks verstopft. Am 29. April räumte die Wehrmacht fluchtartig und kampflos sämtliche Positionen in der von den drei Flüssen Peene, Trubel und Tollense umschlossenen Halbinsel. Damit die Bewohner der Stadt das Heer auf seinem Rückzug nicht behinderten, sperrte und sprengte die SS die nach Westen führenden Brücken. Sie lieferte Demmins Bevölkerung damit schutzlos der von Osten heranrückenden Roten Armee aus. 15 000 Menschen, dazu einige Tausend Kriegsflüchtlinge, saßen in der Falle. Die meisten hissten Tischdecken und Bettlaken als weiße Flaggen und verkrochen sich in den Kellern. Und Hunderte von ihnen kamen der Einnahme der Stadt zuvor.

Der 27-jährige Lothar Büchner, Haupttruppenführer beim Reichsarbeitsdienst, hatte sich erhängt, genau wie seine Frau und deren Schwester, Mutter und Großmutter. Irgendjemand hatte auch dem dreijährigen Sohn des Paares eine Schlinge um den Hals gelegt. Durch Erhängen waren auch der 71-jährige Geschäftsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bewersdorff und seine Frau, die erwachsene Tochter und deren beide zwei- und neunjährigen Kinder gestorben, die Frau des Wehrmachtoberleutnants und ihr Kind, die Frau eines Polizeihauptwachtmeisters und deren zwei erwachsene Töchter. Andere erschossen sich. Insgesamt 21 Suizide (inklusive der erweiterten Selbstmorde, in Rahmen derer die Kinder starben) verzeichnen die Sterbebücher des Demminer Standesamtes für den 30. April.

Es war derselbe Tag, an dem sich der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler im Führerbunker durch einen Schuss in die Schläfe tötete. Eva Braun, die er am Tag zuvor geheiratet hatte, schluckte eine mit Zyankali gefüllte Messingkapsel, deren Wirksamkeit Hitler zuvor im Garten der Reichskanzlei an seiner Schäferhündin Blondi erprobt hatte. Damit sie dem Gegner auch nicht als Leichen in die Hände fielen, wurden beide, Eva und Adolf Hitler, von Martin Bormann, Hitlers Kammerdiener Heinz Linge, seinem SS-Adjutanten Otto Günsche und Leibwächtern aus dem Führerbegleitkommando noch an Ort und Stelle verbrannt.

Bis zum 3. Mai sollten in Demmin zwischen 500 und 2000 Menschen jedes Alters durch ihre eigene Hand sterben. Oft waren es Eheleute, ganze Familien, mitunter aber auch Alleinstehende, die sich erschossen, vergifteten, erhängten, sich die Pulsadern aufschlitzten oder, das war die am häufigsten gewählte Methode, sich in einem der Flüsse ertränkten, beschwert mit Rucksäcken, in die sie Steine gepackt hatten. »Andere hatten sich aneinander festgeknotet, die Kinder zerrten sie mit sich an den Handgelenken, an Knoten und Schnüren und Seilen. Kleine Babys hielten die Mütter fest umklammert, während sie ins Wasser stiegen«, so Florian Huber, der die erste umfassende Arbeit über die Suizidwelle geschrieben hat, die Deutschland in den letzten Kriegstagen erfasste. Die damalige Medizinstudentin Lotte-Lore Martens war auf der Suche nach ihrem Vater, den sie bei ihrer Flucht aus der Stadt bei Bekannten untergebracht hatte, von wo er mit der Bemerkung verschwunden war, dass er sich umbringen wolle. An der Tollense entlanggehend, notierte sie: »In einer Breite – ähnlich der Bordüre eines Kleides – von ca. 1,5 bis 2 Metern säumten Babywäsche, andere Bekleidungsstücke, insbesondere kostbare Frauenkleider und Pelze, Ausweise, Pässe sowie Geld, viel Geld – niemand bückte sich danach, denn es erschien uns wertlos – die im Frühlingskleid prangenden Auen am Fluss.« Rotarmisten sprangen hinterher und zogen die Leute aus dem Wasser, verbanden ihre Handgelenke oder weckten Frauen und Kinder, die Schlaftabletten geschluckt hatten, und gingen mit ihnen umher. Demmin ist nur ein Beispiel für etwas, was an anderen Orten so oder ähnlich vor sich ging. Heute spricht man von einer Selbstmordepidemie, einer Massenhysterie – einem Sog, dem sich kaum jemand entziehen konnte.