Informationen zum Buch

Mörderisches Land.

Leonie ist heilfroh, als sie in dem verschlafenen Dorf im hohen Norden ankommt. Hier will sie endlich Abstand zu ihrer Scheidung gewinnen und in Ruhe als Lehrerin arbeiten. Bald jedoch stößt sie auf einem Acker über ein brutal ermordetes Mädchen. Zusammen mit dem kauzigen Dorfpolizisten Wahnknecht begibt sie sich auf die atemlose Jagd nach einem Mörder, der sich wie ein Phantom wieder und wieder entzieht. Dann kommt auch noch eine alte Dorflegende ins Spiel. Und obwohl Leonie nicht an Geister glaubt, wird das Ganze immer rätselhafter für sie …

Eine wunderbare Landschaft und eine eigenwillige Frau, die zur Detektivin wider Willen werden muss.

Sofie Rathjens

Aschenkind

Thriller

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Über Sofie Rathjens

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Wenn das Abendlicht in genau dieser Farbe ist

Dann ist ein Loch in der Luft, wo du standest

Hörst du mich, wo du bist?

Bleib genau da, bald komm ich nach

Also wart’ auf mich

Prolog

Ich hatte keine Zeit mehr, zu reagieren, warum, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich immer zu langsam bin, während meine Gedanken rasen. Ich sehe das kommen, heißt es, und ich sehe es schon kommen, jedes Mal, aber tun kann ich doch nichts; es ist wie ein Reflex, keine Reflexe zu haben. Wie die Mimose, die sich höchstens noch zusammenzieht, oder wie Erdmännchen, die sich bei Gefahr totstellen. So bin ich: meistens innerlich irgendwie tot.

Ein Stoß durchfährt mich, und ich liege auf dem Boden. Auf dem Rücken, mit dem Kopf knapp neben der Heizung. Irgendwas hat gerade geknackt. Aber wo?

Es folgt ein hämmernder Schmerz. Die Wirbelsäule glüht und dann juckt mir auf einmal der Kopf, als wäre etwas darin geplatzt, vielleicht auch nur etwas Kleines in meinem Ohr, was, aufs Ganze betrachtet, wohl noch zu verkraften wäre, denke ich und spüre meine Arme nicht mehr. Das Bild wird nun unwiderruflich schwächer. Wenn es so weit ist, sagen sie, sieht man sein Leben an sich vorbeiziehen. Oder Sterne vor den Augen, ein kaleidoskopartiges Flimmern wie beim Einsetzen von Migräne.

Hauptsache, irgendetwas, nur nicht völlig leer ausgehen. Wie der letzte gute Film, den man sich verdient hat nach einem ehrlichen Leben, bevor dann alles vorbei sein soll. Ich hingegen sehe gar nichts. Vor meinen Augen schließt sich der Vorhang, und es wird schwarz. Vielleicht, weil ich nie ein ehrliches Leben gelebt habe, ohne es zu wissen. Oder weil das hier nicht das Ende ist. Aber wenn man sich schon so fühlt wie aus Gummi, was erwartet einen dann noch? Kann es ein Danach geben, eine Metamorphose vom Menschen zur Puppe zum Menschen zurück? Würde ich anders aussehen, wenn ich zurückkomme? Würde ich überhaupt zurückkommen? Darüber sollte ich mir jetzt wohl noch keine Gedanken machen. Eines nach dem anderen. Ich glaube, ich bin schon so dicht dran, dass ich den Atem des Todes riechen kann. Erdbeere-Holunder als Basis und Menthol in der Kopfnote. Das hatte ich allerdings nicht erwartet. Ein strenger Wurstgeruch drängelt sich dazwischen. So kann der Tod unmöglich riechen. Das heißt, ich liege falsch. Läge ich anders, also mit dem Kopf auf der Heizung, während mein Blut warm aus der Hirnrinde über die Tapete sickert, hätte dieser Tag der beste meines Lebens werden können. Raus aus der Tristesse und der dauerrotierenden Spule der Sterblichkeit. Nie wieder Langeweile, Leerlauf, Tage wie jeder andere.

Ich schnuppere noch einmal, in der Hoffnung, mich geirrt zu haben. Und dieses scharfe Knacken in der Halswirbelgegend. Das hatte ich mir doch auch nicht bloß eingebildet. Ich versuche, meine Arme zu bewegen, und stelle fest, dass das nicht geht. Mit den Beinen das Gleiche. Es ging wenigstens schnell, würde man später sagen können, und dann frage ich mich, was sie über mich sagen würden, aber mir fällt nichts ein. Ich habe keinen guten Abspann verdient, das wird mir allmählich klar, und wahrscheinlich habe ich auch noch nicht den Tod verdient, sondern ich muss ihn mir genauso erarbeiten wie alle anderen, um mich dann nicht unwürdig zu fühlen, wenn er kommt und mich abholt. Die Todessehnsucht ist süß, aber heute ist nicht mein Tag. Das hatte ich schon beim Aufstehen gemerkt.

Plötzlich greift meine Schwester in mein Haar und bohrt ihren blöden Kamm heftig in meine Kopfhaut.

»Runter von mir. Jetzt sofort!«

Kein Erfolg. Bea, meine Freundin seit unserer Schulzeit, kniet auf meinem Brustkorb und zückt einen Lippenstift, mit dem sie geradewegs auf meinen Mund zusteuert. Ich hätte versuchen sollen, sie zu beißen, als noch Gelegenheit dazu war, und es wäre nicht das erste Mal gewesen. Aber heute sind sie zu zweit. Das heißt, Bea hat nicht fair gespielt und sich Verstärkung geholt. Das lange, rotgefärbte Haar meiner Schwester fällt mir ins Gesicht. Ich muss husten. Immer wenn ich das Haar meiner Schwester ansehe, denke ich an Ketchup. Die sechsundzwanzig Jahre, die ich meine Schwester kenne, seit ich auf der Welt bin, hat sie wenigstens immer dafür gesorgt, so auszusehen, dass niemand sie je wieder vergisst. Die Augen meiner Schwester sind schwarz wie die unseres Vaters. Er hat sie von den Rabenkrähen, die er in den Nächten auf der Jagd schießt und im Gartenhaus präpariert. Als Kinder haben wir um die Tiere geweint, bis Papa uns erklärt hat, dass die größeren Vögel die kleineren in Stücke reißen, auch die Wühlmäuse und die Kaninchen. In manchen Nächten sei er einfach der stärkere Vogel, hat Papa gesagt, und es bringe nichts, wegen des Kreislaufes der Natur zu weinen, das sei ihr nämlich scheißegal. Beas Augen funkeln, sie liebt es, Menschen herzurichten wie einen Weihnachtsbaum. Von dem rosafarbenen Rouge, das sie mir auf die Wangenknochen klopft, wird der Husten noch schlimmer. Endlich springt sie auf, und zurück bleibt der Grundriss eines Blutergusses in Form ihres Knies in meiner Elle. Sie reicht mir ihre Hand und zieht mich vor den Spiegel. Mein Stirnhaar steht dick toupiert von meinen Kopf ab. Der feuerrote Lippenstift hat beinahe schon meinen Mund getroffen, und meine Wimpern sind mit ultramarinblauer Mascara verklebt. Meine Schwester drängelt sich in den Hintergrund dieses seltsamen Bildes. Es ist ein Porträt und wird später mit dem Titel versehen:

7. September 1996 – Die Verantwortlichen für diese Scheußlichkeit gehören nicht mehr zur Familie beziehungsweise wurden unwiderruflich aus meinem Jahrbuch und Telefonspeicher entfernt.

Bea strahlt und seufzt so laut, wie ich es sonst nur von meiner Mutter gewöhnt bin.

»Ach, Mensch, toll siehst du aus! An deinem letzten Abend mit uns wirst du dich auf der Tanzfläche vor Kerlen kaum retten können, und uns vergisst du bestimmt gleich.«

Ich seufze auch, aber ohne Ton.

»Tut mir nur einen Gefallen«, sage ich, »hört mit den Drogen wenigstens auf, wenn ihr mal erwachsen seid.«

Beim Anblick meiner Schwester und Beas auf der Tanzfläche denke ich, sie hätten wenigstens ehrlich zu mir sein können. Wir haben den Club vor einer Viertelstunde betreten, und nun tanzen sie bereits seit dreieinhalb Songs mit einem zu dünnen Holger und einem schwitzenden Jörg, Jochen oder Joachim, der Bea nur bis zum Schlüsselbein reicht. Er hat unsere Getränk übernommen und Bea gesagt, sie sehe aus wie die junge Madonna. Deshalb liegt jetzt seine Hand auf Beas rechter Pobacke, während meine Schwester unterdessen noch zwei Sex On The Beach davon entfernt ist, den Beach weg- und mich hier sitzenzulassen. Mit einer Serviette wische ich den Rest des Lippenstiftes aus meinem Gesicht. Der Barmann sieht mich mit gespielt mitleidiger Miene an. Immer wenn er das tut, muss ich lächeln. Dafür gibt er mir noch eine Milch mit ohne Schuss aus. Er kippt einen Spritzer Karamellsirup hinein und verrührt alles, und ich spiele mit und tue so, als würde ich einen Weißen Russen trinken, der im Abgang etwas brennt. Wenigstens wird dieser Abend sich dem Ende neigen, sobald die erste der beiden Damen auf ihren Pfennigabsätzen mit ihrer Eroberung Arm in Arm zu mir rüberkommt, mich fragt, ob wir nicht noch ein bisschen weiterziehen wollen, Holger oder Jürgen wüssten da einen besseren Ort, und ich entgegnen werde: Geht doch schon mal vor, ich muss bloß noch austrinken. Ich werde sie davonziehen lassen, und jeder wird endlich in das Bett kommen, an das er schon den ganzen Abend denkt. Während ich auf diesen Moment warte, spüre ich, wie der Hocker neben mir näher an mich herangeschoben wird. Man soll gehen, wenn die Zeit reif ist, heißt es immer. Aber wenn man es im Fernsehen hört, fühlt man sich einfach nie angesprochen, bis es zu spät ist.

»Hi, na.«

Er lächelt. Sein Atem ist feucht. Misstrauisch betrachte ich den Mann aus dem Augenwinkel. Er ist nicht alt, aber seine Haut sieht unnatürlich gebräunt aus wie Leder, und seine schwarzen Strähnen glänzen im Neonlicht. Bienenwachs oder Schweinefett. Sein weißer Kragen hat Flecken. Ich nicke ihm desinteressiert zu. Worüber er mit mir spricht, weiß ich nicht, doch meinen Namen wollen sie immer zuerst. Janine, sage ich. Wahrscheinlich sehe ich heute Abend auch wie eine aus. Dann fängt er an, die üblichen Fragen zu stellen. Er hat sie vorbereitet. Er spricht sie runter wie jeden Abend, den er sich an die Bar setzt zu einer Frau, die zu langsam ist für dieses Spiel.

Auf der Tanzfläche bewegt sich zwischen den übriggeblieben Pärchen nur noch meine Schwester mit dem dünnen Holger im Arm, der sich an sie schmiegt. Ihr rotes, drahtiges Haar funkelt wie Bernstein zwischen seinen Fingern, als er sich mit seiner Zunge in ihren Rachen gräbt. Das Schweinefett kommt mir näher, bereit für die schnelle Katzenliebe hinterm Auto. Das Spiel in den dunklen Ecken, hinter der Maske der Nacht. Anonym wie die Tiere. Sein Atem nähert sich mir, und er haucht: »Ich bin Antoine, aber nenn mich Toni. Jetzt denkst du dir bestimmt, das ist ja ein interessanter Name, wo kommt der denn her?«

Unverwandt blicke ich ihn an.

»Aus dem Knast?«

Toni lacht, dann bekommt er Schluckauf.

»Nee, das ist französisch, das hättest du nicht gedacht, was? Ich bin nämlich zu zwei Vierteln Franzose, meine Liebe. Ja, genau, l’amour und so, das haben wir im Blut, so was liegt uns einfach. Und wo kommst du her, Julia?«

»Janine«, korrigiere ich.

Toni nickt.

»Ach ja, richtig excuse-moi und so weiter. Kommst du öfter her?«

Ich schüttle den Kopf.

»Ich bin auch das erste Mal hier, eigentlich komm ich aus München. Weißt du, was mich hierhergeführt hat?«

Statt zu antworten, spüle ich den letzten Schluck Milch hinunter. Der Barmann sieht mich fragend an, doch ich schüttle den Kopf.

»Nee, jetzt rate doch mal, Joey!«

Ich blicke den Störenfried unverwandt an und zucke die Schultern.

»Ein Haftbefehl?«

Toni lacht noch lauter als vor zwanzig Sekunden und haut sich vor Freude auf den Oberschenkel. Auf der Tanzfläche läuft Wish You Were Here von den Rednex, und statt zu schunkeln, klammert meine Schwester sich jetzt so fest an Holger, dass die zwei sich nicht einmal mehr von der Stelle bewegen. Als ich mich umdrehe, steuern Tonis gespitzte Lippen direkt auf mein Gesicht zu. Ich kann gerade noch rechtzeitig die Hand heben, die ich im nächsten Moment zur Faust forme, bis nur noch der Zeigefinger stehen bleibt.

»Niemals«, sage ich, »und unter keinen Umständen, nicht mal, wenn dein Leben davon abhängt, näherst du dich noch mal einem Menschen um diese Uhrzeit mit dieser Fahne und solch einem kompromittierenden Unglück in deiner Hose.«

Toni schwankt auf seinem Hocker und überlegt. Dann beugt er sich wieder zu mir vor und sagt:

»Was bedeutet kompromit … kompro … kompromiernd?«

»Es bedeutet, c’est fini.«

Ich stehe auf und gehe. Den Störenfried mit seiner halben Erektion und meine Schwester mit dem halben Hemd lasse ich unter dem Strobo zurück.

Draußen vor dem Club ist die Nacht schwarz. Ich glaube, sie ist die kälteste diesen Monat. Der Sommer geht unwiderruflich zu Ende. Er wurde zum längsten meines Lebens von dem Moment an, als Tims Worte den Raum erfüllten

WEIL ICH NICHT MEHR WILL

und wir auseinandergingen wie Fremde. Es waren die fünf Worte, die monatelang in der Luft gelegen hatten, bis wir beide daran zu ersticken drohten. Der Sommer war da, doch ich fühlte ihn nicht. Er war das, was ich für Tim geworden war: so weit weg.

Ich lausche dem Klang der heulenden Motoren, den Stimmen, die in der Luft flimmern. Irgendwo hinter mir zerplatzt Glas auf dem Asphalt. Schaum knistert und spült sich den Gully runter, jemand stößt einen Fluch aus. Und ich denke daran, dass ich das alles in der Einöde, die auf mich wartet, so wenig vermissen werde wie das Geräusch von Beas nacktem Po, der an der Scheibe ihres Wagens schrubbt. Bea mochte Katzen schon immer, ich noch nie.

1

Nicht bloß ich ziehe jetzt aufs Land, auch der Herbst zieht hier ein. Es ist die Zeit, in der die Stare in den Süden fliegen und die Fliegen auf meine Windschutzscheibe. Meine Augen tränen, bis ich gar nichts mehr sehen kann und den Wagen anhalten muss. Und dann tränen sie noch mehr, als ich mir mit dem Fingernagel eine Kribbelmücke von der Pupille kratze, während ich vor Wut stöhne. Auf der Wiese neben mir steht eine Herde Kühe und guckt mir mit großen schwarzen Augen zu. Dass ich es auf dem Land mit unförmigen, riesigen Tieren zu tun bekommen würde, hatte ich schon befürchtet. Ihre eigentlich großen Schädel wirken wie Stecknadelköpfe auf den fleischigen Körpern. Auf einmal stößt eines der Rinder einen schallenden Laut aus und reckt den Hals nach mir. Vor Schreck springe ich zurück ins Auto und werfe den störrischen Motor an. Nach drei Versuchen startet der Wagen endlich.

Auf der Hälfte der von Eichen gesäumten Allee ragt ein Schild schief aus dem Boden mit einer Schnecke drauf. Tempo runter! Spielende Kinder. Ich überhole allerdings nur ein älteres Ehepaar, das sich einen Krückstock teilt, und passiere das Dorfschild wenige Sekunden später. Bunte Blumen hinter weißen Gartenzäunen. Schlafende Hunde. Hühner, Gänse, ab und zu ein Pferd vor dem Haus füllen das Bild des Dreihundertfünfzig-Seelen-Dorfes, bis ich vor meiner neuen Wohnung halte. Aber neu ist sie eigentlich nicht, das Treppenhaus stinkt nach Katzenurin. Ich finde ein kleines Fenster auf der Höhe der fünften Stufe und stoße es auf. Das Holz knarrt unter meinen Sohlen. Wie zu Hause, denke ich, aber doch ganz anders. Jedes Holz hat ein anderes Geräusch, einen anderen Duft, eine andere Farbe. Und das alles hat es, weil es zuvor ein anderer Mensch benutzt hat. Es war sein Holz, mit jedem Tag, den er eine neue Kerbe hineinlief. Er hat keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich bald kommen und seine Stufen benutzen würde.

In die kleine Küche geradeaus. Das Bad links. Ein Abstellraum. Dann das Zimmer mit Bett und Schreibtisch, einem Stuhl ohne Lehne und einer Kommode. Weder mehr noch weniger, darum bat ich, sollte zu finden sein, wenn ich einziehe. Sieben Bücher zu einem Stapel getürmt, eine Petroleumlampe und eine Muschel, so groß wie meine Hand, finden auf der Kommode einen neuen Platz. Als ich aus dem Fenster blicke, das zum Hof hinausführt, bemerke ich ein schwarzhaariges Mädchen, das nach seinem großen Hund Ausschau hält, der durch das kniehohe Gras auf der Wiese mit dem Tümpel jagt. In der linken Hand hält das Mädchen eine Zigarette, während sie an ihrem rechten Daumennagel kaut. Nachdenklich läuft sie eine Weile über den Asphalt. Dann bleibt sie abrupt stehen und blickt über die Felder hinweg. Haben Dorfmenschen so etwas wie ein Gespür für das, was als Nächstes passieren wird?

Ein bebender Knall durchfährt auf einmal die Stille, so unheilvoll, dass die Krähen aus den Baumkronen fliegen und das Fensterglas unter meinen Fingern vibriert. Aus der Ferne ertönt ein wiederkehrender, hohler Schrei aus dem hohlen Bauch eines Rindes. Vierundzwanzig dumpfe, immer dünner werdende Schreie dauert es, bis die Lunge nichts mehr hergibt. Manchmal, wenn Papa von den Vögeln sprach, denen er die Augen wegnahm, hörte ich ihre Schreie noch in seiner Stimme.

Im nächsten Moment ist der Hof leer, keine Spur mehr von einem Mädchen oder ihrem Hund. Endlich finde ich das Feuerzeug in meiner Tasche und zünde mir eine Zigarette an.

Gardine kaufen!, schreibe ich hastig auf einen Zettel.

2

Argwöhnisch mustert Erpelmann mich aus dem Augenwinkel. Ihr Blick wandert langsam von meinem Knöchel bis zum Kopf hinauf. Als sie mein Gesicht zu studieren beginnt, als hätte ich die Extremitäten eines Insekts, schaue ich Erpelmann unvermittelt an, und sie zuckt zusammen. Ja, da kann sie mal sehen, wie das ist. Wir stehen in der Mitte des Lehrerzimmers, und Frau Berg, die Rektorin, stellt mir nacheinander meine neuen Kollegen vor. Es sind nicht viele, die Grundschule ist so klein wie dieses Dorf. Britta Erpelmann, Musik- und Religionslehrerin und Bergs stellvertretende Konrektorin. Augen wie ein Habicht, Hüften wie ein Brauereipferd. Lacht nach jedem zweiten Satz von Berg, aber falsch. Wenn Blicke töten könnten. Wortmann, Paul. Sportlehrer. Gelbe Trainingshose über ausgetretenen weißen Turnschuhen. Lieblingssport: Badminton. Wegen der Wendigkeit und der Dynamik. Ansonsten Tennis. Hauptsache Tempo und fester Aufschlag. Wenn Wortmann lacht, und das geschieht oft, fährt Frau Fiebig immer zusammen, wahrscheinlich wegen der Lautstärke. Frau Fiebig, die eigentlich Sara ohne H heißt, hat mausgraues Haar, das sie älter aussehen lässt, als sie ist. Sie unterrichtet Kunst, aber an ihrem Körper ist keinerlei Farbe. Sogar ihre Lippen sind durchsichtig.

Frau Fiebig lächelt mich verlegen an, als sie mir zur Begrüßung ihre zarte, kalte Hand entgegenstreckt und sie ohne Gefühl in meine legt. Mich überkommt ein Schauer, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Handschläge ohne Druck sind trostlos wie Umarmungen, ohne einander berühren zu wollen. Es ist, als hätte der eine eine Krankheit, die der andere zu umgehen versucht.

Frau Berg sagt:

»Zum Kennenlernen gehen Sie heute mal mit den Kindern raus in den Wald, das wird Ihnen Spaß machen.«

»Wie weit ist das?«, erkundige ich mich.

Frau Berg sieht Frau Erpelmann fragend an, die mit den Schultern zuckt.

»So etwa zwei Kilometer, würde ich sagen. Aber machen Sie sich da mal keine Sorgen, Sie werden sich nicht verlaufen. Frau Erpelmann wird Sie und Ihre Klasse begleiten.«

Was? Nein, muss doch nicht sein! Erpelmann hat bereits wieder diesen Blick aufgesetzt, der mir suggeriert, einen angemessenen Mindestabstand zu ihr zu halten.

»Aber was ist mit der Versicherung?«, unternehme ich einen Versuch, die Sache zu canceln. »Auf so einem Ausflug kann ja sonst was passieren, gerade im Wald, zu dieser Jahreszeit!«

»Alles geregelt!«, lächelt Frau Berg und widmet sich dem Stapel Akten auf dem Tisch.

»Das passt doch wunderbar, Sie als Heimat- und Sachkundelehrerin mit den Kleinen in der Natur. Viel Vergnügen, Sie bekommen eine sehr nette Klasse.«

Sie geht zur Tür und verabschiedet uns mit einer ausladenden Handbewegung auf den Flur. Erpelmanns hohe Absätze hallen wie Hämmerschläge in einem Stahlwerk, als wir durch den Korridor laufen. Ja, denke ich, genau das richtige Schuhwerk für so einen Ausflug.

Mit zweiundzwanzig Kindern im Schlepptau erreichen wir eine Stunde später schließlich den Wald. Auf der Landkarte, die ich mir nach meinem Einzug angesehen habe, war kaum zu erkennen, wo der Wald um das Dorf herum eigentlich aufhört. Wie im Dornröschenschlaf liegt der Dreihundertfünfzig-Seelen-Ort da, den die dichten Laubbäume vor dem Rest der Welt zu verbergen versuchen. Ich habe einen abgebrochenen Ast zu meinem Wanderstock gemacht und führe unsere muntere, etwas zu laute Truppe vorneweg, während Erpelmann mit schmerzenden Füßen das Schlusslicht bildet. Neben mir läuft Marta, sie ist neun und hat blonde Zöpfe und Sommersprossen. Ich glaube, Mutter hatte einen Weihnachtsengel, der so aussah. Meine ganze Kindheit über holte sie jedes Weihnachtsfest diesen einen Engel hervor und hängte ihn an die Spitze unseres Tannenbaums. Es lag nicht an Weihnachten, sondern daran, dass sie sich immer Mädchen gewünscht hatte, die ein bisschen mehr so aussahen. Mit rosa Wangen und Babyspeck und in hellblauen Kleidchen, damit Mutter hätte sagen können: Wehe, du machst dich schmutzig! Zu ihrem Ärger hatten meine Schwester und ich da nicht mitgemacht. Aber vielleicht sollte ich Mutter Marta einmal vorstellen? Marta redet wie ein Wasserfall, ohne Punkt und ohne Komma, und es braucht nicht lange, bis ich erkenne, dass es genau diese Eigenschaft ist, die Marta von den anderen Kindern isoliert. Sie werfen ihr Blicke wie Steine zu, und wenn ich mich umdrehe, flüstern sie hinter ihren vorgehaltenen feuchten Händchen.

Marta tut mir leid – weil ich weiß, wie es ist, an ihrer Stelle zu sein, jahrelang. Als ich aufs Gymnasium kam, habe ich mir geschworen, dass ich nie mehr etwas mit der Grundschule zu tun haben würde. Vier Jahre, die sich wie ein Spießrutenlauf für mich angefühlt hatten, waren genug. Ich dachte daran, Tierärztin zu werden, aber keines meiner Haustiere hatte länger als vier Wochen bei mir überlebt, das war kein gutes Zeichen gewesen. Dann, nach dem Abitur, hatte Mutter, die es mit Kindern immer ausgesprochen eilig hatte, versucht, mir Andreas anzudrehen, der gerade geerbt hatte und bei der Bank arbeitete. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, viele Worte wechselten Andreas und ich nie, und wenn, dann verstand ich ihn nicht genau. Wir schliefen dreimal miteinander in zwei Wochen. Es war nicht besonders gut, andererseits erinnere ich mich an so etwas für gewöhnlich nicht. Er lud mich zum Essen ein und zahlte jedes Mal zu wenig Trinkgeld, weswegen ich nie in dasselbe Restaurant zweimal mit ihm ging. Als wir das dritte Mal miteinander schliefen, schaute ich aus dem Fenster und beobachtete den Postboten, der einen lila Irokesenschnitt hatte und mit einem Walkman auf den Ohren gutgelaunt Briefe in die Postkästen steckte. Ich beobachtete ihn, bis jedes einzelne Haus in der Straße seine Post bekommen hatte, er wieder auf sein Fahrrad gestiegen und schließlich verschwunden war. Dann seufzte ich, und Andreas war fertig. Mutter war begeistert und stellte direkt einen Plan für meine Zukunft auf, der vorsah, dass ich noch während des Studiums unser erstes gemeinsames Kind in die Welt setzen könnte. Ja, das hätte ihr so gepasst, schon wegen des Erbes, denn Andreas’ ganze Familie macht in Zahlen, von Aktien über Investmentfonds bis hin zu den Wirtschaftsprüfern, wie sein verstorbener Opa einer gewesen war. Mir wurde allein beim Gedanken an Mathematik übel, und bei der Vorstellung, Andreas’ zukünftige kleine Bankiers großzuziehen, die der Bedienung im Restaurant immer genau sieben Prozent Trinkgeld geben anstatt wenigstens zehn, war das Spiel endgültig aus. Ich versuchte, Andreas an meine Freundin Bea weiterzuvermitteln, was immerhin fast drei Monate hielt, und log meiner Mutter vor, meine Berufung als Lehrerin gefunden zu haben, weswegen für eigenen Nachwuchs erst mal keine Zeit bleibe. Mutters Enttäuschung war riesengroß gewesen, wegen der Enkel und des ganzen Geldes, das uns durch die Lappen gegangen war. Ich hatte mich unterdessen mit meiner Notlüge anfreunden müssen und schrieb mich an der Uni ein für Pädagogik auf Primarstufe I – kaum war ich aus der Schule raus, kehrte ich auch schon wieder zurück. Es war ein Kompromiss gewesen, der mir ein Alibi verschafft hatte. Doch obwohl ich nach den vier unangenehmsten Jahren meines Lebens, die auf dem Gymnasium durch neun mittelmäßig unangenehme abgelöst wurden, nie mehr einen Fuß in eine Grundschule hatte setzen wollen, erwies sich meine Entscheidung für die Kinder als eine der besten, die ich in meinem Leben getroffen hatte. Die Kinder haben mir gezeigt, dass man manchmal dorthin zurückkehren muss, wo man Schmerzen erfuhr, um sie schließlich loslassen zu können. So was nennt man Vergebung, hat meine Schwester gesagt, das haben wir in unserem Meditationskreis gelernt. Kann sein, habe ich geantwortet, aber ich komme trotzdem nicht mit dorthin.

Erpelmann stöhnt ganz besonders erschöpft, als wir die Lichtung erreichen. Sofort beginnen die Kinder, durch das Laub zu kugeln. Wir suchen einen abgesenkten Baumstamm, und ich denke mir eine Aufgabe aus, bei der die Kinder mein Brotkästchen, das ich zu einer Schatzkiste deklariert habe, mit verschiedenen Baumfrüchten füllen sollen. Von jeder Sorte nur eine, sonst gilt es nicht. Ist die Schatzkiste voll, erwartet sie eine Überraschung. Ja, die hätte ich mir überlegen können, wenn ich mal die Zeit dafür bekommen hätte, denke ich, während ich in der Tasche nach meinen Zigaretten suche. Breitbeinig stellt Erpelmann sich mir in die Sonne und schnaubt wütend, während sie schmerzverzerrt auf ihren Fersen balanciert.

»Sie haben ja wohl nicht vor, die jetzt zu rauchen? Sie sind im Dienst, Frau Henning!«

»Dann haben Sie ja wohl auch nicht vor, das da jetzt zu essen«, erwidere ich und deute mit einer Kopfbewegung auf den Schokoladenriegel in ihrer Hand.

»Das ist was ganz anderes«, knurrt Frau Erpelmann. »Sie haben immerhin eine Vorbildfunktion.«

Zähneknirschend drücke ich die Zigarette in der Erde aus. Frau Erpelmann grinst zufrieden und geht endlich. Die Luft ist zum Schneiden dick, da ändert all das Blattgrün um uns auch nichts dran.

Nach einer halben Stunde ist die Schatzkiste voll. Natürlich liegt alles doppelt und dreifach drin, aber ich tue so, als fiele es mir nicht auf, und mache mich mit den Kindern daran, die einzelnen Früchte zu benennen. In einem stillen Moment vergesse ich Erpelmann und ihre bohrenden Blicke und lasse mich von dem Lachen der Kinder anstecken. Da bemerke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Kinder – sie sind nicht mehr vollzählig. Marta, geht es mir durch den Kopf. Die ganze Zeit hatte ich sie hinter mir reden gehört, aber dann war sie plötzlich verschwunden. Auch Tom, ein blonder Junge mit Aufmerksamkeitsdefizit, und dessen Freund sind nicht mehr da. Ich laufe zu Erpelmann, um ihr die gleiche Frage zu stellen, die ich auch mir an den Kopf werfe: Warum haben wir nicht aufgepasst?

Wutschnaubend kraxelt Erpelmann über eine Baumwurzel auf mich zu.

»Ich habe es Ihnen gesagt! Weil Sie ja mit wichtigeren Dingen beschäftigt waren. Das musste ja so kommen! Die armen Kinder – es kann ihnen sonst was zugestoßen sein.«

Hilflos blicke ich mich um. Nichts zu sehen von den drei.

»Die anderen Kinder sagen, eben seien Marta, Tom und Martin noch bei ihnen gewesen. Von einem Moment auf den nächsten seien sie verschwunden. Also weit können sie noch nicht sein, allein bis zur Straße haben wir mehrere Minuten gebraucht.«

Ist ein Auto vorbeigekommen?, jagt es mir durch den Kopf, irgendetwas, dem sie nachgelaufen sein könnten? Ein Tier vielleicht? Warum hat Marta nichts gesagt? Hätte dieses redselige Mädchen mir nicht zeigen wollen, was sie entdeckt hat?

Erpelmann kommt ächzend aus dem Graben hervor geklettert. Sie ist blass und schüttelt den Kopf.

»Weit und breit nichts. Na, das gibt Ärger.«

»Gibt es hier irgendetwas, das Kinder magisch anziehen könnte?«, frage ich.

Erpelmann überlegt angestrengt. Dann wird sie unheimlich ruhig und nickt.

»Ja, aber hoffen Sie lieber nicht, dass die Kinder es bis dahin geschafft haben. Der Waldsee ist gefährlich.«

»Ein See?«, rufe ich. »Wo liegt der?«

Erpelmann deutet mit dem Zeigefinger nach Westen.

»Wie weit?«, frage ich.

»Ein Kilometer vielleicht.«

»Scheiße.«

Ich rufe Frau Erpelmann zu, sie solle hier auf mich warten, aber die protestiert und sagt: »Sie kennen sich doch gar nicht aus, wir kommen alle mit.«

Ich greife nach meiner Tasche, und wir beginnen, über die schmalen Pfade eines Waldes zu laufen, der beinah kein Ende zu nehmen scheint. Je tiefer wir in ihn hineinlaufen, desto dunkler wird es um uns, und desto größer wird meine Angst, längst zu spät gekommen zu sein. Schließlich erreichen wir eine weitere Lichtung. Sonnenlicht schimmert durch die Bäume und bricht sich auf dem Wasser des Waldsees. Atemlos stürze ich zum Ufer hin und rufe die Namen der Kinder, aber niemand antwortet. Für einen Moment blicke ich auf den Abgrund des Sees hinab und habe das Gefühl, er starrte zurück. Mein Gesicht verschwimmt auf der Wasseroberfläche, bis alles wieder schwarz daliegt in einer in sich ruhenden, undurchdringlichen Tiefe. Der Geruch von Algen und Schlamm treibt herauf wie die aufgeblähte Haut einer toten Kröte, die im Schilf verendet ist. Mir wird übel, und in meiner Brust fühlt es sich an, als würde Blei auf meine Lunge drücken und den Atem blockieren.

Auf einmal reißt mich das Geräusch eines näherkommenden Traktors aus den Gedanken. Ein dickbäuchiger Mann in Latzhosen und Gummistiefeln sitzt oben auf dem Bock und hinter ihm Marta und die beiden Jungen. Der Bauer öffnet die Fahrertür, und die drei springen herunter.

»Hallo, Britta«, ruft der Bauer Frau Erpelmann zu, die ihm zum Gruß freundlich zunickt.

»Ich glaub, die hier hast du verloren. Hab ich an der Koppel aufgesammelt, haben Cowboy und Indianer gespielt.«

Er lacht.

»Ich muss jetzt weiter, die Claudia ist am Kalben. Also dann, hab dich wohl.«

Der Traktor brummt und stößt eine graue Rußwolke aus. Dann biegt er um die Kurve und verschwindet.

Mein Herz rast.

»Was zum Teufel habt ihr angestellt? Wieso wart ihr auf dieser Koppel?«, rufe ich.

Marta hat offensichtlich geweint. Tom hingegen verschränkt nur die Arme vor der Brust, und auch sein Freund versucht, meinen Blicken auszuweichen.

»Haben Sie doch gehört!«, bellt Erpelmann. »Ihre Schützlinge haben Cowboy und Indianer gespielt. Wahrscheinlich wollten sie neues Land erobern. Das kommt eben dabei raus, wenn man nicht richtig aufpasst.«

Ich werfe Erpelmann einen wütenden Blick zu. Marta schluchzt.

»Was habt ihr beiden mit ihr gemacht?«

Tom nuschelt etwas Unverständliches, bis er schließlich seinen Blick von mir abwendet und gar nichts mehr sagt.

»Noch mal, bitte«, fordere ich ihn auf. Wütend sieht Tom mich an.

»Marterpfahl!«, brüllt er. »Wir wollten Marta an den Marterpfahl binden, damit sie endlich mal die Klappe hält!«

Reglos starre ich Tom eine Weile einfach nur an, während ich mich frage, ob sie es wirklich getan hätten. Und womit? Hätten sie ihre Gürtel und Schnürsenkel ausgezogen oder ein Stück Draht benutzt und dann zugesehen, wie ihr Opfer schreiend und weinend sich zu befreien versucht hätte, während es sich nur noch mehr weh getan hätte? Ich betrachte Marta, die augenscheinlich unverletzt ist, nur ihre Augen sind aufgequollen von den Tränen, nachdem sie begriffen hatte, was man mit ihr vorhatte.

Tom stochert mit der Spitze seines Schuhs in einem Maulwurfshügel, ohne uns ansehen zu müssen.

Ich drehe mich um und gehe zu meiner Tasche, in der ich eine von Kaffee besprenkelte Ausgabe von Herr der Fliegen finde und sie Tom noch im Laufen zuwerfe.

»Das werdet ihr beiden Indianerhäuptlinge lesen«, sage ich, »meinetwegen auch zu zweit, mir egal. Hauptsache, ihr beschäftigt euch mal eine Woche mit etwas Sinnvollerem als dem Piesacken derjenigen, von denen ihr glaubt, dass sie schwächer seien als ihr. Wenn ihr damit fertig seid, schreibt ihr mir auf, was ihr von der Geschichte behalten habt, und warum es eine Gemeinheit ist, einen anderen zu quälen, als würde er nicht das Gleiche empfinden wie ihr.«

Tom öffnet seinen Mund, um zu protestieren, aber ich winke ab. Dann nehme ich Marta an meine zitternde Hand und schiebe die Jungs zu der Gruppe zurück.

Um Viertel nach zwölf ist mein erster Tag vorbei. Die Kinder rennen nach Hause, als wäre nichts geschehen, wahrscheinlich werden sie sich bald nicht mal mehr an unseren Ausflug erinnern können. Ein paar Kinder winken mir zum Abschied.

Auf dem Schulhof steht Marta mit einem älteren Mädchen, das ihr den Schulranzen abnimmt und das Haar glattstreicht. Als Marta mich sie, strahlt sie.

»Das ist meine Schwester, Frau Henning. Isa holt mich jeden Tag von der Schule ab und verbringt den Nachmittag mit mir, bevor sie zur Arbeit geht.«

Wieder schüttele ich eine unbekannte Hand, aber Martas Schwester greift so fest danach, dass ich mich frage, ob sie womöglich auf dem Bau arbeitet.

»Leonie Henning«, sage ich, »ich bin Martas neue Klassenlehrerin. Wo arbeitest du?«

»In der Schänke des Ehepaars Kracht. Jeden Abend ab acht, so habe ich noch Zeit, mich nach der Schule um Marta zu kümmern.«

Sie lacht.

»Manchmal versuche ich ihr auch bei den Hausaufgaben helfen, aber eigentlich gibt es gar nichts, was Marta nicht weiß, sie ist viel schlauer als ich.«

Isa hat einen leichten Akzent, irgendetwas Slawisches. Ihre Augen sind müde und blutunterlaufen, ihr schönes braunes Haar fällt ihr sanft ins Gesicht. Sie zündet sich eine Zigarette an. Als sich die beiden Mädchen umdrehen, spüre ich plötzlich etwas an meinem kleinen Finger. Kalt und ein bisschen feucht. Erstaunt blicke ich in Martas Gesicht. Sie lächelt.

»Frau Henning? Wenn ich mal zu Hause bin und nichts weiß, darf ich Sie dann anrufen?«

Irritiert denke ich an die Telefonliste, die wir in der ersten Stunde zum neuen Schuljahr verteilt haben. Auch meine Nummer ist darauf zu finden. Bei Krankheit, Sorgen oder Notfällen zu wählen. Ich hatte zugestimmt und sogleich selbst ein Unwohlsein dabei verspürt. Nickend lächle ich Marta zu. Ihre tiefblauen Augen glänzen, und für einen Moment wünschte ich, sie würde meine Hand noch ein bisschen länger festhalten. Während sie davonsaust, dreht Isa sich noch einmal zu mir um.

»Sie hat nur dich, oder?«, frage ich.

Isa nickt unauffällig und kaut an ihrem rot angemalten Daumennagel. Dann seufzt sie, aber nur ganz leise.

»Papa trinkt zu viel. Manchmal muss Kracht ihn aus dem Haus schmeißen, wenn er alles weggesoffen hat und auf Streit aus ist, aber meistens ist er ruhig. Er will einfach bloß vergessen.«

»Und eure Mama?«

»Die will er ja vergessen. So, wir müssen jetzt gehen. Machen Sie’s gut, neue Lehrerin von Marta.«

Isa setzt sich den kleinen Ranzen auf den Rücken, schnippt die Kippe in den Gully und holt ihre kleine Schwester lachend an der nächsten Ecke ein.

Lange sehe ich ihnen nach. Dann finde ich einen Kugelschreiber in meiner Tasche und schreibe Telefon anschließen auf meine Hand.

Ich hatte überlegt, den Apparat im Karton zu lassen, für den Fall, dass Mama oder meine Schwester sonntags anrufen und mich fragen, wie das Landleben so sei und ob ich schon einen jungen Bauern mit möglichst viel Einfluss und Vermögen kennengelernt hätte.

Ja, das rechnet man hier aber in Hektar und Gülle, würde ich sagen, und dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollen.

Nun, seit dem Moment, als ich Marta getroffen habe, weiß ich, dass es noch jemanden gibt, der mir auf irgendeine Weise nahe sein will. Ein irritierendes Gefühl, denke ich. Vertraut, aber beinahe vollkommen verdrängt. Alles war so schnell gegangen, der Umzug, der Neuanfang, dass ich dieses Gefühl gar nicht hatte mitnehmen können.

3

Der nächste Schultag verläuft ruhig. Die Kinder sind heiter, aber unaufgeregt, und selbst Tom hält die meiste Zeit die Füße still, so dass ich auch nichts sage, als er während des Diktats eine verdächtig proportionierte Figur aus seinem Radiergummi und einem alten Kaugummi knetet. Durch das Fenster neben der Tafel kann man auf die Straße sehen. Von Zeit zu Zeit läuft eine Hühnerfamilie über den Bürgersteig, ich meine allerdings, gestern zwei Küken mehr gezählt zu haben. Vielleicht ist dies die falsche Jahreszeit für so kleine Vögel. Papa sagt, wenn die Dunkelheit anbricht, kommt die Zeit der Räuber.

Am Nachmittag schlurfe ich in dicken tarnfarbenen Gummistiefeln schwerfällig über den feuchten Waldboden. Der Matsch bleibt an mir haften wie das Laub an meinen Haaren. Verärgert, dass es in dem kleinen Kiosk nur Stiefel in Männergrößen zu kaufen gibt, stelle ich fest, dass meine Stiefel auch noch drücken.

Seufzend bleibe ich mitten im Nirgendwo stehen und schließe die Augen. Ein Specht klopft seinen Takt in einen Baumstamm. Ein Paar Rebhühner bewegt sich im Gebüsch. Keine Vogelart klingt wie die andere. Die Baumkronen bewegen sich im leichten Ostwind, und die Blätter rascheln synchron. Dann atmet der Wald wieder aus. Und da ist sie zurück, die immerwährende Stille. Der Klang eines ganzen Waldes. Nur im Frühling und im Herbst riecht er so lebendig wie jetzt. Ich wünschte, ich könnte jeden Duft in einem Einmachglas einfangen und mich das ganze Jahr an diesen Tag erinnern.

Plötzlich bricht ein Ast auf dem Boden und zersplittert. Dann noch einer. Irgendetwas schiebt sich schwerfällig und keuchend durch das Laub auf mich zu. Ich reiße die Augen auf. Zwischen den Bäumen klettert ein schlaksiger Mann in gelben, kniehohen Gummistiefeln über die Wurzelauswüchse, stolpert und umklammert reflexartig mit beiden Armen den Baumstamm. Er stöhnt. Als er mich entdeckt, steuert er auf mich zu und hebt den Arm, als wolle er mich zu sich heranwinken. Dann bleibt er mit dem linken Gummistiefel stecken und flucht.

»Hören Sie mal«, rufe ich, »das mag ja Ihre Auffassung von Tanzen sein, aber müssen Sie das ausgerechnet in meiner Stille machen?«

Irritiert starrt der Mann mich an.

»Ihre Stille?«

X-beinig kraxelt er auf mich zu.

»Sie sind ja wohl kaum Besitzerin dieses Waldes, nehme ich an? Also gehört Ihnen hier schon mal gar nichts, soweit ich das sehe. Es sei denn …«

Er verstummt. Überlegt.

»Es sei denn, Sie haben zufällig auch Ihren Hund hier verloren. Haben Sie?« Zögernd schüttle ich bloß den Kopf und beschließe, lieber zu gehen. Als ich mich umdrehen will, deutet der Mann auf das Fernglas um meinen Hals.

»Könnte ich mir das mal kurz ausleihen?«

»Ich glaube, so fangen die meisten Überfalle an.«

»Überfall? Wieso sollte ich …?«

»Wenn ich Ihnen das jetzt nicht geben will, was machen Sie dann? In diesen Stiefeln können Sie schlecht hinter mir herjagen.«

Und ich in meinen schlecht vor ihm weglaufen, aber das braucht der Fremde nicht zu wissen.

»Hören Sie, ich bin bei der Polizei. Mein Hund ist entlaufen. Das ist ein wichtiger Fall, und Sie behindern ihn gerade!«

Ich verschränke die Arme vor meinem Fernglas und blicke ihm entschlossen entgegen.

Nervös fasst der Mann sich an den Kopf. »Ich wollte Sie nicht so anfahren, tut mir leid. Sie sind bestimmt nur auf einem Spaziergang gewesen so wie ich, um ein bisschen die Natur zu genießen, und dann sind wir uns beide auf dem falschen Fuß begegnet. Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?«

»Henning.«

Seine Stirn kräuselt sich.

»Wie lange laufen Sie hier schon so im Wald herum?«, frage ich, als er nichts weiter sagt. »Sie machen den Eindruck, bereits länger von der Zivilisation abgeschottet zu sein, als Ihnen guttut.«

Zerstreut kratzt er sich den Hinterkopf.

»Ich war mit meinem Hund auf dem Feldweg neben dem Wald spazieren. Hab ihn nur ganz kurz von der Leine gelassen, da sprang ein Reh vor seine Nase, also ich meine, vor seine Schnauze, und da ist er dem hinterher, mitten in den Wald. Seitdem suche ich das Vieh schon, also meinen Hund, meine ich ja, und dann bin ich Ihnen begegnet.«

»Aha«, erwidere ich, »sieht mir ganz nach einer Verkettung unglücklicher Zufälle aus. Also dann, machen Sie’s gut.«

Als ich mich in Bewegung setzen will, höre ich wieder seine quietschenden Gummistiefel hinter mir.

»Sie sind neu hier im Dorf. Wissen Sie überhaupt, wie man aus diesem Wald wieder herauskommt?«

»Ja, und Sie wissen das hoffentlich auch. Falls nicht, werde ich bei Ihren Kollegen nach angemessener Zeit eine Vermisstenanzeige erstatten. Was sind Sie eigentlich, ein Kommissar oder so was?«

Der Mann schüttelt den Kopf. Er macht den Eindruck, etwas sagen zu wollen, kaut jedoch nur betreten auf seiner Unterlippe.

»Möchten Sie möglicherweise mal was mit mir trinken gehen?«

Überrascht drehe ich mich um und schaue ihn an: die dürren Beine, die aus schlammigen gelben Stiefeln herausragen. Der übersichtliche Torso, bedeckt von einem grauen, zu großen Wollpullover. Das Haar schief geschnitten. Sein Gesicht ist blass und verrät, dass er nicht viel geschlafen hat. Leichte O-Beine, ungelenke Körperhaltung. Alles in allem ein vollkommen durchschnittlicher Mensch.

Ich schüttle den Kopf.

»Liegt es an meinem Beruf?«, seufzt er. »Meinen Sie, weil ich Polizist bin?«

»Nein«, sage ich, »es ist, weil Sie ein Mann sind, der behauptet, einen Hund zu haben, den er im Wald verliert, ohne dass er überhaupt eine Leine bei sich hat. Auf Wiedersehen.«

Ich drehe mich um und atme noch einmal tief ein. In dem Moment, kurz bevor die Pflanzen verwelken und für sie an gleicher Stelle im nächsten Jahr eine neue Pflanze erblüht, bricht das Leben aus ihnen heraus, und die Luft ist von Gerüchen erfüllt, wie eine Küche mit Gewürzen, die einem das ganze Leben in Erinnerung bleiben.

Ohne noch einmal zurückzusehen, rutsche ich über das Laub hinweg aus dem Wald. Erst als ich die letzten Bäume hinter mir gelassen habe, bemerke ich, dass die Sonne bereits untergegangen ist. Mühsam trete ich meine Stiefel an der Straße aus, doch der Dreck lässt sich nicht abschütteln. Anderthalb Kilometer schleiche ich an den Weiden vorbei zurück ins Dorf. Auf der Mitte der Fahrbahn liegt ein totes Rotkehlchen. Ich lese es auf und wiege es in meinen Händen. Es ist noch warm und scheinbar unversehrt. Die Federn sind ein Flaum unter meinen Fingerspitzen. Bevor ich den leblosen Vogel unter einem Farn beisetze, halte ich ihn einen Moment lang an meine Wange. Es ist so schön, wieder etwas zu fühlen.

Das erste Grundstück an der nördlichen Ausfahrt des Dorfes ist ein großer Hof mit zwei angeschlossenen Ställen und einem grünen Gittertor, das die Zufahrt versperrt. Drei Sonnenblumen ragen vor den Fenstern des Haupthauses auf, in dem kein Licht brennt. Aus den Stallungen klingt das Geräusch aneinanderschlagender Eisenstangen. Als es verstummt, ist alles einen Moment lang ganz ruhig, bis auf einmal ein panisches Quieken die Stille durchschneidet. Ich weiß nicht genau, ob es einen hörbaren Unterschied gibt zwischen den Geräuschen der Schweine, wenn sie sich bloß langweilen, und dem, wenn sie einander totbeißen. Es ist ein fast unerträglicher Laut aus dem Dunkel.

Plötzlich ertönt ein lauter Rums, und ein Poltern durchfährt das Haus. Ich schalte meine Taschenlampe ein und laufe über den Rasen. Durch das Fenster ist nichts zu sehen. Einzelne Möbelstücke stehen im Raum. Das Zifferblatt einer Standuhr zeigt Viertel vor zwei. Sie ist stehengeblieben. So wie alles in diesem Zimmer in der Vergangenheit festgehalten zu sein scheint. Es muss eine Treppe im Haus geben. Sie muss irgendwo hinter der Tür liegen und aus schwerem, robustem Holz sein. Mit kurzen Stufen, die den Fall in die Tiefe umso länger werden ließen. Was habe ich tatsächlich gehört? Im Haus ist nichts zu sehen. Ich wünsche mir, hinzugehen, es einfach zu betreten und der Sache auf den Grund zu gehen. Aber so funktioniert Privatsphäre nicht. Sie bedeutet: Solange Dinge so passieren, die keiner sehen kann, sind sie nicht passiert.

Mit einem unbehaglichen Gefühl stecke ich die Taschenlampe wieder in meine Jacke und setze meinen Weg fort. Auf einem Geländer neben der Bushaltestelle sitzen drei Mädchen und kauen mit offenem Mund Kaugummi. Sie mustern mich, als ich in meinem dreckverschmierten Stiefeln an ihnen vorbeistapfe. Kaum habe ich ihnen den Rücken zugekehrt, können sie nicht mehr an sich halten und brechen in lautes Gelächter aus.

Müde denke ich an heiße Suppe, irgendein Buch und einen Scotch.

Am nächsten Tag beginnt mein Unterricht erst nach zehn. Ich lege Papas Armbanduhr um, damit ich