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Herztod

Hannah Jakobs, Kriminalpsychologin, hat ein Spezialgebiet: vermisste Frauen und Kinder. An ihrer Seite ist stets der Hund Kotti. Ein Einsatz in Hamburg mutet unspektakulär an. Eine spurlos verschwundene Frau taucht wieder auf – und wird einen Tag später mit einem Dolch ermordet. Die auf den ersten Blick unscheinbare Bibliothekarin hat ein dickes Bankkonto, einen heimlichen Geliebten und mysteriöse Verbindungen ins Ausland.

Wachkoma

Zwei Vermisstenfälle erregen Aufsehen: Berit, eine junge Frau, verschwindet spurlos aus ihrem Ferienhaus am Fehmarnsund. Zwei Tage später taucht sie wieder auf: verstört und offensichtlich misshandelt. Die Kriminalpsychologin Hannah Jakob versucht vergeblich, Berit zu befragen, doch sie wird noch mit einem zweiten Fall konfrontiert: Eine Radiomoderatorin ist während ihres Urlaubs in Dänemark verschwunden. Hannah Jakob ahnt, dass beide Fälle zusammengehören. War die Journalistin einer großen Geschichte auf der Spur?

Katharina Peters

Herztod & Wachkoma

Zwei Thriller in einem E-Book

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Über Katharina Peters

Herztod

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Wachkoma

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Impressum

Herztod

Prolog

Sie sprachen leise. Kein Flüstern, aber ihre Stimmen klangen gedämpft, und sie waren zu zweit, wie Roman herauszuhören meinte. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn, legte die Farbrolle beiseite und schob die Tür vom Waschraum ein Stück auf. Später würde er darüber nachdenken, ob er bereits in diesem Moment darauf achtete, kein Geräusch zu machen, das seine Anwesenheit verraten könnte. Er bekam zunächst nur einzelne Wortfetzen mit, obwohl sein Russisch für den Alltagsgebrauch nach einem guten Dreivierteljahr in Sankt Petersburg ganz passabel war, und ging davon aus, dass die beiden Männer nebenan mit gesenkten Stimmen ein vertrauliches Gespräch führten, dessen Inhalt niemanden etwas anging, und schon gar nicht für die Ohren eines zwanzigjährigen Jungen aus Deutschland bestimmt war, der ein freiwilliges soziales Jahr in Russland absolvierte.

In dem Augenblick, in dem ihn der Gedanke streifte, dass er gut daran täte, sich mit einem höflichen Gruß bemerkbar zu machen und wie selbstverständlich den Schlafsaal des Kinderheims zu betreten, machte einer der Männer – ein Mitarbeiter des Waisenhauses –, dessen Stimme Roman nun als die Igors erkannte, eine deutlich lautere Bemerkung, die er gut verstand und die ihn zögern ließ.

»Alles in Ordnung und wie besprochen«, meinte er, und Stolz schwang in seiner Stimme mit. »Wir kriegen die Papiere, sobald die Namen eingetragen werden können. Mit dem richtigen Stempel natürlich. Zwei Kinder zwischen sechs und acht Jahren für die Vermittlung. Genau so, wie du es wolltest.«

Der zweite Mann lachte. »Sehr gut. Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.« Auch er klang plötzlich lauter. Vielleicht hatten die beiden sich in Romans Richtung gedreht.

»Einfach war es nicht, aber jeder hat seinen Preis.«

»Das war schon immer so, und das wird immer so bleiben. Ich melde mich wieder auf dem üblichen Weg, sobald ich Näheres weiß und der Kontakt steht. Dann müssen die Kinder untersucht und ausgewählt werden, und bis dahin: kein Wort zu niemandem.«

»Was denkst du von mir? Natürlich nicht. Komm, ich bring dich hinten raus. Das ist unauffälliger.«

Hinten raus bedeutete, dass die beiden den Weg durch den Waschraum nehmen würden. Roman wich auf leisen Sohlen zurück, ein Anflug von Panik ließ sein Herz erzittern. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Igor und sein Gesprächspartner erbost wären, wenn sie feststellten, dass er – wenn auch unfreiwillig – Zeuge ihrer Unterredung geworden war. Jegliche Entschuldigung seinerseits käme entscheidende Minuten zu spät. Außerdem mochte Igor ihn nicht. Er hielt nicht viel von Deutschen, und Romans soziales Engagement war ihm suspekt. Zumindest erweckten manche Bemerkung und Igors häufig zynisches Lächeln diesen Eindruck.

Hinter einer langen Reihe von Waschbecken befand sich eine Abstellkammer, in der Farbeimer, Werkzeug, Leitern und sonstiges Renovierungsmaterial untergebracht waren. Roman schlüpfte, ohne lange nachzudenken, in das Kabuff, löschte das Licht und kauerte sich hinter eine Leiter, über der mehrere Bahnen Abdeckfolie ausgebreitet waren. Sein Puls beschleunigte auf mindestens hundertachtzig Schläge, während er den Schritten der Männer lauschte, die, ohne innezuhalten, an der Kammer vorbeigingen, leiser wurden und schließlich verklangen. Kurz darauf fiel eine Tür ins Schloss.

Roman atmete stoßweise aus und starrte in die Dunkelheit. Seit er seinen Dienst in dem Kinderheim angetreten hatte, um beim Sanieren der Gebäude und beim Betreuen zu helfen, nebenbei an der Uni Russisch zu lernen und seinen Horizont beträchtlich zu erweitern, war es erst einmal vorgekommen, dass ein Kind adoptiert worden war – ein zweijähriges Mädchen, das ein neues Zuhause bei einem Moskauer Ehepaar gefunden hatte. Das seltene Ereignis war gebührend gefeiert worden.

Was immer die heimliche Besprechung bedeuten mochte – mit einem normalen Adoptionsverfahren hatte sie wenig gemein, eigentlich gar nichts. Fragte sich nur, was Roman mit dieser Erkenntnis anfing.

1

Die Umrisse eines Containerschiffs schoben sich durch den Morgennebel. Hannah zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Elbufer, während der Schiffsriese still vorüberzog und Wellen über den Strand schickte.

Ausgerechnet in Hamburg würde sie ihren ersten Vermisstenfall bearbeiten – der Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, ihre Ausbildung zur Kommissarin absolviert hatte und die sie vor zwanzig Jahren nahezu fluchtartig verlassen hatte, um in Berlin Fuß zu fassen. Seitdem hatte es einige Stippvisiten gegeben, wenn die Sehnsucht zu groß geworden war und mit ihr die Hoffnung, dass die alte Wunde vielleicht doch allmählich verheilen könnte. Aber die Begegnung mit den Eltern hatte stets einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, erst recht, wenn ihr Sohn Ben dabei gewesen war, und ein ums andere Mal die bittere Erkenntnis hervorgerufen und schließlich gefestigt, dass ihre Erwartung naiv war und sie es eigentlich besser wissen müsste. Es würde nie wieder Normalität zwischen ihnen herrschen. Natürlich nicht. Seitdem Hannahs Schwester Liv von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden war, gab es keine familiäre Normalität mehr.

Die Diskrepanz zwischen Vertrautheit und Wehmut war an diesem frühen Sommermorgen so groß, dass sie für einen Moment ernsthaft überlegte, nach Berlin zurückzukehren und ihrem Vorgesetzten im Bundeskriminalamt mitzuteilen, dass sie völlig ungeeignet, nämlich distanzlos war, die Umstände zu ermitteln, die zum Verschwinden der jungen Frau geführt hatten, die vor gut einer Woche zum letzten Mal in der Nähe des Leuchtturms am Blankeneser Elbufer gesehen worden war.

Wie albern, kommentierte sie im gleichen Augenblick, nicht nur weil sie genau wusste, wie Bernd Krüger reagieren würde – mit schallendem Gelächter, wenn er gut gelaunt war, ansonsten würde er ihr schlicht einen Vogel zeigen. Vor zwei Jahren hatte das BKA die Kriminalpsychologin Hannah Jakob damit beauftragt, Strukturen und Routinen für die Suche nach vermissten Frauen und Kindern zu erarbeiten, um die bundesweite Fahndung auch unter psychologischen Gesichtspunkten zu koordinieren. Ihre Ernennung zur Sonderermittlerin, die darüber hinaus ihre Fühler auch vor Ort ausstreckte, insbesondere wenn die Nachforschungen der örtlichen Polizeibehörden keine oder nur vage Ergebnisse zutage förderten oder aber ein Zusammenhang mit Kapitalverbrechen vermutet wurde, war erst vor kurzem erfolgt. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Bereich der Zeugenvernehmung und Motivforschung, die sie bereits zu Beginn ihrer Polizeilaufbahn beim LKA Berlin zu entwickeln begonnen hatte, und ihrer besonderen Begabung in der Gesprächsführung war sie prädestiniert für diese vielschichtige Aufgabe, das wusste sie nur allzu gut. Und bis gestern war sie sogar in der Lage gewesen, den Schwerpunkt ihrer Arbeit der letzten Jahre und die anstehenden Nachforschungen in Hamburg als Ironie des Schicksals zu werten. Ihre Suche würde genau an dem Ort beginnen, von dem sie geflohen war, weil ein Mensch sich in Luft aufgelöst hatte und die ständige Konfrontation mit dem Geschehen unerträglich für sie gewesen wäre. Und das war nur die halbe Wahrheit.

Aber gestern hatte sie nicht am Elbufer gestanden und den Geruch ihrer Stadt eingeatmet. Gestern hatte sie an ihrem Schreibtisch in Berlin-Treptow gesessen und mit professioneller Distanz die Entscheidung getroffen, dem unerklärlichen Verschwinden der achtundzwanzigjährigen Bibliothekarin Caroline Meisner persönlich auf den Grund zu gehen.

Ein leises Winseln riss sie aus ihren Gedanken. Kotti saß plötzlich neben ihr und blickte zu ihr hoch. Der Windhundmischling, den Hannah vor zwei Jahren am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg aufgegriffen hatte, wich seitdem kaum von ihrer Seite und verbrachte mehr Zeit mit ihr als jeder andere. Hannah wusste, dass ihr Lebensgefährte Achim darüber manchmal ins Grübeln geriet, obwohl er den Hund durchaus schätzte und gernhatte. Doch bei Hannah und Kotti ging es nicht um Sympathie oder Fürsorge oder Aspekte des Tierschutzes. Hunde hatten in ihrem Leben noch nie eine Rolle gespielt, andere Tiere auch nicht. Die Verbindung zwischen ihr und dem zierlichen Hund mit dem beigefarbenen Fell und den leuchtenden Bernsteinaugen war mit dem ersten Blickkontakt entstanden. Hannah sprach nie darüber, aber sie hatte das intensive Déjà-vu-Gefühl, den Hund zu kennen, und ihm schien es ganz ähnlich zu gehen. Es gab nie eine Diskussion, wohin Kotti von nun an gehörte.

»Du hast recht, lass uns frühstücken gehen«, sagte sie nach einem Blick auf die Uhr. Der Termin im Polizeipräsidium in Winterhude war zwar erst in zwei Stunden angesetzt, aber sie frühstückte gerne ausgiebig und in aller Ruhe.

Hannah hatte in einer kleinen Pension in Iserbrook ein Zimmer bezogen. Dort hatte niemand ein Problem mit Kotti, und bis zur Elbe und zur Joggingstrecke war es auch nicht weit. Am ersten Morgen in Hamburg war die übliche Runde, die sie sonst mit ihrem Hund drehte, deutlich kürzer ausgefallen.  Kein Wunder, dachte sie – schwere Gedanken, schwere Beine.

Die Wirtin servierte ihr eine Portion Rühreier mit Krabben und knusprigem Bauernbrot, die viele Stunden vorhalten würde. Um halb neun saß sie im Wagen und machte sich auf den Weg ins nördliche Hamburg. Sie war den hochsommerlichen Temperaturen und dem Anlass angemessen, aber dennoch leger gekleidet – helle Leinenhose, blaue Bluse, Weste. Sachlich, locker und klar. Hannah war zierlich, brünett und gerade mal eins fünfundsechzig groß, und sie wählte ihre Kleidung mit Bedacht aus. Achim behauptete stets, dass sie ihm unter Tausenden von Menschen sofort ins Auge stechen würde – egal, wie sie sich kleidete. Doch er trug auch nach fünf Jahren Beziehung häufig noch die rosarote Brille, und Hannah konnte ihre Wirkung ganz gut selbst einschätzen. Sie war kein Blickfang, kein Typ Frau, nach dem sich Männer scharenweise umschauten, und das war ihr recht so. Sie war Beobachterin und Zuhörerin, und was im Gespräch oder bei einer Vernehmung gesagt wurde, vergaß sie nicht – um genau zu sein: nicht ein einziges Wort.

Mit allzu großer Begeisterung würde man sie nicht empfangen, das war schon während ihres Telefonats vor einigen Tagen deutlich geworden. BKA bedeutete aus Sicht der örtlichen Behörden zunächst einmal, dass sich jemand »von oben« einmischte und natürlich alles besser wusste; im Falle von Sonderermittlungen befürchteten die Beamten einen Haufen zusätzlicher Arbeit, für die unter Umständen Kollegen von anderen Einsätzen abgerufen werden mussten, ohne dass die Zuständigkeiten vernünftig geklärt waren und alle Karten auf dem Tisch lagen.

»Wenn sie auf stur schalten, setz einfach deinen Charme ein«, hatte Bernd Krüger ihr geraten und dabei ein Gesicht gezogen, als würde er aus dem reichen Fundus eigener Erfahrungen berichten. Dabei hätte Hannah jede Wette gehalten, dass Bernd das Wort Charme nicht einmal buchstabieren konnte.

Um kurz vor neun betrat sie den sternförmigen Gebäudekomplex am Bruno-Georges-Platz, dicht gefolgt von Kotti, und wenige Minuten später öffnete sie die Tür zum Büro von Detlef Schaubert, Hauptkommissar beim LKA, zuständig für Sondereinsätze und Ermittlungsunterstützung. Schaubert war ein großer massiger Typ mit Schnauzbart, Anfang fünfzig und somit zehn Jahre älter als Hannah. Er trug Jeans und Polohemd und sah ihr mit einem freundlichen Lächeln entgegen, aber sein Blick verriet Wachsamkeit und das übliche Staunen, als er Kotti entdeckte.

»Guten Morgen, Frau Jakob – oder besser Dr. Jakob? Sie sind doch studierte Psychologin, oder?«, fragte er und kam ihr mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Ja, aber ohne Doktortitel, dafür bin ich aber auch gelernte Kommissarin«, erwiderte sie. Sie war sicher, dass er genau wusste, wen er vor sich hatte und welche Qualifikationen sie mitbrachte. Sein Händedruck war fest, die Stimme klang selbstbewusst.

»Verstehe, von der Pike auf gelernt.« Schaubert wandte den Kopf und warf Kotti einen amüsierten Blick zu. »Sind das die neuen Berliner Polizeihunde?«, witzelte er.

Hannah erwiderte das Lächeln, während ihr Hund herzhaft gähnte und Schaubert völlig ignorierte. »Ja, die fressen weniger und sind genügsamer als Schäferhunde – es dürfte sich wohl herumgesprochen haben, dass wir in Berlin jeden Euro für den neuen Flughafen brauchen.«

Schaubert grinste und bot ihr einen Platz vor seinem Schreibtisch an, auf dem sich drei Stapel Akten türmten. »Sie kommen also extra aus der Hauptstadt, um sich mit der vermissten Caroline Meisner zu beschäftigen?«, stieg er sofort ins Thema ein. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und schob das Telefon und die Computertastatur beiseite.

Hannah nickte. »Sie wissen, dass ich als Sonderermittlerin des BKA in Vermisstenfällen tätig werde …«

»Ja, ich weiß.« Schaubert winkte ab. »Der Kollege, mit dem Sie gesprochen haben, hat mich über Ihre Arbeit informiert. Ich frage mich nur, wo Sie rein ermittlungstechnisch ansetzen wollen. Caroline Meisner ist ein Fall von Tausenden, die jedes Jahr verschwinden, und zwar spurlos und ohne den geringsten Hinweis auf ein Verbrechen, und die dann irgendwann in den nächsten Tagen oder Wochen wieder auftauchen – zu den Statistiken muss ich Ihnen wohl nichts sagen …«

»Nein. Im letzten Jahr wurden über fünftausendfünfhundert vermisste Personen registriert. Gut die Hälfte der Fälle klärt sich innerhalb der ersten Woche, in welcher Weise auch immer«, erläuterte Hannah in sachlichem Ton. »Im Laufe eines Monats steigt die Aufklärungsquote auf ungefähr achtzig Prozent, nur etwa drei Prozent werden länger als ein Jahr vermisst. Doch drei Prozent sind hundertfünfundsechzig Menschen und meist ebenso viele Familien, die stets mit allem rechnen, aber im Ungewissen bleiben müssen, manche für immer.«

Schaubert beugte sich vor und legte die Hände auf den Tisch. »Ich habe Ihren Ansatz schon verstanden, Frau Jakob, aber nach einem Blick in die Akte der Kollegen vom Polizeirevier in Altona frage ich mich, was Sie ausgerechnet an der Frau interessiert.« Er kniff plötzlich die Augen zusammen. »Genauer gesagt: Gibt es da etwas, das ich noch nicht weiß? Steckt unter Umständen mehr hinter Ihrer Entscheidung, sich ausgerechnet mit diesem Vermisstenfall näher zu befassen?«

Hannah war auf die Frage vorbereitet. Sie schüttelte sofort den Kopf. »Nein. Wir ermitteln nicht gegen sie, und sie ist auch keine verdeckte Ermittlerin, von der andere Dienststellen nichts wissen, falls Ihre Frage in diese Richtung zielt, oder sonstwie verdächtig. Sie ist verschwunden und in die BKA-Vermisstendatei aufgenommen worden. Dort hat sie meine Aufmerksamkeit erregt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.«

Schaubert lehnte sich zurück. Er schien beruhigt, wenn auch noch nicht vollständig überzeugt. »Es liegt kein Ansatzpunkt für ein Verbrechen vor. Es ist durchaus möglich, dass die Frau sich aus eigenem Antrieb wohin auch immer zurückgezogen und ihr Handy ausgestellt hat, um ihre Ruhe zu haben. Wie genau wollen Sie vorgehen?«

»Völlig unspektakulär«, antwortete Hannah. »Ich werde mit Angehörigen, Freunden, Kollegen und so weiter reden. Ich mache mich auf die Suche nach Brüchen, nach Missklängen, Merkwürdigkeiten, die sich lohnen, hinterfragt zu werden. Vielleicht stoße ich dabei auf etwas, das das Verschwinden erklärt, oder ich finde Hinweise, die durchaus einen kriminellen Zusammenhang vermuten lassen …«

»Die Kollegen haben den Fall überprüft, ihren Job gut gemacht und nichts Derartiges festgestellt«, warf Schaubert sofort ein.

»Das ist mir klar«, stimmte Hannah zu. »Ich bin auch nicht hier, um Ihnen oder den Kollegen Versäumnisse unter die Nase zu reiben. Ich agiere als Sonderermittlerin und bringe etwas ganz Entscheidendes mit, was möglicherweise zur Aufklärung beitragen kann und in den alltäglichen Routinen der örtlichen Kommissariate immer zu kurz kommt, und zwar nicht nur in Hamburg, sondern überall.«

Schaubert verschränkte die Arme vor der Brust. »Da bin ich ja mal gespannt.«

»Zeit, Ruhe, Distanz.« Beim letzten Punkt stockte Hannah kurz, aber Schaubert bemerkte es nicht. »Ich werde Sie an der einen oder anderen Stelle um Unterstützung bitten, ansonsten führe ich völlig selbständig viele Gespräche, über deren Inhalt und Verlauf ich Sie natürlich gerne informiere. Ich werde meine Kompetenzen nicht überschreiten, und wenn sich jemand über mich beschweren will, geht das direkt nach Berlin und landet nicht auf Ihrem Schreibtisch. Ich brauche nicht mal einen Stadtführer oder Aufpasser an meiner Seite, weil ich mich gut in Hamburg auskenne. Vielleicht stelle ich nach einigen Tagen fest, dass es keine Spuren gibt, jedenfalls keine, die zu Ergebnissen führen, die es auch nur lohnen, in einer Akte festgehalten zu werden, und mache mich wieder auf den Weg an die Spree. Aber vielleicht entdecke ich doch etwas, und wir lösen den Fall gemeinsam. Zufrieden?«

Schaubert musterte sie einen Moment stumm. »Na schön«, stimmte er schließlich zu. »Damit kann ich leben. Aber ich bitte Sie dringend, keine Alleingänge zu unternehmen, über die wir nicht informiert sind.«

Hannah schüttelte sofort den Kopf, wobei ihr allerdings bewusst war, dass sie den Ausdruck »Alleingänge« manchmal durchaus eigenwillig definierte.

»Gut. Ich habe Ihnen die Akte zusammengestellt und auch zwei Telefonnummern notiert, unter denen Sie mich und einen Kollegen fast jederzeit erreichen können.«

Hannah lächelte. »Ich danke Ihnen.« Kotti, der neben ihrem Stuhl gelegen hatte, stand auf, streckte sich und ging zur Tür. Für ihn war die Besprechung beendet.

Schaubert nickte ihr zu, als sie sich erhob. Hannah hatte die Hand schon an der Klinke, als er sich räusperte. »Sagen Sie mal, stimmt das wirklich, dass Sie sich jedes Wort merken können, das im Gespräch und auch bei Vernehmungen fällt?«

Hannah unterdrückte ein Seufzen und drehte sich langsam zu dem LKA-Mann um. Irgendwer in Berlin hatte mal wieder nicht den Mund halten können. »Ja, das ist richtig. Ich kann mir Gesprächsverläufe sehr gut merken, so wie andere fehlerlos und schnell im Kopf rechnen oder innerhalb kurzer Zeit kinderleicht Sprachen erlernen können«, erklärte sie beiläufig.

Das war eine famose Untertreibung, aber Hannah ließ sich nicht gerne über ihre spezielle Begabung aus, und sie hatte auch keine Lust, zu Kunststückchen aufgefordert zu werden, frei nach dem Motto: »Ist ja toll! Und was hab ich vor fünf Minuten gesagt?« Wer nicht mehr wusste, was er vor fünf Minuten erzählt hatte, sollte ihrer Ansicht nach unbedingt ein Gedächtnistraining absolvieren, aber mit derartigen Ratschlägen machte man sich auch nicht gerade beliebt. Mit knappem Gruß und einem unverbindlichen Lächeln auf den Lippen verließ sie das Büro.

Vor vier Jahren war sie bei einem Crosslauf im Grunewald schwer gestürzt und hatte sich eine erhebliche Kopfverletzung zugezogen. Die war gut verheilt; zurückgeblieben war jedoch die plötzliche Fähigkeit, Gespräche zitatgenau zu erinnern, und zwar jedes einzelne, dessen sie sich nach dem Unfall konzentriert entsann. Niemand war verblüffter als Hannah. Sie vergaß die Worte nicht mehr, die sie gehört hatte, was zugleich Segen und Fluch bedeuten konnte, wie sie bald feststellte, und gehörte damit von einem Tag auf den anderen zum Kreis der Savants – Menschen mit sogenannten Inselbegabungen, für die die Forschung inzwischen die unterschiedlichsten Ursachen und Ausprägungen entdeckt hatte. Unter ihnen gab es erstaunliche Gedächtnis-, Sprach- und Mathematikkünstler, Musikgenies und einiges mehr, wie Hannah bei Recherchen herausfand und im Gespräch mit ihrem Arzt erfuhr. Viele Savants waren Autisten und verfügten von Geburt an über ihre außergewöhnliche Fähigkeit, bei anderen entstand sie erst später, zum Beispiel nach einem Unfall mit Hirnschädigung.

Hannah hatte sich entschlossen, nicht mehr über ihre Fähigkeit zu sprechen, als unbedingt nötig war – anfangs weil sie verblüfft war, später um niemanden zu verunsichern oder sich neugierig begaffen zu lassen. Inzwischen nutzte sie ihre Erinnerungsfähigkeit im Beruf wie ein inneres Aufnahmegerät, um im geeigneten Augenblick Zeugen oder Verdächtige mit Einzelheiten ihrer Aussagen zu konfrontieren oder sie miteinander zu vergleichen und Zusammenhänge intuitiv zu erfassen. Privat bemühte sie sich, die Begabung auszublenden und war zugleich fasziniert und amüsiert, wenn sie spürte, wie Achim, der durchaus impulsiv war, in einer heftigen Diskussion oder Auseinandersetzung immer wieder darum rang, die richtigen Worte zu finden. »Nicht zu fassen«, sagte er ein ums andere Mal, »dass du dir wirklich jeden Scheiß merkst, den ich von mir gebe – ob du willst oder nicht.«

Manchmal fragte sie sich, wann ihr Gehirn seine Aufnahmekapazität erreicht haben und anfangen würde, auszusortieren, und ob sie Einfluss darauf hatte, welche Inhalte verblassten. Sie war zutiefst dankbar dafür, dass sie nicht bereits damals, als Liv verschwand, über die Fähigkeit verfügt hatte.

Caroline Meisner war vor zehn Tagen, am Freitag vor einer Woche zum letzten Mal gesehen worden. Ihre Angehörigen hatten sie als vermisst gemeldet, nachdem sie zu einem Familienfest nicht erschienen und nirgendwo erreichbar gewesen war. Die Beschreibung eines Passanten, der sich auf die Vermisstenmeldung in der Zeitung bei der Polizei gemeldet hatte, um auszusagen, dass er die junge Frau am Elbufer in Blankenese gesehen hatte, klang so überzeugend, dass umgehend eine zweite Anzeige mit diesem wichtigen Hinweis geschaltet worden war. Der Mann hatte sogar im Detail beschreiben können, wie Caroline gekleidet gewesen war. Das war ungewöhnlich.

Hannah zog ihr Handy heraus. Sie war auf direktem Weg nach Bergedorf gefahren, wo Carolines Familie lebte, und studierte in einem kleinen Café in der Nähe des Alten Bahnhofs die Akte. Der hilfreiche Zeuge hieß Michael Folk, war jedoch weder unter seiner Festnetznummer noch übers Mobiltelefon erreichbar. Hannah entschloss sich, keine Nachricht zu hinterlassen, sondern es später noch einmal zu versuchen.

Carolines Eltern führten gemeinsam mit der älteren Schwester und deren Lebensgefährten einen alteingesessenen Fahrradladen in Bergedorf, den sie von Meisner senior übernommen hatten, der mit ihnen unter einem Dach lebte. Carolines Großvater, dessen 90. Geburtstag an jenem Freitag gefeiert wurde oder, besser gesagt, gefeiert werden sollte, war besonders aufgebracht gewesen, als seine Enkelin nicht erschien, wie in der Akte vermerkt war. Hannah klappte den Ordner zu, trank ihren Kaffee aus und machte sich mit Kotti an der Seite auf den Weg. Nach Auskunft ihres Smartphone-Navis befand sich das Geschäft in gut vierhundert Metern Entfernung. Also ließ sie den Wagen stehen.

Vor dem Schaufenster des Bikerladens, in dem lebhafter Andrang herrschte, befand sich eine gemütliche Sitzgruppe aus tiefblau gestrichenen Holzbänken und Korbsesseln. In einem von ihnen thronte ein alter Mann mit Mütze und Pfeife und sah ihr entgegen. Auf seinem giftgrünen T-Shirt prangte das Logo des Geschäftes.

»Womit können wir dienen – wollen Sie ein Rad entleihen, benötigt Ihres eine fachmännische Reparatur, oder möchten Sie sich umschauen, um ein neues zu kaufen?«, fragte der Alte, und sein breites Hamburgisch schwallte Hannah selbstbewusst entgegen.

»Nichts von alldem.« Sie lächelte. »Sind Sie Herr Meisner?«

»Ja, der alte Meisner, Rudi.« Er schob seine Mütze in den Nacken. »Kennen wir uns?« Tiefblaue Augen musterten sie.

»Nein, noch nicht. Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?«

»Klar. Braucht der Hund was zu trinken?«

»Danke der Nachfrage. Im Moment nicht.«

Hannah nahm ihm gegenüber Platz und stellte sich vor. Die Miene des Alten verdüsterte sich sofort, aber er unterbrach sie nicht, während sie ihre Rolle als Sonderermittlerin so kurz wie möglich erörterte. Er zog an seiner Pfeife und hob das Kinn. »Es ist was passiert, oder? Natürlich ist was passiert. Ich meine, die schicken doch niemanden los ohne handfesten Verdacht.«

»In diesem Fall schon, Herr Meisner«, betonte Hannah. »Ich weiß nicht mehr als Sie. Ich möchte dem Geschehen im Rahmen meiner Aufgabe beim Bundeskriminalamt auf den Grund gehen, gerade weil nichts auf ein Verbrechen hinweist, aber das Verschwinden Ihrer Enkelin dennoch höchst beunruhigend ist.«

Meisner nickte sofort. »Das können Sie wohl laut sagen.« Seine Unterlippe zitterte, und er wandte rasch den Kopf zur Seite.

»Halten Sie es für ausgeschlossen, dass Caroline spontan beschloss, ein paar Tage zu verreisen und nicht erreichbar zu sein?«

»Natürlich! So ein Blödsinn! Warum sollte sie das tun, noch dazu an meinem Geburtstag? Der sollte groß gefeiert werden …« Er beugte sich vor. »Übrigens, alle wollten das, nur ich nicht. Ist doch völlig egal, ob man neunzig, siebzig, hundert wird. Ich habe gar keinen Wert auf das ganze Theater gelegt, aber …« Er winkte ab. »Caroline war auch dafür. Sie hatte Urlaub und half bei den Vorbereitungen mit, und sie hat sich gefreut, dass die ganze Familie zusammenkommt, Nachbarn, Freunde …« Er zog die Nase kraus. »Und dann bleibt sie einfach weg? Nee, das passt doch nicht zusammen.«

Hannah teilte seine Meinung. Sie schwiegen einen Moment, während Kunden den Laden verließen und Rudi Meisner grüßte, als würde er jeden einzelnen persönlich kennen, was sehr wahrscheinlich der Fall war.

»Kann man sagen, dass Sie ein gutes, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ihrer Enkelin haben?«, hob Hannah wieder an.

»Ja.«

»Sie kennen sie gut?«

»Besser als ihre Eltern und ihre Schwester.«

»Ja? Warum?«

»Das war immer so«, bekräftigte Rudi Meisner. »Sie war schon als Kind eigenwillig, verschlossen, ließ sich nichts sagen. Bei mir war sie anders. Ich lass mir nicht auf dem Kopf rumtanzen, und gerade die Lütten spüren das.« Er legte seine Pfeife auf den Tisch und starrte eine Weile in die Ferne. »Und ich lasse mir nichts vormachen, von niemandem.«

»Wissen Sie von einem Freund, einer Beziehung?«

Meisner wischte sich über die Nase. »Ich bin nicht sicher. Sie hat nichts erzählt, aber … Sie redet nicht über solche Themen, und ich bin ja auch ein alter Zausel.« Er verzog den Mund zu einem Schmunzeln, wurde dann jedoch sofort wieder ernst. »Jedenfalls gibt es niemanden, den sie in letzter Zeit mitgebracht hat, wenn sie uns besuchte.«

»Wie lange ist es her, dass sie mal jemanden mitbrachte?«, fragte Hannah.

Meisner nahm die Pfeife wieder in die Hand. »Länger als ein Jahr, glaub ich. Sie hat es nicht so mit der Liebe, sagte sie mal.«

»Wie meinte sie das? Spielen andere Dinge eine größere Rolle in ihrem Leben?«

»Ja, kann schon sein. Herzensangelegenheiten nimmt sie nicht so wichtig – Liebe kommt, Liebe geht –, aber als sie die Stelle als Bibliothekarin in der Universitätsklinik Eppendorf bekam, da war sie richtig glücklich.«

»Wann war das?«

»Och, warten Sie mal … letztes Jahr? Nee, das ist schon fast zwei Jahre her. Meine Güte, wie die Zeit vergeht.«

Eine karrierebewusste junge Frau, die sich nicht gerne in die Karten schauen lässt – jedenfalls nicht in der Familie – und ihr Lebensglück abseits einer Beziehung sucht, fasste Hannah im Stillen zusammen. Kotti, der unter dem Tisch lag, hob plötzlich den Kopf und fixierte einen Punkt hinter Hannah, die sich daraufhin langsam umdrehte. Eine großgewachsene Frau stand in der Tür und musterte sie eindringlich. Misstrauen spiegelte sich in ihrer Miene. Die Schwester der Vermissten, Martina Meisner, dachte Hannah sofort, als sie sich die Fotos von Caroline, die der Akte beigefügt waren, in Erinnerung rief – das gleiche volle dunkelblonde Haar, herzförmiges Gesicht, große Augen, vier Jahre älter. Aber ihr Mund war anders, schmallippig streng, und sie wirkte deutlich größer und kräftiger als die jüngere Schwester.

»Wer sind Sie, und was wollen Sie von meinem Großvater?«, richtete sie das Wort an Hannah.

»Nun mal nicht so zackig, Martina!«, mischte der alte Meisner sich sofort ein. »Das hat alles seine Ordnung. Die Frau ist von der Polizei.«

»Schon gut«, wiegelte Hannah freundlich ab und stellte sich vor, während sie ihre Dienstmarke zückte. »Ich versuche herauszufinden, was Caroline widerfahren ist, und Ihr Großvater war so freundlich, mir einige Fragen zu beantworten. Sie sind die Schwester, nicht wahr?«

»Ja.« Martina Meisner nickte, nachdem sie den BKA-Ausweis eingehend geprüft hatte. »Hat man denn immer noch nichts gefunden?« Sie blieb in der Tür stehen. »Keine Hinweise? Weitere Zeugen? Nichts, gar nichts?«

»Nein. Ich suche nach Ansatzpunkten, die uns hoffentlich weiterhelfen und zu einer Spur führen. Haben Sie irgendeine Vorstellung, was passiert sein könnte?«

Martina trat nach einem prüfenden Blick ins Ladeninnere nach draußen, ließ die Tür behutsam ins Schloss fallen und setzte sich zu Hannah und ihrem Großvater. »Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte sie halblaut, aber in energischem Tonfall. »Sie wollte noch einige Besorgungen für die Feier machen und mittags hier sein – so hatten wir es zwei Tage vorher jedenfalls vereinbart, aber sie kam nicht.«

»Caroline war mit ihrem eigenen Wagen unterwegs?«

»Ja, natürlich. Sie fährt grundsätzlich mit dem Auto, sie liebt das Autofahren – von dem Wagen fehlt auch jede Spur.« Martina wischte sich mit einer Hand über den Mund. »Meine Eltern sind … fassungslos, wie gelähmt. Sie versuchen sich mit Arbeit abzulenken, hier gibt es immer genug zu tun. Begreifen kann man das gar nicht. Auf einmal ist sie weg, es herrscht Schweigen, und niemand weiß warum … Das ist so unwirklich.«

Hannah spürte den altbekannten Schmerz aufsteigen. »Womit hat sich Ihre Schwester in letzter Zeit beschäftigt?«, fragte sie und schob die eigenen Erinnerungen beiseite. »Entsinnen Sie sich vor dem Hintergrund des Geschehens vielleicht an eine sonderbare Bemerkung, ein Telefonat, das Sie jetzt stutzen lässt?«

Martina schüttelte den Kopf. »Nein, nichts. Es war alles wie immer.« Sie zog die Achseln hoch. »Ich muss allerdings hinzufügen, dass Caroline und ich uns zwar mögen und auch regelmäßig sehen, wenn sie nach Bergedorf kommt, aber ein besonders vertrautes Verhältnis haben wir nicht zueinander. Sie macht immer ihr eigenes Ding und erzählt auch nicht viel von sich selbst. Caroline reist gerne, mag ihren Job, zieht sich ansonsten zurück … Viel mehr kann ich gar nicht zu ihr sagen. Eigentlich traurig, doch nicht zu ändern. Ihre Verschlossenheit hat mit den Jahren eher noch zugenommen. Aber was soll’s? Manche Menschen sind eben so.«

»Hat sie Freunde erwähnt, mit denen sie in letzter Zeit viel zusammen war? Gab es neue Bekanntschaften, zu denen sie das eine oder andere berichtete?«

Martina lehnte sich zurück und hob die Hände. »Ich kann mich an keine Namen erinnern. Sie ist eine Einzelgängerin, fährt auch alleine in den Urlaub – jedenfalls klingt es so, weil sie nie jemanden erwähnt. Ich könnte mir allerdings vorstellen …« Sie warf ihrem Großvater einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder Hannah zuwandte. »Ich glaube, dass sie einen Liebhaber hat, und zwar einen, mit dem es vielleicht nicht ganz so toll läuft – das ist nur ein Gefühl, eine Ahnung. Erzählt hat sie nichts, doch immerhin nimmt sie die Pille.«

»Woher wissen Sie das?«

Martina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wir sind spät abends in ihre Wohnung gefahren …«

»Wer ist wir?«

»Mein Lebensgefährte und ich. Wir wollten nach dem Rechten sehen – die Eltern haben einen Schlüssel zu Carolines Wohnung. Auf ihrem Schreibtisch lag ein Pillen-Rezept.«

Hannah beugte sich vor. »Ist Ihnen in der Wohnung sonst irgendetwas aufgefallen?«

»Nein, aber ich bin auch nur selten dort, die Eltern kümmern sich meist um die Post und die Pflanzen, wenn Caroline verreist ist. Es wirkte, hm, ja, sehr ordentlich, aufgeräumt, aber das muss ja nichts heißen.«

»Haben Sie den Anrufbeantworter abgehört?«

»Er war nicht eingeschaltet.«

Die Ladenglocke schlug an. Ein Kunde verließ das Geschäft und schob ein offensichtlich nagelneues oder zumindest sehr gepflegtes Rad durch die Tür, wobei er darauf achtete, nirgends anzustoßen. Martina wandte den Kopf und grüßte mit einem freundlichen Lächeln.

»Frau Meisner, können Sie sich vorstellen, was Caroline am Freitag am Elbufer in Blankenese vorhatte?«, hob Hannah wieder an. »Ein Zeuge hat sie am Nachmittag in der Nähe der Joggingstrecke auf Höhe des Leuchtturms gesehen.«

»Ich weiß, die Polizei hat uns darüber informiert, und wir haben uns bereits die Köpfe zerbrochen, warum sie dort war, noch dazu zu diesem Zeitpunkt – ohne zu einem Ergebnis zu kommen.« Sie hob die Hände und sah ihren Großvater an. »Wir haben nicht die geringste Ahnung, was sie da wollte, und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie je erwähnt hat, in Blankenese unterwegs gewesen zu sein.«

Der Großvater verzog das Gesicht. »Sie wohnt in Altona und hat’s nicht weit bis zur Elbe. Warum sollte sie bis nach Blankenese fahren? Zum Rumrennen oder Joggen, wie das heutzutage alle Welt tut? Caroline ist keine Joggerin!«

»Vielleicht war sie verabredet«, schlug Hannah vor.

»Ja, mit mir! Es war mein Geburtstag, und sie wollte längst hier sein.« Das klang trotzig. Der Alte schob sich die Pfeife in den Mund und starrte in die Ferne.

»Und selbst wenn ihr plötzlich etwas Wichtiges dazwischengekommen sein sollte – warum hatte sie ihr Handy ausgeschaltet?«, gab Martina zu bedenken. »Caroline war nicht der Typ, der sich vor einer klaren Ansage scheut.«

»Können Sie das erläutern?«

»Ganz einfach: Sie hätte angerufen und Bescheid gesagt, dass sie später kommt – und wer damit ein Problem gehabt hätte, wäre selbst schuld gewesen. Sie kann ziemlich direkt sein.«

Hannah nickte nachdenklich. »Ich verstehe. Sie redet nicht lange um den heißen Brei herum.«

»Genau.«

»Danke für Ihre Geduld, Frau Meisner. Ich würde gerne auch noch mit Ihren Eltern reden und …«

»Sie werden Ihnen nicht mehr sagen können als ich, eher weniger, weil sie völlig erschüttert sind.«

Interessante Bemerkung, dachte Hannah. Martina Meisner wirkte besorgt und irritiert, aufgebracht, aber alles andere als zutiefst bestürzt. Die Beziehung der Schwestern war garantiert nicht ungetrübt, doch Geschwisterbeziehungen waren selten ungetrübt – es fanden sich meistens wunde Punkte, wenn man genauer hinsah.

»Trotzdem, es ist wichtig, dass ich Einblick in verschiedene Sichtweisen erhalte«, meinte Hannah. »Und manchmal sind es die scheinbar nebensächlichen Bemerkungen, die zu einer interessanten Frage führen.«

»Na, wenn Sie meinen.« Überzeugt war Martina nicht. »Mein Vater ist in der Werkstatt, ich bringe Sie zu ihm, und meine Mutter löse ich an der Kasse ab. Aber der Hund muss draußen bleiben.« Sie warf Kotti einen schrägen Blick zu, den der gelassen an sich abperlen ließ.

»Kein Problem, der wartet einfach hier draußen. Vielen Dank.« Sie standen gemeinsam auf. »Eine Frage noch, Frau Meisner. Halten Sie es für möglich, dass Caroline aus Verzweiflung über eine unglückliche Liebe …«

Martina winkte sofort ab. »Niemals! Der Typ war sie nicht, ist sie nicht!«, korrigierte sie sich rasch.

Hannah blickte den Alten an. »Und was meinen Sie? Trauen Sie Ihrer Enkelin einen Suizid zu?«

Rudi Meisner zuckte zusammen, verneinte aber ebenfalls sofort. »Caroline behält immer einen kühlen Kopf.« Er lauschte der Bemerkung einen Moment nach, dann nickte er zur Bekräftigung. »Ja, so ist das.«

»Und ein kühles Herz«, fügte Martina leise hinzu und drehte sich dann abrupt um.

Carolines Eltern sahen aus wie ein Geschwisterpaar – sie waren von ähnlicher kräftiger Statur, nahezu gleich groß, blass, ernst. Mit fragenden, nein, ängstlichen Augen blickten sie Hannah entgegen, nachdem Martina sie einander vorgestellt und die Werkstatt wieder verlassen hatte. Im Hintergrund werkelten zwei junge Männer, das Radio lief – NDR 2. Herbert Meisner wischte sich schließlich die Hände an einem Lappen ab und bot ihr einen Sitzplatz in einer winzigen Teeküche an, die direkt von der Werkstatt abging.

Etwas Neues erfuhr Hannah zunächst nicht. Beide bestätigten im Wesentlichen die Aussagen von Martina und vom Großvater und zeichneten das Bild einer taffen, zurückgezogen lebenden Frau, die ihren Job mochte, darüber hinaus gerne reiste, aber noch nie allzu viel von sich preisgegeben hatte und sich nicht scheute, ihre Bedürfnisse durchzusetzen, ohne dabei allzu viel auf die Meinung anderer zu geben. Weder Luise noch Herbert Meisner hatten eine Idee, was ihre jüngere Tochter in Blankenese vorgehabt haben könnte, und auch sie wussten nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob es einen Freund oder Liebhaber gab, konnten sich aber vorstellen, dass Caroline lediglich nicht über diesen Bereich ihres Lebens sprach.

Das letzte Mal gehört hatten sie von ihrer Tochter am Vorabend ihres Verschwindens. »Sie hat am Donnerstagabend kurz durchgerufen«, berichtete Luise Meisner. »Noch ein paar Kleinigkeiten wegen Freitag klären. Nichts Besonderes. Sie klang wie immer.« Die Frau schluckte und wich dem Blick der Kommissarin aus.

»Wie würden Sie das Verhältnis der Schwestern zueinander beschreiben?«, fragte Hannah schließlich.

Herbert Meisner blickte seine Frau an. »Normal, würde ich sagen. Sie sind keine dicken Freundinnen, aber …«

Luise Meisner runzelte die Stirn. »Was spielt denn das für eine Rolle?«

»Bei Vermisstenfällen kann alles eine Rolle spielen«, entgegnete Hannah. »Auch Aspekte, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit dem Geschehen zu tun haben, können sich als bedeutungsvoll erweisen – vielleicht nicht sofort, aber unter Umständen in zwei Tagen oder Wochen, wenn sich plötzlich ein Zusammenhang ergibt, an den wir jetzt noch gar nicht denken.«

»Nun gut«, lenkte die Mutter ein. »Wie mein Mann schon sagte, die beiden waren noch nie besonders eng befreundet. Martina kümmert sich mehr, verstehen Sie? Caroline kommt häufig zu Besuch, hat aber sonst nicht viel mit unserem Alltag oder dem Geschäft zu tun.«

Und das nimmt sie der jüngeren Schwester übel, dachte Hannah. Vielleicht würde Martina gerne mal die Rollen tauschen, die Freiheit und Eigenständigkeit genießen, die Caroline sich ganz selbstverständlich herausnimmt; schöne Reisen, toller Job, mal raus aus der Familie, heimlicher Liebhaber … Nicht voreilig bewerten, rief Hannah sich selbst zur Ordnung. »Martinas Freund …«

»Der Daniel – feiner Kerl«, fiel Herbert ihr ins Wort, und ein Lächeln flog über sein Gesicht.

»Er arbeitet auch hier im Geschäft?«

»O ja, der hat noch mal so richtig Schwung in den Laden gebracht – mehr Service, größeres Sortiment, dazu Veranstaltungen …« Carolines Vater klang für Momente fast begeistert, dann brach er ab und sah verlegen beiseite.

»Er ist ihr Lebensgefährte«, betonte Carolines Mutter. »Nächstes Jahr werden die beiden heiraten. Sie wollten sich eigentlich schon in diesem Mai das Jawort geben, aber dann … Martina hatte eine Fehlgeburt, und … aber das gehört gar nicht hierher.«

»Ich verstehe.« Hannah ersparte der Frau eine Vertiefung dieses Themas. »Noch zwei Fragen, wenn Sie erlauben. Ich würde gerne auch mit Daniel sprechen. Ist er hier?« Sie wandte den Kopf in Richtung der beiden Mitarbeiter.

Herbert Meisner schüttelte den Kopf. »Der Junge ist den ganzen Tag mit dem Servicewagen unterwegs, aber ich gebe Ihnen seine Handynummer.«

»Das ist nett, vielen Dank. Könnten Sie sich darüber hinaus vorstellen, mit mir in Carolines Wohnung zu fahren, damit ich mir einen Eindruck verschaffen kann, wie Ihre Tochter lebt?«

»Da ist nichts Ungewöhnliches, alles wie immer«, entgegnete Luise Meisner stockend. Der Vorschlag gefiel ihr nicht. »Ich war vor drei Tagen selbst dort, um nach der Post zu sehen …«

»Ich verstehe Ihr Zögern, Frau Meisner, aber bedenken Sie bitte, dass ich als Außenstehende einen distanzierten Blick werfen kann, der Ihnen naheliegenderweise nicht gelingen kann. Ich achte auf andere Dinge als Sie.«

»Ich weiß nicht … Muss das wirklich sein?«

»Ich habe keinerlei juristische Handhabe«, gab Hannah zu. »Aber ich bin dankbar für jeden Hinweis, aus dem sich ein weiteres schlüssiges Handeln ergeben könnte. Im Moment haben wir nicht den geringsten Anhaltspunkt, und die Wohnung, der private Rahmen kann mir in kurzer Zeit …«

»Einer von uns wird mit Ihnen hinfahren«, unterbrach Herbert sie. Er nestelte eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines Overalls. »Vielleicht morgen. Wir haben viel zu tun. Hier sind unsere Nummern, auch die von Daniel. Rufen Sie bitte noch mal an.« Er stand auf. »Ich muss zurück an die Arbeit«, fügte er mit leiser Stimme hinzu. Seine Gesichtsfarbe wechselte plötzlich ins Gräuliche.

Hannah erhob sich ebenfalls. »Ja, natürlich, danke.«

Carolines Vater befürchtete verständlicherweise das Schlimmste. Er hob die Hand und eilte mit abgewandtem Gesicht in die Werkstatt zurück.

Seine Frau sah ihm mit besorgtem Blick nach, bevor sie Hannah durch den Laden begleitete und ihr schließlich die Tür aufhielt. Sekundenlang starrte sie auf den Boden, dann hob sie den Kopf. »Es ist etwas passiert, nicht wahr, Frau Kommissarin?«, flüsterte sie. »Nach zehn Tagen ohne irgendeine Nachricht, ohne den geringsten Hinweis – da muss etwas passiert sein.«

Hannah schwieg. Ihr Sohn war neunzehn und absolvierte zurzeit ein freiwilliges soziales Jahr in Brasilien. Wenn sie nicht mindestens eine Mail pro Woche von ihm erhielt, wurde sie unruhig, und Ben lachte sie dann aus. Neunzehnjährige taten so etwas.

»Werden Sie herausbekommen, was geschehen ist?«

»Genau das ist mein Ziel.«

2

Er schloss die Tür seines Arbeitszimmers hinter sich ab, obwohl er allein im Haus war und in den nächsten Stunden weder seine Frau noch Tochter zurückerwartete. Der Stick hatte in der Post gelegen – in einer unschuldig anmutenden Werbebroschüre, die an ihn persönlich adressiert war, genau wie beim ersten Mal. Oliver fuhr seinen Laptop hoch und steckte den USB-Stick ein. Er benötigte drei Versuche, weil seine Hände unkontrolliert zitterten. Auch das Prozedere war identisch – der Zugriff auf die Daten war erst möglich, als er das Passwort eingegeben hatte, auf das er von einem anonymen Anrufer wenige Minuten zuvor mit blechener Stimme hingewiesen worden war. »Den Namen deiner Liebsten und das aktuelle Datum.«

Oliver öffnete die erste der drei Videodateien. Sein Herz schlug mit scharfer Wucht gegen die Rippen, und er presste die Hände vor den Mund, während die erste Szene aufflackerte: Wieder saß sie auf einem hohen Lehnstuhl und war von drei vermummten, schwarz gekleideten Männern umgeben. Diesmal hielt ihr niemand eine Pistole an den Kopf. Sie war zwar blass, aber ihr Gesicht wies keine Blutflecken auf. Oliver atmete laut aus. Einer der drei Männer löste sich nach wenigen Augenblicken aus der Gruppe und trat näher an die Kamera. Durch zwei schmale Schlitze schien er Oliver direkt anzusehen. Er nickte langsam und hob eine Hand, Daumen und Zeigefinger bildeten einen Ring, den er mit entschlossener Geste hochhielt. Gut gemacht, sollte das wohl bedeuten. Wieder ein Nicken. Alles ist in Ordnung, übersetzte Oliver, und Erleichterung durchflutete ihn für einen langen köstlichen Augenblick.

Der Vermummte bückte sich, hob einen Zettel auf und hielt ihn Oliver entgegen: »Kein Wort zu niemandem. Zerstör den Stick und alle Spuren. Du hörst wieder von uns. Bete für das Kind, dann betest du auch für sie.«

Ein letzter Schwenk erfasste Caroline, die mit unbewegter Miene in die Kamera starrte. Dann wurde das Bild schwarz.

Die beiden anderen Videodateien enthielten trügerisch harmlose Szenen: Olivers Frau Marie auf dem Weg in die Uni, während einer Vorlesung, in der Cafeteria, Töchterchen Amelie auf dem Spielplatz inmitten ihrer Kindergartengruppe, beim Eisessen, während einer Hafenrundfahrt anlässlich einer Geburtstagsfeier – fröhliches Kindergeschrei, im Hintergrund die Köhlbrandbrücke. Und er selbst beim Joggen im Kollegenkreis am Elbufer in Blankenese.

Oliver spürte, wie Übelkeit in ihm aufstieg. »Scheiße«, murmelte er leise. »Scheiße.« Mit fahrigen Händen löschte er die Dateien vom Laptop, den Speicherstick stopfte er später zwischen Kaffeefilter und Essensresten in den Müll. Bis Marie und Amelie nach Hause kamen, blieben ihm einige Stunden – Zeit, die Fassung wiederzugewinnen, Zeit zum Beten.

Carolines Kollegin in der ärztlichen Zentralbibliothek am Universitätsklinikum Eppendorf hieß Annette Pape und war am Telefon sofort bereit gewesen, sich Zeit für ein Gespräch mit Hannah zu nehmen. In der Akte wurde darauf hingewiesen, dass Frau Pape auskunftsfreudig war und mehr zu Caroline zu sagen wusste als andere Mitarbeiter.

Nach einer längeren Mittagspause, die Hannah genutzt hatte, um sich mit einem Imbiss zu versorgen und bei einem Alsterspaziergang die Füße zu vertreten, was Kotti sehr gefreut hatte, war sie in die Klinik gefahren und wartete nun im vierten Stock der Bibliothek in einem der Gruppenarbeitsräume auf die Bibliothekarin. Den Hund hatte sie im Auto zurücklassen müssen – wegen der Wärme mit heruntergelassenen Fensterscheiben. Sie hoffte, dass niemand auf die Idee kam, den zierlichen Kotti mit den sanften Augen zu unterschätzen. Ihr Gefährte konnte sich, wenn es sein musste, innerhalb von Sekundenbruchteilen in eine zähnefletschende Furie verwandeln – zum Beispiel, wenn sich ein Unbefugter Zugang zum Wagen verschaffen wollte. In Berlin war das bereits einige Male passiert.