Informationen zum Buch

Die Brüder Grimm auf der Jagd nach einem rätselhaften Manuskript. Durch Adelspaläste, finstere Spelunken und unterirdische Tempel führt die rasante Suche nach Schillers geheimnisvollstem Werk. Auf ihrer Spur: skrupellose Geheimbünde, ein wahnsinniger Mörder – und Goethe, der undurchsichtige Dichterfürst.

Ein phantastischer Abenteuerroman vom preisgekrönten Bestsellerautor Kai Meyer.

Weimar im Jahr 1805. Die Brüder Grimm machen ihre Aufwartung, doch finden sie Schiller todkrank vor. Verlegen übergeben sie die Arznei, die Goethe ihnen mitgegeben hat. Der sieche Dichter überlässt ihnen sein letztes Manuskript – doch wenig später wird ihnen diese Kostbarkeit gestohlen. Gegen ihren Willen geraten sie in eine finstere Verschwörung, in der Goethe, eine seltsame Gräfin, eine Geheimloge und exotische Rauschmittel eine Rolle spielen.

Kai Meyer

Die Geisterseher

Ein unheimlicher Roman
aus dem klassischen Weimar

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Prolog

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Zweiter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Dritter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Nachwort des Autors

Über Kai Meyer

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Prolog

Weimar, im März 1805

Am Morgen jenes Tages, an dem Gott, der Herr, von seinem Thron stieg und tot zusammenbrach, war die Milch in ihren Krügen geronnen wie Blöcke aus weißem Porzellan. Dorothea, die Dienstmagd, war atemlos zum Markt gelaufen, aufgescheucht wie die Hühner, die zwischen den Ständen gluckten, und hatte beim Bauer Rosenberg um neue gebeten. Sauer sei die alte gewesen, die er ihr am Vortag verkauft habe, sauer, wie die Miene des Herrn Geheimrat, wenn er von dem Mißgeschick erführe. Ja, ganz zweifellos.

Sie kam mit neuer Milch nach Hause, doch Gott, der Schöpfer, starb trotzdem. Dabei hatte er weder von der einen noch der anderen getrunken, und die Schuld an dem, was folgte, traf nicht die Dienstmagd Dorothea und nicht den Bauer Rosenberg.

Am Nachmittag erhob Gott, der Allmächtige, sich von seinem prächtigen Thron (der Bezug war mit schwarzem Zwirn geflickt, aber das sah nur der, der davon wußte), machte erst einen, dann einen zweiten tänzelnden Schritt und schien mit einem Mal zu schwanken. Er faßte sich an seinen langen, weißen Bart – der roch ein wenig nach Essensresten –, blinzelte, weil er glaubte, seine Brille sei verrutscht, und kippte schwer vornüber. Beim Aufschlag verrutschten die Gläser tatsächlich, sie zerbrachen, und ein Splitter bohrte sich in seinen linken Augapfel. Das Blut, das dabei austrat, verursachte einige Verwirrung und sorgte im Anschluß für gehörigen Streit über die wahre Todesursache.

Als sein Körper mit Getöse auf den Boden krachte, spritzten die himmlischen Heerscharen auseinander wie kochendes Fett auf kaltem Stein. Raphael und Michael, den beiden Erzengeln, blieben die Worte honigzäh am Gaumen kleben, und Gabriel verschluckte sich so furchtbar, daß sein Husten den Umstehenden in den Ohren klang wie meckerndes Gelächter.

Ausgerechnet Mephistopheles war es, der seine Sinne als erster wieder beisammen hatte und lautstark nach einem Mediziner rief. Seine Worte hallten über den Hof des Weimarer Bürgerhauses, so schrill, so schneidend, daß Dorothea, die Dienstmagd, vor Schreck einen Krug der frischen Milch vergoß und aufgeregt zum Fenster eilte.

Was sie sah, ließ ihren Atem stocken. Die Schauspieler, die im Hof den Prolog des neuen Stückes aufgeführt hatten, an dem ihr Herr seit Jahren schrieb, liefen kopflos auf und ab. Einige scharten sich um den Herrn Geheimrat, andere um etwas, das Dorothea vom Fenster aus nicht sehen konnte. Sie hörte nur, wie der Teufel – sein Name war für ihren Geschmack arg lang und kompliziert geraten – um Hilfe rief. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob die Rufe vielleicht ihr galten, ob von ihr erwartet wurde, daß sie einen Doktor holte. Dann sah sie, wie der Stallknecht zum Tor eilte, und war froh, daß er die Verantwortung von ihren Schultern nahm.

Gütiger Himmel, dachte sie, als einer der Engel einen Schritt zur Seite machte und den Blick auf den reglosen Körper freigab. Das weiße Gewand lag über ihn gebreitet, so, wie der Sturz es hatte fallen lassen, als hätte sich der Zufall sein eigenes Leichentuch geformt. Das Gesicht des Schauspielers war aschfahl, fast so grau wie die Pflastersteine des engen Innenhofs. Mehr konnte Dorothea von hier aus nicht erkennen, doch wußte sie sehr wohl, wen der Mann im Drama ihres Meisters spielte. Einen Moment lang erwog sie die Möglichkeit, daß der Himmel einen wütenden Blitz herabgeschleudert hatte, dann verwarf sie den Gedanken; schließlich hatte es keinen Donner gegeben. Und überhaupt: Hätte Gott, der Herr, der Schöpfer, der Allmächtige, nicht den Meister Goethe strafen müssen? War doch er allein es, aus dessen Hirn die Verse und Figuren stammten.

Sie sah, wie der Stallknecht in Begleitung eines Herrn mit feinem Gehrock, Halstuch und Zylinder wiederkehrte. Während der Doktor sich über den leblosen Schauspieler beugte, beobachtete sie das Gesicht ihres Dienstherrn.

Geheimrat Goethe war kaum weniger bleich als der Mann, der auf seinem Hof zusammengebrochen war. Eine Strähne seines dunklen, gewellten Haars war ihm in die Stirn gefallen. Er sprach schnell, fast ein wenig zornig auf den Doktor ein. Dabei sah er ihn nicht an, schaute statt dessen mal hier-, mal dorthin, hinauf zum Dach, wieder zum Tor, dann prüfend durch die Reihen der Schauspieler. Das gute Dutzend Männer und Frauen, allesamt vom Weimarer Hoftheater, stand verwirrt, beschämt, verängstigt da.

»Sieh ihn dir an«, sagte hinter ihr eine knarrende Stimme. Mit aufgestellten Nackenhaaren fuhr Dorothea herum. Goethes Kammerdiener war von hinten herangetreten, ohne daß sie ihn in ihrer Aufregung bemerkt hatte. Er blickte an ihr vorbei durchs Fenster, sein Blick haftete an ihrem Herrn, als hätte er ein Insekt auf seinem Rockaufschlag entdeckt. Sie mochte den Diener nicht. Karottenfarbene Haut spannte sich straff über sein knochiges Gesicht, so daß die Leberflecken auf den Wangen zum Doppelten ihrer eigentlichen Größe anzuwachsen schienen; manchmal roch er nach dem Gift, das er gegen Ungeziefer zwischen der Kleidung seines Herrn verteilte.

»Ist er tot?« fragte sie, weil das erste, was ihr beim Anblick des Dieners einfiel, immer der Tod war.

Der dürre Mann hob die Schultern. Seine Kleidung raschelte trocken wie Herbstlaub, das der Wind gegen Grabsteine treibt. »Wer weiß? Wir werden es bald erfahren. Schau nur, diese Aufregung. Sieh dir den Herrn Goethe an und sag mir: Was stört’s ihn? Schreibt schon sein Leben lang übers Sterben und scheint nun ganz fassungslos.«

»Was wird aus dem Essen?« Die dritte Stimme, hinter ihrer beider Rücken, gehörte dem Koch. Der Herr hatte ihn nur für den heutigen Tag eingestellt, die vielen Gäste wollten beköstigt werden. Sein Gesicht war teigig, mit wulstigen Lippen, die Dorothea an den Kupferstich einer fleischfressenden Pflanze erinnerten, der einmal im Vorzimmer des Herrn gehangen hatte. Sein Kopf schien beständig hin und her zu rollen, die Arme hingen hilflos zu beiden Seiten seines Wanstes. Dorothea hatte gehört, wie er beim Kochen vor sich hin brabbelte, ganz leise; erst glaubte sie, er betete, dann wurde ihr klar, daß es Witze waren, die er vor sich hinmurmelte. Statt eines Lachens hüpften seine schmalen Augen auf und ab, und die weiße Haut seiner Wangen bewegte sich in fleischigen Wellen zum Kinn.

Dorothea wandte sich von ihm ab und betrachtete wieder ihren düster dreinblickenden Herrn im Hof. »Der arme Herr Goethe. Er wird wieder stundenlang im Regen stehen und traurige Gedichte schreiben.«

»In der Tat«, meinte der Diener, »ich fürchte, er wird den schwarzen Gehrock tragen wollen.«

Dorothea schüttelte den Kopf. »Lieber etwas Helles. Etwas, das seine düstere Stimmung hebt.«

Aus den Augen des Dieners traf sie der eisige Nordwind. Es stand ihr nicht zu, sich in seine Obliegenheiten zu mischen. »Es ist das Los des Dichters zu leiden, Dorothea. Davon leben seine Werke. Und, mit Verlaub, auch wir.«

Der Koch räusperte sich. »Was ist nun mit dem Essen?«

»Wirf es weg«, sagte der Diener.

»Wegwerfen? Denkt doch, welchen Festschmaus wir davon …«

»Koch«, sagte der Diener mit frostiger Stimme, »der Herr steht draußen auf dem Hof, gebeugt über einen Toten. Warum gehst du nicht hinaus und unterbreitest ihm persönlich deinen Vorschlag?«

Der andere fuhr zusammen, als hätte jemand in seine Hühnersuppe gespuckt. Dann zuckte er mit den Achseln, drehte sich um und ging. »Werfen wir es weg«, murmelte er. »Das zarte Fleisch, das frische Gemüse, den edlen Fisch. Weg damit.«

Dorothea hatte ihn kaum beachtet. Ihre Gedanken waren immer noch bei ihrem Herrn und dem Toten. »Warum tut Gott so etwas?«

Der Diener seufzte angesichts solcher Einfalt. »Nicht Gott. Der Tod.«

»Der Tod?«

Der knochige Mann nickte, seine Haut glänzte fahl im einfallenden Nachmittagslicht. »Manche sagen, der Tod sei ewig jung und neide uns das Alter. Je älter wir werden, desto häufiger schaut er vorbei. Holt erst Eltern und Großeltern, schließlich Freunde, zuletzt einen selbst. Dann ist er längst ein alter Bekannter. Aber Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Er tut das häufig und gern. Schicksal nennen wir das.«

Dorothea schüttelte langsam den Kopf. Sie verstand nicht, was er meinte.

Die Stimme des Dieners klang nun tief und geheimnisvoll, wie Zaubersprüche in einem alten Brunnenschacht. »Tatsache ist, er hat es wieder getan. Und Warum ist die älteste Frage der Welt.«

Erster Teil

Ein Gruß den Feiernden in Moskau – Nacht und Neider – Sprechen Ägypter Polnisch? – Horchen an der Wand – Um Himmels willen, sie trägt Hosen! – Spindels Schergen – Pistolenrauch, wie unerquicklich – Rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz – R-O-S-A – Warschau liegt in Preußen – Die Tür eines Amtsmanns

1

An einem Maiabend, ungewöhnlich warm und dennoch klar für jene Zeit des Frühlings, machten wir uns auf den Weg zu des Dichters Haus. Das verblassende Tageslicht hüllte Weimars Straßen in einen sterbenden Glanz und zog scharfe Grenzen zwischen den gierigen Schatten und jenen immer kleiner werdenden Flächen, welche die sinkende Sonne mit ihrem Bronzeschein legierte. Während wir beflügelt von hoher Erwartung einherschritten, flimmerten nach und nach in den Häusern die Fenster als leuchtende Rechtecke aus dem Zwielicht, dunkler, wo von einer Kerze nur der Stumpf geblieben, heller, wo man sie eben erst entzündet hatte. Einmal wehte uns der behagliche Duft von Pfeifentabak in die Nase, ein anderes Mal hörten wir in der Ferne leisen Gesang von Kinderstimmen.

Auf dem Weg zur Esplanade kam uns nur eine einzige Kutsche entgegen, wohl aber gab es verstreute Spaziergänger, welche die lauen Abendstunden zu frohem Gespräch oder brütendem Alleinsein nutzten. Unser Gastgeber hatte uns erklärt, man habe den gepflegten Corso vor einem halben Jahrhundert auf den Resten der ehemaligen Stadtbefestigung errichtet. Seither hatte sich die breite, gepflasterte Straße zum beliebten Wandelweg gemausert. Bebaut war nur die Nordseite; nach Süden hin blickte man hinab bis zur Lindenallee und in ihre stillen, üppigen Gärten.

Das Haus des großen Dichters unterschied sich in seiner Schlichtheit kaum von den übrigen Weimarer Stadthäusern. Barocke Mansardendächer reckten sich über den seitlichen Flügeln, während der Dreiecksgiebel des mittleren Teils und die spröde Putzgliederung der dotterfarbenen Fassade bereits dem Klassizismus entstammten. Der vielfingrige Schatten einer Linde hatte nach dem Haus gegriffen wie die fiebernde Hand der Krankheit, die seinen Besitzer plagte.

Mein Bruder und ich hatten lange gestritten, wer von uns die Hand zum Klopfen an des Meisters Tür würde heben dürfen. Daß schließlich er es war, dem diese Ehre zukam, lag nicht daran, daß er der Ältere war; er zählte zwanzig, ich neunzehn Jahre, und die dreizehn Monate, die uns trennten, hatten für keinen von uns eine Bedeutung. Tatsächlich – und im nachhinein scheint mir die Vorstellung mehr als nur ein wenig albern – hatten wir während der Kutschfahrt nach Weimar und selbst noch im Haus unseres Gastgebers die Qualität unseres Klopfens geprobt, den Klang unserer Hände auf Holz studiert, seine Wirkung nach den feinen Kriterien der Akustik beurteilt. Und mit welchem Bedacht, welcher Akribie wir das taten! Ich will die Details übergehen; erwähnt sei allein die Problematik, ein rechtes Holz zu finden, das dem in seiner Beschaffenheit gleichen mochte, welches wir an jener Pforte zu finden glaubten. Da wir des Meisters Tür weder gesehen, geschweige denn jemals berührt hatten, war dies ein Unterfangen von grenzenloser Pedanterie. Weshalb schließlich Jacob und nicht ich selbst an der Dichterpforte klopfte – sehr zögernd, sehr sachte, sehr höflich –, ist mir wohl nach all der Zeit entfallen.

Mein Bruder und ich erfreuten uns oft an derlei Nichtigkeiten, und wir gefielen uns darin, selbst in den schlichten Dingen des Alltags die Herausforderungen des Charakters, Verstands oder einfach nur des Herzens zu suchen. Zwei jungen Männern, die sich selbst für romantische Gelehrte hielten, fiel dergleichen nicht schwer.

Mein Bruder zog seine Hand von der Tür zurück, als fürchtete er, sie könne daran haften bleiben. Wir waren bereit zu warten, doch es dauerte nur wenige Augenblicke, da hörten wir an der Innenseite Schritte, leichtfüßig und geschwind, mädchenhaft.

Der rechte Flügel der Tür öffnete sich, und als sei sie ein Zaubertrick, dessen Lösung man plötzlich durchschaute, verlor sie mit dieser Bewegung all ihre Mystik. Frische Geheimnisse lagen dahinter, neue Dinge, die es zu sehen, zu erforschen galt.

Das erste dieser Rätsel war ein schmales Frauengesicht, das sich scheu in den Streifen aus Dämmerlicht schob. Das mußte sie sein.

Charlotte von Schiller sah jünger aus, als ich erwartet hatte. Sie war keine Schönheit, doch besaß sie eine grazile Erscheinung, die jeder Frau zu beneidenswerter Zierde gereicht hätte. Ihre Stirn war niedrig, der Nasenrücken langgestreckt. Hübsche braune Augen verrieten Freundlichkeit und Güte.

Ich weiß nicht, ob meine Begegnung mit ihr den Dichter Schiller als Mann greifbarer machte oder ob er durch sie nur in noch entferntere Sphären rückte. Er hatte mit dieser Frau Kinder gezeugt, und der Gedanke daran war so angenehm unzüchtig, daß ich ihn in meinem Hinterkopf zur späteren Betrachtung archivierte.

Einen Augenblick lang schien sie zu zögern, dann lächelte sie. »Die Brüder Grimm, nicht wahr?«

Wir nickten zugleich, wie Zirkusattraktionen mit verwachsenen Schädeln.

»Gestatten, Wilhelm Grimm«, sagte ich. »Und das ist mein Bruder …«

»… Jacob Grimm«, fiel er mir ins Wort und deutete eine Verbeugung an.

Ihr Lächeln drohte für einen Moment zu ersticken wie eine Flamme im Luftzug. Jetzt erst bemerkte ich die dunklen Ringe unter ihren Augen. »Ich bin Charlotte von Schiller«, sagte sie. »Mein Mann kann Sie leider nicht selbst an der Tür empfangen.«

Wir beeilten uns zu versichern, wie wenig uns das ausmachte. Und tatsächlich war allein der Gedanke, daß dies seine Frau, diese Mauern sein Haus, selbst die Luft seine Luft waren, ein Rauschmittel, das mich benebelte wie ein exotisches Opiat. Wir waren da. Hier also war es. Hier schrieb er, lebte er, liebte er. (Ich weiß nicht, warum mir immer wieder der Gedanke an die Liebe kam. Vielleicht war es diese Frau, die von ihm berührt und begehrt wurde; vielleicht war sie es, die mich trotz ihrer unauffälligen Erscheinung so verwirrte. Herrgott, er liebte sie. Wie hätte ich sie da nicht vergöttern müssen?)

»Ihr Mann erwartet uns«, sagte Jacob, der wie immer mühelos die Fassung bewahrte.

Sie schüttelte sanft den Kopf. Ihre hochgesteckten Locken schimmerten wie braune Seide. Spürte Jacob denn überhaupt nichts von ihrer Feenmagie?

»Ich glaube nicht, daß er Sie erwartet«, sagte sie zu unser beider Erschrecken. Hatte nicht Goethe versprochen, einen Boten mit seiner Empfehlung zu schicken?

»Aber, bitte, treten Sie erst einmal ein«, bat sie und zog die Tür zu voller Weite auf.

Wir betraten die Eingangshalle. Wie selbstverständlich hatte ich angenommen, daß es überall im Haus nach Büchern, nach altem Papier und Buchbinderleim riechen würde. Aber ähnliche Erwartungen waren bereits im Anwesen Goethes enttäuscht worden. Daß sie sich auch hier nicht erfüllten, war keine Überraschung mehr.

Sie hatte unser Erstaunen über ihre Worte bemerkt, daher lächelte sie jetzt. »Keine Sorge, meine Herren, er wird Sie empfangen. Er liegt im Bett, sein Zustand ist nicht der Beste. Ihr Gastgeber ließ Ihren Besuch wohl ankündigen, aber ich bezweifle, daß Friedrich sich dessen erinnert.« Wieder dieser kurze Moment tiefer Trauer in ihren zerbrechlichen Zügen. »Bitte folgen Sie mir.«

Charlotte führte uns über enge Treppen hinauf in die zweite Etage. Stufen, Türen und Fensterrahmen waren in grünlichem Grau gestrichen. Handgedruckte Papiertapeten wechselten in ihrer Farbe von Raum zu Raum, mal grün, mal blau, mal zart rosé. Viele der Wandschränke und Regale waren gleichfalls damit überzogen, an Brettern und Fächern hatte man Sockel und Abschlußbordüren angebracht – eine Mode, die mir gut gefiel, Jacob aber zu verspielt und, wie er sagte, weibisch schien. Ich war gespannt, wie er nach unserem Besuch im Hause Schiller darüber denken würde.

Unsere karge Wohnung in Marburg war zweckmäßiger eingerichtet, ganz so, wie es zwei lustlosen Studenten der Juristerei geziemte. Zudem entsprach es dem armseligen Stand der Grimmschen Finanzen. Auf der Liste wichtiger Anschaffungen stand Brot vor Bordüren, Wasser vor Wandschmuck. Aber auch damit ließ sich leben.

Vor einer schmalen Holztür blieb Charlotte stehen. »Friedrich ruht in seinem Arbeitszimmer. Er hat es immer so gewollt.« Sie streckte die Hand nach der Türklinke aus, zog sie aber im letzten Augenblick zurück. »Sie sollten wissen, er ist in keinem guten Zustand. Er redet wirr, hat Fieberträume. Sollte es Ihnen alleine darum gehen, ein Idol zu treffen, ist dies kein guter Zeitpunkt. Sein Genie schwindet von Tag zu Tag.«

Die scheinbare Härte ihrer Worte überraschte mich. Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, daß sie Ausdruck ihrer hemmungslosen Zuneigung waren, der Graben, den sie um die Krankheit ihres Mannes gezogen hatte. Es wunderte mich, daß sie uns überhaupt zu ihm vorließ. Mit einem Mal war ich sicher, daß es auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin geschah, nicht, weil sie es tolerierte. Demnach mußte er klar genug gewesen sein, um Goethes Botschaft zu verstehen. Die Nachricht von unserem Kommen. Und dem Medikament, das wir brachten.

Sie öffnete die Tür.

Ich wurde überwältigt. Nicht von der Anwesenheit Schillers; nicht vom Anblick seines Allerheiligsten. Allein der Geruch war es, warm und schal und übelkeiterregend, der mir den Atem nahm. Ein Geruch, wie er in der Küche unserer Mutter geherrscht hatte, an heißen Sommertagen, wenn sie Fisch ausnahm. Charlotte hatte recht gehabt – dies war kein günstiger Augenblick, einem Abgott zu begegnen.

Schiller lag auf einem schlichten Bett aus Fichtenholz. Sein dunkles Haar klebte lang und wirr am Hinterkopf; die wenigen Strähnen, die ihm oberhalb der hohen Stirn geblieben waren, sahen aus, als hätte jemand eine schwarze Spinne an seinem Schädel zerdrückt. Die Wangenknochen stachen spitz hervor, doch stützte ein Doppelkinn seinen Kopf, als müßte er sonst haltlos zur Seite rollen. Seine Lippen waren eingerissen, die Augen schmal und müde.

»Rudolph, bist du’s?« Seine Stimme. Großer Gott, seine Stimme. Ein einziges Beben und Zittern. Wie einer, dem die Fluten des Acheron schon die Schultern kühlen.

Charlotte trat eilig an seine Seite. Sie nahm seine Hand in die ihre. Ein Lächeln huschte über Schillers Gesicht, als er ihre Berührung spürte. »Nein, nicht Rudolph«, sagte er. »Du bist’s, mein Lottchen. Hat’s dich also fortgerissen aus der Festgemeinde? Mein Gruß dem Demetrius. Mein Gruß den Feiernden in Moskau.«

Ich stand starr vor Leid und Schrecken. Wußte nichts zu sagen. Das welke Genie in seinem Bett schien mir plötzlich angsteinflößend in seinem Gefasel und Gestammel. Ich verstand nicht, was er sagen wollte, wen er meinte. Nichts verstand ich. Wollte nur fort.

»Friedrich«, sprach Charlotte ihren Gatten vorsichtig an, als müsse sie ihn gar an seinen eigenen Namen erinnern. »Die Brüder Grimm sind da, Friedrich. Die jungen Herren, von denen Wolfgang uns erzählte. Die beiden sind seine Gäste und wollen dich kennenlernen.«

Einen Augenblick schien es, als komme er zur Besinnung. Bewegung ergriff seine Züge, nur ein wenig. Genug um zu hoffen. Seine Worte klangen spröde. »Die Brüder Grimm, natürlich. Franz und Karl. Ludwig und Johannes. Tristan und Isolde.« Jetzt war mir fast, als lachte er. Lieber wäre mir gewesen, ich hätte es nicht bemerkt.

»Wilhelm und Jacob«, stellte mein Bruder uns vor. Ich neidete ihm seinen Wagemut, dieses Wrack im Bett so offen anzusprechen. Doch blieb mir nicht verborgen, daß auch seine Stimme schwankte.

»So ist es«, erwiderte Schiller. »Wilhelm und Jacob Grimm. Wißbegierig und jung. Sie begreifen den Scherz der Initialen? Tüchtig, tüchtig, in der Tat.«

Jedes seiner Worte war wie Eis in meinem Denken, wie Feuer in der Seele. Der große Schiller war zum Wirrkopf geworden. Mehr noch als sein Zustand erschrak ich über die Geschwindigkeit, mit welcher der Respekt aus meinem Herzen floß. Ich zwang mich, einen Schritt nach vorne zu machen. Dabei wollte ich mich doch am liebsten herumwerfen und fliehen, nur fort aus diesem Haus. Ich wagte nicht, zu Jacob hinüberzusehen, und brauchte es auch nicht, denn er trat von sich aus in mein Blickfeld, gleich neben das Bett des siechen Dichters.

»Dies schickt Euch der Herr Geheimrat Goethe«, sagte mein Bruder und zog eine gläserne Phiole aus seiner Rocktasche. »Das Medikament, nach dem Ihr verlangtet.«

Charlotte streckte die Hand aus und wollte es entgegennehmen, doch Schiller brachte ein erbärmliches Kopfschütteln zustande. »Mir«, sagte er nur. Und nach einem Moment: »Hat der Alte doch noch daran gedacht.«

Jacob sah erst Charlotte an, vergewisserte sich stumm ihrer Zustimmung und legte das Fläschchen dann in Schillers rechte Hand. Jene Hand, die den Wallenstein, den Tell geschrieben hatte. Jene Hand, aus der seine geistigen Gaben geflossen waren wie die Früchte aus dem Füllhorn. Mir fiel das Bild des Gottes ein, aus dessen Händen Blitze zuckten, aus denen Stürme wehten und Fluten schossen; Instrumente seiner Macht. Nicht anders war es einmal bei Schiller gewesen. Ich würde seine Werke nie mehr so lesen können, wie ich es immer wieder getan hatte, bevor wir hierher kamen, in dieses Haus des Siechtums und Gestanks.

Schiller hob die durchsichtige Phiole in einer mühevollen Bewegung vor seine schmalen Augen und betrachtete die klare, farblose Flüssigkeit, die sich darin bewegte. »Zittert sie nicht ganz so wie ein lebendes Wesen?« fragte er. »Als ahne sie, in welchem Schlund sie bald verschwinden wird. Tu dein Werk, kleine Medizin, tu dein Werk.«

Er machte sich daran, den Stopfen aus dem schlanken Glashals zu ziehen.

»Verdünnt, sie muß verdünnt werden.«

Die Worte hingen wie Spinnweben im Raum, so dünn, so faserig hatten sie geklungen. Als mir klar wurde, daß ich selbst es war, der sie ausgesprochen hatte, erschrak ich über den kraftlosen Klang meiner Stimme.

Drei Augenpaare blickten in meine Richtung. Charlotte sah überrascht aus; Jacob abwartend; und Schiller, ja, Schiller blickte dankbar.

»So spricht er also doch, der ängstliche Herr Grimm«, sagte er.

Ich hätte im Boden versinken mögen, dort und auf der Stelle. Er hatte mich durchschaut, mir wahrscheinlich jeden meiner Gedanken vom Gesicht abgelesen. Wie hatte ich nur annehmen können, daß einer, der solche Charaktere schuf wie er, daß so einer nicht jedes Gefühl, jede Regung durchschauen konnte, die der menschliche Geist ersinnen mochte. Ich fühlte mich gedemütigt; nicht von ihm, sondern von meinem eigenen Urteilsvermögen.

»Verzeiht«, stammelte ich, »doch der Herr Goethe gab klare Anweisung, die Medizin vor ihrer Einnahme aufzulösen.«

Charlotte nickte, während Schiller mich nur weiter ansah und nun sogar lächelte. »Ei, ei, welches Glück wir da gehabt haben, nicht wahr?«

Seine Frau pflückte die Phiole aus seiner Hand, er ließ es geschehen. »Ich werde sie mit einem halben Glas Wasser verdünnen, recht so?«

Ich nickte, während Schillers Lächeln immer noch an mir klebte. Es war ein gutmütiges Lächeln, fast väterlich, und doch spürte ich den Drang, es abzuschütteln wie eine Zecke. Es schmerzte.

Da tat Jacob etwas, das eigentlich völlig undenkbar war, skandalös bei jeder anderen Gelegenheit. Er hob eine Hand und legte sie auf Charlottes Unterarm, hinderte sie sanft am Aufstehen. Erschrocken blickte sie ihn an.

»Verzeiht noch einmal«, bat er. Seine Stimme schien mit jedem Wort an Mut und Festigkeit zu verlieren. »Aber ich würde gerne … ich meine, ich …«

Fast hätte ich mir ein leises Lachen erlaubt; doch das gehörte sich nicht, nicht am Bett eines Kranken und nicht in Anwesenheit seiner trauernden Frau. Jacob war zu weit gegangen. Wieder hatte ihn seine überschäumende Kühnheit hinfortgerissen.

Aber Schiller sagte nur: »Warte, Lottchen. Der junge Herr hat einen Wunsch, und ist es mir auch nicht vergönnt, andere zu erfüllen, so soll ihm doch wenigstens dieser eine, winzige gestattet sein.« Die edlen Worte schienen auch Schillers Stimme zu veredeln. »Lassen Sie mich raten, junger Freund. Sie möchten die Medizin für mich bereiten. Und später ein wenig damit prahlen, nicht wahr?«

Jacob schüttelte eilig den Kopf. Doch wußte jeder im Raum, daß er durchschaut war.

Ehe er etwas sagen konnte, drückte Charlotte ihm die Phiole in die Hand, stand auf und füllte ein Glas zur Hälfte aus einer fein geschliffenen Karaffe. Auch dieses Gefäß reichte sie ihm.

Jacob sah verwirrt zu mir herüber, dann auf die Gegenstände in seinen Händen.

Schiller hustete. Erst später wurde mir klar, daß es ein Lachen gewesen war. »Nun tun Sie’s schon«, forderte er meinen Bruder auf. »Sonst bin ich vorher tot, und Sie tragen die alleinige Schuld.«

Jacob nickte einmal kurz, dann stellte er das Glas auf Schillers Nachttisch, entstöpselte das kleine Fläschchen und goß den Inhalt ins Wasser. Die beiden Flüssigkeiten vermischten sich auf unscheinbarste Weise. Dann nahm mein Bruder das Glas und reichte es Schiller.

»Zu schwer«, sagte dieser. »Halten Sie es an meine Lippen. Sie müssen es mir einflößen.«

Ohne Zögern, wieder auf der Höhe seiner üblichen Fassung, tat Jacob wie ihm geheißen. Sehr vorsichtig schob er den Glasrand an die Unterlippe des Dichters, und wenige Augenblicke später war das Glas geleert. Er hatte nicht einen Tropfen vergossen. Nun bewunderte ich ihn fast für seine verwegene Bitte. Hätte nicht auch ich derjenige sein können, der Schiller die Medizin verabreichte? Und – der Gedanke ließ mich schwindeln – ihm vielleicht das Leben rettete?

Schiller schloß für einen Moment die Augen. Charlotte sah uns beide an, in ihrem Blick lag die stumme Bitte zu gehen. Jacob erhob sich von der Bettkante und trat an meine Seite. Ich wollte ihm zuvorkommen und Worte des Abschieds formulieren. Doch ehe ich noch den Mund öffnen konnte, sagte Schiller:

»Auf dem Schreibtisch, das Manuskript.«

Wir sahen hinüber zu seinem Tisch, auf dem zwischen einem hölzernen Globus und seiner Tabaksdose ein Paket lag. Es hatte die Maße einer Kirchenbibel, war jedoch rundherum in braunes Papier eingeschlagen und mit grober Schnur umwickelt.

»Bringen Sie’s dem Alten«, keuchte Schiller.

Charlotte öffnete die Lippen, als wollte sie ihm widersprechen. Es wäre das erste Mal während unseres Besuchs gewesen, daß sie gewagt hätte, seine Worte in Frage zu stellen. Doch schließlich schloß sie den Mund und schwieg. Vielleicht, weil sie wußte, daß er keine Einwände gelten lassen würde.

Das Manuskript, hatte er gesagt. Sollte das bedeuten, er vertraute uns eines seiner Werke an? Ungedruckt und unbekannt? Vielleicht kürzlich erst vollendet? Alle Zweifel, die mir bei Schillers elendem Anblick gekommen waren, schwanden auf der Stelle, und die uneingeschränkte Verehrung, die ich noch auf dem Weg hierher empfunden hatte, rückte an ihre Stelle. Ich sah Jacob an und las in seinem Gesicht, daß er ebenso empfand. Und doch wagte keiner von uns, zum Schreibtisch zu treten und das Paket an sich zu nehmen.

»Gib es ihnen«, befahl Schiller seiner Frau.

Charlotte ging hinüber zum Tisch, hob das Manuskript auf und kam damit zu uns herüber. Mir schien, als wollte Jacob die Hände danach ausstrecken, doch wieder hatte ich mich in ihm getäuscht. Er hatte seinen Teil der Ehre gehabt. Der andere gebührte mir.

»Nehmen Sie es schon«, sagte Schiller, immer noch mit geschlossenen Augen.

Ich ergriff das Paket und empfand dabei ein überwältigendes Glücksgefühl. Ich strich mit einer Hand über das Papier, spürte darunter harte Buchdeckel und eine leichte Ausbeulung an einer Seite. Das mußte das Siegel sein, mit dem das gebundene Manuskript versehen war. Was hätte ich dafür gegeben, das Papier herunterreißen, das Siegel erbrechen und den Inhalt lesen zu dürfen!

»Gehen Sie jetzt!« Schillers brüchige Stimme holte mich zurück in die Wirklichkeit. »Gehen Sie und geben Sie acht. Auch auf sich selbst. Ich wünsche Ihnen …« Der Rest seiner Worte wurde von einem Hustenanfall erstickt, der seinen ausgezehrten Körper unter der leichten Decke erbeben ließ.

Wir verneigten uns eilig, murmelten verlegene Abschiedsworte und ließen uns von Charlotte aus dem Zimmer geleiten. Sie schien froh, als wir endlich an der Haustür anlangten.

»Viel Glück«, sagte sie, als wir hinaus ins Abenddunkel traten. Dann schloß sie die Tür, und wir standen alleine da, um uns die einfallende Nacht, in unseren Ohren das lange, furchtbare Husten des Dichters, das durch Türen und Mauern bis hinab auf die Gasse drang.

2

Langsam und versunken in düstere Gedanken gingen wir entlang der Esplanade zurück zu Goethes Haus am Frauenplan. Es war still geworden, die Spaziergänger waren in ihren Häusern verschwunden, nur hier und da verabschiedete sich ein Frühlingsvogel mit einem letzten Trillern für die Nacht. Mit der Dunkelheit war die Kälte gekommen, sie ritt auf eisigen Böen durch Gassen und Straßen. Der letzte Schimmer Tageslicht war hinter den Dächern versunken, und nur die Mondsichel tauchte die Bäume und Fassaden in stählernes Frostlicht.

Keiner von uns wagte, den Schrecken, den wir beim Anblick des siechen Schillers empfunden hatten, in Worte zu fassen. Und doch war mein eigenes Entsetzen durchmischt mit fassungsloser Freude. Ein seltsames Wechselspiel hatte mein Denken erfaßt, schob es mal in die eine, mal in die andere Richtung, verlieh mal dem Hochgefühl, mal der Trauer ein Übergewicht. Immer wieder wurde das schlaffe Gesicht des Kranken aus meiner Erinnerung verdrängt, schaffte Raum für Spekulationen über den Inhalt des geheimnisvollen Manuskripts. Fast furchtsam preßte ich es an meinen Oberkörper; nicht einmal der Nachtwind sollte mit seine kalten Fingern danach greifen dürfen. Schiller hatte es mir anvertraut, und aus meinen Händen sollte Goethe es entgegennehmen.

Wir hatten kaum die halbe Strecke zurückgelegt, da blieb Jacob plötzlich stehen. Ich sah ihn an und wußte, was er dachte. Eine unausgesprochene Frage, ein lautloses Schulterzucken zur Antwort. Stumme Verständigung zwischen Brüdern, die ihr ganzes Leben miteinander verbracht hatten.

Das Manuskript wog schwer in meinen Händen, nicht physisch, eher auf unbestimmbarer, geistiger Ebene. Die Versuchung, es aus seiner Umhüllung zu reißen, war immer noch gewaltig. Ich wollte wissen, was auf diesen Seiten stand; und es brauchte keinen Hellseher, um zu erkennen, daß es Jacob ebenso erging.

»Wir könnten es öffnen«, sagte er so leise, als fürchtete er, der alte, kranke Schiller könne seine Worte über die Entfernung hinweg und um die Biegung der Straße belauschen.

Ich zögerte, wollte ja sagen, wollte es schreien – und schüttelte doch nur den Kopf. »Niemals. Er hat es uns anvertraut.«

»Ach, was. Er wußte genau, wie wir empfinden würden, mit diesem Paket in Händen, allein auf dunkler Straße. Und niemand, der uns beobachtet. Er hat es gewußt, verstehst du? Vielleicht wollte er es sogar.«

»Unsinn«, erwiderte ich verächtlich, doch es klang falsch und schlecht gespielt. Ich wußte längst, daß ich nachgeben würde, wenn nicht jetzt, dann nach den nächsten Schritten – zu groß waren die Lockungen der Schillerschen Schrift.

Was dann geschah, ging so schnell, daß ich es in Einzelheiten kaum wiederzugeben vermag.

Ehe wir uns am Vertrauen des Dichters versündigen konnten, rissen die Schatten zu meiner Linken auf wie samtene Vorhänge auf einer Theaterbühne. Etwas raste auf uns zu, unglaublich schnell, von dämonischer Zielstrebigkeit getrieben, stieß Jacob zur Seite, packte mit schwarzen Handschuhen das Paket und entriß es meinen starren Fingern. Ich schrie auf, vor Überraschung und vor Entsetzen, taumelte vorwärts und griff mitten hinein in die Dunkelheit, die über uns gekommen war. Meine Hände packten schwarzen, derben Stoff. Ein Umhang, weit und flatternd wie Todesschwingen, streifte mein Gesicht. Ich zog an dem, was ich gepackt hielt, doch wurde es meinem Griff entrissen und verschmolz rauschend mit der Finsternis. Aus dem Augenwinkel glaubte ich die Umrisse eines Menschen zu erkennen, Schwarz auf Schwarz, undeutlich und zerfließend in der Nacht. Ich erkannte kein Geschlecht, sah kein Gesicht; die Gestalt hatte ihren Kopf unter einer weiten, schwarzen Kapuze verborgen.

Ich hörte die Schritte des Unbekannten auf dem nächtlichen Pflaster, sah nicht ihn, nur seinen Umhang, der wie ein geisterhafter Rochen dahinschwebte, hinein in einen schmalen Durchgang und fort in die Nacht.

»Das Manuskript«, rief ich gequält, viel zu spät, als daß es den Diebstahl hätte verhindern können.

Ich öffnete erneut den Mund, diesmal, um nach Hilfe zu rufen, in der sinnlosen Hoffnung, dies werde den Räuber aufhalten.

Jacob stieß mich an. »Los, komm!« zischte er, dann war er fort und hatte die Verfolgung der dunklen Gestalt aufgenommen. Einen Augenblick lang zögerte ich; ich sah uns schon tot in den Schatten liegen, mit durchschnittenen Kehlen, gemeuchelt von einem Schurken, der hinter der nächsten Biegung lauern mochte.

Ich besann mich und folgte meinem Bruder mit schnellem Schritt. Der Schreck war mir rief in die Glieder gefahren, kaum glaubte ich Herr meiner Füße zu sein. Jacob und ich waren geschickt in körperlicher Ertüchtigung, weit im Sprung und schnell im Lauf. Doch dies waren andere Bedingungen. Der Gedanke, einen Verbrecher zu jagen, der auch vor Meuchelmord nicht scheuen mochte, war grauenvoll; ja, möglicherweise würden wir nicht die ersten sein, die mit seinem Messer grausige Bekanntschaft machten. War er gar ein gesuchter Mörder? Einer, der nichts gab auf Fremder Leben? Trotz der Anstrengung erschauerte ich.

Der Durchgang, in dem der unheimliche Räuber verschwunden war, führte auf einen Hof, mit Nacht gefüllt wie ein Becken voll mit schwarzem Wasser. Ich hörte Jacob vor mir, sein harter Schritt war der einzige Wegweiser in der fürchterlichen Finsternis. Kaum sah ich noch seinen Umriß, trotz der wenigen Meter, die uns trennten. Plötzlich hielt er an, ich prallte in vollem Lauf gegen ihn und riß ihn mehrere Schritte mit nach vorn. Unsere Absätze schepperten auf Stein, fluchend kamen wir zum Stehen.

»Hast du ihn gesehen?« flüsterte ich. Wieder fiel mir das Bild vom blitzenden Messer ein. Kein Gedanke mehr daran, schwor ich mir.

Jacobs Gesicht war kaum mehr als ein grauer Fleck in der Dunkelheit. »Sollte er entkommen sein, hätte er in einer der Türen verschwinden müssen. Doch ich würde mich wundern, wären sie unverschlossen.«

Türen? Ich sah keine. Ich erkannte kaum die Mauern der Häuser, geschweige denn Türen.

»Und falls nicht?« fragte ich. »Müßte er dann nicht noch …«

Jacob riß erneut an meinem Ärmel. »Dort!« rief er und sprang vorwärts.

Tatsächlich bemerkte auch ich eine Bewegung in den Schatten, vernahm ein leises Flattern wie von langen Stoffbahnen. Dann schoß der Umhang an mir vorüber, streifte mich erneut, und wieder verpaßte ich die Gelegenheit, ihn zu packen.

Jacob fluchte, fuhr herum und folgte dem Fliehenden hinaus auf die Straße. Wie ein Anhängsel lief ich hinter ihm her und bemühte mich, Schritt zu halten.

Die Gestalt im weiten Kapuzenmantel rannte rechterhand die verlassene Esplanade hinunter, im Mondlicht nun deutlicher zu erkennen. Schon nach Sekunden bog sie wieder ab, diesmal in eine schmale Gasse, aus der uns der Gestank von fauligem Unrat entgegenwehte. Immer wieder traten wir in der Dunkelheit in schlammigen Pfützen. Offenbar gossen die Anwohner ihre Abfälle aus den Fenstern hinunter in den engen Schlund. Der widerliche Geruch war kaum zu ertragen. Mir schien, als hätte der Unbekannte mit Absicht gerade diesen Weg eingeschlagen.

Das ferne Ende der Gasse stand wie eine Säule aus Mondschein in der Schwärze. Das wogende Dreieck des Umhangs raste darauf zu, zwar ohne seinen Vorsprung zu vergrößern, wohl aber kamen auch wir ihm nicht näher.

Der stinkende Spalt zwischen den Häusern schien sich ins Endlose zu ziehen, immer wieder drohte ich auf Nässe und Moder auszugleiten. Jacobs Atem hallte von den feuchten Wänden wider, mein eigener toste mir in den Ohren wie stürmische Gestade. Der Flüchtende erreichte das Gassenende, bog nach links.

Dann, Momente bevor wir ebenfalls ins Freie stürzten, hörte ich das Schnauben von Pferden, das Hämmern ihrer Hufe auf dem Pflaster und das Mahlen schwerer Kutschenräder. Jacob blieb vor mir wie erstarrt stehen, ich aber wurde vom Schwung nach vorne getrieben, an ihm vorüber und hinaus auf die Straße. Im letzten Augenblick gelang es ihm, mich am Saum meines Gehrocks zu packen. Mit einem kräftigen Ruck riß er mich nach hinten. Ich taumelte zurück, suchte vergeblich nach Halt; schwankend und voller Entsetzen blickte ich an meinem Bruder vorbei auf die Stelle, an der ich mich eben noch befunden hatte – denn jetzt galoppierten vier schwarze Rösser darüber hinweg, gewaltig und – wie mir schien – mit lodernden Augen, Kreaturen der Hölle. Hätte Jacob mich nicht gerettet, ihre mächtigen Hufen wären mein Ende gewesen.

Die Tiere zogen eine schwarze Kutsche hinter sich her. Wir sahen noch, wie die dunkle Gestalt in voller Fahrt die Kabinentür schloß, so daß ein Ende ihres Umhangs eingeklemmt über den Boden schleifte. Auf dem Kutschbock saß ein Mann, soviel vermochte ich zu erkennen, dann verschlangen ihn die Schatten. Uns blieb nichts, als dem donnernden Gefährt hinterherzustarren, wie es schnell und immer schneller in der Nacht verschwand.

* * *

Es gab keinen Streit, keinen Disput über unser weiteres Vorgehen. Wieder herrschte zwischen uns stilles Einvernehmen. Wir waren bestohlen worden, das war eine Schmach, die sich bewältigen ließ. Doch was die Sache sehr viel schlimmer machte: Man hatte uns das geraubt, was uns ein Kranker, vielleicht Sterbender, anvertraut hatte. Unerträglich wurde die Angelegenheit durch die Abscheulichkeit, daß dieser Kranke Schiller war und das verfluchte Diebesgut sein herrliches Vermächtnis.

Wie hätten wir ihm mit dieser Schuld jemals unter die Augen treten können? Oder gar dem Herrn Goethe, unserem Gastgeber, der uns – zwei schlichten Studenten, wohl mit literarischer Ambition und dem Willen zu publizieren, doch kaum mehr – so freundschaftlich aufgenommen und bewirtet hatte.

Mochte man es drehen und wenden wie man wollte: Wir waren am Ende. Und wollten wir nicht gleich in Schimpf und Schande hinfortgejagt und der Name Grimm geächtet werden, so mußten wir das schreckliche Unglück verschweigen – vorerst. Am Morgen würden wir unsere Sachen packen und vor Goethe das Unaussprechliche aussprechen, unser Mißgeschick beichten und um gütigste Verzeihung flehen. Zorn und Verachtung waren uns gewiß, doch bei Tag würden wir den Geheimrat zumindest mit einem letzten Rest von Würde verlassen können – eine weniger erbärmliche Vorstellung als der Gedanke, des Nachts aus seinem Haus geworfen zu werden.

So beschäftigt war ich mit dem Gedanken an unser Schicksal, daß mir die wichtigste aller Fragen erst in den Sinn kam, als wir Goethes Haustür fast erreicht hatten.

Ich blieb stehen und hielt Jacob am Rockärmel zurück. Der Wind war jetzt beißend kalt und wisperte mit Geisterstimmen in den umstehenden Bäumen. Sternenlicht goß die Häuser in Eis.

»Woher wußte der Mann, daß sich in dem Paket etwas von Wert befand?« fragte ich. »Oder hatte er es auf jedwede Beute abgesehen?«

Jacob schüttelte den Kopf. »Weder dies, noch schien mir sein Streben derart wahllos. Vielmehr bin ich überzeugt, er wußte genau, was wir bei uns trugen. Und auf nichts anderes hatte er es abgesehen.«

»Er hat uns erwartet?«

»Ganz sicher. Er wußte, wir würden aus Schillers Haus kommen. Und er war sicher oder ahnte zumindest, daß wir das Manuskript bei uns tragen würden.«

Jacob hat mich bereits früher und seither immer wieder mit seiner Fähigkeit überrascht, gewagte Thesen zu entwickeln und sie mit viel Geschick und Sachverstand zu belegen. Nun war ich gespannt, wie er den Wahrheitsgehalt jener neuerlichen Behauptung nachweisen wollte.

Er bemerkte, daß ich auf weitere Erklärungen wartete. Wie immer schien er diesen Moment zu genießen. »Nun«, fuhr er fort und dehnte das Wort mit der Wonne des Siegers, »zuerst und vor allem war da die Kleidung des Mannes.«

»Oder der Frau«, fügte ich eilig hinzu. »Wir können nicht sicher sein.«

»Nein, natürlich nicht. Doch halte ich für wenig wahrscheinlich, daß uns eine Frau entkommen wäre. Und hätte eine Frau gewagt, es allein mit zwei Männern aufzunehmen? Ich bin mir dessen nicht sicher.«

»Trotzdem«, sagte ich, um auf meinem Einwurf zu beharren. »Die Möglichkeit ist gegeben.«

Jacob nickte. »Gut. Doch zurück zur Kleidung. Es waren keine Lumpen, wie sie ein gewöhnlicher Räuber trägt.«

Das ließ mich schmunzeln. »Ich wußte gar nicht, daß du jemals einen getroffen hast.«

»Das tut nichts zur Sache«, erwiderte er unwirsch und schien meine Bemerkung mit einer flüchtigen Handbewegung von sich zu weisen. »Als er – oder sie – mich zur Seite stieß, spürte ich für einen Moment den Stoff seiner Handschuhe an meinen Fingern. Es war Samt. Feinster, schwarzer Samt. Zweckmäßig für jemanden, der bei der Verrichtung seiner Taten ungehört bleiben will, jedoch für einen schäbigen Räuber zweifellos unerschwinglich.«

»Es sei denn, er hätte auch sie geraubt«, versetzte ich, um ihm zu beweis, daß ich durchaus auf Höhe seiner Gedanken war.

»In diesem Fall hätte er sie nicht getragen, sondern verkauft, meinst du nicht auch?«

»Sicher.« Manchmal haßte ich meinen Bruder für seine elende Logik.

»Was zudem für einen begüterten Täter spricht, ist die Kutsche. Hast du jemals von einem Straßenlump gehört, der seine Raubzüge mit einem solchen Wagen unternimmt? Einem Vierspänner, gezogen von vier Rössern edelster Rasse.«

Himmel, wie hatte ich nur die Kutsche vergessen können? Fast wäre ich unter den Hufen ihrer Pferde eines schrecklichen Todes gestorben. »Das ist merkwürdig, in der Tat.«

Jacob nickte. »Aber da war noch etwas. Hast du gesehen, wie die Gestalt mit dem Paket winkte, als sie das Ende der Gasse erreichte?«

»Nein.«

»Mir fiel es auf. Und es sah ganz so aus, als wollte sie dem Kutscher draußen auf der Straße damit sagen: ›Ja, sieh her, ich habe es‹. Als hätten beide bereits zu Beginn ihrer Mission ganz genau gewußt, auf was sie es abgesehen hatten. Nicht auf Börsen oder Schmuck – allein um Schillers Manuskript ging es ihnen!« Sein Blick verfinsterte sich. »Woher aber kann ein Dieb edler Herkunft, noch dazu ein Fremder, wissen, mit welchem Schatz wir Schillers Haus verlassen würden?«

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. »Warum ein Fremder?«

»Der Schurke machte während seiner Flucht einen Fehler. Er nahm den falschen Durchgang und stand plötzlich auf dem dunklen Hof, in einer Sackgasse. Fast wäre ihm das zum Verhängnis geworden. Erst als es ihm erneut gelang, uns zu überrumpeln, fand er die Gasse, die er als ursprünglichen Fluchtweg ausgewählt hatte. Das muß doch bedeuten, daß er mit der Abfolge der Durchgänge und Torbögen nicht vertraut war. Und ein jeder, der in Weimar lebt, kennt sicherlich die Esplanade und ihre Häuser und Abzweigungen.«

»Das heißt aber auch, daß er sich erst seit heute in der Stadt aufhält. Denn sonst hätte er die Umgebung gewissenhafter erkundet.«

Jacob nickte, und ich war widerwillens stolz, etwas zur Klärung der Vorgänge beigetragen zu haben.

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, daß es niemals Jacobs Art war, mit seinem klugen Verstand zu prahlen. Nie hätte er absichtlich den Versuch gemacht, mich als den Dümmeren von uns beiden auszugeben. Allein, die Entwirrung rätselhafter Zusammenhänge gehörte zu seinem Wesen und ist ihm bis heute eine der liebsten Beschäftigungen geblieben.

Einen Augenblick lang erwog ich, den Diebstahl doch noch der Obrigkeit zu melden. Vielleicht würde es ihr gelingen, das Manuskript wiederzuerlangen. Ich dachte an Schiller und Goethe, daran, daß sie uns unsere Unachtsamkeit niemals verzeihen würden. Und ohnehin würde die Kutsche mitsamt dem Dieb und seiner Beute längst über alle Berge sein. Nein, der einzige Weg war, das Unglück zu verschweigen.

Wir beschlossen, weiterzugehen und zu versuchen, uns so wenig als möglich von dem bedrückenden Vorfall ansehen zu lassen. Das Haus unseres Gastgebers lag in einiger Entfernung vor uns, auf der gegenüberliegenden Seite eines weiten Platzes. Das Gebäude war hell und dreistöckig, mit gemütlichem Glimmen hinter den Scheiben und einem reich verzierten Eingang. Es war merklich größer als das der Familie Schiller und ähnlich prominent gelegen. Ich sah die Umrisse mehrerer Menschen hinter den Vorhängen und fragte mich, wer das sein mochte. Die Dienerschaft mußte sich längst zurückgezogen haben, und bis zum frühen Abend waren wir Goethes einzige Gäste gewesen. Während unserer Abwesenheit schienen weitere Besucher gekommen sein.

Wir betätigten den eisernen Klopfer und mußten eine ganze Weile warten, ehe man uns öffnete. Und plötzlich kam mir ein furchtbarer Gedanke: Was, wenn er das Manuskript erwartete?

Es war Goethe selbst, der die Tür aufzog und einen mißtrauischen Blick ins Freie warf. Dann erkannte er uns und lächelte.

»Ah, meine lieben Gäste. Treten Sie näher, treten Sie ein!«

Es überraschte mich, wie schnell der Argwohn, der im ersten Moment aus seinen Augen gesprochen hatte, strahlender Herzlichkeit wich. Ich fragte mich, ob seine Freundlichkeit wahrhaft empfunden oder nur perfekte Gaukelei war. Noch immer mochte ich nicht recht daran glauben, daß er uns nur aus Gastfreundschaft aufgenommen hatte. Er hatte uns nach Weimar eingeladen, nachdem Jacob ihm einen feurigen Brief der Verehrung gesandt hatte. Für meinen Bruder war er ein Gott, makellos in Literatur und Leben; ich selbst stand ihm ein wenig ferner, ehrte und achtete freilich sein Genie, und doch war ich der Ansicht, mit den Jahren sei er eher zur Institution gereift denn zu wahrer Größe. Der lodernde Atem, der Schillers Werk aus allen Poren drang, hatte stets viel heißer zu mir gesprochen als Goethes weise Flamme.