Fawwaz Haddad

Gottes blutiger Himmel

Roman

Aus dem Arabischen
von Günther Orth

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Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

Djunud Allah

erschien 2011 bei Riad El-Rayyes Books, Beirut.

ISBN 978-3-8412-0557-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Djunud Allah © Riad El-Rayyes Books S.A.R.L, Beirut Lebanon

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Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung eines Motivs von Kerstin Parlow/bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Erster Teil

Ein anderer Weg ins Paradies

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Zweiter Teil

Botschaften aus Bagdad

Die erste E-Mail

Die zweite E-Mail

Die dritte E-Mail

Die vierte E-Mail

Die fünfte E-Mail

Die sechste E-Mail

Die siebte E-Mail

Die achte E-Mail

Die neunte E-Mail

Die zehnte E-Mail

Die elfte E-Mail

Die zwölfte E-Mail

Die dreizehnte E-Mail

Die vierzehnte E-Mail

Die fünfzehnte E-Mail

Die sechzehnte E-Mail

Die siebzehnte E-Mail

Die achtzehnte E-Mail

Dritter Teil

Am Rande der Hölle

1

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3

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Nachwort

Erster Teil

Sehen und Verstehen, darauf beruht Erinnerung. Doch der Wunsch, etwas zu sehen, ist mir vergangen, und an die Stelle von Verstehen ist bei mir Blindheit, wenn nicht Schlimmeres getreten.

In einer Zeit, wie sie bedrückender nicht hätte sein können, zwangen mich ungewöhnliche Umstände zu einer Reise in den Irak – in ein Land voller Schmerz, belagert und hungrig, erniedrigt durch Besatzung, ein Land ohne Verstand, Gerechtigkeit und Gnade, ein Land von Betrug und Verrat, ein Land, in dem man aufgrund seiner Religion, seiner Konfession oder seines Namens entführt oder ermordet werden konnte.

Als ich zurückkam, wurde mir das Geschick zuteil, mein Gedächtnis zu verlieren. Vielleicht hatte es von sich aus ausgesetzt, möglicherweise hatte ich es aber auch darauf angelegt, nichts mehr zu wissen, wohl ahnend, dass es besser für mich war, mich in einen fernen Winkel zu verkriechen, an den weder Tatsachen noch Vermutungen vordringen konnten. Wenn ich also, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre und ohne bestimmte Absicht, tatsächlich den Willen hatte zu vergessen, dann in der Hoffnung auf Schutz und Geborgenheit.

Ich weiß dennoch, dass ich in einer düsteren Erinnerung gefangen bin, die wie eine Drohung über meinem Haupt schwebt. Was mir droht, weiß ich nicht, aber ich ahne, aus welcher Richtung die Gefahr kommt. Allerdings habe ich keinen Anlass, den Tod zu fürchten. Eher schon das Leben.

Ich habe vor, in diesem Zustand zu verbleiben. Denn um nichts, was mir entgehen mag, ist es mir schade.

Ein anderer Weg ins Paradies

1

Ich verließ Bagdad als nahezu lebloser Körper in einem alten weißen Pick-up, auf dessen Ladefläche, abgedeckt mit einer blassbraunen, verschlissenen Plane, Sanitätsmaterial gepackt war. Mein Zustand war am Morgen noch halbwegs erträglich gewesen, hatte sich aber im Auto innerhalb weniger Stunden aufgrund der enormen Hitze und der Qual, die mir die Fliegen bereiteten, verschlechtert.

Ich stieg vom Beifahrersitz auf die Ladefläche um und legte mich unter die Plane auf eine dort befindliche altersschwache Trage. Ich spürte meine Energie und meine Widerstandskräfte schwinden. Alles Sichtbare um mich herum verblasste und begann sich in der Hitze aufzulösen. Eine einzige trostlose Farbe legte sich auf alles.

Das Auto rüttelte über die Straßen Bagdads, während ich, in den Worten des Fahrers, tapfer gegen den Tod ankämpfte – obwohl ich vor dem, wogegen ich angeblich kämpfte, bereits kapituliert hatte. Ich war zwar lebendig, aber in gewisser Weise auch schon tot. Mein Leben gab es nicht mehr. Und ich fühlte mich wohl, so tot zu sein, ich genoss das Nichtvorhandensein meines Lebens.

Ich hätte es schon damals als Wohltat empfunden, mein Gedächtnis zu löschen und es so zu versiegeln, dass auch nicht durch den kleinsten Spalt noch einmal der Horror und der Wahnsinn des von mir Erlebten Eingang in mein Bewusstsein fänden. Meine Schmerzen würden irgendwann aufhören, wenn nur mein Erinnerungsvermögen seine Zugänge verschlösse. Ich wäre nicht einmal neugierig zu erfahren, was ich erlebt hatte, ich lebte in Frieden, ich sähe nicht wieder und wieder die grauenhaften Bilder, die schon beim leichtesten Aufblitzen gnadenlose Erinnerungen verhießen, die bedrückender waren als der Tod, den ich mir wünschte, um ihnen zu entkommen.

Permanent vorbeirasende Militärkonvois brachten den Verkehr immer wieder zum Stillstand. Ich lag auf dem Rücken, und meinen trüben Blick durchzuckten blitzartig Aussetzer wie Messerstiche in den Kopf. Weit oben erschien mir durch Risse in der Stoffplane ein bedrohlich dräuender Himmel, der alles mit Anspannung und Trostlosigkeit zudeckte, und in meinen Ohren hämmerte eine dröhnende Stille voll glimmender Hitze. Am Heck des Autos, auf dem ich lag, gab die Plane den Blick auf eine von Transparenten gesäumte Straße frei, welche ein ums andere Mal vom Tod eines Menschen kündeten. Manche Namen waren in Weiß auf schwarzen Stoff geschrieben, andere in schwarzer Schrift auf weißen Stoff. Tote, so weit das Auge reichte, jeder von ihnen als Märtyrer betitelt. Ich war im Land der Märtyrer.

Mich überkam das Gefühl eines mal rasch, mal langsam sich nähernden Todes, ich spürte ihn in mir, ich sah ihn in der Luft und den Staubwolken, er kreiste über mir wie ein anschwellender fester Schatten, der sich des Raumes und des Atems bemächtigte. Etwas würde gleich passieren, etwas lauerte, jeden Moment würde eine ohrenbetäubende Explosion alles Sichtbare hinwegfegen, nur Rauch und Trümmer würden bleiben, Schrott, Ruß, brennende Überreste, blutende Körper, Fleischfetzen und Knochenteile, Blutrot würde anstelle des grellen Lichts treten. Es waren nur Visionen, aber sie waren intensiver als jede Tatsache.

Wir gelangten erst aus Bagdad und seinen Vorstädten hinaus, nachdem wir an zahlreichen amerikanischen und irakischen Kontrollposten angehalten und uns an Betonbarrieren vorbeigeschoben hatten. Wir fuhren durch Straßen, auf deren Gehwegen sich Männer und Jungen jeden Alters drängten, aber keine Frauen. Die Feuchtigkeit und der Gestank von aufgetürmtem Müll und offenen Abwasserkanälen erschwerten das Atmen. Das Dröhnen der Autos vermischte sich mit dem Lärm aus Kassettenrekordern, den Rufen fliegender Händler, die auf offenen Handkarren Essen verkauften, und denen von Kindern, die an Ständen Limonade, Naschwerk, Süßigkeiten, Zigaretten, Socken und CDs mit Tanzliedern, Korangesängen und Anleitungen zu frommen Riten ebenso feilboten wie Videos von Hinrichtungen und Anschlägen.

Unseren Papieren voller irakischer und amerikanischer Stempel war es zu verdanken, dass wir mitunter auf Straßen fahren durften, die Militärfahrzeugen und Panzern vorbehalten waren und auf denen zudem Polizeifahrzeuge mit eingeschalteter Sirene und Geländewagen entlangrasten, die Regierungskonvois begleiteten. Bewaffnete, die ihre Augen hinter schwarzen Brillen verbargen, lehnten aus Autofenstern, schossen in die Luft und zwangen andere Fahrer und Fußgänger dazu, ihnen den Weg frei zu machen.

Den größten Teil der endlosen Fahrt über schlief ich. Wären die schmerzstillenden, ruhigstellenden und entzündungshemmenden Spritzen nicht gewesen, hätte ich wohl in einem der zahllosen Staus mein Leben ausgehaucht. Ich dämmerte im Rhythmus einer sich in brennender und feuchter Sommerhitze dahinschleppenden Zeit, begleitet vom Aufheulen des Motors.

Als mich bei einem Zwischenhalt das Summen von Fliegen und grelles Mittagslicht weckten, erhob ich mich schwerfällig, nahm den Serumbeutel, der an meinem Arm hing, in die Hand, stieg von der Ladefläche des Pick-ups und nahm wieder vorn neben dem Fahrer Platz. Vor uns erstreckte sich eine gleichförmige Ebene aus Sand, durch die eine endlose Straße schnitt. Die Fahrbahn war von einzelnen Palmen und zerstörten, in der Sonne glänzenden Militärfahrzeugen gesäumt. In der Ferne schimmerten Fata Morganas, falls ich nicht nur Halluzinationen hatte.

Dann tauchte links, nein, rechts der Straße ein riesiges Gebäude auf, das nicht weniger unwirklich als eine Luftspiegelung aussah, aber schwer bewacht war. Es glich einer ganzen Ansammlung von Kasernen, Scharen von Soldaten standen davor, und Stacheldraht, hohe Mauern und befestigte Wachtürme, auf denen hinter Sandsäcken und Tarnnetzen Köpfe von Soldaten aufragten, umgaben den Komplex. Helikopter überwachten im Tiefflug die Umgegend. Ein Panoramagemälde auf der Außenmauer war überpinselt, Müllhaufen lagen herum, und übereinandergestapelte Betonbarrieren blockierten die Einfahrt in den Komplex, vor dem eine lange Reihe von Autos auf einer Sandpiste vorwärtskroch.

»Das Abu-Ghuraib-Gefängnis«, sagte mein Fahrer. »Die Besucher verbringen hier den ganzen Tag, um ihre inhaftierten Verwandten zu besuchen. Wenn sie denn das Glück haben und sie dort antreffen.«

Ich wollte endlich ankommen, aber wo eigentlich? Ich wünschte mich nur weit weg, weg von dieser Trostlosigkeit, irgendwohin, wo meine Schmerzen gelindert, aber auch nicht völlig verschwinden würden, wo ich vergessen und selbst entscheiden könnte, wann ich mich wieder erinnern würde.

Unser Auto hielt am Straßenrand. Ein gutes Stück voraus stand eine Militärkolonne mit Ausrüstung und Nachschub. Auf die Humvees waren Kanonen montiert, dahinter stand jeweils ein Soldat mit Helm, amerikanische Flaggen flatterten an den Antennen. Infanterieeinheiten sicherten den Zug aus der Ferne, und Spähposten auf Hügeln und Brücken ringsum beobachteten uns. Man befürchtete, ein sprengstoffgefülltes Auto könnte versuchen, sich in die Kolonne zu drängen. Mein Fahrer wagte nicht vorbeizufahren. Auf einem Schild stand: »Halten Sie einen Mindestabstand von 200 Metern. Es wird scharf geschossen.« Darunter waren in roter Farbe ein Totenkopf und zwei gekreuzte Knochen abgebildet. Wir mussten lange warten. »Vielleicht entschärfen sie eine Straßenbombe«, meinte mein Fahrer. Irgendwann setzte sich der Konvoi ganz langsam in Bewegung.

Wir seien unterwegs zur syrischen Grenze, dort werde er mich absetzen, und in Damaskus werde ich weiterbehandelt, erklärte mir mein Fahrer immer wieder. Offenbar hatte ich ihn wiederholt gefragt, wo wir hinfuhren. Der Fahrer war gleichzeitig mein Pfleger. Für ein Bündel Dollars, das die Amerikaner ihm gezahlt hatten, hatte er sich auf das Abenteuer eingelassen, mich lebendig oder tot außer Landes zu bringen. Er hatte drei Familien zu ernähren. Unbekannte hatten seinen Bruder und seinen Cousin zwei Monate zuvor aus ihren Häusern gezerrt. Todesschwadronen, Polizisten, Milizen oder Angehörige der Grenztruppen. Wo war der Unterschied? Seitdem hatte er nichts mehr von den beiden gehört.

Gibt es auf der Strecke, auf der wir fuhren, eine Raststätte namens Kilometer 160? Die als ferner Punkt in der Mittagshitze auftaucht, mit Tankstelle, Restaurant, ein paar Läden und einer Teestube? Oder habe ich sie mir nur eingebildet? – Plötzlich stoppten uns vermummte Bewaffnete. Es waren Straßenräuber; der Fahrer hatte schon erwartet, dass sie irgendwann auftauchen würden. Er sagte ihnen, er sei beauftragt, mich zur syrischen Grenze zu bringen. Er musste aussteigen, und sie durchsuchten ihn, fanden aber nur eine Armbanduhr und ein paar hundert wertlose Dinar. Dann durchsuchten sie unser Auto, in dem sie auch keine Kostbarkeiten fanden. Einer beugte sich zu mir herein. Nur seine Augen waren zu sehen, und er schien enttäuscht zu sein von meiner schmächtigen Statur, meinem blassen Gesicht, meinem vor Schmutz starrenden Hemd und dem Lösungsbeutel, der an einem dünnen Haltegriff in der Fahrerkabine hing. Ich lag auf einer dreckigen gelben Decke, die nach Schweiß, Urin und Erbrochenem roch.

»Mudschahid?«, fragte er mich.

»Ja, ein Glaubenskämpfer«, schaltete sich der Fahrer ein.

»Gott zum Gruße«, rief der Vermummte daraufhin. Und er trieb den Fahrer zur Eile an, weil er fürchtete, ich würde sonst nicht lebend ankommen. Ich wünschte mir, er hätte mir eine Kugel durch den Kopf gejagt, damit ich schneller ans Ziel käme. Aber selbst dieser Wunsch blieb nur ein Traum. Er ließ uns weiterfahren, ohne uns etwas abgenommen zu haben, und freute sich wohl, damit vermeintlich etwas für den Dschihad und die Mudschahidin getan zu haben. Es war seine Art, als Ausgleich für seine Raubzüge die islamische Almosensteuer zu entrichten.

2

Am Grenzübergang al-Walid stieg mein Fahrer aus und lief an einer langen Schlange anderer Fahrzeuge vorbei. Er überreichte einem Beamten einen Brief der US-Armeeführung, in dem die Besatzung des Grenzübergangs aufgefordert wurde, mich aus dem Irak ausreisen zu lassen. Der Grenzoffizier war im Bilde, denn tags zuvor hatte ihn bereits ein entsprechendes Telegramm erreicht. Der Fahrer kam in Begleitung eines amerikanischen Soldaten und eines Dolmetschers zurück. Sie waren überrascht von dem alten und schäbigen Wagen, in dem ich saß. Offenbar hatten sie einen Mann mit elegantem Anzug in einer schwarzen Limousine erwartet. Ich überreichte meine Ausweispapiere, die ich in meinem Hüftverband versteckt hatte. Der Soldat stellte keine weiteren Fragen. Die Amerikaner hatten ihren Teil der Vereinbarung erfüllt und ihr Versprechen mir gegenüber gehalten.

Auf der syrischen Seite, am Grenzpunkt at-Tanf, holten mich Leute ab, die ich nicht kannte. Sie liefen erst hilflos um mich herum und setzten mich dann in ein Auto des syrischen Roten Halbmondes. Das Letzte, was ich vom Grenzübergang sah, war eine Schlange vollbeladener Lastwagen, die kilometerweit auf syrischem Gebiet standen und darauf warteten, abgefertigt zu werden. Eine Spur daneben rollten Hunderte von Autos, in denen Hunderte von Familien in den Irak zurückkehrten, langsam in Richtung Übergang. Sie dachten an Rückkehr? In dieses Land?

»Wundern Sie sich nicht«, meinte der syrische Zollbeamte, der mit mir im Krankenwagen saß. »Die würden alles tun, um wieder in ihr Land zu kommen.« Dann sank ich in einen langen, unruhigen Schlaf.

Nach Mitternacht war ich in Damaskus – lebendig, aber völlig entkräftet. Ich hatte die ganze Fahrt über Albträume gehabt, die mich mehr gepeinigt hatten als meine Wunden, welche aufgrund der Hitze und des Ungeziefers zu eitern begonnen hatten. Im Krankenhaus bekam ich neue Verbände und wurde zur Beobachtung auf die Intensivstation verlegt. Der diensthabende Arzt sagte: »So schlimm steht es gar nicht um Sie. Bald wird es Ihnen bessergehen.« Dann fragte er mich nach meinem Namen und nach meinem Beruf. Ich sagte ihm, ich wisse beides nicht. Das mache nichts, meinte er, in ein paar Tagen werde mir alles wieder einfallen. Es war, als stieße er mich mit seinen gleichgültig dahingesagten Worten ins Unbekannte.

Leute kamen mich besuchen, umarmten mich und beglückwünschten mich zu meiner Rettung. Es schien, dass ich sie kennen müsste, ihre Gesichter waren mir vertraut. Sie wirkten besorgt und wünschten mir rasche Genesung. Der Einzige unter ihnen, den ich erkannte, war mein Freund. Tränen traten ihm in die Augen, er nahm mich in die Arme, und ich sagte seinen Namen, Hassan. Die Krankenschwester glaubte, es müsse sich um meinen Bruder handeln, und rief gerührt: »Blutsbande sind eben unerschütterlich!« Er war der Einzige, den ich aus einer Vergangenheit, von der ich mir wünschte, es gäbe sie nicht, noch kannte.

»Was habe ich denn im Irak gemacht?«, fragte ich Hassan.

»Du bist vor zwei Monaten angeblich nach Beirut gefahren«, erklärte er, »und wolltest von dort weiter nach Dubai, um bei einem neugegründeten Fernsehsender zu arbeiten. Das war aber nicht wahr. Es war nur die Version, die du bei deiner Abreise hinterließt. Dein wahres Ziel war der Irak. Nach etwa zwei Wochen Aufenthalt in Bagdad wurdest du entführt …«

»Das reicht«, unterbrach ich ihn. Hassan versprach, nicht zu sehr in die Details zu gehen. Er resümierte, ich sei aus einem Café in der Rashid-Straße heraus von Bewaffneten an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Danach habe man nichts mehr von mir gehört, niemand habe Lösegeld gefordert, kein Vermittler sei aufgetaucht, und niemand habe etwas über meinen Verbleib gewusst, bis die Amerikaner ein Gelände in der Provinz Ramadi gestürmt hätten. Sie hätten mich dort anhand eines Fotos erkannt. Hätten sie nicht Informationen gehabt, dass ich dort festgehalten würde, hätten sie mich wohl mit einem Gnadenschuss erledigt, denn ich sei ohnehin halb tot gewesen. Aber dass sie ein menschliches Wrack, dessen Gesichtszüge denen auf ihrem Foto ähnelten, da herausgeholt hatten, sei ein ganz guter Job gewesen, wenn auch nicht gerade professionell ausgeführt.

Ich stellte mir die Szene vor und dachte behelfsweise an einen Ausschnitt aus einem amerikanischen Kriegsfilm: herabstoßende Flugzeuge, Maschinengewehrfeuer, aufspritzende Erde, Rauch und Staub, Explosionen, Flüche und Geschrei. Eine Gewehrmündung wird mir an die Stirn gehalten, ein amerikanischer Soldat hat den Finger schon am Abzug, ein Offizier gebietet ihm Einhalt, ein Helikopter ist zu hören, sie legen mich auf eine Trage, eilen mit mir zum Hubschrauber und bringen mich in ein Feldlazarett.

Woran ich mich tatsächlich noch erinnerte, war ein amerikanischer Arzt, der meine Behandlung überwachte. Meine Entlassung aus dem Krankenhaus im Irak hing von seiner Erlaubnis ab. Ich sagte zu ihm: »Ich möchte nicht hier sterben.« – »Sie werden nicht sterben, sondern leben«, antwortete er. Ich sagte ihm, dass ich mich an nichts erinnerte. »Sie sind verletzt und traumatisiert«, gab er zurück. Ich klagte, ich wisse nicht, wer ich sei. »Wir wissen aber, wer Sie sind«, sagte er, »deshalb leben Sie ja noch.«

Am nächsten Tag kam er mit einem Leutnant namens Jonathan und einem jungen Iraker namens Fadhil zu mir. Der Iraker und der Leutnant freuten sich, mich zu sehen. Angeblich sei ich mit dem Amerikaner gut bekannt gewesen, und der Iraker habe mich in Bagdad die ganze Zeit über begleitet. Ich hatte das Gefühl, dass noch eine dritte Person fehlte, aber es war nur ein Gefühl. Sie waren gekommen, um sich von mir zu verabschieden, bevor ich das Krankenhaus auf einer Trage verlassen würde, so wie ich auf einer Trage gekommen war. Der Abschied fiel mir schwer. Ich hatte den Eindruck, mich von zwei Männern zu trennen, denen ich viel zu verdanken hatte. Ich stellte mir vor, wie nahe sie mir gestanden hatten und dass man bei solch einem Anlass vieles sagen müsste, blieb aber stumm, weil ich fürchtete, ich könne nicht ertragen, was ich von ihnen erfahren würde. Während sie mir die Hände drückten, rang ich mit meinem Wunsch, ihnen etwas zu sagen und sie etwas zu fragen. Was, wusste ich selbst nicht.

Jonathan sagte: »Ich rate Ihnen, nicht zu versuchen, etwas in Erfahrung zu bringen, was Sie vergessen haben.«

Ich bekam Angst. War ich ein Kollaborateur der Amerikaner? Ich wagte nicht, die beiden danach zu fragen. Stattdessen sagte ich: »Ich komme mir vor wie ein Niemand.« Jonathan antwortete: »Das ist unter den gegebenen Umständen besser, als jemand zu sein. Wie gerne würde ich wie Sie einschlafen und wieder aufwachen und wäre dann auf dem Weg nach Florida. Dann würde ich auch beschließen, alles zu vergessen, was ich hier im Irak erlebt, gesehen und gehört habe.« Und Fadhil meinte: »Sie werden sich an uns erinnern, wenn es Ihnen bessergeht.« – »An Sie alle«, sagte ich, lächelte gequält und hoffte, mich an niemanden zu erinnern. Fadhils besorgte Miene fiel mir auf, und es schien mir, dass mich mit ihm mindestens so viel verband wie mit Jonathan.

Bevor ich das Krankenhaus verließ, fragte mich der Arzt noch: »Glauben Sie an Gott?«

Ich wandte meinen Kopf ab und sagte unsicher: »Ich weiß nicht.«

»Ihr Muslime seid doch durch Instinkt und Vererbung gläubig«, meinte er.

»Was meinen Sie damit?«, fragte ich den Amerikaner.

»Danken Sie Gott, dass er Sie gerettet hat«, sagte er nur.

3

Meine Freundschaft mit Hassan reichte zurück in unsere Gymnasialzeit, also über dreißig Jahre, und sie hatte bis heute Bestand. So erzählte er es mir, und er gab mir eine ausführliche Zusammenfassung dessen, was wir erlebt hatten. Unser gemeinsamer Ehrgeiz waren Politik und Kultur, Hobbys und Spiel gewesen. Er hatte auch eine komplette Aufstellung unserer amourösen Abenteuer parat, die alle nicht triumphal endeten. Er lachte. Wir hatten noch jener Generation angehört, die an die Liebe als ein Allheilmittel glaubte. Wir verloren uns zwar aufgrund beruflicher Umstände oder weil einer von uns längere Zeit verreist war, immer wieder für eine Weile aus den Augen, aber unsere Freundschaft hielt. Dass er in dieser kritischen Zeit zu mir stand, war Beweis dafür. Und um genau zu sein, war in meiner aktuellen Lage nicht nur unsere Freundschaft bedeutsam für mich, sondern auch, dass Hassan Beziehungen zum syrischen Sicherheitsapparat hatte, was mir, wie es schien, viele Dinge erleichterte, nach denen ich ihn gar nicht fragte.

Die Kennenlernrunden mit Besuchern gingen weiter. Ganz zu Beginn, das war unvermeidlich, wurden mir meine Exfrau Nuha und meine Tochter Nada vorgestellt. Nuha war Ende vierzig, eine selbstsichere Frau, die zweifellos einmal schön gewesen war und sich ihre Attraktivität mit Hilfe von Makeup bewahrte. Sie trug ein Kopftuch und war recht elegant gekleidet, falls sie sich nicht extra für diesen Besuch schöngemacht hatte. Unentwegt fragte sie mich etwas, das ich nicht beantwortete. Meine Tochter Nada war knapp zwanzig und studierte im ersten Semester an der Universität. Ich starrte mit unbewegten Augen ins Leere und lauschte dem Lärm in meinem Kopf. Mein spannungsgeladenes Schweigen war für alle belastend. Nada begann sich nach meinem Befinden zu erkundigen und durchbrach damit ein wenig die Stille. Hassan antwortete ihr, dass ich auf dem Weg der Besserung sei. Dann führte er beide Frauen aus dem Zimmer und unterhielt sich mit ihnen eine ganze Weile auf dem Flur. Er erklärte ihnen, was mit mir los war, stimmte sie zuversichtlich im Hinblick auf meine baldige Entlassung und versicherte ihnen, dass ich nicht nur so getan hätte, als würde ich sie nicht kennen. Meine Frau sollte nicht denken, ich würde sie deshalb ignorieren, weil unsere Beziehung so unglücklich verlaufen war, dass wir uns vor zwei Jahren schließlich getrennt hatten. »Das einzige Mal, dass ihr eine vernünftige Entscheidung getroffen habt«, wie Hassan kommentierte.

Nachdem wir den größten Teil unseres gemeinsamen Lebens mit gegenseitigem Unverständnis und Misstrauen zugebracht hatten, war die Scheidung das unausweichliche Ende einer Ehe gewesen, die immer weiter abstarb, ohne dass Hoffnung auf Besserung bestanden hätte. Ich fragte Hassan nicht, wie diese Frau einmal meine Gemahlin geworden war und warum sie jetzt so um das Befinden ihres Exmannes besorgt war. Es musste noch irgendetwas anderes geben, was uns verband, als diese Tochter, die mich umarmte und mir die Hände küsste und mein Gesicht mit ihren Tränen nässte.

»Sie wäre besser nicht gekommen.«

»Manche Leute kannst du dir nicht aussuchen.«

Ich hatte nichts gegen diese Frau an sich. Ich lehnte meine gesamte Vergangenheit ab.

Die Besucherparade wurde von Hassan wie folgt geregelt: Bevor die jeweilige Person eintrat, erklärte er mir kurz, um wen es sich handelte und machte mich sozusagen mit ihr bekannt. Mit allen gab es Gespräche, zu denen ich nur wenig beitrug, und auch dann nur mit nichtssagenden Worten und begleitet von kalten und ernsten Blicken meinerseits. Im Anschluss daran erklärte mir Hassan, wovon der Besucher gesprochen hatte und über welche verschlungenen Wege und Ereignisse aus der Vergangenheit ich mit ihm in Verbindung stand.

Die Parade verlief nicht sonderlich gut, obgleich ich dadurch entdeckte, wie verzweigt und vielfältig meine sozialen Beziehungen waren. Sie beschränkten sich nicht auf Verwandte und Nachbarn, es waren auch manche gebildete Männer und Frauen und nicht wenige Intellektuelle darunter. Als ich Hassan klagte, dass mich noch keine wirklich bedeutende Persönlichkeit besucht hätte, meinte er lachend, ich sei eben auch nicht besonders bedeutend. Aber bei meiner Geschichte war es unausweichlich, dass einer dieser wichtigen Männer auch noch vorbeischaute. Er blieb nicht lange. Er fragte nur in kurzen Worten, ob es mir schon bessergehe, und verließ dann wieder das Zimmer. Hassan folgte ihm. Als er zurückkam, fragte ich, wer das gewesen sei. Hassan sagte, ich würde mich sicher nicht mehr an ihn erinnern. Er habe mir dabei geholfen, nach Bagdad zu reisen.

Ich erfuhr von meinen Besuchern vieles über mich, doch hatte ich dabei immer das störende Gefühl, sie würden von einer Person reden, die mir nichts bedeutete. Aber die Vorstellung musste weitergehen, bis ich das Krankenhaus verlassen konnte und zu Hause die nächste folgte. Zuvor erwartete mich jedoch noch ein letzter Akt. Ich sah es den begeisterten Blicken Hassans an, dass er große Hoffnungen an diesen knüpfte, und wurde nun selbst neugierig. Er kündigte den Auftritt mit kurzen Worten an: »Gleich kommt Sana zu dir.« Und fügte noch eine Regieanweisung für mich hinzu: »Empfange sie freundlich, gib ihr nicht nur die Hand, sprich ausführlich mit ihr, und wenn du sie umarmst und küsst, wird es auch nicht schaden. Du hast eine innige Beziehung zu ihr.« – »Eine Liebesbeziehung?« – »Du hättest sie fast geheiratet. Wäre dann nicht …« Sie war eingetreten.

Die Dame, die durch die Tür kam, ähnelte der jungen blonden Krankenschwester, die gerade ihren Morgendienst bei mir angetreten hatte. Sie hatte dieselben zarten Gesichtszüge, aber ihre Augen waren hell und weit, ihr Mund war kleiner und schöner als der der Krankenschwester, allerdings schien sie im Vergleich zu dieser etwas missmutig. Vielleicht hatte sie mitbekommen, wie die Schwester mit mir gescherzt hatte, oder diese hatte sie mehrdeutig angesehen. Meine Pflegerin war durch nichts zu erschüttern, weder durch komplizierte Geburten noch durch plötzliche Todesfälle. Meinen Fall sah sie als ganz normal an und fand es sogar verheißungsvoll, dass ein Mensch, dazu noch in meinem Alter, plötzlich wieder so werden konnte wie bei seiner Geburt und neu zu leben begann. Sie machte mir Mut und sagte, dies sei eine Chance, die ich ergreifen solle.

Nein, meine Besucherin war nicht missgestimmt, eher ängstlich, und etwas in ihrem Blick deutete auf Enttäuschung und Hilflosigkeit. Aber vor allem ihr Gesichtsausdruck, in dem sich Zuneigung und Besorgnis mischten und eine Sehnsucht, die ich nicht verstand, irritierte mich. Ich fürchtete mich ein wenig vor ihr, es kam mir so vor, als hätte ich einmal ihr gehört und sie sei einzig zu dem Zweck gekommen, mich zurückzuholen. Als sie neben mir saß, sah sie mich liebevoll an, was mir peinlich war, und ich war kurz davor, sie rauszuschicken. Ich beherrschte mich, ließ aber nicht das mindeste an Sympathie für sie erkennen. Ich hatte das sichere Gefühl, dass ich mich in Acht nehmen musste, denn wenn ich dem nachgäbe, was eine innige Beziehung zu sein schien, dann würde mich das in eine Katastrophe führen. Also bemühte ich mich, sie möglichst kühl und abweisend anzusehen, und tatsächlich bremste dies ihre Hinwendung zu mir und ließ sie vor einer Umarmung zurückschrecken. Gerade als sie gedacht hatte, sie hätte mich wieder, ließ ich sie fühlen, dass sie mich verloren hatte. Eigentlich wollte ich sie nicht so schnell enttäuschen, aber die Freude, die für Momente in ihrem Gesicht aufgeblitzt hatte, gab mir das Gefühl, dass sie die Macht hätte, mich zu beherrschen. Meine Glieder wurden steif; diese verdammte Vertrautheit würde mich womöglich aus meiner blassen Welt herausreißen. Panik erfasste mich. Diese Frau wusste nicht, was sie mit ihren Erwartungen bei mir anrichtete. Wie konnte ich sie auf Distanz halten, ohne verachtenswert zu erscheinen? Aber schließlich hatte ich eine Entschuldigung: ich lag hier mit zahllosen Verbänden, meine Wunden waren tief, meine Geschwüre aufgedunsen, und ich hatte mein Gedächtnis verloren.

Ich gab ihr nicht die Hand und ermutigte sie nicht, mir näher zu kommen. Ich wünschte mir, dass sie das Zimmer so schnell wie möglich wieder verließe, ohne dass wir auch nur ein Wort wechselten. Als sie nicht von ihrem Platz weichen wollte, sagte ich ihr kühl, damit sie nicht weiter ihren Gedanken nachhing und nicht länger herumstand: »Ich kann nicht garantieren, dass ich dich wieder lieben werde.« Meine Frechheit erwiderte sie scharf mit den Worten: »Ich auch nicht.«

Ich erwartete, dass sie nun gehen würde. Aber sie zögerte. Man konnte an ihrem Gesicht ablesen, was in ihr vorging. Ihre Lippen zitterten vor Groll, und sie war kurz davor, ihren Zorn auf mich abzuladen, aber stattdessen brach sie in Tränen aus. Ich gab Hassan ein Zeichen, er möge sie hinausbringen. Eine so emotionale Situation zu ertragen, war ich nicht in der Lage, ich wollte nicht, dass sie mich tröstete, und fühlte mich auch nicht verpflichtet, sie zu trösten. Ihre Stimme ging in Schluchzen unter, dass es einen dauerte, aber ich ersparte ihr nichts und ließ nicht das geringste Mitleid erkennen.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, gab mir der Arzt noch den Rat mit auf den Weg, ich solle meinen Widerstand aufgeben und aufhören, mich selbst zu blockieren. Aber ich blieb bei meiner Entscheidung. Ich wollte nichts über mein Leben in Erfahrung bringen, und wenn sie noch so sehr versuchten, mir Informationen über mich selber zukommen zu lassen. Wie lange mein Starrsinn anhielt? Nicht lange. Obgleich ich schon geglaubt hatte, ich hätte es geschafft.

4

Mittags verließ ich das Krankenhaus, und Hassan fuhr mich nach Hause. Bevor er mich allein ließ, sagte er, gleich würde Sana mich besuchen kommen. Ich sagte, dass ich ihre Anwesenheit nicht für nötig hielte. Aber er stellte mir in Aussicht, sie werde jetzt öfter kommen und ich solle ihr mit keinem Wort weh tun, ich brauche jetzt jemanden, der sich um mich kümmerte, und niemand wisse besser über mich Bescheid als sie. Ich streifte durch die Räume meiner Wohnung und öffnete die Fenster, um Licht und Luft hereinzulassen. Auf den Möbeln lag eine feine Schicht Staub. Der Schrank im Schlafzimmer stand halb offen, die Schubladen waren aufgezogen, im Spiegel sah ich eine kurze dunkelblaue Krawatte am Kleiderhaken hängen, auf den rechten Bettrand waren ein Hemd und eine Hose geworfen, daneben lag eine Reisetasche mit ein paar Sachen darin. Sie musste jemandem gehören, der sie im letzten Moment hatte liegenlassen und eilig aufgebrochen war.

In der Küche fand ich Teller mit vertrockneten und angeschimmelten Essensresten in der Spüle. Im Wohnzimmer lagen auf einem kleinen Tisch Fernbedienungen, an der Wand gegenüber standen ein Fernseher, ein Receiver und ein Videoplayer. Auf einem weiteren Tisch lagen syrische und andere arabische Zeitungen mit Datum vom vorletzten Monat. Bescheidene kleine Dekorgegenstände waren in gläsernen Wandschränken aufgestellt, an der Wand hing ein Landschaftsbild in Öl mit silbernem Rahmen, die Regale der Bibliothek quollen über von Büchern, daneben befanden sich Miniaturen, kleine Zierteppiche und Tonvasen.

Ich hatte erwartet, mich selbst oder eine Spur zu mir zu finden. Ich war enttäuscht, einer Person zu begegnen, die nicht ich war, einem Mann, der Erinnerungsstücke und sonstige Dinge aufhob, während ich überhaupt nichts aufheben, sondern alles nur loswerden wollte. Ich ließ meinen Blick durch das Zimmer schweifen. Die Bücher, die diese Person gelesen oder durchgeblättert hatte, waren für mich nur bedrucktes Papier. Gegenüber füllte ein Sofa eine leere Ecke.

Der, der hier alles hatte stehenlassen und verschwunden war, war anwesender als ich selbst. Dieser Andere, Unsichtbare streunte herum, sein, nicht mein Atem strömte durch meine Brust und lärmte in meinem Kopf, ich stand ihm nicht nur gegenüber, ich stieß mit ihm zusammen. Er kam aus dem Nichts und nahm auf dem Sofa Platz. Ich stand neben ihm, vor ihm und womöglich hinter ihm, ich war einsam, ohne Vergangenheit und Erinnerungen, ich stand da als sein Gegenbild, ohne emotionalen Ballast und ohne Sehnsucht nach etwas. Er ließ mir keine andere Wahl, als mich fremd und überflüssig zu fühlen. Aber ich konnte nur dann darauf hoffen, weiter unbeteiligt zu bleiben, wenn es mir gelänge, die Leere in meinem Kopf zu verstärken, indem ich auch um mich herum Leere schuf.

Sana trat mit ein paar Sachen beladen ein. Der Andere drehte ihr den Rücken zu, sie sprach ihn nicht an. Sie machte ein Mittagessen warm, das sie fertig mitgebracht hatte. Sie aßen gemeinsam, wechselten ein paar Worte, aber keine Blicke. Ich bemerkte mehrfach, dass sie ihn betrachtete. Er hatte Angst vor ihr und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Die beiden mussten eine Beziehung haben. Aber was für eine, fragte er sich, während sie begann, Sessel und Kommoden abzustauben. War es Liebe, Sex oder Freundschaft? Einerlei, er fürchtete sich davor und wünschte sich, es hätte nie stattgefunden. Am liebsten hätte er geglaubt, dass das, was gerade geschah, nur ein Irrtum war, so wie Irrtümer eben vorkommen.

Er legte sich aufs Sofa und schlief über eine Stunde lang, ohne etwas zu träumen – oder hatte sich da hinter jener kalten, weißen Fläche etwas abgespielt? Seine Träume waren wie ausgelöscht, die Leere in ihm griff um sich.

Bei Sonnenuntergang wischte die Frau den Balkonboden und stellte zwei Stühle und ein Tischchen nach draußen. Auf dem Balkon saß sie mit dem Anderen am liebsten, und ich musste auf seinem Stuhl Platz nehmen. Im Abendwind tranken beide schweigend Kaffee, und unter ihnen tauchte Damaskus langsam ins Dunkel. Bunte Lichter erfüllten die Straßen und verzweigten Gassen und verwandelten den Qasyun-Berg in ein leuchtendes Fest, während seine langen Ausläufer sich sanft in die Dunkelheit erstreckten. Ich freute mich, im Schoß einer Stadt zu leben, die von oben schön aussah und mir erste und letzte Zuflucht war. Plötzlich drängte es mich, jede Barriere zwischen mir und Damaskus zu beseitigen. Könnte ich doch nur, wenn auch nur insgeheim, wieder mit dieser Stadt in Verbindung treten! Aber so einfach war das nicht. Alles in mir war Widerwillen gegen Menschen und Städte. Meine Gedanken überraschten mich, waren das meine oder die des Anderen? Mir war, als würde ich in dessen Reich eindringen, aber so, als ob sich in mir eine andere Person erhob. Ich war nicht mehr einer, sondern zwei, der eine wollte etwas erfahren, der andere sträubte sich dagegen.

Bevor sie ging, bereitete die Frau in der Küche ein Abendessen zu und fragte ihn, ob er noch einen Wunsch habe. Er bedankte sich. Ich war wieder allein, allein mit dem Anderen, und nun begann das Leiden. Meine Wunden waren noch nicht verheilt, aber ich wollte schon einmal den Schorf abkratzen, um an die Erinnerung der Person zu kommen, die ich einmal war. Doch diese hüllte sich in Schweigen.

Auch die Tage darauf wären wohl in fast vollständigem Schweigen vergangen, wäre nicht meine Tochter Nada täglich auf ihrem Weg zur Universität bei mir vorbeigekommen und hätte mir Frühstück gemacht. Sie besuchte mich auch dann noch, als sie erfuhr, dass Sana ebenfalls zu mir kam. Sie stellte mich deswegen nicht zur Rede und machte keine Andeutungen; es schien, dass der Andere sie vorher schon ins Bild gesetzt hatte. Sie ließ mich sogar erst dann allein, wenn sie sicher war, dass noch jemand käme, und so teilten sich die beiden Frauen die Aufgabe, sich um mich zu kümmern. Auch Hassan gehörte zu meinen wenigen Besuchern; er kam täglich zu unterschiedlichen Zeiten und traf mittags manchmal Sana bei mir an. Wenn er abends kam, gab uns das die Möglichkeit zu längeren Gesprächen, allerdings ohne dass dies zu nennenswerten Fortschritten geführt hätte. Ich hatte nichts zu sagen und überließ den größten Teil der Unterhaltungen ihm.

Hassan verschaffte mir mehr Ruhe und Entspannung, als ich nötig gehabt hätte, weil er hoffte, die Langeweile könnte mich dazu bringen, meine Zurückgezogenheit zu beenden, und ich würde so schneller geheilt. Seine Freunde im Geheimdienst hatte er davon überzeugt, dass es sinnlos wäre, mich zu dem zu vernehmen, was mir im Irak widerfahren war, solange ich mein Gedächtnis nicht wiedererlangt hätte. Er hatte persönlich die Verantwortung für mich übernommen. Schließlich war der Andere, der ich einmal war, sein engster und bester Freund gewesen, was auch umgekehrt galt, und es war nur natürlich, dass er seinem Freund in dieser offensichtlich schweren Prüfung zur Seite stand, um mit ihm sein früheres Leben durchzugehen. Hassan erleichterte ihm vieles und gab sich zuversichtlich, dass einige Erinnerungen von selbst wiederkommen würden. Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend sowie an glückliche Ereignisse seien noch das Einfachste, meinte er. Einer größeren Anstrengung bedürften dann schon die kürzer zurückliegenden und insbesondere die schmerzlichen, die aber gleichwohl ans Licht müssten, wenn er Klarheit über das Geschehene erlangen und sich dem stellen wolle, was danach auf ihn zukäme. Hassan half seinem Freund vor allem in Bezug auf die Zeit, die er selbst mit ihm erlebt hatte. Die beiden hatten eine lange gemeinsame Geschichte, und Hassans Anteil daran war bedeutend gewesen.

5

Um diese Geschichte nachzuerzählen, muss man an der Djaudat-al-Haschimi-Schule in Damaskus in der ersten Gymnasialklasse 1971 beginnen. Eine Woche nach Schulbeginn versetzte unser Lehrer mich als vermeintlichen Unruhestifter neben den eher ruhigen und schweigsamen Hassan. Innerhalb weniger Tage waren wir Freunde. Hassans Gelassenheit strahlte auf mich aus, während er von mir die Spontaneität übernahm. Wer von uns beiden hatte dadurch wohl mehr gewonnen? Wir wurden zu festen Verbündeten und traten bei Streits und Diskussionen mit anderen immer solidarisch auf. Wir gerieten in kleine Abenteuer, die unseren Erfahrungsschatz bereicherten und uns in die Welt der Verliebtheit und der Enttäuschungen führten. Gelegenheit dazu boten uns die Mädchen der nahe gelegenen Franziskanerschule, mit denen wir anbändelten, die wir bezaubernd fanden, mit denen es in den Gassen in Richtung Salihiye-Straße und Märtyrerplatz zu immer neuen Schwärmereien kam und die wir am Sonntagmorgen in die Matineen des Zahra- oder des Ambassador-Kinos einluden. Wir betrachteten es aber auch schon als Sieg, wenn wir ein heimliches Lächeln oder ein verstohlenes Winken errangen oder es uns gelang, mit der Verehrten geheime Botschaften auszutauschen. Wir standen unter ihren Wohnungen am Nadjme-Platz, in den Straßen von Abu Rummane und im Arnus- und Shahbandar-Viertel herum und hofften, sie zu erblicken. Erst in den Sommerferien, wenn die Mädchen nicht mehr auf ihren Balkonen zu sehen waren, wurden unsere Romanzen weniger stürmisch, und sie endeten meist mit dem Herbst, wenn sie die Schule verlassen hatten und wir sie nicht mehr nach Hause tänzeln sahen. Oft erblickten wir dann eine von ihnen zufällig ein paar Monate später an einem regnerischen Wintertag, und wenn es gut für sie gelaufen war, dann hinkte sie am Arm ihres Angetrauten durch die Al-Hamra-Straße und hatte einen dicken Bauch.

In der dritten Gymnasialklasse entdeckte der ruhige Schüler Hassan die Politik, den Untergrund ebenso wie den öffentlichen Protest. Laut wurde für Krieg demonstriert, um die besetzten Golanhöhen zu befreien. Der Krieg kam, aber der kurz darauf folgende Waffenstillstand enttäuschte die Hoffnungen, und die durch Pendeldiplomatie vermittelten Verhandlungen reduzierten die optimistischen Erwartungen auf ein Minimum. Die Befreiung war auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Kritik an diesem Frieden, der wie eine Befriedung erschien, weckte Hassans Interesse an verbotenen Zeitungen, Broschüren und Flugblättern. Auch hier deckte sich unser Interesse, und wir lasen gemeinsam die damals im Umlauf befindlichen roten Bücher, darunter »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«. Der Sieg der Oktoberrevolution beflügelte unsere Phantasie und befeuerte unsere Emotionen. Die Schriften, die wir lasen, kündeten vom Ende des Kapitalismus, der unweigerlichen Abschaffung des Privateigentums und von der Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Klassen.

Wir Schüler glaubten, wir seien die revolutionäre Avantgarde, der es aufgegeben war, die Veränderung herbeizuführen. Unsere Revolution schien vor der Tür zu stehen, und sie bedurfte, so dachten wir, lediglich eines ersten Schrittes. Wir stellten uns vor, bis zur letzten Kugel und zum letzten Atemzug hinter Barrikaden zu kämpfen. Jene weltweiten Vorkämpfer, die Streiks, Aufstände und Kommunen organisierten, waren unsere geistigen Rebellenführer. Gleichwohl erwarteten wir nicht viel, nachdem wir gesehen hatten, wie unser bewaffneter Prophet als Wehrloser und Ausgestoßener in Mexiko ermordet und wie der erste sozialistische Staat der Welt verraten wurde.

Unsere Freundschaft dauerte an der Universität an, obwohl wir unterschiedliche Fächer studierten, Hassan Politik und Wirtschaft, ich Jura. Wir scherten uns ohnehin nicht darum, was uns beigebracht wurde, denn was waren denn Politik, Wirtschaft und Jura anderes als bürgerliche Wissenschaften? Wir beeinflussten uns gegenseitig, und obwohl wir revolutionär gesinnt waren, traten wir der Kommunistischen Partei nicht bei, weil sie uns nicht radikal genug war. Etwas Geringeres als die permanente Revolution kam für uns nicht in Frage, und so tingelten wir von einer politischen Organisation zur nächsten.

Nach Jahren der erfolglosen Suche nach einer Partei oder Struktur, der wir uns hätten anschließen können, schufen wir unsere eigene politische Gruppe, die nur aus ein paar Personen bestand, welche im Kreise von Freunden und Rivalen in angemieteten Zimmern in Vorstädten und im Umland von Damaskus, in ärmlichen Wohnvierteln und Stadtrandslums unterwegs waren, sich um Tische versammelten, Kette rauchten, enorme Mengen an Kaffee tranken und nächtelang debattierten. Manchmal wiederholten wir in warmen Cafés oder kalten Kellern dasselbe mit Parteiintellektuellen. Wir liebten es, zu theoretisieren. Ich machte Revolutionsplanungen und schrieb auf, wie man die Macht übernähme, indem man zuerst einen Generalstreik organisierte, dann Waffen an die Bevölkerung verteilte, nach dem Umsturz die Armee auflöste, den Militärapparat zerschlug, die Polizei unter Kontrolle brachte, die Gefängnisse niederriss, die Gefangenen freiließ und die Bürokratie auflöste. Und schon wäre es mit der totalitären Herrschaft vorbei.

Hassan verfasste währenddessen seine Vision von einem sauberen Klassenkampf ohne Gewalt, Massaker und Opfer. Ihm zufolge bedeutete Klassenkampf, dass man andere mit Argumenten überzeugte, diese sich dann freiwillig dem Lauf der Geschichte beugten und alle sich instinktiv gegen Unterdrückung, Ausbeutung und alles Schlechte verbrüderten. Gekrönt würde all dies mit einer historischen Aussöhnung und einer Umwälzung, die ewig Bestand hätte. Seine Abhandlung war nicht eben wissenschaftlicher Fortschrittssozialismus, sondern eher poetisch-ideelle Inspiration mit romantisch-anarchistischem Inhalt, auch wenn sie formal objektiv gehalten war. Ich hatte einiges daran zu kritisieren und hätte gleichwohl darüber hinwegsehen können, da es sich ja nur um Schwärmereien handelte, aber ich sah darin einen gravierenden Missgriff, und unser Meinungsstreit nahm ungewohnt scharfe Formen an. Über unserem Wortgefecht verliefen wir uns in den Gassen der Damaszener Altstadt. Wir wollten ins Naufara-Café und landeten stattdessen beim Salam-Tor, fast schon in al-Amara. Ich wollte die Diskussion beenden, indem ich fragte: »Wann haben denn Revolutionen je durch Argumente gesiegt?«

»Ich will eine weiße Revolution ohne Blutvergießen«, beharrte Hassan.

»Eine Veränderung, die Gnade walten lässt, kann keine Früchte tragen«, beschied ich.

Wer hätte damals geglaubt, dass nach uns junge Gläubige kommen würden, die ihre Bildung in Moscheen und religiösen Zirkeln bezogen hätten, die mutiger sein würden als wir, aber in deren Herzen nicht ein Funke Gnade Platz hätte? Die keinerlei Mitleid mit einem Menschen zeigen würden, wenn er sie auch noch so sehr um Erbarmen bat?

Mir ist, als irrte ich noch immer dort herum, als würde Hassan noch immer neben mir her auf den längst nicht mehr benutzten Straßenbahnschienen in Richtung der lärmigen Al-Manakhiliye-Gasse laufen. Der Klassenkampf, dachten wir, war der Motor, der die mächtigen Massen in eine großartige Zukunft führen konnte. Wir wussten nur nicht, dass die Zukunft in eine ganz andere Richtung steuerte. Wir waren Zuspätkommer und würden unser Ziel nie erreichen.

Nach Abschluss unseres Studiums und Ableistung unseres Wehrdienstes, der keiner war, denn weder verteidigten wir unser Land noch eroberten wir besetztes Land zurück, mussten wir, wenn wir denn kämpfen wollten, uns einer der palästinensischen Guerilla-Organisation anschließen, die im Libanon gerade mit dem Rücken zur Wand standen. Dazu entschlossen wir uns aber erst, als sie fast schon aus Beirut vertrieben waren und die palästinensische Frage fortan nur noch in Form von Büros, Verhandlungen, Zugeständnissen und Hinhaltung bestand.

Also begannen wir ein Dasein als Arbeitslose, das nicht aufregend war, uns aber immerhin Gelegenheit bot, uns erneut in Liebesabenteuer zu stürzen. Diese bestanden aus weiteren Debatten, die wir diesmal mit Genossinnen führten, deren Kampf allerdings hoffnungslos war, wenn sie nicht irgendwann heirateten. Sex war damit kein vergnüglicher Zeitvertreib mehr, sondern wurde zu einer kostspieligen Angelegenheit. Die Politkämpfer standen der Bindung auf ewig zwar ablehnend gegenüber, aber die Liebe erleichterte ihnen die Entscheidung, und so endete ein Genosse nach dem anderen im Käfig der Ehe und verabschiedete sich zugleich von grundlegenden Überzeugungen. Die erregten Diskussionen, die wir weiterhin führten, erinnerten uns nun zunehmend daran, dass niemand mehr da war, der an das glaubte, worüber wir uns die Köpfe heißredeten. Wir nahmen unsere Debatten dennoch als tröstlichen Beweis dafür, dass es für die Welt, die wir wollten, noch Hoffnung gab. Dabei bestand sie tatsächlich nur mehr in unserer Phantasie, während die Welt, gegen die wir uns verbal auflehnten, immer mächtiger wurde.

Aber was nun passierte, übertraf all unsere Befürchtungen. Radikale Umwälzungen und schmerzlicher Verrat zerstörten das, was wir für Symbole des wahren Sozialismus gehalten hatten. Es blieb nicht einmal mehr Zeit, sie zu verteidigen, und wir konnten lediglich noch für das einstehen, was von unserem Idealismus übrig geblieben war: Gerechtigkeit und Befreiung des Menschen, und selbst dies verkam darin, dass man sich an verbliebene totalitäre Regime klammerte, die nach und nach schamlos vor ihren imperialistischen Feinden kapitulierten. Es folgten Erschütterungen, von deren Auswirkungen wir uns nie mehr erholen würden. Die Berliner Mauer fiel, die sozialistischen Staaten Europas sagten sich einer nach dem anderen vom großen Bruder Russland los, die Sowjetunion brach auseinander … Die Konterrevolution hatte auf ganzer Linie gesiegt, und wir würden fortan nicht einmal mehr zu träumen wagen.

Tatsächlich aber waren Hassan und ich beide keine Männer historischer Taten gewesen. Wir hatten lediglich eine jugendliche Lust auf Veränderung um jeden Preis verspürt, und was wir uns auf die Fahnen schrieben, war in etwa das, was damals an Ideen in Umlauf war. Aber unsere revolutionäre Gesinnung reichte nicht tief. Wir kämpften nicht und begehrten nicht auf. Wir waren einfach nur dagegen.