Emma Bieling

Rapunzel auf Rügen

Roman

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0574-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschen>buch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/Anja Weber-Decker und © Okapia/imagebroker/Daniel Schoenen

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Prolog

Von wegen Gerechtigkeit!

Ein Schiff namens Friedhild

Ein schlechter Scherz

Was muss, das muss!

Mann O Mann

Ein blinder Passagier

Alkohol ist auch kein Ausweg

Die Mittwochsphobie

Liebe ist Miau

Bloß keine Depressionen

Viele Köche verderben den Brei

Ein seltsames Geschenk

Berlin, ick komme

Eine Lüge ist fast keine Lüge

Zukunft, ahoi!

Ein Luder ohnegleichen

Unter Verdacht

Die Wege des Schicksals

Katzenjammer

Ein Ozelot für Isabell

Ohne Pille geht es nicht!

Happy Birthday to me

Der Künstler steht da zwischen dem Endlichen und Unendlichen; wo beide aneinanderstoßen, fängt er den Blick des Gewitters auf, hält ihn fest und gibt ihm ewige Dauer.

Jacob Grimm, deutscher Sprach- und

Literaturwissenschaftler, mit seinem Bruder

Wilhelm – die Gebrüder Grimm

Emma Bieling hat es wieder getan: Ein Grimmsches Märchen in die heutige Zeit platziert und damit die Fantasiewelt der Gebrüder Grimm mit dem oftmals tristen Alltag verknüpft.

Helga Glaesener

Ich danke:

Marcus, der mich durch jedes Kapitel

hilfreich begleitet hat.

Carsten für die spontane Hilfe

während meines Schreibmarathons. Meinem Sohn für sein engelgleiches Verständnis, Finger-

fußball ohne Mama zu spielen.

Meinem Lektor, der mir gewiss graue Haare

zu verdanken hat.

Meinem Buchplaner für die fortwährende Geduld.

Sowie dem gesamten Verlagsteam und jenen kreativen

Köpfen, denen ich das wunderschöne Buchcover

verdanke.

Vielen Dank!

Prolog

Ein Meter fünfundzwanzig lange Haare zu haben ist nicht so leicht. Man bedenke die Zeit, die selbiges Haar benötigt, um zu trocknen nach der Wäsche. Ebenso den Shampoo-Verbrauch. Und dann auch noch das Kämmen … Ohne Hilfe fast unmöglich. Warum nicht einfach abschneiden, fragen Sie sich? Weil ich Jessica Waldmann bin, das perfekteste Rapunzel-Double der Neuzeit. Natürlich auf der Theaterbühne, wo sonst. Das jedenfalls ist mein größter Wunsch – das Ziel, für das es lohnt, zwei Kilogramm Haar und den Spitznamen »Rapunzel« mit sich herumzutragen. Und eigentlich war ich auch schon auf gutem Wege dahin, wenn da nicht dieser blöde Unfall gewesen wäre – wenn dieser Passant nicht mitten auf der Fahrbahn gestanden hätte. Er musste meine Vespa doch gesehen haben, die ich übrigens liebevoll Mokkaböhnchen nenne. Anstatt stehenzubleiben, sprang der Idiot direkt vor meine neueste Trödelmarkt-Errungenschaft – eine übergroße Stahlbratpfanne, die ich hinter den Sitz meines Motorrollers gebunden hatte. Auf gerichtliche Gnade zu hoffen, hatte wenig Sinn. Und auch der Versuch, die sich anbahnende Strafe mit einem exklusiven Pfannenrezept zu mildern, schlug fehl. Der Richter war Vegetarier und verurteilte mich zu Schmerzensgeld – eine verdammt hohe Summe, die ich nicht bereit war zu zahlen. Was lief der doofe Kerl auch gegen die Bratpfanne …

Von wegen Gerechtigkeit!

»Ich dachte, du magst ihn, den Kuckuck.« Elke verkniff sich ein Lachen.

»Sehr witzig!« Ich schob die Gardine beiseite und blickte dem staatlich legalisierten Geldeintreiber hinterher, der mit festen Schritten zu einem dunklen Audi lief.

Quattro, was sonst, dachte ich und wendete mich Elke zu. Noch immer stand sie am Türrahmen gelehnt und verzerrte ihre Miene zu einem Grinsen.

»Was ist?«, zischte ich sie an. »Ist dir das noch nie passiert?«

»Doch. Aber ich hatte den Kuckuck noch nie auf einer Sonnenbrille sitzen«, kicherte sie losgelassen. »Upps, ich meinte doch kleben.«

»Ach was.« Ich winkte ab, nahm meine Tasche und lief nach draußen. Irgendwie hatte sie ja recht. Meine Gucci-Brille hätte er wahrlich auslassen können, zumal der Vogel direkt vorm linken Auge saß und meine Sehkraft einschränkte. Da kann ja sonst was passieren!

Die Nachricht vom Kuckuck ging schneller um als ein Kopflausbefall in einer Schulklasse. Und noch während ich am Latte Macchiato schlürfte, wusste es bereits Richard, mein bester Freund. Tief erschüttert trat er näher und setzte sich mir gegenüber. »Was höre ich da Schätzchen? Die haben deine Sachen gepfändet?«

Ich nickte, ohne aufzublicken.

»Und was brauchst du zur Auslöse?«

»Dreitausenddreihundert.«

Richard erblasste. »Meine Güte, ein stolzes Sümmchen.«

Seine Augen wanderten zu seinem Fingerring. »Null-Fünfundzwanziger Karat. Was glaubst du, was der bringt?«

»Dein Tolkowsky? Vergiss es!«

»Aber …«

»Nein, Richard!«

Er griff sich in den Nacken. »Gott, bin ich verspannt. Und deine Laune macht es nicht besser.«

»Sorry. Ich weiß ja, dass es lieb gemeint ist, aber …«

»Was aber?«, drängelte Richard. Seine Augen blickten tief in die meinen, als fände er eine Antwort darin.

Ich versuchte seinen Blicken auszuweichen und zog den Rest meines Milchespressos durch den lustig bunten Strohhalm, der aus meinem Glas ragte.

»Ich warte«, mahnte er mich sichtlich ungeduldig, den Satz zu beenden. Dabei trommelte er mit seinen Fingern auf den Tisch. Ich ignorierte ihn und wendete mich zur Straße. »Sieh mal, Richard, Joe hat schon wieder eine neue Frisur.«

»Netter Versuch Schätzchen, aber …« Richard konnte nicht anders und blickte sich um. »Um Gottes willen! Welchem Haarjunkie ist der denn aufgesessen? Der Style geht ja gar nicht.«

Ich musste schmunzeln. Richard starrte auf seinen Ex, als sei der gerade zum Hetero mutiert. Angewidert spuckte er in Joes Richtung. »Ich weiß überhaupt nicht, was mir jemals an dem gefallen hat.« Dann schaute er wieder zu mir. »Sag schon, Rapunzel, was hat mich an diesem Typen fasziniert?«

»Sein Sexappeal?«, mutmaßte ich vorsichtig. Ich wollte keinesfalls alte Wunden aufreißen. Und schon gar keine weitere Nacht auf dem Sofa mit einem heulenden Richard und einer Familienpackung Tempos riskieren.

»Wohl eher eine vorübergehende Sinnestäuschung«, berichtigte er mit einem eleganten Kopfschwung.

»Klar, was sonst, Richard.«

Ein Tag später …

Mein Konto war auf Notstand und mein Sparbuch geplündert. Die Bankangestellte zählte mir die letzten Scheine vor und schob sie herüber.

»Hätten Sie vielleicht einen Umschlag dafür?«, fragte ich vor Angst, auch nur einen der grünen Scheinchen zu verlieren.

Mürrisch griff sie unter ihren Schalter. »Der wird wohl ausreichend sein«, erwiderte sie mit einem unfreundlichen Ton, während sie mir das Kuvert übergab. Ich schrieb pflichtbewusst den Namen des Gerichtsvollziehers darauf, steckte das Geld hinein und verstaute das Staatseigentum in meiner Handtasche. Eintausendsechshundert – pfutsch und weg! Und damit auch erstmal mein Traum – der Abschluss zur Schauspielerin. Mit einem Goodbye my Money, das durch meinen Kopf dröhnte, schlurfte ich die belebte Einkaufsstraße entlang. Ich musste an die Stellenanzeige denken, die ich im Vorraum der Bankfiliale gesehen hatte. Servicekraft auf einem Seebestattungsboot, stand dort geschrieben. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, war mir aber sicher, dass ich diesen Job wollte. Nur eine Saison, bis ich das Geld für die restlichen Schulden und die letzten zwei Semester zusammen hätte. Dann würde ich zurückkommen – zurück nach Berlin – und meine Schauspielausbildung beenden.

Die Schauspielschule lag nur wenige Minuten entfernt. Sarah, eine meiner Mitbewohnerinnen und ebenfalls angehende Schauspielerin, winkte mir aufgebracht zu. »Wo bleibst du denn? Die Knödelmeyer hat längst angefangen.«

Ich eilte ihr entgegen. »Verdammt! Ist Richard noch oben?«

Sarah schob mich in Richtung Szenen-Aula. »Keine Zeit mehr, geh ohne Maske, und präsentier der Knödelmeyer ein Rapunzel, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.«

Ich schluckte. Ohne Make-up und Hairstyling? Das konnte nur schiefgehen. Niedergedrückt öffnete ich mein Haarband, während Sarah mir half, aus der Endlos-Mähne einen Zopf zu flechten.

»Was um alles in der Welt macht ihr da?«, kreischte es durch den Flur.

Erleichtert drehte ich mich zur Treppe. »Richard! Gott sei Dank.« Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Leichtfüßig huschte er die Stufen hinunter. »Geh weg!«, fauchte er Sarah an. »Du ruinierst und zerzaust sie ja völlig.«

Er griff in mein herabhängendes Haar. »Nun sieh dir das an! Verfilzt, spröde, glanzlos.«

»Richard mach was!«, bettelte ich. Die Zeit wurde knapper, und meine Geduld schlug langsam in Panik um. Schließlich würde es eine meiner wichtigsten Schauspielszenen sein und der Grundstein für meine Zukunft. Mit der Laune einer verschmähten Prinzessin wühlte sich Richard kopfschüttelnd durch mein langes Haar.

»Tu doch was!«, schrie ich hysterisch. Kleine Schweißperlen kämpften sich allmählich durch jede Pore meines Körpers, und die Anspannung raubte mir den Atem.

»Ich versuche es doch! Halt still.« Gekonnt und mit der Fingerfertigkeit eines gelernten Visagisten, verwandelte er mich allmählich zum perfekten Rapunzel. Ich war begeistert. Und auch Sarah nickte aus sicherer Entfernung. »Danke, Rich. Du bist der Beste.« Ich drückte Richard einen Kuss auf die Wange und rannte in die Aula – einem pompösen Abschlussauftritt entgegen.

Eine Woche darauf …

Ich hatte alles vorbereitet – den Tisch hübsch gedeckt, Essen gekocht und einen passenden Wein ausgewählt – alles, um meinen Freunden die Nachricht vom Wegzug zu überbringen. Ich musste eben den passenden Moment abwarten, den Augenblick der Ein-Promille-Phase. Bei Richard hingegen war das eher riskant. Er neigte unter Alkohol zu depressiven Heulanfällen, die sich dann meist über Stunden ausdehnten. Egal! Ich war bereit und starrte auf die Küchentür, hinter der ich die Stimmen von Elke und Sarah vernahm. Dann klopfte es. »Rapunzel? Dürfen wir?«

»Ja, kommt rein.«

Voller Stolz präsentierte ich meine Tischdekoration, die dezent in Stahlblau gehalten war und unter dem Motto »Abschied ist ein scharfes Schwert« stand. Im Hintergrund dudelte Roger Whittaker – eine CD, die ich im Keller gefunden hatte.

»Servietten mit Schwertern drauf?«, kicherte Elke los. »Will heißen, ich habe keine Ahnung, was du uns heute sagen willst.«

»Ich auch nicht«, pflichtete ihr Sarah bei.

Richard, der plötzlich ebenfalls in der Küche stand, schlug die Hände erschrocken vors Gesicht. »O Gott, du stirbst!«

»Nein! Tu ich nicht!«

»Gut. Dann nehme ich ein Feierabendschlückchen vor dem Essen.« Er setzte sich und hielt sein Weinglas in die Höhe. Und während ich eingoss, beäugte er das Etikett der Flasche. »Ach, wie schön, ein Pfälzer Riesling. Und ebenso trocken wie mein Liebesleben.«

Elke und Sarah verdrehten die Augen und nahmen Platz.

»Was gibt’s? Nun sag schon«, begann Elke zu drängeln.

»Nach dem Dessert«, erwiderte ich und füllte auch ihre Weingläser.

Nachdem ich alle drei Gänge serviert und die vierte Flasche Wein ihre Wirkung gezeigt hatte, klopfte ich mit dem Löffel gegen mein Glas und erhob mich. »Also … Was ich euch sagen wollte … Na ja, wie soll ich anfangen? Ich habe eine Anstellung im Service bekommen und breche morgen nach Rügen auf.« Erleichtert sank ich zurück auf meinen Stuhl.

»Was? Für wie lange?« Elke sah mich fassungslos mit aufgesperrtem Mund an.

Richard verschluckte sich am Riesling und rang nach Luft. Krebsrot im Gesicht fuchtelte er mit seinen Händen herum, auf der Suche nach Worten. Und auch in Sarahs Gesicht war deutlich Kritik an meinem Vorhaben erkennbar. »Du spinnst doch!«

Dann herrschte Stille, für gefühlte zehn Minuten.

»Noch ein Gläschen?«, fragte ich in die Runde, in der Hoffnung, die Stimmung wieder etwas aufzulockern. Aber niemand reagierte auf mein Angebot.

»Was, zum Teufel, willst du auf Rügen?«, fragte Sarah.

»Und was wird aus der Premiere im nächsten Jahr? Keiner spielt Rapunzel so wie du«, argumentierte Elke.

Richard, der mittlerweile seine Stimme wiedergefunden hatte, hüstelte.

»Du verlässt mich für einen Job? Das kann ich nicht glauben! Und er bedeutet dir mehr als ich?«

Ich überlegte, wen er meinen könnte. »Wer?«

»Der Job, für den du mich verlässt. Oder hast du etwa auch noch einen besseren Visagisten gefunden und vergessen, ihn zu erwähnen?«

»Gott, nein! Ich serviere dort Getränke auf einem Bestattungsboot.«

Richard wurde bleich. »Tote? Du meinst, du fährst mit Verstorbenen übers Meer, die dann über Bord geworfen werden?«

Von dieser Seite hatte ich es selbst noch nicht betrachtet. Aber irgendwie stimmte es.

»Ja!«

»Du meine Güte … Du musst sie doch nicht etwa anfassen?«

Elke schlug die Hand vor ihren Mund. »Ich glaub, ich muss kotzen.« Sie sprang auf und lief hinaus. Sarah blickte ihr nach. Es schien, als überlegte sie, es Elke gleichzutun.

»Was ist eigentlich so schlimm daran?«, fragte ich, erzürnt über die Reaktionen. »Es ist doch nur ein Saisonjob, nichts weiter.«

Nach dem Abschiedsdinner packte ich meine Sachen zusammen. Dass ich mich nicht wirklich auf die wichtigsten Klamotten konzentrieren konnte, lag nicht nur am Wein, sondern auch an Richards hysterischem Anfall nach der Verkündung meiner Abreise. Es dauerte genau bis zum Morgengrauen, bis er sich wieder beruhigte und auf meinem Bettsofa einschlummerte. Ich überlegte, mich in Richards Zimmer zu verdrücken, kuschelte mich aber an ihn und hielt seine Hand, während ich versuchte einzuschlafen. Immerhin würde ich ihn, meinen allerbesten Freund, für eine lange Zeit nicht mehr sehen können. Müdigkeit durchströmte meinen Körper, dennoch fiel es mir schwer, Richard ins Land der Träume zu folgen. Zu viele Gedanken rasten durch meinen Kopf. Was, wenn ich nicht seetauglich war? Oder wenn mich die Knödelmeyer bis zur Rapunzel-Premiere ersetzen würde? Zu hart hatte ich dafür gekämpft, sogar mein ganzes Leben darauf ausgerichtet. Und jetzt? Jetzt hatte mich eine Bratpfanne aus der Bahn geworfen und stellte mein gesamtes Dasein in Frage. Ich musste an meine Kindheit denken und an die Leiterin des einzigen Heimes, das sich in einem restaurierten Turm befand. Ein Kulturschock, nannte es Richard immer. Aber einer, der mich täglich an die Geschichte des Rapunzels erinnerte und mir ihre Lebensweise näherbrachte. Irgendwann kam dann der zündende Funke: Ich werde professionelle Schauspielerin und das erfolgreichste Rapunzel der Welt. Fast acht Jahre hatte ich dafür gearbeitet, gejobbt und gespart – Nacht für Nacht in den schlimmsten Kneipen. Und Richard war immer für mich da gewesen.

Als der Wecker klingelte, fuhr ich erschrocken hoch. Was? Wo? Wie spät? Noch leicht benebelt vom Umtrunk, versuchte ich aufzustehen, verlor aber das Gleichgewicht und sank zurück.

»Autsch!«, beschwerte sich Richard, auf dessen Arm ich gelandet war. »Geh runter! Und überhaupt, was machst du in meinem Bett?«

»Entschuldige, aber das ist mein Bett.«

Er blinzelte sich um. »Tatsächlich. Und was tue ich hier?«

Ich zuckte mit den Schultern und wagte einen erneuten Versuch aufzustehen. Diesmal klappte es. Nur entsprach mein Gang dem eines orientierungslosen Kleinkindes.

»Jetzt weiß ich wieder … Du willst nach Rügen, nicht wahr? Oder war das nur ein Alptraum?« Er strich nachdenklich sein Kopfhaar nach hinten.

»Kein Alptraum. Ich fahre noch heute«, half ich seiner Erinnerung auf die Sprünge.

»Ah ja. Mit dem Zug?«

»Nein! Mit Mokkaböhnchen.«

Richard richtete sich auf. »Du beliebst zu scherzen.«

Ich warf mir meinen Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür. »Einen Kaffee?«, fragte ich, ohne zurückzublicken und auf seine Frage einzugehen.

»Mit drei Stück Zucker bitte. Und solltest du im Kühlschrank noch etwas Verstand finden …«

»Ich habe es kapiert!«, unterbrach ich seine ironische Bemerkung. »Und egal, wie dusselig du meine Entscheidung und den Job auch finden magst, ich gehe trotzdem.«

»Na schön! Dann geh doch! Und wirf Leichen über Bord und bitte gleich noch ein Stück Zucker mehr in meinen Kaffee. Soll ja angeblich die Glückshormone anregen.«

»Gut! Wie du willst.« Übel gelaunt goss ich Kaffee in Richards außergewöhnliche Tasse – einen Riesenpott mit dem Fassungsvermögen einer Pampers-Windel. Und absolut rücksichtslos, wie ich fand. Nicht umsonst nannte man diese Art Tassen Kameradenbetrüger. Richard hingegen mochte seinen Literpott. Für ihn war er die Berliner Antwort auf das bayrische Maß. Lieblos stellte ich den Kaffeepott ab. »Dieses Ding ist echt unfair«, beschwerte ich mich.

»Dafür praktisch.«

»Die Tasse ist unhandlich und schwer. Wo bitte ist das praktisch?«

»Ach, Schätzchen, überleg doch mal. Für zehn normale Käffchen muss ich nur einmal zur Kanne gehen.«

Wütend winkte ich ab. »Mir doch egal. Ich fahre jetzt sowieso.«

»Natürlich. Mit deiner Vespa.«

»Ja, genau!«

»In strömendem Regen bis Rügen.«

»O ja!«

»Ich hoffe, du hast ein Zelt eingepackt, für dich und deine Vespa, weil du nämlich Tage unterwegs sein wirst«, klugscheißerte Richard.

Von wegen Tage unterwegs! Exakt zweihundertneunzig Kilometer, dachte ich bei mir. Als wenn ich mich nicht informiert hätte.

»Lass das meine Sache sein! Und überhaupt, lass Mokkaböhnchen in Ruhe. Ohne sie gehe ich nirgends hin.«

»Ach so! Und ich bin dir egal oder wie?«

»Bist du nicht! Aber ich brauche das Geld für die letzten Monate meiner Ausbildung. Denn ohne Kohle kein Abschluss.«

»Ich hätte den Ring verkauft …«

»Nein, Richard!«, fuhr ich ihm ins Wort. »Ich weiß, was ich tue, ich bin nämlich schon erwachsen. Und ich will meine Verbindlichkeiten und meinen Abschluss selbst bezahlen.«

Er nippte am Kaffee. »Du bist stur wie ein Esel.«

»Ich weiß. Und ich bin deine beste Freundin.« Ich stupste ihn an. »Bekomme ich eine Umarmung, bevor ich mich anziehe und davonfahre?«

Richard stellte seinen Riesenpott ab und drückte mich fest an sich. »Ich will, dass du gesund wiederkommst, hörst du? Und du rufst mich an, sofort wenn du da bist.«

Ich nickte.

»Hast du auch genügend Socken und warme Unterhöschen eingepackt? Am Meer weht ja immer ein kühles Lüftchen.«

»Ja, klar.«

»Und nimm dich in Acht vor diesen Bestattungstypen und ihre weiß behandschuhten Patschhändchen. Und überhaupt, meldest du dich am besten täglich.«

»Richard!«

»Okay, so oft du kannst.«

Ein Schiff namens Friedhild

Wer glaubt, dass Bestattungsboote immer schwarz sein müssen, irrt. Weiß ist chic, und es ist die Farbe der »letzten Seefahrt« auf Rügen, aber auch der Hoffnung. Auf was eigentlich? Ein besseres Leben nach dem Tod? Irgendwas in der Art musste es sein. Denn warum sonst hatte sich der Firmenchef für diese Farbe entschieden? Einzig der Zusatz »Friedvolle Seebestattung« und eine sich darunter schlängelnde Rosensilhouette wiesen dezent auf den Tod hin. Ich trat ehrfürchtig näher und beäugte die Blumenkränze, die rund um das Schiff gebunden waren. Ein offensichtliches Highlight für die Hauptperson des Begräbnisses, wenn sie es denn sehen könnte.

»Kann ich Ihnen helfen?«, rief ein Matrose von der Friedhild herüber. Sein Gesicht war aufgequollen, und es hatte die Farbe eines jungen Ferkels, das das Leben noch vor sich hatte. Irgendwie unpassend für einen Begleiter des Himmelfahrtskommandos, dachte ich. Strahlte er doch das Gegenteil davon aus – das pure Leben.

»Ja! Ich habe einen Termin bei Herrn von Pfaffenhof.«

Er schnippte mit den Fingern. »Ach, dann sind Sie eine von den neuen Servicekräften.«

Eine? Wie viele Servicekräfte braucht Gevatter Tod?

»Scheint so«, erwiderte ich mit dem Charme eines Teenagers. Genauso fühlte ich mich jedenfalls – unsicher und ahnungslos. Er öffnete die Reling und winkte mich auf die Landungsbrücke. »Kommen Sie! Ich bringe Sie zum Kapitän.«

Die Kajüte des Bestattungsunternehmers glich einem zeitgemäßen Büro, so wie man es auch aus anderen Berufszweigen kannte. Nichts erinnerte an den letzten Gang hinüber ins Jenseits. Ein großer schlanker Mann im schwarzen Anzug trat mir entgegen. »Gestatten, Ottfried von Pfaffenhof.« Dann wies er zum Stuhl. »Bitte nehmen Sie doch Platz.«

Ich setzte mich und blickte umher, auf der Suche nach dem traditionellen Sargmodell, das ich aus Krimiserien kannte. Aber da war kein Sarg – weder aus Mahagoni noch aus Ebenholz.

»Suchen Sie etwas?«, fragte er freundlich, aber bestimmt.

»Nein! Ich dachte nur …«, begann ich zu stottern, während sich meine feuchten Hände im Rucksack, der auf meinen Schoß gebettet war, vergruben.

»Was dachten Sie?«, forderte er mich auf, meine Antwort zu vervollständigen.

Ich spürte die Röte, die sich in meine Wangenknochen vorkämpfte und mich dem Matrosen vom Deck optisch näherbrachte. »Ich dachte, es gibt so einen Vorzeige-Sarg, mit verzierten Schlössern, Gravur und aus Edelholz gefertigt.«

Er lachte. »Das wäre schlecht fürs Geschäft.«

»Ach ja! Und weshalb?«, fragte ich interessiert.

»Schwimmende Särge wären quasi unser Untergang.«

»Das habe ich nicht bedacht«, erwiderte ich verlegen, während das Zartrosa in meinem Gesicht auf ein grelles Pink zusteuerte. Wenn es ums Fettnäpfchentreten ging, war ich eine der Besten. Er setzte sich mir gegenüber und öffnete einen Ordner, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Sie sind also Jessica Waldmann?«

»Ja.«

»Darf ich fragen, was eine angehende Schauspielerin dazu bewegt, auf einem Bestattungsboot anzuheuern?«

»Ich … Na ja, ich brauche das Geld, um meine Ausbildung beenden zu können.«

Er kratzte sich am Kinn. »Hm … Sie würden also, im Falle, dass ich Sie einstellen würde, im nächsten Jahr nicht wiederkommen?«

Ich schluckte die Antwort, die auf meiner Zunge lag, hinunter. Eine Fangfrage, hämmerte es durch meinen Schädel. Was sollte ich darauf antworten? Ja, ich sacke die Kohle ein und werde das berühmteste Rapunzel-Double im Land? Dann könnte ich den Job womöglich vergessen. Aber mit einer Lüge wollte ich meine Zukunft auch nicht finanzieren. Ich entschied mich für irgendwas dazwischen. »Das kann ich jetzt noch nicht wissen. Vielleicht sollte ich erst einmal mein Können unter Beweis stellen und auch für mich selber herausfinden, ob ich den Anforderungen auf diesem Schiff gerecht werden kann.«

Ein Lächeln durchzog sein Gesicht. »Gut! Wie ich lese, haben Sie Erfahrungen im gastronomischen Bereich.«

Ich nickte. »Ja, die habe ich.«

Er stand auf und reichte mir die Hand. »Gratuliere! Sie beginnen schon morgen. Näheres wird Ihnen unser Serviceleiter erklären. Sie finden ihn im Bewirtungsraum des Schiffes, auch Serviceroom genannt.«

Freudig sprang ich auf. »Danke, Herr von Pfaffenhof. Ich werde mir die allergrößte Mühe geben.«

»Aber da wäre noch eine Kleinigkeit«, unterbrach er meine Vorfreude. »Ihr Haar müsste allerdings auf eine bordübliche Länge gekürzt werden.«

Mit großen Augen blickte ich ihn an. »Bordüblich?«

»Auf unserem Schiff trägt jeder eine Seekappe zur Uniform. Zöpfe oder ähnliche Steckfrisuren weichen zu sehr vom Gesamtbild der Crew ab. Tut mir leid, aber Ihr Haar müsste um einiges gekürzt werden.«

»Ich spiele Rapunzel bei uns daheim, auf der Theaterbühne. Die Hauptfigur des Stücks, wissen Sie. Und ohne Zöpfe wäre es nicht dasselbe.«

Er nickte verständnisvoll. »Verstehe! Dann werde ich wohl auf Sie verzichten müssen.«

»Nein, bitte …«

»Frau Waldmann, ich muss Ihnen wohl nicht erklären, dass die Friedhild eines der exklusivsten Bestattungsschiffe ist. Und zwar europaweit. Ein Abweichen von vorgeschriebenen Normen hat es bisher nicht gegeben und wird es auch in Zukunft nicht geben.«

Ich schluckte. Richard würde einen Schreianfall bekommen und mindestens eine Woche nicht mehr mit mir reden. Aber ich musste es tun!

»Gut! Ich mache es!«

Er musterte mich kritisch. »Sind Sie sicher?«

»Ja!«

Die erste Hürde war damit genommen. Blieb nur noch, den Serviceleiter um den Finger zu wickeln, sechs Monate durchzustehen und Mokkaböhnchen für die Heimfahrt rostfrei zu halten. Wobei Letzteres gewiss nicht einfach werden würde, so direkt am Meer. Vielleicht gab es ja eine Art Anti-Aging-Creme für Motorroller – eine Paste, mit der ich Mokkaböhnchens Lack einreiben konnte, um meine Vespa vor Feuchtigkeit und den Tücken des Inselwetters zu schützen. Fröhlich vor mich hin pfeifend, begab ich mich in den Servicebereich, direkt zu Herrn Brömme. Und ich war schon mächtig gespannt auf ihn.

Die Einrichtung des Schiffes faszinierte mich. Alles passte stilgerecht zusammen, und selbst die Farben gingen fließend ineinander über. Ein Luxusdampfer für gutsituierte Verstorbene und der Beweis, dass nicht einmal der Tod vor Verschwendung zurückschreckte.

»Kann ich helfen?«, fragte ein kleiner untersetzter Mann mit Hornbrille und riss mich aus meinen Gedanken.

»Ich bin auf der Suche nach dem Serviceleiter.«

»Dann sind Sie wohl fündig geworden. Mein Name ist Brömme. Was kann ich für Sie tun?«

Ich schüttelte seine Hand. »Angenehm, Jessica Waldmann. Herr von Pfaffenhof schickt mich wegen …«

»Ah ja, dann sind Sie die Letzte von den Servicekräften. Konfektionsgröße?«, fiel er mir ins Wort.

»Wie bitte?«

»Ihre Maße.«

»Wozu?«

Er holte tief Luft. »Natürlich für die Uniform, die Sie während Ihrer Dienstzeit tragen werden.«

Ach ja, die Uniform! »Stimmt, das hatte Herr von Pfaffenhof erwähnt«, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. »Trage ich eine echte Uniform, wie die Matrosen?«

»In Jeans können Sie einer Beerdigung wohl schlecht beiwohnen«, erwiderte Brömme bissig und beäugte mich von oben bis unten. »Ich schätze achtunddreißig, nicht wahr?«

Ich nickte. Dieser Brömme schien nicht gerade ein Menschenfreund zu sein. Erst recht kein Gentleman. Er notierte alles auf einer Liste, setzte ein paar Kreuze und unterschrieb. Dann blickte er auf meine Füße. Aber noch bevor er seine Frage stellen konnte, sagte ich: »Achtunddreißigeinhalb.«

»Knick, Spreiz- oder Plattfüße?«

»Äh …?«

»Was ich wissen will, ist: Benötigen Sie spezielle Einlagen für Ihre Dienstschuhe?«

»Nein.«

»Gut! Das wäre erledigt. Ich begleite Sie jetzt zu ihrer Unterkunft. Es ist ein kleines Ferienhaus am Ortsrand von Muglitz, welches Sie sich mit den anderen Saisonkräften teilen.«

Etwas mürrisch griff ich nach meinem Rucksack und folgte ihm aufs Deck. Na toll, eine Kellner-Herberge für die Service-Matrosen des Todes!

»Sind Sie im Zug oder mit dem Auto angereist?«

»Mit Mokkaböhnchen«, erwiderte ich.

»Mit wem?«

»Nein! Ich bin alleine angereist, auf meiner Vespa. Einem Original, wissen Sie …«

Seine Mimik verriet sein Desinteresse an meinem Reisebericht. Dann wendete er sich ab und lief über die Landungsbrücke den Steg entlang zu seinem Wagen.

»Ich fahre voraus«, rief er mir zu, bevor er ins Auto stieg. »Und dass Sie mir genügend Abstand von meinem Stoßfänger halten mit diesem Ding da.«

»Vespa«, wispelte ich wütend in mich hinein. Dieses Ding ist eine Vespa! Ich nahm den Helm vom Lenker, setzte ihn auf und startete Mokkaböhnchen. Doch irgendwas war anders. Der Blick in den Rückspiegel ließ mich erstarren. Nein! Das darf nicht wahr sein! Vorsichtig drehte ich mich um. Verdammte Scheiße! Meine Reisetasche war mitsamt der Halterung verschwunden. Und mit ihr meine besten Klamotten, meine geliebte Gucci-Sonnenbrille und mein Tagebuch. Irgendein Insulaner trug jetzt also einen Kuckuck auf der Sonnenbrille – ein Dieb, der nicht einmal vor dem Staatssiegel haltmachte.

Wie ein Hexenhäuschen mit kleinem Vorgarten wirkte die Unterkunft, die sich am Ende der Ortschaft zwischen einigen Bäumen versteckte, aber dennoch nur wenige Meter vom Strand entfernt war. Gewiss ein Scherz, dachte ich anfänglich. Doch der Serviceleiter stieg aus seinem Auto und lief geradewegs durch das Gartentor des neuzeitlichen Knusperhäuschens im Rügen-Stil. Ich nahm den Helm ab und sah mich um. Einige Meter entfernt spielten Kinder mit einem Ball. Ihr Lachen hallte durch die kleine Inselgasse und hob meine schlechte Laune etwas. Das Grün der Blattkronen spendete dem Haus Schatten. Dennoch kämpften sich wenige Sonnenstrahlen hindurch, auf denen winzige Staubteilchen tanzten. Ich atmete tief die salzige Luft ein, die vom Meer herüberdrang, und versuchte nicht an den Raub meines Besitztums zu denken. Aber irgendwie funktionierte das nicht. Was um alles in der Welt sollte ich am nächsten Tag anziehen? Ich brauchte dringend eine Notlösung oder besser einen Billigladen, der von String bis Rollkragenpullover alles im Sortiment hatte. Jedenfalls für die Zeit, bis Richard mir Klamotten von daheim nachgeschickt hatte.

»Gibt es ein Problem, Frau Waldmann?«, rief der Serviceleiter aus einem der oberen Fenster. »Kommen Sie, ich möchte Ihnen gerne noch die anderen vorstellen, bevor ich wieder fahre.«

Ein Problem? Eher ein Desaster! »Ich komme, Herr Brömme«, rief ich und eilte ins Haus. Nur gut, dass ich die wichtigsten Utensilien beim Vorstellungsgespräch im Rucksack bei mir hatte und mein Uralt-Vespa-Helm dem Dieb offenbar nicht zugesagt hatte. Aber noch mal wollte ich kein Risiko eingehen. Ich stürmte, meinen geliebten Helm krampfhaft in der Hand haltend, die Treppe hinauf.

»So, da bin ich schon«, kündigte ich mich mit einem aufgesetzten Grinsen an. Richard sagte immer: Egal, was auch passiert ist, die Show muss weitergehen. Bitte lächeln also.

Eine reifere Dame musterte mich, eine weitere trat auf mich zu. »Hi, ich bin Claudia.«

»Rapunzel«, antwortete ich, ohne mir über die Folgen Gedanken zu machen.

»Rapunzel?«, fragte sie erstaunt.

Doch noch ehe ich mich erklären konnte, reichte mir ein gutaussehender Latino die Hand. »Cool! Ich bin Antonio.«

»Nein, ich heiße eigentlich …«

»Jessica Waldmann«, berichtigte der Serviceleiter und fügte kopfschüttelnd hinzu: »Wer kommt denn nur auf so bescheuerte Spitznamen?«

»Bescheuert? Moment mal! Mein Spitzname ist nicht bescheuert! Ich spiele das Rapunzel an der Berliner Schauspielschule. Und deshalb …«

»Ihre Hobbys interessieren mich nicht«, unterbrach mich Brömme unsanft. »Erst recht nicht Ihr Spitzname.«

Hobby? Was hat der denn zum Frühstück gegessen? Sauer eingelegte Matrosen? »Sorry, aber Theater ist mehr als nur ein Hobby für mich«, verteidigte ich meinen zukünftigen Berufsstand. Und mir war völlig egal, mit welchen Konsequenzen.

»Sein oder Nichtsein, das ist doch letztendlich die Frage«, argumentierte der Serviceleiter mit einem sarkastischen Feixen. »Und realistisch gesehen sind Sie zum jetzigen Zeitpunkt nur eine Servicekraft auf Probe.«

Der Schlag hatte gesessen. Dieser Brömme schien giftiger als eine Mamba zu sein. Und er biss hinterrücks zu. Ich setzte die fröhlichste aller Mienen auf und nickte ihm zu. »Natürlich, Sie haben vollkommen recht, Herr Brömme. Und ich freue mich schon auf meine neuen Aufgaben an Bord.«

Eine Viertelstunde später war Brömme verschwunden und das kleine Haus wieder giftfrei. Und auch die wortlose Dame taute mehr und mehr auf. Mit ihren listigen Augen verfolgte sie jeden meiner Schritte. Ohne großartig darüber nachzudenken, trat ich ihr entgegen und fragte, ob es schon eine Zimmeraufteilung gäbe.

»Selbstverständlich«, erwiderte sie und zeigte auf eine der Türen. »Es gibt zwei Schlafräume mit jeweils zwei Betten. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Ihrigen.« Nicht ahnend, was mich erwarten würde, folgte ich.

»Die hintere Hälfte des Zimmers ist Ihre«, erklärte sie mir freundlich. »Und Ihre Sachen können Sie in diesem Schrank dort verstauen.«

»Und Sie schlafen dort drüben?«, fragte ich, auf das andere Bett weisend.

»Nein. Dort schläft der junge Spanier.« Sie lachte. »Übrigens, ich heiße Ortrud.«

»Angenehm, Jessica. Aber eigentlich nennen mich alle Rapunzel.«

»Ein lustiger Name«, antwortete sie. »Und angesichts Ihrer Haare sehr passend.«

»Ja, das ist er wohl. Nur leider müssen die auf eine bordübliche Länge geschnitten werden.«

»Ja, ich kenne die Vorschriften. Ich trage meine Haare daher auch etwas kürzer als früher.«

»Sie arbeiten schon länger auf dem Schiff?«

»Die fünfte Saison. Vorher war ich im Büro des Bestatters tätig, das damals noch vom Seniorchef Friedrich-Gustav von Pfaffenhof geführt wurde.« Sie seufzte. »Ach ja, seither hat sich viel verändert. Ach, lass uns doch bitte du zueinander sagen, das ist wesentlich familiärer.«

Das Auspacken meiner persönlichen Sachen dauerte nur einige Minuten. Im hölzernen Schrank gähnte Leere. Genug Platz für meine Wäsche, mit der sich gerade irgendein anderer kleidete. Ich setzte mich aufs Bett und wählte die Nummer von Richard.

»Na endlich!«, jubilierte er erleichtert. »Und? Erzähl schon, wie ist es?«

»Das Schiff ist toll«, begann ich. »Aber die Unterkunft …«

»Was ist damit?«

»Es ist ein kleines Haus mit Reetdach, direkt am Meer, das ich mir mit drei anderen Servicekräften teile.«

»Wow! Ein echtes Feriendomizil also und eine Servicekraft-WG – wie schön.«

»Irgendwie schon.«

»Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Sag schon, wie sind die anderen?«

»Nett und gemischt.«

»Gemischt?«

»Zwei Frauen und ein Mann. Wobei ich mir mit Letzterem ein Zimmer teilen muss.«

Sekunden der Stille folgten. »Richard? Bist du noch dran?«

»Die zwingen dich, mit einem fremden Kerl zusammen zu schlafen?«

»Nur in einem Zimmer, Richard. Nicht zusammen.«

»Das ist ja unglaublich! Wie können die nur …«

»Ist doch egal! Da ist noch ein viel größeres Problem.«

»Was? Größer als das Zusammenwürfeln unterschiedlicher Geschlechter?«

Ich atmete tief ein. »Meine Klamotten sind weg.«

»Wie weg? Weg im Sinne von …«

»Geklaut«, brachte ich es kurzum auf den Punkt. »Und mitsamt der Reisetasche und Halterung.«

»Und deinem Motorroller, hoffe ich.«

»Richard! Natürlich nicht!«

»Was denn? Versicherungstechnisch wäre das die bessere Variante. Aber die Diebe waren offenbar Kenner und wollten sich nicht mit einem Invaliden-Zweirad davonstehlen, für das sie beim Schrotthandel eh nur einen Lutscher bekommen hätten.«

»Du bist echt gemein!«

»Nur ehrlich, Schätzchen. Vom Versicherungsgeld hättest du dir wenigstens ein Fahrrad mit Elektromotor kaufen können.«

»Was hast du eigentlich gegen Mokkaböhnchen? Sie ist zuverlässig und ein echtes Original.«

»Ein rußender Oldie mit abgelaufenem Verfallsdatum.«

»Ich finde sie superpraktisch. Und wenn du unsere Freundschaft nicht überstrapazieren möchtest, dann hörst du endlich mit dem Genörgel auf und schickst mir einfach ein paar neue Klamotten zum Anziehen.«

»Okay, was brauchst du?«

»Alles! Vom Schlüpfer bis zum Schlafanzug. Und bitte schnell, per Eilkurier.«

»Ist quasi schon unterwegs zu dir.«

»Danke, Rich. Da ist aber noch etwas.«

»Hast du etwa deine Antidepressiva vergessen?«

»Haha, sehr witzig. Nein, ich muss meine Haare abschneiden lassen.«

»Das war dein bester Witz heute!«

»Im Ernst! Das ist eine Bedingung für den Job.«

»Dann pfeif auf den Job!«

»Das kann ich nicht! Ich brauch das Geld.«

»Na gut! Wie du willst!«

Ein Tuuuuut signalisierte mir, dass Richard aufgelegt hatte. Einfach so. Offenbar war ihm die Nachricht über meine borduntaugliche Haarlänge mehr als nur auf den Magen geschlagen. Ich starrte noch einige Sekunden auf das Mobiltelefon in meiner Hand und überlegte, ihn erneut anzurufen und eine Erklärung zu fordern, aber tat es nicht. Stattdessen zog ich mich aus, warf mich auf das Bett und schlief mit dem Gedanken ein, Richard würde sich gewiss wieder einkriegen und gleich zurückrufen.

Ein umfallender Gegenstand weckte mich. Erschrocken fuhr ich hoch. Was war das? Ich blinzelte im düsteren Zimmer umher, konnte aber nichts erkennen. Dann hörte ich Schritte, die sich näherten.

»Wer ist da?«, fragte ich ängstlich, während ich unter meiner Decke nach dem Handy tastete.

»Dieses verdammte Viech«, fluchte mein Zimmergenosse Antonio.

»Welches Vieh?«, fragte ich, erleichtert, seine Stimme zu hören.

»Die verdammte Katze! Die ruiniert mir noch meine ganze Fotoserie.«

Ich knipste meine Nachttischlampe an und rieb meine Augen. »Du bist Fotograf?«

»Nein, Model.«

Jetzt erst erkannte ich seine formschönen Gesichtszüge, die sich im Schein des Lichts abzeichneten. Er sah fantastisch aus, und er roch auch verdammt gut. »Du präsentierst Designerklamotten auf dem Laufsteg?«, bohrte ich neugierig weiter.

»Schön wär’s. Bisher bin ich nur bis zur Werbung von Aftershave durchgedrungen.«

Ein Wow donnerte durch meinen Kopf und ließ mich sofort an die erotischste aller Werbekampagnen denken: Cool Water! O ja, welche Frau könnte sich daran nicht erinnern, an diesen braungebrannten Muskelprotz, der so ganz ohne Höschen aus dem Meer heraussprang und für Sekunden das weibliche Geschlecht in eine Art Fern-Ekstase versetzte. »Was für ein Mann!«, plauzte ich mit meinen Gedanken heraus.

»Danke!«

Gott! Habe ich das etwa laut gesagt? »Ich, ich …«

»Ich bekomme ständig Komplimente, am Set und auf meiner Page, weißt du.«

»Du hast eine eigene Internetseite?«