Tanja Weber

OBERLAND

Postbote Stifter ermittelt

Kriminalroman

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0583-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

Zwei Wochen danach

Dank

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Ihr habt die Rechnung ohne uns gemacht!

Was ich ersann, gar bald ist’s getan,

Es reift unser Racheplan,

Racheplan, Racheplan!

Carl Millöcker, Der Bettelstudent

1.

Stifter bremste so abrupt, dass der Hinterreifen seines schwer beladenen Rades ausriss, der Kies zur Seite spritzte und eine lange Bremsspur den darunterliegenden Waldboden freilegte. Mit dem linken Bein stützte er sich ab, während er mit beiden Händen den Lenker umfasste und dadurch vermied, dass sein Rad mit den schweren Posttaschen zur Seite kippte. Dann klappte Stifter den stabilen Ständer herunter und ging ein paar Schritte zurück zu dem Krötenpärchen. Das dicke Weibchen kauerte fest an den Boden gepresst auf dem Kies und pumpte schwer. Das deutlich kleinere Männchen klammerte sich an ihr fest und wirkte bereits vertrocknet, so welk war die pockige Haut auf seinem Rücken. Stifter sah das Paar einige Minuten lang an, um zu prüfen, ob sie imstande waren, sich selbst aus der sengenden Sonne zu retten, entschied dann aber, dass die Tiere nur noch eines tun konnten: ergeben auf den Tod warten. Er nahm die fest miteinander verbundenen Kröten hoch, setzte sie auf seinen rechten Handteller und schützte sie mit den Fingern seiner Linken. Dann ging er in den schattigen Wald hinein. Er wusste, dass der kleine Weiher nur wenige Meter von der Stelle, an der die Kröten das Wandern aufgegeben hatten, entfernt war. Kein Weg führte zu dem eingewachsenen Tümpel hin, der sich tief ins Unterholz des Mischwaldes duckte. Hohe, dünne Gräser umgaben ihn, so dass es fast unmöglich auszumachen war, wo sich die Ränder des Wassers befanden. Unter den Schuhen des Postboten schmatzte der Morast. Als der dunkelbraune Schlamm ihm fast bis zu den Knöcheln reichte, bog Stifter die Gräser auseinander und bückte sich. Die Kröten hatten steif auf seiner Hand ausgeharrt, hatten keine Anstalten gemacht, davonzuspringen. Dafür waren sie zu erschöpft, er hatte es am Herzschlag des Weibchens, der nur noch ganz schwach gewesen war, durch die kühle glatte Haut spüren können. Aber sie lebten noch. Denn als er in der Hocke die rechte Hand ausstreckte, sprangen die Kröten gleichzeitig zu beiden Seiten von seiner Hand in das schwarze Moorwasser. Stifter betrachtete die dunklen Ringe, die das Wasser um die Einsprungstelle der Kröten bildete. Still und ruhig schwappten sie an seine Fußspitzen. Dann tauchten die Augen des Weibchens auf und fixierten ihn. »Schönen Tag noch«, sagte Stifter und lächelte.

Er ging zurück zu seinem Fahrrad und setzte seine Runde fort. Obwohl er die Kröten vor dem sicheren Hitzetod bewahrt hatte, war er beunruhigt über ihr Verhalten. Die Zeit der Wanderungen war vorbei. Es war Mitte September. In dieser Jahreszeit sollten die Kröten unter den feuchten Blättern des Waldes liegen, eingegraben in den Waldboden, und sich auf den langen Winter vorbereiten. Die Paarung und Wanderung waren vorbei. Stifter wusste das, weil Rubina Lanz, die jüngste Tochter seiner Vermieter, im Frühjahr jeden Abend losgezogen war, um mit Taschenlampe, Handschuhen und Eimer Kröten zu retten. Sie hatte sie über die stark befahrene Straße getragen, die den Saum des Waldes vom Weiher trennte und für die Kröten auf ihrem Weg in ihre Laichgewässer eine tödliche Gefahr darstellte. Stolz hatte Rubina bei ihrer Rückkehr die Erfolgszahlen präsentiert und sich von ihren älteren Geschwistern für ihr naturschützerisches Engagement aufziehen lassen müssen. Stifter würde Rubina heute Abend fragen, was es damit auf sich hatte, dass ein Erdkrötenpärchen im späten Sommer auf Laichwanderung ging. Ein Irrtum der Natur? Ein trauriger Versuch des Paares, eine zweite Laichzeit einzuläuten? Oder vielleicht einfach nur Degeneration durch Umweltgifte.

Auf dem schönen sonnigen Sommertag lag plötzlich ein Schatten. Stifter bog hinter den Sportplätzen des Schulzentrums in die Chamisso-Straße ein und begann seine Tour.

Er hatte es sich in der Zeit, in der er nun in Lohdorf, Oberbayern, wohnte, angewöhnt, auf dem Weg vom Postamt bis zum Ausgangspunkt seiner Tour den Pfad durch das Wäldchen zu nehmen. Er hätte ebenso gut quer durch das Villenviertel fahren können, durch die kleinen gebogenen Straßen, die an hochherrschaftlichen Bauten vorbeiführten. Auch das wäre ein schöner Weg ohne allzu viel Autoverkehr gewesen. Aber Stifter liebte den Schlenker durch den Wald. Hier begegnete er nur selten einem Menschen, manchmal einem Spaziergänger, aber die beruhigende Atmosphäre von Vogelstimmen, Blätterrauschen, dem Geruch des immer feuchten Unterholzes und dem Geräusch, das die Räder auf dem Kies erzeugten, versetzte ihn in genau die kontemplative Stimmung, mit der er den Tag beginnen wollte. Im Geiste rechnete Stifter auf diesem Weg hoch, wie lange er für die Tour brauchen würde. Er hatte die Post im kleinen Amt von Lohdorf sortiert und, wie es für seinen zwanghaften Charakter typisch war, gezählt. Er wusste, wie viele Sendungen er in welcher Straße austragen musste. Er wusste ebenfalls, ob die zeitraubenden Adressen dabei waren. Im Falle seiner Tour, die ihn von der Chamisso- durch die Adalbert-Stifter-Straße, den Brentanoweg über den Novalisplatz bis zur Wettersteinstraße führte, waren das weniger die Mehrfamilienhäuser mit den unzähligen Briefkästen als vielmehr Grundstücke, deren Briefkästen gut versteckt hinter einer langen Auffahrt lagen. Oder Bewohner, die zu prominent waren, um ihre Namen an das Klingelschild zu schreiben. Oder sich zumindest für zu prominent hielten. Oder Wachhunde hatten, die mit ihren gefletschten Zähnen nach ihm schnappten, wenn er es wagte, die Post in den Briefkastenschlitz zu schieben, und seine Hand nicht schnell genug zurückzog. Aber er hatte hier keine Plattenbauten, im Gegensatz zu Germerow, wo er noch letztes Jahr als Austräger tätig gewesen war. Oder wie in Französisch-Buchholz in Berlin, zu Beginn seiner Arbeit als Briefträger. Hier, in Lohdorfs bestem Viertel, gab es nur Einoder Zweifamilienhäuser, schlimmstenfalls Doppelhaushälften. Nicht einmal Reihenhäuser. Hier oben wohnte man für sich. Allerdings war die Architektur durchmischt und bot ein buntes Bild. Villen vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, mit schweren Schindeldächern und Stuckbordüren über dem hölzernen Entree, oftmals verborgen hinter dichtgewachsenen Wildfruchthecken, standen Schulter an Schulter mit kleineren Siedlungshäusern aus den dreißiger bis fünfziger Jahren. Auch diese befanden sich auf lang hingestreckten Grundstücken, häufig mit Obstbaumbestand, Johannis- und Stachelbeerhecken. Eine Lehre aus der Zeit während und nach dem Krieg, als auch die Bewohner dieser Häuser sich um Lebensmittel sorgen mussten. In den siebziger und frühen achtziger Jahren folgte der mondäne Bungalowbau. Weiße, minimalistische Gebäude, flach geduckt zwischen Koniferen, umgeben von schweren Zäunen aus dunkelgebeiztem Holz. Gekieselte Dächer, schmale Fenster, die Sauna im Souterrain mit Ausblick auf den Ziergarten. Neu hinzugekommen waren die eckigen Holz-Glas-Kuben, umrandet von Edelholzveranden, die von der breiten Doppelgarage zum japanischen Koi-Teich führten.

Regmaiers bewohnten so einen Architekten-Kubus, und sie waren der dritte Haushalt auf Stifters Tour. Herr und Frau Regmaier waren erst kürzlich nach Lohdorf gezogen, das Haus wirkte fast noch unbewohnt, der Garten war eine Erdwüste. Die Kinder der Regmaiers spielten ausschließlich auf der Holzterrasse, denn dort standen zwei große Plastikautos, die den VW Beetle nachbildeten. Stifter, der das Haus der Regmaiers des Öfteren zum immer gleichen Zeitpunkt anfuhr, kam auch dieses Mal gerade wieder dazu, wie Herr Regmaier seine Frau umarmte, die beiden kleinen Jungs küsste und sich dann mit seiner Aktentasche zur Doppelgarage begab. Er hatte das Tor bereits per Funk geöffnet, jetzt schwang es sanft nach oben und gab den Blick auf den bronzefarbenen Porsche Cayenne frei. Herr Regmeier warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz, glitt rückwärts die Auffahrt hinunter, winkte seiner Familie und gab dann Gas. Schnell entfernte sich der schwere Wagen durch die stillen Straßen des Viertels. Frau Regmeier zog die Buben ins Haus, schloss die Tür hinter sich, und Stifter fuhr weiter zu den nächsten Grundstücken. Augenthaler, Seifert, Kunz. Es war ein Montagmorgen und alle Welt unterwegs. Die Kinder in Schule und Kindergärten, die Werktätigen in der Arbeit. Hinter den Fassaden der Häuser und auch auf den Straßen regte sich nur wenig Leben. Ein vereinzeltes Auto dann und wann, eine alte Dame, die ihren Pinscher ausführte, eine junge Frau mit Kinderwagen. Mehr Leben fand nicht statt, aber Stifter empfand das weder als langweilig noch als bedrohlich, er genoss den Frieden.

*

Die Rippen des alten Heizkörpers schnitten in seinen Rücken. Wenn er die Muskulatur anspannte, hielt er es aus, aber er trieb das Spiel nun schon so lange, dass die Muskeln zu zittern begannen, wenn er versuchte, sie hart zu machen. Er konnte sich hinlegen, auf den Rücken, auf die linke Seite, auf den Bauch. Aber er lag seit vielen Stunden auf dem kalten Betonboden, hatte sich gedreht, jede erdenkliche Position ausprobiert. Gebuckelt, mit dem Kopf zwischen den Knien. In der Hocke hatte er gekauert. Aufstehen war zwecklos, sein rechtes Handgelenk war unten an den Heizkörper gekettet, er konnte sich nicht aufrichten. Nun versuchte er also zu sitzen. Nach wie vielen Stunden Gefangenschaft? Er hatte keinerlei Orientierung, welche Zeit vergangen war, seit er sein Büro verlassen hatte. Es war Freitagnachmittag gewesen, das wusste er. Gegen fünf. Kaum jemand war noch in dem Tower unterwegs gewesen, die unzähligen Büros, Gänge, Flure waren wie leergefegt, die Börse war bereits geschlossen. Mit einem guten Schnitt hätte er ins Wochenende gehen können. Aber für ihn hatte es kein Wochenende gegeben. Ihm war das Zeitgefühl schon vor seiner Entführung abhandengekommen. Vielleicht war es deshalb so schwer für ihn, jetzt die Zeit zu rekonstruieren. Er lebte nicht nach der Uhr. Und nach welcher Zeit hätte er sich richten sollen? MEZ? WEZ? OEZ? UTC wohl noch am ehesten. Er war ständig wach und driftete zwischen den Zeitzonen der jeweils geöffneten Märkte. Der Geldmarkt arbeitete immer, und er hatte es sich angewöhnt, im Büro Minutenschlaf zu halten. Die Stunden, die er wöchentlich in seinem Appartement verbrachte, in seinem Bett, konnte er an einer Hand abzählen. Das Bett besaß er nur, weil er die Dachterrassenwohnung möbliert gekauft hatte. Es hatte ihm gefallen, einen guten Deal mit der Maklerin zu machen. Das war alles, was zählte. Was gezählt hatte, in seinem bisherigen Leben. Nun gab es ein neues Leben, und er war darin bloß eine Schachfigur. Er hatte es nicht gewählt und hatte nichts darin zu bestimmen. Anfangs hatte er gegen den Heizkörper geschlagen, in der Hoffnung, dass der Schall durch die Leitungen wandern würde und so jemand auf ihn aufmerksam werden könnte. Bis er gemerkt hatte, dass der Heizkörper abgeklemmt war, an kein Rohrleitungssystem angeschlossen. Er drehte sich auf die andere Seite des Heizkörpers. Hier konnte er den Rücken an die Wand pressen, aber diese Position war auf Dauer ebenfalls unangenehm, denn er musste, wenn er so saß, den rechten Arm quer über seinen Vorderkörper führen, die rechte Schulter verdreht, wenn er sich nicht schmerzhaft ins Handgelenk schneiden wollte. Die Handschellen, mit denen sie ihn angekettet hatten, hinterließen bereits einen rotgescheuerten Rand auf seinem Handgelenk, bald würde der rote Ring wund werden. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Mental war er unschlagbar. Diese Situation würde er überwinden. Er musste wieder die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen. Seine Gegner waren momentan im Vorteil, aber sie waren schwach. Er atmete tief durch die Nase ein, die Luft blähte seinen Brustkorb, und er lächelte. Sie hatten Angst. Das machte sie klein. Er hatte keine Angst. Er würde hier rauskommen. Und dann würde er sie fertigmachen.

*

Um elf gönnte sich Stifter eine kleine Pause. Er verließ seine Route – er hatte dann gerade den Brentanoweg abgearbeitet –, radelte zu der kleinen Bäckerei am Novalisplatz, bestellte sich eine Butterbreze und einen Kaffee und setzte sich vor die Bäckerei in die Sonne. Die Breze war, wie sie sein musste, außen dunkel und knusprig, mit hageligem Salz, innen fluffig weich. Nicht so wie das labberige Gebäck, das einem auf den Berliner S-Bahnhöfen angeboten wurde. Da hatte er nie eine Breze gegessen, das waren eben auch Brezeln und keine Brez’n. Er hatte in seinem achtundvierzigjährigen Leben keinen großen Wert auf Essen gelegt, war kein Freund von Fast Food, und auch der Trend zur Edelkulinarik war an ihm vollkommen vorbeigegangen. Er konnte kein Interesse für Trüffelöle, alten Essig und Biohonig aus den Anden aufbringen. Aber seit er in Bayern war, hatte er Appetit bekommen, lebte weit weniger asketisch als all die Jahre nach seinem Auszug von zu Hause. Der Geruch, der aus der Bäckerei strömte, das frische Holzofenbrot mit der Butter, die er beim Milchbauern nebenan kaufte, die Mittagsgerichte, die der junge Mann beim Metzger an der Essenstheke zubereitete: Leberkäs, Krautsalat, Maultaschen – all das hatte seinen Geschmackssinn reaktiviert, ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Stifter hatte in Bayern angefangen zu essen. Und jetzt, im Sommer, hatte er, der überzeugte Weintrinker, auch noch begonnen, das kühle Helle schätzen zu lernen.

Stifter spülte den letzten Bissen Breze mit dem Kaffee hinunter und brachte den Steingutbecher zurück zu der freundlichen Verkäuferin, die ihn bereits mit Namen kannte. Dann schwang er sich auf sein Postfahrrad und setzte seine Tour fort. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel, und Stifter überlegte, was er mit dem Rest des schönen Tages anfangen sollte, der versprach, glutheiß zu werden. Er hatte sich angewöhnt, zu einem der vielen umliegenden Seen zu fahren. Mit seinem Privatrad, auch dies eine neue bayerische Errungenschaft, oder der S-Bahn, die bequem zu allen Seen des bayerischen Oberlandes führte. Oder er würde im Wald spazieren gehen. Hinter Lohdorf, das an den Landkreis der Stadt München grenzte, war die Stadt definitiv zu Ende. Hier begannen die weitläufigen Wälder, die, wenn man ihren Pfaden folgte, bis zu den Ausläufern der Alpen reichten, sogar hinüber nach Österreich. So weit war Stifter noch nicht gelaufen, aber er konnte sich vorstellen, eines Tages einfach loszugehen, mit Wanderstock und einem Rucksack und über die Alpen nach Italien zu wandern. Dort würde er sich in Bozen oder Meran ein Hotelzimmer nehmen, drei Tage schlafen und mit dem Zug über den Brenner wieder zurückfahren. Ein Traum. Eines Tages würde er ihn verwirklichen.

Am Grundstück der Damen von Rechlin stellte Stifter sein Rad neben den Holzzaun und holte das eigenhändige Einschreiben für Annette von Rechlin aus der gelben Tasche. Es war vom Amtsgericht, und in der Regel verhieß diese Art von Einschreiben nichts Gutes. Jedenfalls nicht bei Menschen wie den beiden Frauen, die hier wohnten. Mutter und Tochter, adlig und augenscheinlich von der Welt vergessen. Die von Rechlins bewohnten eine große Villa, die vermutlich aus den späten siebziger Jahren stammte, im Landhausstil errichtet war und, ebenso wie das große Grundstück, auf einigen Reichtum schließen ließ. Hier oben auf dem Hügel, in exklusiver Villenlage, wären einem Investor die zweitausend Quadratmeter Grund mit altem Baumbestand Millionen wert. Das Haus der von Rechlins würde abgerissen werden, es war ein großer unzeitgemäßer Klotz. Zwei ausladende Etagen mit rundumlaufenden Balkons, einer großen Terrasse mit wuchtigem Außenkamin und ein stillgelegter Pool im Garten – diese schlafende Immobilie würde kein neuer Bewohner mehr wachküssen. Es schien, als hätten die beiden Damen, Annette, die Tochter, und Gudrun, die Mutter, selbst vergessen, dass sie dieses Haus bewohnten. Die steinerne Terrasse schimmerte grünlich von dem sie überwuchernden Moos. Das Laub der großen Eichen und Kastanien im Garten wurde nicht gerecht, sondern vergammelte auf dem verkarstenden Rasen und verstopfte die Regenrinnen. Die wuchtige Sitzgarnitur aus Tropenholz auf der Terrasse wurde weder genutzt noch abgedeckt, sondern war der Witterung schutzlos ausgeliefert und verblasste, das Holz war grau und rissig. Die Klingeln klemmten, das Gartentor quietschte, und zwischen den Steinen vor der Garage wuchs das Unkraut meterhoch. Die Klingelschilder am Pfeiler des Gartentores wiesen drei Bewohner aus: neben Gudrun und Annette von Rechlin auch noch Volkmar von Rechlin. Ob es sich um den Ehemann der Mutter oder Tochter handelte, wusste Johannes Stifter nicht, aber er wusste, dass es den einzigen männlichen Bewohner hier nicht mehr geben konnte. Er hatte in dem halben Jahr seit seiner Arbeitsaufnahme in Lohdorf keine einzige Sendung für ihn gehabt. Und das stark vernachlässigte Anwesen ließ nicht darauf schließen, dass es hier einen Mann im Haus gab, der sich verantwortlich für die Pflege desselben gefühlt hätte. Gudrun von Rechlin war zu alt, um diese nötigen Arbeiten zu übernehmen, Stifter schätzte die rüstige Dame mit den langen schlohweißen Haaren auf über achtzig. Ihre Tochter Annette, vermutlich um die fünfzig, stand mit ihrer gepflegten Erscheinung in starkem Kontrast zu der Verwahrlosung. Wenn er sie zu Gesicht bekam, trug sie stets Weiß, mit ihren hellen Baumwollhosen und den weißen Slippern hatte sie die Ausstrahlung einer Ärztin. Die Perlenkette um ihren Hals und die goldenen Ohrringe verliehen ihr eine dezent luxuriöse Note. Allerdings roch sie manchmal überaus stark nach Pfefferminz und Eau de Toilette.

Er klopfte mit harter Faust an die schwere Holztür. Niemand öffnete, auch nicht, nachdem Stifter etwas heftiger nachgelegt hatte. Er drehte auf dem Absatz um und wollte soeben eine Nachricht für Annette hinterlassen, dass sie sich das Einschreiben auf dem Postamt abholen könne, als sich oben, im Dachgeschoss, ein kleines Fenster öffnete. Gudrun von Rechlin steckte den Kopf durch das Fenster, und ihre weißen Haare fielen herab wie die einer alt gewordenen Rapunzel, die kein Prinz jemals aus ihrem Turm gerettet hatte. Misstrauisch rief sie Stifter an und fragte ihn unfreundlich, was er wolle. Johannes Stifter schwenkte das Einschreiben, und als Antwort knallte die alte Dame das Fenster kommentarlos zu. Unschlüssig, was nun passieren würde, harrte Stifter an Ort und Stelle aus, und tatsächlich öffnete sich die große Holztür kurz darauf. Eine große graue Strickjacke hatte sich die Alte um den schmalen Körper gewickelt, was ihre Zerbrechlichkeit eher unterstrich denn verhüllte.

»Geben Sie her!«, ungeduldig streckte Gudrun von Rechlin die altersfleckige Hand nach dem Einschreiben aus.

»Tut mir leid, Frau von Rechlin«, sagte Stifter, »aber das ist ein eigenhändiges Einschreiben, das kann nur Ihre Tochter in Empfang nehmen.«

»Schmarrn«, entgegnete die Alte und blickte ihn missbilligend an. Sie hatte klare blaue Augen und ein feingeschnittenes Gesicht, das nicht zu ihrem harschen Ton und der ruppigen Umgangsweise zu passen schien. Man konnte ihr ihre adlige Herkunft ansehen, aber auch Zeichen von Verwahrlosung entdecken. Gesicht, Haare und Hände waren sauber und gepflegt, ihr Rücken durchgedrückt. Aber die Kleidung war verschlissen, die graue Strickjacke, Cashmere vielleicht, war aus der Form geraten, ausgebeult, mit Fusseln übersät. Die ledernen Hausschlappen waren an der Seite aufgeplatzt, und die Hose, die sie unter dem langen Strickschlauch trug, sah aus wie die eines Mannes. Die Hosenbeine waren hochgekrempelt und gaben den Blick frei auf weiße, magere Waden. Erneut streckte die Alte ihre Hand aus und forderte Stifter damit wortlos auf, ihr das Schreiben an ihre Tochter auszuhändigen, aber Stifter blieb hart. Er sah ihr in die Augen und schüttelte den Kopf. Den Umschlag umklammerte er hartnäckig, aber er war es, der den Blick zuerst abwandte. Trotzdem hatte die Alte verstanden, dass Widerstand zwecklos war, und kramte aus der tiefen Tasche ihrer Jacke einen großen Schlüsselbund hervor. Damit ging sie zu einer zweiten Eingangstür, die sich ein paar Meter neben der schweren Holztür befand und vermutlich zu einer Einliegerwohnung führte. Dort klopfte sie der Form halber zweimal an die Tür, während sie gleichzeitig mit dem Schlüssel aufsperrte. Sie warf Stifter einen Blick über die Schulter zu, der ihn auf Abstand halten sollte. Aber Stifter war neugierig geworden, und kaum hatte die Alte die Tür geöffnet und war eingetreten, folgte er ihr auf dem Fuß. Gudrun von Rechlin verschwand in dem dunklen Flur und rief barsch nach ihrer Tochter. Der Flur war dämmrig und kalt, die Wand mit Kork tapeziert, auf dem Boden lag ein ausgetretener Kokosläufer. Es roch leicht modrig, die Luft war kühl und abgestanden zugleich. Die Alte vor ihm stieß die Türen, die vom Flur wegführten, auf und blickte in die Räume. Stifter wusste, dass er hier nichts zu suchen hatte, dass er das Haus nicht betreten durfte und der Frau vor ihm nicht folgen sollte. Aber es lag eine Spannung in der Luft, die mit den Händen zu greifen war, es war die Ankündigung von etwas Ungeheuerlichem, etwas Ungutem. Gudrun von Rechlin strahlte die unerschütterliche Gewissheit aus, dass sich ihre Tochter im Haus befand, und wenn diese nicht auf das Klopfen und Rufen reagierte, ließ das nur den Schluss zu, dass etwas geschehen war. Nun blieb die Alte stumm vor einem Zimmer stehen. Ihre Schultern sackten nach unten. Sie hatte Stifter noch immer nicht bemerkt und betrat den vor ihr liegenden Raum. Stifter folgte ihr. Sein Blick fiel auf den Paravent aus hellem gerafftem Stoff. Das hier war das Schlafzimmer, und hinter dem Paravent befand sich offenbar das Bett von Annette von Rechlin. Jemand lag darauf, denn von der Wade abwärts sah man die Beine der Person. Ein Bein, in weißer Hose und mit weißem Schuh, lag noch auf der Matratze. Das andere war seitlich hinuntergerutscht, der Schuh lag neben dem nackten Fuß. Stifter folgte Gudrun von Rechlin hinter den Paravent und sah, was diese sah. Annette von Rechlins Oberkörper lehnte an ein paar großen Kissen, ihr welliges Blondhaar fiel ihr über die Schultern, ihr Mund stand offen. Sie versuchte, die Lider zu heben, aber es gelang ihr nicht, sie flatterten nur träge. Als wolle sie sich entschuldigen, griff sich die Frau mit schwerer Hand an ihre Perlenkette, mitten in das Erbrochene, das sich über ihren weißen Seidenpullover ergossen hatte.

2.

Sie schlug ihrer Tochter hart ins Gesicht, aber es kam wie immer kaum eine Reaktion. Annette war so schwach. Sie war zu schwach, um sich zu wehren. Sie hatte sich noch nie gewehrt. Immer wieder klatschte Gudruns knochige Hand gegen die Wangen ihrer Tochter, die sich den Schlägen ergab. Gudrun hatte nichts als Verachtung für ihre Tochter übrig. Dass sie ihr das antat! Dass sie sie sogar den mitleidigen Blicken eines Fremden aussetzte! Was hatte der Mensch hier überhaupt zu suchen?

»Gehen Sie. Gehen Sie!« Gudrun von Rechlin versuchte, diesen fremden Mann mit dem gelben T-Shirt aus dem Zimmer zu scheuchen, aber der starrte auf Annette. Auch so ein Schwächling, das erkannte sie auf den ersten Blick. »Hauen Sie ab, das geht Sie nichts an!«, setzte sie nach, aber der Mann reagierte nicht auf sie.

»Ich muss den Notarzt rufen«, stammelte er. Das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Ärzte, vielleicht die Polizei, Fragen, Aufsehen. Niemand hatte in ihrem Haus etwas verloren, und daran war nur diese verdammte Henne schuld. Gudrun ging nach nebenan ins Badezimmer, nahm eines der Handtücher und ließ kaltes Wasser darüberlaufen. Dann kehrte sie ins Schlafzimmer zurück.

Der Mann hatte sich zu Annette gehockt, er sprach mit ihr und fühlte ihren Puls. Dann schob er sie behutsam in die stabile Seitenlage. Warum verschwand er nicht endlich? Gudrun presste ihrer Tochter das kalte nasse Handtuch aufs Gesicht, bis diese endlich reagierte und abwehrend die Hände hob. Na endlich, es war auch Zeit, dass die wieder zu sich kam. Blöde Kuh. Der Mann zog ein Telefon aus seiner Hosentasche und begann eine Nummer einzutippen, aber Gudrun schlug mit dem nassen Handtuch danach, so dass es ihm aus der Hand fiel und unter das Bett rutschte.

»Sind Sie verrückt?«, blaffte der Fremde sie an.

»Wir brauchen keinen Arzt. Das kommt jeden dritten Tag vor. Und jetzt hauen Sie endlich ab, ich will keine Gaffer.« Es fiel ihr schwer, sich zusammenzunehmen. Am liebsten hätte sie ihn getreten, ihm das Gesicht zerkratzt, ihn angeschrien. Aber sie konnte sich durchaus mäßigen.

»Ihre Tochter braucht Hilfe! Sie hat einen schwachen Puls und …«

»Sie hat sich betrunken!« Ihre Stimme schnappte über. »Sie hat Tabletten genommen, dann hat sie wieder getrunken.« Gudrun spürte, wie das Zittern wiederkam, das Wutzittern, sie hatte wirklich genug am Hals, sie brauchte niemanden hier, sie kriegte Annette wieder hin, wie immer. »So, wie sie es jeden Abend tut, verstehen Sie? Jeden Abend! Sie säuft! Begreifen Sie das nicht?!« Ihre Kehle brannte bei der Schreierei, aber sie konnte sehen, dass der Mann vor ihr zurückwich. Wie auf Kommando kam Annette wieder etwas zu sich, versuchte, sich auf ihrem Unterarm abzustützen. Ihre schweren Lider hoben und senkten sich vor Anstrengung. Dieser Postbote nahm Annettes Hand, aber Gudrun schlug sie weg.

»Sie sind doch nicht ganz dicht. Ich ruf jetzt die Polizei.« Was fiel dem Kerl denn ein? Der machte wieder Anstalten, nach seinem Handy zu fischen.

»Wenn Sie das tun, zeige ich Sie an wegen Hausfriedensbruch. Sie sind hier eingedrungen.« Das Zittern wurde immer stärker, und Gudrun spürte, dass ihr Herz raste. Aber sie hatte schon Schlimmeres gemeistert, sie würde diesen Wurm hier aus dem Haus bekommen. Das war es immer noch: ihr Haus.

»Mama«, Annette lallte und tastete mit ihrer vollgekotzten Hand nach ihr, »lass.«

Der Mann hatte sein Handy wieder aufgehoben und starrte Annette an. Er hatte Mitleid, aber das brauchten sie nicht. Kein Mitleid. Sie würde es auf die andere Art versuchen.

»Wollen Sie, dass man sie so sieht?« Gudrun zeigte auf Annette, die den Kopf kaum heben konnte, immer wieder fiel er vornüber, das Kinn auf ihr eigenes Erbrochenes. Dass sie sich nicht schämte. »Wollen Sie sie dem wirklich aussetzen?« Es gelang Gudrun kaum, die Härte in ihrer Stimme zu mildern, aber ihre Worte drangen vor, sie würden ihr Ziel erreichen. Er würde Leine ziehen.

Noch zögerte er jedoch. Er hatte sein Mobiltelefon unter dem Bett hervorgeholt und hielt es in der Hand, jederzeit bereit, die Nummer zu wählen. Er sah Annette an, Sorge im Blick.

»Sie können mir helfen, sie bei mir drüben aufs Sofa zu legen, dann kann ich hier saubermachen«, setzte sie nach. Im gleichen Augenblick bereute sie, das gesagt zu haben. Es war nicht gut, wenn er durchs Haus ging. Lag noch etwas herum? Konnte er etwas sehen, was er nicht sehen sollte? Aber jetzt war es zu spät. Sonst ließ sie ihre Tochter einfach liegen, wo sie war. Sie musste nur dafür sorgen, dass sie nicht erstickte. Sie kam ja immer wieder zu sich. Und natürlich hatte sie nicht vor sauberzumachen. Aber sie musste ihm das Gefühl geben, dass sie sich kümmern würde, sonst würde er nicht verschwinden.

Der Mann nickte. Er wollte Annette hochwuchten, aber Gudrun zog ihr erst den verdreckten Pullover aus. Zum Glück trug ihre Tochter darunter ein Leibchen.

Obwohl er schwächlich aussah – schmächtig und zu lang gewachsen –, schien der Briefträger kräftig zu sein, denn er schaffte es, Annette, ihren Arm um seine Schultern gelegt, aufzurichten. Halb trug, halb schleifte er sie, die versuchte, ihre Füße zu koordinieren und zu laufen. Was ihr nur mäßig gelang. Gudrun konnte nicht hinsehen. Ihre Tochter, dieses Wrack, die dumme Henne, die Versagerin. Sie drängte sich an dem Postboten und ihrer besoffenen Tochter vorbei, sperrte die Verbindungstür zwischen den beiden Wohntrakten auf, die sie immer geschlossen hielt und zu der Annette gar keinen Schlüssel besaß, und ging vor in Richtung Wohnzimmer. Mit schnellen Schritten und wachen Augen, damit sie noch etwaige Spuren beseitigen konnte. Aber da war nichts, sie war vorsichtig gewesen. Ihre Schlafräume lagen im ersten Stock, aber so weit würde sie ihn nicht hineinlassen, er sollte Annette auf das Sofa legen und abhauen. Zögerlich stand der Mann mit der schwer an ihm hängenden Annette auf der Schwelle des Zimmers und sah sich um.

»Hier.« Gudrun zeigte auf die ausladende mattgrüne Polstergarnitur. Sie riss noch rasch das kleine Deckchen vom Beistelltisch und legte es zum Schutz auf den Samt. Der Mann wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor. »Das Schlafzimmer ist oben. Ich bringe sie später hoch, wenn sie besser beieinander ist. Legen Sie sie hierhin.«

Das gefiel ihm nicht, sie sah ihm an, dass es einen inneren Widerstand gab.

»Und dann gehen Sie. Sofort. Sonst rufe ich die Polizei. Sie sind unbefugt in meinem Haus.« Ihre Stimme wurde wieder scharf. Der Mann sah befremdet drein, aber es scherte sie nicht, was dieser Affe von ihr dachte.

Annette stöhnte, als der Briefträger sie aufs Sofa legte, und zu allem Überfluss begann sie jetzt auch noch zu weinen.

»Es tut mir leid«, ganz schwach und zittrig war ihr Stimme, »es tut mir so leid.«

Dabei sah Annette nicht sie an, sondern den Fremden. Als ob der etwas auszustehen hatte! Sie trug doch die ganze Last auf ihren Schultern! Ungeduldig schob Gudrun den Mann zurück in den Flur. Er wehrte ihre Hände ab, aber er ging. Als er die Tür erreicht hatte, drehte er sich zu ihr um und wollte etwas sagen. Aber Gudrun knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

*

Mit zittrigen Beinen ging Johannes Stifter zu seinem Postfahrrad. Ihm war schlecht. Von dem Geruch, vom Elend, von der Gemeinheit der alten Frau, von seiner eigenen Ohnmacht. Er blickte zurück. Türen und Fenster des riesigen Hauses waren wieder verschlossen. Die Sonne schob sich hinter Wolken, die plötzlich aufgezogen waren, vom Wind getrieben, verdunkelten fliegende Schatten das Anwesen. Stifter tastete erneut nach dem Handy in seiner Hosentasche. Hätte er darauf bestehen sollen, den Arzt zu holen? War das unterlassene Hilfeleistung? Er hätte den Hausfriedensbruch ruhig riskieren sollen. Andererseits wirkte die Alte tatsächlich weder überrascht vom Zustand ihrer Tochter, noch schien sie der Situation nicht gewachsen zu sein. So routiniert und kalt.

Ihm fiel auf, dass das eigenhändige Einschreiben noch immer quer über der anderen noch auszuteilenden Post lag. Er würde morgen wiederkommen. Er würde Annette von Rechlin ihr Einschreiben übergeben und sehen können, wie es ihr ging. Er stopfte das Einschreiben zurück in die Tasche und versuchte, das rechte Bein über den Sattel zu schwingen. Aber er merkte, dass ihm das Erlebnis noch in den Knochen steckte, seine Beine waren wackelig, und so schob er das Fahrrad ein Stück am Zaun des Rechlinschen Anwesens entlang. Kurz vor dem nächsten Grundstück blieb er stehen und holte tief Luft. Er hatte in einen Abgrund geschaut und das war ihm nicht bekommen. Es gab Dinge, die er nicht über Menschen wissen wollte. Heute Nachmittag würde er schwimmen gehen müssen. Das half. Das hatte schon in Germerow geholfen.

Johannes Stifter setzte seine Tour fort, beendete auch die zweite Hälfte, aber er war fahrig und unkonzentriert. Er hatte sogar einige Sendungen vergessen, die er nun noch nachtrug. Manche Kollegen beließen diese Sendung einfach in der Tasche und teilten sie am nächsten Tag aus, aber das brachte er nicht über sich. Er fand, die Dinge sollten geregelt sein.

Sein Fahrrad stellte er auf dem Posthof ab, dann machte er sich zu Fuß auf den Heimweg. Er wohnte nicht direkt im Ort, sondern hatte Quartier bei Familie Lanz bezogen, die gut einen Kilometer außerhalb in einem eingemeindeten Dorf wohnte. Er liebte es, die Strecke zu Fuß zu gehen, ein langer schnurgerader Kiesweg führte durch die Felder, unterbrochen nur von einer mächtigen Kastanie mit Holzbänken darum. Familie Lanz bewohnte ein altes Bauernhaus, das bereits bei ihrem Einzug vor zwanzig Jahren baufällig gewesen war und es auch bleiben würde. Auf dem großen Grundstück, wo unter Holunderbüschen alte Landmaschinen vor sich hin rosteten, stand ein Gartenhaus, ein besserer Schuppen, den hatte Stifter für achtzig Euro monatlich zuzüglich Strom-, Heiz- und Wasserkosten gemietet. Als er herzog, hatte er noch fünfhundert Euro draufgelegt, dafür hatte ihm Andreas Lanz, der Hausherr, eine Toilette und eine Dusche installiert. Stifter heizte mit Holz, den Ofen hatte er sich selbst besorgt. Holz war reichlich vorhanden, die Lanzens hatten Schlagrecht im angrenzenden Forst. Rings um das alte Bauernhaus, an jeder Schuppen- und Scheunenmauer, waren die Scheite gestapelt, und alle in der Familie wussten, welcher Stapel schon wie lange lagerte und ordentlich durchgetrocknet war oder auch nicht. Johannes Stifter hätte sich ohne weiteres eine kleine Wohnung in Lohdorf leisten können, aber Mehrfamilienneubau war seine Sache nicht. In Germerow hatte er eine alte Datsche bewohnt, nah beim See, mit eigenem kleinem Grund. Er hatte sie verkauft, nachdem es ihm unerträglich geworden war, dort länger zu leben. Nach allem, was vorgefallen war. Seine Freunde, allen voran Ewald und die rote Edith, hatten an seiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt, als er verkündet hatte, dass er ausgerechnet im bayerischen Oberland eine Stelle annehmen werde. In einem von der CSU regierten Bundesland, in dem es ihrer Meinung nach – und einzig die zählte – nur sturschädelige Stammtischdiskutanten oder ignorante Besserverdienende, ganz sicher aber keine vernünftigen Menschen gab! Aber dann erinnerte sich Ewald eines alten Gesinnungsgenossen aus der marxistisch-leninistischen Wohngemeinschaft, die er in den späten Siebzigern in Freiburg bewohnt hatte. Der Bayer war damals eine Ausnahmefigur unter den intellektuellen Studenten gewesen, er war ein Grüner der ersten Stunde, ein Schreiner, der in Freiburg an der Restauration einer Kirche mitgearbeitet hatte. Kurze Zeit später war Andreas Lanz nach Bayern zurückgekehrt, hatte seine Jugendliebe Kyra geheiratet und mit ihr vier Kinder bekommen: Zora, Jeremias, Noah und Rubina. Ewald und Andreas hatten den Kontakt nie ganz abreißen lassen, obwohl der Bayer sich von seiner kommunistischen Frühphase abgewandt hatte und sich dem praktischen Engagement als Grüner widmete: Er hatte gegen Wackersdorf protestiert, war aktiver Kernkraftgegner und der erste Grüne im Lohdorfer Gemeinderat. Ewald dagegen, der mit seiner Ost-Liebe Edith ein Antiquariat im Prenzlauer Berg führte, war nach der Freiburger KP-Kommune in die Kreuzberger Hausbesetzerszene eingetaucht und stolz darauf, die verquastetsten Flugblätter der Berliner Vorwendezeit verfasst zu haben. Seine politisch aktive Phase lag nun, mit Anfang fünfzig, hinter ihm, aber wenn er des Abends in geselliger Runde dem Rotwein zusprach, begann er, lange Tiraden über den Klassenkampf zu halten – bis Edith mit dem feuerroten Haar ihn sanft am Ärmel zupfte, ihm etwas ins Ohr flüsterte und ihn auf das Sofa des Antiquariats bettete, damit er die vier Treppen zu seiner Altbauwohnung nicht mehr erklimmen musste. Andreas Lanz dagegen, der über die Jahre einen eigenen Schreinerbetrieb aufgebaut hatte und zwei Gesellen beschäftigte, war nie ein Mann des Wortes, sondern der Taten gewesen. Die Partei hatte er trotz Illusionsverlusts nicht verlassen und war noch immer politisch aktiv. Die wiedererstarkte Anti-Atomkraft-Bewegung hatte ihm ihre Popularität im Landkreis zu verdanken, und wann immer es eine Demo zu organisieren gab, war Andreas vorne mit dabei. Vor fünf Jahren hatte er damit geliebäugelt, in Lohdorf als Bürgermeister zu kandidieren, aber dem hatte seine Frau Kyra einen Riegel vorgeschoben. Sie war das Kraftzentrum der Familie. Sie machte die Buchhaltung in der Schreinerei, aber das war für sie reine Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich pendelte sie, legte Tarotkarten, heilte durch Reiki-Massage und hatte ihre vier großen Kinder fest im Griff. Abends war sie es, die für sich und Andreas einen Joint drehte, damit sie beide nach dem hyperaktiven Tag in den Schlaf finden konnten. Als der Anruf von Ewald gekommen war, dass ein Freund eine Unterkunft suchte, hatten beide nicht lange gezögert und ihr Gartenhäuschen angeboten – in welchem über die Jahre hinweg immer der eine oder andere mittellose Freund gehaust hatte.

Als Stifter mit seinen wenigen Habseligkeiten angekommen war – sie passten in einen geliehenen Ford-Transit –, war er ohne große Präliminarien herzlich aufgenommen worden. Stifter war das zunächst zu eng und familiär gewesen, aber mit der Zeit wusste er die Familienanbindung durchaus zu schätzen. Sowohl Andreas als auch Kyra konnten hervorragend kochen, und da sie jeden Abend große Mengen für die Familie zubereiteten, fiel fast immer eine Portion für ihn ab. Stifter wollte das nicht annehmen, aber er spürte, dass Kyra seine Ablehnung als Beleidigung auffasste, also fügte er sich. Er revanchierte sich damit, dass er Rubina und Noah Nachhilfe erteilte. Mit Deutsch und Mathe hatte es angefangen, aber nun waren noch Englisch und Französisch hinzugekommen. Jeden zweiten Nachmittag oder Abend saß einer der beiden Teenager bei ihm und plagte sich stöhnend durch die bayerischen G8-Hausaufgaben. Noah kam am häufigsten. Er war fünfzehn und in der neunten Klasse. Er hatte lange Haare, die ihm schräg ins Gesicht fielen, war dünn und schlaksig mit eckigen Schultern. Er war mitten im Stimmbruch, aber Noahs Kopf weigerte sich, sich von der Kindheit zu verabschieden, und Stifter hatte das Gefühl, dass der Bald-Erwachsene bei ihm Unterschlupf suchte, um sich vor dem Erwachsenwerden zu verstecken. Als Noah Stifters Vinyl-Sammlung entdeckte, war er außer sich gewesen, und Stifter spielte stolz bei jedem Besuch eine andere Jazz-Platte vor. Obwohl er als Erwachsener nie Kontakt zu Jugendlichen gehabt hatte – keiner seiner Bekannten hatte große Kinder –, war er zu keinem Zeitpunkt beklommen im Umgang mit Noah. Er hatte sich vielmehr selbst in dem Jungen erkannt. Wenn sie ihre Pflicht, die Paukerei, erledigt hatten, hörten sie zusammen Musik. Stumm, jeder in Gedanken versunken. Irgendwann ging Noah, wortlos, ohne sich zu verabschieden, er hob nur kurz eine schlaffe Hand und schlurfte hinüber zu seiner Familie.

Als Stifter nun, nach dem Erlebnis mit Annette von Rechlin, auf das Lanzsche Bauernhaus zusteuerte, hoffte er insgeheim, dass er heute keine Nachhilfe würde geben müssen. Er hatte auch seine Idee, zum See zu fahren, verworfen. Stattdessen würde er Erskine Petersen auflegen, eine Selbstgedrehte rauchen und sich hinter seinem Haus in den alten Liegestuhl legen. Eine Halbe Helles trinken und einschlafen. Von Annika träumen und vergessen, was er heute gesehen hatte.

*

Sie hatte die Augen fest geschlossen und bemühte sich, in stetigem Rhythmus ruhig zu atmen, sich in den Schlaf zu atmen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Er war ein seltener Gast bei Beate Klinger. Früher, als sie noch gearbeitet hatte, war sie erschöpft ins Bett gefallen, hatte die Augen zugemacht und wie ohnmächtig bis zum nächsten Morgen durchgeschlafen. Als Klaus geboren wurde, war es mit dem Schlaf vorbei gewesen. Anfangs war es das Stillen, später hatte er nächtelang geweint, dann folgten seine Träume. Immer wieder war sie aufgestanden und zu ihm gegangen, stets darauf bedacht, Julius nicht zu wecken, der einen harten Arbeitstag vor sich und auf seiner Nachtruhe bestanden hatte. Als Klaus ihres nächtlichen Beistandes nicht mehr regelmäßig bedurfte, war sie, trotz abendlicher Erschöpfung, nicht mehr in der Lage gewesen, in der Nacht Ruhe zu finden. Sie hatte es sich angewöhnt, erst ins Bett zu gehen, wenn Julius im Tiefschlaf war. Dann konnte sie es wagen, die Nachttischlampe anzumachen und noch zu lesen. Nicht nur einmal war sie über ihrem Roman eingeschlafen, die Lampe noch immer eingeschaltet. Aber seit Julius nicht mehr praktizierte, hatte auch er mit Einschlafschwierigkeiten zu kämpfen und wurde wach, sobald sie den Versuch unternahm, das Licht anzuschalten. Er hatte sie gebeten, das zu unterlassen, und selbstverständlich war sie dem nachgekommen. Und nun, in diesen schwierigen Zeiten, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Stumm lagen sie nebeneinander im Bett, Beate horchte auf Julius’ ebenso gleichmäßige Atemzüge und wusste, dass auch er wachlag. Aber sie redeten nicht miteinander. Sie hatten keine Worte für ihr Schicksal. Manchmal nahm Julius unter der Bettdecke ihre Hand. Er hatte, im Gegensatz zu ihr, lange, schlanke Finger, die Haut war weich, und wenn er ihre Hand ganz leicht drückte, war sie für einen Moment voller Hoffnung. Sie hatten in diesem Jahr ihre Goldene gehabt. Gefeiert hatten sie nicht. Es hatte nichts zu feiern gegeben.

Mit einem kleinen Seufzer drehte Beate sich auf die andere Seite. Sie öffnete die Augen, um ihren Mann anzusehen, und ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Julius hatte die Augen weit geöffnet, und im ersten Moment sah es so aus, als habe sein Herz ausgesetzt. Aber dann blinzelte er einmal, um gleich darauf wieder zur Decke zu starren. Aus dem Augenwinkel bahnte sich eine Träne ihren Weg durch die faltige Wange, sie lief zäh und vertrocknete auf halber Strecke. Julius’ Augen waren glasig, aber das waren sie immer, er war ein alter Mann. Die Augäpfel waren gelblich verfärbt, die Iris hatte ihre strahlend blaue Farbe verloren, und er hatte auf beiden Augen grauen Star. Er hätte es lasern lassen müssen.

»Er wird dafür büßen«, hörte sie plötzlich Julius’ belegte Stimme sagen. Unverwandt starrte er an die Decke. Aber natürlich wusste er, dass sie wach war und dass sie ihn ansah. Fünfzig Jahre lagen sie nebeneinander in einem Bett, und da wusste man so etwas instinktiv.

»Wir sind ruiniert«, sagte ihr Mann tonlos. »Und er wird dafür bezahlen.«

*

Die Geräusche hatten aufgehört. Sie wusste, dass die Töne ihrer Phantasie entsprangen, aber wann immer sie an den Mann im Keller dachte, stellte sie sich vor, wie er gegen den Heizkörper schlug und sich die Geräusche der Verzweiflung im gesamten Haus verbreiteten. Es hatte in ihrem Kopf gehämmert. Bis jetzt. Jetzt war Stille. Vielleicht würde sie nun doch schlafen können. Mehr als vier Stunden brauchte sie ohnehin nicht. Sie war rastlos, war es immer gewesen und empfand die Nachtruhe als lästige Pflicht. Beim Abendessen hatte Gudrun ihre Tochter beobachtet, ob die die Geräusche wohl auch hören konnte, aber die war in Gedanken versunken gewesen, hatte sich mit einem ihrer Romane beschäftigt und wie immer weder mit ihr gesprochen noch irgendetwas wahrgenommen außerhalb ihrer beschränkten Welt.

Bittere Wut stieg in Gudrun von Rechlin hoch. Für wen tat sie das alles? Doch nicht für sich selbst, sie war alt, sie würde sterben. Bedürfnisse hatte sie nicht, sie hatte gelernt, sich einzuschränken. Lernen müssen. So, wie es angefangen hatte, würde es auch enden. In Armut. Vielleicht würde sie wieder Kaffee aus gerösteten Kartoffelschalen kochen. Und wenn schon. In der hinteren Ecke des Gartens, von neugierigen Blicken verdeckt, hatte sie im letzten Jahr ein Gemüsebeet angelegt. Mühsam erntete sie jetzt das, was Annette und sie zum Leben brauchten. Salat, Rote Bete, Karotten, Kartoffeln, Zwiebeln, Wirsing, Tomaten. Annette fragte nicht, woher das Gemüse kam. Sie merkte nicht einmal, dass Gudrun immer seltener zum Einkaufen fuhr. Dass sie nicht mehr mit Sahne kochte und auch nicht mit Butter. Dass der Kaffee nur mehr eine dünne Plörre war. Annette war entweder sowieso bei sich drüben und las und las und las, und wenn sie von ihren Büchern aufblickte, dann nur, um sich zu fragen, ob es schon Zeit für das erste Glas war. Und die Pillen. Ihre Freundinnen im Literaturzirkel, zu dem Annette einmal monatlich ging – merkten die nichts? Oder waren das alles Frauen wie ihre Tochter, mit vertrockneten Lenden, ohne Interesse an den Freuden des Lebens? Die sich in die trockene Papierwelt ihrer Bücher flüchteten, aus Furcht, eines Tages aufzuwachen und zu merken, dass sie in ihren Betten zu Staub zerfallen waren, den die polnische Putzfrau kommentarlos zusammenfegte? Sie, Gudrun, war nie so gewesen. Sie war in Ostpreußen aufgewachsen, auf dem Gut ihrer Eltern, gemeinsam mit fünf Geschwistern. Alle tot. Sie war auf Bäume geklettert, hatte mit den Tieren gespielt, mit dem Vieh, hatte der Köchin beim Zubereiten der reichhaltigen Mahlzeiten geholfen, hatte genascht, gelacht und sich die Knie aufgeschlagen. Eine Kindheit, die sie als unbeschreiblich glücklich in Erinnerung hatte, jedenfalls bis zum Krieg und ihrer Flucht, an die sie immer öfter zurückdachte. Abend für Abend lag sie unter der doppelten Daunendecke, mit ihren Bettschuhen und der Angorajacke, und dachte mit offenen Augen an Ostpreußen zurück. Was gäbe sie dafür, das Land ihrer Kindheit, in dem sie unbeschwert und glücklich gewesen war, wie später nie wieder, noch einmal sehen zu können. Auch die Zeit danach hatte sie klar vor Augen, auch wenn sie sich nicht gerne daran erinnerte. Aber damals, auf der Flucht und später, als sie bei Fremden unterkamen, bis sie sich eine Behausung organisiert hatten, hatte Gudrun all das gelernt, was sie jetzt wieder brauchen konnte. Kaffee aus Kartoffelschalen zubereiten. Zuckerersatz aus Rüben kochen. Gemüse ziehen, Strümpfe stopfen und einen Rock aus einer Männerhose schneidern.

Annette hatte so eine Kindheit nicht gehabt. Sie war in den Sechzigern und den Siebzigern aufgewachsen. Eine degenerierte Zeit. Kitzbühel, Saint Tropez, die Malediven. Überall waren sie gewesen. Das Leben ein einziger Urlaub. Sie hatte Pelz getragen und Diamanten. Vergessen waren die mageren Zeiten, und sie hatte alles, was Volkmar ihr geboten hatte, bereitwillig angenommen, weil sie das Gefühl gehabt hatte, entschädigt zu werden. Gudrun fand, dass der Reichtum, den Volkmar um sie herum anhäufte, eine Art Wiedergutmachung für die Zeit nach dem Krieg darstellte. Und sie war schließlich adelig, des Gutsbesitzers Tochter – hatte sie etwas anderes verdient? Vom ersten Augenblick, als sie Volkmar kennenlernte, am 5. Mai 1947 im Münchener Hofgarten, hatte er ihr die Welt zu Füßen gelegt. Vielleicht war es nicht die große Liebe gewesen, von ihrer Seite, Volkmar hatte ein leicht semitisches Aussehen gehabt, die krankhafte Blässe, die schwarzen Augen, aber seine Liebe war echt gewesen, voller Aufopferung. Gudrun nahm es hin, sie hatte Anspruch darauf. Leider hatte ihre Gier verhindert, dass sie nicht danach gefragt hatte, woher das Geld kam, mit dem Volkmar herumprasste. Er war reich, er war viel auf Reisen, er liebte sie und machte ihr ein Kind. Das hatte ihr genügt. Es hatte ohnehin erst spät geklappt, erst zwölf Jahre nach ihrem ersten Treffen.