Informationen zum Buch

Was heißt eigentlich »kafkaesk«?

Wie oft findet sich der Leser als »umgedrehter Käfer« vor Franz Kafkas heller und doch unergründlicher Prosa wieder, nur hilflos ausgestattet mit dem Begriff des »Kafkaesken«? Karla Reimert nähert sich dem Prager Autor und seinen Artisten, Asketen und Angestellten auf beherzte Art und erzählt seine Romane, Erzählungen und biografischen Schriften ganz anschaulich, humorvoll und geistreich nach.

»Der kurzweilige Band macht auch eingefleischten Kafka-Fans Lust auf eine erneute Lektüre.« Thüringische Landeszeitung

Karla Reimert

Kafka für Eilige

S5.tif

Franz Kafka mit Felice Bauer in Budapest Anfang Juli 1917

Für Rainer Reimert, meinen Vater

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Liebesgrüße eines verstorbenen Autors

Kafka für jedermann

Franz Kafka. Ein magerer Steckbrief für ganz Eilige

»Auf der Galerie«

»Das Urteil«. Eine Geschichte für Fräulein Felice B.

»Beschreibung eines Kampfes«. Warum aus Kafka kein Landschaftsdichter geworden ist

»Die Verwandlung«

Kurzer interaktiver Kurs zu »Die Verwandlung«

P. S.: Das heimliche Happy-End der »Verwandlung«

»Der Verschollene«. Ein amerikanisches Roadmovie

»Briefe an Felice«

»Der Proceß«. Eine Kriminalkomödie

Kurzer interaktiver Kurs zu »Vor dem Gesetz«

»Ein Landarzt«

»Ein Bericht für eine Akademie«

Zwischen Behauptung und Behauptet-Werden. Der »Brief an den Vater«

Kurzer interaktiver Kurs zu »Brief an den Vater«

Kafkas Tagebücher. Ein unkommentiertes Selbstporträt von 1910 bis 1923

»Briefe an Milena«

»Das Schloß«. Ein Schauerroman

Kafka und das Geheimnis der Bluse

»Ein Hungerkünstler«. Ein Hunger nach Kunst

»Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse«

Ausnahmslos. Franz Kafkas letzte Spiele

Ein imaginäres Protokoll der letzten Tage mit Symptomen der Kehlkopftuberkulose

Kafkas Grabsteintext

Wonach wir nicht gefragt haben, weil wir es so eilig hatten

Kleiner Kafka-Check am Ende

Anhang

Zeittafel

Verfilmungen

Bibliographie

Über Karla Reimert

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Liebesgrüße eines verstorbenen Autors

Weltweit soll es keinen Autor geben, über den so viel geschrieben wurde wie über den Prager Versicherungsangestellten Franz Kafka. Obwohl Kafka zu seinen Lebzeiten nicht mehr als eine Handvoll Erzählungen veröffentlichte, Tierfabeln und kleine traurige Familiengeschichten, die darüber hinaus nur in einigen engeren Künstlerkreisen wahrgenommen wurden und, wenn es nach ihm gegangen wäre, auch nach seinem Tode nicht mehr publiziert worden wären, hat er heute Anhänger im fernen Petersburg, in Amerika und an der mysteriösen Goldküste Afrikas. Mit Texten über ihn könnte man ganze Schlösser oder Gerichtssäle füllen. Tausende von Schülern in über vierzig Ländern werden jedes Jahr in seinem Namen unter die Folterbank der Interpretation gelegt, junge Damen lesen seine Briefwechsel mit Felice Bauer und Milena Jesenská, junge Schriftsteller ziehen an Kafka ihre Stilblüten groß. Selbst in der Tierwelt soll seine Lektüre weit verbreitet sein.

Das Interesse an und die Verehrung von Kafka gestalten sich dabei oft so kafkaesk, daß es Kafka selbst sicherlich gefallen hätte. Ironie war eine seiner herausragendsten Eigenschaften. Genauso wie es ihm Spaß gemacht hätte, daß man ein nach ihm benanntes Adjektiv in die deutsche Sprache eingeführt hat. So nennt der Duden seit 1974 das Wort »kafkaesk« als Ausdruck für: nach Art der Schilderungen Kafkas etwas, das auf rätselvolle Weise unheimlich ist. Womit auf rätselhafte Weise unheimlich wenig gesagt ist.

Eingestandene Eitelkeit (in ausschließlich schriftstellerischen Belangen) gehörte zu Kafkas Stärken; neben seinem unbestechlichen Urteilsvermögen gegenüber Texten – auch gegenüber seinen eigenen –, Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit, Humor, Feinfühligkeit und Empathie. Zu den weniger liebenswerten Eigenschaften Kafkas sind Entschlußunfähigkeit, Feigheit, Hypochondrie und geradezu tyrannisches Besitzergreifen vom Leben anderer zu zählen. Von all diesen Eigenschaften wird hier die Rede sein, weil sie unmittelbar auf sein Schreiben eingewirkt haben.

Ein erstes Beispiel dafür, worauf man sich einläßt, wenn man es mit Kafka zu tun bekommt: »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« Aha. Und je länger wir hinstarren, desto unheimlicher wird uns das kleine Wort »mußte«, ganz zu schweigen von der treuherzig-perfiden Verquickung moralischer Werte (Gut – Böse) mit der weltlichen Gerechtigkeit einer Verhaftung. Und wie endet der »Proceß«, von dem wir gerade den Anfangssatz gehört haben? »… Als sollte die Scham ihn überleben«. Aus dem »mußte« wird unversehens ein »sollte« und aus der »Schuld« die »Scham«? Legen Sie Ihr »Schuld und Sühne«-Exemplar von Dostojewski beiseite, und lachen Sie einmal herzlich mit: Wie oft wird nicht aus unserem »ich muß« klammheimlich ein »unter Umständen sollte ich«, und wie oft schämen wir uns nur, anstatt wirkliche Schuld zu empfinden, zu bereuen und Buße zu tun?

Kafkas vielleicht größte Stärke war, genau hierin ein Problem zu sehen und es auf geniale Weise in Sprache zu fassen.

Anfang der 90er Jahre zog ich in Berlin in eine Wohnung in der Immanuelkirchstraße, schräg über einem Café, das »Briefe an Felice« hieß. Der Name blieb rätselhaft, bis mir Freunde die Briefe Kafkas an seine Verlobte Felice Bauer, die als Buch nach Felices Tod herausgegeben wurden, zukommen ließen – gerichtet an die Immanuelkirchstraße 29. Kafka, der die Wohnung nie zu Gesichte bekommen sollte, in die er jahrelang täglich mindestens einen Brief schrieb, imaginierte sie dafür um so eindringlicher: »Außerdem fürchtete ich, daß die Adresse falsch wäre, denn wer war Immanuel Kirch? Und nichts ist trauriger, als ein Brief an eine unsichere Adresse zu schicken, das ist ja dann kein Brief, das ist mehr ein Seufzer. Als ich dann wußte, daß in Ihrer Gasse eine Imm. - Kirche steht, war wieder eine Zeitlang gut. Nun hätte ich zu Ihrer Adresse gern noch die Bezeichnung einer Himmelsrichtung gehabt, weil das doch bei Berliner Adressen immer so ist. Ich für meinen Teil hätte Sie gern in den Norden verlegt, trotzdem das, wie ich glaube, eine arme Gegend ist.«

Es heißt, Kafka hätte selbst längere Zeit nicht gewußt, in welcher Nummer das Fräulein Bauer nun tatsächlich gewohnt habe, er spekulierte auf 20 oder 30. Vermutlich hätte er sich zwischen den Berliner Mietskasernen sogar verlaufen. Seine Briefe kamen trotzdem an. Und auch in meine Wohnung geriet der großartige Liebesbriefroman an die richtige Adresse.

Ich öffnete das Buch, wie man es mit Geschenken lieber Freunde tut. Dann staunte ich. Dann beschaffte ich mir in Windeseile alles, was es von Kafka gab. Und dann setzte ich mich ins »Briefe an Felice« in der damals immer noch armen Gegend des Berliner Nordens und fing zu lesen an.

Eine seltsame Welt, die sich vor mir auftat. Eine Welt, in der Menschen manchmal stocksteif wie Dinge wirken, Bälle dagegen in Schränken ein Eigenleben führen. Menschen verwandeln sich in kleine Tiere oder in Bauten, sie werden, scheinbar überraschend, angeklagt und finden sich in undurchschaubaren Prozessen wieder, in denen Hierarchien durch Bartbeschreibungen aufgestellt und gleichzeitig obsolet gemacht werden, und in den Verhandlungen und Verhören treffen Angeklagter, Kläger, Zeuge und Verteidiger oft in einer Person zusammen. Wer klagt da wen an, und wer hat ein Recht, zu klagen – sicherlich alles Fragen, die dem Juristen Kafka in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag vorgelegt wurden. Vorweggenommenes absurdes Theater mit manchmal tödlichem Ausgang. Ich las von entsetzlichen Vätern und noch entsetzlicheren Söhnen. Von Folter und dem Grauen einer undurchschaubaren diktatorischen Bürokratie, von wild wuchernden Aktenbergen, gleichgültigen Maschinen, gleichgültigen Menschen. Ich las aber auch von hinreißend hingerissenen, stolpernden Clowns in Angestelltenkleidung; von in ihrer Emotionsökonomie gefangenen Frauen, die doch so gerne ausbrächen; noch später von dressierten und doch um ihre Würde bemühten Künstlern und Tieren – den menschlichsten Wesen in Kafkas Texten. Inmitten all der Routineangelegenheiten der verschiedenen Gerichtsbarkeiten tauchten plötzlich Wunder auf, die aus tiefen, blütenförmigen Wunden in die Texte kletterten und jeden Verdacht auf Trockenheit und Aktenstaub oder Methode sofort im Keim ersticken. In ihrer unnachahmlichen Komik erinnern die Geschichten Kafkas an die Stummfilmzeit, an den gegen den Wind laufenden Buster Keaton und den mit Selbstironie gegen Diktatoren kämpfenden Charlie Chaplin. Dabei führen auch die Texte ihr geheimnisvolles Eigenleben, weil man nie ganz sicher sein kann, wer in ihnen erzählt. Und gerade das macht sie so spannend.

Kafka nacherzählen? Nun gut, bei den drei postum veröffentlichten Romanfragmenten »Der Verschollene«, »Der Proceß« und »Das Schloß« mag es angehen, ebenso bei den längeren Erzählungen »Ein Landarzt«, »Die Verwandlung«, »Das Urteil« und dem semifiktiven »Brief an den Vater«. Aber was ist zum Beispiel mit Kafkas Kurzprosa, die manchmal nur aus zwei Sätzen oder fünf Zeilen besteht und dennoch anerkanntermaßen zum Besten gehört, was im zwanzigsten Jahrhundert in deutscher Sprache geschrieben wurde? Warum Texte nacherzählen, in denen selbst nach strengsten Maßstäben nicht ein einziges Wort zuviel vorkommt?

Vielleicht nur, um eben auf diese Worte ein weiteres Mal aufmerksam zu machen und damit auf die überraschenden Geschenke hinzuweisen, die seine Texte einem darbieten. Kafkas Prosapräsente sind in die durchsichtige Glanzfolie eines makellosen Stils verpackt, jedoch auch sehr gut verschnürt. Zählen Sie zum Spaß einmal alle Wörter, die bei ihm mit »fest-« beginnen. Sie werden erstaunt sein, wie oft von »festgefroren«, »festgeschnürt«, »festgehalten«, »festgebunden« usw. die Rede ist. Alles Anzeichen dafür, wie versiert Kafka beim Schnüren seiner Geschichten ans Werk ging. Diese Vorsichtsmaßnahme mußte er schon allein aus Selbstschutz ergreifen. Denn das Besondere am Werk Kafkas ist seine abgrundtiefe Intimität. Und Kafkas kalt-präziser Stil ist stets nur gegen ein einziges Zentrum gerichtet: das eigene Leben.

Wenn man sich nun ohne jedes Hilfsmittel daranmacht, die Knoten, die Kafkas Geschichten umfangen, aufzudröseln, befindet man sich schnell in heillosen Situationen. Andererseits führt es auch nicht weiter, mit einem Knotenbestimmungsbuch vor dem Paket zu sitzen und stolz zu sagen: Dieser Knoten ist aus Gesellschaftskritik und pränataler jüdischer Psychologie geknüpft. Dergleichen Fragen führen nur zur Folter der Texte oder des eigenen Gehirns. Kafka wußte um diese Qualen: »Natürlich, auch kläglich ist das Foltern. Alexander hat den gordischen Knoten, als er sich nicht lösen wollte, nicht etwa gefoltert.«

Wir können, zur Not mit einem Schwert, einen Knoten nach dem anderen durchhauen und eine Verpackung nach der anderen öffnen – auf ein nützliches oder auch nur ein hübsches Geschenk werden wir dabei nicht stoßen.

Um hier Abhilfe zu schaffen, haben Sie ja unter anderem dieses Buch gekauft. Es kostet nicht viel, ist nett anzusehen und läßt sich schnell auspacken. Und vielleicht beantwortet es sogar in gebotener Kürze einige Fragen. Das dürfte damit ganz in Kafkas Sinn sein, denn der hatte es in seinem kurzen Leben immer eilig: »Und so geht die Zeit mit Fragen hin. Ich erinnere mich nicht, geschrieben zu haben, ›es sei sehr eilig‹, aber gemeint habe ich es.«

Kafka für jedermann

Die gute Nachricht vorweg: Wer heute noch ernsthaft eine Gesamtdeutung von Kafkas Werk vorlegen würde, bekäme nur mehr einen Vogel gezeigt. Im besten Falle jenen, der bei Kafka »einen Käfig suchen« ging. Der Käfig bleibt leer, das Vöglein muß weiter frei umherflattern. Zu deutlich ist selbst der Literaturwissenschaft geworden, daß es inzwischen rund 12 000 Auslegungen noch immer nicht gelungen ist, Kafkas Texten ihr »Geheimnis« zu entreißen.

Wie kann das sein? Gegen Kafkas Wirkung gibt es keine Heilung. Wenn Deutung eine immer noch grassierende Krankheit ist, dann sind Kafkas Texte resistent gegen sie, setzen sich im Bett auf und singen mit fröhlicher Boshaftigkeit: »’s ist nur ein Arzt, ’s ist nur ein Arzt.« Und es ist ein Irrglaube zu meinen, Kafka hätte seine Texte »verschlüsselt« geschrieben, und man brauche nur die richtige Folie, um sie – und damit natürlich auch den Autor – zu »verstehen«.

Doch genau das haben die Kafka-Exegeten von Anbeginn an mit Vorliebe getan. Allen voran Kafkas Freund Max Brod. »Das Wort ›Jude‹ kommt im ›Schloß‹ nicht vor«, schreibt er 1927 in einem Aufsatz, der die »zionistische« Lesart der Texte begründen sollte. »Dennoch ist mit Händen zu greifen, daß Kafka im ›Schloß‹ die große tragische Darstellung der Assimilation und ihrer Vergeblichkeit gegeben hat.« Mit den Händen zu greifen, vielleicht, aber leider nicht mit den Augen zu lesen.

Kafkas treuem Freund Max Brod ist nicht nur die Überlieferung der Texte zu verdanken, sondern, dank seiner zahlreichen Nachworte, auch ihre zunächst theologische Deutung, die in den großen Werken »Das Schloß« und »Der Proceß« die zwei »Emanationen« der Gottheit, »Gnade« und »Gericht«, sehen wollte – und einen nicht abreißenden Strom von ähnlichen und ganz anderen Auslegungen nach sich gezogen hat. Bis heute beschäftigen sich immer wieder Forscher mit den jüdischen Aspekten im Werk Kafkas. Dabei spielen manchmal kabbalistische, manchmal zionistische Einflüsse die Hauptrolle, manchmal aber auch das jüdische Volkstheater, jiddische Sprache sowie das Ostjudentum im allgemeinen. Die Gefahr dabei ist, daß das »Religiöse« und die »kulturelle Prägung«, die bei jedem Menschen einen lebenslangen Prozeß darstellen, auf einen Zustand verkürzt und damit unzulässig vereinfacht werden. Dennoch kann es ungemein spannend sein, den »jüdischen Spuren« und spezifisch jüdischen Problemstellungen in Kafkas Werk nachzugehen und so dem »jüdischen« Kafka hinter einigen Ecken seiner Erzählungen zu begegnen.

Weitaus weniger überzeugend sind Versuche, vor allem aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Kafka zu »christianisieren«, indem man entweder aus den Helden seiner Werke »Juden« bastelt, die die Erlösung durch den Heiland nicht annehmen können, oder die Kierkegaard-Lektüre Kafkas so hoch wertet, daß religiöse Konflikte zum Hauptthema von Kafkas Schreiben erklärt werden. Letzten Endes zeigen diese Ansichten mehr oder weniger nur die Konflikte und Heilsvorstellungen der Interpreten auf.

Nur wenige Jahre nach Kafkas Tod überzog der Terror der Nationalsozialisten, Faschisten, später der Stalinisten und ihrer groß- und kleinbürgerlichen Anhänger und Sympathisanten Europa. Ab 1935 konnte Kafka in Berlin, kurze Zeit später auch in Prag nicht mehr verlegt werden. Viele Freunde und Bekannte Kafkas mußten nach Frankreich, England und in die USA fliehen, andere, unter ihnen auch seine frühere Geliebte Milena Jesenská und seine drei jüngeren Schwestern, wurden ermordet. Die Überlebenden machten Kafka im Ausland – zuerst in Frankreich, dann in Amerika und England – bekannt, so daß bis heute Kafka etwa in der angelsächsischen Welt ungemein populär ist.

Die ersten Interpretationen von Zeitgenossen – Benjamin, Musil, Tucholsky, Thomas Mann oder Canetti – beschäftigen sich, ausgehend von den gemeinsamen Lebenserfahrungen, im besonderen mit den Aspekten der »Macht« in Kafkas Werk. So bemerkt zum Beispiel Canetti, daß es keinen deutschen Schriftsteller gebe, der so viel von Macht verstehe wie Kafka, und auch Milena Jesenská, Philip Roth und viele andere empfinden sein Werk als »halbprophetische« Vorausdeutung auf die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders die öffentlichen Folterungen, die schon lange nicht mehr in Rumpelkammern stattfinden, und die Bestialität einer perversen Bürokratie, wie sie nicht zuletzt in den Fahrplänen der Reichseisenbahn nach Auschwitz oder in die Lebenskosten von Behinderten berechnenden Mathematikaufgaben sichtbar geworden ist.

Durch Kafkas Popularität, nicht zuletzt unter Schriftstellern, wurde auch die Frage nach seinen Einflüssen relevant; jeder wollte wissen, woher, um alles in der Welt, dieses sprachliche Universum kam, wo es verwurzelt war. Von Homer bis Cervantes, von Kant, Hegel, den Traditionen der Aufklärung bis zum Existentialismus, von Georg Büchner oder E. T. A. Hoffmann bis zum Expressionismus reicht die Palette der versuchten Vereinnahmungen. Historizität ist dabei nicht entscheidend, denn – wie es der große Jorge Luis Borges anhand von Kafka entwickelt hat – ein wirklicher Autor »erschafft seine Vorläufer« stets neu. Kafka selbst hielt sich an eine strengere Auswahl von geistigen Vätern. Neben Dostojewski und Kierkegaard verehrte er noch Kleist, Flaubert und Grillparzer. Und Goethe, auch wenn er das meistens nicht so laut sagte, vor allem nicht nach jener gewissen »literarischen« Liebesgeschichte mit Margarethe Kirchner im Weimarer Goethehaus.

Viele wichtige Impulse zur Editionsgeschichte stammen aus den USA. So konnten zum Beispiel die von Max Brod aufgestellten Abläufe der Kapitel in den Romanen durch gründliche Textarbeit korrigiert und zulässige Rückschlüsse auf Lebensumstände oder Lektüren Kafkas gegeben werden. Dadurch, daß Kafka, wie angedeutet, immer auch ein »Autor der Autoren« und ein Autor der Verlagsmenschen war, sind Kritiken und Untersuchungen über ihn oft sprachlich auf höchstem Niveau, verstehen sich selbst als Literatur. Das gilt von Canetti bis Hesse, von Wagenbach bis Ilse Aichinger, Reinhard Baumgart, Philip Roth und natürlich für den Nobelpreisträger Imre Kertész. Im besonderen ist hier die Pionierleistung Klaus Wagenbachs zu nennen, der in den fünfziger Jahren unter Einsatz von List und Leben neue Materialien zusammensuchte und eine Biographie zu Kafkas Jugend verfaßte, die nicht nur das verklärte, von Max Brod überlieferte Bild zurechtrückte, sondern Kafka auch aus den Händen der restaurativen Germanistik befreite. Dieses Buch gilt noch heute als Standardwerk. Es zeigt Kafka als äußerst modernen Menschen, der vielen Reformbewegungen zugetan war, sei es der Freikörperkultur, dem Vegetariertum oder der Kibbuzim-Bewegung im damaligen Palästina.

Hartmut Binder hat in jahrzehntelanger Arbeit Kafkas Werk mit einem akribischen Kommentar versehen. Auch ohne seine Leistung ist die Kafka-Forschung auf ihrem heutigen Niveau nicht denkbar.

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs lasen Menschen Kafka. In den Staaten des Ostblocks wurde er zunächst als Kritiker ungerechter sozialer Verhältnisse verstanden und begrüßt. Obwohl sein Werk mit Beginn der stalinistischen Diktatur verboten wurde, galt er in den meisten sozialistischen Ländern als Geheimtip. Mehr oder weniger im Untergrund wurde er als der Autor, der sich am intensivsten mit dem Terror auseinandergesetzt und die Greuel der realkommunistischen Diktaturen vorausgesehen hatte, geradezu verehrt.

Das Werk Kafkas mit seinen traumähnlichen Elementen, seinen religiösen Motiven und seiner doppelbödigen Sprache ist auch für die Psychologie von großem Reiz gewesen. 1931 veröffentlichte Hellmuth Kaiser die erste psychoanalytische Studie über Kafka, worin er viele zuvor religiös gedeutete Motive mit einer Erklärung aus dem Bereich das Sexuellen versehen hatte. Gerade weil über Kafka eine Unmenge biographischer Details bekannt sind, verführen diese Deutungen immer wieder dazu, Literatur mit Biographie, Dichtung mit Wahrheit kurzzuschließen und die ästhetische Formung und analytische Distanz Kafkas zu seinen Texten zu unterschätzen. Zwischen den Helden der Erzählungen und Romane und Kafka selbst besteht für sie oft kein nennenswerter Unterschied.

So meinte man vor allem in den Texten »In der Strafkolonie«, »Der Proceß« und »Die Verwandlung« Kafkas Homosexualität oder zumindest sado-masochistische Neigungen zu finden. Kaum eine der psychoanalytischen Deutungen kommt ohne Diagnose eines starken Ödipuskomplexes aus. Und zahlreich sind die Feststellungen, daß eine gewünschte und nicht erfolgte Verschmelzung mit der Mutter Grund für Kafkas Mißverhältnis zwischen Erkenntnisdrang und Erkenntnisverschleierung sei.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren aber ist die Literaturwissenschaft von dieser allzu simplen Hermeneutik abgerückt und konzentriert sich mehr darauf, die Texte unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten oder ihre Entstehungsgeschichte weiter aufzudecken. Auf diesem Weg sind neue große Untersuchungen oder Biographien entstanden, die mehr durch Sachkenntnis als durch gewagte Thesen brillieren. Gerade Reiner Stachs großangelegtes Biographieprojekt verdient viel Lob, weil es akribisch, und ohne je ins Fabulieren zu verfallen, Kafkas Wege verfolgt und mit einfühlsamen und intelligenten Textzitaten montiert.

Sich auf Kafkas Spuren zu begeben, sich in den Kosmos seiner Texte einzulassen, einzulesen, vielleicht sogar einzuschreiben ist eines der gewagtesten und gleichzeitig reizvollsten und wunderbarsten literarischen Abenteuer. Aber wie oberflächlich oder tief man auch bleiben oder werden möchte, man wird mit den Texten Kafkas nie an ein Ende gelangen. Letztlich bleibt nur das wahr, was Kafka Felice Bauer als das Geheimnis des Zuhörens, Lesens, auf den Text Vertrauens und sich auf ihn Einlassens beschreibt: »Die innere Wahrheit« einer Geschichte, lasse sich niemals allgemein festschreiben, sondern sie müsse »immer wieder von jedem Leser oder Hörer von neuem zugegeben oder geleugnet werden«.

Franz Kafka. Ein magerer Steckbrief für ganz Eilige

Franz Kafka war sehr mager. Er war der magerste Mensch, den er kannte. Auch sein Leben war äußerlich mager. Franz Kafka wurde am 3. Juli als erstes Kind des Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie, geborene Löwy, in Prag geboren. Außer Berlin hat Kafka lediglich München, Zürich, Paris, Mailand, Wien, Budapest, Venedig und Verona gesehen. Kafka war Jude. Er besuchte die Nordsee, die Ostsee und die italienische Adria. Kafka war oft verliebt, am heftigsten in die Journalistin und Kofferträgerin Milena Jesenská, am glücklichsten in Dora Diamant. Franz Kafka war dreimal verlobt; zweimal mit der leitenden Angestellten Felice Bauer, einmal mit der Prager Sekretärin und späteren Modistin Julie Wohryzek.

Franz Kafka studierte Chemie, Germanistik und Kunstgeschichte, dann entschied er sich für Jura und promovierte 1906 zum Doktor der Rechte. Franz Kafka war lange Zeit seines Lebens Vegetarier. Franz Kafka mochte Möbel aus Hellerau. Franz Kafkas Augenfarbe ist strittig. Franz Kafka hatte drei Schwestern. Franz Kafka arbeitete als Jurist in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. Er wurde am 1. Juli 1922 pensioniert. Kafkas beste Freunde waren Max Brod, Ernst Weiß, Milena Jesenská, Robert Klopstock und Oskar Baum. Franz Kafka schrieb fast täglich mindestens einen Brief. Ein einziger dieser Briefe sagt zehnmal mehr aus als dieser Steckbrief.

Nur ungefähr vierzig Prosatexte konnte Franz Kafka in seinem kurzen Leben schreiben. Darunter sind die drei Romanfragmente »Der Verschollene«, »Der Proceß« und »Das Schloß« und neun große Erzählungen: »Das Urteil«, »Der Heizer«, »Die Verwandlung«, »In der Strafkolonie«, »Ein Bericht für eine Akademie«, »Erstes Leid«, »Eine kleine Frau«, »Ein Hungerkünstler« und »Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse«. Franz Kafka schrieb ungefähr 3 400 Seiten Literatur. Davon befand er nur ungefähr 350 Seiten für veröffentlichungswürdig. Franz Kafka erhielt 1915 die Preissumme des Fontane-Preises, aber nicht den Preis selbst.

Franz Kafka war Hypochonder und erkrankte an Tuberkulose. Franz Kafka hielt sich viel in Sanatorien auf. Auch dort will er keinen Menschen getroffen haben, der so mager war wie er. Franz Kafka lebte in Prag, Zürau und Berlin. Franz Kafka hatte ein Problem mit seinem Vater. Franz Kafka starb am 3. Juni 1924 in Kierling bei Wien. Franz Kafka vermutete, daß er so mager war, weil alles, was nicht gänzlich lebensnotwendig war, in sein Schreiben floß.

»Auf der Galerie«

»Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausdrükken zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.«

Musik! Tantararatei! Peitschenknallen! Tusch! Von sehr weit oben betreten wir die Welt Kafkas, blicken kurz in eine Zirkusmanege und sehen, vermutlich, die Darbietung einer gefeierten Kunstreiterin, die wie ein strahlender Engel oder das Leben selbst in das staubige Kreisrund tief unter unseren Füßen hereinfliegt.

Bevor es zu dieser hinreißenden Darbietung überhaupt kommen kann, sehen wir im ersten Satz dieser nur aus zwei Sätzen bestehenden Geschichte allerdings etwas anderes: den Wunschtraum eines jungen männlichen Besuchers von dem Drama einer Ausbeutung, in das er eingreifen, das große »Halt!« rufen könnte. Wir sehen eine hinfällige Lungensüchtige mit sehr grauer Zukunft, einen erbarmungslos peitschenschwingenden »Chef« und ein Pferd, das mit hingebungsvoller Übertreibung »monatelang ohne Unterbrechung« im Kreis herum getrieben wird. Und wir beten dafür, daß der »junge Galeriebesucher«, der »vielleicht« aufsteht, tatsächlich die lange Treppe hinabeilen, das »Spiel« anhalten möge, um dieses bedauernswerte Geschöpf aus den Klauen des »sich immer anpassenden Orchesters« zu reißen; so schön und schwülstig in seiner Sozialromantik wird das Bild vor uns gemalt.

Im zweiten Satz aber folgt die Ohrfeige: Die eben noch schwindsüchtige Kunstreiterin ist nicht nur eine abstandgebietende Dame, sie ist dem »Direktor« auch so viel wert wie seine eigene Enkeltochter, selbst wenn oder gerade weil er ihre »Kunstfertigkeit kaum begreifen« kann. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als mit dem jungen Galeriebesucher im Taumel des Schlußmarschs der letzten Worte der Geschichte das Gesicht ruckartig auf die Brüstung zu legen und besinnungslos zu weinen.

Aber wenn wir, nur für einen Moment, noch bei Besinnung bleiben – worüber weinen wir eigentlich? Über das Wörtchen »wenn« oder eine verpaßte Chance, uns – vielleicht – als Helden zu qualifizieren? Das wäre dann doch ein bißchen zu sozialromantisch.

Viel eher weinen wir doch, weil wir nur zu gut wissen, daß es »in Wahrheit« viel mehr lungenkranke, unerlöste, sich prostituierende, nur von den »Dampfhämmern« der beifallklatschenden Hände begleitete Kunstreiterinnen auf dieser Welt gibt als vom Direktor gehätschelte engelsgleich »hereinfliegende« rot-weiße Enkeltöchter auf Apfelschimmeln. Uns selbst zum Beispiel, die wir in einer entfremdeten Umgebung, Alltag genannt, »monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben« werden.

Und Kafka selbst, die Literatur? Soll sie es sein, die rettend »durch alle Ränge« der Gesellschaft eingreift und uns in Form eines jungen Galeriebesuchers erlöst? Ist der junge Galeriebesucher eine Art Jesus, ein Messias, der eingreifen würde, wenn es uns denn tatsächlich so schlecht ginge? Ja, was denn nun: Geht es uns nicht erbarmungswürdig genug? Läßt sich der Heiland etwa durch die Zirkusmusik täuschen? Hat die Literatur denn in der kunstfertigen Spaßgesellschaft des zweiten Satzes keinen Platz mehr?

In Wahrheit weinen wir vielleicht, weil trotz aller Schäbigkeit, Brutalität und Stumpfsinnigkeit der erste Teil der Geschichte noch so etwas wie Würde verspricht, den der zweite, auf den ersten Blick so viel positiver erscheinende Teil nicht mehr bereithält. Aus dem »Spiel« des ersten Satzes, dem großen, erhabenen Spiel des Lebens, wird im zweiten Teil die bloße »Kunstfertigkeit«, inmitten von »Livrierten«, die zu »peinlichster Achtsamkeit« angehalten werden. Aus dem erbarmungslosen »Chef« wird der gütige »Großvater-Direktor«. Und weit brauchen wir nicht zu gehen, um vom Jahve des Judentums auf das infantilisierte christliche Bild des »Christkindes« zu kommen. Sagte ich vorhin, wir beten darum, daß der junge Galeriebesucher aufsteht und einschreitet? Ich bin mir nicht mehr sicher.

»Nun stehen vor mir 4 oder 5 Geschichten aufgerichtet, wie die Pferde vor dem Cirkusdirektor Schumann bei Beginn der Produktion«, schreibt Kafka 1915, etwa ein Jahr bevor er – vermutlich im November 1916 – in der extra angemieteten Wohnung in der Alchimistengasse in Prag für den Band »Ein Landarzt« die Parabel »Auf der Galerie« verfaßte. Ist also »Auf der Galerie« eine Lebensbeschreibung Kafkas – sein Dasein zwischen Glanz und Elend des Schreibens? Ist sie religiös-theologisch zu verstehen, im Sinne einer Gotteskritik? Oder psychologisch als Darstellung eines ödipalen Wunschtraumes? Von diesem Moment an können wir uns aus der Manege unserer im Kreis rotierenden Gedanken nicht mehr befreien. Gesellschaftskritik, Kunstkritik, Theologie: Hatte die Geschichte uns nicht versprochen, daß wir als Besucher einen Galerieplatz erhalten, auf dem wir alles sehen können, ohne uns einmischen zu müssen? Erhielten wir nicht sogar Absolution durch das Ende der Geschichte, wo es heißt, daß wir »wie in einem schweren Traum« versinken dürften?

Schon haben wir ein erstes schönes Beispiel dafür, warum Kafka uns nicht losläßt, anders gesagt: Hier sehen wir, daß Kafkas Texte kein richtiges Ende besitzen, sondern uns nur vorläufig freigeben.

Die Darbietung ist vorüber, die Livrierten räumen auf und machen das Licht aus, irgendwo lacht jemand, und es hört sich nach Schadenfreude an oder nach einem großen Spaß, auch wenn wir nicht verstehen können, worüber sich dieser Jemand amüsiert. Und bevor wir uns nun daranmachen wollen, chronologisch Kafkas Spuren und Kafkas Werk zu folgen, halten wir noch einmal inne.

In all dem Trubel haben wir nicht gemerkt, wo uns der Text abgesetzt hat: mit dem Gesicht nach unten auf die Brüstung. In dieser formvollendeten Geschichte gibt es aber nur eine Brüstung: die Leere des Absatzes zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. »Weil dies so ist«, weil das Leben so und nicht anders ist, verharren wir wie in einem schweren Traum zwischen den denkbaren Möglichkeiten unseres Daseins und weinen. Ohne zu wissen, worüber? Ohne es zu wissen.

»Das Urteil«. Eine Geschichte für Fräulein Felice B.

22. September 1912, nachts. In der elterlichen Wohnung ist es ruhig geworden, alles schläft. Franz geht in sein Zimmer, sieht aus dem Fenster, setzt sich an den Schreibtisch, stellt ein neues Tintenfaß neben sich. In einem einzigen Atemzug, »von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh«, in nur acht Stunden Schreibrausch, wird Kafka über zwanzig Manuskriptseiten neben sich legen können. Ein Manuskript, in dem die unnachahmliche Durchdringung von intimsten Erlebnissen und fugenhafter Form schon auf höchstem Niveau gelungen ist und die meisten seiner großen Themen bereits vorhanden sind: der Konflikt mit übermächtigen Vätern, Verlobung und nicht erfolgende Heirat, Männerfreundschaft und das Unterworfensein unter ein übermächtiges, undurchschaubares »Gesetz«. »N u r s o kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele«, notiert Kafka unmittelbar darauf in eines seiner Quarthefte, die er für Tagebuchnotizen, Entwürfe und Reflexionen benutzte. Und: »Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken.« Alles zuvor Geschriebene verblaßt in diesem epiphanischen Moment, den Kafka als alles in sich reißendes Feuer beschreibt. In dem großen Brennofen des Unterbewußtseins, in dem noch der fernste Gedanke eingeschmolzen werden kann, will Kafka schreiben – ohne Konstruktion, ohne schriftstellerische Tricks, offen, entblößt, in ständigem Staunen darüber, »wie alles gesagt werden kann«.

Es ist mitten in der Nacht, an einem kühlen Herbstabend – und der erste Satz der Geschichte, die den Titel »Das Urteil« tragen wird, lautet: »Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr.«

Die Blende geht auf, und wir sehen eine sonnendurchflutete Häuserzeile mit kleinen, pittoresken »leichtgebauten« Häusern an einem von belebten Brücken überzogenen Fluß, ein Gegenbild vom düsteren Prag. Wir schwenken hoch, in ein »Privatzimmer« im ersten Stock und können den jungen, aufstrebenden Unternehmer und Erben Georg Bendemann beim Briefeschreiben beobachten. Der Brief soll nach Sankt Petersburg gehen, weit genug ist das, um über ein paar Entwicklungen und Erfolge nachzudenken. »Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren erfolgt war …, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur darin haben konnte, daß Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit, so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert, vielleicht war der Vater seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete, zurückhaltender geworden.«

Das Frühjahr ist schön, das Geschäft läuft glänzend, der Vater überläßt Georg mehr und mehr Kompetenzen, noch dazu hat sich endlich eine standesgemäße Braut gefunden. Wie schwer hat es doch im Gegensatz dazu der Freund in Sankt Petersburg – er rackert sich ab, ohne richtig fortzukommen, wirkt ausgemergelt, kränklich sogar, pflegt keine Kontakte zu seinen Landsleuten; dazu ist er wohl verdammt, auf ewig Junggeselle zu bleiben. Sollen wir ihm anbieten, wieder nach Hause zurückzukehren? Aber wird er nicht denken, wir wollten ihm nur unser eigenes Glück unter die Nase reiben? Kränken wir ihn nicht durch unsere Schonung? Rasch ist Georg mit dem selbstgerechten Gedanken zur Hand, der schon so manche Freundschaft (und Liebesbeziehung) unwiederbringlich zerstört hat: »So bin ich und so hat er mich hinzunehmen«.

Nur, wie kann man das vom fernen Freund verlangen, wenn eine schwere Hypothek auf der Beziehung lastet? Wenn man dem Freund zwar noch den Tod der Mutter mitgeteilt und auch bekanntgegeben hat, daß der Vater zunehmend vom Geschäft zurücktritt, aber Expansion und Erfolg des eigenen Geschäftes sowie die Verlobung mit dem reizenden und wohlhabenden Fräulein Frieda Brandenfeld unterschlagen hat, mit der man »recht glücklich« ist und die den Freund ja auch gern kennenlernen würde? Die schon nebenbei spitz bemerkt, wenn man solche Freunde habe wie Georg, dann solle man erst gar nicht heiraten?

Schließlich laden wir also den Freund zur Hochzeit ein. Siegt Wahrheit endlich gegen falsche Rücksichtsnahme? Eher Resignation, denn »ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin«. Mit »spielerischer Langsamkeit« klebt Georg den Brief zu. Soweit, so sonntäglich. »Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war.«

O nein, nur das nicht! Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Sagt nicht selbst die Geschichte: »Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft, das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein, abends versorgte sich zwar jeder nach Belieben, doch saßen sie dann meistens, wenn nicht Georg, wie es am häufigsten geschah, mit Freunden beisammen war oder jetzt seine Braut besuchte, noch ein Weilchen, jeder mit seiner Zeitung, im gemeinsamen Wohnzimmer«? Wir möchten Georg am liebsten auf die Schulter klopfen und sagen: Gut gemacht, Junge, nimm den Brief , wirf ihn in den Kasten oder in den Fluß, völlig egal – aber zeig den Brief um Himmels willen nicht deinem Vater!

Szenenwechsel. Zimmer des Vaters. Statt Sonnenlicht Dunkelheit, der Schatten einer hohen Mauer fällt in das Zimmer. Aber vielleicht geht die Dunkelheit ja auch vom Vater aus? Denn nicht nur die Mauer ist hoch und düster, auch der Vater wirkt auf den Sohn bedrohlich. »– mein Vater ist immer noch ein Riese, sagte sich Georg. ›Hier ist es ja unerträglich dunkel‹, sagte er dann.« Heller wird es in diesem Zimmer nicht mehr werden. Das Dunkel wie die Größe des Vaters werden nicht aus der Perspektive des Erwachsenen Georg, sondern aus dem Blickwinkel des Kindes wahrgenommen, das er einmal war. In diesem Vater wie Sohn umfassenden Dunkel wird dreckige Familienwäsche gewaschen werden. Und das nicht zu knapp. »Beim Anblick der nicht besonders reinen Wäsche machte er sich Vorwürfe, den Vater vernachlässigt zu haben. Es wäre sicherlich auch seine Pflicht gewesen, über den Wäschewechsel seines Vaters zu wachen.«

Georg »sagt sich« das eine und äußert anderes laut. Aber ist das nicht schon lange sein Problem? Und fällt es ihm nicht jetzt nur auf, weil er durch die bevorstehende Hochzeit versucht, sein Leben neu zu ordnen? Dazu gehört auch, Pläne für die Zukunft des alternden Vaters zu schmieden: »Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich einführen. Aber von Grund aus. … Aber das alles hat Zeit, jetzt lege dich noch ein wenig ins Bett, du brauchst unbedingt Ruhe. … Oder willst du gleich ins Vorderzimmer gehen, dann legst du dich vorläufig in mein Bett. Das wäre übrigens sehr vernünftig.« Die Entmündigung schreitet voran, sehr vernünftig macht sich Georg daran, seinen Vater ins Bett zu verfrachten, Teilschritte bei dem Plan, die Stelle des Vaters selbst einzunehmen, ihn in sein, in das Bett des Kindes zu legen. Alles scheint soweit normal, die Brutalität von Pflege in der eigenen Familie eingerechnet. Zunächst gibt der Vater auch den verwirrten und gebrechlichen alten Mann, der sich herumtragen läßt und dabei an der Uhrkette Georgs nestelt. Auf die Ankündigung Georgs, den Freund einladen zu wollen, kommt aus dem zahnlosen Mund des Vaters die scheinbar senile Feststellung: »Du hast keinen Freund in Petersburg. … Wie solltest du denn gerade dort einen Freund haben!«

Mit einmal erhebt sich der Vater, steht im Bett auf wie ein Riese, entblößt sich auf unzüchtige Weise und macht seinem Sohn die ungeheuerlichsten Vorwürfe, anfangend mit der Verlobten – ein Glanzstück Kafkascher Situationskomik: »›Weil sie die Röcke gehoben hat‹, fing der Vater zu flöten an, ›weil sie die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans‹, und er hob, um das darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, ›weil sie die Röcke so und so und so gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne Störung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, damit er sich nicht rühren kann.‹«

Wie reagiert Georg auf solche Vorwürfe? Steifer als ein Brett. Der angeklagte Sohn verteidigt sich nicht. Statt dessen denkt er darüber nach, wie er den Vater ins Bett bringen soll, daß seine Wäsche nicht sauber ist usw. Die einzige Art von Antwort, die er zustande bringt, ist der Versuch, den Vater zumindest in Gedanken zu entmündigen, »damit er sich nicht rühren kann« – wie ein schlechtes Gewissen. Der Vater aber durchschaut Georg und reagiert spöttisch: »›Ja, freilich habe ich Komödie gespielt!‹« Und spätestens ab hier werden die Vorwürfe des Vaters so massiv, daß wir nicht mehr wissen, wem wir glauben sollen: unserem ersten Eindruck eines zwar vielleicht ethisch nicht sehr reifen jungen Mannes oder dem eines schon ganz verkommenen, herzlosen Egoisten, der zu Recht vom Vater zum Tode durch Ertrinken verurteilt wird. Der Urteilsspruch lautet: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!« Georg, unschuldiges Kind und schuldiger Mensch, bleibt nur, fassungslos den Vater anzustaunen: »›Du hast mir also aufgelauert!‹«