Marcel Aymé

Der wunderbare
Friseur

Roman

Aus dem Französischen
von Nathalie Mälzer
und Karin Uttendörfer

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Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

Travelingue

erschien 1941 bei den Éditions Gallimard, Paris.

Ouvrage publié avec le concours du Ministère français chargé de la culture – Centre national du livre

Die Publikation dieses Werkes wurde vom französischen Kulturministerium (Centre national du livre) gefördert.

ISBN 978-3-841-20563-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Copyright © 1941 by Éditions Gallimard

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © Condé Nast Archive/Corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

Quellenangabe

I

Die Trauung fand in Saint-Honoré d’Eylau statt. Ihr wohnten im Wesentlichen sieben führende Köpfe der Schwerindustrie, fünf Adlige, ein Minister und zwei Generäle bei. Die Hochzeitsreise ging nach Ägypten und dauerte zwei Monate, nach deren Ablauf sich das Paar in der Rue Spontini bei den Eltern der jungen Frau zum Mittagessen einfand, wo alles in allem acht Personen versammelt waren. Der Raum war kahl, ohne andere Möbel als Tisch und Stühle. Die kühlschrankfarbenen Wände waren ebenfalls kahl bis auf ein winziges Gemälde, das in einer Ecke hing und drei Kirschen auf einer Untertasse darstellte. Man spürte, dass das alles ein Vermögen gekostet hatte. Monsieur Lasquin, der Vater der Braut, ein glatzköpfiger Mann von fünfzig Jahren mit rosiger Gesichtsfarbe und dünnem weißen Schnurrbart, tüchtig, vornehm und in beruflicher Hinsicht verlässlich, Monsieur Lasquin also blickte seinen Schwiegersohn verlegen an, weil er ihn nicht wiedererkannte und mit einer plötzlichen Gedächtnisschwäche zu kämpfen hatte, die, so schien es ihm, auf jenen Kopfschmerz zurückzuführen war, der zu Beginn der Mahlzeit eingesetzt hatte. Dies waren seine mühevoll gefassten Gedanken:

»Hübscher Junge, kerngesund, tadelloses Gebiss, wohlerzogen obendrein, Abschluss in was war das noch gleich, im Hintergrund die Lenoir-Stahlwerke und der Konzern ... nein, kein Konzern ... Qualitäten, viele Qualitäten. Alles in allem eine ausgezeichnete Partie, die mich überdies nicht die Welt gekostet hat, zumal ein Teil der Mitgift wieder in meine Fabriken fließt. Mir scheint ... mir scheint ... nun ja ... hübscher Junge, kerngesund, tadelloses Gebiss ...«

Ohne es zu bemerken, spulte er dieselbe Rolle wieder von vorn ab, wobei ihm jedes Mal ein paar weitere Wörter entfielen. Zur Zeit der Verlobung, erinnerte er sich, waren ihm bei seinem Schwiegersohn gewisse Charakterschwächen aufgefallen, und nun ärgerte ihn, dass er, sosehr er auch in seinem Gedächtnis forschte, nirgends auf den Grund für die doch vertrauten Klagen stieß. Die Anstrengung trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn, und während er den jungen Mann weiter anblickte, wurde ihm angst und bange. In seinem schweren Kopf verschwamm nun auch der Name Pierre Lenoir. Zwischen ihnen beiden, das spürte er genau, wurde der Pfad des Begreifens immer schmaler, drohte das hauchdünne Band endgültig zu zerreißen. Auf einmal gab es ein Klickgeräusch in seinen Ohren, und ihm war, als hätte Pierre Lenoir aufgehört zu existieren und sich vor seinen Augen und vor seinem Geist zu Stein verhärtet. Dieser Übergang vom Sein zum bloßen Ding ließ eine sinnentleerte, undurchdringliche Gestalt zurück. Dass seiner Welt nun ein Schwiegersohn fehlte, entging Monsieur Lasquin nicht, es machte ihm sogar zu schaffen, war er doch ein ordnungsliebender Mensch mit einem ausgeprägten Sinn für Kontinuität. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um den heftigen Schmerz zu verjagen, der soeben zwischen seinen Augenbrauen aufgelodert war, und klinkte sich wieder in die Unterhaltung ein, die mittlerweile bei Ägypten angelangt war. Um dieser seltsamen Entdeckung auf den Grund zu gehen und auch ein wenig in der Hoffnung, dem bösen Spuk ein Ende zu bereiten, zwang er sich, Pierre Lenoirs hermetische Gestalt über die Cheops-Pyramide zu befragen.

»Es war wirklich ganz großartig«, sagte Pierre. »Wir waren zur selben Zeit dort wie Mac Ardell, Sie wissen schon, der berühmte Dreiviertelspieler der schottischen Mannschaft. Für mich ist er einer der außergewöhnlichsten Männer der heutigen Zeit. Er ist förmlich dafür geschaffen, die Stellung zu halten. Ich erinnere mich noch, wie ich vor der Pyramide stand und mich gar nicht sattsehen konnte an seiner Art zu gehen. Man spürt sofort, was dieser Kerl für eine Sprungkraft in den Beinen hat ...«

Monsieur Lasquin sah, wie sich die Lippen bewegten, hörte, dass Laute gebildet wurden, den Inhalt der Worte konnte er jedoch nicht erfassen. Zwar hatte er beinahe schon damit gerechnet, bekam es nun aber mit der Angst zu tun. Der Schmerz in der Stirn wurde heftiger und breitete sich, begleitet von einem Gefühl der Benommenheit, immer weiter aus. Erneut versuchte er, das Stechen mit einer nachdrücklichen Handbewegung fortzuwischen. Indes beugte sich Pierre vor, um seine junge Frau Micheline anzusehen, die drei Stühle von ihm entfernt saß:

»Du erinnerst dich doch an Mac Ardell bei Cheops?«

Micheline nickte mit einem höflichen Lächeln, aber ohne zu erkennen zu geben, ob die Episode mit Mac Ardell sie in irgendeiner Weise tangierte. Links von ihr saß Bernard Ancelot, ein Freund ihres Mannes, den Madame Lasquin aufmerksamerweise ebenfalls eingeladen hatte. Er war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren mit einem ansprechenden, ernsten, fast traurigen Gesicht. In seinem außerordentlich sanften Blick konnte man bisweilen ein feindseliges Funkeln erkennen, als fiele ihm plötzlich ein, dass er auf der Hut sein musste. Er sprach nur wenig und war voll aufrichtiger Bewunderung für die Frau seines Freundes. Er sah sie dasitzen, wunderschön, blond und rosig, zum Greifen nahe, und dabei stellte er sich ihren harmonisch geformten jungen Körper so lebhaft vor, dass er eine gewisse Bitterkeit empfand, da all diese Freude und Reinheit ja nun dummerweise vergeben waren. Andererseits stellte er mit uneigennützigem Vergnügen fest, dass Micheline nicht jenen naiven und etwas gewöhnlichen Hochmut verströmte, dem man in der Anfangszeit einer erfüllten Liebe bei Frauen häufig begegnet, vor allem wenn sie den Blick eines Verehrers auf sich spüren.

Den anderen Tischgästen, die allesamt zur Familie gehörten, fiel nichts Besonderes auf, außer dass Micheline glücklich wirkte. Ihre Mutter wiederholte beständig, wie gut die Frischvermählte aussehe, wofür sie Pierre dankbar war. Vor der Hochzeit hatte sie nämlich gezittert, nachdem ihr zu Ohren gekommen war, bei der heutigen Jugend müsse man auf alles gefasst sein und die Männer fielen immer früher dem Laster anheim. Als ihre Tochter zurückgekehrt war, hatte sie daher versucht, ihr ein Geständnis zu entlocken, einem heimlichen Groll auf die Spur zu kommen, wobei sie an ihre eigenen Momente der Empörung in der Anfangszeit ihrer Ehe dachte, als sie ihrem Mann, halb ängstlich, halb entrüstet, verstohlene Blicke zuwarf, was übrigens noch heute vorkam, auch wenn sie mittlerweile eher die Sorge umtrieb, der Angreifer könne endgültig zur Ruhe gekommen sein. Doch an Michelines Haltung war nichts Geheimnisvolles, ihre Antworten waren freiheraus. Sie war wohlbehalten aus Ägypten zurückgekehrt, weder verstört noch verschlossen, als hätte sie bloß einen kurzen Ausflug mit einer alten Gouvernante unternommen. Während Madame Lasquin über die erstaunliche Gelassenheit ihrer Tochter nachdachte, gelangte sie allmählich zu der Überzeugung, ihrem Schwiegersohn müsse es an so mancherlei fehlen, und schätzte ihn dafür umso mehr.

Luc Pontdebois, der große Schriftsteller, Cousin ersten Grades von Monsieur Lasquin und wie dieser in den Fünfzigern, ließ einen scharfsinnigen, nicht sehr wohlwollenden Blick über die Runde schweifen, einen Blick, der die frostige Heiterkeit zum Ausdruck brachte, die seinem wahren Wesen, aber merkwürdigerweise so gar nicht seinen Schriften entsprach. Er war ein hagerer, nicht sonderlich gut gebauter Mann, der einen großen Kopf mit lebhaften Augen und einer dicklichen Nase spazieren trug. Sein gesamtes Werk war dem Geist eines katholischen Romanciers entsprungen und fußte auf der Vorstellung von einem nörglerischen, etwas glanzlosen Gott, der keinerlei Wurzeln im Diesseits hatte. Bei Gesprächen neigte Pontdebois dazu, gewagte Ansichten zu vertreten, wobei er gern beiläufig erwähnte, dass er Verwandtschaft in der Großindustrie hatte. So viel kühne Bescheidenheit trug ihm allseits große Bewunderung ein. Die Leute seines Standes fürchteten ihn, als trüge er in der Tasche die Schlüssel zur Revolution. Und die Schriftsteller aus den Krämerfamilien spendeten ihm schon deswegen Beifall, weil er offenbar einen langen Weg auf sich genommen hatte, um sich bis zu ihnen herabzulassen.

Ein besonders wachsames Auge warf er auf Micheline, die ihn mit ihrer blonden und wohlgeratenen Schönheit mehr ärgerte als alle anderen zusammen. Gegen 1900 hatte ihm nämlich eine zwar leidenschaftliche, aber doch zögerliche junge Frau schwere Verletzungen seiner Eigenliebe beigebracht, und auch das Alter hatte nicht vermocht, ihn von seiner heimlichen Schüchternheit gegenüber hübschen Frauen zu heilen. Monsieur Lasquin, den ein Verhältnis mit einer Künstlerin an das Freud’sche Denken herangeführt hatte, war der Auffassung, es handle sich bei seinem Cousin um einen klaren Fall von Verdrängung. Wohl fühlte sich Pontdebois jedenfalls nur in Gesellschaft gedrungener Frauen mit breiten Hüften und kurzen, vorzugsweise behaarten Schenkeln. Sein Fehler bestand darin, sich nicht zu dieser vollkommen legitimen Neigung zu bekennen, sondern sie wie einen Makel zu verbergen. Entsprechend gab er in seinen Romanen einem eher geschmeidigen und hochgewachsenen Frauentyp den Vorzug. Dass Micheline seine literarische Zerknirschung mit so unbekümmerter Eleganz verkörperte, nahm er ihr unbewusst übel und suchte daher in der Unterhaltung nach jeder sich bietenden Gelegenheit, sich an ihr zu rächen. Doch bedauerlicherweise wurden seine fein geschliffenen Worte weder von Micheline noch von sonst jemandem hier verstanden, derweil sie in den Häusern, wo er sonst verkehrte, wahre Wunder gewirkt hätten. Pontdebois mochte seine Lasquin-Vettern, aber sie hatten schon einen ungewöhnlich dicken Panzer. Selbst bei Micheline und ihrem Bruder Roger, diesem vierzehnjährigen Bengel, der viel zu brav aussah, flossen die Lebenssäfte allein in den Körper. Die beiden Kinder waren äußerst hübsche Tierchen, doch geistige Dinge packten sie derart ungeschickt an, als trügen sie Lederfäustlinge. Um die Eltern stand es noch schlimmer. Die besaßen nicht einmal jene Ehrfurcht vor dem freien Spiel des Geistes, die bei manchen Kindern des Volkes so anrührend war, dass sich ihre unbeholfenen Huldigungen einen Weg in das Herz des großen Schriftstellers zu bahnen vermochten.

Und auch die Gesellschaft von Onkel Alphonse konnte die Familie seines Erachtens nicht auf geistvollere Pfade lenken. Dieser Alphonse Chauvieux, der zwischen Pierre und Bernard saß, war Madame Lasquins Bruder. Er hatte einen unbedeutenden Posten in der Fabrik seines Schwagers inne, der ihm jedoch ein Jahresgehalt von zweihunderttausend Francs eintrug. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt, von mittlerer Größe, mit breiten Schultern und kräftigem Nacken. Die Ähnlichkeit mit seiner Schwester und seiner Nichte war trotz der männlicheren Gesichtszüge nicht zu übersehen, und in seinen veilchenblauen Augen lag eine sehnsüchtige Melancholie. Seine Begabung hätte, wie Onkel Alphonse selbst fand, nicht einmal für einen Posten als Hilfsbuchhalter in einem Laden ausgereicht, manchmal trauerte er gar seinem Leben als Aufsichtsführer und Unteroffizier nach, das er nach dem Bruch mit seiner Familie zwanzig Jahre lang geführt hatte. Pontdebois blickte mit leichter Verachtung auf ihn herab, ertrug ihn aber geduldig. In den anderen Häusern, wo man den geringsten Ausdruck seiner geistigen Unabhängigkeit hoch zu schätzen wusste, führte er gern das Beispiel dieses vom rechten Wege abgekommenen Mannes an, dem man jährlich zweihunderttausend Francs in die Taschen stopfte. Voller Bewunderung, wie gnadenlos er sogar mit seinen Angehörigen umsprang, warfen sich die verständigen Damen seine Bemerkung noch fünf Minuten gegenseitig zu. Alphonse Chauvieux hingegen verachtete den Schriftsteller nicht, sondern empfand ihm gegenüber bloß Gleichgültigkeit. Nur der nach Aufmerksamkeit heischende Tonfall in Pontdebois’ Stimme ging ihm doch ein bisschen auf die Nerven. Und seine Bücher mochte er auch nicht.

Micheline, die über Pontdebois’ Verharren bei den Pyramiden allmählich ungehalten wurde, erwiderte schließlich:

»Wenn man nicht das Glück hat, die großen historischen Landschaften mit den Augen eines Schriftstellers zu sehen, sind sie doch ziemlich öde.«

Als ihr bewusst wurde, dass dies keine angemessene Bemerkung bei der Rückkehr von einer Hochzeitsreise war, lief sie rot an. Um den Tisch herum herrschte sogleich stilles Einvernehmen, dass man besser einfach vergäße, was alle für eine bloße Ungeschicktheit ohne tiefere Bedeutung hielten. Nur Pontdebois sagte zu Pierre Lenoir:

»Die jungen Frauen von heute sind ungewöhnlich luzide. Sie sehen es ja selbst, die Landschaften werden nicht mehr von der Liebe verklärt. Vor den Pyramiden überkommt die frisch Vermählte das Gähnen. Und wenn das Liebespaar die Kodak zu Hause vergessen hat, ist die Venedig-Reise verdorben. Das ist das Ende der Liebesfluchten und Flitterwochen.«

Micheline errötete noch mehr, und alle anderen empörten sich über Luc Pontdebois. Als Monsieur Lasquin sah, dass sich die Blicke der ganzen Familie auf den Schriftsteller richteten, musterte er ihn mit all der Konzentration, zu der er noch imstande war. Sein Kopf war bleischwer. Schwarze Punkte flimmerten ihm vor den Augen. Zudem verhinderte der zähe Nebel um seinen Schwiegersohn jeglichen Denkversuch, als fehle an irgendeinem Relais die Verbindung. Er wusste nicht mehr, dass seine Tochter verheiratet war, und auch der Grund für diese Zusammenkunft war ihm entfallen. Mehrmals erwog er, sich mit Hinweis auf seinen Kopfschmerz zu entschuldigen und das Speisezimmer zu verlassen, aber jedes Mal verlor sich sein Entschluss auf Umwegen in der undurchdringlichen Gestalt Pierre Lenoirs.

Derweil beglückwünschte sich Pontdebois, auf so einhellige Ablehnung zu stoßen: Sein Gesicht verriet tiefe Zufriedenheit. Monsieur Lasquin betrachtete ihn mit verzweifelter Aufmerksamkeit und beobachtete, wie sich sein Mund zu einem Lächeln verzog und die Stirn sich mehrfach in Falten legte. Im Wissen, dass dieses physiognomische Spiel irgendeinem inneren Zustand entsprach, versuchte er, auf seine lange Erfahrung mit Gesichtsausdrücken und Mimik zurückzugreifen. Allein, sie verwandelte sich in seinem Kopf in ein Wörterbuch, dessen Definitionen sich wie in einem Alptraum von den Wörtern losgelöst hatten. Das lebhafte Gesicht Pontdebois’ blieb ausdruckslos und undurchdringlich wie die Maske eines fremdländischen Götzenbildes. Mit einer Angstattacke kämpfend, murmelte Monsieur Lasquin:

»Luc ... Luc ...« Doch seine flehende Stimme ging in der lärmenden Unterhaltung unter. Pontdebois, gewohnt, sein Auditorium im Auge zu behalten und einzelne Reaktionen blitzschnell zu erfassen, sah, wie sich die Lippen seines Cousins bewegten, und wandte sich ihm zu. Er glaubte zu bemerken, dass sein Blick eigenartig war, aber die Züge wirkten ebenso ruhig wie sonst, und ihre Reglosigkeit gab keinen Anlass zur Sorge. »Das Gesicht eines wohlerzogenen Mannes, der unversehens von einem Rheumaanfall geplagt wird«, dachte er bei sich. Monsieur Lasquin schob das Kinn leicht vor, um den freundschaftlichen Blick, der auf ihm ruhte, besser festhalten zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte er, dass sie verwandt waren, dann hörte er ein weiteres Klickgeräusch, und der Kontakt zwischen ihnen riss ab. Pontdebois war zu einer indifferenten Gestalt geworden, ganz ähnlich der Pierre Lenoirs. In Monsieur Lasquins Augen stellten beide so etwas wie die Statue des Komturs dar, jedoch von aller Sinnbildhaftigkeit befreit und aus einer fremdartigen Substanz, die nicht einmal mehr die Menschlichkeit eines Geheimnisses besaß. Im selben Zuge wurde das Terrain der vertrauten Begriffe, die alle mehr oder weniger seinem familiären Umfeld entstammten, zunehmend vage. Neben der bleiernen Schwere im Kopf spürte Monsieur Lasquin, wie sich ein schmerzhafter Reif um seine Stirn legte, als versuchte jemand, ihm mit aller Macht mittels eines Schneidedrahts den Schädel zu zerteilen. Als Pontdebois eine gewisse Angespanntheit bei seinem Cousin feststellte, fragte er ihn, was er von der politischen Lage in diesem Frühjahr 36 hielt.

»Gestern Abend hat es heftige Unruhen auf den Champs-Élysées gegeben. Ich habe mehrmals die Polizei einschreiten sehen, dabei bin ich bestimmt keine fünf Minuten geblieben. Wie du dir vorstellen kannst, war ich nicht gerade darauf erpicht, Schläge zu kassieren.«

Monsieur Lasquin gab nicht zu erkennen, ob er ihn gehört hatte. Allenfalls konnte man vermuten, er hänge noch den Worten seines Cousins nach. Doch allmählich wurde seine geistige Abwesenheit auffällig, und Pontdebois wollte der Gattin gerade seine Besorgnis mitteilen, als Victor, der Hausdiener, auf sie zukam und ihr etwas zuraunte. Die Köchin habe Scherereien mit der Orangen-Ente, daher würde sich das Ganze noch ein wenig verzögern. Dieser bedauerliche Umstand versetzte Madame Lasquin in Unruhe.

»Victor, Sie verschweigen mir etwas«, flüsterte sie. »Die Ente ist verbrannt, nicht wahr? Ganz bestimmt ist die Ente verbrannt.«

»Ich versichere Ihnen, Madame, die Ente ist nicht verbrannt, sondern im Gegenteil noch nicht ganz durch.«

Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort. Monsieur Lasquin sog es geradezu gierig in sich auf. Mit diesem Tableau, das typisch für sein häusliches Leben und seine gesellschaftliche Stellung war, versuchte er seiner Familie wieder habhaft zu werden. Aber der Sinn der Gespräche verzerrte sich im selben Maße wie Victors wechselnde Gestalt. Der Hausdiener verwandelte sich zuerst in den Vertreter des Büropersonals, dann in den Vertreter des Arbeiterpersonals, den Regierungsvertreter, den Gewerkschaftsvertreter und den Vertreter einer Folge von Initialen, die über die kahlen Wände des Speisezimmers tanzten. Schließlich vernahm Monsieur Lasquin ein weiteres Klicken, und so blieb von Victor, der schlagartig aufhörte, Vertreter oder sonst irgendetwas Lebendiges zu sein, nicht einmal mehr eine Erinnerung. Die Herrin des Hauses schien mit einer Art Puppe zugange zu sein, die zwar vom Leben umkreist, jedoch nicht von ihm durchdrungen wurde, einer Gestalt ohne spürbare Existenz.

Monsieur Lasquin litt noch immer unter denselben heftigen Schmerzen, wurde aber durch die Empfindung abgelenkt, sein Kopf fülle sich mit einer wollartigen Substanz, durch die sich seine Gedanken mit zunehmender Mühe ihren Weg bahnten. Sein Blick richtete sich auf Bernard Ancelot, und er war leicht erstaunt, einen Unbekannten hier anzutreffen. Einzig Pierre Lenoir hätte ihm die Anwesenheit dieses jungen Mannes erklären können. Und so war er beinahe erleichtert, als er durch ein neuerliches Klicken seiner entledigt wurde, woraufhin auch Chauvieux’ Verwandlung einsetzte.

Er blieb allein mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zurück. Nachdem sich die Welt nunmehr auf die drei Menschen beschränkte, mit denen er sich engstens verbunden fühlte, erschien sie ihm zunächst etwas sicherer, wie ein heller Lichtfleck auf dem schwarzen Grund des Vergessens. Um sich von der Unverbrüchlichkeit dieser familiären Bande zu überzeugen und sie konkret auf die Probe zu stellen, wollte er Micheline etwas sagen, fand aber keine Worte. Erschrocken über seinen Misserfolg, wandte er sich erst an Roger, dann an seine Frau, doch ohne einen Laut hervorzubringen. Madame Lasquin redete mit einer seltsamen Stimme wie aus weiter Ferne zu ihm und sprach unverständliche Worte. Seine Kinder rückten immer weiter fort in ein fernes Halbdunkel, wo sie kleiner und kleiner wurden. Er spürte, wie er in einen tiefen Abgrund sank, und suchte nach Halt. Speisezimmer und Gäste waren verschwunden. Allein kraft seines Willens gelang es ihm, eine schmale Bresche durch die Finsternis in seinem Gedächtnis zu schlagen. Für einen Moment folgte er seiner Familie Stufe um Stufe wieder nach oben.

Ihm erschien, in einem Türrahmen, Madame Lasquin, ausgehfertig und in Begleitung ihrer beiden Kinder. Micheline war ein zwölfjähriges Mädchen in kurzem Rock und mit Kniestrümpfen. Roger, ein fünfjähriger Bengel, trug einen sommerlichen Matrosenanzug und weiße Handschuhe. Dann wich das Bild einem anderen, älteren. Micheline, noch ein Baby auf den Knien ihrer Mutter, neigte das blonde Köpfchen nach rechts und links. Die Erinnerung an Roger hatte er bereits verloren, spürte aber, dass ihm jemand fehlte, und tastete sich durch sein Gedächtnis. Eine andere Erscheinung ließ ihn auch Micheline vergessen. Seine blutjunge Frau, in einem Schlauchkleid aus der Vorkriegszeit, blinzelte unter einem breiten Hut mit einer langen gekräuselten Feder hervor und sah ihm schüchtern, aber direkt in die Augen. Monsieur Lasquin blickte sie mit verzweifelter Zärtlichkeit an. Das Leben dieser zerbrechlichen Gestalt war das Einzige, was er der drohenden Nacht entgegenhalten konnte, die ihm immer näher zu Leibe rückte. Schon schien das Bild der jungen Braut zu erstarren, da nahmen die Details der Kleidung größere Bedeutung an als das verlöschende Licht in ihren Augen. Er spürte, wie sich die letzte Sprungfeder seines Bewusstseins spannte und eine höchste Anstrengung unternahm, um die Maschine wieder in Gang zu bringen. Für ein paar Sekunden tauchte eine winzige Insel in seinem Gedächtnis auf. Eine andere junge Frau mit platinblondem Haar und knielangem Rock, die lachend mit dem Zeigefinger auf eine lange Zigarettenspitze tippte, um die Asche abzuklopfen. In der anmutigen, glatten Linie ihrer langen Hand lag etwas unglaubliches Feminines, das Monsieur Lasquin noch immer anrührte. Man hörte ihn aufstöhnen und dann deutlich die Worte artikulieren:

»Élisabeth. Produktion.«

Im selben Augenblick versanken die Gattin und die Platinblonde in stockfinstrer Nacht. Monsieur Lasquin litt nicht mehr. Er spürte, wie seine letzte Kraft sanft und gleichmäßig ausströmte. Und während sie sich ein letztes Mal zusammenballte, schwand er allmählich dahin, bis nichts mehr von ihm übrigblieb. Am Ende beugte er sich über den Teller und starb mit hochanständiger Miene.

II

Nach der Rückkehr vom Friedhof Passy schien das Leben durchaus erträglich, und jeder gab sich gefasst. Madame Lasquin, nun allein, begriff allmählich, dass sie einen guten, liebevollen Mann verloren hatte, und empfand heftige Trauer. Bis zu Beginn der Zeremonie war ihr Kummer hinnehmbar gewesen. Zwei Tage lang hatte sie an dem Paradebett gesessen, auf dem der Tote ruhte, und ihre Neugier an einem Gesicht gestillt, welches, noch bis gestern furchteinflößend, es auf einmal überhaupt nicht mehr war. Dabei hatte es sich nicht verändert. Sie wunderte sich, dass sie ihn ohne die geringste Verunsicherung betrachten konnte. Also lag die einst von der Anwesenheit ihres Mannes ausgehende Bedrohung gar nicht in seiner Gesichtsform. Häufig hatte sie sich gewünscht, er würde sich einen Bart stehen oder den Schnauzer länger wachsen lassen, irgendetwas, das seinen männlichen Zügen mehr Sanftheit verliehen hätte. Doch jetzt wurde ihr klar, dass auch das Barthaar nichts geändert hätte. Alles lag in der bebenden Lebendigkeit, in der lauernden Wachsamkeit seines männlichen Triebs, dem sich ihr Frauenkörper selbst in Zeiten völliger Ruhe verweigert hatte. Nun, da er tot und diese Gefahr gebannt war, überkam sie, wenn auch zu spät, die Lust, ihrem Mann mit netten und kindischen Worten, mit harmlosen weiblichen Spielen, für die nun keine Gegenleistung mehr erwartet wurde, ihre Zärtlichkeit zu bezeugen.

Die Familie war von Madame Lasquins Tränen, die doch sehr zur Unzeit kamen, peinlich berührt. Als man es leid geworden war, sich in dem kleinen Wohnzimmer im Erdgeschoss abzulösen und ihr in einem nicht immer angemessenen Ton stets dieselben Dinge zu sagen, hatte man ihr eine Internatsfreundin und eine geschwätzige alte, von Neugier zerfressene Cousine beigesellt, die den Umständen dieses ungewöhnlichen Todes auf den Grund gehen wollte und ihr jedes Detail aus der Nase zog.

Die Männer hielten sich in den beiden angrenzenden Räumen auf, dem Salon und dem Arbeitszimmer, deren Fenster zu dem Garten hinter dem Stadthaus der Lasquins hinausgingen. Bernard Ancelot, seit seiner Anwesenheit bei dem schicksalhaften Mittagessen noch enger mit der Familie verbunden, hatte sich beim Verlassen des Friedhofs in einem Auto mitnehmen lassen. Er hielt sich, so gut es ging, aus den Unterhaltungen heraus und bedauerte bald, überhaupt mitgekommen zu sein. Als er Micheline in den Garten gehen sah, folgte er ihr.

Pontdebois versuchte, die Leute und die Gespräche um sich zu scharen, um einer Begegnung mit Monsieur Lenoir, Michelines Schwiegervater, aus dem Weg zu gehen, glaubte er doch, dessen Absichten recht gut zu durchschauen. Der Industrielle würde bestimmt nicht die Gelegenheit verpassen, seinen Sohn Pierre in den Lasquin-Betrieben in Stellung zu bringen, damit dieser zum alleinigen Chef aufsteigen konnte. Mit seinem hohen Wuchs und seiner piratenhaften Gestalt war Monsieur Lenoir ein Mann, dem Heuchelei fremd war und der einen erbarmungslosen Sinn für die eigenen Interessen sowie die wunderbare Fähigkeit besaß, die feinen, von der Moral gesponnenen Netze bei anderen Menschen schlichtweg zu ignorieren. Die meisten Leute fühlten sich ihrer armseligen Spinnwebe aus Anstandsregeln und menschlichem Respekt, hinter denen das Gerippe ihrer ureigensten Interessen zutage trat, schon beraubt, bevor sie auch nur den ersten Streit mit ihm ausgefochten hatten. Dieser brutale und scharfsinnige Kerl, der es bei seinen Geschäften mit den Regeln des Anstands nicht allzu genau nahm, war Luc Pontdebois im höchsten Maße zuwider. Am meisten stieß ihn jedoch ab, dass ein solcher Mann frei von allem Zynismus war. Dennoch versuchte er, ihn nicht zu brüskieren. Mit den testamentarischen Verfügungen Monsieur Lasquins in groben Zügen vertraut, wollte er einem direkten Gespräch lieber so lange aus dem Weg gehen, bis er sich hinter dem Willen des Toten verschanzen konnte. Auch Chauvieux hatte eine ungefähre Vorstellung von Lenoirs Absichten und hielt sich ebenfalls an Pontdebois’ Taktik, jedoch mehr aus Faulheit und aus einer gewissen Lustlosigkeit heraus. Denn trotz ihrer unterschiedlichen Stellungen war ihm der Pirat insgeheim lieber als der Schriftsteller.

»Nun haben wir gar keine Zeit gefunden, uns zu unterhalten«, bedauerte Monsieur Lenoir mit Blick auf die Uhr. »Dabei hätte ich so gern mit Ihnen über die Dinge geplaudert, die sich da zusammenbrauen.«

»Den Generalstreik?«

»Generalstreik ist wohl nicht das richtige Wort. Immerhin sind wichtige Konzerne der Metallindustrie davon ausgenommen.«

Es folgte ein sinnendes Schweigen. Pontdebois dachte über diesen Halb-Generalstreik nach, dessen Ansteckungsgefahr vor gewissen Toren haltzumachen schien.

»Und Ihre Werke an der Mosel bleiben im Moment verschont?«

»Selbstverständlich. Und ich werde alles tun, damit auch die Lasquin-Werke nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. In Paris wird es nicht so einfach wie an der Mosel. Ich werde Ihre Hilfe benötigen.«

»Vergiss nicht, ich zähle auch auf dich«, fügte Monsieur Lenoir hinzu und bedachte seinen Sohn mit einem strengen Blick.

Die Trauer stand Micheline gut. Sie trug sie mit einer Eleganz, die weder improvisiert noch gekünstelt wirkte. Wie immer war sie gut angezogen. Das Schwarz brachte ihr blondes Haar und ihre helle Haut bestens zur Geltung. In ihrer Melancholie sah sie zum Anbeißen aus. Bernard Ancelot bewunderte an ihr die Ruhe und Unschuld, die ihr ein ansehnliches Vermögen verliehen. In dem friedlichen Garten der Lasquins hörte er beglückt zu, wie sie über lauter Belanglosigkeiten redete. Sie sprach ohne Koketterie, und ihre Worte zeugten von einem gesunden Menschenverstand, der zwar etwas knapp bemessen war, dafür aber umso unerschütterlicher. In ihrer kleinen Welt war alles in bester Ordnung. Die Vorstellung, die man sich von der Gesellschaft, den Regierungen, der Arbeit, dem Reichtum, der Armut und den Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Abteilungen der Welt machen kann, hatten für sie klar definierte Konturen. Bernard spürte in ihr eine Unverdorbenheit der Sinne, die von einem finanziell abgesicherten und gesunden Leben begünstigt wurde. Der Umgang mit ihr war erholsam und angenehm. Ihn rührte die Offenheit, mit der die junge Frau über ihre Reue angesichts einer belanglosen Lüge gegenüber dem Vater sprach. Als er sie ein paar Tränen vergießen sah, ergriff er ihre Hand.

Nach dem Aufbruch seines Vaters gesellte sich Pierre Lenoir zu ihnen in den Garten und trug eine bekümmerte Miene zur Schau, die nicht bloß dem Anlass geschuldet war. Doch Bernard, der vor Mitleid mit Michelines Trübsal verging, fehlte es an Einfühlungsvermögen für den Freund.

»Morgen früh trete ich in das Unternehmen ein«, verkündete Pierre mit düsterer Stimme.

Die Neuigkeit wurde mit einem Gemurmel aufgenommen, das keinerlei Empathie oder Neugierde verriet.

»Mein Vater behauptet, es sei meine Pflicht. Seiner Ansicht nach bin ich dort unabkömmlich. Unabkömmlich! Dass ich nicht lache. Wo ich von dem Beruf nichts verstehe und ihn auch nie erlernen werde. Zum Glück mangelt es nicht an qualifizierten Kräften, die einen Betrieb leiten können. Was soll ich also dort, meine Anwesenheit würde doch nur für Missstimmung sorgen. Und angeblich ist es auch meine Pflicht, jeden Tag um neun Uhr zu erscheinen. Um neun! Na, da kann ich meine Läuferkarriere gleich an den Nagel hängen.«

»Wie betrüblich«, sagte Micheline. »Mein armer Pierre.«

»Ich bin erledigt. Eigentlich brauche ich mir nur noch einen Bart wachsen zu lassen und einen Regenschirm zuzulegen. Andererseits«, fügte Pierre hinzu, ein Bein anwinkelnd und wieder ausstreckend, »was alles da drinsteckt ...«

Er stieß ein bitteres, beinahe verzweifeltes Lachen aus. Sein Traum wäre es gewesen, die Vermögenswerte seiner Frau zu verflüssigen, um sich ganz dem Laufsport zu widmen, für den er eine unbestreitbare Begabung zeigte. Er besaß ein Foto mit Widmung des großen Ladoumègue, das er nach Ägypten auf die Hochzeitsreise mitgenommen hatte und das inzwischen im Schlafzimmer des jungen Ehepaares hing. Morgens, wenn sein Kopf noch auf dem Kissen ruhte, vergaß er nie, ihm einen ehrfürchtigen Blick zuzuwerfen und aufzuseufzen – »Was für ein Mann!« – oder Micheline irgendeinen anderen Satz zuzurufen, der nicht nur seine Bewunderung für den berühmten Läufer zum Ausdruck brachte, sondern auch einen unbewussten Vorwurf gegen seine Frau. Mochte Pierre auch Gefallen am Liebesspiel finden, so lauerte in ihm doch ein instinktiver Argwohn gegenüber jener Art von Stößen, die einen bis in den letzten Muskel erbeben lassen und in den Waden ein breiiges Gefühl hervorrufen. Er wusste, dass ein ernsthafter Läufer in dieser und in vielerlei anderer Hinsicht Verzicht üben musste, und gab sich der Liebe nie ohne schlechtes Gewissen in den Beinen hin.

»Wenn ich bedenke, dass ich mir fest vorgenommen hatte, am Donnerstag dem Crosslauf der Junioren zuzusehen!«

Bernard sprach ein paar tröstende Worte, um ein unbezwingbares Grinsen zu rechtfertigen. Pierre schüttelte den Kopf und dachte voll Zorn über die sozialen Ungerechtigkeiten und den traurigen Zufall nach, der ihn in eine Familie von Großindustriellen hineingeboren hatte. Wäre er der Sohn von Arbeitern oder Angestellten gewesen, hätten sich seine Eltern sicher nicht gegen seine Berufung zum Langstreckenläufer gesperrt. Insgeheim reifte in ihm der Wunsch nach einer Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung und dem Siegeszug extremistischer Parteien. Zu gern hätte er seinen Gedanken laut Ausdruck verliehen, aber bei näherer Betrachtung fand er in seiner enttäuschten Berufung zum Läufer keinen ausreichenden Grund, um es bis zur Revolution kommen zu lassen. Diese verkürzte Logik erschien ihm sogar ein wenig schockierend. Davon abgesehen würde er sich mit seinem Bekenntnis zur Revolution womöglich der Lächerlichkeit preisgeben, schließlich war er mit seinen vierundzwanzig Jahren frei von allen materiellen Sorgen und wagte es nicht einmal, sich gegen die Anweisungen seines Vaters aufzulehnen oder auch nur einen Einwand gegen sie zu erheben.

»Meine arme Micheline, nun ist es vorbei mit unseren Tennispartien. Ein Jammer! Dabei nahm dein Spiel allmählich Formen an, du hattest einen guten Drive. Nun musst du wieder im Doppel mit Frauen spielen, deine Rückhand wird schon nach einer Woche wieder miserabel sein.«

Pierre wandte sich zu Bernard und sagte:

»Du Glücklicher musst nicht in die Fabrik. Willst du nicht morgens herkommen und eine Partie Tennis mit Micheline spielen? Sie spielt gut, weißt du.«

Überrascht und eingeschüchtert von einem Angebot, das seinen geheimsten Wünschen nur allzu sehr entsprach, gab Bernard eine verdruckste Antwort, die man auch als Ablehnung deuten konnte. Pierre wusste, dass seine Frau schön war und auch Freunde nicht aus Stein sind, aber der Vollzug des Ehebruchs erschien ihm als etwas derart Unsportliches, dass er ihn sich gar nicht vorstellen konnte. Der Gedanke, eine Geliebte zu haben, war ihm persönlich zuwider. Daher begriff er auch nicht, warum Bernard so verlegen reagierte.

»Ich habe es dir nur angeboten, falls du nichts Besseres zu tun hast. Na ja, lassen wir das.«

»Nein, nein! Was könnte ich mir Schöneres wünschen? Wann wollen Sie anfangen, Micheline?«

Sie fingen am nächsten Morgen an.

Am ersten Trauersonntag stand Pierre Lenoir um fünf Uhr dreißig auf, um zum Racing-Club zu fahren, wo er eine neue, ökonomischere Atemtechnik ausprobieren wollte, die ihm ein finnischer Fünftausend-Meter-Läufer empfohlen hatte. Diese neue Methode, den Atem auf den Laufstil abzustimmen, erschien ihm äußerst vielversprechend, weil sich auf diese Weise die gesamte Taktik des Langstreckenlaufs auf absolut rationale Fakten gründen ließ. Als er Micheline vorgeschlagen hatte, ihn zu seinen betreuten Leibesübungen zu begleiten, hatte sie sich reserviert gezeigt und sich am nächsten Morgen im Bett taub gestellt. So war Pierre um Viertel vor sieben mit Roger, dem jüngeren Bruder seiner Frau, aufgebrochen. Madame Lasquin hatte sie nach dem gemeinsamen Frühstück neidvoll das Haus verlassen sehen. Dank der Überzeugungsarbeit ihres Schwiegersohns interessierte sie sich mittlerweile für sein Hobby. Sie las seine Sportzeitungen und konnte das Ende ihrer Trauerzeit kaum erwarten, um ihn endlich wieder ins Stadion begleiten und den großen Mannschaften Beifall spenden zu können. Am Tag zuvor hatte er ihr ein paar gute Artikel über die finnische Methode zu lesen gegeben und diese so geistreich kommentiert, dass sie ganz ergriffen, ja sogar ein wenig schüchtern wurde bei dem Gedanken, Zugang zu einem Teilbereich der reinen Wissenschaft erhalten zu haben. Nach Pierres Aufbruch probierte sie die Prinzipien der neuen Atemtechnik umgehend aus, indem sie, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, ins Schlafzimmer im ersten Stock hinaufstieg und dabei auf ihren Atemrhythmus achtete. Sie bedauerte nur, dass ihr Haus nicht über mehr Stockwerke verfügte.

Gegen acht Uhr dreißig war sie im Garten damit beschäftigt, auf die Sympathiebekundungen zu antworten, die anlässlich des Todesfalls bei ihr eingegangen waren. Es missfiel ihr nicht, diese Art von Korrespondenz zu erledigen, und so huschte ihre Feder flott übers Papier, was sie nicht zuletzt dem vorausschauenden Unterricht der Nonnen aus dem Dames de l’Assomption-Kloster verdankte und ihrer hervorragenden Erziehung, die es ihr ermöglichte, von einem Tag auf den anderen zu einer vollendeten Witwe zu werden. »Angesichts des tragischen Unglücks, das unsere Familie ereilt hat, ist es für mich und meine Angehörigen ein großer Trost, liebe Freundin, trotz der räumlichen Entfernung Ihre tiefe Anteilnahme so deutlich zu spüren ...« Madame Lasquin unterbrach sich, um die Post in Empfang zu nehmen, die das Dienstmädchen ihr brachte. Die Beileidsbekundungen wurden immer zahlreicher. Das Vergnügen, das sie bei der Lektüre selbst der banalsten Briefe empfand, rührte daher, dass sie ihr eine Bestätigung ihrer großen Trauer boten. Das Witwendasein erschien ihr nicht weniger merkwürdig als ihr vorheriges Gattinnendasein. Es war ein wenig wie ein Firmenname, der ihr zu Monsieur Lasquins Lebzeiten gefehlt hatte, und so trug sie ihr Witwentum zur Schau wie ein Junge seine erste Hose: mit ebenso großem Stolz wie Erstaunen. Unter den Umschlägen befand sich auch ein anonymer Brief, der sie darüber in Kenntnis setzte, dass ihr Mann eine Affäre mit einer gewissen Élisabeth hatte. Die Denunziantin, denn die Schrift stammte zweifelsohne von einer Frau, wusste offenbar nichts vom Tod des Frevlers und schien kaum Informationen über die genaue Natur dieser Beziehung zu besitzen. Sie gab die Adresse eines Nachtklubs an, in dem das Liebespaar regelmäßig ein und aus ging, und entrüstete sich in recht gewöhnlichen Worten über ein Benehmen, das sie als empörend empfand, da »er unaufhörlich ihre Schenkel unter dem Tisch begrapschte«. Die Art und Weise, wie die Verfasserin des Briefes das Treiben des Paars im Nachtklub beschrieb, ließ die Vermutung zu, dass die Frau selbst in dieser Einrichtung arbeitete. Die Anschuldigungen waren zwar ungeschickt formuliert und nur schwach untermauert, aber doch in einem glaubhaft naiven Ton verfasst. Außerdem hätte schon die Erwähnung des Vornamens Élisabeth gereicht, um die Gattin von ihrer Echtheit zu überzeugen. Beim Lesen des Briefs wurde Madame Lasquin ganz rot vor Stolz. Auf einmal schien sie ein Opfer des Lebens zu sein. Genau wie der Köchin und der Comtesse Piédange, die ihr so oft über ihr Unglück berichtet hatten, widerfuhren endlich auch ihr jene wahren und etwas infamen Dinge, ohne die man sich nie ganz sicher sein kann, dass man wirklich existiert.

Als sie Micheline in den Garten kommen sah, steckte sie den Brief eilig in ihren Ausschnitt und ergötzte sich an den Vorkehrungen, die ihr ein so unerhörtes Geheimnis abverlangten, dann fuhr sie mit scheinbar gleichgültiger Miene fort zu schreiben und warf hin und wieder einen vor Vergnügen leuchtenden, lebhaften Blick auf die Füße ihrer sich nähernden Tochter. Micheline gab ihr einen Kuss und setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. Selbst nach der Morgentoilette blieb sie noch so lange im Pyjama, bis es an der Zeit war, sich für die Messe anzukleiden. Die Erinnerung an die vergangenen Vormittage, die sie mit Bernard Ancelot beim Tennis verbracht hatte, erfüllte sie mit Wehmut und Seufzern.

»Armer Papa«, sagte sie, »noch vor einer Woche saß er hier bei uns und unterhielt sich mit mir.«

»Wie wahr«, pflichtete Madame Lasquin ihr bei, »da saß er, unser guter alter Freund.«

Im Klang ihrer Stimme schwang eine kaum verhohlene Heiterkeit mit, die ihr peinlich war. Ebenso beunruhigte sie sich über ihren Gesichtsausdruck, denn sie spürte, sosehr sie sich auch zusammenriss, dass er jeden Augenblick von einem Lächeln erhellt werden konnte. »Ich gehe hinauf in mein Zimmer«, sagte sie und enteilte mit nahezu tänzelndem Schritt. Sie schloss sich ins Badezimmer ein, um den Brief ein zweites Mal zu lesen. Darin gab es zwei Stellen, zwei Höhepunkte, von denen sie gar nicht genug bekommen konnte: die Schenkel unterm Tisch und vor allem der Einstieg. »So unangenehm es mir ist, habe ich doch die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Mann Sie betrügt.« Leise wiederholte Madame Lasquin das letzte Wort, mit ebenso viel Spaß wie kleine Kinder, wenn sie ein obszönes Wort nachplappern, und betrachtete sich dabei respektvoll im Spiegel.

Während der Messe betete sie quasi unablässig für das Seelenheil Monsieur Lasquins. »Mein Gott, er war eben wie die meisten Männer. Es ist eine Art Krankheit, an der sie fast alle leiden. Man braucht nur an seinen Cousin Pontdebois zu denken. Hat der mir nicht erst letztes Jahr an einem Tag, als wir allein im Bibliothekszimmer saßen, die Hand unter den Rock geschoben und gesagt: Anna, seitdem Sie etwas Speck angesetzt haben, sind Sie einfach hinreißend. Dabei mochte mich der arme Luc. Mit meinem Mann war es dasselbe. Ich erinnere mich noch an die erste Zeit unserer Ehe, wenn ich schon im Bett lag und er sich ebenfalls anschickte, schlafen zu gehen, wenn er dann diesen seltsamen Blick bekam, meinen Namen nur noch stammeln konnte und mich ansah wie eine stehengebliebene Pendeluhr, dann wusste ich schon: Ah, da überkommt es ihn wieder, der arme Kerl. In gewisser Hinsicht konnte er nichts dafür. Wie soll man sich sonst erklären, dass er in einem Nachtklub unterm Tisch die Schenkel einer Dame berührt hat? Wer ihn auch nur einmal am Tisch mit seiner Familie, bei Besuchen oder in seinem Büro erlebt hat, wird zugeben: um auf so seltsame Gedanken zu kommen, musste er sich gegen sich selbst versündigen.«

Beim Mittagessen überkam Madame Lasquin ein heftiger Mitteilungsdrang, doch bezwang sie ihn. Ihr Geheimnis belastete sie zwar nicht, aber es war wie ein überschäumender Lebenssaft, dessen sie nicht ganz Herr wurde. Chauvieux, der mit ihnen zu Mittag aß, war sicher bestens geeignet, um ihren Herzensergüssen sein Ohr zu leihen, aber als seine Schwester wusste sie, dass er der Typ Mann war, der mit größter Gelassenheit reagieren würde. Die Nachricht, dass der Verstorbene eine Geliebte hatte, brächte ihn gewiss nicht in Wallung. Er würde das Drama mit liebevollen und zärtlichen Worten herunterspielen, ja, es war sogar zu befürchten, dass er die ganze Angelegenheit kleinredete. Andererseits kam es nicht in Frage, die beiden Kinder in ein Geheimnis einzuweihen, das an die Intimsphäre ihres Vaters rührte. Außerdem war Roger erst vierzehn Jahre alt, der kleine Engel, und was Micheline betraf, so war dies sicher kein Thema für eine frischvermählte Frau. Blieb also nur Pierre. Nach Madame Lasquins Einschätzung handelte es sich um einen sensiblen, anständigen Jungen, in dessen Körper keines der gefährlichen Rätsel lauerte, deretwegen manche Männer allzu viel Verständnis und Nachsicht für Schenkelgeschichten aufbringen. Man konnte sich darauf verlassen, er wäre bestimmt schockiert. Während des Essens nahm ihn die Schwiegermutter gierig in Augenschein.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, schlug sie einen kurzen Besuch auf dem Friedhof von Passy vor. Diese kleine Pilgerfahrt an einem Sonntagnachmittag kam den Anwesenden zwar wie ein etwas plebejisches Ritual vor, es wäre jedoch unfein gewesen, irgendeinen Einwand vorzubringen. Chauvieux konnte sich drücken, indem er einen dringenden Termin vorschob und sich auf diese Weise dazu verurteilte, die Rue Spontini zu verlassen, obgleich er vorgehabt hatte, den ganzen Nachmittag dort zu verbringen. Seit dem Tod seines Schwagers gefiel ihm die Atmosphäre im Haus. Es bot ihm ein angenehmes und friedliches Bild des Familienlebens, das ihm bislang durch Lasquins Anwesenheit verdorben worden war, denn dieser Mann mochte liebenswürdig und frei von allem Dünkel sein, er blieb selbst im Privaten noch ein Großindustrieller und war, sowohl im Hinblick auf sein Urteil als auch auf seine Verdauung, voll Verehrung für die wichtige gesellschaftliche Funktion, die er ausfüllte. Chauvieux hatte sich nie an Lasquins aufgesetztes feines Lächeln und die höfliche Art gewöhnt, mit der er auf die Meinung anderer reagierte und zu verstehen gab, dass sein Urteil auf einer tieferen Kenntnis der Dinge gründete.

Verdrossen über die fromme Pflicht gingen die Kinder die Allee entlang und warfen leere, unsichere Blicke zu den Gräbern. Madame Lasquin, die es kaum erwarten konnte, dem Verstorbenen gegenüberzutreten, zumal sie sich wegen ihres Geheimnisses in einem gewissen Vorteil wähnte, erblickte schon von weitem das Familiengrab, über das sich gerade eine junge Frau in einem hellen Kleid beugte. Der Gattin blieb kaum Gelegenheit, die Unbekannte genauer zu mustern, denn noch im selben Augenblick eilte die Frau davon und verlor sich zwischen den Grabsteinen. Auf dem kleinen Erdhaufen entdeckte Madame Lasquin etwas abseits von den anderen, größtenteils schon verwelkten Sträußen ein Gebinde mit frischen Rosen, das von einem schmalen rosa Band zusammengehalten wurde, vielleicht dem Träger eines Unterkleids. Die Kinder hatten die Frau nicht gesehen, und auch die Rosen sollten zu keinem Zeitpunkt ihren Argwohn wecken.

Vor dem blumenbedeckten rechteckigen Grab wurde Micheline von einem so heftigen Kummer geschüttelt, dass sie in Tränen ausbrach. Der innigen Liebe gedenkend, die der Vater ihr stets entgegengebracht hatte, spürte sie, wie sich alle Zärtlichkeit der Welt aus ihr zurückzog, und weinte ob ihrer Einsamkeit, an der auch Monsieur Lasquins Rückkehr nichts geändert hätte. Nachdenklich und mit der Zurückhaltung des Prinzgemahls betrachtete Pierre Lenoir den Erdhaufen, als hätte sein Kummer eine philosophische Dimension angenommen, während Roger, der noch nicht im Alter war, da die Augen trocken bleiben, leise schluchzte und von der Sorge und den Gewissensbissen geplagt wurde, es weniger gut als seine Schwester zu machen. Madame Lasquin war nicht nach Weinen zumute. Sie versuchte gar nicht erst, den Schein zu wahren, sondern sah ihren Toten mit brennender Neugier an. Er hatte sich wieder in jenen merkwürdigen Mann verwandelt, der er schon zu Lebzeiten gewesen war. Gern hätte sie sich vorgestellt, er wäre nun geheilt und sie würde nie wieder jene Scham und Furcht empfinden müssen, die sie bei seinen Annäherungsversuchen stets überkommen hatten. Doch nun nagte wieder der Zweifel an ihr. Tatsächlich wirkte er kein bisschen verlegen, obwohl sie ihn im Beisein dieses hübschen Mädchens ertappt hatte. Da lag er nun wie in einem Alkoven, auf den Frühling und auf Frauenbeine in Seidenstrümpfen lauernd. Mit dem anzüglichen Blumenstrauß auf dem Erdhaufen wirkte er anrüchig und beinahe gefährlich. Der verunsicherten Madame Lasquin fiel ein exotischer Roman ein, den sie vor einiger Zeit gelesen hatte, ein ungesunder Roman, in dem sich auf einem türkischen Friedhof die absonderlichsten Dinge zugetragen hatten. Sie wusste nicht mehr, ob die Paarungen zwischen Lebenden oder Toten stattgefunden hatten, jedenfalls hatten die einen wie die anderen an höchst anstößigen Spielen teilgehabt. Und wenn sich derartige Dinge auf türkischen Friedhöfen zutrugen, mussten sie in Paris erst recht gang und gäbe sein. Man musste den Tatsachen ins Auge sehen. So neu die Witwenrolle für Madame Lasquin war, so bereitete sie ihr doch bereits einige Genugtuung.

»Pierre, irgendwann muss ich es Ihnen ja doch sagen. Er betrügt mich.«

Nach der Rückkehr vom Friedhof hatte sie sich mit ihrem Schwiegersohn in ein Zimmer des oberen Stockwerks zurückgezogen.

»Wer denn?«, fragte er mit ruhiger Fürsorglichkeit.

»Wer? Na er, mein Mann. Hier, den habe ich heute Morgen erhalten.«

Während er den anonymen Brief las, musterte sie ihn mit wachsamen Blicken. Aber entgegen Madame Lasquins Erwartung zeichneten sich auf Pierres Gesicht keine Gefühle der Empörung oder verletzten Scham ab. Die Sache war offenbar gründlich danebengegangen. Sie warf sich vor, ihn nicht ausreichend vorbereitet, ihn nicht in die richtige Stimmung gebracht zu haben, und dachte voller Neid an das, was ihre Köchin und die Gräfin Piédange ihr zu dem Thema anvertraut hatten. Letztes Mal hatte die Gräfin ihr von ihrem Mann erzählt und ihr Herz ausgeschüttet. »Ein Schwein ist er!, sage ich Ihnen, ein solches Schwein«, hatte sie wiederholt gegeifert. Madame Lasquin fand dieses Wort unangemessen, ungerecht und auch zu weit von ihrer eigenen Ausdrucksweise entfernt, als dass es ihr selbst über die Lippen gekommen wäre. Sie fühlte sich der Situation nicht gewachsen.