Über Friedemann Karig

Friedemann Karig, geboren 1982, studierte Medienwissenschaften, Politik, Soziologie und VWL und schrieb unter anderem für Süddeutsche Zeitung, SZ-Magazin, Die Zeit, FOCUS und brand.eins. Seit Januar 2016 ist er Autor bei jetzt, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung. Zudem ist Friedemann Karig eines der Gesichter von funk, dem neuen jungen Online-Angebot von ARD und ZDF. Er lebt in Berlin und München.

Informationen zum Buch

Ein neues Zeitalter der Liebe.

Die Monogamie scheint am Ende, jede zweite Ehe wird geschieden. Brauchen wir ein neues Wort für Liebe? Friedemann Karig hat ein offenes und zärtliches Buch geschrieben über Menschen, die die Erfüllung in einer Liebe suchen, die anders ist und frei. Mit allem Schmerz. Mit allem Glück. Mit oder ohne Kinder. Mit oder ohne Happy End. Ein packendes Buch darüber, wie wir heute lieben wollen.

»Friedemann Karig nimmt der Liebe ihre Schwere, ihre Bedrohung, ihre Konventionen. Mit zauberhaften Geschichten und klugen Kommentaren gibt er zurück, was uns genommen wurde: die Leichtigkeit.« Ronja von Rönne

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Friedemann Karig

Wie wir lieben

Vom Ende der Monogamie

Inhaltsübersicht

Über Friedemann Karig

Informationen zum Buch

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Paul & Jelena

Prolog: Die Liebe in Zeiten der Möglichkeiten

Paul & Jelena I: Willst du mit mir gehen?

I. Sex, in letzter Zeit

1. Samantha und die Feuerwehr

2. Ein Bluthund namens Sex

3. Der erotische Markt

4. Tote Hose

Livia & Thomas

II. Sex, damals

5. Frauen und das Feuer

6. Der Coolidge-Effekt

7. Sex in der Höhle

Paul & Jelena II: Abenteuer erleben dürfen

8. Der schlimmste Fehler der Menschheit

9. Schlamassel im Schlaraffenland

Jakob & Francesca

III. Eifersucht

10. Peak Eifersucht

11. Warum Eifersucht??

12. Das Gegenteil von Eifersucht

Louise

IV. Liebe

13. Auf eine Piña Colada

14. Eine kurze Geschichte der Liebe

15. Die Qual der Wahl

Paul & Jelena III: Die höchste Form der Liebe

16. Was ist Liebe?

17. Wie wird Liebe werden?

Jasper & Marie

V. Treue

18. Ein untreues Tier

19. Wozu noch Monogamie?

20. Bis dass der Tod

21. L’amour pour l’amour

Viktor & Veronique

VII. Freiheit

22. Die verbotene Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane

23. Meine keine Familie

Paul & Jelena IV: Loslassen lernen

24. Sex macht Macht

25. Dürfen die das?

26. Der innere Kampf

Mara & Patricia

27. Wie miteinander frei sein?

Epilog: Modern Love

Dank

Literaturverzeichnis

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Impressum

Für K, G, S, J, M und L
Alles wird gut.

Paul & Jelena

In einer Sommernacht vor sieben Jahren trifft ein Junge ein Mädchen. Es ist spät. Der Club ist voll. Sie sind betrunken. Sie reden, tanzen, trinken.

Sie küssen sich.

Er fragt: Gehen wir zu mir?

Sie sagt: Okay. Aber ich will deinen Namen nicht wissen. Und dir meinen nicht sagen. 

Er wohnt um die Ecke, aber sie schaffen es nur bis hinter einen Bauwagen. Sie dreht sich um. Er zieht ihre Hose runter. Ob sie jemand sieht? Völlig egal.

Da ist etwas zwischen ihnen. Von der ersten Sekunde an. Jede Berührung elektrisch. Jeder Kuss magisch. Anders.

Wahnsinn, denkt er, als er sie in seinem Bett sieht.

Als sie schläft, kramt er in ihrer Handtasche nach ihrem Personalausweis. Am nächsten Morgen ist sie weg. Er weiß nur: Jelena. 19 Jahre. Geboren in St. Petersburg. Und dass er sie wiedersehen muss.

Wenn Paul heute von dieser wilden ersten Nacht erzählt, kichert er wie ein kleiner Junge. Dann sagt er: »Wäre vielleicht besser gewesen, der Filmriss hätte sie sofort aus meinem Kopf gelöscht.«

Statt sie zu vergessen, sucht und findet Paul sie. Drei Monate später sind sie ein Paar. Zwei Jahre danach ziehen sie in ihre erste gemeinsame Wohnung. Wieder drei Wochen später ist sie schwanger.

Zu jung, um nur Mutter zu sein, findet sie. Zu jung für Regeln. Also schließen sie einen Pakt: Ein Dream-Team wollen sie sein. Unschlagbar. Kugelsicher. Aber nicht exklusiv miteinander. »Abenteuer erleben dürfen«, nennen sie das. Die Abmachung: Solange es nur Sex ist, ist alles erlaubt. Aber: Nicht im Freundeskreis. Und: Alles wird erzählt. Wenn der andere fragt. Sie vereinbaren, was man eine »offene Beziehung« nennt. Sie ist 21 Jahre alt, er 27. Ihr Sohn ein paar Monate.

Heute, nach sieben Jahren, mit einem zweiten Sohn, nach unzähligen Verletzungen und Versöhnungen, wollen sie ihre Geschichte erzählen. Sie sitzen auf dem Balkon ihrer Wohnung, fünf Stockwerke hoch, zwischen Wein und Kerzen und Zigaretten. Und reden.

Über Lieben und Loslassen. Über Freiheit. Und was sie mit uns macht. Über Sex und Liebe. Und wie sie zusammengehören. Über Eifersucht, und wie man sie bezwingt. Über Macht.

»Sonst wissen wir irgendwann nicht mehr, wie das alles war«, sagt er.

»Vielleicht lernen ja andere etwas daraus«, sagt sie.

»Es hat unfassbar weh getan«, sagt er. »Aber ich würde es wieder tun.«

»Bereuen ist Quatsch«, sagt sie. 

»Es war die höchste Form der Liebe«, sagt er.

Prolog: Die Liebe in Zeiten der Möglichkeiten

»Meine Kunst handelt von Gefühlen. Ich liebe das Leben, und ich liebe Sexualität. Ich liebe es, über Sexualität nachzudenken, über das Verlangen und die Kommunikation. Meine Kunst ist sexy. Das ist ihre Stärke.«

JEFF KOONS

Die Monogamie ist ein Desaster. Zumindest statistisch gesehen. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend. Die durchschnittliche Dauer einer Beziehung beträgt vier Jahre. Rund die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist schon einmal fremdgegangen. Affären sind der häufigste Grund für Scheidungen. Kein Wunder: Ihre sexuellen Wünsche sehen über die Hälfte in ihrer Partnerschaft nicht erfüllt. Monogamer Alltag: Lügen, betrügen, verletzen, verlassen. Kollateralschäden: Die Belastung der 20 Prozent alleinerziehenden Eltern, die Trauer der 160 000 neuen Scheidungskinder jährlich, die ungezählten Tränen, Diskussionen, Therapien. Die Einsamkeit vieler der über 50 Prozent Singles, die deutsche Großstädte heute bewohnen.

»Die Scheidungsraten in dieser Welt hätten«, schreibt die Autorin Anne Waak, »angewendet auf die kommerzielle Luftfahrt, schon lange zur Abschaffung derselben geführt. In unserem Intimleben dagegen gilt ein solches vermeintlich individuelles Scheitern als menschliches Versagen. Und als ganz normale Sache, wegen der nichtsdestotrotz nicht wenige die furchtbarsten Schmerzen erleiden.«

Aber was ist die Alternative? Die »offene Beziehung«, die »freie Liebe«, die »wilde Ehe«? Schon diese Begriffe klingen seltsam. Nach linken Kommunen und Sauna-Clubs. Wie verwaschene Unterhosen, auf Kniehöhe runtergezogen. Wie ein Boden, auf dem man leicht ausrutscht. Unsicher. Gefährlich. Solche Begriffe führen das geistige Auge in Swinger-Läden, Hippie-Camps, zu den vergilbten Teetassen ewig notgeiler Alt-68er. Das Gefühl: Unsicherheit, Ablehnung, Rückzug. Die Reizvokabeln »Kommune« und »Polygamie« schmecken nach krampfhafter Rebellion, nach Schutzlosigkeit, Verletzung, Unglück.

Uns fehlt offenbar schon das Vokabular. Entweder man ist »zusammen«, also ein Paar. Oder man ist es nicht. Eine Beziehung kann zwar »offen« sein. Aber eigentlich ist unser Liebesleben binär codiert. Es gibt nur: 1 oder 0. Wer einmal verheiratet ist, scheint für immer an die Ehe gebunden. Er ist eins. Bis er sich scheiden lässt. Dann ist er wieder allein. Null.

Während die Welt immer komplizierter wird (und wir uns darüber lauthals beschweren), bleiben unsere Beziehungen simpel. Schwarz oder weiß. An oder aus. Hund oder Katze. Genügt uns das?

Freiheit ist das große Projekt der Moderne, das Ideal unserer Zeit. Aber Freiheit kann auch zu Verzweiflung, zu Orientierungs- und Sinnlosigkeit führen. Und besonders emotionale und sexuelle Freiheit, schreibt die Soziologin Eva Illouz, zieht »ihre eigenen Formen des Leids nach sich«.

Wir sind heute freier als jemals zuvor. Aber wir nutzen die Freiheit nicht. Wir verlangen uns und unseren Partnern viel, manchmal Unmenschliches ab. Statt die Regeln, nach denen wir zusammenleben, zu verändern, passen wir uns an. Immer wieder. Mit sehr überschaubarem Erfolg. Vielleicht also ist es Zeit, neu darüber zu denken. Mehr Freiheit, weniger Angst zu wagen?

Die Menschen, die in diesem Buch von ihrer Liebe erzählen, haben genau das getan. Sie haben ein neues Wort für ihre Liebe gesucht, einen neuen Code, eine neue Chiffre, eine neue Erzählung. Sie haben sich geöffnet. Sie haben sich ihren Ängsten gestellt. Um sich selbst und ihre Träume zu finden.

Ihre Erzählungen sind wichtig, weil dieses Buch keine Werbung sein will für ein wie auch immer geartetes Konzept »offener«, freierer Liebe. Kein Handbuch, das erklären will, wie etwas funktioniert oder nicht.

Lieber erzählt dieses Buch von der Liebe. Denn nirgends und niemals versteht der Mensch so gut wie durch, in, mit Geschichten. Alles, was wir wissen, lernen und lehren wir durch Beispiele, Storys, Vorbilder. Wir sind nichts anderes als Geschichten erzählende Affen. Erzählende, liebende, leidende Affen. Deshalb ist dieses Buch zuallererst eine Sammlung von Liebesgeschichten.

Es sind wahre Begebenheiten, die so erlebt und mir erzählt wurden. Bei Drinks und Zigaretten, unter viel Lachen und ein paar Tränen. Geschichten wie die von Jelena und Paul, die sich im Rausch kennenlernen und wie im Rausch leben. Wie die von Jakob und Francesca, die miteinander und mit vielen anderen durchs Leben tanzten, bis ihnen anderes wichtiger wurde. Wie die von Luoise, die zwei Männer liebt, ohne ihre Liebe teilen zu müssen. Wie die von Jasper und Marie, die sich immer treu waren, ohne nur einander zu küssen. Wie die von Livia und Thomas, die mit ihrer kleinen Tochter im Reihenhaus leben, aber manchmal einen speziellen Gast empfangen. Wie die von Viktor und Veronique, von Patricia, Mara und einigen mehr. Sie alle haben erlebt, wovon sie erzählen. Sie alle versuchen etwas. Sie alle lieben.

Zwischen den Geschichten stehen einige Gedanken – die überblättern kann, wer nur die Love Storys lesen möchte – darüber, warum manche Dinge zwischen Herz und Hose vielleicht so sind, wie sie sind. Wie die Liebe früher wirklich war. Und warum sie heute so ist, wie sie ist. Denn zum Glück wissen wir heute so viel wie noch nie über Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Über das Wie und Warum unserer Zweisamkeit (und Mehrsamkeit). Das geht viel weiter zurück, als wir denken. Wer wirklich verstehen will, warum Menschen wie lieben, liest über die Entstehung unserer Art. Über Liebe in der Steinzeit. Über die Lust der Frau und den Trieb des Mannes. Und über eine Kultur, die beide viel zu lange zu fesseln versuchte.

Auch dieses Buch ist Teil einer Kultur, in der sich einzelne Gedanken über Sachen machen, die alle angehen. Das Tröstliche möchte ich gleich zu Anfang verraten: Ich bin nicht Dr. Love. Ich kenne keine Tricks oder Zaubersprüche. Ich durfte einige Menschen treffen, die etwas geschafft haben.

Ob das alle schaffen können oder sogar sollen? Wer weiß. Man kann sich jahrelang mit der Liebe beschäftigen, theoretisch wie praktisch. Aber wirklich wissen, wie sie »geht« – das ist etwas anderes. Wenn es überhaupt möglich ist. Vermutlich sticht das Fühlen immer das Wissen. Vermutlich sollte man Fühlen und Wissen gar nicht als Gegensätze denken. Aber das ist ein anderes Thema.

Ein Buch über Liebe, Sex und Zärtlichkeit zu schreiben, stellt einen vor interessante Fragen. Bei jedem zweiten Satz denkt man: Was sagt wohl meine Mutter dazu? Meine Freunde? Die Frau, die ich einmal heiraten will?

Liebe und Sex sind und bleiben komplizierte, intime und vor allem persönliche Themen. Jeder und jede tickt anders. Es ist nicht immer leicht, ehrlich darüber nachzudenken oder gar zu sprechen und zu schreiben. Man kann ein Buch schreiben, dutzende Bücher lesen, ein Jahr lang an nichts anderes denken – und dennoch sehr unsicher sein. Awkward heißt das im Englischen. Es gibt kein besseres deutsches Wort dafür als peinlich. Es ist uns schmerzhaft unangenehm, uns öffentlich mit unserem innersten Wesen auseinanderzusetzen, auch im Jahre des Herrn 2017. Wir fliegen zum Mond und blicken in den Ursprung unserer Gene. Aber Sex?

Das Gute ist: Das ist völlig okay. Wir alle sind unsicher. Wer sicher tut, will meistens nur seine Unsicherheit verbergen. Und wie soll man angesichts von so etwas Schönem und Großem wie der Liebe nicht unsicher sein? Sie bleibt ein riesiges Planschbecken – und wir Nichtschwimmer. Manchmal geht einer unter. Mancher schafft einen Salto vom Rand. Und manche schwimmen sich ein bisschen freier als andere.

Die sogenannte »offene Beziehung« wird gelebt, überall. Ich behaupte: Jeder kennt jemanden, der sie probiert. Zumindest über ein paar Ecken. Ein Prozent der Deutschen, so schätzen manche, angeblich vier Prozent der Amerikaner versuchen schon ein freieres Beziehungskonzept. Fast alle Menschen in diesem Buch habe ich über ein, maximal zwei Schritte kennengelernt. Es sind keine Freaks, keine Hippies oder Spinner. Sie haben sicher nicht die letzte Weisheit gefunden. Aber sie haben etwas erlebt. Man kann ihnen zuhören. Und dabei womöglich mehr erfahren als aus zwanzig Fachbüchern. »Schreib das bitte alles auf«, sagten Paul und Jelena damals zu mir, »bevor wir es vergessen. Vielleicht lernen ja andere etwas daraus.«

Diese Menschen erzählen Geschichten, wie sie nur die Liebe schreiben kann. Diese ihre Liebe ist eine sehr bewusste Liebe. Eine Liebe, die sich selbst in Frage stellt und dabei neue Antworten findet. Eine Liebe, die mehr will. Vielleicht sogar alles.

Paul & Jelena I: Willst du mit mir gehen?

In ihrer ersten gemeinsamen Nacht ist Paul seit drei Wochen solo, seine Freundin hat ihn verlassen, er ist »deprimiert und untervögelt«. Er will Jelena aufreißen, mit der »asozialen Nummer«. Hält sie fest. Trinkt aus ihrem Glas. Erzählt, wie gut er im Bett ist. Sie, rot gefärbte Haare, rote Fingernägel, findet das: »Geil. Endlich mal ein Arsch.«

Dass er gar keiner ist, eher das Gegenteil? »Habe ich irgendwann später rausgefunden.« Lange nach dem Bauwagen, hinter dem sie zum ersten Mal Sex haben.

»Der lag auf dem Weg«, sagt sie. »Ist doch spannend!«

Am nächsten Morgen muss sie früh raus. Arbeiten. Behindertenbetreuung. Und abends zu Subway, Sandwiches schmieren. Das erzählt sie ihm. Also sucht er den Laden, schaut erst im falschen. Dann findet er sie, kurz vor Feierabend. Hilft ihr beim Aufräumen. Bis ein Punk mit schwarzen Haaren vor dem Fenster steht, böse schaut. »Das war mein damaliger Freund.« Zwei Jahre ist Jelena mit ihm zusammen. Paul ist ihr zweiter »Ausrutscher«. Sie spürt, dass es zu Ende ist. Also sagt sie zu Paul: »Du gehst jetzt sofort hinten raus. Und wartest da.« Sie schickt den anderen weg. Dann gehen Paul und Jelena trinken. Dann gehen sie heim.

Und so beginnt es. 

Sie können kaum voneinander lassen. Drei-, viermal am Tag fallen sie übereinander her. »Es war total geil, ich hatte überall blaue Flecken«, sagt sie.

Die körperliche Anziehungskraft wirft sie fast um. Sie spüren den reinen, puren Trieb. Die unbedingte Lust, einander anzufassen, zu riechen und zu schmecken, miteinander eins zu sein. Und noch etwas anderes: eine Magie, nicht von dieser Welt. »Das bisschen Feinstaub, den es eben braucht, um sich bedingungslos ineinander zu stürzen«, sagt Paul. Sie empfinden, was Menschen seit Jahrtausenden dazu gebracht hat, alles andere zu vergessen.

Was ist noch Sex, was ist schon mehr? Wie soll man es nennen? Ist das nicht völlig egal, wenn nur der andere zählt? Wenn man kaum zum Essen kommt, weil der Mund nur noch küssen will?

Paul fliegt für vier Wochen nach Bali. Und stellt ihr ein Ultimatum. »Wenn ich wiederkomme, will ich wissen, wo das hinführt.« Er ist mit dem Ideal der großen Liebe aufgewachsen. »Man muss denken: Das ist für immer. Egal, was kommt. Und alles investieren.« Wie auf den Zetteln in der Schule: »Willst du mit mir gehen? Ja oder nein

Er lächelt.

»Das Vielleicht gab es damals noch nicht.«

Auf Bali hat er was mit einer Fremden. Aber als er nach München zurückkommt, will er die Entscheidung. Am Tag vor seiner Ankunft bekommt sie Panik. »Also habe ich nachts um zwölf einen Typen angerufen und ihn an der Isar getroffen. Einmal noch einen anderen, dachte ich.«

Als sie sich am nächsten Tag wiedersehen, auf einer Brücke, scheint die Sonne. Beide sind aufgeregt. »Dieses kleine wilde Ding, da kann alles passieren«, denkt er. Dann küsst er sie einfach.

»Wir waren verliebt«, sagt sie.

Es beginnt ihre große Zeit, ein endloser Sommer. Paul studiert ein bisschen Soziologie. Arbeitet hinter der Bar. Lebt vor der Bar. Er kennt die halbe Stadt. Und die andere Hälfte würde ihn gern kennen. Sie gehen aus, liegen am Fluss, lesen sich gegenseitig Artikel aus der Zeitung vor. Ein Dream-Team.

Der erste Mann neben Paul kommt im Herbst. Er ist Fitnesstrainer und DJ. »Ich bin in seinem VW-Bus eingepennt und nicht nach Hause gekommen«, sagt sie. »Aber ich kann nicht lügen.«

Als sie Paul davon erzählt, weinen beide.

»Wie konntest du?«, schreit er.

Paul will sie eine Woche lang nicht sehen.

Jelena kann eine Woche nichts mehr essen.

Als sie sich wiedertreffen, liegen sie sich in den Armen. Und beschließen: Das kann es doch nicht gewesen sein. Wir gehören zusammen. Egal, was passiert.

»Was man halt so macht«, sagt Paul heute. »Die komplette Leier: Kann ich dir noch mal vertrauen? Wollen wir deswegen alles aufs Spiel setzen?«

Er ist verletzt, er rächt sich, mit einer anderen, »die hatte das Dekolleté tätowiert«.

Sie verzeihen einander. Warum auch nicht? Fremdgehen ist nichts Besonderes. Irgendwann, kann man meinen, irgendwann betrügen sich doch alle. Weil die Beziehung zu eng ist. Oder nicht eng genug. Irgendein Grund findet sich immer. Weil es 1000 Gründe gibt, fremdzugehen. Und nur einen, treu zu bleiben.

»Der weit verbreitete Seitensprung, diese tausende Jahre alte Institution«, findet Paul, »ist doch der Beweis, dass etwas mit dem klassischen Beziehungsmodell nicht stimmt.«

Wirklich? Viele Paare leben es vor: Einmal ist keinmal. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Was uns nicht umbringt, härtet uns ab. Und immer so weiter. Paul und Jelena fragen sich: Welche Beziehung funktioniert schon ohne jede Lüge? Was ist ein bisschen Sex gegen vierzig Jahre eines gemeinsamen Lebens? Und was ist Sex heute überhaupt? Sind wir wirklich frei?

I. Sex, in letzter Zeit

1. Samantha und die Feuerwehr

I had me a boy, turned him into a man

I showed him all the things he didn’t understand,

Oh, oh, then I let him go.

Now, there’s one in California who’s been cursin’ my name

Cause I found me a better lover in the UK

Hey, hey, until I make my getaway.

ELLE KING, EX’S AND OH’S

Als die Kellnerin die pochierten Frühstückseier bringt, kann Samantha endlich von ihrer heißen Nacht mit dem Feuerwehrmann berichten. »Er war genau wie die schmutzige Phantasie, die ich im Kopf hatte«, schwärmt sie. »Bitte lasst mich euch von seinem Schwanz erzählen!«

»Samantha, hinter dir sitzen Leute mit einem Kind«, weist Charlotte sie zurecht.

»Nun, das Kind war ja ihre Entscheidung«, antwortet Samantha.

So beginnt eine Szene in »Sex and the City«, der Serie, die in 94 Folgen und zwei Kinofilmen wie kaum eine andere von etwas erzählt, was während 99,9 Prozent der Geschichte der zivilisierten Menschheit völlig undenkbar war: freie weibliche Sexualität. Die Handlung ist schnell erklärt: Vier New Yorkerinnen suchen Mr. Right – oder zumindest Mr. Gutimbett. Als die Serie 1998 startete, war sie eine Sensation. Zum ersten Mal wurde von alleinstehenden Frauen erzählt, die zwar alle »den Richtigen« suchen, aber dabei tun und lassen, was sie wollen. So gehören »die unzähligen Dates, Affären und Beziehungen genauso zum Alltag der vier wie die morgendlichen Diskussionen darüber im Café«, weiß Wikipedia.

Sex ist für Samantha und ihre Freundinnen nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Persönlichkeitsdimension wie Intellekt oder Emotion. Eine der Hauptstraßen der Selbstverwirklichung. Und natürlich wichtiger Bestandteil von Liebe und darauf basierenden, langfristig angelegten Beziehungen. Aber manchmal eben auch nur ein Hobby, ein wortwörtlich lustiges Thema, das beim Frühstück mit den besten Freundinnen besprochen wird. Und das geht so:

Charlotte: »Ich finde es falsch, mit Männern zu schlafen, nur weil sie eine Phantasie erfüllen.«

Samantha: »Bitte, alle Männer, mit denen wir schlafen, erfüllen eine bestimmte Phantasie.«

Carry: »Oder einen Albtraum.«

Samantha: »Du träumst von einem Mann mit einem Apartment auf der Park Avenue und einem schönen großen Aktiendepot, bei mir ist es eben ein Feuerwehrmann mit einem schönen, großen Schlauch.«

Damit diese Phantasie in Erfüllung geht, so verrät uns die Erzählerin Carry in der anschließenden Rückblende, musste Samantha selbst aktiv werden. Sie verführt den Feuerwehrmann ihrer Wahl direkt am Ort der Erotik, seiner Feuerwache, inklusive laszivem Herabgleiten an der berühmten Rutschstange. Sie liebt ihn angelehnt an einen Spritzenwagen und probiert in einem kurzen Rollentausch sogar seine Stiefel und Uniform an. Natürlich nur, um sie sofort wieder auszuziehen.

Doch dann: Alarm! Die Feuerwehr muss ausrücken. Samantha bleibt halbnackt zurück.

»Sie musste lernen«, schließt Carrie, »dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Rettungs-Phantasie und Rettungs-Realität gibt.«

Diese kurze Szene kann uns alles erklären, was man wissen muss über das merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer (westlicher) Großstädter: Mann und Frau können tun und lassen, was er oder sie will. Phantasien und Gelüste sind dazu da, in die Realität umgesetzt zu werden (auch wenn sie komisch enden). Jeder darf seine eigenen Vorlieben pflegen, die mal mit Status, mal mit Geld, mal mit einer Geschichte oder einfach mit anatomischen Vorzügen zu tun haben. Wer lieber Kinder bekommt, kann sie bekommen, muss dann aber eventuell sexuell zurückstecken. Wer noch keine Kinder hat, redet eben beim Frühstück über untenrum. Kurz: Sex ist ein riesiger Haufen Spaß. Oder könnte es zumindest sein. Zumindest für den privilegierten Teil der Menschheit in westlichen Demokratien, wo sexuelle Freiheit nicht nur im Gesetz steht, sondern auch gelebt wird.

Für uns fühlt es sich heute so an, als wäre das schon immer so gewesen. Wir haben das Geschenk der befreiten Sexualität von unseren Eltern angenommen, ausgepackt, mit leuchtenden Augen betrachtet. Und uns dann schneller daran gewöhnt, als Samantha auf der Feuerwehrwache aus ihrem Kleid springen konnte. Wir fühlen uns aufgeklärt und reif, kompetent und frei.

Dabei ist Sex erst einen winzigen Augenblick lang wirklich frei. Würde die Geschichte der Menschheit einen Tag umfassen, hätten wir erst seit ungefähr fünf Minuten die volle Auswahl an Partnern, Praktiken, Perversionen. In Wahrheit sind wir noch völlig überrumpelt von all den Möglichkeiten, nachdem wir den ganzen Tag darauf warten mussten, endlich loszulegen.

Denn es war ein langer und sehr dunkler Tag.

2. Ein Bluthund namens Sex

»Während die alte Sexualität positiv mystifiziert wurde als Medium der Befreiung, als Rausch und Ekstase, wird die neue negativ mystifiziert als Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit der Geschlechter, Gewalt, Missbrauch und tödlicher Infektion.«

VOLKMAR SIGUSCH,
SEXUELLE STÖRUNGEN UND IHRE BEHANDLUNG

Es war der Winter 1644 in Boston, Massachusetts, USA. Ein gewisser James Britton wurde krank. Sehr krank. Voller Angst, seine Krankheit könnte Gottes Strafe für vergangene Missetaten sein, legte er ein öffentliches Schuldbekenntnis ab. Unter anderem gestand er, dass er im Zustand der Volltrunkenheit versucht habe, mit einer gewissen Mary Latham zu schlafen, einer jungen Braut aus guter Familie. Und dass dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei.

Obwohl Mary Latham weit entfernt in der Kolonie von Plymouth wohnte, wurde sie verhaftet und über Eis und Schnee nach Boston gekarrt. Sie beteuerte, es sei zu keinem Sexualakt gekommen. Trotzdem (oder gerade deshalb) befand man Mary Latham des Ehebruchs schuldig. Sie brach zusammen.

Die zeitgenössischen Quellen verzeichnen mit Befriedigung ihre Reue: Sie habe »tiefe Einsicht in die Verdorbenheit ihrer Sünde« gezeigt und ihren Willen bezeugt, zu sterben, »damit der Gerechtigkeit Genüge getan werde«. Am 21. März, zwei Wochen nach ihrem Prozess, wurde sie zum Galgen geführt. James Britton wurde neben ihr gehängt, auch er »very penitent«, voller Reue. Mary beschwor noch vom Richtplatz herab die Mädchen und jungen Frauen von Boston, sie sollten sich durch ihr Beispiel abschrecken lassen. Dann legte man ihr den Strick um den Hals. Mary Latham wurde 18 Jahre alt.

Wir merken: Sex war noch im 17. Jahrhundert sehr teuer. Selbst wenn er gar nicht vollzogen wurde, konnte er das Leben kosten. Wer nicht als Kind vergewaltigt oder mit zwölf Jahren schon zwangsverheiratet wurde, musste als Mann genug Besitz und Status ansammeln, um heiraten und damit ehelichen Sex haben zu können. Frauen hingegen waren in der Antike und im Mittelalter oft rechtlose Sexobjekte, wurden verschachert, unterdrückt, als Hexen verbrannt. Ohne Geburtenkontrolle oder medizinische Versorgung grassierten Geschlechtskrankheiten. Viele Mütter starben bei der Geburt oft ungewollter Kinder. Männer hatten so viel Sex, wie sie sich leisten konnten. Ansonsten nahmen sie ihn sich gewaltsam. Über allem thronte eine gnadenlose kirchliche Sexualmoral, die so ungefähr alles verbot, was wirklich Spaß macht. Nur eine kleine Elite, die antiken und mittelalterlichen Adligen, und davon meist nur die Männer, hatten mehr oder weniger im Verborgenen den Sex, den sie haben wollten. Weil der Trieb aber stärker ist als jedes Verbot, blühte die »Sünde« und die Prostitution. Mal geduldet, mal erlaubt, mal brutal verfolgt. Durch die Jahrtausende und Gesellschaften hindurch blieb Sex physisch knapp und geistig durch die Kirche, die schon sündige Gedanken mit dem Höllenfeuer bestrafte, brandgefährlich.

In der Geschichte der menschlichen Zivilisation war Sex demnach die meiste Zeit für die meisten Menschen nur selten eine Wonne, sondern viel öfter Statussymbol, Machtinstrument, Gewaltmedium. Und zuallererst natürlich Mittel zur Fortpflanzung, die wiederum Überlebensstrategie war. Kurz: Sex war die meiste Zeit für die meisten Menschen wie ein immer verhungernder Bluthund, den man in Ketten gelegt hat. Wobei auch dieses Bild schief ist. Wem (leichtfertiger) Sex animalisch erscheint, der irrt. Sex zum Spaß ist menschlich, nicht tierisch. Im Tierreich gibt es zahllose Arten, die nur in großen Abständen, zur Zeit des Eisprungs, Sex haben. Lediglich zwei Arten treiben es tagaus, tagein, einfach, weil es geht. Die eine ist menschlich. Die andere, die Bonobos, menschenähnlich. Ein »sexbesessener Affe« verhält sich daher eigentlich menschlich, während sich zwei Menschen, die nur ein oder zweimal im Jahr Sex haben, es nur selten und nur zur Fortpflanzung in dunklen Nächten in nur einer Stellung miteinander treiben – wie es die Kirche von uns verlangte – sich streng genommen »wie die Tiere aufführen«.

Nach dem dunklen Mittelalter wurde alles nur langsam besser. Auch im Zeitalter der sogenannten »Aufklärung«, noch bis weit in die Moderne hinein, herrschte weiter die Doppelmoral einer vorgetäuschten Prüderie. Sex war offiziell weiterhin Eheleuten vorbehalten. Ein tugendhaftes Leben sah Geschlechtsverkehr nur in Missionarsstellung vor, und zwar zur Fortpflanzung. Trieb und Begierde waren des Teufels, für Menschen nicht akzeptabel, jedenfalls um jeden Preis zu unterdrücken.

Und gleichzeitig blühte das Geschäft mit dem unterdrückten Verlangen. Der britische Schriftsteller John Fowles beschreibt in Die Geliebte des französischen Leutnants die sexuelle Heuchelei im England des 19. Jahrhunderts, »eine Zeit, in der die Frau geheiligt war; und in der man um ein paar Pfund, ja um ein paar Schilling ein dreizehnjähriges Mädchen kaufen konnte, wenn man es für eine oder zwei Stunden haben wollte. (…) Niemals vorher hatte man den weiblichen Körper so der Sicht entzogen; und jeder Bildhauer wurde danach beurteilt, wie er nackte Frauen in Stein meißeln konnte. (…) Allgemein wurde behauptet, bei Frauen trete kein Orgasmus ein; und jede Prostituierte besaß die Fähigkeit, ihn vorzutäuschen.«

Vorneherum zählte nur die lebenslange Treue einer Ehe. Hintenrum riss der Trieb an seinen Ketten. »In London allein gibt es 80 000 Freudenmädchen«, befand Arthur Schopenhauer damals. »Was sind denn diese anderes als (…) wirkliche Menschenopfer auf dem Altare der Monogamie?«

Für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts war die Erotik »fast vollständig in Angst gehüllt«, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett 1974 in seinem modernen Klassiker »Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität« schreibt, »und wurde daher nur durch den Filter der Verdrängung zum Ausdruck gebracht«. Sexuelles Handeln war immer von einem »Gefühl des Verstoßes oder der Verletzung überschattet« – Verletzung des Körpers der Frau oder des gesellschaftlichen Anstandes oder tief verwurzelter Moralvorstellungen, zum Beispiel durch Homosexualität. Der Trieb lag weiter in Ketten. Nunmehr unsichtbaren. Aber nicht minder starken. Wer ihm nachgab, landete zwar nicht wie die armen, verhinderten Sünder James und Mary am Galgen, aber geriet in Verruf, riskierte Status und Ansehen, Aufstiegschancen und oft genug seine soziale Existenz. Im Grunde hatte sich von 1644 bis ins 20. Jahrhundert hinein wenig geändert. Wer auch nur andeutete, etwas anderes zu wollen als den ehelich besiegelten, kirchlich getrauten, gesellschaftlich legitimierten Geschlechtsverkehr, wurde wie der schon erwähnte Bluthund in Ketten gelegt.

3. Der erotische Markt

»Ein Morgen voller Peinlichkeit
ist besser als eine Nacht voller Einsamkeit.«

HANK MOOD

Glück für uns: Im frühen 20. Jahrhundert passiert endlich etwas Entscheidendes mit der Sexualität: Sie wird von Gefühlen, Funktion und vor allem Moral entkoppelt. Sie wird zum Selbstzweck – bei Männern wie so oft erst mal mehr als bei Frauen. Aber auch beim bis dato sexuell völlig rechtlosen Geschlecht. Kurzfristige sexuelle Beziehungen werden denkbar und sind meist von optischer Attraktion eingeleitet. Kurz: Die Individualisierung erfasst den Sex. Sie führt in den 1960ern und 70ern zu dem, was wir heute die »Sexuelle Revolution« nennen. Genereller Wertewandel, politische Liberalisierung, der Machtverlust der Kirchen und nicht zuletzt die Antibabypille ermöglichen endlich eine halbwegs befreite Sexualität. Weite Teile der modernen westlichen Bevölkerung rebellieren gegen Angst und Verdrängung. Der Bluthund sprengt seine Ketten. Das bedeutet: Samantha kann und darf nackt auf die Wache, wenn sie denn will. Paul und Jelena dürfen ihre Beziehung mit Sex hinter einem Bauwagen beginnen. Und am nächsten Morgen fortführen, wie auch immer sie wollen. Mit wem auch immer sie wollen.

»Liebe wird asozial«, behauptet wiederum Richard Sennett. Er beobachtet eine Entgrenzung der intimen Empfindungen. Aus der »Verführung«, die immer eine Verletzung der Sitten war, wird die »Affäre«, die erstmal nur die beteiligten Menschen angeht. Was die anderen tun und denken, wird zwar nicht egal, aber entscheidend viel egaler.

Sennett sieht hier jedoch keine Befreiung, sondern eine Abwertung. Sexualität erscheint ihm offenbar mehr wert, wenn sie etwas kostet. Im Falle der bürgerlich engen Sexualmoral kostete freier Sex eben Status, Familie, Ansehen. Sennett nennt diesen Preis, mit dessen Hilfe Sexualität unterdrückt wurde: »Würde«. Diese bürgerliche Grenzlinie verlief zwischen privatem und öffentlichem Leben. Und sie wurde laut Sennett »auf dem Feld der Erotik von einer vor Angst zitternden Hand gezeichnet«. Man war umgeben von Verboten und Skandalen. Niemand durfte wissen, wen und was man wirklich begehrte. Ein falscher erotischer Schritt, und man konnte seine Existenz verlieren.

Der Bürger des 19. Jahrhunderts klemmte sich den Schwanz ab, wie es ihm die Gesellschaft befahl. Die Bürgerin musste die Beine breit machen, wie ihr von Eltern und Ehemann geheißen. Aber immerhin, so Sennett, taten sie das mit erhobenem Haupt. Wenn wir diese zweifelhafte Würde also verloren haben, was haben wir dafür bekommen?

Etwas ungleich Komplizierteres: Das »Selbst« und seine zentrale Bedeutung. Heute wird alles, besonders das Sexuelle, auf mein Selbst bezogen. Zu allem in der Welt baue ich eine Intimität auf. Und die kann diesen Anspruch natürlich nie erfüllen. Das meint Sennett mit der »Tyrannei der Intimität«: Wenn Stars oder Statussymbole geradezu körperlich begehrt werden, um ihre Bedeutung für das Selbst zu klären, begeben wir uns nach Sennett auf »eine endlose, enttäuschende Suche nach dem Selbst – vermittels der Genitalien«. Wenn Sexualität frei ist, wird alles zu Sex, weil Sex nun mal der stärkste Magnet und Antrieb ist, den wir haben.

Stellt sich die Frage: Ist das nun Erfüllung durch Selbstverwirklichung oder Tyrannei durch Selbstentgrenzung? Jedenfalls wuchern die Möglichkeiten, aber auch die Herausforderungen des Selbst. Dieses neuartige Bewusstsein ist wie ein Kind, das auf der silbernen Hochzeit der Großeltern in die Torte gefallen ist und von der ganzen Verwandtschaft plötzlich so ent- wie begeistert angeschaut wird. Es ist maximal frei. Und schwer überfordert.

Auf einmal muss das Selbst (sexuell) performen, nicht gehorchen. Denn mit der sexuellen Freiheit entsteht ein liberaler Markt der Partnerwahl. Was ein Selbst wert ist, zeigt sich nicht zuletzt am »Erfolg« oder »Marktwert« auf dem Markt der sexuellen Möglichkeiten. Ich muss mich fragen: Wie sind meine Chancen? Wen kann ich »haben«? Wer spielt »in einer anderen Liga«? Aus dem wahrgenommenen oder in sexuellen Beziehungen verwirklichten erotischen Kapital speist sich heute ein großer Teil unseres Selbstwertgefühls.

Wir glauben bewusst oder unbewusst an den freien Markt der Sexualität, auf dem gut performt, wer viele gute Eigenschaften (psychische wie physische wie ökonomische) in die Waagschale werfen kann. Aussehen, Humor, Geld, Intelligenz, Stil, Originalität, Erfolg, eine Feuerwehruniform – das alles kann in erotisches Kapital umgemünzt werden. Die Ökonomie der erotischen Aufmerksamkeit kennt sogar Zinsen: Wer viel hat, bekommt noch mehr, ohne dafür etwas zu tun. Wer begehrt erscheint, wird noch mehr begehrt, denn der Mensch folgt in seiner Wahl instinktiv anderen Menschen. Wir sind, auch sexuell, Herdentiere. Irgendetwas muss doch dran sein an dem Typen, dass die Frauen ihm reihenweise verfallen? Wenn alle auf diese Frau stehen, will ich sie bekommen!

Das alles macht uns zu sexuellen Kapitalisten. Andere direkt oder indirekt erotisch zu stimulieren, ist wichtig für uns. Es ist Teil unserer Selbstverwirklichung. Den Unattraktiven droht nach Axel Honneth die »soziale Unsichtbarkeit«. »Sie sieht mich einfach nicht«, singt Xavier Naidoo über eine unerwiderte Liebe. Will sagen: Sexuelle Anerkennung ist immer auch soziale Anerkennung. Und ohne sind wir quasi nicht existent. Was die Sache noch schwieriger macht. Denn »Attraktivität« und »Sex-Appeal« sind einer unberechenbaren Geschmacksdynamik unterworfen. Und Anerkennung wird umso wichtiger, je unsicherer ihre Quelle ist. Wir sind also kleine Nussschalen auf den Ozeanen der zwischenmenschlichen Zuneigungen. Wir brauchen jeden Anker, den wir kriegen können. Wir sehnen uns nach einem Hafen.

Der Stress dieser hektischen Sex-Börse ist ein triftiger Grund, sich fest zu binden. Wer keine Lust mehr hat auf das ewige Missverhältnis von Angebot und Nachfrage, auf störrische Liebhaber und Selbstzweifel, der heiratet, sobald er kann. Und schaut belustigt auf die Singles, die entweder hysterisch übereinander herfallen oder sich betont entspannt raushalten und gar keinen Sex mehr haben. Vor allem Frauen scheinen irgendwann keine Nerven mehr zu haben für die Horde an brünstigen Männern, die sie »rumkriegen« will. Keine Frage: Sich glücklich verlieben ist schön. Umso schöner, als es uns viel Ärger erspart.

Dieser sexuelle Markt ist heute nahezu komplett entfesselt. Denn theoretisch kann jeder mit jedem ins Bett. Wirken auf einem Heiratsmarkt, auf dem es um lebenslange, ökonomische Bindungen mit dem Ziel der Fortpflanzung geht, noch einige begrenzende Faktoren, etwa vormoderne Standesdünkel oder gemeinsame Vorstellungen hinsichtlich der Erziehung, so sind auf dem Sexmarkt Status, Geld und Beruf nur jeweils ein Faktor unter vielen. Sie spielen eine Rolle. Aber nicht zwangsläufig, nicht für alle, nicht immer. Und sie können individuell auch umgedreht werden, zum Beispiel wenn ökonomisch besser gestellte »Bonzen« oder »Schnösel« als weniger attraktiv angesehen werden als die ehrlichen Feuerwehrmänner von der Wache nebenan. Oder wenn eine soziale Spannung zwischen zwei Menschen die sexuelle Spannung noch erhöht. Für die erfolgreiche Journalistin Carrie mag Geld wichtig, weil erotisch sein. Für die erfolgreiche Unternehmerin Samantha zählt eher ein subjektives erotisches Momentum. Sozio-ökonomische Exotik, in Phantasien von Bauarbeitern und Krankenschwestern, kommt oft in der Erotik, öfters jedoch noch in der Pornographie als ihrer Kulturindustrie vor. Alles und nichts kann eine positive oder negative Rolle spielen: Ähnlichkeit, psychisch wie physisch, Freundlichkeit, Arroganz, Bildung, Musikgeschmack, der Verzicht auf Unterwäsche. Whatever floats your boat, wie der Amerikaner sagt.

Diese entfesselte Sexualität wird in (eigens dafür geschaffenen) sozialen Räumen ausgelebt: Bars, Clubs, Sauna-Clubs, Tinder. Alles kann, nichts muss. Wo Regeln auf der einen Seite abnehmen, suchen wir vermeintliche Sicherheit im Kontext. Deshalb herrschen in diesen Räumen heute vor allem ungeschriebene Regeln: Es gibt eine Dating-Moral, wir machen Safer Sex, der Mann spricht immer noch eher die Frau an der Bar an, ein nächtlicher Kaffee auf dem Heimweg bei ihr kann, muss aber keine Aufforderung sein, sich auszuziehen.

Diese freie, aber sozial sanft umzäunte Sexualität wird von boomenden Narrativen erzählt: Sex and the City oder How I Met Your Mother, Der Bachelor oder Verbotene Liebe. Hier verhandeln wir, wie wir sexuell sein sollen und wollen. Von diesen Storys können wir viel über unsere heutige Sexualität lernen. Sie führt – so erzählen es die meisten Geschichten, so singen es die meisten Lieder, so ersehnen es die meisten Menschen – zu einer romantischen Liebe. Sex geht, so lieb wir ihn als Hobby gewonnen haben und als Gradmesser der Kompatibilität zu Liebhabern nutzen, in etwas Größerem, etwas Heiligem auf. Sexualität hat heute immer noch einen Nutzen. Und einen Zweck. So frei sie sein mag, spannen wir sie doch meist vor den Karren eines übergeordneten Lebensglück(e)s. Auf dass sie uns zu der einen Liebe zieht.

Fassen wir zusammen: Tausende Jahre war unsere Sexualität unterdrückt. Erst seit einigen Jahrzehnten ist sie mehr oder weniger frei. Kein Wunder, dass wir große Probleme damit haben, unsere Rolle in diesem Spiel zu finden. Und doch: Die sexuelle Freiheit ist in den westlichen Demokratien verfassungsrechtlich geschützt. Sie ist ein Grundrecht. Also leben wir uns aus. Unter anderem, indem wir um die besten Sexpartner buhlen. Diese erotische Konkurrenz und dieser Wettbewerb bestimmen den Lebensabschnitt der Suche, bis man den bestmöglichen Partner im Wortsinne »erworben« hat (mehr zur Partnerwahl und dem Heiratsmarkt in Kapitel 14)

Seit der Pubertät versuchen wir als gute Körper-Kapitalisten, den bestmöglichen Sex zu ergattern. Um dann endlich in Ruhe lieben zu können. Aber nach dem Happy End, nach dem Abspann? Was macht das wilde Biest der Sexualität, nachdem wir uns »fest« gebunden haben? Wird dann endlich alles gut?

4. Tote Hose

»Letztes Mal, als ich versuchte, mit meiner Ehefrau Liebe zu machen, passierte nichts. Bei uns beiden nicht. Also sagte ich zu ihr: ›Was ist los? Fällt dir auch niemand anderes mehr ein?‹«

RODNEY DANGERFIELD

Magisch, überirdisch, nicht von dieser Welt. Sex mit einem geliebten Menschen, im sicheren Raum einer gemeinsam gestalteten Beziehung, diese Sekunden und Minuten nächster Nähe zu meinem einen einzigen Gegenstück, das Atmen ihres Atems, die Millionen Moleküle, die wir teilen, Haut auf Haut, Seele an Seele – das ist vielleicht das größte, was wir als Menschen erleben können. Der Moment, in dem man eins wird mit jemandem, dem man sich so nahe fühlt wie sich selbst – er wurde unendlich oft besungen und gepriesen. Zu Recht.

Man kann es auch weniger metaphysisch erklären: Verliebte sind berauscht von körpereigenen Euphoriedrogen, allen voran Dopamin. Die rein sexuelle Lust multipliziert sich in einer Beziehung mit der Hingabe an den einen besonderen Menschen. Oxytocin, das Nähe-Hormon, flutet unsere Systeme. Verliebte finden im Bett den Sinn des Lebens. Sie berühren die Unendlichkeit.

Doch inzwischen ist bekannt: Selbst in der größten Liebe lässt die Lust irgendwann nach. Die sexuelle Gewöhnung, die für manche guten Sex anfangs erst ermöglicht, die Vertrautheit und Nähe, die uns aneinander binden und glücklich machen – all das führt spätestens nach drei bis vier Jahren dazu, dass das Dopamin nur noch spärlich aus den Nervenzellen abgegeben wird. Diese nahezu zwangsläufige »tote Hose im Bett« ist ein so unendlich ausgewalztes, banalisiertes Standardproblem der Moderne wie Durchfall, Übergewicht oder die Autopanne in der Einöde. Niemand bestreitet, dass es ihm passieren könnte. Wir haben gelernt: Auf die große Liebe, die »Schmetterlinge im Bauch« und all die anderen Regungen etwas weiter unten, folgt fast zwangsläufig die sexuelle Routine. Und genau die macht Beziehungen kaputt.

Sexuelle Unzufriedenheit ist Beziehungskiller Nummer eins, belegt eine Studie der Universität Göttingen bei mehr als 50 000 Männern und Frauen. 49 Prozent der Befragten gaben an, dass vor allem sexuelle Probleme die Partnerschaft belasten würden. Fast die Hälfte aller deutschen Paare lebt oft über Wochen ohne Sex, ergab eine Umfrage der Zeitschrift »Psychologie Heute«. 39 Prozent der deutschen Männer gucken angeblich lieber Pornos als Sex mit ihrem Partner zu haben.

Die Psychologin Kirsten von Sydow von der Universität Hamburg berichtet im SZ-Magazin: »Im ersten Jahr des Zusammenlebens sinkt die koitale Aktivität von zweieinhalb- bis dreimal pro Woche auf knapp zweimal, danach nimmt sie über zwei bis drei Jahre weiter ab.« Was den weiteren Verlauf angeht, sind die Ergebnisse widersprüchlich. Die meisten Studien stellen einen weiteren, allerdings verlangsamten Niedergang der Libido fest. Nur sieben Prozent aller verheirateten Amerikaner geben an, ihren »ehelichen Pflichten« viermal wöchentlich oder öfter nachzukommen, ermittelt der Psychologe Roy Baumeister von der Case Western University. Genau doppelt so viele räumen dagegen ein, sie hätten im vergangenen Jahr höchstens ein paarmal oder überhaupt keinen »Intimverkehr« gehabt. Bei homosexuellen und lesbischen Pärchen geht die Koitusfrequenz ebenso stark zurück. Und das ist keine Altersfrage. Nach einer Scheidung kehren Wiederverheiratete mit neuem Schwung auf die sexuelle Achterbahn zurück. Frisch verliebte Sechzigjährige haben mehr Sex als Dreißigjährige, die seit zehn Jahren in einer festen Beziehung leben. »Dauerhafte Sicherheit und häufiger, guter Sex schließen sich aus«, beobachtet von Sydow. Statistisch gesehen. Es gibt sicher viele Paare, deren nach Jahrzehnten noch quicklebendiges Sexleben diese Regel als Ausnahme bestätigt. Und wir alle denken natürlich, dass wir eines dieser Paare bilden werden.

Abgesehen von der reinen Quote nimmt häufig auch die Begeisterung ab. Länger als zehn Jahre Verheiratete scheinen Sex weniger zu genießen als frisch Vermählte. Nach Darstellung des US-Psychologen Roy Baumeister räumen drei Fünftel aller männlichen und vier Fünftel aller weiblichen Ehe-Veteranen ein, sie hätten schon ohne jeden Enthusiasmus Sex gehabt. Nur um ihrer besseren Hälfte einen Gefallen zu tun. Julia Berkic vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik hat Paare in Süddeutschland untersucht, die im Durchschnitt schon 28 Jahre miteinander verheiratet waren. Sie waren keineswegs alle zufrieden und hatten es sich in ihrer Beziehung alles andere als gemütlich gemacht. Im Gegenteil: Mehr als ein Drittel bezeichnete sich als »stabil unglücklich« oder »unsicher und resigniert«. Gottfried Benn konstatierte folgerichtig: »Die Ehe ist eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes.« Wenn morgen Aliens auf der Erde landen, könnten sie denken, die Ehe sei eine Strafe, die wir ungezogenen Singles auferlegen.

Und was machen wir mit diesem desolaten Zustand? »10 Tipps, wie es in der Kiste wieder läuft«, bietet jede zweite Frauen- und Männerzeitschrift jeden zweiten Monat an. Heiße Dessous, erotische Massagen, Rollenspiele, Spielzeuge, Pillen – die Liste an Tricks ist lang. Viele Paare versuchen buchstäblich alles, um ihr Sexleben in Schuss zu halten. Die Autorin Theresa Bäuerlein hat gemeinsam mit ihrem Mann Tom Eckart darüber ein Buch geschrieben. In »Besser als Sex ist besserer Sex« erzählen die zwei, wie sie alles, wirklich alles ausprobierten. Pornos, Sadomaso, Gadgets, Körperfarben, Meditation, noch mehr Pornos. Und am Ende desillusioniert zurückbleiben. Ihre überraschende Lösung zum Schluss: Kommunikation ist wichtig. Zwang bringt nichts.

Wieder andere Paare probieren sogar, der sich steigernden sexuellen Unlust im Bett biologisch-konsequent mit »Dopaminspritzen« entgegenzuwirken. Oder schauen eben Pornos an, damit andere Menschen für sie Sex haben. In beiden Fällen wird aber gleichermaßen probiert, das Gehirn lediglich auszutricksen und ihm vorzugaukeln, dass neue Paarungsmöglichkeiten vorhanden sind.

Wir glauben also, dass Sex etwas ist, das man regelmäßig haben sollte. Auch wenn man ihn, konkret mit diesem Menschen, gerade nicht haben will. Wir wissen, dass es normal ist, dass eine Beziehung, die auf allen Dimensionen wächst, die vertrauter, schöner, tiefer wird, leider sexuell stagnieren kann. Wir glauben aber, dass man daran arbeiten kann. Dass man sich nur richtig anstellen muss. So schuften manche Paare tapfer über Jahre, Jahrzehnte daran, sich gegenseitig wieder spannend zu machen. 

Früher oder später jedoch interpretieren die meisten das Schwinden der Lust zu einem Menschen dann doch als Schwinden der Liebe. Oder suchen die Probleme bei sich selbst. Manche akzeptieren, dass Sex, also die ultimative Nähe zu ihrem Partner, keine so große Rolle mehr spielt. Und viele andere gehen fremd.

Dabei ist das einseitige Klischee des brünstigen Männchens, das irgendwann »auch mal wieder auswärts essen« will, vielleicht sogar muss