Über Lutz C. Kleveman

Lutz C. Kleveman, geboren 1974, hat Neuere Geschichte an der London School of Economics (LSE) studiert und als Journalist u.a. für Die Zeit, Spiegel Online, Newsweek und den Daily Telegraph geschrieben. Er ist der Autor von »Kriegsgefangen« (2011) und »The New Great Game« (2003).

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Die Biographie einer Stadt

Einst Teil des Habsburger Reichs, galt Lemberg als »Jerusalem Europas«, wo Polen, Juden, Ukrainer und Deutsche eng zusammenlebten. Namhafte Künstler und Wissenschaftler prägten eine Moderne, die der in Berlin und Wien in nichts nachstand. Dann verlor Lemberg wie so viele mitteleuropäische Städte durch Krieg, Holocaust und Vertreibung fast alle Einwohner – und damit sein Gedächtnis. Siebzig Jahre später, inmitten der Ukraine-Krise, versucht Lutz Kleveman die verschüttete Vergangenheit der Stadt freizulegen. Was er dabei entdeckt und brillant erzählt, ist nicht weniger als die Geschichte Europas bis heute.

»Lutz Kleveman erschließt lebendig und sehr persönlich die Geschichte dieser faszinierenden Stadt, die so viele Vergangenheiten hatte, Bühne so vieler Kulturen, Träume und Tragödien war. Ein immenses Lesevergnügen.« Philip Blom (Der taumelnde Kontinent)

»Ein ebenso sorgfältiges wie umfassendes Geschichtsbuch über eine faszinierende Stadt, hinter deren bezaubernder Fassade sich Ungeheuerlichkeiten entluden.« Sabine Adler (Deutschlandfunk)

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Lutz C. Kleveman

Lemberg

Die vergessene Mitte Europas

Für Reinhild Kleveman
und
Juri Golub (1991–2014)

Inhaltsübersicht

Über Lutz C. Kleveman

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Prolog

I. Habsburger Zeit

II. Erster Weltkrieg

III. Kleinpolen

IV. Lemberger Moderne

V. Schottisches Café

VI. Sowjetische Herrschaft

VII. Deportationen

VIII. Naziherrschaft

IX. Weigls Labor

X. Stalag 328

XI. Todestango

Epilog

Anmerkungen

Verwendete Literatur

Bildnachweis

Dank

Impressum

Inzwischen gesellte sich noch ein Mensch zu ihnen im schwarzen Kleid, der auf einem ganz schwarzen Pferd saß. Er ritt auf sie zu und blickte den Jüngling an, dem wunderlich zumute ward; und es war ihm, als sei er gezwungen, mit seinem Stab das Pferd zu berühren. Er tat es, und das Pferd begann die Mondweise zu singen mit einer gar köstlichen Stimme. Da lachte der schwarze Mann und sagte höhnisch: »Willst du in Ewigkeit nur Spiel und Schabernack treiben mit deinem Stab? Und ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass er dir zu Besserem verliehen ist? Du Tor! Ist dir nicht offenbar worden, dass dies Gerät aus jedem Wesen die eigene Stimme seines Herzens lockt und dass du, solang du es besitzest, jedes Ding aus dem Herzen des Dinges verstehen kannst?« Und nach diesen Worten wendete der Fremde sein Pferd und ritt davon.

»Die Geschichte von dem Königssohn und dem Sohn der Magd«, in: »Die Geschichten des Rabbi Nachman«, nacherzählt von Martin Buber

Prolog

Es war ein ungewöhnlich warmer Herbsttag im Jahr 1990, als die Bürger von Lemberg beschlossen, das Lenin-Denkmal vor dem Opernhaus niederzureißen. Sie konnten es nicht mehr sehen, dieses Symbol sowjetischer Herrschaft. Seit dem Fall der Berliner Mauer ein Jahr zuvor stürzten überall im ehemaligen Ostblock die Statuen kommunistischer Führer – nur noch nicht in der Sowjetunion selbst, wo sich die alte Garde weiter an die Macht klammerte und der KGB einige Lenin-Statuen sogar nachts bewachen ließ. Die Lemberger, die sich als ukrainische Patrioten fühlten, waren die Macht des Kremls leid. Sie entschieden sich zu handeln.

Aus den volkseigenen Fabriken und Kolchosen am Stadtrand rückten Arbeiter mit Traktoren und Lastwagen an. Von der Universität kamen Studenten herbei. Binnen Minuten sammelte sich auf dem Platz vor der Oper eine Menschenmenge, darunter viele Jugendliche. Einige schwenkten Transparente, auf denen »Weg mit Lenin aus Lemberg« stand. Der Lemberger Stadtrat, in den im Frühjahr erstmals antikommunistische Kandidaten gewählt worden waren, schloss sich dem Vorhaben der Demonstranten an. Mit Hilfe mehrerer Stahlseile, die man Lenin um den Nacken legte, begannen die Arbeiter an der Statue zu ziehen. Sie mussten sich beeilen, denn unter den Zuschauern waren sicher einige moskautreue Agenten.

Das Lenin-Denkmal war 1952 errichtet worden, noch zu Lebzeiten Stalins, der eigens den bekannten Bildhauer Sergej Merkurow aus Moskau in die westlichste Stadt des sowjetischen Imperiums entsandt hatte. Fast dreißig Jahre zuvor hatte Merkurow die Totenmaske Lenins angefertigt und seitdem eine ganze Reihe gigantischer Statuen Lenins und Stalins gestaltet. Auch für die größte Stadt der Westukraine war ein mehr als fünfzig Meter hohes Lenin-Denkmal vorgesehen, das auf dem Schlossberg, wo einst eine mittelalterliche Burg gestanden hatte, errichtet werden sollte.

Aber als Merkurow erstmals nach Lemberg reiste, war er entzückt vom mittelalterlichen Charme der Stadt, den so ein Lenin-Gigant, bei aller historischen Bedeutung des Mannes, doch empfindlich gestört hätte. Und so entwarf Merkurow ein neues, mit vierzehn Metern Höhe recht moderates Denkmal. Auch ließ er es nicht mehr auf dem Schlossberg erbauen, sondern auf dem Platz vor dem rokokoverspielten Opernhaus. Es stammte noch aus der Zeit der Habsburger, die bis 1918 von Wien aus über Lemberg geherrscht hatten. Dort war ohnehin eine Denkmal-Stelle frei geworden, nachdem die polnischen Bewohner der Stadt, von den neuen sowjetischen Machthabern nach 1945 zum Umzug nach Westpolen gezwungen, die Reiterstatue ihres Königs Jan III. Sobieski abmontiert und nach Danzig mitgenommen hatten.

Nicht nur eine bescheidene Größe verpasste der Bildhauer Merkurow dem alten Lenin, sondern auch einen für damalige Verhältnisse eher gemäßigten Auftritt: statt als ganzen Mann, wie üblich mit wehendem Mantel und vorwärts weisendem Arm, meißelte Merkurow nur den Oberkörper Lenins hervor und setzte ihn auf einen Sockel aus Rotgranit. Da schien der Arbeiterführer nun wie auf einem Rednerpult zu lehnen. Dargestellt war nicht ein Herrscher, sondern ein Redner, der sich auf die Macht des Wortes stützte, als ob er in der Westukraine noch Überzeugungsarbeit für die sozialistische Sache zu leisten hätte. Ganz falsch war das nicht, denn in den 1950er Jahren versteckten sich noch etliche antisowjetische Partisanen in den nahen Karpaten und lieferten sich Kämpfe mit dem NKWD.

So stand Lenin dort fast vier Jahrzehnte lang. Doch in diesem Herbst 1990, als die Sowjetunion auseinanderzubrechen begann, wollten die Lemberger den Revolutionsführer nicht mehr sehen. Für sie war er, wie alle Moskauer, ein russischer Kolonialist und Besatzer. Die Traktorfahrer traten mit ihren Stiefeln auf die Gaspedale, schon spannten sich die Drahtseile. Einige Männer brachten Vorschlaghammer herbei, andere schwenkten die blau-gelbe Fahne der Ukraine. Sie war vielerorts offiziell noch immer verboten, doch die anwesenden Polizisten schritten nicht ein. Die Traktormotoren jaulten auf, dichten Dieselqualm ausstoßend. Da knackte es im Granit des Sockels, Lenin neigte sich, verlor das Gleichgewicht und fiel kopfüber auf das Pflaster.

Es war dasselbe Pflaster vor der Oper, das jüdische Bewohner Lembergs im Juni 1941 zu putzen gezwungen worden waren, mit Bürsten und auf Knien, aber von jenem Ereignis hatte kaum einer der Denkmalstürmer je gehört. Sie wussten vielleicht nicht einmal, dass nur fünfzig Jahre zuvor viele Juden in ihrer Stadt gelebt hatten. Mehr als 100000 waren es gewesen.

So stürzte Lenin krachend zu Boden, wobei der Sockel in mehrere große Stücke zerbrach. Die Menge jubelte und schwenkte ihre Fahnen. Männer traten vor, die Vorschlaghämmer fest umgriffen und bereit, die Reste des Denkmals zu zerstören. Doch da geschah etwas Sonderbares. Die Männer hielten inne, wichen zurück, ihre Blicke auf den zerbrochenen Sockel gerichtet, und erstarrten. Nun sahen es alle: unter einer dünnen Schicht roten Granits waren Steinplatten hervorgebrochen, die die sowjetischen Bauherren 1952 in den Sockel einzementiert hatten. Sie trugen, für alle erkennbar, hebräische Inschriften. Vögel, Herzen und Kronleuchter waren in sie eingraviert. Es waren mazewot, jüdische Grabsteine.

Sie stammten, wie sich einige der Älteren erinnerten, von dem jüdischen Friedhof, der einmal hinter dem Lazarus-Spital lag, wo nun die Brauerei und ein Budenmarkt standen. Dort hatten die Nazis im Krieg ein Ghetto errichtet, den Friedhof verwüstet und jüdischen Zwangsarbeitern befohlen, die Grabsteine zu zerschlagen. Die Brocken wurden im Straßenbau eingesetzt. Beim Rückzug der Deutschen 1944 blieben offenbar einige Steinhaufen übrig, die dann wiederum die Sowjets als Baumaterial nutzten – auch für das Lenin-Denkmal. Nun kamen die Grabsteine plötzlich wieder zum Vorschein, und für einen kurzen Moment offenbarte sich die lange verschwiegene Geschichte der Stadt in geradezu unheimlicher Verdichtung. Der Jubel der Menschen erstarb. Sie starrten auf die Grabsteinreste. Ein Kind, das sie berühren wollte, wurde von der Mutter zurückgezerrt. »Wir waren alle ganz betreten. Dann haben wir uns umgedreht und sind nach Hause gegangen«, erinnert sich einer, der damals dabei war. »Keiner hat je wieder darüber gesprochen.«

Mehr als 25 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, aber noch heute liegt Lembergs Geschichte unter dickem Zement.

***

An einem stillen, sonnigen Morgen steige ich zur Zitadelle von Lemberg empor. Nur ein leichter Wind streicht durch das Laub der Krüppeleichen, die den Hang bewachsen. Aus der Stadt dringt das Quietschen der Straßenbahnen zu mir hoch, allmählich leiser werdend.

Es ist Anfang Juli 2014, ich bin zum ersten Mal in Lemberg, das heute offiziell Lwiw heißt und in der Westukraine liegt. Erst vor wenigen Stunden angekommen, muss ich mich erst mal orientieren. Die Zitadelle liegt auf dem kleinen Hausberg der Stadt. Von hier oben hat man sicher einen guten Blick, denke ich mir und werde nicht enttäuscht. Lemberg schmiegt sich um mehrere Hügel, die östlichen Ausläufer der Karpaten. An den Rändern der Stadt stehen sozialistische Hochhaussiedlungen, in denen wahrscheinlich die meisten der etwa 750000 Einwohner leben. Die Altstadt blieb von sowjetischen Bausünden jedoch verschont. Sie ist unverkennbar mitteleuropäisch. Der schlanke Rathausturm und die zahlreichen barocken Kirchtürme – so muss die die Silhouette der Stadt schon vor hundert Jahren ausgesehen haben.

Gegründet wurde Lemberg im 13. Jahrhundert, so steht es in meinem Reiseführer, von einem gewissen König Daniel, Herrscher der Rus, der die Siedlung nach seinem Sohn Lew benannte. Bald darauf eroberte ein polnischer König die Stadt, woraufhin sie vier Jahrhunderte lang zu Polen gehörte. Als das Land Ende des 18. Jahrhunderts unter seinen großmächtigen Nachbarn aufgeteilt wurde, fiel der südliche Teil mit Lemberg für 150 Jahre an das Habsburger Reich. Mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg wurde die Stadt, die mehrheitlich von Polen bewohnt war, der neu entstandenen Republik Polen zugeschlagen. Von September 1939 bis Juni 1941 war Lemberg unter sowjetischer, danach bis Juli 1944 unter deutscher Besatzung und Gewaltherrschaft. Nach Kriegsende fiel Lemberg an die Sowjetunion und gehört seit 1991 zur unabhängigen Ukraine. Rechnet man das militärische Hin und Her im Ersten Weltkrieg hinzu, wechselte die politische Herrschaft über die Stadt zwischen 1914 und 1991 gleich sieben Mal.

Das klingt nach einem regelrechten Brennglas europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts. Allein der Name der Stadt spiegelt die Wandlungen wider. Hatte sie im Mittelalter noch Leopolis geheißen, die »Stadt der Löwen«, wurde aus dem habsburgischen Lemberg Ende 1918 das polnische Lwów, daraus dann 1939 das russische Lwow, dann wieder Lemberg, 1944 erneut Lwow, und seit 1991 heißt die ukrainische Stadt Lwiw.1 Sie liegt nur eine Autostunde von der polnischen und damit der EU-Außengrenze entfernt. Ganz weit im Osten, denkt man erst. Politisch stimmt dies vielleicht, nicht aber geographisch. Ein Blick auf die Landkarte Europas zeigt, dass sich die Stadt fast genau am geographischen Mittelpunkt des Kontinents befindet.

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Marktplatz von Lemberg

Weiter den Hügel hinauf steige ich bis zur Zitadelle, einer wuchtigen Kaserne, die von vier separaten Wehrtürmen umgeben ist. Das österreichische Militär ließ sie nach dem Völkerfrühling von 1848 errichten, um die aufmüpfigen Untertanen fortan besser überwachen zu können. Leer und abweisend steht der dunkelrote Ziegelbau vor mir. Die Eingänge sind verrammelt, die Schießscharten wirken wie böse Katzenaugen, an eine Wand hat jemand Hakenkreuze geschmiert. Einer der Wehrtürme ist eine Ruine, aus deren Rissen junge Birken wachsen. Er wurde offenbar von Fliegerbomben zertrümmert, das Mauerwerk ist von Schrapnelltreffern übersät. Der größte Wehrturm in der Mitte des Zitadellengeländes wurde vor einigen Jahren zu einem Luxushotel ausgebaut. Auf dem Parkplatz stehen SUV-Limousinen, den Eingang bewachen alte Kanonen. Hier würde ich nicht übernachten, denke ich unwillkürlich, ohne sagen zu können, warum.

Über einen Trampelpfad durch dichtes Gestrüpp finde ich schließlich einen weiteren Turm. Er ist kleiner als der erste und von einem trockenen, aber tiefen Graben umgeben. Auch hier trägt das Mauerwerk viele Narben alter Einschüsse, die oft mehrere Ziegelsteine weggesprengt haben. Vor dem Turm ragen Belüftungsschächte aus dem Boden, dahinter ein runder Betonbunker mit Feuerschlitz. Das Gelände wurde rundum mit einem Metallzaun abgesperrt. Lange kann das nicht her sein, der Zaun sieht noch recht neu aus. Ich blicke durch die Drahtmaschen und kneife die Augen zusammen. Hinter den vergitterten Fenstern und Schießscharten scheinen so etwas wie Regale zu stehen und auf ihnen – Bücher!

Verwundert gehe ich am Zaun entlang um den Turm herum. Hinter jeder Maueröffnung sind Regale und Buchrücken zu erkennen. Es sieht aus, als seien bis unter das Dach des Turms alte Bücher gestapelt. Tausende, vielleicht Zehntausende Bücher mögen es sein. Die Titel lassen sich aus der Distanz nicht entziffern, auch nicht, ob sie in kyrillischer oder lateinischer Schrift geschrieben sind.

Vergeblich suche ich nach einem Loch im Zaun, nur an der Frontseite des Turms ist ein Durchgangstor. Ich rüttele daran, aber es ist mit einem dicken Kettenschloss gesichert. Sosehr es mich ärgert, hier komme ich nicht rein. Was sind das für Bücher?, frage ich mich, während ich den Zitadellenberg wieder hinabsteige, und warum wurden sie hier weggeschlossen? Der Anblick kurbelt meine Phantasie an: Handelt es sich womöglich um verbotene Bücher? Stehen in ihnen etwa Dinge, die niemand wissen darf? Was ist das Rätsel dieses Bücherturms?

Zurück in der Altstadt, zieht es mich zum Rathausmarkt. Er ist an allen vier Seiten von hübschen Patrizierhäusern aus Barock und Renaissance umstanden, die vom Reichtum Lembergs im 16. und 17. Jahrhundert zeugen, als die Stadt an einem Knotenpunkt wichtiger Handelswege lag. Wohlhabende Kaufleute, darunter Griechen und Armenier, holten damals sogar italienische Baumeister hierher. Den leicht mediterranen Touch verstärkt der ockerfarbene lokale Sandstein vieler Häuser, der über die Jahre nachgedunkelt ist und eine mattsilbrige Patina erhalten hat. Schon auf den ersten Blick ist Lemberg ungewöhnlich schön, seit 1998 zählt die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die meisten Straßen sind noch mit buckligem Kopfstein gepflastert. Die vielen Zeichen des Verfalls, bröckelndes Mauerwerk und undichte Dächer, unterstreichen nur den Charme der Stadt. Wenn ein sowjetischer Film in Paris oder Rom spielen sollte, so habe ich gehört, wurde er in Lemberg gedreht. Mich erinnert die Stadt eher an das Prag der frühen 1990er Jahre, bevor dort die Häuserfassaden alle neu gestrichen wurden.

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Der Bücherturm auf der Zitadelle

Erste Eindrücke: Viele Menschen bewegen sich noch zu Fuß fort, und sie haben selten Eile. Gekleidet sind sie nicht viel anders als die Passanten einer deutschen Fußgängerzone, nur ärmer, mit einfacherer Mode und billigeren Stoffen. Junge Frauen tragen gern enge Kleider (ja, auch mit Leopardenmuster) und Pumps, ältere Frauen bevorzugen noch Röcke und Kopftücher. Männer tragen Hüte und karierte Plastiktüten. Ein Mädchen hält einen Blumenstrauß, den ihr wohl ein Verehrer geschenkt hat. Viele Lemberger bekreuzigen sich, wenn sie an einer Kirche vorbeigehen. Im Vergleich zu westlichen Städten fällt auf, dass die Leute noch auf die Straße gucken, anstatt ihre Köpfe über Smartphones zu beugen. Zwar gibt es einige Cafés mit WLAN, doch das mobilfunkübertragene Internet ist wohl noch recht langsam. Um Schnelligkeit geht es auch den Straßenbahnen nicht. Es sind quietschende Scheppertrams aus sowjetischer Zeit, die auf unfassbar krummen Gleisen über das Kopfsteinpflaster rumpeln. Geschäfte haben einfache Auslagen, Kettenfilialen gibt es kaum. Vieles in der Stadt wirkt noch unverfälscht. So erscheint Lemberg wie ein postsowjetischer und zugleich authentisch altmodischer Ort, mit einer reizvollen Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit.

In den Cafés am Marktplatz brummt das Geschäft, die Außenterrassen sind voll mit ukrainischen Touristen. Ausländer hingegen finden sich nirgends. Anders als die meisten osteuropäischen Städte wird Lemberg bis heute nicht von Easyjet oder anderen Billigairlines angeflogen. Beerbikes oder Happy-Hour-Cocktailbars, in denen nur Touristen-Englisch gesprochen wird, fehlen noch im Stadtbild. Selbst die vielen Straßenmusiker singen nicht auf Englisch, sondern auf Ukrainisch oder Russisch. Allerdings sind auch keine Baedeker-Kulturreisenden zu sehen. In meinem Hotel scheine ich derzeit der einzige westliche Tourist zu sein, auch der für die Fußball-EM 2012 neu erbaute Flughafen war bei meiner Ankunft komplett leer. Schon nach dem Majdan-Aufstand im Winter 2013/14 und der russischen Annexion der Krim im März 2014 haben Reisende die Ukraine gemieden. Seit im Osten des Landes nun auch noch Krieg ausgebrochen ist, kommt fast niemand mehr.

Die Nachrichten aus dem umkämpften Donbass sind schlecht. Die ukrainische Armee war auf den Konflikt mit den von Russland unterstützten Rebellen nicht vorbereitet, die Verluste sind hoch. Viele Westukrainer kämpfen im Osten, als Soldaten oder Freiwillige. Fast jede Woche kommen einige von ihnen in Zinksärgen zurück, heißt es. Auch Tausende Flüchtlinge aus dem Donbass und von der Krim sollen hierher gezogen sein. Jetzt hört man viel Russisch auf den Straßen, obwohl Lemberg eigentlich als die einzige größere Stadt in der Ukraine gilt, in deren öffentlichem Raum hauptsächlich Ukrainisch gesprochen wird. Was anfangs wie ein Bürgerkrieg aussah, vom Westen lange als »Ukraine-Krise« verharmlost, hat sich inzwischen zu einem veritablen Krieg zwischen zwei Ländern entwickelt. Viele Kommentatoren erklären Russlands militärische Hilfe für die Donbass-Rebellen als eine Taktik des russischen Präsidenten Wladimir Putin, geopolitisch gegen die USA zu punkten und zugleich das russische Volk hinter sich zu vereinen, um die heimische Opposition zu schwächen. Zugleich versuche der Kreml, auch nach der Majdan-Revolution seinen Machteinfluss in der Ukraine zu bewahren, wogegen sich die neue pro-westliche Regierung von Präsident Petro Poroschenko mit allen Kräften wehre. Diese tagesaktuellen Analysen sind sicher alle richtig, übersehen aber eines: Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, führen beide Kriegsparteien vor allem die jüngere Geschichte ihrer Länder ins Feld.

Wie in vielen Kriegen wird geschichtspolitisch aufgerüstet, um Kämpfer und Heimatfront zu motivieren. Politiker in Moskau wie in Kiew setzen Geschichte für Propaganda ein. Während viele Ukrainer die russische Aggression als Fortsetzung jahrhundertealter Kolonialherrschaft empfinden, sehen viele Russen im Einsatz des ukrainischen Militärs eine Neuauflage des antisowjetischen Kampfs ukrainischer Nationalisten in den 1940er und 1950er Jahren. So glaubt man in Moskau, auf dem Majdan hätten mit Hilfe der EU und der USA westukrainische »Faschisten« geputscht, deren Großväter schon mit den Nazis paktierten. Als Putin am 18. März 2014 vor der Duma die Annexion der Krim verkündete, schimpfte er, die demokratisch gewählte Regierung von Wiktor Janukowytsch sei von »Nationalisten, Neo-Nazis, Russenfeinden und Antisemiten« gestürzt worden. Dagegen behauptet die Regierung in Kiew, ein genuiner Volksaufstand habe das alte Regime beseitigt und damit die Ukraine vom Einfluss der Russen befreit, die das einstige »sozialistische Bruderland« im 20. Jahrhundert brutal unterdrückt und Millionen Ukrainer umgebracht hätten.

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Sozialistische Propaganda und kapitalistische Werbung

Wer hat nun recht, wie war es wirklich? Ich bin in die Ukraine gereist, um mir ein eigenes Bild zu machen. Dabei interessieren mich weniger die neuesten Entwicklungen in Kiew oder an der Donbass-Front, über die bereits ausreichend in den Medien berichtet wird. Mit ihrem Schwerpunkt auf aktuelle Ereignisse sind journalistische Berichte allerdings oft eigenartig geschichtslos, als ob Krieg und Revolution einfach vom Himmel fallen würden. Das reicht nicht, glaube ich. Wer das aktuelle Geschehen in der Ukraine verstehen möchte, muss die jüngere Geschichte des Landes verstehen lernen. Hierfür scheint mir Lemberg der richtige Ort zu sein. Er ist nah dran am Geschehen und zugleich weit genug von der Kampfzone entfernt, um einen unverstellten Blick auf die Dinge zu ermöglichen. Seit dem 19. Jahrhundert gilt Lemberg als Zentrum des ukrainischen Nationalempfindens und »heimliche Hauptstadt« der Ukraine. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt ein wesentlicher Schauplatz sowjetischer und nationalsozialistischer Terrorherrschaft und Nationalitätenpolitik. Die Ereignisse der 1930er und 1940er Jahre, ihre lautstarke Instrumentalisierung wie auch ihr Verschweigen, beeinflussen bis heute entscheidend die Bildung und die Brüche der postsowjetischen nationalen Identität der Ukraine. In Lemberg hoffe ich Antworten auf die Frage zu finden, warum sich, grob gesagt, der »pro-russische« Osten und der »pro-europäische« Westen des Landes nicht darauf einigen können, wem die Ukraine gehört, welche Kultur identitätsstiftend sei und wohin es sich außenpolitisch orientieren soll. Ein großer Teil des innerukrainischen Konflikts liegt in historischen Erfahrungen begründet, die im Westen und Osten des Landes sehr kontrovers bewertet werden. Die Ukrainer streiten um Fragen von Widerstand und Kollaboration, um das Verhalten der Großväter gegenüber deutschen Nazis und russischen Bolschewiken. Des einen historische Helden sind des anderen Vaterlandsverräter. Wer dies verstehen möchte, muss wie bei der Analyse der Jugoslawien-Kriege der 1990er Jahre herausfinden, welche Ursachen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs liegen und was damals wirklich geschehen ist. Daraus lassen sich vielleicht auch Schlüsse auf die Geschichte anderer Länder Mitteleuropas ziehen, dieses Korridors zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, der zwischen den Großmächten Deutschland und Russland eingezwängt war. Diese Region pauschal als »Bloodlands« darzustellen, deren Bewohner lediglich passive Opfer der Politik Hitlers und Stalins gewesen seien, erscheint mir zu simpel und irreführend.2 Stattdessen lohnt es sich bestimmt, etwas genauer zu untersuchen, welche Rolle lokale Akteure damals spielten, und sie miteinander zu vergleichen. Lemberg könnte hier als pars pro toto stehen, als eine Stadt, deren Geschichte vergleichbar ist mit der anderer mitteleuropäischer Städte von Vilnius bis Czernowitz, von Danzig bis Reichenberg.

Mit diesen Orten hat Lemberg nicht nur die Erfahrung von Massenmord und Vertreibung gemeinsam, sondern erst mal und vor allem die reiche multiethnische, multikulturelle Vergangenheit. Noch in den 1930er Jahren lebten in Lemberg mehrere große Volksgruppen mit verschiedenen Kulturen: etwa 160000 Polen, 100000 Juden und nur 25000 Ukrainer, außerdem Armenier und sogenannte Galiziendeutsche. Lemberg galt damals europaweit als ein Zentrum der Moderne, mit florierenden Künsten und Wissenschaften. Die Stadt war kosmopolitisch, lebensfroh und zugleich fromm. Das »Jerusalem Europas« wurde Lemberg genannt, denn hier residierten gleich drei Erzbischöfe: für die polnischen Katholiken, die ukrainischen Griechisch-Katholiken (Unierten) und die armenischen Christen. Sie alle hatten ihre Kathedralen und Kirchen, die noch heute das Stadtbild prägen, duldeten aber auch lutherische, russisch-orthodoxe und jüdische Gotteshäuser. Lemberg war eine der größten Metropolen jüdischer Kultur in Europa, ein Drittel der Bevölkerung waren Juden. Mehr als fünfzig Synagogen und Tempel assimilierter Reformjuden sollen einst in der Stadt gestanden haben.

Was für ein faszinierender Ort Lemberg damals gewesen sein muss! Ich möchte mehr über die Geschichte der Stadt erfahren und herausfinden, was sich hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugetragen hat. Das Problem ist, dass Lemberg sein Gedächtnis verloren hat. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt eine demographische Katastrophe – die Juden wurden ermordet, die meisten Polen vertrieben und viele Ukrainer deportiert. Nach dem Krieg verwandelten die sowjetischen Planer das weitgehend entvölkerte Lemberg in eine ethnisch wie kulturell relativ homogene Stadt. Die Bevölkerung wurde fast völlig ausgetauscht und mit ihr die kulturelle Persönlichkeit und das Erinnerungsvermögen der Stadt. In der Sowjetunion wurde die polnische und jüdische Geschichte der Stadt offiziell totgeschwiegen. Was auf ihren Straßen vor 1944 geschehen war, wussten viele der neu zugezogenen Bewohner nicht und wollten es vielleicht auch nicht wissen.

Von der Vergangenheit erzählen nur noch die Gebäude, die so rissig und verblichen sind wie alte Lexika. Sie sind das steinerne Erbe des alten Lemberg. Wie eine Kulisse wirken die Bürgerhäuser, zu deren trister Eleganz die gegenwärtigen Bewohner nicht so recht passen wollen. »Die alte Bürgerstadt Lwow ist eine Stadt ohne Bürgertum«, stellte der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel im Jahre 1988 fest. 3 Damals herrschten noch sowjetische Verhältnisse, aber auch die heutigen Lemberger scheinen einen ähnlichen Bezug zu der sie umgebenden Architektur zu haben wie, sagen wir, die Einwohner Thessalonikis zu den Moscheen ihrer Stadt oder wie die Mainzer zu ihren antiken Ruinen.

In Lemberg, das ahne ich seit meiner Ankunft hier, lässt sich das Drama Europas im 20. Jahrhundert verdichtet nachspüren. Daher möchte ich versuchen, die memoriae urbis der Jahre 1914 bis 1944 aufzudecken. Im Tagebuch des polnischen Dichters Adam Zagajewski, der 1945 in Lemberg geboren und mit seinen Eltern von dort vertrieben wurde, lese ich: »Hier, in dieser verstümmelten Stadt, darf man sich nicht nur auf Blick und Gehör verlassen, man muss auch die Vorstellungskraft bemühen.« In Städten wie Lemberg, »die nur halb existieren, halb verlassen sind«, müsse die Phantasie zu einem zusätzlichen Sinn werden, weil die gewöhnlichen Sinne der Unterstützung durch halb geschlossene Augen und Intuition bedürften.4 Das ist ein guter Rat. Ich hoffe nur, dass das, was in dieser Stadt geschehen ist, meine Vorstellungskraft nicht übersteigen wird.

Vielleicht leben doch noch einige alte Zeitzeugen in Lemberg? Würde es mir gelingen, sie aufzuspüren? Was würden sie mir erzählen? Lauter Fragen schwirren in meinem Kopf. Um das Palimpsest der Stadt zu entziffern, werden Gespräche mit Zeitzeugen nicht ausreichen. Zunächst einmal muss ich mich selbst noch etwas schlaulesen. So suche ich das Lemberger Institut für Stadtgeschichte auf, das über eine kleine, aber feine Bibliothek verfügen soll.

I. Habsburger Zeit

Das Institut befindet sich in einer stillen Seitenstraße am Rande der Altstadt. Ende der 1990er Jahre kaufte ein wohlhabender Wiener Historiker das Gebäude, Teil eines prächtigen Jugendstilensembles, ließ es restaurieren und gründete das Institut, um die Geschichte Lembergs und anderer mitteleuropäischer Städte zu erforschen. In hellen, großen Räumen sitzen Akademiker hinter modernen Computern, was vermutlich bessere Arbeitsbedingungen sind als an der staatlichen Universität Lemberg. Ich werde freundlich empfangen und in die Bibliothek geführt. Hier will ich die nächsten Tage, vielleicht Wochen, zubringen. Mein Herz hüpft: Auf den Regalen entdecke ich diverse Bücher verschiedener Sprachen, darunter historische Werke und mir bis dahin unbekannte Memoiren lange verstorbener Lemberger Bürger. So viel zu lernen, so viel zu erfahren! Zunächst möchte ich mich mit der Habsburger Zeit befassen, sozusagen der Vorgeschichte, ohne die aber das Lemberger Drama im Zweiten Weltkrieg nicht zu verstehen wäre. Die Bibliothekarin bringt mir einen starken Kaffee, und ich beginne zu lesen.

Keine hundert Jahre ist es her, da gehörte Lemberg noch zu Österreich-Ungarn, als Landeshauptstadt eines k.u.k. Kronlands, des Königreichs von Galizien und Lodomerien sowie des Herzogtums Auschwitz. Lemberg war die fünftgrößte Stadt des Habsburger Vielvölkerreichs, nach Wien, Budapest, Prag und Triest. Aus jeder dieser Städte kamen täglich Züge am Lemberger Hauptbahnhof an, wobei die Fahrt bei weitem nicht so lange dauerte wie hundert Jahre später. Schon wegen der Grenzkontrollen braucht der Nachtzug aus Krakau für die 330 Kilometer lange Strecke heute geschlagene zwölf Stunden. Der Bahnhof wurde 1904 fertiggestellt, in einer imposanten Mischung aus Historizismus und Jugendstil, und sieht äußerlich kaum anders aus als auf alten Aufnahmen. Der Wartesaal allerdings war wohl etwas opulenter als heute, wie der Lemberger Schriftsteller Josef Wittlin in seinen Memoiren schreibt, die ich gleich als Erstes vom Regal genommen habe:

»Das war kein Wartesaal, sondern ein wahrer Salon voller Kandelaber, Spiegel, Vergoldungen und weicher, mit duftendem Leder gepolsterter Sofas und Sessel. Er duftete außerdem nach der weiten Welt und dem Zauber der Fremde. Man wartete hier nicht nur auf die Abfahrt des Zuges, sondern gewissermaßen auf das Glück selber, obwohl die Fahrkartenschalter Billetts dorthin zu jener Zeit nicht verkauften. Der Wartesaal 1. Klasse war für Sterbliche unterhalb einer Exzellenz überhaupt nicht zugänglich. Im Wartesaal II. Klasse also, unter dem fürsorglichen Porträt in natürlicher Größe des Erzherzogs Karl Ludwig in der Paradeuniform eines Ulanenoffiziers und mit blondem Backenbart, las ich sogenannte Sherlocks, das heißt Ausgaben der Meisterwerke der Kriminalliteratur.«5

Die Erinnerungen Wittlins, die er 1946 im amerikanischen Exil schrieb, sind in einem schmalen Band zusammengefasst. Es ist eine literarische Elegie, voller Nostalgie für das Lemberg seiner Kindheit, als die Welt noch in Ordnung schien und die Bewohner Lembergs – Polen, Juden und Ukrainer – alle friedlich zusammenlebten. Auch der jüdische Schauspieler Alexander Granach, der in Galizien aufwuchs und in den 1920er Jahren auf Berliner Theaterbühnen große Erfolge feierte, beschreibt Lemberg in seinen Memoiren als eine bunte, lebensfrohe Stadt: »Juden mit langen Bärten und hohen Zylindern standen an der Börsenecke und sprachen von großen Geschäften. Auf den Bürgersteigen und an den Ecken boten Leute Obst an. An einer solchen Ecke hatten auch meine Brüder einen Obststand. Man sah Plakate mit Anpreisungen von verschiedenen Seifen, von Kathreiners Malzkaffee, von Restaurants und einem Zirkus mit tanzenden Pferden, einer polnischen Oper, von ukrainischen Spielen und jiddischen Broder-Sängern.«6

Dieses eklektische Vielvölkergemisch, von dem Wittlin und Granach schwärmen, war das Lemberger Fluidum, der genius loci der Stadt. Mehr als die Hälfte der etwa 300000 Einwohner der Stadt waren Polen, ein Drittel Juden und der Rest Ukrainer. Hinzu kamen deutsche und armenische Minderheiten. Jede Volksgruppe übte ihre eigene Religion aus. Joseph Roth, der selbst aus Galizien stammte, bezeichnete Lemberg daher als die »Stadt der verwischten Grenzen«. Oft ist dieses Diktum Roths seitdem wiederholt worden, aber stimmte es denn überhaupt? Der Autor des »Radetzkymarsches« war schließlich neben Stefan Zweig als Chef-Nostalgiker des Habsburger Reichs bekannt. Wie so viele assimilierte Juden trauerten beide Schriftsteller der Doppelmonarchie nach. Roths Werke schufen einen regelrechten Habsburg-Mythos, der das Leben unter der schwarz-gelben Fahne als gute alte Zeit verklärte.7 Spätestens seit den Sissi-Filmen ist die zuckrige Vorstellung eines k.u.k. Paradieses aus Walzerbällen, Kaffeehäusern und Sachertorten ungebrochen populär und wird von Wien bis Salzburg touristisch kräftig vermarktet.

Auch auf akademischer Ebene wird das Habsburger Reich gern mythologisiert. Hier ist es die brutale Zerstörung des multikulturellen Mitteleuropas durch die Nazis und Sowjets, die dazu geführt hat, dass die Habsburger Welt heute in einem vergleichsweise milden Licht gesehen wird. Auch wenn die Lebensrealität in der Donaumonarchie eher der Kasernenhof als der Ballsaal war, erscheint das »Völkergefängnis«, als das Österreich-Ungarn vor 1918 oft bezeichnet wurde, angesichts des totalitären Barbarismus der 1940er Jahre heute wieder als Idylle einer großen Völkerfamilie. Die Hymne wurde in vierzehn Sprachen gesungen, und Kaiser Franz Joseph I., der das Reich von 1848 bis 1916 fast sieben Jahrzehnte lang regierte, begann seine Ansprachen liebevoll-paternalistisch mit »Meine Völker!«.

Sind die Erinnerungen an eine harmonische Koexistenz der Volksgruppen in Lemberg also womöglich nur Teil dieses Habsburg-Mythos? Prägten nicht auch damals schon Rivalität und Kampf das Zusammenleben von Polen, Juden und Ukrainern? Dies herauszufinden ist wichtig, denn die Wurzeln für vieles, was in den 1940er Jahren in der Stadt geschehen sollte, liegen im vorausgegangenen Umgang der Volksgruppen miteinander, als bereits manch böse Saat gelegt wurde. Daher schiebe ich die Memoiren nun vorerst beiseite und widme mich den Geschichtsbüchern.8

Die Herrschaft der Habsburger über Lemberg begann im Jahr 1772. Jahrhundertelang hatte die Stadt zu Polen gehört und war ein reiches Handelszentrum geworden. Erst im 18. Jahrhundert ging es wirtschaftlich bergab, als die Adelsrepublik immer wieder durch politische Wirren erschüttert wurde. Die mächtigen Nachbarn Preußen, Russland und Österreich nutzten die Schwäche Polens aus und teilten es in drei Schritten unter sich auf. In der ersten polnischen Teilung 1772 fiel der Süden des Landes an das Haus Habsburg. Dieser Akt brutaler Großmachtpolitik soll Kaiserin Maria Theresia zwar moralische Gewissensbisse bereitet haben, aber genommen hat sie das neue Territorium dann doch. Wenn sie es nicht getan hätte, sagte sie sich wohl, hätten es die Russen oder Preußen getan. Sie konnte ihren Anspruch damit rechtfertigen, dass im Mittelalter mal ein ungarischer König über die Region geherrscht hatte. Aus ihrem längst vergessenen slawischen Namen Halitsch und Wladimir machten erfindungsreiche österreichische Beamte dann Galizien und Lodomerien. Aus dem polnischen Lwów wurde Lemberg.

Schon bald nach Maria Theresias Tod 1780 begab sich ihr Sohn und neuer Kaiser Joseph II. erstmals auf die beschwerliche Reise nach Osten, um seine neue Provinz zu inspizieren. Er fand einen völlig verarmten Landstrich vor. Lemberg war ein heruntergekommenes Provinznest, auf dessen Marktplatz des Kaisers Kutsche im Schlamm stecken blieb. Unbeirrt nahm sich Joseph II. vor, aus dem neuen Kronland ein Labor für die Reformen des aufgeklärten Absolutismus zu machen, mit denen er sein Reich modernisieren wollte. Sie betrafen alle Bereiche des öffentlichen Lebens, von den Behörden bis zur Bildung. Die polnischen Adligen, die Lemberg bislang eher eigenwillig verwaltet hatten, wurden durch gut ausgebildete österreichische und böhmische Beamte ersetzt. Der neue Gouverneur unterstand direkt der Regierung in Wien, als Amtssprache wurde Deutsch eingeführt. Als sichtbarstes Zeichen des Wandels schleiften österreichische Truppen die mittelalterlichen Stadtmauern und ließen statt ihrer Boulevards pflastern.

Bislang galt Lemberg als Stadt der Mönche, doch nun ließ Joseph II. mehrere Klöster enteignen. Das mächtige Jesuitenkolleg musste seinen Garten abtreten, der zum ersten öffentlichen Park der Stadt umgewandelt wurde und den der Volksmund noch heute Jesuitengarten nennt. Hinter dem geschlossenen Trinitarierkloster ließ der Kaiser einen botanischen Garten anlegen und im Gebäude selbst Lembergs neue Universität einrichten. Zunächst wurde dort noch in lateinischer und polnischer, später nur noch in deutscher Sprache gelehrt. Wie die Beamten kamen die neuen Professoren aus dem österreichischen Kernland sowie aus Böhmen und Mähren. Auch deutschsprachige Schulen wurden eröffnet, darunter die erste jüdische Hauptschule, die zur Emanzipation und Assimilierung der galizischen Juden beitragen sollte.

Die Entwicklung des Bürgertums und der Wiederaufstieg Lembergs spiegelten sich auch in den Einwohnerzahlen wider, die von 22545 im Jahre 1773 auf 37957 im Jahre 1800 anstieg. Weitere vierzig Jahre später wurden schon 62901 Einwohner gezählt, von denen 30686 polnisch und 25530 jüdisch waren. Der Anteil der Juden hatte bis 1840 stark zugenommen, wohingegen nur 4511 Ruthenen, wie die Ukrainer damals genannt wurden, in Lemberg gemeldet waren. So ähnlich setzte sich die Bevölkerung auch vieler kleiner Städte Ostgaliziens wie etwa Drohobytsch oder Stanislau zusammen. Auf dem Lande und damit in der Provinz insgesamt bildeten allerdings Ruthenen die Mehrheit, doch die meisten von ihnen waren Leibeigene oder Pachtbauern auf den Gutshöfen des polnischen Landadels. Obwohl Wien freie deutsche Bauern anwerben ließ, die südlich von Lemberg protestantische Dörfer gründeten, blieben die feudalistischen Zustände auf dem Land bis weit ins 19. Jahrhundert unverändert.

Mit Misstrauen beobachtete Wien die Aktivitäten der polnischen Magnaten und national gesinnter Agitatoren. Als der Zar einen polnischen Aufstand im russisch besetzten Teil des Landes 1831 niederschlagen ließ, flüchteten viele der Revolutionäre nach Galizien. Dort wurden sie streng überwacht und manchmal allein für das Singen eines Volkslieds verhaftet. So füllten sich die Gefängnisse mit polnischen Patrioten. Fürst Klemens von Metternich, der Österreich gerne als »Agglomerat von Nationalitäten« bezeichnete, sah die nationalen Bestrebungen der Polen als große Gefahr für die Monarchie: »Der Polonismus ist nur eine Formel, der Klang eines Wortes, hinter dem sich eine Revolution in ihrer grellsten Form verbirgt; er ist nicht ein kleiner Teil einer Revolution, sondern die Revolution selbst.«9

Als sich einige Polen 1846 in Galizien gegen die Fremdherrschaft erhoben, wandten die Habsburger die Taktik an, mit der sie ihr Reich bis ins frühe 20. Jahrhundert zusammenhalten sollten: Sie spielten eine Volksgruppe gegen die andere aus. In diesem Fall ermunterten die Behörden ruthenische Bauern dazu, gegen die aufständischen Landadligen zu kämpfen, und lobten sogar Kopfprämien für getötete Polen aus. Die Bauern, die ohnehin auf Rache für jahrzehntelange Unterdrückung sannen, verübten fürchterliche Gewaltexzesse auf den Gutshöfen. Diese Politik des »Teile und Herrsche« sicherte den Österreichern zwar die Macht, doch vergiftete sie nachhaltig die interethnischen Beziehungen in Galizien.

Keine zwei Jahre später brachen in ganz Europa die »Völkerfrühling«-Revolutionen von 1848 aus. Wie in Wien, Paris und Berlin demonstrierten auch in Lemberg viele Menschen für bürgerliche Freiheitsrechte. Nach der Flucht Metternichs ins englische Exil richteten polnische Politiker eine Petition an den Kaiser, in der sie »die Gleichstellung aller Volksklassen und Glaubensbekenntnisse … in gerichtlicher, bürgerlicher und politischer Hinsicht vor dem Gesetze« forderten. Gemeint waren allerdings nur die Polen selbst, die ganz Galizien für sich beanspruchten, nicht hingegen die Ruthenen, die von den meisten Polen nicht einmal als nationale Gruppe anerkannt wurden. Wieder wandte die Wiener Regierung die Taktik von 1846 an und gewann zunächst die ruthenischen Bauern für sich, indem sie die Leibeigenschaft abschaffte. Vertreter der ruthenischen Intelligenz in Lemberg wurden darin bestärkt, ihrerseits eine Petition an den Kaiser zu verfassen, mit der sie viele der polnischen Forderungen konterten und unmöglich machten. So forderten die Ruthenen die Einführung von Schulunterricht in ruthenischer Sprache. Wie die Lemberger Polen gründeten nun auch die Ruthenen einen Nationalrat, der Ostgalizien für ukrainisch erklärte, aber der Monarchie gegenüber treu blieb. Die Polen waren empört und warfen den Österreichern vor, die Ukrainer als Volk erfunden zu haben. So wie in Ungarn die Slawen gegen die Magyaren, spielte Wien trotz mehrerer liberaler Zugeständnisse auch in Galizien erfolgreich die Volksgruppen gegeneinander aus.

Im November 1848 kam es doch noch zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Lemberger Nationalgarde und der österreichischen Armee. Als die Bürger Barrikaden errichteten, ließ General Wilhelm von Hammerstein die Stadt bombardieren, wobei viele Zivilisten ums Leben kamen und das Rathaus, das Theater sowie die Universitätsbibliothek zerstört wurden. Die Verluste an Gebäuden waren schlimmer als später im Ersten oder Zweiten Weltkrieg. Nach dem Rücktritt Kaiser Ferdinands I. bestieg am 2. Dezember der achtzehn Jahre junge Franz Joseph I. den Kaiserthron. Er sollte ihn 68 Jahre lang innehaben, bis zu seinem Tod im Jahre 1916. Zunächst führte Franz Joseph I. die absolute Monarchie wieder ein und nahm fast alle Konzessionen für mehr Autonomie der Nationalitäten wieder zurück. Der Völkerfrühling war vorerst zu Ende. Aber die Leibeigenschaft blieb abgeschafft, was die Mobilisierung der ukrainischen Bauern in einer nationalen Bewegung ermöglichte. Dies war die bedeutendste Auswirkung der Revolution von 1848. Die Ukrainer hatten gelernt, politische Forderungen zu erheben und durchzusetzen.

Nach militärischen und außenpolitischen Niederlagen gegen die Italiener in den 1850er und die Preußen in den 1860er Jahren, die zu einem völligen Machtverlust Wiens im ehemaligen Deutschen Reich führten, ging Kaiser Franz Joseph I. wieder auf »seine Völker« zu, um den Zusammenhalt der Donaumonarchie zu sichern. Zudem zwang eine Finanzkrise den Monarchen dazu, dem Bürgertum mehr politische Mitspracherechte zu geben. Eine neue Verfassung schuf im Jahre 1861 autonome Landesparlamente in den Kronländern, die ihrerseits Abgeordnete in den ebenfalls neu geschaffenen Reichsrat in Wien entsenden konnten. So wurde ein föderales System errichtet, das provinzielle Autonomie mit Mitspracherechten in Reichsangelegenheiten kombinierte.

Schon Ende 1861 wurde der neue galizische Landtag in Lemberg gewählt und eröffnet. Allerdings waren nur zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung wahlberechtigt, und das Kuriensystem bevorzugte polnische Bürger und Großgrundbesitzer zum Nachteil der ukrainischen Bauern. Die Liberalisierung der österreichischen Politik mündete 1867 in den sogenannten »Ausgleich« mit Ungarn, das zu einem gleichberechtigten Partner im Reich erhoben wurde. Im selben Jahr erhielt Galizien das Recht zur uneingeschränkten kulturellen Selbstverwaltung. Dies führte dazu, dass die Polen in den kommenden Jahrzehnten ihre Macht in Galizien weiter ausbauen und das Leben in der Provinz gründlich repolonisieren konnten. Die deutschsprachigen Beamten verließen Lemberg, als offizielle Sprache in den Behörden und der Universität wurde wieder Polnisch eingeführt. Anders als in Posen oder Warschau, wo die preußischen und russischen Besatzungsmächte den Polen ihre Sprachen aufzwangen, konnte sich polnische Kultur im österreichischen Galizien relativ frei entfalten. So wurde Lemberg zu einem Anziehungspunkt für die polnische Intelligenz.

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Triumphbogen für den Besuch Kaiser Franz Josephs I. in Lemberg 1894

Die österreichische Regierung sicherte sich durch den »kleinen Ausgleich« mit den Polen deren dauerhafte Sympathie. Polnische Politiker engagierten sich im Wiener Reichsrat und wurden in das kaiserliche Kabinett berufen. Mehrere Finanzminister waren Polen. Die Ukrainer hingegen waren enttäuscht, dass Wien sie für ihre Loyalität nicht besser belohnte. Sie wurden weiter benachteiligt. Zwar gab es in Galizien nun mehrere Grundschulen mit Unterricht in ukrainischer Sprache, aber nur ein ukrainisches Gymnasium in Lemberg. Dennoch blieben die Ukrainer der Krone treu und verehrten den fernen Kaiser, der in ihren Augen zumindest dafür sorgte, dass sie von den Polen nicht so stark diskriminiert wurden wie etwa die Slowaken im ungarischen Herrschaftsteil des Reichs, wo Budapest eine rigorose Magyarisierung aller Slawen verfolgte. Auch im Vergleich zum russischen Zarenreich, wo die ukrainische Sprache und Kultur rigoros unterdrückt wurden, ging es ihnen in Galizien allemal besser. Hier waren ukrainischsprachige Zeitschriften zugelassen, ebenso politische Parteien und nationale Organisationen wie die Proswita (Aufklärung), die Leseklubs für ukrainische Bauern gründete.

Zum nationalen Idol der Ukrainer, ähnlich wie Puschkin für die Russen, wurde der Dichter Taras Schewtschenko (1814–1861). Als leibeigener Bauer nahe Kiew aufgewachsen, ging er als siebzehnjähriger Kammerdiener mit seinem Gutsherrn nach Petersburg, wo er von Gönnern, die seine lyrische Begabung entdeckt hatten, freigekauft wurde. In seinen Gedichten, die oft vom Leid einfacher Bauern handelten, schuf Schewtschenko aus verschiedenen ukrainischen Dialekten erstmals eine selbständige Literatursprache. Für seine aufrührerischen Werke wurde er 1847 zu zehnjähriger Verbannung nach Kasachstan verurteilt und starb bald darauf. Sein trauriges Schicksal empfanden viele Ukrainer als symbolisch für die Unterdrückung ihres Volks.

Träger der neuen ukrainischen Nationalbewegung in Galizien waren neben Geistlichen der Griechisch-Katholischen Kirche auch Intellektuelle wie der Schriftsteller Iwan Franko (1856–1916) und der Historiker Mychajlo Hruschewskyj (1866–1934), der aus Kiew auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für ukrainische Geschichte an der Universität Lemberg berufen wurde. Auch wenn beide Intellektuelle immer wieder um Ausgleich mit den Polen bemüht waren, wuchs die Verbitterung vieler Ukrainer gegen ihre mächtigeren Mitbürger. Das »Teile und Herrsche« der Habsburger funktionierte, aber die Saat für zukünftige Konflikte war gelegt.

Zwar blieb Galizien auch nach dem Ausgleich mit den Polen weiter eine verarmte Provinz, so dass das »galizische Elend« sprichwörtlich blieb, aber in der Hauptstadt Lemberg ging es nach 1867 wirtschaftlich kräftig bergauf. Der Handel profitierte vom Anschluss an das Eisenbahnnetz. Im nahe gelegenen Boryslaw wurde Erdöl entdeckt, das in alle Welt verkauft wurde. Lemberg war eine der ersten Städte Europas, in denen Gaslaternen aufgestellt wurden. Die Bevölkerung wuchs rasant, was im Zuge der europaweiten Industrialisierung und Urbanisierung auch nicht unüblich war, und ein Bauboom begann. Die Stadt trat in eine neue Blütephase ein, die ein halbes Jahrhundert andauern sollte.

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