Über Joan Weng

Joan Weng, geboren 1984, studierte Germanistik und Geschichte und promoviert über die Literatur der Weimarer Republik. Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Noble Gesellschaft«, »Feine Leute« und »Das Café unter den Linden« lieferbar.

Informationen zum Buch

Was nützt die Liebe in Gedanken?

Frühling 1925: Als Fritzi in Berlin ankommt, bringt sie nicht mehr mit als ein gebrochenes Herz, eine Reiseschreibmaschine und einen Traum: bei der UFA Drehbücher schreiben. In der schillernden Metropole findet sie sich schnell in einem Kreis von Malern, Schriftstellern und Musikern wieder, die das Leben und die Kunst feiern. Und dann trifft sie einen Mann, der alles für immer verändern wird. In einem Café unter den Linden …

»Mit viel Flair des Berlin der Zwanziger Jahre. Ein Buch zum Genießen.« Ulrike Renk

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Joan Weng

Das Café unter den Linden

Roman

Inhaltsübersicht

Über Joan Weng

Informationen zum Buch

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Berlin im Frühling 1925

1 Kapitel

2 Kapitel

3 Kapitel

4 Kapitel

5 Kapitel

6 Kapitel

7 Kapitel

8 Kapitel

9 Kapitel

Paris im Herbst 1925

Epilog

Danksagung

Quellenangaben

Impressum

Meinen Geburtstagskindern des 25. Januars

Berlin
im Frühling 1925

1
Kapitel

»Hey, Taxi!« Ein Fräulein in hellem Nerz, mit weißblondem Bubikopf und blutroten Lippen winkte hektisch, pfiff auf zwei Fingern und stürmte an Fritzi vorbei auf eine Taxe zu.

Ganz Berlin schien es sehr eilig zu haben, dachte Fritzi sich. Da, wo sie herkam und nie wieder hin zurückwollte, war niemand in Eile. Ein dumpfes Ziehen machte sich in der Herzgegend bemerkbar, und wie schon in den letzten Wochen versuchte sie es zu ignorieren. Herzschmerz war für alternde Jungfrauen mit Krampfadern, solche, die zum Tanztee für die reifere Jugend gingen und dort ihr Doppelkinn zu Walzerklängen wiegten. Fritzis Leben war Shimmy und Charleston, war Bubikopf und Kintopp – oder zumindest sollte es so werden.

Im Moment jedoch kam sie sich ziemlich fehl am Platz vor, von rechts schubste ein Mann, eine Aktentasche wurde ihr in den Rücken geknallt, jemand rempelte sie unsanft an: »Für was hält die das hier! Das ist der Alexanderplatz, keine buddhistische Meditationshalle.« Fritzi umklammerte ihren Koffer noch etwas fester, sie wusste nicht einmal, was eine »buddhistische Meditationshalle« war. Und den Weg zum Grunewald, wo Graf Hans von Keller wohnte, kannte sie auch nicht. Einen Schupo hätte man jetzt gebraucht!

Suchend sah Fritzi sich um: nichts als graue Büroangestellte in grauen Mänteln. Die würden ihr kaum helfen, die wollten nur noch heim, zu Frauchen, Abendzeitung und belegten Broten. Und zwischen ihnen die munteren Fräulein, mit Seidenstrumpfbeinen und hochmütig geschminkten Blicken, die traute sie sich nicht anzusprechen. Genauso wenig wie die finster dreinblickenden Männer in Arbeitskleidung, die sich müde über den großen Platz schoben. Die Menschen rinnen über den Asphalt, ameisenemsig, wie Eidechsen flink, so hatte Fritzi das mal gelesen, aber obwohl es sie normalerweise tröstete, ein Buch oder ein Gedicht zwischen sich und die Wirklichkeit zu schieben, wurde ihr nun sehr kalt. Wenn sie unglücklich war, dann fror sie immer, da halfen auch die dicksten Socken nicht. Jetzt stand sie hier, allein mitten in Berlin, und wollte diesen Grafen überzeugen, dass er seine Memoiren schreiben sollte? Natürlich nicht, ohne sie zuvor als Tippfräulein zu engagieren. Plötzlich hatte sie Angst vor der eigenen Courage.

»Alles in Ordnung, gnädiges Fräulein?« Vor ihr war ein junger Mann aufgetaucht, der sie mit besorgten Augen ansah. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er, legte ihr fürsorglich einen Arm um die Schulter und führte sie zu einer nahe gelegenen Bank.

»Ich weiß einfach nicht, wie ich in den Grunewald komme«, platzte es aus ihr heraus. Sofort wurde sie rot. Wie naiv das klang. Viel zu sehr nach der alten Fritzi und so gar nicht nach Charleston, Shimmy, Bubikopf und Kintopp!

»Der Graf von Keller erwartet mich. Er wollte mir einen Wagen schicken, aber den habe ich wohl irgendwie verpasst«, ergänzte sie schnell und versuchte, den abgeklärten Ausdruck der Frauen um sie herum zu imitieren. »Sie möchten zum Grafen von Keller?«, echote der junge Mann, und sie begann, schon wieder zu frieren. Bei ihrem Glück erzählte der ihr gleich, der Graf sei heute verstorben. So alte Adlige starben doch ständig, die hatten ja auch sonst nicht mehr viel zu tun.

»Ist er tot?«

Ihr Gegenüber schaute sie verwirrt an, dann zuckte er mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Wenn Sie zum Grafen wollen, dann schreibe ich Ihnen die Tramverbindung auf. Das Haus ist nicht zu verfehlen. Es ist das einzige mit rostigem Tor und einem vollkommen verwilderten Garten.«

Erleichtert lächelte sie ihm zu, öffnete ihre Handtasche und holte einen Bleistift und einen alten Briefumschlag heraus.

»Wenn Sie sich beeilen, kriegen Sie noch die nächste Elektrische zum Kottbusser Tor. Dort umsteigen in Richtung Uhlandstraße, dann den Hohenzollerndamm entlang, und schon sind Sie da.« Dann gab er ihr einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter, stand auf und rief ihr im Weggehen noch zu: »Gleis 2!«

Es gab also auch in Berlin nette Menschen, die einem einfach so halfen.

Oder auch nicht. Denn als Fritzi ihr Billet lösen wollte, war ihre Geldbörse weg. Samt hundert Reichsmark Erspartem, samt Leihbüchereiausweis und dem Brief von Gustav. Zumindest ihr Pass war noch da, den hatte sie auf Anraten ihrer Tante Hulda im Koffer versteckt. Sie hätte heulen können, wie konnte sie nur so blöd sein, auf so einen dreisten Dieb hereinzufallen? Zähneknirschend kratzte sie ihr letztes Geld zusammen und zog ein Billet. Immerhin hatte sie nicht geweint, die alte Fritzi wäre bestimmt in Tränen ausgebrochen. Innerlich seufzend, drängelte sie sich auf eine der Wartebänke, zwischen einen Zimmermannsgesellen mit Mettwurstbrötchen und einen Verbindungsstudenten mit Braut. Die Frau hatte herrliche, frisch gelegte Dauerwellen, schön sah das aus, viel hübscher als Fritzis eigenes glattes, mausblondes Haar. Entschieden griff sie in ihre Handtasche und fand nach einigem Wühlen Lippenstift und Puderdöschen. Beides noch kaum benutzt, aber das würde sich jetzt ändern. Mit aller ihr zu Gebote stehenden Arroganz ließ sie das Döschen klackend aufspringen, überpuderte sich Sommersprossen und die vor Aufregung geröteten Wangen. In ihrem Kopf dröhnten Tante Huldas mahnende Worte geschminkte Frauen, nur schön anzuschauen, aber sie gefiel sich gleich viel besser. Fast zufrieden lehnte sie sich zurück, dachte sich: Ineinander dicht hineingehakt, Sitzen in den Trams die zwei Fassaden Leute, wo die Blicke eng ausladen, und mit einem halben Lächeln linste sie nun in das »Berliner Abendblatt« des Zimmermannsgesellen.

20 Babyleichen in Wedding prunkte als Überschrift und drunter ein Bild, so schwarz schattig, man wusste nicht, zeigte es die Leichen, den ermittelnden Kommissar oder was ganz anderes? Daneben die Vergnügungstipps für den heutigen Montag, im Kintopp auf dem Ku’damm lief Goldrausch mit Charlie Chaplin, bei Kroll gab es einen Ball – Einlass ab 19 Uhr, Abendgarderobe Pflicht –, in der Akademie zu Charlottenburg einen Tanztee, und in der »Weißen Maus« konnte man Anita Berber bestaunen. Die besondere Empfehlung der Redaktion galt allerdings dem »Café unter den Linden« mit seiner neuen Jazzsensation, dem Mann mit der Schlafzimmerstimme: Johnny Gable.

Von diesem Johnny Gable gab es sogar eine Fotografie, die jedoch so verschwommen war, dass Fritzi kaum etwas erkennen konnte. Nur große Augen, Nachttieraugen, und streng aus einer eckigen Stirn gekämmtes Pomadenhaar, das im Blitzlicht grell aufspiegelte.

Sobald sie eine echte Berlinerin war, mit makellosen Seidenstrumpfbeinen und dauergewelltem Bubikopf, würde sie abends auch ins »Café unter den Linden« gehen, der Schlafzimmerstimme lauschen und tanzen! Fritzi musste unwillkürlich lächeln. Das alles lag vor ihr, sie glaubte an ihr Glück. Pech hatte sie schließlich genug gehabt. Nach dem frühen Tod der Mutter, der Kriegsinvalidität, dem qualvollen Dahinsiechen des Vaters und der geplatzten Verlobung mit Gustav, da hatte doch auch sie mal was beim Schicksal gut! Und dann noch die Geschichte mit dem Theaterstück, das Schicksal hatte wirklich bei ihr Schulden. Aber bevor Fritzi noch hätte anfangen können, Trübsal zu blasen, fuhr schon die Elektrische Richtung Kottbusser Tor, Hermannplatz ein. Wenn das kein gutes Zeichen war!

*

Eine Stunde später stand sie auf einer gepflegten Kopfsteinpflasterstraße zwischen riesigen Grundstücken, die von hohen Mauern und akkurat geschnittenen Hecken umgeben waren. Derart viele Automobile wie hier hatte sie noch nie gesehen. In stinkender, knatternder Arroganz brausten sie an einem vorbei, hinter dem Lenkrad Männer mit Chauffeursmütze. Der gnädige Herr saß hinten und entspannte sich schon einmal. Aber auch fahrende Frauen rasten achtlos an ihr vorbei, scherten sich einen Dreck um Fußgänger. Die mussten doppelt aufpassen und sich auch schon mal durch einen kühnen Sprung zur Seite retten. Da hupten die Fräulein in ihren bunten Gefährten höhnisch und traten danach erst recht fest aufs Gas. Nur wenn die Spaziergänger andere Damen im Pelz waren, eingehängt in den Armen graumelierter Herren, würdevoll dahinschreitende Damen, nur dann konnten die motorisierten Fräulein bremsen, blieben plötzlich mitten auf der Straße stehen, plauderten ein wenig, ungestört durch das Hupen oder Fluchen der hinter ihnen fahrenden Autos.

Fritzi schaute sich um. Jedes der Grundstücke hatte eine kiesbedeckte Auffahrt, die durch ein Gartentor von der Straße abgegrenzt war. Die Tore wurden von sprungbereiten Steinlöwen bewacht, waren von bronzenen Familienwappen oder mit den in Eisen gegossenen Initialen der Besitzer geschmückt. Nur ein rostiges war bisher nicht dabei gewesen.

Es dämmerte schon. Immer weniger Spaziergänger waren auf den Straßen. Koffer und die Orga Privat in der Tasche über ihrer Schulter wurden Fritzi schwer. Was, wenn der Graf sie tatsächlich nicht in Stellung nahm? Wo sollte sie nur schlafen, ohne Geld? Da hätte sie besser mal vorher darüber nachgedacht, aber sie hatte einfach nur noch weggewollt!

Weg vom langweiligen alten Finkenbeiner und seinen muffigen Paragraphen, die sie für ihn hatte abtippen müssen, weg von der übellaunigen Tante Hulda mit ihrer genüsslichen Trauer um den Papa, weg von der lahmen Pferdetram, weg von den spöttischen Blicken der Leute, die es ja alle eh schon immer gewusst hatten, was für einen Reinfall Fritzi mit ihrem Theaterstück erleben würde.

Und vor allem weg von Gustav, dem Grauenhaften.

Aber weg war im Moment auch nicht besser. Sie hätte sich bei einem der Spaziergänger erkundigen sollen, wie sie zu Herrn von Keller kam, aber erst war ihr das unangenehm, so naiv fragen zu müssen, und jetzt waren die plötzlich alle verschwunden. Nur hinter sich hörte sie noch Schritte. Mit einem Blick über die Schulter stellte sie fest: Da liefen zwei Männer!

Sicher Dienstboten fürs Grobe, der eine trug keinen Hut, nicht mal eine Schiebermütze hatte der auf den wirklich bemerkenswert schwarzen Locken, und der andere hatte dafür weder Hut noch Haare, nur einen nach Sträflingsmanier kahlrasierten Schädel. Wann immer die beiden unter einer Laterne vorbeikamen, flammten ihre Halstücher brandrot auf. Was wollten Kommunisten hier im Grunewald, diesem von Steinlöwen und freilaufenden Hunden bewachten Paradies des Kapitals? Vielleicht waren es Einbrecher?

Sie ging etwas schneller.

Von irgendwo konnte man auf einmal Musik hören. Eine hässliche, ziemlich schrille Violinmusik. Ein bisschen wie im Film, wenn im nächsten Moment der Würger mit den im Wahn verdrehten Augen aus dem Gebüsch sprang.

Da hatte sie ihr Kintopp! Nun zufrieden?

Die beiden Männer waren jetzt direkt hinter ihr.

»Mir egal, was Hans denkt und meint, ich find diese Zwölftonmusik einfach nur hässlich! Klingt doch wie eine Katze, der man’s Fell abzieht«, sagte der eine, und der andere erwiderte: »Nein, das empfindest nur du so. Das ist, weil sie dir auf dem Internat mit Mozart die Ohren verklebt haben. Wie oft soll ich es dir noch erklären? Kunst, die gefällt, verdient ihren Namen nicht! Allein die Tatsache, dass wir etwas als schön empfinden, beweist schon den Verlust des Progressiven! Kunst muss erschüttern! Entschuldigen Sie, junges Fräulein.«

Letzteres galt ihr, an der sich die beiden nun vorbeidrängelten, und weil in Fritzis Welt Einbrecher nicht aufs Internat gegangen waren und auch nicht über Kunst diskutierten, fragte sie schüchtern: »Bitte entschuldigen Sie vielmals, aber können Sie mir zufällig sagen, wie ich zur Villa des Grafen von Keller komme?«

»Aber top.« Der mit dem Lockenkopf nickte. »Was wollen Sie denn dort, junges Fräulein?«

Sie wusste nicht recht, ob sie den beiden trauen sollte, aber eine andere Wahl hatte sie nicht, und so zückte sie ihr Empfehlungsbriefchen, erklärte: »Mein Herr Vater hat unter dem Herrn Grafen gedient, und ich wollte mich nun beim Herrn Grafen erkundigen, ob er vielleicht die Güte besäße, mir zu helfen, in Berlin Arbeit zu finden.«

»Malen Sie? Nein, tun Sie nicht!«, stellte der Schwarzhaarige mit raschem Blick auf ihre Hände fest. »Dichten werden Sie auch kaum, dafür ist Ihr Mund zu profan. Musizieren Sie?«

»Sie macht Ausdruckstanz. Sieht man gleich. Schau dir doch die Beine an.«

Ungeniert musterten sie nun Fritzis in dicken Wollstrümpfen steckenden, gleichfalls etwas dicken Beine. »Nicht wahr, Sie machen Ausdruckstanz?«

Sie schüttelte den Kopf, verstand nicht, was das alles mit dem Grafen von Keller zu tun hatte.

»Wenn Sie nicht tanzen, nicht malen und nicht musizieren, was verdammt wollen Sie dann beim Hans? Schreiben Sie am Ende doch?«

»Genau.« Sie nickte, erleichtert, aber sehr verwirrt. »Genau, deshalb möchte ich zum Herrn Grafen von Keller.«

»Na, dann kommen Sie mal mit«, brummte der Wandschrank. »Ich bin übrigens Rosa und der hier, das ist der Wladimir. Kannst Wlad sagen, tun wir alle.«

Sie schluckte, ob das die Nachnamen waren? Mussten es ja fast, welcher Mann hieß Rosa?

»Angenehm, Lack«, entgegnete sie und erntete dafür schallendes Gelächter. »Ist es noch weit bis zum Herrn Grafen?«

»Nein, nur noch die Straße runter, du kannst die Musik schon hören. Soll ich deinen Koffer nehmen?«, erkundigte sich Rosa, aber nach der Erfahrung am Bahnhof trug Fritzi ihre Habe lieber selber. »Was schreibste denn so?«, fragte Rosa und ergänzte: »Ich schreibe nämlich auch. Vor allem Artikel für Zeitschriften. Nichts Großartiges.«

»Ich habe bisher vor allem Juristisches getippt«, entgegnete sie vage. Die Geschichte mit dem Theaterstück brauchte sie ihnen ja nicht auf die Nase zu binden.

»Du machst Krimis? Also, das finde ich ja top. Ich bin völlig verrückt nach Krimis. Wallace, Christie oder auch Nick Wassermann, ganz egal. Wenn von denen was Neues rauskommt, gibt’s für mich nur eins, ab zur Leihbibliothek, und dann bin ich für ein paar Stunden zu nichts anderem zu gebrauchen. Als Wlad und ich zum Hans gezogen sind, da war gerade ›The Dark Eyes of London‹ von Wallace ganz neu erschienen, und weißt du, was ich da gemacht hab?«

»Er hat sich zwischen die Umzugskartons gesetzt und gelesen, es war furchtbar!«, sagte Wlad. Er blieb stehen und deutete auf ein offen stehendes, schief in den Angeln hängendes, rostiges Tor. »Da sind wir übrigens. Home sweet home

Fritzi schluckte, das musste ein Witz sein. Kein Graf, so verarmt er auch sein mochte, duldete ein solches Tor! Dann fiel ihr Blick auf die gusseisernen Schnörkel v. K.

Über das K hatte jemand ein Pappschild gehängt, das schon ganz ausgeblichen war: Kolonie Heimat.

Nicht mehr, nur diese zwei Worte. Ihr blieb keine Zeit, um über die Bedeutung nachzudenken, denn ihre Begleiter zogen sie nun hinter sich her durch den verwilderten Garten, der nur vom Mond beleuchtet wurde. Vielleicht war das ja auch ganz gut, denn das, was sie in dem fahlsilbrigen Licht sah, reichte ihr für’s Erste. Zwischen den Platten des Weges quoll Unkraut hervor, und vermodertes Herbstlaub machte die Steine rutschig. Alle paar Meter musste sie sich bücken, weil von den angrenzenden Bäumen dornige Brombeerranken oder feuchte Efeulianen herabhingen und an ihren Strümpfen hängen blieben.

Den beiden jungen Männern schien die Dunkelheit nichts auszumachen, ohne Zögern steuerten sie der lauter werdenden Musik entgegen. Längst war das schrille Violingekratze vom hektischen Takt eines Charleston abgelöst worden, und nun hörte Fritzi auch Gelächter. Gelächter und Stimmen.

Plötzlich teilten sich Bäume, Unkraut und Gestrüpp und gaben den Blick auf eine hell erleuchtete Villa frei. Vor der Freitreppe, zwischen hochbeinigen Metalltischchen standen Kohlebecken und warfen ein flackerndes Licht auf das bunte Treiben des Vorplatzes.

»Da wären wir«, stellte Rosa fest, wobei er ziemlich brüllen musste, denn auf den Stufen der überwachsenen Treppe stimmten die Musiker jetzt einen schwülen Tango an.

Fritzi nickte und starrte. Sie war fassungslos. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Zwischen den Kohleflammen tanzten junge Männer mit blanken Oberkörpern schweißglänzend um Fräulein in tausendfach funkelnden Paillettenkleidern, schlängelte sich ein Fräulein im Smoking vollkommen allein und traumverloren rauchend im Takt, küssten sich tanzend zwei Herren in identischen Dinnerjacketts. Über allem lag, fast betäubend, der Rauch des Feuers, der sich mit Tabakgeruch und etwas Süßlichem mischte, das Fritzi nicht erkannte.

»Komm, suchen wir dir den Hans«, schlug Rosa vor, während Wlad wortlos zwischen den Tanzenden verschwand, sich von einem der Tische eine geöffnete Sektflasche nahm, einem der Mädchen die Zigarette aus dem Mund klaute und ohne weitere Umstände mit dem Fräulein im Smoking zu tanzen begann.

»Welcher ist es?«, fragte Fritzi, die die Menge vergeblich nach einem älteren Herrn absuchte. »Ist er da unter den Tänzern?«

»Bei diesen vergnügungssüchtigen Hupfdohlen?« Abfällig verzog Rosa das Gesicht. »Das sind doch Kindereien! Da steht Hans drüber. Früher gab’s so was hier nicht. Das hat erst dieser Gable eingeführt.«

»Der Sänger?«

»Wenn du ihn so nennen willst …« Rosa packte sie sanft, aber bestimmt am Arm, drängelte sich mit ihr durch die Masse der Tanzenden, am Orchester vorbei die Treppe hoch und ins Haus, wobei er die schwere Eichenholztür lautstark hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Drinnen war es plötzlich sehr still. Das erste Mal an diesem Tag, dass Fritzi einfach nichts hörte. Es war, als wäre sie taub geworden. Doch nur einen Augenblick, schon kam bellend ein riesenhaftes Ungetüm von Hund auf sie beide zugestürzt und sprang schwanzwedelnd an Rosa empor.

»Freust du dich? Ja, mein alter Junge, freust du dich?«, rief Rosa, wobei sich seine eigene Stimme vor Entzücken zu überschlagen drohte. »Komm, Gregor, sag auch Lack Hallo.«

Fritzi fuhr ihm rasch über den riesenhaften Kopf und zog dann schnell die Hand weg. »Das ist der Gregor. Eigentlich ist er Hans’ Hund, er hat ihn als Welpe einem Pleitezirkus abgekauft. Die wollten ihn erschießen, meinen Gregor, also ich meine Hans’ Gregor. Weißt du, manchmal geht es Hans … na ja, manchmal kann Hans sich eben nicht so richtig um ihn kümmern, und dann nehmen Wlad und ich ihn ein Weilchen«, erklärte Rosa, während er sie durch einen langen Flur führte. Fritzis Herz hüpfte. Vielleicht war der Graf ja doch ein gebrechlicher Herr, und von Gebrechlichkeit zum Schreiben der Memoiren war es nur ein kleiner Schritt.

Verarmt war der Graf jedenfalls ganz sicher nicht. Zwar musste der Marmorboden dringend mal gewischt werden, und überall auf den Möbeln waren Abdrücke von dreckigen Pfoten, doch was hier allein an Vasen, goldgerahmten Ölbildern und Antiquitäten rumstand, davon war das Gehalt eines Tippfräuleins hundertfach gezahlt. Wie riesig diese Villa sein musste! Sie hatten eben einen großen Saal durchquert und waren in einen kleineren Seitenflügel eingebogen. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Rosa plötzlich: »Wir sind gleich da.«

Tatsächlich hörte sie jetzt Musik, aber nicht das herrlich aufgedrehte Jazzgetöse des Gartens, sondern ein einsames, melancholisches Klavier.

»Ah, Tschaikowskis erstes«, lachte Rosa. »Lack, du hast Glück. Hans ist guter Laune. Wart nur einen Moment hier, ich will ihn rasch vorwarnen und … na ja, sichergehen, dass er in Stimmung ist, Gäste zu empfangen. Er kann da manchmal etwas heikel sein. Gerade heute, wo sie doch wieder … ach, egal.«

Schon waren Gregor und er durch eine Tapetentür verschwunden.

Fritzi stand allein auf dem Gang. Ihr taten die Füße weh, und ihr Magen knurrte nun sehr heftig. Mittlerweile wollte sie nur noch schlafen. Morgen würde es dann schon irgendwie weitergehen.

Das Klavier verstummte plötzlich, doch dann passierte nichts weiter. Niemand bat sie herein, niemand öffnete die Tür.

Fritzi wartete.

Vielleicht hatte sie das »Treten Sie ein« überhört? Aber einfach so reinplatzen? Sie wollte keinen schlechten Eindruck machen, und so wartete sie, zählte bis zehn, dann bis zwanzig und klopfte schließlich erneut. Zur Antwort erhielt sie ein herrisches »Kommen Sie doch endlich rein! Worauf warten Sie denn noch?«

Das Zimmer, das sie nun betrat, war so vollgestopft, dass sie den Grafen zunächst gar nicht sah.

Überall stapelten sich Bücher, in den Regalen, auf dem Boden, auf den Sesseln, und auf den Büchern wiederum balancierten randvolle Aschenbecher, benutzte Tassen, dreckiges Geschirr. Im Luftzug der geöffneten Tür flatterten lose Notenblätter und zerknüllte Papierbögen auf. Dazwischen standen, lehnten, lagen wild bemalte Leinwände, manche wohl noch recht frisch, sie konnte die Ölfarbe riechen.

Inmitten all des Chaos saß ein Mann, er war maximal dreißig, obwohl die wirr von seinem Kopf abstehenden, blonden Locken ihn vielleicht ein bisschen jünger wirken ließen.

Einen Moment lang sah er Fritzi aus tannenhonigfarbenen Augen neugierig an, dann sagte er: »Bitte sehen Sie mir meinen Ton nach. Wir sind hier nicht so förmlich, ich dachte, Sie kommen einfach, wenn Sie merken, dass ich nicht mehr spiele. Aber das konnten Sie ja nicht wissen.« Er grinste entschuldigend und fuhr in scherzhaftem Ton fort: »… wenn es an mein Haus pochte, war es mein eigenes Herz « »… Ich färbte dir den Himmel brombeer mit meinem Herzblut, aber du kamst nie mit dem Abend«, ergänzte Fritzi lachend die nächste Strophe des Gedichts. »Ich bin ein großer Bewunderer von Else Lasker-Schüler«, erklärte sie, als sie seine Verblüffung sah.

»Ich auch. Absolut. Für mich ist sie eine der größten lebenden Lyrikerinnen.« Der Mann nickte einige Male heftig, dann fragte er: »Nachdem wir uns hier also einig sind, womit kann ich dem gnädigen Fräulein sonst helfen?«

»Ich möchte zum Herrn Grafen von Keller.«

Ihr Gegenüber lachte laut auf.

»Was möchten Sie denn von Herrn von Keller? Zu dieser späten Stunde und derart abgekämpft? Wollen Sie sich nicht vielleicht erst einmal setzen?« Eine von verblassten Sommersprossen übersäte Hand zeigte auf einen leicht ramponiert aussehenden Korbsessel. Dem Geruch des blaugestreiften Sitzkissens nach normalerweise Gregors Platz. »Wer sind Sie überhaupt?«

»Elfriede Lack ist mein Name, Fritzi«, haspelte sie und ärgerte sich, nicht wenigstens noch ein bisschen frischen Puder aufgelegt zu haben. Vielleicht war das der Sohn? Oder ein Neffe? »Mein Herr Vater hat unter dem Herrn Grafen gedient, bis 16, bevor er zur Feldküche versetzt wurde. Zum Abschied hat der Herr Graf gesagt, wenn mein Vater oder jemand aus seiner Familie mal nach Berlin käme, dann solle er ihn doch besuchen.«

»Das hat er gesagt? Da war er bestimmt betrunken.« Die Mundwinkel des jungen Mannes zuckten spöttisch. »Er war eigentlich während des ganzen Kriegs nur betrunken. Anders hätte er es nicht ausgehalten, der war zu weich.«

»Das kann nicht sein. Mein Vater sagte, er sei der beste Offizier gewesen, unter dem er je gedient habe! Und das, obwohl er sonst nicht viel von preußischen Offizieren gehalten hat.« Bestimmt war das der Sohn, über ihren Vater hatte Fritzi zu Lebzeiten auch ziemlich oft unfreundliche Sachen gedacht. »Würden Sie mich jetzt vielleicht zu ihm führen?«

»Das hat Rosa schon getan. Er sitzt vor Ihnen.«

Fritzi schluckte, spürte, wie ihr alles Blut in die Beine sackte. Das konnte nicht sein!

Der Graf war doch ihres Vaters Hauptmann, unmöglich, dass ein so junger Mensch … obwohl, wenn er damals 23 oder auch 25 war, im Krieg gab es viele so schnelle Karrieren, besonders mit einem von vor dem Namen …

»Entschuldigen Sie, das war gemein von mir.« Wieder lachte er, breit und fröhlich. »Ich erinnere mich gut an Ihren Herrn Vater, Quint Lack, nicht wahr? Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, Sie sehen ihm ziemlich ähnlich.«

»Danke«, murmelte Fritzi. »Die meisten sagen, ich käme nach meiner Frau Mutter, aber ich kann es nicht einschätzen. Ich hab keine Erinnerungen an sie.«

»Wie geht es Ihrem Vater denn?«, fragte der Graf, der sich reckte, um das Fenster neben sich zu öffnen. Kühle, feuchte Luft drang herein, wirbelte die losen Papiere über den staubigen Boden. Das Getöse der Gartengesellschaft war nun wieder zu hören. »Die Lunge, oder? Ein Gasangriff, wenn ich es noch richtig weiß?«

Fritzi nickte einige Male und holte tief Luft. »Mein Herr Vater ist gestorben. Letzten Herbst.«

Die Miene des Grafen hatte sich verdüstert, er setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als mit einem Schlag der Festlärm verstummte und die Klänge eines Saxophons in die Nacht schwebten.

Melancholisch und tief.

Fritzi schwieg und lauschte. Nach einem Moment stimmten Klavier, Trompete und Kontrabass mit ein, und plötzlich erklang eine Männerstimme. Rau, verführerisch und sanft zugleich streifte sie über Fritzis Haut, streichelnd, neckend, kosend fuhr sie um sie herum, umfing sie, hielt sie fest in der Umarmung, hauchte Abschiedsworte, Liebesschwüre, bis sie leise verklang und nichts als Sehnsucht hinterließ und den Wunsch, ihr von neuem zu lauschen.

Fritzi blinzelte. Erschrocken, wie aus langem Traum erwacht, rieb sie sich über die Augen.

Das Gesicht des Grafen hatte sich verändert. Ernst war es geworden, und nun erst bemerkte Fritzi, wie hager er war. Sie sah die Schatten unter seinen Augen und die feinen Linien um den schmalen Mund. Er musste älter sein, als sie anfänglich gedacht hatte.

»Gable«, erklärte er, und auch seine Stimme war eine andere. Sachlich, distanziert, von arroganter Höflichkeit. »Er gefällt Ihnen, wie originell. Warten Sie ab, bis Sie ihn sehen.«

»Singen kann er.« Rosa war wieder in das Zimmer getreten, einen Teller mit Fleischklößchen und Senf in der Hand. Der Anblick dieses köstlichen Zusammenspiels aus Hackfleisch, Brot und vielleicht sogar Speckstückchen, abgerundet durch scharfen Senf, holte Fritzi vollends in die Gegenwart zurück. Ihr Magen knurrte lautstark und in der plötzlichen Stille auch für niemand zu überhören. Rosa lachte – mitfühlend, nicht gemein –, und noch immer lachend, sagte er: »’tschuldige, ich wusste nicht, dass du auch noch nix gegessen hast. Ich hol dir kurz was.«

»Rosa, ich wäre dir wirklich sehr verbunden, wenn du deine berühmt-berüchtigte Gastfreundschaft andernorts ausleben könntest. Vielleicht besäßest du die Freundlichkeit, Fräulein Lack in der Küche zu verköstigen? Unser Gespräch war sowieso beendet, und ich muss dringend weiterarbeiten.« Der Graf begleitete seine Worte mit einer auffordernden Geste in Richtung Tür. »Leben Sie wohl, Fräulein Lack. Die Grüße von Ihrem Herrn Vater selig habe ich zur Kenntnis genommen, und nun wünsche ich Ihnen noch einen schönen Aufenthalt in Berlin.«

Fritzi schluckte, dann sagte sie: »Ich bin nicht wegen der Grüße gekommen. Ich wollte Ihnen meine Dienste als Sekretärin antragen.«

Einen Moment musterte er sie verwundert, schüttelte jedoch abschließend den Kopf. »Ich brauche kein Tippfräulein. Ich hab schon eins.«

»Aber kann Ihr Tippfräulein auch Englisch und Französisch?«, setzte Fritzi nach. Auf keinen Fall würde sie sich so leicht abwimmeln lassen. Jetzt musste sie hart bleiben. »Ich habe meine eigene Schreibmaschine, und ich beherrsche Steno. Ich habe drei Jahre in einem Anwaltsbüro gearbeitet und weitere drei im Sekretariat eines Lyzeums.«

»Herzlichen Glückwunsch.« Er wirkte unbeeindruckt, und obwohl Fritzi wusste, dass sie mit ihren Qualifikationen vermutlich recht schnell eine andere Stelle finden würde, hatte sie sich nun auf diese versteift. Sie wollte nicht gleich bei ihrem ersten für Berlin gesetzten Ziel klein beigeben. Das wäre kein gutes Omen. Und so spielte sie ihren Trumpf aus: »Ich bin sehr billig.«

»Da wär ich nie drauf gekommen«, entgegnete von Keller, sein Blick blieb an ihren wollenen Strumpfhosen hängen, und sich aufrichtend, ergänzte er: »Jetzt essen Sie halt noch Ihre Bulette, aber dann raus. Ich brauche Sie nicht.«

Fritzi wurde eiskalt vor Schreck. Der konnte sie doch nicht mitten in der Nacht einfach so auf die Straße jagen? So was tat man doch nicht. Sie war so gefangen in ihrem eigenen Unglück, dass sie erst gar nicht merkte, welche Mühe es ihm bereitete, von dem Klaviersessel aufzustehen. Rosa war zu Hilfe geeilt und reichte ihm zwei Krücken, die er mit einem mürrischen Gesichtsausdruck und ohne Dank entgegennahm.

»Ist nicht persönlich gemeint. Hans hat manchmal seine Launen. Außerdem ist er schlecht auf Gable zu sprechen, lange Geschichte«, seufzte Rosa, nachdem die Tür hinter dem Grafen ins Schloss gefallen war. »Jetzt iss erst mal in Ruhe, und dann schauen wir, wo du heute Nacht schläfst. Für hübsche Fräulein haben wir doch immer irgendwo Platz. Nicht wahr, Gregor?«

*

Schließlich wurde Fritzi im Geräteschuppen einquartiert. Zuerst war sie zusammengezuckt, als Rosa ihr den Vorschlag machte, doch dann stellte er sich als ein hübsches, wenn auch sehr kleines Häuschen heraus, das etwas abseits von der Villa des Grafen auf dem Grundstück stand. Es gab sogar eine Holzveranda mit Treppchen, und innen waren es so ziemlich die gemütlichsten vier Wände, die Fritzi bisher untergekommen waren. Jemand mit viel handwerklichem Geschick hatte aus Überseekisten einen Dielenboden gezimmert. Die Regale bestanden aus alten, mit Schiffstauen verbundenen Weinkisten, und mitten im Zimmer thronte ein quietschgelbes Plüschsofa – gelb wie ein sehr gelbes Entenküken war es. Und auf dieses Entenküken von einem Sofa lud Rosa Fritzi nun ein, sich zu setzen und ihre Buletten zu essen. Er selbst ließ sich in einen Korbstuhl sinken, verknotete seine langen Beine gleichermaßen umständlich wie behaglich und rauchte stumm eine Zigarette.

Eigentlich hätte ihr unheimlich zumute sein müssen. Da saß sie nun in einem wildfremden Haus mit einem Mann, von dem sie nur wusste, dass er Kommunist war, aber sie fühlte sich ganz wohl. So satt und behaglich auf dem Sofa eingeplüscht, rückte vieles in eine andere Relation.

»Wo kommst du denn eigentlich her?«, fragte Rosa, wobei er Gregors mächtigen Kopf zu seinen Füßen kraulte. Selbst der Hund kam Fritzi nun gar nicht mehr grauenhaft riesig vor.

»Kennst du sicher nicht, so eine Kleinstadt in Süddeutschland, aber dahin will ich nicht mehr zurück.« Sie zuckte die Schultern und schlüpfte jetzt dann doch aus ihrem Mantel, den sie bisher angelassen hatte. Es war sehr warm in dem kleinen Zimmer, der grüne Kachelofen bollerte auf Hochtouren, und offensichtlich schwitzend, aber fluchtbereit im Wintermantel, das war albern.

»Ich will in Berlin bleiben.«

»Was finden nur immer alle an diesem Moloch? Ich komm von der Kurischen Nehrung. Ich mag Berlin nicht besonders, viel zu hektisch und laut, und es stinkt nach Abgas und Fabrik. Ne, wenn’s nach mir ginge, ich würde zurück nach Ostpreußen gehen. Meine Eltern haben ein Gut mit Pferdezucht. Zur Erntezeit fahren wir immer hoch und helfen.«

Fritzi nickte. Junkersöhne mit elterlicher Pferdezucht und Gut trugen in ihrer Vorstellung keine ausgebeulten Hosen, und auch die Haare hatten anders zu sein – gut geschnitten und mit viel Pomade zurückgeschlonzt.

Und wer war wir? Rosa und der Graf? Rosa und Wlad? Rosa und eine bisher nicht in Erscheinung getretene Ehefrau?

Fast tippte Fritzi auf Letzteres, denn sie erinnert sich nun, dass Rosa beim Betreten des Häuschens gesagt hat: Hier wohnen wir. Auch schien ihr hier die ordnende Hand einer Frau am Werk. Über einem Klappreck am Ofen hing Wäsche, neben der Spüle trocknete eine Pfanne nebst zwei Gläsern, und der Plankenboden war erst kürzlich feucht gewischt worden. Bevor ein Mann von selbst erkannte, dass ein Boden gereinigt gehörte, davor ließ Hindenburg sich die Haare wachsen und trat mit Gummibusen als Chanteuse auf.

Aber wo war Frau Rosa? Vielleicht schon im Bett? Fritzi vermutete stark, dass die Leiter neben dem Ofen zu einer unter dem Dach befindlichen Schlafstätte führen musste.

»Was war denn wieder mit Hans los?«, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken. Wlad stand in der Tür, brachte mit sich einen Schwall kühle Nachtluft und ein paar Fetzen Musik vom draußen wohl noch immer tobenden Fest herein. »Ich werd den nie verstehen! Ich hab ihn nur ganz harmlos gefragt, wo du bist, fährt der mich an, er sei nicht die Auskunft!«

Er schüttelte sich, warf seinen Mantel über den Ofen, gab Gregor einen Klaps auf den Kopf und Rosa einen ziemlich langen Begrüßungskuss auf den Mund. Fritzi schluckte. Das war dann wohl Frau Rosa.

»Na egal, ich hab dich ja gefunden, und du wirst nie glauben, was ich gerade gehört hab. Ich hab sagenhafte Topneuigkeiten! Ich hab’s von Inge, und die hat es von der ersten Posaune! Es ist also wirklich wahr!«

Fritzi starrte auf ihren Teller mit Fleischklößchen, dann auf den Plankenboden. Da, wo sie herkam, küsste man ein einziges Mal so in aller Öffentlichkeit auf den Mund: vor dem Altar, nach dem Ringetauschen. Und dann auch noch gleich zwei Männer – ein bisschen schockierte Fritzi das dann doch, obwohl sie natürlich wusste, dass der beste Freund ihres Vaters jeden August mit einem Buchhändler in die Sommerfrische fuhr und ihr Vater ihr dazu mehr als einmal einen Vortrag gehalten hatte. Thema: Der Paragraph 175 ist ein Verbrechen. Was geht es den Staat an, wen wir lieben?

»Also hör zu«, fuhr Wlad inzwischen fort. »Gestern ist Gable doch wie jeden Sonntag im ›Wintergarten‹ aufgetreten, und da saß eine im Publikum, eine Blondine …« Plötzlich fiel sein Blick auf Fritzi, und er unterbrach sich: »Was macht denn die noch da? Ich dachte, die hättest du bei Hans abgeliefert?«

»Lack übernachtet heute bei uns, während du uns deine tollen Neuigkeiten erzählst, könntest du ihr schon mal ein Laken bringen.« Er zwinkerte Fritzi vergnügt zu. »Aber nimm saubere Wäsche. Lack ist eine Dame, keins von Gables Flittchen.«

»Eine Dame? Aber top das. Dann erfährst du eben erst nachher, was ich gehört habe«, entgegnete Wlad lachend und kletterte dann, vor sich hin trällernd, die Leiter unters Dach hoch: »Toujours l’amour, für heute Nacht, alles andere sei vergessen, für heute Nacht

Fritzi blickte ihm mit großen Augen hinterher. Ob der Drogen nahm? Womöglich dieses Kokain? »Also hör zu!«, brüllte es inzwischen von oben runter. »Diese Blondine, die ist während der Pause hinter die Bühne, und da war Gable wohl gerade mit seiner Aktuellen zugange. Und du kennst ihn ja, wenn er in Fahrt ist, dann ist er in Fahrt. Zündest du mir eine Zigarette an? In meiner Tabatiere sind noch welche. Also jedenfalls, Inge hat erzählt, er hat gerade an seiner Aktuellen rumgemacht, als diese Blondine reinkam und ein Autogramm von ihm wollte.« Wlads Worte wurden begleitet von dem Gepolter der die Leiter heruntergeworfenen Kissen, Decken und Tücher. Das Bettzeug war ein wenig klamm, roch aber tröstlich nach Persil und Lavendelsäckchen gegen die Motten. »Also jedenfalls diese Blondine, die stand plötzlich in Gables Tür mit ihrem Autogrammbuch, und seine Aktuelle, die lag wohl schon über dem Berg mit den Mänteln, und er selbst war auch dreiviertel aufgeknöpft, und weißt du, was er da gesagt hat?«

»Gnädiges Fräulein, bitte warten Sie, bis Sie an der Reihe sind«, rief Rosa nun und zwinkerte Fritzi dabei amüsiert zu. Von oben kam einen Moment lang beleidigtes Schweigen, dann maulte Wlad: »Warum lässt du mich die ganze Geschichte runterbeten, wenn du sie schon kennst, und außerdem, warum hast du sie mir nicht gleich erzählt?«

»Du hast mich ja nicht zu Wort kommen lassen, Liebling. Ich hab es von der Köchin, und die hat es vom Saxophon.« Wieder zwinkerte Rosa ihr zu, und dann flüsterte er: »Ich wünsche eine angenehme Nacht.«

Und das war so ziemlich das Letzte, das Fritzi an jenem ersten Tag hören sollte.

*

Wüstes Geschrei weckte Fritzi, es schien ungefähr eine Armlänge von ihrem Kopf entfernt herzukommen. Eine Frau wimmerte und kreischte, schluchzte und brüllte. Hin und wieder konnte Fritzi auch Rosas Stimme hören, ruhig, begütigend versuchte sie, das weibliche Gezeter zu unterbrechen. Und es duftete nach Kaffee, köchelnder Milch und Frühstücksbrötchen.

»Natürlich, Inge, natürlich«, hörte sie Rosa sagen, woraufhin die Frau aufheulte und stöhnte: »Das war’s jetzt. Das war’s ein für alle Mal. Ich betrete kein Zimmer mehr, wenn der drin ist. Das muss ich mir von dem nicht bieten lassen.«

»Ich finde aber, Hans hat recht!« Das war Wlad, seine Stimme kam aus dem hinteren Teil des Zimmers und wurde von Tellergeklapper begleitet. Die Aussicht auf ein Frühstück ließ Fritzi die Augen einen Spaltbreit aufschlagen.

Im grellweißen Frühlingslicht hing da ein Fräulein an Rosas breiter, mit einem primelgelben Pyjama bekleideter Brust und weinte so heftig, dass schwarze Tuscheschlieren über ihr hübsches Gesicht liefen.

Fritzi schob sich das Kissen auf ihrem Entenkükensofa etwas zurecht, damit sie scheinbar schlafend alles beobachten konnte. Wlad deckte gerade den Tisch – in einem blauen Hausmantel, der sich trotz eines üppigen Chinchillapelzkragens zwischen dem leuchtenden Primelgelb von Rosas Pyjama und dem Entenkükengelb des Sofas irgendwie blass ausnahm.

»Warum regt der sich eigentlich so auf? Ist doch nur ein vertauschter Buchstabe. Da muss man wirklich kein Gewese drum machen – Negrophilie oder Nekrophilie, ist doch fast das Gleiche. Negrophilie mit k geschrieben! Das ist einfach zu gut. Paint it black – oder die Nekrophilie des gemeinen Berliner Nachtschwärmers,