Informationen zum Buch

Einladung zu Rilke.

Die hundert schönsten Rilke-Gedichte: In feinster Ausstattung mit Leineneinband, Lesebändchen und farbigem Vorsatzpapier eignet er sich vorzüglich zum Verschenken und Wiederlesen. Im Mittelpunkt dieser Sammlung stehen die Gedichte aus Rilkes früher und mittlerer Lebenszeit: Sie laden den Leser ein, mitzuhören auf die Stimmen und hintergründigen Töne im Herbsttag, den geschmeidigen Schritten des Panthers zu folgen, mitzugehen auf den Spuren eines Mädchens, dessen Weg ein frühes Gedicht zeichnet. Bilder und Beobachtungen, Farben und Klänge erfreuen jeden, der sich diesen Versen unbefangen nähert.

»Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,

in der die Welten weite Wege reisen,

mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit

in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit

und will hinauf und will mit ihnen kreisen …

Und das ist Seele.« Prag 1896

Rainer Maria Rilke

Hundert Gedichte

Herausgegeben von
Gisela und Ulrich Häussermann

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Aus den dichterischen Anfängen

Aus dem »Buch der Bilder« und seinem Umkreis

Menschen bei Nacht

Initiale

Enkel

Aus einem April

Die Stille

Zum Einschlafen zu sagen

Fortschritt

Von den Fontänen

Am Rande der Nacht

Ernste Stunde

Der Schauende

Das Lied des Blinden

Das Lied der Witwe

Der Lesende

Einsamkeit

Herbsttag

Herbst

Der Nachbar

Der Knabe

Kindheit

Erinnerung

Ende des Herbstes

Abend in Skåne

Vorgefühl

Aus dem »Stunden-Buch«

Aus den »Neuen Gedichten« und ihrem Umkreis

Abschied

Der Auszug des verlorenen Sohnes

Jugend-Bildnis meines Vaters

Selbstbildnis aus dem Jahre 1906

Blaue Hortensie

Das Karussell

Der Panther

Römische Fontäne

Abisag

Der Schwan

Spanische Tänzerin

Im Saal

Die Erblindende

Der Tod des Dichters

Todes-Erfahrung

Lied vom Meer

Ein Frühlingswind

Liebes-Lied

Rosa Hortensie

Die Kurtisane

Das Rosen-Innere

Der Alchimist

Quai du Rosaire

Der Pavillon

Leda

Die Liebende

Der Duft

Der Tod der Geliebten

Die Flamingos

Archaïscher Torso Apollos

Die Liebenden

Die Entführung

Aus den späten Gedichten

Die große Nacht

An die Musik

Die Sonette an Orpheus

Die Sonette an Orpheus

Handinneres

Anhang

Nachwort

Daten zu Rilkes Biographie

Textnachweis

Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtüberschriften und -anfänge

Über Rainer Maria Rilke

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Aus den
dichterischen Anfängen

 

Die armen Worte, die im Alltag darben,

die unscheinbaren Worte, lieb ich so.

Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben,

da lächeln sie und werden langsam froh.

Ihr Wesen, das sie bang in sich bezwangen,

erneut sich deutlich, daß es jeder sieht;

sie sind noch niemals im Gesang gegangen

und schauernd schreiten sie in meinem Lied.

Berlin-Wilmersdorf 1897

 

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,

um Beifall bettelt und um Würde wirbt,

und endlich arm ein armes Sterben stirbt

im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –

nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,

in der die Welten weite Wege reisen,

mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit

in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit

und will hinauf und will mit ihnen kreisen …

Und das ist Seele.

Prag 1896

 

Sie hatte keinerlei Geschichte,

ereignislos ging Jahr um Jahr –

auf einmal kams mit lauter Lichte …

die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sie’s bang zerrinnen,

da liegt ein Teich vor ihrem Haus …

So wie ein Traum scheints zu beginnen,

und wie ein Schicksal geht es aus.

1896 oder früher

 

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?

Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,

kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los

und hing mit gefalteten Schwingen groß

an meiner blühenden Seele …

Goisern bei Ischl 1896

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus:

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,

und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Berlin-Wilmersdorf 1897

 

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen

die Deckel purpurn in Damast;

ich löse seine goldnen Spangen

mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,

beglückt durch den vertrauten Ton, –

und lese leiser seine zweite,

und seine dritte träum ich schon.

Berlin-Wilmersdorf 1897

Aus dem »Buch der Bilder«
und seinem Umkreis

Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.

Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,

und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.

Und machst du nachts deine Stube licht,

um Menschen zu schauen ins Angesicht,

so mußt du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,

das von ihren Gesichtern träuft,

und haben sie nachts sich zusammengesellt,

so schaust du eine wankende Welt

durcheinandergehäuft.

Auf ihren Stirnen hat gelber Schein

alle Gedanken verdrängt,

in ihren Blicken flackert der Wein,

an ihren Händen hängt

die schwere Gebärde, mit der sie sich

bei ihren Gesprächen verstehn;

und dabei sagen sie: Ich und Ich

und meinen: Irgendwen.

Berlin-Schmargendorf 1899

Initiale

Gieb deine Schönheit immer hin

ohne Rechnen und Reden.

Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin.

Und kommt in tausendfachem Sinn,

kommt endlich über jeden.

Berlin-Schmargendorf 1899

 

Du hast mich wie eine Laute gemacht:

so sei wie eine Hand.

Du hast den Abgrund meiner Nacht

mit Saiten überspannt,

auf denen andre Hände leicht

der Schwindel überfiel;

so blieb es immer unerreicht,

von vielen Sternen überfunkelt, –

das andre Ufer, welches dunkelt

jenseits von meinem Saitenspiel.

Berlin-Schmargendorf 1900

 

Zu solchen Stunden gehn wir also hin

und gehen jahrelang zu solchen Stunden,

auf einmal ist ein Horchender gefunden –

und alle Worte haben Sinn.

Dann kommt das Schweigen, das wir lang erwarten,

kommt wie die Nacht, von großen Sternen breit:

zwei Menschen wachsen wie im selben Garten,

und dieser Garten ist nicht in der Zeit.

Und wenn die beiden gleich darauf sich trennen,

beim ersten Wort ist jeder schon allein.

Sie werden lächeln und sich kaum erkennen,

aber sie werden beide größer sein …

Worpswede 1900

Enkel

Menschen, die das tiefe Schweigen haben,

sind wie Knaben, welche Geigen haben

weit vom Urgroßvater her;

und sie wecken nie die Violinen:

ihre Hände, die im Dunkel dienen,

wurden schwer.

Doch wie Wälder sind die Geigenkästen,

und es ist ein Rauschen in den Ästen,

und die Enkel fühlen: hinter ihnen

ist das Meer …

Zoppot 1898

 

Entfremden mußt du den Gepflogenheiten,

die du in allen diesen Gassen schaust,

und dich verschließen den Gewogenheiten

der Dienstbereiten, drauf du jetzt noch baust;

erst bis du allen den Verlogenheiten

entwachsen sein wirst, denen du vertraust,

bist du am Anfang deiner selbst und stehst

an einem Meer, auf dem du ruhig gehst,

ohne zu ahnen, daß du Wunder tust,

die von den Menschen dich für immer scheiden.

Berlin-Schmargendorf 1900

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.

Es heben die schwebenden Lerchen

mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern

schwer war;

zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er

leer war, –

aber nach langen, regnenden Nachmittagen

kommen die goldübersonnten

neueren Stunden,

vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten

alle die wunden