Britta Böhler

DER BRIEF DES ZAUBERERS

Roman

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

De beslissing

erschien 2013 bei Cossee, Amsterdam.

ISBN 978-3-8412-0738-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2013 bij Uitgeverij Cossee, Amsterdam and Britta Böhler

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © SW Rawlings/English Heritage/Arcaid/Corbis

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www.aufbau-verlag.de

Für p+m, und für Beate

Ethik und Ästhetik sind eins.

Ludwig Wittgenstein

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Freitag, 31. Januar 1936: Allegro, ma non troppo

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Freitagnacht: Intermezzo, con brio

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Samstag, 1. Februar 1936: Andante

Morgens

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Mittags

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Abends

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Mitternacht

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Sonntag, 2. Februar 1936: Finale (Lebhaft, lebendig)

Anhang: Thomas Mann im Exil

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Freitag, 31. Januar 1936

Allegro, ma non troppo

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Endlich! Nach drei Jahren des Zögerns hat er schließlich getan, was nötig war. Er hängt den Spazierstock über den Arm und geht langsam die breite Treppe hinunter. Am Montag wird der Brief in der Zeitung stehen. Eine öffentliche Absage an das Regime, an Deutschland auch. Erika wird stolz auf ihn sein, stolz, dass der Zauberer seine Sache gut gemacht hat. Er hat sein Gewissen und seine Überzeugung sprechen lassen, die tiefe Überzeugung, so steht’s in dem Brief, dass aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nichts Gutes kommen kann, für Deutschland nicht, und auch für die Welt nicht.

Zwei Redakteure kommen ihm entgegen, sie rennen beinahe, nehmen immer zwei Stufen auf einmal. Der jüngere der beiden hat einen Bleistift hinter dem Ohr, sein Anzug ist zerknittert, und die Krawatte sitzt schief. Er redet wild gestikulierend auf den älteren ein. Die beiden Männer gehen ganz nah an ihm vorbei, der jüngere streift ihn fast am Ellenbogen; sie riechen nach feuchtem Papier.

Er hat Durst, sein Mund ist ganz trocken. Man hätte ihm in der Redaktion doch wenigstens eine Tasse Tee anbieten können. Er hält einen Augenblick inne. Soll er zurückgehen und um ein Glas Wasser bitten? Er sieht auf die Standuhr, unten in der Eingangshalle. Nein, er sollte nicht noch mehr Zeit vertrödeln. Der Besuch in der Redaktion hat viel länger gedauert, als er gedacht hat, und Katja wird sich bestimmt schon wundern, wo er so lange bleibt.

Er durchquert die Eingangshalle, rasch jetzt und mit entschlossenem Schritt. Er nickt der blonden Empfangsdame zum Abschied zu, will sich bedanken für ihre Bemühungen, doch sie blättert in einer Zeitschrift und bemerkt ihn nicht. Er schnalzt ärgerlich mit der Zunge und geht an ihr vorbei zum Ausgang.

Als die schwere Eingangstür mit einem dumpfen Klacken hinter ihm ins Schloss fällt, zuckt er unwillkürlich zusammen. »Das Tischtuch ist zerschnitten«, murmelt er. Er holt tief Atem und sagt energisch: »Es ist gut so.«

Er bleibt auf der Schwelle stehen, um seine Handschuhe anzuziehen und den Mantel zuzuknöpfen. Er hat für das Treffen mit Korrodi den neuen Wintermantel mit dem dunkelgrauen Pelzkragen angezogen, obwohl es dafür eigentlich zu warm ist. Der plötzliche Wärmeeinbruch und der Föhn machen ihm zu schaffen, heut Morgen beim Aufstehen war ihm schwindlig geworden, er musste sich am Bettpfosten festhalten und am offenen Fenster einige Minuten tief durchatmen, bis sich der Kreislauf wieder gefestigt hatte.

Ein schwarzes Automobil fährt hupend an ihm vorbei, das Wasser spritzt nach allen Seiten weg. Er weicht einer großen Pfütze aus und geht auf die andere Straßenseite. Er hasst dieses Schmuddelwetter, die dunklen Tage, an denen man auch tagsüber nur bei elektrischem Lichte arbeiten kann. Der Winter ist nicht seine Jahreszeit. Es hätte schon etwas für sich, wenn man sich im November, sobald die Tage kürzer wurden und der grauverhangene Himmel den Blick verengte, in eine Höhle verkriechen könnte, wie die Igel und die Murmeltiere. Er würde sich jetzt gerne zusammenrollen auf einem weichen Polster aus Hanf und Gras und erst im Frühling wieder aufwachen.

Einzig der Dezember ist ein guter Monat. Weihnachten! Kinderwort und Kinderglück. Jahr für Jahr freut er sich die ganze Adventszeit über auf sein Lieblingsfest, und Wetter und Dunkelheit sind ihm egal. Sogar in der Fremde hat Weihnachten seinen Glanz nicht verloren. Das jedenfalls haben sie ihm nicht nehmen können, die Lumpen in Berlin. Auch wenn die Festtage in München natürlich viel schöner waren.

Jedes Jahr wurde die Diele schon Tage vor dem Fest zum Weihnachtszimmer umgestaltet, mit dem Baum in der Mitte. Eine stattliche dunkle Tanne, die bis zur Zimmerdecke reichte. Katja kaufte den Baum immer selbst, sie meinte, so etwas könne man nicht den Dienstboten überlassen.

Sie holte den Baumschmuck aus dem Keller, und zusammen schmückten sie den Baum. Er pfiff Weihnachtsmelodien vor sich hin und war voll Vorfreude auf den kommenden Tag. Auf die unteren Zweige wurden die vier großen Stoffkugeln gehängt, rot, blau, grün und weiß. Katja hatte sie gekauft, als Erika anfing zu laufen, »Zum Anfassen«, hatte Katja gesagt, die Glaskugeln seien zu gefährlich, das Kind könne das Glas zerbrechen und sich verletzen. Sie wurden auf die höheren Äste gehängt, und das blieb so, auch als die Kinder größer wurden. Wenn alle Kugeln aufgehängt waren, wurde das Lametta über die Äste verteilt, und die Halter für die roten Kerzen wurden angebracht. Ganz zum Schluss setzte er den vergoldeten Engel auf die Baumspitze.

Am Heiligen Abend saß Katja mit den Kindern im verdunkelten Arbeitszimmer, sie sangen Weihnachtslieder und warteten darauf, dass er die Kerzen anzündete, die Flügeltüren öffnete und die Kinder mit entzückten »Ohs« und »Ahs« aus dem dunklen Zimmer in die hellerleuchtete Diele kommen durften. Sie rannten zum Tisch neben dem Baum, der mit bunten Päckchen und Süßigkeiten überladen war, auch für die Dienstboten. Für alle gab es Geschenke.

Und wie schön war dann der Morgen nach Heiligabend, wenn er in der Früh aus seinem Zimmer kam und der Geruch der Tanne ihm entgegenschlug, sobald er die Treppe hinunterging. Alle schliefen noch, kein Laut war zu hören, und der Tannenduft begleitete ihn, bis er in seinem Arbeitszimmer war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Die Jahreswende ist ihm, verglichen mit dem Weihnachtsfest, gleichgültig. Er geht oft schon vor Mitternacht zu Bett, der Neujahrsjubel ist ihm zuwider. Was für einen Sinn haben gute Vorsätze, die nicht erfüllt werden, und Prophezeiungen von etwas, das nie kommt. Jedes neue Jahr bringt die gleichen Mühen und Kämpfe wie das Jahr zuvor.

Er überquert die Schillerstraße, geht am Opernhaus vorbei, zögert kurz. Der Weg über den Utoquai ist kürzer, aber er will am See entlang. Er beschleunigt seine Schritte und geht hinüber zum Uferweg.

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Die Promenade ist verlassen und still, die kahlen Bäume werfen merkwürdig schiefe Schatten. Keine Spaziergänger, die im Mondschein einen Abendgang machen, und keine Liebespaare, die im Schutze der Dunkelheit heimliche Schwüre austauschen.

Er läuft langsam am Seeufer entlang, stochert beim Gehen immer wieder mit dem Spazierstock in der harten Erde. Ein Eichhörnchen huscht, aufgeschreckt durch seine Anwesenheit, an einem Baumstamm empor. Der kleine Pavillon, in dem bei schönem Wetter ein junger Geiger gespielt hat, ist mit Holz zugenagelt. Ein hübscher junger Mann, er hat ihm mit Vergnügen beim Spiel zugeschaut und die tanzenden Pärchen beobachtet.

Es ärgert ihn immer noch, dass ausgerechnet Schwarzschilds dummer Artikel der Anlass für den Brief war. Das setzt die Angelegenheit in ein falsches Licht, wird ihrer Wichtigkeit nicht gerecht. Immerhin ist die Neue Zürcher Zeitung eine der besten deutschsprachigen Zeitungen, die nicht nur in der Schweiz gelesen wird und im Ausland nicht nur von deutschen Emigranten. Nein, Korrodis Reputation ist über jeden Zweifel erhaben.

Er bleibt stehen und schaut über den See. Dünne Nebelschwaden steigen vom Wasser auf. Auf der anderen Seeseite die weiße, hellerleuchtete Fassade des Baur au Lac. Im Sommer hat er oft auf der Terrasse des Hotels gesessen, seinen Wermut getrunken und dem bunten Treiben auf der Promenade zugeschaut, bis Katja von ihren Besorgungen aus der Stadt zurückkam.

Weiter weg, am Hirschengraben, steht das deutsche Konsulat, nun mit der Hakenkreuzfahne auf dem Dach. Der Brief wird Furore machen in Berlin, so viel ist sicher, damit haben sie wahrscheinlich nicht gerechnet. Er kneift die Augen zusammen. »Die Dunkelheit hat die Fahne verschluckt«, denkt er und muss beinahe lachen über den albernen Gedanken.

Kommende Woche wird die ganze Welt wissen, wo er steht. Danach wird es keine Zweifel mehr geben über seine Position, alles Schiefe und Unentschiedene wird endlich ein Ende haben. Er zieht die Schultern hoch und vergräbt den Kopf tiefer im Mantelkragen. Er hat erwartet, dass er nach der Abgabe des Briefes erleichtert sind würde und frohgestimmt, aber er kann die Zweifel nicht abschütteln. Hat er recht getan? Ist er nicht vielleicht doch zu unüberlegt gewesen? Er wird sich Feinde machen mit dem Brief, nicht nur in Berlin. Und Bermann wird alles andere als erfreut sein. Der Verleger hat es schwer in diesen Zeiten, und ohne ihn wird der Verlag sich im Reich wohl nicht halten können.

Es stimmt natürlich, Bermann hat es ihm nicht immer leichtgemacht. Die Sache mit Klaus’ Zeitschrift zum Beispiel, eine unschöne Geschichte, und Bermann hat ihn damit ordentlich in die Klemme gebracht.

Aber es war doch vor allem Klaus’ Schuld gewesen, warum musste der Junge auch gleich im ersten Heft den aggressiven Essay von Heinrich abdrucken? Wie ähnlich sich die beiden waren, der ältere Bruder und der Sohn, man könnte beinahe meinen, Klaus sei Heinrichs Kind. Gedankenlos und unbeherrscht, ohne an die Folgen zu denken. Göring als morphiumsüchtiges, blutrünstiges Monstrum zu beschreiben, war das wirklich notwendig?

Bermannn hat sich schrecklich aufgeregt, er zeterte und wütete am Telefon. Katja rollte mit den Augen, sie fand, Bermann übertreibe mal wieder, man dürfe das alles nicht so schwernehmen. Aber Bermann ließ sich nicht beruhigen. Die Zukunft des gesamten Verlages stehe auf dem Spiel, wie solle er sich in Deutschland über Wasser halten, wenn seine Autoren politische Agitation betrieben? Noch ganz zu schweigen von den Folgen, die Klaus’ unüberlegtes Handeln für die bevorstehende Veröffentlichung der ersten beiden Joseph-Bände haben würde. »Es gibt da keinen Zweifel«, sagte Bermann entschieden, »Sie müssen Ihre Mitarbeit an der Zeitschrift zurückziehen.«

Er geht ein paar Schritte und bleibt dann wieder stehen. Vom See her kommt ein böiger Wind auf. Er nimmt das Zigarettenetui aus der Innentasche des Mantels, sucht nach dem Feuerzeug. Der Wind bläst ihm die Flamme aus, es dauert eine Weile, bis es ihm gelingt, die Zigarette anzuzünden.

Ja, der Brief würde böse Folgen haben. Die Rückgabe des Hauses und der Möbel in München, die kann er dann endgültig in den Mond schreiben. Die Berliner Diebesbande hat alles, aber auch alles beschlagnahmt. Zur Strafe, weil er »rechtswidrig« im Ausland geblieben war. Schon seit drei Jahren versucht er, seine Habe zurückzubekommen.

Wieder und wieder hat er Briefe an den Reichsstatthalter geschrieben, er sei kein Reichsflüchtiger, seine Frau habe eine angegriffene Gesundheit, sie müsse sich in der Schweiz kurieren. Auch der Rechtsanwalt, der gute Heins, mühte sich redlich, aber es half alles nichts. Nicht einmal die Bezahlung der Reichsfluchtsteuer hatte Effekt. Katja schimpfte, es sei die reinste Erpressung, aber er wollte vor allem seine Sachen zurück. Sie kamen mit einer fadenscheinigen Ausrede nach der anderen, immer neue Schriftsätze musste Heins einreichen, stets aufs Neue wurde die Entscheidung verzögert, während die Gestapo die Dienstboten verhörte, erst die beiden Stubenmädchen, dann die Köchin und den Chauffeur.

Jetzt muss Katja sich mit einer Köchin und einer Zugehfrau zufriedengeben, und einen Chauffeur kann er sich nicht mehr leisten. Gott sei Dank hat Katja in der Schweiz den Führerschein gemacht.

Er vermisst das Münchner Haus in der Poschingerstraße, immer noch. Die Kinder haben es ›die Poschi‹ getauft, aber für ihn wird es immer das Kinderhaus bleiben. Eine dreistöckige Villa, ganz nach seinen eigenen Wünschen erbaut. Nach dem Einzug zeigte er den Besuchern stolz die stattlichen Räume. Sie bewunderten den Bau, die großzügige, holzgetäfelte Diele mit den hohen Bücherschränken und den samtbezogenen Fauteuils, die eleganten Salons, die magistrale Treppe, die in die oberen Stockwerke führte.

Sogar den dummen ausgestopften Bären, über dessen Verlust Medi so geweint hat, vermisst er. Am Treppenaufgang in der Mitte der Diele hat er gestanden, hochaufgerichtet und mächtig empfing er die Besucher, die weißen Zähne leuchteten, in der ausgestreckten Tatze eine kleine silberne Schale, auf der man seine Visitenkarte hinterlassen konnte.

Vor allem aber vermisst er sein Arbeitszimmer. Es war der schönste Raum des Hauses, groß und hell, und wenn die Flügeltüren des mittleren Fensters offen waren, konnte er die Stufen hinab direkt in den Garten gehen.

Bei gutem Wetter hatte er mittags nach der Arbeit oft unter dem geliebten Kirschbaum geseßen, gelesen oder Notizen gemacht für den folgenden Tag. Abends wurden die grünen Samtportieren an den Fenstern im Arbeitszimmer zurückgezogen und die doppelten Türen zur Diele geöffnet, dann konnte man vom Wohnzimmer aus in den Garten schauen.

Katjas Reich war im oberen Stockwerk, gleich neben seinem Schlafzimmer. An ihrem Schreibtisch sitzend, den großen Schlüsselbund immer in Reichweite, regierte sie das Haus. Sie schalt mit den Dienstboten, half den Kindern bei ihren Hausaufgaben, bezahlte die Rechnungen und tippte seine Briefe und Manuskripte. Noch spätabends, beim Einschlafen, hörte er das Klappern der Schreibmaschine, es war wie ein beruhigendes Schlaflied.

Und die Unordnung, die immer in Katjas Zimmer geherrscht hatte! Zwischen den Flakons und Silberdosen auf dem Toilettentisch lagen stets irgendwelche Rechnungen vom Kohlenlieferanten oder vom Milchmann. Und ihr Schreibtisch war ein buntes Durcheinander von Briefen und Manuskripten, Speisezetteln, Schulbüchern und angebrochenen Schachteln mit extrabitteren Katzenzungen.

Ein schrecklicher Gedanke, dass er das Kinderhaus nicht wiedersehen würde. Wie viel Schönes hatten sie dort erlebt! Weihnachtsfeiern, Geburten und Geburtstage. Die festliche Soirée, nachdem er den Doktortitel bekommen hatte. Die vielen Vorlesestunden, abends im Wohnzimmer. Er las seine Lieblingsstücke, Tolstois Herr und Knecht und Ein ehrlicher Dieb oder Grillparzers Armer Spielmann, aber auch Lustiges, volkstümliche Balladen oder die Parodien von Robert Neumann. Katja und die Kinder bogen sich vor Vergnügen, und er selbst konnte oft vor Lachen kaum weiterlesen. Die Theateraufführungen in der großen Diele, für die die Kinder zuvor wochenlang geübt hatten. Katja nähte die Kostüme, und er schrieb Kritiken, die er mit Dr. Schafskopf unterzeichnete und nach der Aufführung vorlas. Und dann, später, die Feste der beiden Großen.

Der erste Faschingsball von Eri und Klaus. Er war als Zauberer verkleidet, mit einem schwarzen Cape und goldenen Sternen auf dem Zylinder. Es wurde getanzt, die Kinder waren ausgelassen und unbekümmert. Medi, kaum sechs Jahre alt, zart und feenhaft in ihrem weißen Röckchen, die Wangen gerötet vor Aufregung, zupfte einen Jüngling in schwarzem Frack mit Engelsflügeln am Hosenbein. Ob er mit ihr tanzen wolle? Der junge Mann lachte und hob sie empor und tanzte mit ihr durch die Diele. Sie hatte sich wohl ein bißchen verliebt in den Engel, denn später, beim Gutenachtkuss, weinte sie, sagte, sie wolle nicht schlafen, sie wolle weitertanzen. Er hatte an ihrem Bett gesessen und sie getröstet, ihr ein Schlaflied gesungen, obwohl er auch ein wenig eifersüchtig gewesen war.

Auch seine Münchner Möbel würde er nach dem Brief endgültig verlorengeben müssen, man wird sie schlicht und einfach versteigern. Achtzehn Jahre hat er im Kinderhaus gelebt, und nun – die meisten Möbel, der Flügel, Teppiche, die Hermesstatue im Garten, achttausend Bücher, die beiden Autos – alles weg! Gerade mal vierzig Kisten mit Hausrat und ein paar Möbel, mehr hatten sie nicht herausschaffen können. Wenigstens den geliebten Schreibtisch und die beiden Lübecker Schränke hat er retten können.

Und den Großteil seines Vermögens würde er ebenfalls nicht wiederbekommen. Gott sei Dank hatte er das Geld für den Nobelpreis damals gleich im Ausland angelegt. Von seinem deutschen Geld hat er nur wenig in die Schweiz bringen können, Auslandstransfers waren nicht erlaubt. Wie ein Dieb in der Nacht hat er einen kleinen Teil herausschmuggeln lassen, von Golo, mit der Diplomatenpost eines Freundes. Alles zusammen zweihunderttausend Schweizer Franken, nun ja, besser als nichts.

Immerhin kommen die Tantiemen seit einiger Zeit wieder regelmäßig, auch die aus Deutschland. Katja hat sich anfangs große Sorgen gemacht. Wie sollten sie die Kinder durchbringen, die Schule bezahlen, Bibis Geigenstunden und den Klavierunterricht für Medi? Und die Zulage für die beiden Großen, und für Moni und Golo? Aber Bermann hatte schließlich die Freigabe der Zahlungen erwirkt, die Inkonsequenz des Systems konnte einen immer wieder aufs Neue verblüffen.

Er hustet, der Wind treibt ihm den Rauch in die Augen und in die Nase. Er wirft die halbgerauchte Zigarette ins Wasser. Hat er recht getan? War der Brief die Konsequenzen wert? Die beiden Großen würden sich sicherlich freuen über die Veröffentlichung. Immer wieder haben Erika und Klaus ihn in den letzten drei Jahren bedrängt, sein Schweigen müsse ein Ende haben, er müsse sich aussprechen, den Nazis öffentlich eine Absage erteilen. Es hatte manch unschöne Auseinandersetzung gegeben, Erika warf ihm Hochmut vor, seine Zurückhaltung sei überheblich, es sei unangemessen, in diesen Zeiten so über den Wassern schweben zu wollen.

Erika und auch Klaus, so unerbittlich sind sie in ihrem Hass gegen Deutschland. Wie einfach und klar die Welt für sie ist. Er beugt sich über das Geländer am Kai und sieht hinunter aufs Wasser. Die Zigarette treibt langsam davon.

Alles hat angefangen mit dem dummen, unnötigen Angriff gegen Bermann im Neuen Tage-Buch. Er las Schwarzschilds Stück im Zug nach Arosa, flüchtig nur, er war müde vom Herumgereise und den Vorträgen. Schon am nächsten Tag rief Bermann an, der arme Mann war völlig aus dem Häuschen, weinte beinahe am Telefon, sprach von vorsätzlichem Charaktermord, bedrängte ihn, etwas zu unternehmen. Nach dem Telefonat las er den Artikel nochmals, ja, Bermann hatte recht, er war wirklich überaus bösartig, bösartig und infam. Schwarzschild, dieser unselige Mensch, hätte er sich doch im Zaum gehalten!

Die Vorwürfe gegen Bermann waren nicht neu. Schwarzschild verstand nicht, dass Bermann mit seinem Verlag im Reich ausharrte. Aber ihn deshalb als Schutzjuden des Regimes zu bezeichnen, das ging entschieden zu weit, das hatte der Verleger nicht verdient.

Die Antwort auf Schwarzschilds Tiraden hatte ihm einiges Kopfzerbrechen bereitet. Er musste vorsichtig sein bei der Wahl der Formulierung, es durfte keinesfalls den Anschein haben, als verteidige er das deutsche Regime. Er schrieb mehrere Entwürfe, bis er zufrieden war mit dem Ergebnis und den Protest an die Zeitung schicken konnte. Er hatte seine Pflicht getan und hoffte, dass die Angelegenheit damit erledigt wäre. Aber Schwarzschild ließ sich nicht beirren, ganz in Gegenteil. Der Mann war geradezu auf einem Kreuzzug, und in der nächsten Nummer veröffentlichte er eine Reaktion auf den Protest, noch schärfer diesmal und ein unverhohlener Angriff gegen ihn persönlich.

Während er noch darüber nachdachte, wie aus diesem Schlamassel herauszukommen war, mischte sich zu allem Übel auch noch Korrodi in die Debatte, mit seinem spitzzüngigen Kommentar in der Neuen Zürcher Zeitung. Vom Ghetto-Wahnsinn der Emigranten zu sprechen, musste das sein? Außerdem war Korrodis Behauptung, nur die jüdischen Schriftsteller seien emigriert und die wahren Repräsentanten der deutschen Dichtung seien in Deutschland geblieben, schlicht und einfach falsch. Ja, Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch waren noch drinnen, aber er, er war draußen, er und – Heinrich, Annette Kolb, Irmgard Keun und Brentano.

Dieser ungehobelte Unsinn passte so gar nicht zu Korrodi. Sie hatten sich in München kennengelernt, er hatte Korrodi sofort gern gemocht, und dies nicht allein wegen dessen Bewunderung für die Buddenbrooks. Trotz seiner bäuerlichen Erscheinung war Korrodi ein feinsinniger, gebildeter Mann. Nun gut, sie waren nicht wirklich befreundet, aber doch mehr als nur flüchtige Bekannte. Letzten November hatte Korrodi den fünfzigsten Geburtstag mit einem festlichen Souper gefeiert. Katja und er hatten am Ehrentisch gesessen, es war ein schöner Abend gewesen, er hatte das gute Essen genossen und die Gespräche, auch wenn er etwas nervös gewesen war wegen der Rede, die er halten musste.

Wieder und wieder hatte er Korrodis Artikel gelesen und versucht, sich einen Reim darauf zu machen, und plötzlich war es ihm klar: das Ganze war nichts anderes als eine versteckte Herausforderung. Korrodi wollte, dass er darauf reagierte, dass er den Artikel nicht schweigend hinnahm.

Die ganze letzte Woche hatte er an dem Brief gearbeitet, verbessert, gestrichen, ergänzt. Das Arbeitszimmer war neblig vom Rauch, er musste den richtigen Ton finden, überlegt und überlegen, aber nicht herablassend oder überheblich. Heute Nachmittag hatte er endlich die letzten Zeilen zu Papier gebracht. Die Verse des Freiherrn von Platen, die er schon vor so langer Zeit ins Tagebuch eingetragen hatte, waren ein wahrhaft königlicher Schluss, starke und entscheidende Worte.

Denn wer aus ganzer Seele hasst das Schlechte,

Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen,

Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte.

Weit besser ist’s, dem Vaterland entsagen,

Als unter einem kindischen Geschlechte

Die Wut des blinden Pöbelhasses tragen.

Katja tippte das Geschriebene ab, während er sich umzog. Bevor sie zusammen nach Zürich fuhren, wusch er sich auch noch schnell die Haare, er wollte nicht mit schmutzigem Haar Abschied nehmen vom Vaterland.

Er bohrt den Spazierstock in seine Schuhspitze. Katja schilt ihn jedes Mal, wenn er das tut, er ruiniere sich damit die Schuhe. Warum musste Korrodi auch ausgerechnet heute einen Unfall haben? Die Empfangsdame hatte ihn entschuldigend angesehen und ihm dann umständlich erklärt, dass der Herr Chefredakteur ihn leider nicht empfangen könne, er sei heute Morgen, auf dem Weg zur Redaktion, beim Aussteigen aus der Straßenbahn gestrauchelt und unglücklich gestürzt. Nein, nein, es sei nichts Ernstes, fügte sie eilig hinzu, lediglich ein paar Prellungen und ein verstauchter Knöchel.

Er war unruhig in der Eingangshalle auf und ab gelaufen, während sie mit der Redaktion telefonierte. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre wieder nach Hause gegangen. Der herbeigerufene Redaktionsassistent, ein junger Bursche mit dunklen Rehaugen und einer goldgeränderte Brille, kam gerade rechtzeitig angelaufen und brachte ihn unter vielen Verbeugungen in die Redaktion. Herr Korrodi müsse einige Tage Bettruhe halten, sagte der junge Mann, bis Ende nächster Woche wahrscheinlich. Aber das verändere nichts, er solle sich keine Sorgen machen, Herr Korrodi habe ihn über alles informiert, und der Brief könne wie besprochen am Montag erscheinen.

Mit dem Brief in der Hand hatte er wie ein Schulbub dagestanden und nicht gewusst, was er antworten sollte. Der Assistent beteuerte immer wieder, der Brief sei bei ihm in guten Händen. Er würde höchstpersönlich dafür sorgen, dass er bei Herrn Korrodi zu Hause abgegeben werden würde, heute Abend noch, das könne er ihm versprechen. Der junge Mann hatte die Hand nach dem Brief ausgestreckt, und es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als ihm den Brief anzuvertrauen.