Louise Erdrich

DAS HAUS
DES WINDES

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Gesine Schröder

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Round House

erschien 2012 bei Harper, New York.

ISBN 978-3-8412-0765-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2012, Louise Erdrich

All rights reserved

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © Hélène Desplechin/getty-images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für Pallas

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

KAPITEL EINS – 1988

KAPITEL ZWEI – DIE GEHEIMNISVOLLE KRAFT

KAPITEL DREI – DAS GESETZ

KAPITEL VIER – DER STUMME VERMITTLER

KAPITEL FÜNF – GEDANKENGIFT

KAPITEL SECHS – DAS DUPLIKAT

KAPITEL SIEBEN – PLANET ANGEL ONE

KAPITEL ACHT – RIKERS VERSUCHUNG

KAPITEL NEUN – DER GROSSE ABSCHIED

KAPITEL ZEHN – DIE SCHWARZE SEELE

KAPITEL ELF – DAS KIND

NACHBEMERKUNG

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

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KAPITEL EINS
1988

Junge Bäume hatten am Haus meiner Eltern das Fundament angegriffen. Es waren bloß Sämlinge mit ein oder zwei kräftigen, gesunden Blättern. Trotzdem hatten die schlanken Sprosse es geschafft, sich durch Spalten in der braunen Schindelverkleidung zu zwängen, die den Beton verdeckte. Sie waren in die dahinter verborgene Hauswand hineingewachsen, und sie loszubekommen war nicht leicht. Mein Vater wischte sich die Stirn und verfluchte sie für ihre Zähigkeit. Ich benutzte einen rostigen alten Unkrautjäter mit geborstenem Griff; mein Vater hantierte mit einem langen, schmalen eisernen Schürhaken, der wahrscheinlich mehr schadete als nutzte. Er stocherte blindlings überall hinein, wo er Wurzeln vermutete, und produzierte dabei lauter praktische neue Löcher im Mörtel für die Keime vom nächsten Jahr.

Immer wenn ich es geschafft hatte, eins der winzigen Bäumchen herauszuziehen, legte ich es wie eine Trophäe auf den schmalen Gehweg, der das Haus umgab. Eschenpflänzchen waren dabei, Ulmen, Ahorn, Eschenahorn und sogar ein größerer Trompetenbaum, den mein Vater in einen Eiscremebottich pflanzte und goss, falls sich ein Platz finden sollte, um ihn wieder auszusetzen. In meinen Augen war es ein Wunder, dass die Bäumchen den Winter in North Dakota überstanden hatten. Wasser hatten sie vermutlich gehabt, aber wenig Sonne und nur ein paar Krümel Erde. Trotzdem hatte jeder einzelne Samen es geschafft, eine hakenförmige Wurzel in die Tiefe zu treiben und einen tastenden Spross ans Licht.

Mein Vater stand auf und streckte seinen schmerzenden Rücken. Das reicht jetzt, sagte er, obwohl er sonst so perfektionistisch war.

Ich mochte aber nicht aufhören, und als er hineinging und meine Mutter anrief, die ins Büro gefahren war, um eine Akte zu holen, spürte ich weiter den verborgenen Wurzeln nach. Er kam nicht wieder, und ich dachte, er hätte sich ein bisschen hingelegt, wie er es neuerdings öfter tat. Spätestens dann, sollte man meinen, hätte ich als dreizehnjähriger Junge Besseres zu tun gehabt. Doch je weiter der Nachmittag voranschritt, je stiller und leiser es im Reservat wurde, desto wichtiger nahm ich es, jeden dieser Eindringlinge loszuwerden, bis hin zu seiner Wurzelspitze, in der sich die Wachstumskräfte bündelten. Anders als so viele achtlos hingeschluderte Haushaltspflichten wollte ich diese Aufgabe gewissenhaft erledigen. Es erstaunt mich bis heute, wie konzentriert ich bei der Sache war. Ich schob meinen gegabelten Eisenstab so dicht wie möglich an dem holzigen Stängel entlang. Jedes Bäumchen erforderte eine eigene Strategie. Es war fast unmöglich, die Wurzeln im Ganzen aus ihrem uneinnehmbaren Versteck zu zupfen, ohne den Trieb abzubrechen.

Schließlich gab ich doch auf, ging ins Haus und schlich mich in das Arbeitszimmer meines Vaters. Ich nahm das juristische Fachbuch aus dem Regal, das er Die Bibel nannte. Felix S. Cohens Handbook of Federal Indian Law. Mein Vater hatte es von seinem Vater geerbt; der rostrote Einband war abgeschabt, der lange Buchrücken gebrochen, und auf jeder Seite gab es handschriftliche Notizen. Ich hatte Mühe, mich an die altertümliche Sprache und die vielen Fußnoten zu gewöhnen. Auf Seite 38 hatte entweder mein Vater oder mein Großvater ein Ausrufezeichen neben den kursivierten Titel eines Falles gesetzt, der mich naturgemäß auch interessierte: Vereinigte Staaten vs. Dreiundvierzig Gallonen Whiskey. Ich vermute, dass einer der beiden den Titel genauso lächerlich gefunden hatte wie ich. Trotzdem bestärkte mich auch dieser Fall in der Überzeugung, dass unsere Verträge mit der Regierung wie Bündnisse zwischen zwei Nationen waren. Dass die Größe und Kraft, von denen mein Mooshum immer sprach, nicht ganz verloren waren, weil sie, bis zu einem gewissen Grad zumindest, noch immer unter dem Schutz des Gesetzes standen.

Ich hatte mich mit einem Glas kalten Wassers in die Küche gesetzt und las, als mein Vater aufwachte und desorientiert und gähnend zur Tür hereinschlurfte. Trotz seiner großen Bedeutung war Cohens Handbuch kein schwerer Wälzer, und ich zog es schnell auf meinen Schoß, unter den Tisch. Mein Vater leckte sich die trockenen Lippen und nahm Witterung auf, nach dem Geruch von Essen vielleicht, dem Geklapper von Töpfen, dem Klirren von Gläsern oder sich nähernden Schritten.

Was er dann sagte, erschreckte mich, obwohl die Worte für sich genommen belanglos waren.

Wo ist deine Mutter?

Seine Stimme klang heiser und rau. Ich ließ das Buch auf den Stuhl neben mir gleiten, stand auf und gab ihm mein Wasserglas. Er leerte es in einem Zug. Er wiederholte seine Frage nicht, sondern wir wechselten einen Blick, der mir irgendwie erwachsen vorkam, so als wüsste er, dass ich sein Buch gelesen und seine Welt betreten hatte. Er sah mir in die Augen, bis ich den Blick senkte. Eigentlich war ich gerade erst dreizehn geworden. Vor zwei Wochen war ich noch zwölf gewesen.

Bei der Arbeit?, fragte ich, um seinen Blick abzuschütteln. Ich war davon ausgegangen, dass er wusste, wo sie war, dass er es bei seinem Anruf herausgefunden hatte. Mir war klar, dass sie nicht wirklich arbeitete. Jemand hatte sie angerufen, und dann hatte sie gesagt, sie wolle im Büro ein, zwei Ordner holen. Als Spezialistin für Fragen der Stammeszugehörigkeit beschäftigte sie sich wahrscheinlich gerade wieder mit einem Antrag. Sie war die Leiterin einer Ein-Mann-Abteilung. Es war Sonntag, deshalb diese Stille. Die Sonntagsnachmittags-Flaute. Selbst wenn sie anschließend noch bei ihrer Schwester Clemence vorbeigeschaut hätte, wäre Mom inzwischen heimgekommen, um Abendbrot zu machen. Das wussten wir beide. Frauen ahnen gar nicht, wie wichtig den Männern ihre Gewohnheiten sind. Ihr Kommen und Gehen senkt sich uns in jede Körperfaser, ihre Rhythmen in unser Knochengerüst. Unser Pulsschlag gleicht sich ihrem an, und wie an jedem Wochenende warteten wir darauf, dass meine Mutter uns auf den Abend einstimmte.

Und deshalb stand ohne sie die Zeit einfach still.

Was sollen wir tun, fragten wir gleichzeitig, was mich schon wieder beunruhigte. Zumindest übernahm mein Vater diesmal die Initiative.

Wir holen sie ab, sagte er. Als ich meine Jacke überzog, war ich trotz allem froh darüber, wie bestimmt das klang – sie abholen, nicht nur suchen, nicht nachsehen, wo sie bleibt. Wir würden losziehen und sie holen.

Sie hat einen Platten, erklärte er. Hat wahrscheinlich noch jemanden nach Hause gebracht und dann einen Platten gekriegt. Diese verdammten Schotterpisten. Wir gehen runter zu deinem Onkel, leihen uns sein Auto und holen sie ab.

Sie abholen, schon wieder. Ich lief neben ihm her. Wenn er erst einmal in Schwung kam, war er noch immer kraftvoll und schnell.

Er war spät Anwalt und dann Richter geworden und hatte spät geheiratet. Auch für meine Mutter war ich überraschend gekommen. Mein alter Mooshum nannte mich Oops; das war sein Spitzname für mich, und leider fanden andere Verwandte ihn witzig. Deshalb werde ich manchmal selbst heute noch Oops genannt. Wir liefen den Hügel runter zum Haus meines Onkels und meiner Tante – einem blassgrünen HUD-Haus, das von schützenden Pappeln und drei edel wirkenden Blaufichten umstanden war. Auch Mooshum lebte dort in einem zeitlosen Dunst. Wir waren alle stolz auf seine extreme Langlebigkeit. Er war uralt, kümmerte sich aber immer noch um den Garten. Wenn er sich draußen verausgabt hatte, legte er sich zum Ausruhen auf ein Feldbett am Fester – ein Reisighaufen, der vor sich hin döste und manchmal ein trockenes, keckerndes Geräusch von sich gab, wahrscheinlich ein Lachen.

Als mein Vater Clemence und Edward erzählte, meine Mutter hätte einen Platten und wir bräuchten ihr Auto, als hätte er diesen mysteriösen kaputten Reifen mit eigenen Augen gesehen, hätte ich fast losgelacht. Anscheinend hatte er sich selbst eingeredet, dass seine Vermutung richtig war.

Wir fuhren im Chevrolet meines Onkels rückwärts die kiesbedeckte Auffahrt runter und machten uns auf den Weg zum Stammesbüro. Umrundeten den Parkplatz. Leer. Die Fenster dunkel. Am Ende der Zufahrt bogen wir rechts ab.

Ich wette, sie ist nach Hoopdance gefahren, sagte mein Vater. Brauchte noch was fürs Abendbrot. Vielleicht wollte sie uns überraschen, Joe.

Ich bin der zweite Antone Bazil Coutts, aber ich würde es jedem zeigen, der ein Junior oder eine Zahl hinter meinen Namen setzt. Oder mich Bazil nennt. Ich hatte schon mit sechs beschlossen, Joe zu heißen. Mit acht fiel mir auf, dass ich den Namen des Vaters meines Vaters gewählt hatte, meines Großvaters Joseph, von dem ich nur die Eintragungen in den Büchern mit den bernsteingelben Seiten und den trockenen Ledereinbänden kannte. Er hatte uns gleich mehrere Regale dieser Antiquitäten vererbt. Es ärgerte mich, dass ich keinen nagelneuen Namen hatte, der mich von der langweiligen Ahnenreihe der Coutts abgehoben hätte – lauter verantwortungsbewussten, aufrechten, gelegentlich sogar heldenhaften Männern, die in aller Stille tranken, hier und da mal eine Zigarre rauchten, ein vernünftiges Auto fuhren und nur dadurch ihren Kampfgeist unter Beweis stellten, dass sie klügere Frauen heirateten. Ich selbst hielt mich für anders; ich wusste nur noch nicht, wie. Ich wusste bloß, während ich meine Sorgen hinunterschluckte und wir nach meiner Mutter suchten, die einkaufen gefahren war – nichts weiter, bestimmt nichts weiter –, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Mutter verschwunden. Das war etwas, das dem Sohn eines Richters einfach nicht passierte, nicht einmal in einem Reservat. Ich hoffte vage darauf, dass zumindest irgendetwas passieren würde.

Ich war ein Junge, der es fertigbrachte, einen halben Sonntagnachmittag lang Baumsämlinge aus dem Fundament seines Elternhauses zu pulen. Also hätte ich mich mit der Tatsache abfinden sollen, dass ich eines Tages auch genauso ein Erwachsener werden würde, aber noch wehrte ich mich dagegen. Trotzdem meinte ich, als ich wollte, dass etwas passierte, nichts Schlimmes damit, nur irgendetwas eben. Etwas Seltenes. Eine Entdeckung. Einen Bingogewinn. Allerdings war Sonntag kein Bingo-Tag, und es hätte auch überhaupt nicht zu meiner Mutter gepasst mitzuspielen. Und genau das wünschte ich mir – etwas Ungewöhnliches. Weiter nichts.

Auf halbem Weg fiel mir ein, dass der Laden in Hoopdance sonntags geschlossen hatte.

Natürlich! Mein Vater reckte das Kinn vor, und seine Hände umschlossen das Lenkrad fester. Sein Profil hätte auf einem Filmplakat indianisch gewirkt und auf einer Münze römisch. In seiner kräftigen Nase und dem markanten Kiefer lag etwas Klassisches, Stoisches. Er fuhr weiter, denn vielleicht, so sagte er, hatte sie ja ebenfalls vergessen, dass Sonntag war. In dem Moment kam sie uns entgegen. Da! Sie raste auf der anderen Spur an uns vorbei, voll konzentriert, weit über dem Limit, in Eile, zu uns nach Hause zu kommen. Aber wir waren hier! Wir lachten über ihr verkniffenes Gesicht, machten kehrt und fuhren ihr hinterher.

Sie ist sauer, sagte mein Vater und lachte erleichtert. Siehst du, ich hab’s ja gesagt. Sie hat es vergessen. Ist einkaufen gefahren und hat vergessen, dass der Laden zu ist. Jetzt ist sie sauer wegen dem verschwendeten Benzin. Oh, Geraldine!

Heiterkeit, Bewunderung und Staunen lagen in seiner Stimme, als er das sagte. Oh, Geraldine! Allein diese zwei Wörter zeigten, dass er meine Mutter immer schon und immer noch liebte. Er war ihr unendlich dankbar, dass sie ihn geheiratet und ihm dann auch noch einen Sohn geschenkt hatte, als er längst glaubte, der Letzte in seiner Ahnenreihe zu sein.

Oh, Geraldine.

Er schüttelte den Kopf, lächelte beim Fahren vor sich hin, und alles war wieder in Ordnung, mehr als in Ordnung. Wir konnten jetzt zugeben, dass uns die ungewöhnliche Verspätung meiner Mutter Angst eingejagt hatte. Wir konnten uns wachrütteln lassen und begreifen, wie sehr wir unsere heiligen kleinen Routinen zu schätzen wussten. So wild ich mir auch im Spiegel oder in meinen Gedanken vorkam – diese einfachen Freuden des Alltags bedeuteten mir viel.

Und jetzt waren wir an der Reihe, ihr Angst einzujagen. Nur ein bisschen, sagte mein Vater, nur damit sie einen kleinen Eindruck davon kriegt, wie das ist. Wir ließen uns Zeit damit, das Auto zurückzubringen, und gingen zu Fuß den Berg hoch, diesmal voller Vorfreude auf die entrüstete Frage meiner Mutter: Wo wart ihr denn? Ich sah es schon vor mir, wie sie die Fäuste in die Hüften stemmte. Wie ein Lächeln hinter ihrem strengen Gesichtsausdruck aufblitzte. Sie würde lachen, wenn wir ihr die Geschichte erzählten.

Wir gingen die unbefestigte Auffahrt hoch. Daneben hatte Mom in einer schnurgeraden Reihe Stiefmütterchen angepflanzt, die sie in Milchkartons vorgezogen hatte. Sie hatte sie schon früh ins Freie gesetzt – die einzige Blume, die Frost vertrug. Als wir näher kamen, sahen wir, dass sie noch im Auto saß. Im Fahrersitz, mit Blick auf das glatte Garagentor. Mein Vater rannte los. Jetzt bemerkte ich es auch, wie sie dasaß – irgendwie steif, erstarrt, verkehrt. Am Auto angekommen, öffnete er die Fahrertür. Ihre Hände hielten das Lenkrad umklammert, und sie starrte blind vor sich hin, genau so, wie sie es getan hatte, als sie uns auf der Straße nach Hoopdance entgegenkam. Wir hatten ihren unbewegten Blick bemerkt und darüber gelacht. Sie ist sauer wegen dem Benzin!

Ich war dicht hinter meinem Vater. Trotz allem bemüht, nicht auf die welligen Blätter und die Knospen der Stiefmütterchen zu treten. Er legte seine Hände auf ihre und löste vorsichtig ihren Griff. Dann umschloss er ihre Ellbogen, hob sie aus dem Wagen und stützte sie, als sie, noch immer gekrümmt, in seine Richtung kippte. Sie sackte gegen seine Brust, sah durch mich hindurch. Kotze klebte vorn an ihrem Kleid, und ihr Rock und der graue Bezug des Fahrersitzes waren mit dunklem Blut getränkt.

Lauf zu Clemence, sagte mein Vater. Lauf hin und sag Bescheid, dass ich deine Mutter sofort nach Hoopdance in die Notaufnahme bringe. Sie sollen nachkommen.

Mit einer Hand öffnete er die hintere Tür, und dann manövrierte er Mom, als tanzten sie eine Art grausigen Tanz, auf die Kante der Sitzbank und legte sie ganz behutsam hin. Half ihr, sich auf die Seite zu drehen. Sie schwieg, aber fuhr sich mit der Zungenspitze über die aufgeplatzten, blutigen Lippen. Ich sah, wie sie blinzelte, die Brauen zusammenzog. Ihr Gesicht begann anzuschwellen. Ich lief um den Wagen herum und stieg neben ihr ein. Ich hob ihren Kopf an und glitt mit den Beinen darunter. Saß nah bei ihr und legte ihr den Arm um die Schulter. Sie zitterte leicht, vibrierte, als hätte jemand in ihr einen Schalter umgelegt. Ein scharfer Geruch ging von ihr aus, nach Kotze und nach noch etwas anderem, Benzin oder Petroleum vielleicht.

Ich setze dich da unten ab, sagte mein Vater und bog mit quietschenden Reifen aus der Auffahrt.

Nein, ich komme mit. Ich muss bei ihr bleiben. Wir können vom Krankenhaus aus anrufen.

Ich hatte mich meinem Vater, ob in Worten oder Taten, fast nie widersetzt. Aber es fiel uns nicht einmal auf. Da war schon dieser merkwürdige Blick gewesen, wie zwischen zwei Erwachsenen, für den ich noch nicht bereit gewesen war. Aber das spielte keine Rolle. Jetzt saß ich auf der Rückbank und hielt meine Mutter ganz fest. Ihr Blut klebte an mir. Ich griff nach hinten und zog den alten karierten Quilt herunter, der immer vor der Heckscheibe lag. Sie zitterte so sehr, dass ich dachte, es würde sie zerreißen.

Schneller, Dad.

Schon gut, sagte er.

Und dann flogen wir hin. Er jagte das Auto auf über 140 hoch. Wir flogen einfach.

Mein Vater konnte seine Stimme donnern lassen; das hatte er sich so angeeignet, sagte man. Als Jugendlicher hatte er das nicht gekonnt, aber im Gerichtssaal hatte er es dann gebraucht. Jetzt donnerte seine Stimme durch die Notaufnahme. Sobald die Sanitäter meine Mutter auf eine Trage gelegt hatten, sagte mein Vater, ich solle Clemence anrufen und dann warten. Als sein Zorn knisternd und klar die Luft erfüllte, ging es mir gleich besser. Was auch immer geschehen war, würde wieder in Ordnung kommen. Wegen seiner Wut, die so selten hervorbrach und immer Wirkung zeigte. Er hielt die Hand meiner Mutter, als sie sie auf die Station fuhren. Dann schloss sich die Tür hinter ihnen.

Ich setzte mich auf einen orangefarbenen Plastikstuhl. Eine dürre schwangere Frau war an unserer offenen Autotür vorbeigegangen und hatte meine Mutter angestarrt, hatte sich alles genau angesehen, bevor sie sich anmeldete. Jetzt ließ sie sich mir gegenüber neben eine schweigsame alte Dame fallen und griff nach einer Ausgabe der People.

Habt ihr Indianer nicht ein eigenes Krankenhaus? Baut ihr nicht gerade ein neues da drüben?

Die Notaufnahme ist noch im Bau, sagte ich.

Trotzdem, sagte sie.

Was trotzdem? Ich ließ meine Stimme schneidend und sarkastisch klingen. Darin war ich nicht so wie die meisten indianischen Jungs, die trotz ihrer Wut schweigend den Blick gesenkt hätten. Mich hatte meine Mutter anders erzogen.

Die Schwangere schürzte die Lippen und schaute wieder in ihre Zeitschrift. Die ältere Frau strickte an dem Daumen eines Fausthandschuhs. Ich stand auf und ging zu dem Münztelefon, aber ich hatte kein Geld dabei. Ich fragte die Schwester an der Rezeption, ob ich ihren Anschluss benutzen dürfe. Es war ein Ortsgespräch, und sie hatte nichts dagegen. Aber es nahm keiner ab. Also war meine Tante mit Edward losgefahren, um vor dem Allerheiligsten zu beten, wodurch sich die beiden sonntags abends ein bisschen Bewegung verschafften. Edward sagte immer, während Clemence das Allerheiligste anbetete, grüble er darüber nach, wie es sein könne, dass die Menschen von den Bäumen gestiegen waren, bloß um anschließend einen runden weißen Keks anzugaffen. Mein Onkel war Naturkundelehrer.

Ich setzte mich wieder in das Wartezimmer, so weit wie möglich von der Schwangeren weg, aber der Raum war ziemlich klein, und es war nicht weit genug. Sie blätterte in ihrem Magazin. Auf dem Cover war ein Bild von Cher. Ich konnte die Worte neben ihrem Wangenknochen lesen: Ihr »Moonstruck« ist ein Megahit, ihr Lover erst 23, und sie ist taff genug zu sagen: »Wenn mir einer krumm kommt, mach ich ihn kalt.« Aber Cher wirkte überhaupt nicht taff. Sie wirkte wie ein verschrecktes Plastikpüppchen. Die hagere, kugelige Frau spähte an Cher vorbei und sprach die strickende Dame an.

Ich wette, die Arme hatte einen Abort oder – sagte sie mit verschlagener Stimme – eine Vergewaltigung.

Die Oberlippe der Frau legte ihre Hasenzähne frei, als sie mich ansah. Ihre hässliche gelbe Frisur bebte. Ich blickte ihr direkt in die wimpernlosen braunen Augen. Dann tat ich instinktiv etwas Seltsames. Ich stand auf und nahm ihr die Zeitschrift aus der Hand. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, riss ich das Cover ab und ließ den Rest zu Boden fallen. Dann zerriss ich das Cover mitten zwischen Chers identischen Augenbrauen hindurch. Die strickende Dame schürzte die Lippen und zählte ihre Maschen. Ich gab der Frau die zwei Hälften zurück, und sie nahm sie entgegen. Dann tat mir Cher plötzlich leid. Was hatte sie mir denn getan? Ich wandte mich ab und ging vor die Tür.

Von draußen hörte ich die schrille, triumphierende Stimme der Frau, die sich bei der Schwester beschwerte. Die Sonne war fast untergegangen. Sie wärmte nicht mehr, und mit der hereinbrechenden Dunkelheit kroch mir eine hinterhältige Kälte unter die Haut. Ich hüpfte auf der Stelle und ruderte mit den Armen. Egal was passierte, ich würde nicht wieder reingehen, bis die Frau weg war oder bis mein Vater zurückkam und sagte, dass es meiner Mutter wieder gutging. Ich konnte nicht aufhören, an die Frau zu denken. Diese zwei Wörter, die sie gesagt hatte, krallten sich, genau wie sie es gewollt hatte, in meinen Gedanken fest. Abort. Das Wort verstand ich nicht genau, aber es hatte mit Babys zu tun. Und die konnte es nicht geben. Vor sechs Jahren, als ich meine Mutter um ein Geschwisterkind anbettelte, hatte sie mir erklärt, der Arzt habe dafür gesorgt, dass sie nicht noch einmal schwanger werden konnte. Das ging einfach nicht. Blieb also nur das andere Wort.

Einige Zeit später sah ich, wie die Schwester mit der Schwangeren durch die Stationstür ging. Ich hoffte, dass sie meiner Mutter nicht zu nahe kommen würde. Ich ging rein und rief noch einmal bei meiner Tante an, die sagte, sie würde Edward bei Mooshum lassen und gleich rüberkommen. Dann fragte sie mich, was passiert sei.

Mom blutet, sagte ich. Dann schnürte es mir die Kehle zu.

Ist sie verletzt? Hatte sie einen Unfall?

Ich würgte mühsam hervor, dass ich es nicht wüsste, und Clemence legte auf. Eine Schwester kam mit unbewegtem Gesicht durch die Tür und sagte, ich solle zu meiner Mutter kommen. Der Schwester passte es nicht, dass meine Mutter mehrmals nach mir gefragt hatte. Wiederholt, sagte sie. Ich wäre am liebsten vorweggerannt, ging aber der Schwester hinterher, einen hellerleuchteten Gang entlang und in ein fensterloses Zimmer mit Stahlvitrinen an den Wänden. Hier war das Licht heruntergedimmt, und meine Mutter trug ein flattriges Krankenhaushemd. Über ihre Beine hatten sie eine Decke gebreitet. Blut war keins zu sehen, nirgends. Mein Vater stand neben dem Bett und hatte die Hand auf die Metallumrandung des Kopfendes gelegt. Ich sah ihn zuerst gar nicht an, sondern nur meine Mutter. Sie war eine schöne Frau – das hatte ich immer gewusst. Jeder wusste das, in meiner Familie ebenso wie außerhalb. Sie und Clemence hatten milchkaffeefarbene Haut und tiefschwarze, glänzende Locken. Waren selbst nach der Geburt ihrer Kinder schlank. Ruhig und direkt, mit selbstsicherem Blick und Filmstar-Mund. Nur wenn sie in Lachen ausbrachen, verloren sie ihre Selbstbeherrschung, keuchten, grunzten, rülpsten, japsten, pupsten sogar und lachten nur noch hysterischer. Meistens lösten sie gegenseitig solche Lachanfälle aus, aber gelegentlich brachte auch mein Vater sie so weit. Selbst dann waren sie schön.

Jetzt war ihr Gesicht verquollen, mit Striemen bedeckt und hässlich verzogen. Sie spähte durch kleine Schlitze zwischen ihren geschwollenen Lidern hervor.

Was ist passiert?, fragte ich dümmlich.

Sie antwortete nicht. Aus ihren Augenwinkeln kamen Tränen. Sie betupfte sie mit ihrer bandagierten Hand. Es geht mir gut, Joe. Schau mich an. Siehst du?

Und das tat ich – ich schaute sie an. Aber es ging ihr nicht gut. Da waren überall Spuren von Faustschlägen und diese grausige Schieflage in ihrem Gesicht. Ihre Haut hatte jede Wärme verloren; sie war aschfahl. Um den Mund war ein Rand aus verkrustetem Blut. Die Schwester kam herein und kurbelte das Fußende hoch. Legte noch eine Decke auf ihre Beine. Ich senkte den Blick und beugte mich zu ihr runter. Strich ihr über das bandagierte Handgelenk und die trockenen Finger. Sie schrie auf und zog die Hand weg, als hätte ich ihr wehgetan. Das gab mir den Rest. Ich sah meinen Vater an, und er winkte mich zu sich. Legte den Arm um mich und führte mich in den Flur.

Es geht ihr nicht gut, sagte ich.

Er sah auf die Uhr und dann wieder zu mir. In seinem Blick lag die verhaltene Wut von jemandem, der gar nicht schnell genug denken kann.

Es geht ihr nicht gut. Ich sagte es, als müsste er dringend die Wahrheit erfahren. Und einen Moment lang dachte ich, er würde zusammenbrechen. Irgendetwas bäumte sich in ihm auf, aber er besiegte es, atmete aus und beherrschte sich. Joe. Er sah schon wieder so komisch auf seine Uhr. Joe, sagte er, deine Mutter ist angegriffen worden.

Wir standen im Flur unter den fleckigen, sirrenden Leuchtstofflampen, und ich fragte das Erste, was mir einfiel.

Wegen was denn? Und von wem?

Absurderweise fiel uns beiden auf, dass die übliche Reaktion meines Vaters gewesen wäre, erst einmal meine Grammatik zu korrigieren. Wir sahen einander an, und er schwieg.

Der Kopf, der Nacken und die Schultern meines Vaters sind die eines starken Mannes, aber sonst wirkt er vollkommen durchschnittlich. Sogar ein wenig ungelenk und weich. Wenn man es sich recht überlegt, ist das der perfekte Körperbau für einen Richter. Er thront imposant auf dem Richterstuhl, aber bei Gesprächen im Besprechungszimmer (eigentlich einer besseren Besenkammer) wirkt er nicht bedrohlich, und die Leute vertrauen ihm. Außer dem Donnerhall beherrscht er auch jede andere stimmliche Nuance bis hin zu sehr sanften Tönen. Genau diese Sanftheit beunruhigte mich jetzt, und wie leise er sprach. Fast flüsternd.

Sie weiß nicht, wer der Mann war, Joe.

Und werden wir ihn finden?, fragte ich genauso leise.

Das werden wir, sagte mein Vater.

Und was dann?

Sonntags rasierte mein Vater sich nie, und es waren ein paar graue Bartstoppeln nachgewachsen. Da war wieder dieses Etwas, das sich in ihm zusammenballte und ausbrechen wollte. Stattdessen legte er mir die Hände auf die Schultern und sprach mit dieser säuselnden Stimme, die mir so unheimlich war.

So weit kann ich im Moment nicht vorausdenken.

Ich legte meine Hände auf seine und sah ihm in die Augen. Seine beruhigenden braunen Augen. Ich wollte sicher sein, dass derjenige, der meine Mutter angegriffen hatte, gefunden, bestraft und getötet wurde. Mein Vater sah es mir an. Seine Finger gruben sich in meine Schultern.

Wir kriegen ihn, sagte ich schnell. Ich hatte Angst dabei; mir wurde schwindlig.

Ja.

Er ließ meine Schultern los. Ja, sagte er noch einmal. Er tippte auf seine Armbanduhr. Wenn nur die Polizei schon da wäre. Sie müssen ihre Aussage aufnehmen. Sie sollten längst hier sein.

Wir machten kehrt und gingen zum Zimmer zurück.

Welche Polizei?, fragte ich.

Da fragst du was, sagte er.

Die Schwester wollte uns noch nicht wieder reinlassen, und während wir warteten, kam die Polizei. Drei Männer traten durch die Stationstür und blieben schweigend im Flur stehen. Ein State Trooper, ein Beamter aus Hoopdance und Vince Madwesin von der Stammespolizei. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass jeder von ihnen die Aussage meiner Mutter aufnahm, weil unklar war, wo das Verbrechen verübt worden war – auf staatlichem Boden oder Stammesland – und wer es begangen hatte – ein Indianer oder ein Nicht-Indianer. Ich wusste schon ansatzweise, dass diese Fragen ständig um die Fakten herumschwirren würden. Ich wusste auch, dass die Fragen an den Fakten nichts änderten. Aber sie würden die Art und Weise verändern, wie wir nach Gerechtigkeit strebten. Mein Vater berührte mich an der Schulter und ging zu den Männern hinüber. Ich lehnte mich an die Wand. Die anderen waren alle ein wenig größer als mein Vater, aber sie kannten ihn und beugten sich herab, um keins seiner Worte zu verpassen. Sie hörten ihm konzentriert zu, ohne je den Blick abzuwenden. Mein Vater sah beim Sprechen hin und wieder zu Boden und faltete die Hände hinter dem Rücken. Dann sah er einen nach dem anderen unter seinen dichten Brauen an und senkte wieder den Blick.

Jeder der drei Polizisten betrat mit Notizblock und Stift das Krankenzimmer und kam eine Viertelstunde später mit ausdruckslosem Gesicht wieder heraus. Sie schüttelten meinem Vater die Hand und verschwanden.

Der diensthabende Arzt war ein junger Mann namens Dr. Egge. Er hatte meine Mutter untersucht. Als mein Vater und ich in das Zimmer zurückwollten, war Dr. Egge gerade wiedergekommen.

Ich denke nicht, dass der Junge …, begann er.

Ich fand es komisch, dass sein rundlicher, halbkahler, eierförmiger Kopf so gut zu seinem Namen passte. Das ovale Gesicht mit dem schwarzen Brillengestell kam mir bekannt vor, bis mir einfiel, dass meine Mutter solche Gesichter früher manchmal auf mein Frühstücksei gemalt hatte, damit ich es aufaß.

Meine Frau hat darauf bestanden, dass Joe zu ihr kommt, sagte mein Vater zu Dr. Egge. Sie will, dass er sieht, dass es ihr gutgeht.

Dr. Egge schwieg. Er sah meinen Vater hinter seinen kleinen runden Brillengläsern durchdringend an. Mein Vater trat einen Schritt zurück und sagte zu mir, ich solle im Wartezimmer nachsehen, ob Clemence schon da sei.

Ich möchte wieder zu Mom.

Ich hole dich gleich, sagte mein Vater beschwörend. Geh jetzt.

Dr. Egge starrte meinen Vater noch eindringlicher an. Ich wandte mich zutiefst widerstrebend von den beiden ab. Mein Vater und Dr. Egge sprachen leise miteinander. Ich wollte nicht gehen, also drehte ich mich vor der Flügeltür zum Wartezimmer noch einmal um und beobachtete sie. Vor dem Krankenzimmer blieben sie stehen. Dr. Egge hörte auf zu sprechen und schob sich mit einem Finger die Brille hoch. Mein Vater ging auf die Wand zu, als wollte er durch sie hindurch. Er presste die Stirn und die Hände dagegen und schloss die Augen.

Dr. Egge wandte den Kopf und bemerkte mich an der Tür. Er zeigte mit dem Finger in Richtung Wartezimmer. Ich war zu jung, schien er mit dieser Geste zu sagen, um diese Reaktion meines Vaters mitzuerleben. Aber ich war seit ein paar Stunden immer resistenter gegen Autoritäten geworden. Statt mich höflich in Luft aufzulösen, rannte ich an Dr. Egge vorbei zu meinem Vater. Ich schlang die Arme unter der Jacke um seinen weichen Rumpf und klammerte mich an ihm fest, ohne ein Wort zu sagen. Im Gleichtakt mit ihm atmete ich in tiefen Schluchzern ein und aus.

Sehr viel später, als ich selbst Jurist geworden war und noch einmal alle Unterlagen, alle Aussagen durchging, an die ich herankommen konnte, als ich jeden Augenblick dieses Tages und der Tage danach noch einmal durchlebte, begriff ich, dass mein Vater in diesem Moment von Dr. Egge die Art und das Ausmaß der Verletzungen erfahren hatte. An dem Tag selbst, als Clemence mich von meinem Vater trennte und mich wegbrachte, wusste ich nur, dass der Flur steil bergauf führte. Ich schleppte mich durch die Flügeltür und ließ Clemence mit meinem Vater reden. Ich verbrachte ungefähr eine halbe Stunde im Wartezimmer, bis Clemence kam und sagte, dass meine Mutter operiert werden würde. Sie hielt meine Hand. Wir starrten beide auf ein Bild an der Wand, auf dem eine junge Siedlerin am Berghang in der Sonne saß. Neben ihr lag ihr Kind im Schatten eines schwarzen Regenschirms. Wir waren uns einig, dass wir das Bild noch nie besonders gemocht hatten. Ab sofort würden  wir es hassen, obwohl das Bild eigentlich nichts dafür konnte.

Ich fahre dich besser heim, dann kannst du in Josephs Zimmer schlafen, sagte Clemence. Du kannst morgen von uns aus zur Schule gehen. Ich komme dann wieder her und warte hier.

Ich war müde, mein Hirn tat mir weh, aber ich sah sie an wie eine Verrückte. Es war verrückt, zu glauben, dass ich in die Schule gehen würde. Nichts würde sein wie bisher. Die Steigung im Flur hatte mich an diesen Ort, in dieses Wartezimmer geführt, und hier würde ich warten.

Du könntest wenigstens ein bisschen schlafen, sagte Tante Clemence. Das könnte wirklich nicht schaden. Dann vergeht die Zeit, und du musst dieses verdammte Bild nicht ansehen.

War es eine Vergewaltigung?, fragte ich.

Ja, sagte sie.

Aber da war noch was, sagte ich.

In meiner Familie reden sie nicht um den heißen Brei herum. Meine Tante war Katholikin, aber sie nahm trotzdem kein Blatt vor den Mund. Als sie antwortete, sprach sie flüssig und ebenmäßig.

Vergewaltigung heißt erzwungener Sex. Ein Mann kann eine Frau dazu zwingen, Sex zu haben. Genau das ist passiert.

Ich nickte. Aber ich wollte noch etwas anderes wissen.

Wird sie daran sterben?

Nein, sagte Clemence schnell. Sie wird nicht sterben. Aber manchmal …

Sie biss sich von innen auf die Lippen, dass die Mundwinkel runterhingen, und sah mit zusammengekniffenen Augen die Siedlerin an.

… ist es komplizierter, sagte sie schließlich. Du hast doch gesehen, dass jemand ihr sehr, sehr wehgetan hat? Clemence berührte ihre eigene, für den Kirchgang zart gepuderte Wange.

Ja, habe ich.

Uns traten Tränen in die Augen, und wir sahen beide weg, auf Clemences Handtasche, in der sie nach Kleenex wühlte. Wir weinten ein bisschen. Es war eine Erleichterung. Dann trockneten wir unsere Gesichter, und Clemence sprach weiter.

Manchmal kann es besonders brutal sein.

Brutal vergewaltigt, dachte ich.

Ich wusste schon, dass diese Wörter zusammengehörten. Vielleicht hatte ich sie aus einer der Fallbeschreibungen in den Büchern meines Vaters oder aus der Zeitung oder einem der tollen Taschenbuch-Thriller, die mein Onkel Whitey in einem selbstgezimmerten Regal hortete.

Da war Benzin, sagte ich. Warum hat sie nach Benzin gerochen? War sie in Whiteys Tanke?

Clemence starrte mich an. Ihre Hand mit dem Kleenex verharrte neben ihrer Nase, und ihre Haut wurde fahl wie angetauter Schnee. Plötzlich klappte sie vornüber und legte den Kopf auf die Knie.

Alles okay, sagte sie durch das Kleenex. Ihre Stimme klang normal, fast gleichgültig sogar. Keine Sorge, Joe. Ich dachte, ich falle in Ohnmacht, aber es geht schon wieder.

Sie nahm sich zusammen und kam wieder hoch. Tätschelte mir die Hand. Ich fragte sie nie wieder nach dem Benzin.

Irgendwann schlief ich auf einer Plastikbank ein, und irgendjemand deckte mich mit einer Krankenhausdecke zu. Ich schwitzte im Schlaf, und beim Aufwachen klebten meine Backe und mein Arm an der Sitzbank. Ich schälte mich mühsam ab und stützte mich auf den Ellbogen.

Gegenüber stand Dr. Egge und redete mit Clemence. Ich erkannte gleich, dass jetzt alles besser aussah, dass es meiner Mutter besser ging, dass mit der Operation irgendetwas besser geworden war. So schlimm alles auch sein mochte, es wurde zumindest im Augenblick nicht mehr schlimmer. Also legte ich den Kopf auf die klebrige Plastikbank, die sich jetzt gut anfühlte, und schlief wieder ein.

KAPITEL ZWEI
DIE GEHEIMNISVOLLE KRAFT

Ich hatte drei Freunde. Mit zweien halte ich bis heute Kontakt. Der andere ist ein weißes Kreuz an der Montana Hi-Line. Das markiert jedenfalls den Ort seines körperlichen Todes. Was seine Seele angeht – die habe ich in Form eines runden schwarzen Steins immer bei mir. Er hat ihn mir gegeben, als er hörte, was mit meiner Mutter passiert war. Virgil Lafournais hieß er, oder Cappy. Er sagte, der Stein sei heilig, er sei unter einem Baum gefunden worden, den der Blitz getroffen hatte. Ein Donnervogel-Ei, sagte Cappy. Er schenkte es mir, als ich wieder in die Schule kam. Immer wenn mich die anderen Kinder oder die Lehrer neugierig oder mitleidig anstarrten, berührte ich Cappys Stein.

Seit wir meine Mutter in der Auffahrt gefunden hatten, waren fünf Tage vergangen. Ich hatte mich geweigert, in die Schule zu gehen, bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sie konnte es selbst kaum erwarten und war erleichtert, als sie wieder zu Hause war. Am nächsten Morgen schickte sie mich vom Elternschlafzimmer aus los.

Cappy und die anderen vermissen dich bestimmt, sagte sie.

Sie bestand darauf, dass ich wieder hinging, obwohl es nur noch zwei Wochen bis zu den Sommerferien waren. Wenn es ihr besserging, wollte sie uns einen Kuchen machen, sagte sie, und Sloppy Joes. Es hatte ihr schon immer Spaß gemacht, uns zu bekochen.

Meine anderen beiden Freunde waren Zack Peace und Angus Kashpaw. Wir vier waren damals so oft zusammen, wie es nur ging, und trotzdem war klar, dass Cappy und ich am besten befreundet waren. Seine Mutter war gestorben, als Cappy noch klein war, und seitdem lebten er, sein großer Bruder Randall und sein Vater, Doe Lafournais, ein Junggesellenleben in einem chaotischen Männerhaushalt. Doe ließ sich zwar hin und wieder mit Frauen ein, heiratete aber nicht. Er war der Hausmeister des Stammesbüros und gleichzeitig immer mal wieder der Stammesvorsitzende. In seiner ersten Amtszeit, in den sechziger Jahren, hatte er gerade genug Geld bekommen, dass er als Hausmeister nur noch halbtags arbeiten musste. Wenn er dann zu erschöpft war, um wieder anzutreten, verdiente er sich mit Nachtschichten als Wachmann etwas hinzu. Erst in den Siebzigern steckte die Regierung ernstlich Geld in die Stammesverwaltung, und wir lernten uns richtig zu organisieren. Doe war weiterhin mal Vorsitzender und mal wieder nicht. Jedes Mal, wenn die Leute auf den aktuellen Amtsinhaber sauer waren, wählten sie Doe. Aber sobald er dann im Amt war, begann wieder der Tratsch, kamen die Beschwerden, die Stimmungsmache, die unerbittliche Demontage, die fester Bestandteil der Reservatspolitik war und auch sonst jedem blüht, der zu hoch aufsteigt. Wenn es ihm zu viel wurde, weigerte er sich, noch einmal anzutreten. Dann packte er im Büro seine Sachen, unter anderem das Briefpapier, das er jedes Mal aus eigener Tasche drucken ließ: Doe Lafournais, Stammesvorsitzender. Anschließend gab es jahrelang bei Cappy zu Hause eine Menge Schmierpapier. Früher oder später erging es dem jeweiligen Nachfolger genauso wie ihm, und dann bearbeiteten Does reuige Wähler ihn so lange, bis er doch wieder seinen Hut in den Ring warf. 1988 war Doe gerade nicht im Amt, so dass er viel Zeit hatte, mit uns zu angeln. Den halben Winter hatten wir in seinem Eishaus verbracht, Hechte gefangen und Bier geschnorrt.

Zack Peaces Eltern hatten sich gerade zum zweiten Mal getrennt. Sein Vater, Corwin Peace, war als Musiker immer auf Tour. Seine Mutter, Carleen Thunder, leitete die Stammeszeitung. Sein Stiefvater, Vince Madwesin, war der Polizist, der meine Mutter befragt hatte. Zack war fast ein Jahrzehnt älter als sein kleiner Bruder und seine kleine Schwester, denn die Eltern hatten jung geheiratet, hatten sich scheiden lassen, es später noch einmal miteinander versucht und herausgefunden, dass die erste Scheidung eine gute Idee gewesen war. Zack war musikalisch wie sein Vater und brachte immer seine Gitarre ins Eishaus mit. Er sagte, er wüsste tausend Songs auswendig.

Angus kam aus einer der ärmsten Gegenden des Reservats. Der Stamm hatte Gelder akquiriert, um Sozialwohnungen zu bauen – große, gelbbraune, großstädtisch aussehende Wohnblocks am Ortsrand mit unkrautbewachsenen Erdhaufen statt Büschen oder Bäumen drum herum. Noch bevor die Treppen da waren, war das Geld ausgegangen, also bauten sich die Bewohner Sperrholzrampen, oder sie hangelten sich in ihre Wohnungen hoch und sprangen wieder heraus. Angus’ Tante Star war mit ihm, seinen beiden Brüdern, den zwei Kindern ihres Freundes sowie wechselnden schwangeren Schwestern und saufenden oder trockenen Cousins in eine Vier-Zimmer-Wohnung gezogen. Tante Star lebte im totalen Wahnsinn. Das Haus hatte nicht nur keine Treppen; es war ein einziger Low-budget-Alptraum. Der Bauunternehmer hatte an der Isolierung gespart, so dass Star den Winter über nachts den Ofen an, die Tür offen und den Wasserhahn ein Stückchen aufgedreht lassen musste, damit die Leitungen nicht einfroren. Sie stopfte Stofffetzen in die klaffenden Lücken zwischen dem schrumpfenden Rigips und den extrabilligen Alu-Schiebefenstern. Die Fenster lösten sich bald in ihre Bestandteile auf und verloren ihre Fliegengitter. Nichts funktionierte. Dauernd verstopften die Abflüsse. Ich wurde mit der Zeit ziemlich gut darin, das Klo mit Wachs und Isolierband abzudichten. Star versuchte uns dauernd mit Frybread zu bestechen, damit wir irgendetwas reparierten, aus einer verbeulten Radkappe eine Satellitenschüssel zusammenzimmerten oder so was in der Art.

Als sie ihre große Liebe Elwin an Land gezogen hatte, schafften wir das mit der Satellitenschüssel tatsächlich. Star hatte sich mit dem einzigen nennenswerten Bingogewinn ihres Lebens einen schicken Fernseher gekauft. Mit Elwins Hilfe macgywerten wir ein paar Teile Elektroschrott zusammen und kriegten Empfang aus Fargo, aus Minneapolis und sogar aus Chicago und Denver. Wir setzten die Antenne im September 1987 in Betrieb, also gerade rechtzeitig, um die Piloten aller neuen Network-Serien mitzubekommen. Mit der Zeit verbesserten wir den Empfang so weit, dass wir manchmal lizensierte Ausstrahlungen aus einzelnen Städten reinkriegten, immer je nach Wetter und nach dem magnetischen Einfluss der Planeten. Wir mussten ganz schön suchen, aber ich glaube, wir haben keine einzige Folge von Star Trek verpasst. Nicht von dem alten Star Trek, sondern The Next Generation. Star Wars mochten wir auch und hatten unsere Lieblingsdialoge, aber TNG war unser Leben.

Natürlich fanden wir alle Worf am besten. Wir wollten alle Klingonen sein. Worfs Rezept für jede Lebenslage war der Frontalangriff. In der Folge »Das Gesetz der Edo« stellte sich heraus, dass er nicht auf Sex mit Menschenfrauen stand, weil sie zu zerbrechlich waren und er Zurückhaltung üben musste. Jetzt üb mal Zurückhaltung, Alter, war unser Lieblingsspruch, wenn Mädchen in Sichtweite kamen. In »Rikers Versuchung« schmiss sich die perfekte Klingonenbraut an Worf ran; sie war unfassbar scharf. Worf war aufbrausend und edel und sah sogar mit einem Schildkrötenpanzer auf der Stirn irre gut aus. Außer ihm mochten wir noch Data, weil er sich über die Weißen lustig machte, indem er neugierige Fragen zu den Dämlichkeiten der Crew stellte, und weil er sich, als die niedliche Yar total neben der Kappe war, für voll funktionsfähig erklärte und mit ihr ins Bett stieg. Wesley, mit dem wir uns eigentlich hätten identifizieren sollen, weil er in unserem Alter und superschlau war und seine verantwortungslose Mutter nicht auf ihn aufpasste, interessierte uns nicht weiter mit seinem dämlichen weißen Stadtkindergesicht und seinen peinlichen Pullis. In die empathische Halb-Betazoidin Deanna Troi waren wir alle verknallt, besonders als ihre Haare im Laufe der Serie lang und lockig wurden. Ihre Catsuits waren tief, tief ausgeschnitten, ihr roter V-förmiger Gürtel zeigte du-weißt-schon-wohin, und die Kombination von einem riesigen Lockenschopf und einem kleinen, kurvigen Körper raubte uns den Verstand. Commander Riker stand angeblich auf sie, aber er war hölzern und unglaubwürdig. Mit Bart statt der glatten Babyhaut wurde es besser, aber an Worf kam er einfach nicht ran. Captain Picard war ein alter Mann, aber immerhin Franzose, also mochten wir ihn. Und wir mochten Geordi, weil sich herausstellte, dass er mit seinem Visor ständig Schmerzen litt und somit auch edel war.

Ich muss das erwähnen, weil diese Serie unser besonderes Ding war. Wir malten TNG-Bilder und Comicstrips und versuchten sogar selbst eine Folge zu schreiben. Wir bildeten uns einiges auf unser Spezialwissen ein. Damals kamen wir gerade in die Pubertät und fragten uns, was aus uns werden würde. In TNG waren wir nicht schlaksig, arm, mutterlos, verängstigt und überall unten durch. Wir waren cool, weil keiner außer uns mitreden konnte.

Am ersten Tag, als ich wieder in der Schule war, brachte Cappy mich nach Hause. Inzwischen sieht man im Reservat eher selten Fußgänger, außer auf den Walking-Strecken, die extra zur körperlichen Ertüchtigung angelegt worden sind. Aber in den späten Achtzigern liefen die jungen Leute oft zu Fuß, und weil Cappy und ich beide keine Meile von der Schule entfernt wohnten, entschieden wir manchmal mit Kopf oder Zahl, zu wem wir gehen wollten. Bei ihm war mehr los, weil Randall immer Freunde dahatte, aber bei mir gab es den Fernseher und die Konsole, mit der wir Bionic Commando spielen konnten, unser absolutes Lieblingsspiel.

Cappy hatte mir das Donnervogel-Ei im Schulflur in die Hand gedrückt und erzählte mir auf dem Heimweg, was es damit auf sich hatte. Er sagte, der Baum hätte noch geraucht, als er es fand. Ich tat, als glaubte ich ihm. Ohne große Worte war uns beiden klar, dass er mich nur bis zur Tür bringen und nicht mit reinkommen würde. Das hätte ich ohnehin nicht zugelassen. Meine Mutter wollte nicht, dass irgendjemand sie sah. Mein Vater wollte sich zwar freistellen lassen und hatte schon einen Richter im Ruhestand als Vertretung angeheuert, aber er musste im Büro noch einigen Papierkram erledigen. Er hatte zu mir gesagt, dass er von Zeit zu Zeit nach dem Rechten sehen wolle und dass meine Mutter sich trotzdem sicher freuen würde, wenn ich nach Hause käme.

Als wir gerade in die Auffahrt eingebogen waren, kam Clemence zur Haustür raus und sagte, ein Nachbar hätte sie angerufen, weil Mooshum im Garten herumlief. So eilig, wie sie es hatte, vermutete ich, dass er dabei die Hose im Haus gelassen hatte. Sie stieg in ihr Auto und brauste davon. Cappy machte vor meinem Haus kehrt, und ich ging Richtung Hintertür. Hinter der Hausecke lagen die dürren kleinen Bäumchen mit ihren vertrockneten Blättern immer noch sterbend auf den Betonplatten aufgereiht. Ich legte meine Bücher zur Seite, hob die Pflänzchen eines nach dem anderen auf und versteckte sie in einer Ecke des Gartens. Sie taten mir in dem Moment tatsächlich leid, und zugleich wurde mir bewusst, dass ich Angst hatte, mein Haus zu betreten. Das war mir noch nie passiert. Als ich die Tür öffnen wollte, war sie abgeschlossen.

Im ersten Moment war ich so überrascht, dass ich mit dem Fuß dagegentrat, weil ich dachte, dass sie klemmte. Aber die Hintertür war tatsächlich abgeschlossen. Die Vordertür hatte ein Schnappschloss, daran hatte Clemence wahrscheinlich nicht gedacht. Ich holte den Schlüssel aus seinem Versteck und ging zögernd und leise ins Haus, ohne die Tür zuzuknallen oder meine Bücher auf den Tisch fallen zu lassen, wie ich es normalerweise tat. Normalerweise wäre meine Mutter noch nicht da gewesen, und ich hätte das Hochgefühl eines Jungen erlebt, der sein Zuhause betritt und weiß, dass er es zwei Stunden lang ganz für sich allein haben wird. Dass er sich selbst ein Sandwich machen kann. Dass es, wenn der Fernseher Empfang hat, vielleicht eine Nachmittagswiederholung gibt. Dass er Chancen auf Kekse oder andere Süßigkeiten hat, die seine Mutter nicht allzu gut vor ihm versteckt hält. Dass er im Elternschlafzimmer im Bücherbord stöbern kann, bis er zum Beispiel Hawaii von James Michener findet, in dem sich interessante, wenn auch letztlich nutzlose Details zu polynesischen Vorspieltechniken finden lassen … aber genug davon. Zum ersten Mal, seit ich denken konnte, war die Hintertür abgeschlossen gewesen, und ich hatte den Schlüssel von dem Haken unter der Hintertreppe hervorgeholt, den wir sonst nur benutzten, wenn wir zu dritt von einer langen Reise zurückkehrten.

Und so fühlte ich mich: als wäre ein einziger Schultag eine lange Reise gewesen, von der ich jetzt zurückgekehrt war.

Die Luft im Haus wirkte abgestanden und seltsam flach. Es musste daran liegen, fiel mir ein, dass seit dem Tag, als wir meine Mutter in der Auffahrt gefunden hatten, niemand gebacken, gebraten, gekocht oder sonst irgendwie Essen gemacht hatte. Mein Vater kochte nur Kaffee, von dem er Tag und Nacht trank. Clemence hatte uns Aufläufe vorbeigebracht, die noch halb aufgegessen im Kühlschrank standen. Ich rief leise nach meiner Mutter und ging die halbe Treppe hoch, bis ich sah, dass die Tür zum Elternschlafzimmer zu war, und schlich wieder in die Küche zurück. Ich öffnete den Kühlschrank, goss mir ein Glas kalte Milch ein und trank einen großen Schluck. Die Milch war ekelhaft sauer. Ich kippte sie weg, spülte das Glas aus und trank von dem eisenhaltigen Wasser unseres Reservats, bis ich den Geschmack wieder los war. Dann stand ich da mit dem leeren Glas in der Hand.

Durch die offene Tür war ein Teil der Esszimmergarnitur zu