Es muss einer den Frieden beginnen

Jahrhundertautoren
gegen den Krieg

Herausgegeben und
mit einem Nachwort
von Nele Holdack

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0781-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Umschlaggestaltung und Illustration hißmann, heilmann, Hamburg

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Bertha von Suttner
Die Zweihundertjahrfeier*

Johannes R. Becher
Abschiedsmusik*

Georg Trakl
Grodek

Friedrich Wolf
Der verschenkte Leutnant

Stefan Zweig
Der Zwang

Ernst Glaeser
Der Heldentod

Edlef Köppen
Loretto

Rosa Luxemburg
Liebe Sonitschka*

Anna Seghers
Erwin*

Kurt Tucholsky
Unser Militär!

Hans Fallada
Der Kriegsgefangene*

Leonhard Frank
Karl und Anna

Vicki Baum
Hunger

Erich Maria Remarque
Schweigen um Verdun

Lion Feuchtwanger
Lied der Gefallenen

Anhang

Nachwort Von Nele Holdack

Biographische Hinweise

Textnachweis

Anmerkungen

Anmerkungen zum Nachwort

Informationen zum Buch

Informationen zu den Autoren

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

* Mit diesem Zeichnen versehene Titel stammen von der Herausgeberin.

Bertha von Suttner
Die Zweihundertjahrfeier*

Die Zweihundertjahrfeier Friedrichs des Großen ist in Berlin feierlich begangen worden.* Festsitzung in der Akademie, Festvorstellung in der Oper, Festpredigt in der Kirche – alles trug militärischen Charakter. In der Oper war das ganze Parkett mit Offizieren aller Waffengattungen besetzt, der Theaterintendant trug Gardekürassieruniform und der Reichskanzler die Uniform eines Generalmajors. Das Festspiel von Lauff zeigt auf der Bühne das Kriegslager von Hohenfriedberg; die Soldaten aller Waffengattungen geben ihrer Begeisterung für den König Ausdruck. König Friedrich erscheint und hält eine Rede, in der er mitteilt, dass er trotz aller Warnungen die Schlacht zu liefern gedenkt. Wer ihn verlassen wolle, der solle von dannen gehen. Natürlich folgen ihm alle mit Begeisterung in die Schlacht. Bei der Festsitzung der Akademie der Wissenschaft, der der Kaiser beiwohnte, trug der Chef des Generalstabs v. Moltke das Reichsinsiegel voran; Kriegsminister von Heeringen trug aufrecht das entblößte Reichsschwert; Großadmiral von Tirpitz den Reichsapfel; Feldmarschall von der Goltz das Zepter. Nach einer Ansprache des Kaisers (in der er, wie es sich in diesen Räumen geziemte, nicht dem kriegerischen, sondern dem Geist der Wissenschaft huldigte) hielt der Geheimrat Dr. Koser die Festrede, in der es wieder rasselte und klirrte: »Unsere Feier ist eine Erinnerungsfeier an ernste Zeit – in ernster Zeit. Noch heute müssen wir, um Friedrichs Worte zu wiederholen, scharf auf unsere Nachbarn achten und bereit sein, uns von heute auf morgen gegen die verderblichen Anschläge zu verteidigen.« Noch knurrender als in den Hallen der Wissenschaft war die Festpredigt im Tempel der Christenliebe. Als Text waren die Worte des Propheten Jesaias gewählt: »Wenn sie gleich alle zusammentreten, müssen sie dennoch sich fürchten und zuschanden werden.« Der Kanzelredner beklagte es, dass im Lande ein Misstrauen gegen die eigene Kraft vorhanden sei. »Das Ausland sieht das ganz anders als wir selbst, und gerade in der Missgunst, mit der es unser Tun und Lassen verfolgt, liegt ein Zeugnis unserer Kraft und Größe. Gott«, so schloss der Prediger, »lässt uns nicht zuschanden werden. Und solange unsere Armee, vom obersten Kriegsherrn bis zum letzten Soldaten, der Zuversicht lebt und wenn zugleich alles zusammenarbeitet, müssen sie dennoch sich fürchten und zuschanden werden. So lange wird Preußen groß sein.« Also jetzt wissen wir es; der Prophet Jesaias hatte Preußen im Sinne, und unter denen, die sich fürchten müssen, dachte er offenbar an die Tripelentente. Darum möge nur »die ganze Armee der Zuversicht  leben, und – und – (was wäre wohl ein passendes Schlusswort?) – – und (ja richtig: stehen wir nicht vor dem Altar des Bergpredigers?) und liebet euch untereinander.

Johannes R. Becher
Abschiedsmusik*

[I]

In Ungeduld hörte ich Hartinger zu, der berichtete, dass in der ganzen Welt die Arbeiter gegen den Krieg demonstrierten.

»Der Krieg ist diesmal an uns vorübergegangen«, meinte selbstbewusst Hartinger, und ich holte den Baedeker, um eine schöne Sommerfahrt zu besprechen. Wir wollten diesmal an den Gardasee. Hartinger zog mit seinem Finger die Strecke: Innsbruck, der Vorarlbergbahn entlang bis nach Landeck, Ötztal, Bozen, Meran, Rivoli – oder: Innsbruck, über den Brenner, Trient. Hartingers Finger deutete auf den Gardasee, während ich aus der beigedruckten Reisebeschreibung vorlas: »Das Wasser ist meist tiefblau.«

»Wisst ihr was?«, rief Mops von der Straße herauf, »vor der Kaserne in der Türkenstraße stehen welche in Feldgrau …«

»Feldgrau?«, schrak Hartinger hoch.

»Feldgrau, na endlich …«, entfuhr es mir.

»Will mich freiwillig melden …!«, rief Mops wieder und wartete unten.

»Das Wasser ist meist tiefblau«, ließ ich offen den Baedeker liegen.

Vor der breiten Toreinfahrt der Türkenkaserne standen Soldaten des Infanterie-Leibregiments in den neuen feldgrauen Uniformen.

»Was gibt’s?«, trat Hartinger auf einen der Soldaten zu.

»Nichts. Was soll’s geben? Krieg gibt’s«, lachte der gemütlich und unterhielt sich weiter mit seinem Kameraden.

Auf dem Kasernenhof erschollen Kommandos, der Posten präsentierte, und eine Abteilung, geführt von einem Leutnant, schwenkte in die Türkenstraße ein.

Die kleine marschierende Gruppe war bald von Neugierigen eingeschlossen, ab und zu unterbrach das dahinschreitende Schweigen ein energischer Trommelschlag.

»Jetzt verkünden s’ den Kriegszustand«, schnaubte ein Dicker hinter mir.

Einige teilten Neuigkeiten mit: »Zwei serbische Spione, als Nonnen verkleidet, ham s’ derwischt in Oberwiesenfeld  … Die Brunnen ham s’ wollen vergiften, die Bande, die miserablige … Über Nürnberg waren s’ im Flugzeug … Jaja, die Kosaken san schon in Ostpreußen und massakrieren Weiber, Kinder und alte Leut …«

Unerwartet wandte sich Mops gegen uns beide.

»Jetzt ist er da, der große Zusammenschluss … Jetzt werden wir alle ein Volk … Ich melde mich freiwillig …«

Von einem Trommelwirbel eingeleitet, verkündete der Leutnant die Verhängung des Kriegszustandes. Einige nahmen zögernd die Hüte ab. Alle blieben auf dem Platz stehen, wie festgebannt, als die Abteilung in die Kaserne zurückmarschierte.

Unter klingendem Spiel zog durch die Brienner Straße die Wache auf. Ein mächtiges »Hurra!« dröhnte über den Platz hin. Die Musik spielte die »Wacht am Rhein«. Mops warf den Kopf zurück und sang, sang. Als ich ihn anrührte: »Komm!«, sah er über mich hinweg. »Mit euch red ich überhaupt nicht mehr … Euch ist nichts heilig …« Der Gesang hob ihn weit ab von uns, etwas Undurchdringliches hatte sich um Mops gelegt, dass er empfindungslos wurde gegen alles, was wir vorbrachten. »Ja, das ist doch alles ganz anders … so hör doch …«, versuchte ich es noch einmal, Mops schob meinen Arm fort. »Lass doch! Schau, ’s hat keinen Sinn mehr  … Wir verstehen uns halt nicht mehr …«

Auf einzelnen Gebäuden wehten schon die Fahnen. Menschen schlossen sich zusammen, riefen »Hoch!« und »Hurra!«. Autos, in denen Offiziere vorüberfuhren, wurden mit Winken und Hüteschwenken begrüßt; ein altes Weiblein humpelte auf einen der Offiziere zu, der an einer Trambahnhaltestelle wartete, und küsste ihm die Hand.

Viele, die uns entgegenkamen, hatten einen beschwingten Gang. »Was gibt’s Neues?«, sprachen Fremde einander auf der Straße an und sagten sich du. Der Krieg schien alle einander näherzubringen.

»Jetzt ist er da, der Krieg!«, frohlockte ein Friseurgehilfe zum ersten Stock hinauf, auf dem Balkon wurde eine schwarz-weiß-rote Fahne entrollt. »Na endlich!« Die Straßenbahnen fuhren mit Fähnchen geschmückt.

»Die Begeisterung ist doch schön«, sagte ich unsicher zu Hartinger.

»Freilich ist Begeisterung schön, aber ich kann es beim besten Willen nicht schön finden, wenn ein deutscher und ein französischer Arbeiter sich gegenseitig abschlachten, um mit ihrem Heldentod das Leben anderer zu verschönern. Schön ist anders.«

Das war mit einem Hass gesagt, um den ich Hartinger beneidete.

»Na, ihr Kriegsgegner«, empfing uns in heiterer Stimmung der alte Hartinger. Auf dem Tisch lag feldgraues Tuch, mit Kreidestrichen versehen zum Zuschneiden ausgebreitet. Zwei neue feldgraue Uniformen hingen am Kleiderständer. Hartingers Mutter saß an der Nähmaschine. »Einen Haufen Arbeit, was, muss mich noch heut nach einem zweiten Gesellen umsehen … Wie wär’s, wir probierten mal die neue Montur an …«

Er ließ sich durch unser Schweigen nicht stören und schwatzte munter fort: »Ja, mei, jetzt ist halt eben der Krieg da, und nun müssen wir uns umstellen … Wenn die Unsern nicht ganz gottverlassen sind, dann geben s’ jetzt a Ruh und tun mit. Haben den Krieg eh net verhindern können. Ich hätt nix dagegen, wenn sie mich einziehen würden, da käm man auch mal a bissl raus aus dem alten Schlendrian und würd auch mal was von der Welt sehen. Seit meiner Wanderschaft – bald zwanzig Jahr sind’s her – hock ich nur allweil auf dem Tisch hier rum – gelt, Alte, hättest auch nix dagegen …«

»Ja, wenn ihr beide weg wärt, ihr Mannsleut, da braucht’ man sich nicht mehr so abzurackern …«

»Na, warten wir mal ab, was die Führer sagen, ich mein, die können gegen den Krieg auch nicht aufkommen. Sonst geht’s denen akkurat wie dem Jaurès: piff, paff …« Er hob dazu die Hand, als drücke er noch einmal die Pistole ab … »Hab ich es nicht immer gesagt …«

Er pfiff die »Wacht am Rhein« und klapperte dazu mit der Schere.

Es war dunkel draußen auf dem Gang. Hartinger schien sich in der eigenen Wohnung nicht mehr auszukennen. Ich gab ihm die Hand. »Komm, stoß dich nicht!« Fand im Dunkel auch richtig die Gangtür und führte ihn auf die Treppe. Unten auf der Straße entfernte er sich schnell.

Unwillkürlich wechselte ich den Schritt, um mit einem Unbekannten, der vor mir her ging, Schritt zu halten. Auch dieser ging im Gleichschritt mit dem Vorhergehenden: die ganze Straßenseite hinauf wurde marschiert. Viele nahmen zum Gruß nicht mehr den Hut ab, sondern salutierten; kam ein Offizier vorüber, traten manche auf die Seite und standen stramm.

Und manchmal stob ein schreiender Schwarm auf: ein Spion wurde gejagt, oder eines der berüchtigten Goldautos schien gesichtet zu sein.

›Endlich! Na, endlich!‹, marschierte der alte Kriegspieler. ›Endlich! Na, endlich!‹, folgten ihm der Henker und der Feigling, der Rekordschwimmer und der verlangweilte Blödian. ›Endlich! Na, endlich!‹, triumphierte die verzweifelte Bestie, und von einem fahnengeschmückten Balkon beugte sich Feck [Klassenkamerad] herab, winkte und klatschte in die Hände. ›Na, endlich!‹

›Endlich! Na, endlich wird alles anders werden‹, leuchtete der Krieg.

›Endlich, na, endlich‹, hatte auch ein Genosse gesagt, und ›endlich, na, endlich‹, hatte ich gesagt, während wir am Gardasee weilten. ›Das Wasser ist meist tiefblau …‹

Ich versuchte in einem andern Schritt zu gehen. Verlangsamte den Schritt […], als käme es jetzt auf jeden meiner Schritte an.

Aber es zog dahin der reißende Strom.

Warum nur eilt ihr so? Wohin nur eilt ihr?

Was hätte diese vielen Millionen auf der Erde dahineilenden Menschen veranlassen können, noch einmal innezuhalten und aufzublicken zu den schwebenden Wolken an dem hohen, unendlichen Himmel und sich zu fragen: »Wofür? Wohin?« […]

»Was soll ich nur machen«, hatte sich das Jüdlein eingefunden, »meine Mutter hat gesagt, wenn ich mich nicht freiwillig melde, brauche ich nicht mehr nach Hause zu kommen. Dabei hat sie auf ihrem Nachttisch ›Die Waffen nieder!‹ von Bertha Suttner liegen … Eine schöne Bescherung … Wurstzipfel …«

Ich sah mich um in meinem Zimmer, als müsse ich es bald verlassen, und überlegte, was ich mitnehmen sollte. In einer Truhe vergraben lagen Ankersteinbaukasten, Dampfeisenbahn, Festung, Kanonen, Zinnsoldaten, einige Jahrgänge von »Deutschlands Jugend« und die Schwimmpreise.

»Gnädiger Herr«, klopfte Christine, »ich hab es ganz vergessen auszurichten, Ihr Herr Freund ist abgereist. Er lässt bestens danken.«

»Unsere Führer haben sich für den Krieg erklärt«, war Hartinger hinzugekommen, »wer nicht mitmacht, den halten sie einfach für einen Verrückten. Keine zuverlässige Nachricht dringt mehr aus dem Ausland herein. Nun ist der Krieg da …«

Erst jetzt, in diesem Augenblick, so schien es mir, war der Krieg da. […]

Aber jetzt sagte ich nicht mehr: ›Na, endlich!‹

»Du hast recht«, gab Hartinger dem Jüdlein zu, »auch ich habe den Krieg nicht mehr für möglich gehalten, nach alldem  … nachdem sich alle Arbeiterorganisationen gegen den Krieg erklärt hatten … Und was meinen Vater betrifft, stellt euch nur vor: ein alter Genosse  … erzählt die rührseligsten Geschichten aus seiner Militärzeit, wie einer vom Kriegerverein … Gestern Abend war wieder der alte Parteikassierer da. Bis spät in die Nacht hinein haben sie – trotz der vielen Aufträge meines Vaters – Karten gespielt, hoch ging es dabei her: ›piff, paif‹ und ›klatsch, klatsch‹. Zum Schluss haben die beiden die ›Wacht am Rhein‹ gesungen.«

»Na, Christine …«

»Ja, ja, ’s wird Krieg geben, Krieg gibt’s … Ich hab ganz trockene Hände  … Da werden die jungen Herren wohl auch bald in den Krieg ziehen müssen … Der Herr Oberst Bonnet hat sich schon verabschiedet, er lässt auch den jungen Herrn grüßen  … Der Herr Oberpostrat Neubert hat seine Fahne auch schon herausgehängt, ich find unsere Fahne gar nicht, hab sie schon den ganzen Tag gesucht, vielleicht ist sie auf dem Speicher … Ja, ja, ich hab’s immer gesagt …«

»Bis die Eltern zurückkommen, hat’s Zeit, Christine, dann können wir die Fahne immer noch heraushängen.«

»Aber überall hängen doch schon die Fahnen …«

Wir standen auf dem Balkon. Wir drei.

Immer drei müssten eigentlich beisammen sein, dachte ich, dann ist meistens einer der Mutige. Zwei sind zu wenig, da kann einer dem andern Angst einjagen, aber drei – das ist wie bei einer Ablösung, einer muss immer den Mut haben und wachen.

»Nun aber ist es Schluss mit dem Dichten!«, meinte das Jüdlein, »inter arma silent musae  … Jetzt haben wir alle Wichtigeres zu tun …«

»Warum Schluss?«, widersprach Hartinger. »Gerade jetzt, meine ich, sind Gedichte sehr wichtig. Sind nicht Gedichte dazu da, um uns das Menschliche immer wieder in Erinnerung zu bringen?  … Darum brauchen wir auch Gedichte, um solch eine Menschheitskatastrophe, wie sie der Krieg ist, einigermaßen heil zu überstehen. Ich jedenfalls hab gerade in der letzten Zeit Gedichte gelesen.«

Und nun sprach das Jüdlein, das noch soeben vom Dichten nichts mehr wissen wollte, über Gedichte. Es sprach darüber, wie ein gutes Gedicht die ganze Menschheit um einen kostbaren Schatz bereichere, wie es imstande sei, glücklich und standhaft zu machen, wie alltägliche, uns schon gewohnte Dinge im Gedicht unvermutet neuartig, wie noch nie erlebt, vor uns erstünden, wie ein gutes Gedicht, auch wenn es den Menschen in seiner tiefsten Qual zeige, uns lebenskräftig mache und das Leben erhöhe, ja, wie ein gutes Gedicht eine Art Umwandlung und Neuschöpfung der Welt bedeute – ein Anderswerden –, und das Jüdlein schloss damit, nicht ohne Hinblick auf mich, dass die Muse, wie ein Großer sagte, zwar das Leben gern begleite, aber nicht zu leiten verstehe … Darum …

Ich verstand dieses Darum.

Ich gab dem Jüdlein die Hand, Hartinger legte seine Hand auf meine Schulter, wir sahen fragend ins Weite.

Wer ist jetzt der Mutige?

Der Mutige war das Jüdlein, leise pfiff es: »Wacht auf!«

Hartinger und ich pfiffen mit, weil uns das Lied stark machte. Hartinger fragte in das Dunkel hinaus: »Wer weiß, was werden wird?« […]

[II]

Das Jüdlein kam mit einem Koffer angerückt.

»Der Alte hätte schon mit sich reden lassen, aber die Mutter, was sagst du nur, die eigene Mutter … Die wiederholte nur: ›Entweder meldest du dich auf der Stelle freiwillig, oder du kommst mir nicht mehr unter die Augen! Wir Juden werden uns nicht nachsagen lassen, dass wir keine guten Deutschen sind.‹  … Das hat die Mutter gesagt, die eigene Mutter … Da wirst du auch noch deine Wunder erleben! … Als ich zusammenpackte, hat der Alte mich rufen lassen: ›Fahr nach Berlin und studier dort, ich werd dir jeden Monat das Geld schicken.‹ Das Geld für einen Monat hat er mir gleich gegeben.«

»Da bist du nicht schlecht heraus, gratuliere …«

Das Jüdlein sprach zum Fenster hinaus: »Die Mutter, die eigene Mutter … Wie ist so was nur möglich?! Wurstzipfel, Wurstzipfel … Sollte man nicht der Mutter zulieb?« Schon vom Odeonsplatz an stand alles dicht gedrängt. An der Feldherrnhalle baute sich, die Stufen empor, eine Menschenmauer auf. Tausende schwiegen erwartungsvoll in die Nacht hinein. Ganz unten, beim Siegestor, glommen zahllose Fackelpunkte.

Als wir uns zum Residenzplatz durchgezwängt hatten, der innen für den Aufmarsch der Abordnungen aller Münchener Regimenter gesperrt war, dröhnte von der Feldherrnhalle her der bayrische Defiliermarsch.

Die Fenster im ersten Stock der Residenz leuchteten auf. Die Flügeltüren zum Balkon, über dessen Geländer das bayrische Wappen ausgebreitet herabhing, öffneten sich weit.

Warmer leichter Wind ging. Die Pechflammen auf den Kandelabern loderten.

Das Dröhnen der Musikkapelle, von Paukenstößen und Trommelschlägen verstärkt, rückte von der Residenzstraße her näher.

Die ersten Fackelreihen schwenkten nach links ab. Durch das Schmettern der Bläser und das Geprassel der Trommeln hindurch stampfte der dumpfe, gleichmäßige Takt der Paradeschritte. Die Truppenteile in Feldgrau, mit grauem Helm-Überzug, bogen in den Platz ein.

Es war, als würde das Denken eingestampft von diesen klirrenden Tritten und als rührten wieder die Trommelschläge das in mir auf, was Gleichschritt halten und mit allen eins werden wollte. Im Sturmschritt von einer Kugel dahingerafft und als Held gefeiert, konnte man sich das einsame, dreckige Sterben ersparen. Zu einem schönen, heiligen, gemeinsamen Tod riefen die Trompeten. Die Gelegenheit war geboten, das Unabänderliche gewissermaßen an sich selbst zu vollziehen, anstatt sich auf ein verlängertes Leben einzulassen, das nichtig sein musste und das in seiner spießigen Langeweile eher einem jahrelangen qualvollen Siechtum glich.

Kommandos. Mitten im Spiel, mit einem Ruck, setzte die Musik aus. Es war atemlos still. Es war so still, dass die Fackeln leise knisterten und dass das Weinen eines kleinen Kindes überlaut von einer Ecke des Platzes herüberdrang.

Ich hielt den Atem an. Alle hielten den Atem an. Mit allen zusammen hielt ich den Atem an. Ich wagte kaum, das Gesicht in dieser Stille seitwärts zu wenden. Eine Stille schien auf die andere zu folgen. Ich staunte, wie leblos still es auf einem menschenüberfüllten Platz sein kann. Dorthin musste ich schauen, wohin alle schauten: zum ersten Stock der Residenz hinauf.

Ein Schatten glitt durch das Leuchten der offenen Balkontüren. Der König war an die Brüstung des Balkons vorgetreten. Ganz leise, gepresst klang die Musikkapelle, wie eine unterirdische Begleitung zu dem hochfahrenden Sturm der Menschenstimmen, die die »Wacht am Rhein« sangen. Mit ihrem ganzen aufgewühlten Gesicht sangen sie. Viele schluchzten. Frauen knieten. Auch ich hatte den Hut abgenommen. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn mir herabgerissen. Ich wusste nicht, ob ich sang oder ob ich nicht mitsang. Ich hielt wieder den Atem an, aber ich hörte mich mitsingen. Ich spürte ein Zittern von Hartinger herüber, der ebenso wie ich von einem Fuß auf den anderen trat. Auch er hatte Mühe, hier standzuhalten.

Der König sprach. Unverständliche Laute bröckelten über den Platz weg. Man konnte den Hut wieder aufsetzen. Das Lähmende, das über dem Platz lag, war geschwunden. Viele flüsterten miteinander. Der König hatte seine Rede beendet.

Ein neues gewaltiges Brausen entstand: »Deutschland, Deutschland über alles!«

Ich ließ den Hut auf. »Hut ab!«, drohte es von allen Seiten. Hartinger trat mich. »Nimm den Hut ab! Was fällt dir ein!« – »Mir ist alles gleich!« – »Blödsinn!«, riss mir Hartinger den Hut vom Kopf. […]

Das »Café Stefanie« war leer.

Fahnen wehten, die vielen Fahnen wehten noch immer. Es war Mittag geworden.

Ich setzte mich ans Fenster.

Der Kellner brachte die Zeitungen. »Gleich wird das Regiment List kommen.«

Wedekind hatte bei einer Veranstaltung der Münchener Kammerspiele eine Kriegsrede gehalten. Der Aufruf der Anarchisten war, mit einer wohlwollenden Vorbemerkung der Redaktion versehen, abgedruckt unter der Rubrik: »Der Kaiser rief, und alle, alle kamen.«

›Was ist das, der Krieg?‹, fragte ich, von neuem beunruhigt, und entgegnete mir mit den Worten Hartingers, um meine Unsicherheit niederzuhalten: ›Es geht um das Erzbecken von Longwy, die Völker sollen bluten für die Absatzmärkte und höhere Profite.‹

›Und dürfen wir uns nicht verteidigen, wenn der Feind ins Land einfällt?‹

›Lies nur die Reden des Kaisers nach in den letzten Jahren und erinnere dich an den Panthersprung – und wer ist der Feind: das russische oder das französische Volk vielleicht? Bleib fest! Sei standhaft! Lass dich nicht irremachen!

Das ist nicht alles. Das ist noch nicht der ganze Krieg. Das gehört wohl dazu, aber es fehlt noch was. Man muss den Krieg untersuchen. Aber die Untersuchung muss beginnen mit dem Frieden. Es stimmt schon mit dem Frieden nicht …‹

»Das Regiment List kommt!«, rief der Kellner von der Tür her. Trommeln, ein Paukenschlag, die Musik spielte: »Ich hatt einen Kameraden …«

Alles, was auf der Straße durcheinandergelaufen war, nahm ein und dieselbe Richtung. Die Fenster sprangen auf, die Balkone, gedrängt voll, neigten sich vor. Aus den Haustüren und Toreinfahrten traten Männer in Arbeitskitteln, Frauen in Schürzen.

Wie herausgeschleudert aus dem Café fand ich mich auf der Straße. Eine singende Menschenwoge zog heran, mich mit sich drängend. Gewehrläufe ragten, blumengeschmückt, in der Mitte.

Ruck-zuck fuhr der Tambourstock auf und ab, als bedürfe es dieser ruckzuckartigen Bewegung, um die Musik in Gang zu halten. Der Gleichschritt trat jedes Widerstreben beiseite.

»Unsere Kriegsfreiwilligen, halbe Kinder noch, Deutschlands Jugend!«, schluckte ein Weißhaariger neben mir, maß mich vorwurfsvoll. »Links! Links! Links!«, schnarrte er, damit ich Schritt halte. Erst an der nächsten Ecke konnte ich stehenbleiben.

Ein bekränzter Marsch war es, der nun aus der Theresienstraße in die Türkenstraße einbog und alles mitsingen ließ:

»Die Vöglein im Walde,

Die sangen so wunder-wunderschön,

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt’s ein Wiedersehn …«

Da glänzte die Fahne auf, von je einem Mann mit aufgepflanztem Bajonett flankiert.

»Gloria, Gloria,

Gloria, Viktoria,

Mit Herz und Hand

Fürs Vaterland …«

Nur einen Augenblick sah ich sein Gesicht, aus dem weißblauen Fahnentuch heraus.

Dann schwebte nur noch die Fahne.

Es war Mops, der die Fahne dem Regiment voraustrug.

Ich nahm den Hut vom Kopf, aber ich hatte ja gar keinen Hut auf, und die Fahne zog, schon in der Ferne, schwebend … Dort ging er …

Ich sang laut. Er, unter der schwebenden Fahne dort, sollte es hören, dass ich mitsang.

»Ihn hat es weggerissen,

Als wär’s ein Stück von mir.«

Noch einmal klang es verweht auf:

»Kann dir die Hand nicht geben,

Bleib du im ew’gen Leben

Mein guter Kamerad …«

Da winkte auch ich, aber in ganz anderer Richtung. Dorthin, wo das Jägerhaus stand und der Wald leuchtete, winkte ich Mops nach: »Kehr wieder!«

[III]

»Da ist er ja, unser Kriegsfreiwilliger!«, kam der Vater mit ausgebreiteten Armen im Gang auf mich zu, küsste mich auf die Stirn und zog mich gleich ins Wohnzimmer. Dort packte die Mutter aus. Auch die Mutter küsste mich, dann kramte sie weiter in ihren Sachen. Ab und zu suchte sie mich von der Seite her mit ihrem Blick, als hätte sie irgendetwas an mir zu entdecken.

Um etwas zu sagen, erkundigte ich mich: »Habt ihr euch gut erholt  … Auch mir geht’s gut. Bin auch nicht zu spät nach Hause gekommen.«

Der Vater rieb sich die Hände und strich den Schnurrbart. Auch der Schnurrbart schien fröhlich zu glänzen und sich mit dem Vater zu freuen.

»Na, endlich! Na, endlich!«, streckte sich der Vater behaglich. »Nein, so was …«

Freundlich zwinkerten die Augen hinter dem Zwicker, so wie die schönen Dinge freundlich taten in einer Auslage. Mit den Händen klatschte er sich auf die Schenkel wie damals in Hohenschwangau, und er drehte sich um sich selbst auf dem Drehschemel. »… dass wir das erleben durften, dafür können wir Gott nicht genug danken. Da staunt man und staunt jeden Tag von neuem. Nur Gott danken, nur Gott danken kann man, dass all dies Herrliche zu erleben er uns in seiner unerschöpflichen Gnade hat zuteil werden lassen … Schon war der Glaube bei manchen – ja auch zeitweise bei mir – an eine Gesundung unseres Volkes geschwunden, und wohl wenig Hoffnung bestand, dass unser Volk zu seinen alten geistigen Gütern zurückfinden werde. O wir Kleingläubigen! Der Krieg hat Wunder gewirkt! Er hat gezeigt, dass alle Verfallserscheinungen sich nicht in unser Innerstes eingefressen hatten, eher einer Maske glichen, die man voll Ekel von sich werfen konnte, wenn es der Ernst verlangte … Gott, dir danken wir, dass du es anders werden ließest, so anders, ganz anders …«

Der Vater hatte die Hände auf der Brust gefaltet und blickte zur Decke empor, während die Mutter unbekümmert in ihren Koffern herumraschelte.

Die Möbel! Die Möbel! Wenn sie nur ihr Maul halten, musterte ich indessen streng das Zimmer, ob sich nicht irgendein Ding anschickte, die Zusammenkunft in der elterlichen Wohnung zu verraten. Den Drehschemel insbesondere beobachtete ich misstrauisch, der sich wie verrückt gebärdete und den Vater während seiner Rede hin und her warf.

»Was ist denn nur los mit dir«, hielt ihn der Vater unwillig an und schien sich gleich darauf auch über den Schreibtisch zu ärgern, der in Unordnung geraten war. »Wer hat denn da wieder mit meiner Feder herumgekratzt«, unterbrach der Vater seine Rede, »wie oft hab ich schon gesagt, der Schreibtisch ist in Ruhe zu lassen.« Der Teppich lachte hämisch. Wenn nur der Balkon schweigt, sah ich zum Balkon hinaus, auf dem wir gestanden hatten, wir drei, und der vor mir auf und nieder schwankte […].

»Wer hätte das erwartet! Nein, dazu reicht das menschliche Denken nicht aus. Da kann man auch mir keinen Vorwurf machen, dass ich mich getäuscht habe …«, der Vater hatte sich erhoben, öffnete die Tür zum Salon, er brauchte mehr Raum zum Ausschreiten.

»Alle Achtung vor ihnen! Sie haben den deutschen Arbeiter in der entscheidenden Stunde uns wieder zugeführt. Das hätte auch kein Bismarck vorausgesehen. Ich bitte dich ausdrücklich, Hartinger – den jungen Herrn Hartinger, deinen Freund, für einen der nächsten Tage einzuladen. Ich will gutmachen, dass ich mich in ›dem‹ getäuscht habe, ich schäme mich nicht, offen meinen Irrtum einzugestehen. Ja, stolz können wir heute sein auf sie, unsere deutschen Sozialdemokraten, sie sind dem Ruf unseres Kaisers gefolgt, bis auf den letzten …«

Der Vater nahm mich bei der Hand und führte mich zur Mutter, wie um mich vorzustellen.

»Da schau nur, Mutter, das ist unser Sohn, unser lieber, lieber. Wie ist er gewachsen in den letzten Jahren! Wie groß er ist, wie stark! Ja, das kommt vom Schwimmen und vom Bergsteigen … Aber was ich sagen wollte … Mir ist, als sähe ich ihn zum ersten Mal, jetzt, da er in den Krieg zieht! Jetzt, jetzt erst fühle ich so richtig, dass ich einen Sohn habe … Was gewesen ist, ist gewesen. Sei vergessen und verziehen … Ja, Söhne sind dazu da, die Träume der Eltern zu erfüllen … oder wie soll ich mich ausdrücken … das Werk zu Ende zu führen … oder besser: was die Eltern nicht erreichten – na, er weiß es schon selbst, was ich meine  … Dazu sind Söhne da, dazu sind Söhne berufen …«

Der Vater stand dicht vor mir. Er hatte mir seine Hände auf die Schultern gelegt, wieder küsste er mich auf die Stirn und sprach, dass ich seinen Atem spürte, laut in mich hinein: »Welch ein Hochgefühl muss es sein, für einen jungen Mann wie dich – übrigens hat man für euch Kriegsfreiwillige jetzt ein Notabitur eingerichtet –« Ich drehte mich halb zur Mutter ab, die gerade ein Paar Socken des Vaters aus dem Koffer nahm und zum Vater hin fragte: »Soll ich dir ein Paar frischer Socken vielleicht gleich aus dem Schrank herauslassen?«

»Stör uns nicht, Mutter, lass uns jetzt mit den Socken in Ruhe, in diesen Tagen rückt dein Sohn ins Feld, und du kommst uns da mit Socken … Wichtigkeit …«

»Überdies, damit ich es nicht vergesse«, fuhr die Mutter fort, »wir müssen uns gleich morgen wegen Christine kümmern. Dienstboten sind ja auch Menschen. Bald fünfzig Jahre ist es her. Ich habe mich schon erkundigt. Wenn die Herrschaft beim Oberbürgermeister darum nachsucht, können Dienstboten bei fünfzigjähriger Dienstzeit in ein und derselben Familie die goldene Dienstbotenmedaille erhalten. Dann hat Christine, wenn sie arbeitsunfähig wird, auch Anspruch auf einen halben Platz im Diakonissenhaus. Die andere Hälfte – sie hat ja ein Sparbuch, etwas könnten auch wir beisteuern. Was meinst du?«

»Lass!«, schüttelte der Vater sich unwillig, »verschon uns mit deinem Haushalt. Uns steht jetzt nicht der Sinn danach.  Ach, was seid ihr Frauen nur für prosaische Geschöpfe!«

Die Mutter hatte einen Bleistift vom Schreibtisch genommen: »Du erlaubst mal, nur einen Bleistift, leg ihn gleich wieder zurück«, und rechnete etwas aus auf einem Zettelchen.

»Habt ihr auch eine schöne Bergpartie gemacht  …«, aber der Vater ließ sich von mir nicht mehr aus seiner Rede bringen.

»Welch ein Hochgefühl muss es sein für einen jungen Mann wie dich – der Krieg lässt den Menschen über sich selbst hinauswachsen, jeder hat im Krieg seinen Platz und weiß, wozu er da ist, selbst auf einem verlorenen Posten den Heldentod zu sterben fürs Vaterland ist noch besser, als nie im Leben die Gelegenheit zu haben, mit allem, was man ist, sich einsetzen und aufopfern zu können, ja, sagen wir es nur: langweilig war es, sterbenslangweilig, immer der gleiche Weg zum Büro und vom Büro zurück, jetzt ist es die Zeit, wo ein Mann sich bewährt und der Mann etwas gilt, auch du … In drei Wochen spätestens sind wir in Paris, Petersburg ist überhaupt nur ein Spaziergang. Die halbe Welt werden wir einstecken … Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht, daherbrausen werden wir wie die Hunnen … Jaja, wir Alldeutschen!«

Schnaubend erging er sich in dem Zimmer, Deutschlands Feinde vernichtend. Die »schöne Begeisterung«, der ich mich in den vorhergegangenen Tagen kaum zu entziehen vermochte, war gewichen. ›Hunnen! Hunnen!‹, klang es dumpf, und die fahnengeschmückte, von Begeisterung verwandelte Stadt rüstete sich schwarz zum Empfangstag der Toten. Häuser heulten, Sack klirrte mit dem Löffel ans Glas, und ein Klingeln entstand, als schrillten alle Klingeln der Welt Alarm. Auf dem Weg von der Amalienstraße bis zum Bahnhof, den der bekränzte Marsch gezogen war, lagen die Toten, ausgerichtet in Viererreihen, und die Toten lagen auf dem Maximiliansplatz, dort lagen sie übereinandergeschichtet, in Haufen – der Krieg war aus, und sie alle waren zurückgekehrt. Die weiß-blaue Fahne stak in solch einem zerschossenen Haufen, und nur eine Hand ragte hervor: »… kann dir die Hand nicht geben« – ich schwenkte vor mir her einen blutigen Armstumpf … Aber auch andere waren zurückgekehrt, lebend und dennoch zu Tode getroffen, tief innen. Die blieben: Granatenhagel und Sturmangriff, immer auf dem Sprung, schussbereit oder mit geschwungenen Gewehrkolben. Todesmutige, unvergleichlich tapfere Männer waren darunter, wert, als Helden gefeiert zu werden, wäre die Sache, für die sie so ehrenhaft stritten, eine gute und gerechte gewesen  … Welch ein Friede muss kommen, damit die ihren Krieg aufgeben?!  … Und wir, wir alle haben diesen Krieg, diesen endlosen, mit gewollt: etwas wollten wir, dass geschehe, etwas … na, endlich  … […] Und es trommelte, trommelte: papperlapapp, papperlapapp. Und welche werden nach Jahren wieder auf den Gräbern sitzen, hüben und drüben, und werden Karten spielen: klatsch, klatsch, klatsch …

Der Vater, in Schwung, konnte nicht innehalten und gab Silber und Gold für Eisen: das Tafelsilber, eine goldene Brosche, das Armband der Mutter und ihren Halsschmuck, alle Ringe, mit Ausnahme der beiden Eheringe, auch den vergoldeten Armleuchter schonte er nicht, sollten abgeliefert und dem Vaterland zur Verfügung gestellt werden. »Solch ein kostbares Schmuckstück! Ein Erbstück!«, wandte die Mutter bei jedem Gegenstand ein. »Das Tafelsilber, nein, auf keinen Fall!« Aber dem Vater schien es Freude zu machen, alles fortzugeben, er hätte jetzt wieder am liebsten die ganze Wohnung ausgeräumt. Nachdem er so alles Silber und Gold in Eisen verwandelt hatte, forderte er nach einer Weile wieder jeden Gegenstand zurück: »Du hast recht, das Tafelsilber können wir behalten, auch die goldene Brosche; das Armband und dein Halsschmuck sind persönliche Erinnerungen, die Ringe und der Armleuchter lohnen sich sowieso nicht  … Sollen die erst einmal abliefern, die schwere goldene Uhren tragen und sogar – welch ein Luxus! – echt goldene Manschettenknöpfe. Da können wir nicht mit, da kommen wir noch immer früh genug, unsereins …«

Der Vater aber schien noch keine Ruhe zu haben, er fragte vor sich hin: »Vielleicht doch den Armleuchter?«, dann gab er sich einen Ruck. »Ich werde mir das alles noch einmal gründlich überlegen. Hat ja Zeit.«

Die Mutter, den Blick auf dem Zettelchen, sagte, nachdem sie den Bleistift auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte: »Ich habe soeben nachgerechnet. Es ist gar nicht nötig, dass wir etwas beisteuern. Christines Sparbuch reicht. Sie wird ja nicht hundert Jahre alt werden.«

»Das will ich auch gemeint haben«, entgegnete der Vater nebenbei.

Dann fragte er: »Nun, bei welchem Regiment hast du dich gemeldet, und wann rückt ihr aus, damit wir noch Abschied feiern können und die Mutter dir deine Sachen herrichtet.«

Auch die Mutter fragte, ängstlich fragte sie hinter meinem Rücken.

Wüsstet ihr, was in mir zittert! Darum benahm ich mich herausfordernd und draufgängerisch, nur die Mutter schien etwas zu ahnen.

[…] Gleich darauf fragte der Vater zum zweiten Mal, lauernd, als wäre ich ihm irgendwie verdächtig geworden: »Nun, bei welchem Regiment hast du dich gemeldet, und wann rückt ihr aus?«

»Habt ihr euch wirklich gut erholt?« Der Vater entgegnete schroff: »Die Erholung ist jetzt Nebensache. Darüber später … Aber warum hängt eigentlich bei uns keine Fahne heraus?«

»Christine sucht sie ja schon, Christine sucht sie ja schon«, sagten die Mutter und ich durcheinander.

»Sofort die Fahne heraus!«, befahl der Vater, »Skandal! Das fehlt noch  …« Er nahm eine stramme Haltung an, auch ich gab mir einen Stoß, die Hände glitten an die Hosennaht: Brust heraus!

Keinen Schatz gab es in der Brusttasche zu behüten, keine Bartstoppeln standen, um an ihnen herumzuzupfen. Was also sollte ich meinen Händen zu tun geben? Die Taschen boten keinen Unterschlupf mehr, ich hatte schon zu viel darinnen herumgewühlt. Kein Wunder also, dass meine Hände so willig wieder »Zu Befehl!« an die Hosennaht gekrochen kamen. Man konnte sich ja auch nicht unausgesetzt durch die Haare oder über die Stirn streichen oder sie mit der Krawatte beschäftigen lassen, an den Knöpfen herumdrehen wollten sie nicht mehr und wollten sich nicht und wollten sich nicht falten. Man müsste eine Zigarette rauchen dürfen, da wäre zugleich auch der Mund mit untergebracht. Die Arme über die Brust verschränken oder sie in die Hüften stemmen gab zwar den Händen immer noch einen sicheren Halt, aber augenblicklich passte diese Art Haltung nicht, gar nicht … Meine Hände fielen mir zur Last, überfielen mich mit ihrer Last. Wohin also damit? Mit den Verfluchten!  … Mühsam rang ich sie los von der Hosennaht, ließ die Arme lässig herunterhängen, mit den beiden geschlossenen Fäusten daran … Endlich!

›Nur nicht so zimperlich, du verwöhntes Herrensöhnchen‹, trieb ich mich an, ›vorwärts, du Gefährlich-Lebender! Du Gefahren-Besteher!‹

Die Mutter hatte sich so gestellt, dass sie mir ins Gesicht sehen konnte.

»Also, wann rückst du ins Feld«, fragte der Vater zum dritten Mal, »antworte endlich!«

›Los!‹, gab ich mir einen Stoß, ›trompete zum Angriff.‹

»Ihr wollt mich wohl beide zum Narren halten, ihr …«, ging er mit seinem Blick gegen die Mutter los. ›Ihr beide‹ – machte mir Mut, jetzt musste ich auch für die Mutter eintreten.

Ich spitzte zuvor noch den Mund, als pfiffe ich »Wacht auf«, um mich zu stärken, steckte die Fäuste vorerst in die Hosentasche – da schrie der Vater, als hielte ich ein entsetzliches Geheimnis verborgen: »Heraus mit der Sprache!«

»Ich mache den Krieg nicht mit, nein, ich mache euren Krieg nicht mit, ich bin fest entschlossen.« Es kam gepresst heraus, war aber mit Hass gesagt, mit jenem Hass, um den ich Hartinger so oft beneidete.

Breitbeinig stand ich da wie der Kochel-Schmied auf dem Bild an der Sendlinger Kirche. Es gibt Großes. Es geht um Großes. […] Spuckt nur, schlagt mich nur mit Brennnesselruten. Ich werde standhalten.

Aber der Vater drohte mit keinem Ameisenhaufen, sondern ließ sich plump auf den Sessel niederfallen und hielt sich krampfhaft daran fest, als würde er um und um gewirbelt.

»Wie – habe ich recht gehört – euren Krieg nicht mit – wiederhol es, wenn du dazu den Mut hast.« […]

Ich wiederholte feierlich: »Ich mache den Krieg nicht mit. Ich mache euren Krieg nicht mit. Ich gehe nicht in einen Krieg, in einen ungerechten, schlechten …«

»Lump!«, entquoll es seinem Mund, nochmals: »Lump!« Dann wandte sich der Vater der Mutter zu: »Komm, ich kann nicht mehr weiter!« Die Mutter legte ihm die Hand auf die Stirn und gab mir ein Zeichen. »Geh jetzt! Aber fix! Aber fix!«

»Nein, er soll nur bleiben, ›der‹. Jetzt haben wir abzurechnen!«

Der Vater hatte sich wieder gefasst, nahm die Hand der Mutter von der Stirn.

»Ich wette, da steckt wieder ein Weibsbild dahinter. Jaja, erinnere dich nur, Mutter, an dieses feine Fräulein Klärchen, aber inzwischen, ja hör es nur, Mutter, ich hab es dir bisher verschwiegen, hat er ein Verhältnis mit einer Hure gehabt, mit einer Sau …«

Heraus mit den Fäusten!

»Du!« – riss es mich hoch. […]

»Ja, ich sag es nochmals: mit einer Sau, einem Mistvieh!«

»Du!«, hob ich die Fäuste. »Noch ein Wort, und … Verdammtes Hunnengesindel!«

»Du!«, stand auch der Vater mit erhobenen Fäusten. »Du! Noch ein Wort, und …«

Du stand gegen Du – ›Lump! Schuft! Hund!‹ knurrte in diesem Du.

»Er hat die Hand gegen seinen Vater erhoben.«

Die Mutter drückte den Vater auf den Sessel, schob mich zurück.

»Seid ihr wahnsinnig! … Ganz echauffiert …«

In ihrer Fassungslosigkeit sagte die Mutter: »Seid ihr aber garstig … Geh, Heinrich!«

»Garstig nennst du das, garstig?! Na, erlaub mal!«, ereiferte sich der Vater. »Heinrich! Ich bin nicht der sanfte Heinrich … Das könnte euch so passen …«

»Er weiß halt wieder einmal nicht, was sich schickt. Nie wird er den guten Ton lernen  … Dein Benehmen, Hans, lass es dir von deiner Mutter gesagt sein, ist höchst ungeziemend.«

Die Mutter stellte die leeren Koffer aufeinander, als brauchte sie eine Bewegung, um sich wieder zu fassen.

[…] Dann entstand eine Pause, das ganze Zimmer schien mitzuwarten, was werden solle.

Ich trat, wie auf dem Maximiliansplatz bei der Serenade, von einem Fuß auf den anderen, ich wollte das Gesicht wenden zur Mutter hin, aber der Raum gebot: Stille! Stille! […]

Es war, als hätte der Vater sich inzwischen mit seinen Akten beraten, die auf dem Schreibtisch lagen, er drehte sich auf dem Schemel mir zu, und erneut von einem Anfall geschüttelt, verkündete er sein Urteil: »Raus aus Deutschland! Raus! Einer von uns beiden! Du oder ich!«

Die Mutter hielt sich die Ohren zu, flüchtete in den Salon vor das Bild, das auf der Staffelei stand …

»Da schau nur, wie blöd er lacht! ›Euer Krieg‹ – so kann wirklich nur ein Verrückter sprechen … Du, hörst du nicht zu, wo bist du denn, du? Verkommenes Subjekt, du! Du Drückeberger!«, riss mich der Vater am Handgelenk, »der bringt es auch fertig und lacht, wenn wir alle miteinander krepieren, ein Gemütsmensch.«

»Vater!«, sagte ich weich, denn ich entsann mich, wie der Vater an jedem Neujahrsmorgen ungeduldig die Zeitung mit der Ordensliste erwartete.

»Vater, du willst dich selbst nicht wahrhaben! Sonst würdest du auf mich zukommen und mir die Hand geben und sagen: Geh! Rette dich! Unsere Sache steht schlecht. Schlecht steht’s um unsereins!«

»Vater! Ich bin dein Vater nicht …«, wehrte der Vater mit beiden Händen ab.

»Mutter!«, neigte ich mich fragend zur Mutter hin, die aus dem Salon heraustrat, dem Bild ganz ähnlich geworden, das dort auf der Staffelei stand.

»Red doch mit ihm! Versteh ihn doch«, legte die Mutter dem Vater wieder die Hand auf, die er angewidert wegschob.

»Reden? Verstehen? Soll er schauen, wie er sich selbst durchbringt, soll er lernen, was Hunger ist. Unzurechnungsfähig ist er. Er gehört ins Irrenhaus, ›euer Krieg‹, hat er gesagt, ›euer Krieg‹ – Mutter, merk dir’s  … Das muss noch anders werden, noch ganz anders, der Krieg ist erst der Anfang davon … Pardon wird nicht gegeben …«

Ich hatte inzwischen versucht, mich unempfindlich zu machen, und wiederholte: ›Vorbei die Zeit der Omelettesuppen und der Krautwickel, und kein Turm Schokoladeneis, vom Vater gefällt, schmilzt mehr dahin  … Der alte Hunne, der … Nürnberger Lebkuchen, ade …‹

Es klopfte.

»Die Fahne ist da, die Fahne.«

Aber niemand rief: »Herein!«

Die Fahne wurde durch den Türspalt gesteckt. Sie hing ins Zimmer. Dann wurde sie heftig hin und her geschwenkt, wie um sich auszuschütteln und uns alle mit ihrem Schwarz-Weiß-Rot zu begrüßen.

Da niemand im Zimmer drinnen »Herein!« gerufen hatte, sprach Christine durch den Türspalt, hastig: »Gnädige Herrschaften, gnädige – haben Sie schon gehört  … Gott, dass ich das noch erleben durfte, ach, wie schade, wie jammerschade, dass mein Herr Feldwebel selig nicht – jetzt wird alles, alles, alles ganz anders werden – ich will gleich zum Herrn Oberpostrat Neubert hinauf, vielleicht weiß er’s noch nicht, und ja, richtig, der Herr Oberst ist ja schon weg, beinahe wäre ich auch hinuntergelaufen …«

Nun machte sich die Tür ganz auf, Christine aber war mit der Fahne verschwunden.

»Tür zu!«, wollte der Vater kommandieren, aber es klang wie eine Bitte.

»Tür zu! Tür zu!«, bat er nochmals.

Aber niemand vermochte die Tür zu schließen.

Langsam ging ich rückwärts auf die offene Tür zu. Jeden einzelnen dieser letzten Schritte abzählend und nach allen Seiten hin mich ein wenig verbeugend. So hatte ich es gelernt. Wenn man eine gute Gesellschaft verlässt, geht man rückwärts zur Tür hinaus, so vermeidet man, irgendeinem der Anwesenden den Rücken zu kehren, und verbeugt sich leichthin nach allen Seiten. Es war, als machte die Mutter einige meiner Schritte mit. Dann blieb sie unschlüssig in der Mittes des Zimmers stehen.

Sie sagte zum Sessel hinüber, auf dem der Vater kauerte: »Ich bin dagegen!«

»Halt den Mund! Du weißt nicht, was du sprichst!«, entgegnete der Vater, aber gar nicht mehr hart, er schien ganz alt geworden zu sein und müde, sehr müde.

»Das ist das Ende. Alles ist zu Ende. Es ist aus.« Er nahm den Zwicker ab, presste seine Hände gegen die Augen. Noch einmal traf mich sein zwickerloser Blick.

»Ich habe immer das Beste gewollt. Gott ist mein Zeuge.«

Als machte er sich schon in Gedanken auf die Suche nach dem verlorenen Sohn, kam seine Hand auf den Schreibtisch gekrochen, auf mich zu.

»Ich halt den Mund, wie ich ihn bisher gehalten hab, dir zulieb. Aber ich bin dagegen«, sprach auch die Mutter feierlich.