Daniel Friedman

DER ALTE, DEM
KUGELN NICHTS
ANHABEN KONNTEN

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Teja Schwaner

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

Don’t Ever Get Old

erschien 2012 bei Minotaur Books, an imprint of St. Martin‘s Publishing Group, New York.

ISBN 978-3-8412-0754-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Don’t Ever Get Old. Copyright © 2012 by Daniel Friedman

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung und Illustration hißmann, heilmann, Hamburg

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für meinen Vater Robert M. Friedman

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

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Informationen zum Buch

Informationen zum Autor und Übersetzer

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Danksagungen

Dank an meine Agentin Victoria Skurnik für ihre äußerst fruchtbaren Ratschläge und ihre Beharrlichkeit als Verfechterin dieses Buchs. Ohne ihre Hilfe wäre »Don’t Ever Get Old«, länger und müder geworden und unveröffentlicht geblieben.

Dank an meine Lektorin Marcia Markland und ihre Assistentin Kat Brzozowski für ihre Leidenschaft und ihren Einsatz, dafür, dass sie meinen dummen Fragen standhielten, mich höher priesen, als ich es verdient habe, und dafür, dass sie diesem Werk auf die Welt halfen und ihm sogar eine elektronische Pseudo-Existenz verschafft haben.

Für ihre Unterstützung und Ermutigung Dank an Susan und Skip Rossen, Stephen, Beth, David, Lindsey und Martin Rossen, Jenny Landau, Sheila Burkholz, Scott und Rachel Burkholz, Carol Burson, David Friedman, Claire und Paul Putterman. Ganz besonders danken möchte ich Dr. Steve Burkholz, der mir geholfen hat, die medizinischen Fachausdrücke mehr oder weniger korrekt zu wählen und anzuwenden.

Dank an meine Großeltern Buddy und Margaret Friedman, an Sam und Goldie Burson sowie meine Großtante Rose Burson, deren Erzählungen und Erfahrungen mir halfen, den angemessenen Rahmen für Buck Schatz und sein Umfeld zu schaffen. Ihr alle seid meine Inspirationsquelle gewesen und darüber hinaus noch so vieles mehr. Ich hoffe, das hier macht euch stolz.

Dank an meinen Bruder Jonathan Friedman, dass er es mit mir ausgehalten hat und mein erster Leser wurde.

Und Dank an meine Mutter Elaine Friedman – für Alles.

1

Im Nachhinein wäre es besser gewesen, meine Frau hätte mich zu Hause Meet The Press sehen lassen, anstatt darauf zu bestehen, dass ich mich durch die ganze Stadt schleppte, nur um Jim Wallace beim Sterben zuzusehen.

Ich kannte Jim seit dem Militärdienst, aber ein richtiger Freund war er nicht. Als Rose mich beim Fernsehen unterbrach, um mir mitzuteilen, dass sie soeben einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommen habe, Wallace auf der Intensivstation liege und nach mir verlangt habe, sagte ich nur, bei seinem Begräbnis bliebe mir doch genug Zeit, ihn zu treffen.

»Du musst ihn besuchen, Buck. Du darfst einem Sterbenden nicht den letzten Wunsch abschlagen.«

»Wenn du wüsstest, Darling, was ich alles missachte. Missachtung hat bei mir nämlich Tradition.«

Ich gab mich geschlagen, aber wenigstens erst nachdem ich pro forma meinen Einspruch losgeworden war. Es hatte keinen Sinn, sich mit Rose anzulegen. Nach vierundsechzig Ehejahren kannte sie alle meine Schwachstellen.

Jim lag im MED in der Stadt, und das war mir einfach zu weit, um selbst zu fahren. Es wurde immer schwieriger, sich daran zu erinnern, wo sich welche Orte befanden und wie sie miteinander zusammenhingen. Daher schrumpfte meine Welt allmählich, ein immer enger werdender Kreis, in dessen Mittelpunkt sich unser Haus befand. Doch die Ausrede zog nicht: Emily, Wallace’ Tochter, erbot sich, vorbeizukommen und mich abzuholen, obgleich ich sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

»Haben Sie vielen Dank für Ihre Mühe, Mister Schatz«, sagte sie, als sie ihren Wagen rückwärts aus meiner Auffahrt lenkte. »Ich weiß, es muss Ihnen abwegig vorkommen, dass Daddy nach Ihnen verlangt, aber sein Ende ist nahe, und man hat ihn mit allerhand Zeug vollgepumpt, gegen die Entzündung und die Schmerzen und natürlich für sein Herz. Er verliert sich immer mehr in der Vergangenheit.«

Sie war ein paar Jahre jenseits der Fünfzig, schätzte ich; das Fleisch um ihre Kinnpartie wurde allmählich schlaff. Sie trug einen Trainingsanzug, war ungeschminkt und sah aus, als habe sie schon lange keinen Schlaf mehr bekommen.

»Er ist nicht immer ganz bei sich, und manchmal, wenn er mich ansieht, bin ich nicht sicher, ob er überhaupt weiß, wer ich bin.« Sie unterdrückte ein Schluchzen.

Da schien ja ein berauschender Vormittag auf mich zuzukommen. Ich stieß einen Grunzlaut aus, der meiner Meinung nach auch als Ausdruck der Anteilnahme hätte ausgelegt werden können, und war schon dabei, mir eine Zigarette anzustecken.

Sie verzog das Gesicht. »Macht es Ihnen etwas aus, in meinem Wagen nicht zu rauchen?«

Das machte es, aber ich ließ es gut sein.

Krankenhausbesuche sind zum Kotzen. Ich wusste schon beim Eintreten, dass man mich nicht rauchen lassen würde, und obendrein hatte ich stets Angst, man werde versuchen, mich dazubehalten. Ich war siebenundachtzig Jahre alt und kaufte meine Lucky Strike immer noch stangenweise, und daher erwarteten alle, dass ich jeden Moment den Löffel abgeben würde.

Jim Wallace lag auf der geriatrischen Intensivstation, einem weißen Korridor voll gefilterter Luft und ernst blickender Menschen. Trotz aller Bemühungen des Personals, die Station keimfrei zu halten, stank es nach Urin und Tod. Emily führte mich in Jims Zimmer. Die Glastür glitt hinter uns zu und rastete mit einem leisen Klicken ein. Norris Feely, Emilys übergewichtiger Ehemann, saß auf einem Plastikstuhl und stierte auf die Game Shows, die über die Mattscheibe des Fernsehers flimmerten, der oberhalb des Betts installiert war. Mir kam kurz in den Sinn, darum zu bitten, auf mein Talkshow-Programm umzuschalten, aber ich wollte bei niemandem den Eindruck erwecken, dass ich etwa einen längeren Aufenthalt im Sinn hatte.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Schatz«, sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Pop hat uns viel von Ihnen erzählt.« Er streckte die Hand aus. Ich schüttelte sie. Seine feisten Finger waren feucht, und auf seinen Knöcheln spross mehr Haar als auf seinem Kopf, aber seine Nägel waren manikürt und mit farblosem Nagellack bepinselt, so dass sie wie kleine rosa Strass-Steinchen wirkten, die man auf unförmige behaarte Würstchen appliziert hatte.

Eine schwache Stimme vom Bett her: »Buck? Buck Schatz?« Wallace hing am Tropf, war an einen Herzmonitor angeschlossen und an ein Gerät, das meiner Meinung nach eine Dialysemaschine hätte sein können. Ein Schlauch führte in seine Nase. Seine Haut war wächsern gelb, und das glasige Weiß seiner Augäpfel schimmerte bräunlich. Sein langsamer, röchelnder Atem roch nach Siechtum. Der Mann sah furchtbar aus.

»Gut siehst du aus, Jimmy«, sagte ich. »Bist bestimmt bald wieder auf ’m Damm.«

Ein rasselndes Husten. »Glaub ich nicht, Buck. Schätze, dass ich nicht mehr allzu lange bei euch auf dieser Welt bleibe.« Seine kraftlose Hand versuchte sich so gut wie erfolglos an einer dramatischen Geste.

»Wenn doch alles anders wäre«, sagte ich und meinte damit, Jim möge netterweise sterben, ohne mich zu behelligen.

»Lieber Gott, wie konnten wir nur so alt werden?«

»Hätte ich’s kommen sehen, wäre ich aus dem Weg gegangen.«

Er nickte, als würde es ihm einleuchten. »Es bedeutet mir so viel, dass du hier bist.«

Ich verstand nicht, warum es Jim so wichtig sein sollte, seine letzten Stunden mit jemandem zu verbringen, der ihn für ein ziemliches Arschloch hielt. Vielleicht fand er Trost in plumper Vertraulichkeit.

Mit zitterndem Finger wies er auf Norris und Emily. »Geht mal kurz raus«, forderte er sie auf. »Muss einen kleinen Kriegsrat mit Buck abhalten, und zwar unter vier Augen.«

»Dad, der Krieg ist sechzig Jahre her«, sagte Emily. Ihr lief die Nase, und ihre Oberlippe war feucht von Schnodder.

»Erzähl du mir nicht, was wann ist.« Sein Blick schien einen Moment lang zu schwimmen, und er musste ein paar Mal ganz bewusst blinzeln, um sich wieder zu orientieren. »Ich weiß, was ich sagen muss. Zu Buck sagen muss. Also los.«

»Daddy, bitte.« Ihre Stimme bebte.

»Vielleicht sollte ich lieber nach Hause fahren«, sagte ich hoffnungsvoll. Aber Jim hatte mich am Handgelenk gepackt, und ich war verblüfft, wie kraftvoll er mich festhielt.

»Nein, Buck bleibt«, keuchte er und fuchtelte mit dem Finger in Richtung seiner Tochter. »Wir wollen ungestört sein.«

Norris legte einen schützenden Arm um Emilys Schulter und führte sie behutsam aus dem Zimmer. Die Tür schloss sich hinter ihnen, und ich war allein mit dem Sterbenden. Ich wollte meinen Arm aus seiner gelblichen Klaue befreien, aber er ließ nicht locker.

»Jim, ich weiß, du bist leicht verwirrt, aber der Krieg ist schon sehr lange vorbei«, sagte ich.

Er setzte sich ein wenig auf, und durch die Anstrengung geriet sein Körper ins Zittern. Die eingefallenen gelben Augen traten jetzt aus den Höhlen hervor, und sein schlaffer Unterkiefer verrenkte sich vor Seelenqual. »Ich hab ihn gesehen«, sagte er. Rasselnde Geräusche drangen aus seiner Kehle. »Ich hab Ziegler gesehen.«

Schon beim Klang des Namens drehte sich mir der Magen um. Heinrich Ziegler war der SS-Offizier gewesen, der das Kommando über das Kriegsgefangenenlager hatte, in das man uns 1944 steckte, nachdem unsere Einheit in Südfrankreich abgeschnitten und überrannt worden war.

»Ziegler ist tot, Jim«, sagte ich ihm. »Als Berlin fiel, wurde er von den Russen erschossen.«

»Ich weiß, dass er nicht besonders nett zu dir war, Buck, als er herausfand, dass du Jude bist.«

Unwillkürlich rieb ich mit der freien Hand über das zerfurchte Narbengewebe auf meinem Rücken. »Nett war er keineswegs. Aber er ist tot.« Ich war überzeugt, dass es stimmte. Ich hatte mich bei Kriegsende auf die Suche nach Ziegler begeben.

»Wahrscheinlich tot. Wahrscheinlich inzwischen tot. Aber ich hab ihn gesehen. Vergib mir.«

Er klammerte sich immer noch an mein Handgelenk, und mir wurde allmählich übel. Von dem, was Jim sagte, oder auch wegen des Gestanks, der von ihm ausging.

»Was meinst du damit?«

»Als MP hab ich 1946 eine Straßensperre zwischen Ost und West bewacht, und da kam er in einem Mercedes-Benz vorgefahren.«

»Nein.« Ich spürte einen Kloß im Hals aufsteigen. »Unmöglich.«

Jim starrte ausdruckslos auf die Wand und schien mich gar nicht zu hören. »Seine Papiere trugen einen anderen Namen, aber ich erkannte ihn auf den ersten Blick«, sagte er. »Gott verzeih mir, dass ich ihn laufen ließ.«

»Warum?« Mein Mund war ausgetrocknet. Nebenwirkung all der verfluchten Pillen, die ich nahm. Ich schluckte mit Mühe. »Wieso solltest du so etwas tun, Jim?«

»Gold. Er hatte eine ganze Menge Goldbarren dabei. Wie im Film. Ich erinnere mich noch, dass sein Wagen hinten aussah wie tiefergelegt. Wegen dem vielen Gold. Er gab mir einen von den Barren, und ich ließ ihn fahren.«

»Verdammte Scheiße.«

»Wir hatten kein Geld. Hatten von Kind auf nie was gehabt. Und wir wollten ein Haus kaufen. Eine Familie gründen.«

Ich sagte nichts. Ich versuchte, meinen Arm aus seinem Griff zu winden, aber er ließ mich nicht los. Der Piepton einer der Maschinen an seinem Bett wurde lauter.

»Verzeih mir, Buck«, sagte er. »Ich muss abtreten. Schon sehr bald. Aber ich fürchte mich vorm Tod. Fürchte mich vor dem Gericht. Fürchte mich, in die Hölle geschickt zu werden wegen der schlimmen Dinge, die auf mein Konto gehen. Und diese Last kann ich nicht auch noch tragen. Sag mir, dass für dich alles okay ist.«

Ich versuchte, den Arm aus der Umklammerung zu befreien. Diesmal mit etwas mehr Kraft. Ich musste weg. Mir war kotzübel. »Ich soll dir verzeihen? Du wusstest doch, was für ein Monster Ziegler war. Du hast miterlebt, was er unseren Jungs angetan hat. Mensch, du hast gesehen, was er mit mir gemacht hat. Alles, was ein Mensch letztlich besitzt, ist doch seine Integrität. Und du hast deine verkauft, Jim.«

Ich riss meinen Arm jäh zurück, um endlich loszukommen, aber er ließ einfach nicht locker und sah mich dabei flehentlich an. Ich gab alle Anstrengungen auf und beugte mich stattdessen zu ihm. »Wenn es eine Hölle gibt, solltet ihr beide gemeinsam darin schmoren.«

Das schien ihm nicht gefallen zu haben, denn sein ganzer Körper wurde plötzlich von Krämpfen geschüttelt, sein Rücken krümmte sich, und der Herzmonitor lärmte los. Zwei Ärzte und eine Schwester kamen angerannt, und durch die offene Tür konnte ich die tränenüberströmte Emily auf dem Korridor sehen.

»Herzstillstand!«, rief einer der Ärzte, »Wir brauchen sofort einen Notfallwagen.«

Der andere Arzt deutete auf mich. »Schafft ihn hier raus.«

»Ich würde ja liebend gern gehen, Doktor, wenn er mich ließe.« Jim umklammerte noch immer mein Handgelenk.

Aber der Arzt bearbeitete bereits Jims Brustkorb und drückte ihm die Beatmungsmaske auf den Mund. Die Schwester kam zu mir und löste seine verkrampften Finger von meinem Arm. Sie stieß mich aus dem Weg, als der Arzt Jim die Paddles des Defibrillators auf die Brust presste. Sein Körper bäumte sich auf. Der Arzt sah die Krankenschwester fragend an.

»Reaktion?«, fragte er.

»Nein.«

Die Maschine jaulte weiter.

»Ich versuch’s noch mal«, sagte der Arzt und drehte am Spannungsknopf des Defibrillators.

»Okay.« Der Körper bäumte sich nochmals auf, aber die Linie auf dem Monitor zeigte inzwischen keinen Ausschlag mehr.

Der andere Arzt widmete sich weiterhin der Reanimation mit Sauerstoff. Ich rieb mir das Handgelenk. Violette Druckstellen breiteten sich dort aus, wo Jim zugedrückt hatte. Vor ein paar Jahren hatte mein Arzt mir Plavix verordnet, ein Medikament zur Blutverdünnung. Es sollte mich vor einem Schlaganfall bewahren, aber durch das Zeug wurde ich druckempfindlich wie ein überreifer Pfirsich.

Ich holte meine Packung Luckies hervor und knipste an meinem silbernen Dunhillfeuerzeug herum, das ich immer bei mir trage. Aber meine Hände zitterten so sehr, dass ich aus dem verdammten Ding keinen Funken schlug.

»Sie dürfen hier drinnen nicht rauchen«, belehrte mich die Schwester.

»Er sieht nicht so aus, als würde es ihm was ausmachen«, sagte ich und deutete auf Jim.

»Ja, aber seinem Sauerstofftank würde es wahrscheinlich nicht gefallen, Mister«, sagte sie und scheuchte mich auf den Korridor. Die Glastür schloss sich mit einem Klicken hinter mir.

Norris lehnte an der Wand, sein Gesicht war nur noch eine in sich zusammengefallene, verheulte Maske. Emily ging weinend auf und ab.

Ich berührte ihren Arm.

»Für ihn kannst du nichts mehr tun«, sagte ich. »Aber ich brauche jemanden, der mich nach Hause bringt.«

2

Emily Wallace-Feely setzte mich zu Hause ab. Sie sah aus, als müsse sie dringend von jemandem in die Arme genommen werden. Es tat mir leid, dass ihr Vater soeben gestorben war, aber ganz gewiss würde ich diese Frau nicht berühren. Ihre Augen waren rot gerändert, und die Nase lief ihr noch immer. Sich eine Erkältung einzufangen, wäre unangenehm und gefährlich; jede Art Krankheit würde mich auf schnellstem Wege an den Ort zurückbringen, dem ich gerade erst entkommen war.

Ich sprach ihr so aufrichtig mein Beileid aus, wie es mir aus größtmöglichem Abstand gelang. Ich war erleichtert, aus ihrem Auto steigen zu dürfen, und heilfroh, der sterilen Atmosphäre des Krankenhauses entronnen zu sein.

Anfang März war Memphis morgens noch kühl und windig. Die Höchsttemperaturen schwankten ein paar Wochen lang um die zwanzig Grad, bevor der Tennessee-Sommer losbrach und für Hitze und Feuchtigkeit sorgte. Im Juli schwitzte ich schon ein T-Shirt durch, wenn ich zur Straße ging, um die Zeitung zu holen.

Als ich den Weg durch den Vorgarten hinaufschlurfte, bemerkte ich zu meinem Missfallen, dass der grüne Rasen kräftig spross und die mehrjährigen Zwiebeln in den Blumenbeeten bereits zaghaft junge Triebe aus dem lehmigen Boden des Südens emporwachsen ließen. Es musste wohl Februar gewesen sein, als ich das letzte Mal hingeschaut hatte. Jedenfalls war der gesamte Garten braun gewesen, und das traf eher meinen Geschmack.

Als ich den Rasenmäher noch vor mir herschieben konnte, hatte ich mich ums Gras gekümmert. Es war etwas gewesen, das Rose und ich im Freien tun konnten, und gemeinsam. Sie pflegte die Blumenbeete. Unser Garten war der schönste in der Straße, worauf wir stolz waren. Aber seit meiner Bypassoperation hatten wir einen Flüchtling aus Guatemala dafür bezahlt, dass er den ganzen Kram erledigte. Er war ein fleißiger und penibler Mann, und seine Mannschaft leistete gute Arbeit. Ich hasste sein gottverdammtes Durchhaltevermögen und hegte einen tiefen Groll gegen den Rasen. Die Guatemalteken hatten mich ersetzt, und dem Gras war das völlig gleichgültig, es grünte im Frühling wie eh und je.

Ich pflegte mit dem Rasen zu sprechen, ihm zu schmeicheln und zuzuflüstern, wenn ich mähte und trimmte, düngte und vertikulierte. Als ich meinen Schlüssel im Schloss drehte und Emily rückwärts aus der Auffahrt fuhr, flüsterte ich etwas wie »undankbar«.

Ich ging in die Küche, schrubbte mir die Hände mit heißem Wasser und spülte eine Multivitamintablette mit einem Glas Orangensaft hinunter. Zum Nachtisch gönnte ich mir eine Zigarette. Rose wusch das Frühstücksgeschirr ab.

»Wie geht’s Jim?«, fragte sie.

»Tot.« Ich reichte ihr das Saftglas, und sie füllte nach. »Ich geh mal nachsehen, was es im Fernsehen gibt.«

Als ich es mir in meiner Mulde auf den Sofakissen gemütlich gemacht hatte, klingelte das Telefon. Rose war noch am Spülbecken beschäftigt, und deswegen ging ich ran.

»He, Pop.«

Es war mein Enkel Billy. »Also, wenn das nicht Schwarzbrand ist«, sagte ich. Billy wohnte oben in New York, wo er an der NYU School of Law Jura studierte. Das Institut genoss höchstes Prestige und war unverschämt teuer.

»Es heißt Tequila. Man nennt mich hier Tequila.«

Billys vollständiger Name lautete William Tecumseh Schatz, und zwar nach dem bedeutenden Bürgerkriegsgeneral William Tecumseh Sherman. In unserer Familie genoss der General hohes Ansehen. Mein Urgroßvater Herschel Schatz kam 1863 aus Litauen nach Amerika, nachdem seine Familie bei einem Pogrom umgebracht und sein Dorf niedergebrannt worden war. Anwerber der Union händigten Herschel seinen Einberufungsbescheid aus, kaum dass er das Schiff verlassen hatte, und er ritt mit General Sherman nach Süden, um Georgia niederzumachen. Jeder männliche Schatz hat seither schon früh gelernt, wie schön es ist, in einem Land geboren zu werden, in dem auch Juden die Fackeln schwingen dürfen.

Mein verstorbener Sohn Brian hielt es für angemessen, Billy den Namen des großen Mannes zu geben, aber der Junge ging aufs College und schloss sich einer Verbindung an, in der »Tecumseh« zu »Tequila« wurde. Seither war er allzeit nur unter dem Namen Tequila Schatz bekannt. Alle waren stolz auf ihn.

»Wie kommt es, dass du dich so genannt hast?«, fragte ich ihn.

»Aus demselben Grund, warum du dich ›Buck‹ nennst«, rief Rose aus dem Nebenzimmer.

»Sei doch still. Dich hat niemand gefragt«, brüllte ich zurück.

»Und, bei dir ist so weit alles okay?«, fragte Billy. Immer erkundigte er sich nach unserer Gesundheit. Es war nervtötend wie fast alles, was er tat.

»Ich bin noch auf den Beinen«, beruhigte ich ihn. »Hab einen ereignisreichen Vormittag hinter mir. Deine Großmutter hat mich ins Krankenhaus geschickt, um meinen alten Kriegskameraden Jim Wallace zu besuchen, und der ist vor meinen Augen gestorben.

»Tut mir leid«, sagte Tequila.

»Braucht es nicht. Ich hatte den Kerl ziemlich satt. Über sechzig Jahre hab ich ihn gekannt, und ansatzweise interessanter Gesprächsstoff war ihm schon ausgegangen, als noch Truman regierte. Außerdem stellt sich jetzt heraus, dass er ein mieses Stinktier war. Zumindest muss ich es nicht groß bedauern, dass er von uns gegangen ist.«

»Was hat er getan, dass du so sauer bist?«, fragte Tequila.

Ich nahm einen tiefen Zug von meiner Zigarette. »Warum interessiert dich das?«

»Du bist mein Großvater. Du weißt, ich liebe dich.«

»Oi.«

Das sagte er immer zu mir, weil er es, glaube ich, nie zu seinem Vater gesagt hatte. Jedes Mal, wenn er sich nach einem Besuch verabschiedete, küsste er mich aufs Gesicht, obwohl er doch in so gut wie jeder Hinsicht ein erwachsener Mann ist. Und mein Unbehagen wurde keinesfalls durch die Tatsache gemindert, dass ich bei jedem dieser Küsse ahnte: Er macht das, weil er glaubt, ich könnte seinen nächsten Besuch vielleicht nicht mehr erleben. Für meinen Teil hielt ich dasselbe bei ihm für möglich: Junge Männer sind so zerbrechlich wie wir alle, nur nicht erfahren genug, es zu wissen.

»Ich wüsste nicht, was daran falsch sein sollte, dass ich meine Großeltern liebe.«

Ich seufzte und senkte die Stimme. »Wallace hat mir gesagt, dass der Nazi-Wächter, der mich zusammengeschlagen hat, als ich in Gefangenschaft war, lebend aus Deutschland geflohen ist. Im Kofferraum seines Wagens hat er jede Menge Goldbarren weggeschafft. Wallace hat sich bestechen und den Mann entkommen lassen.

»Klar, dass dir das im Kopf herumspukt.«

»Sag bitte deiner Großmutter nichts davon. Die würde sich nur aufregen.«

»Ich werde schweigen«, versicherte er mir. Meinetwegen hätte er auf den gönnerhaften Tonfall verzichten dürfen. »Warum hat dir Wallace ausgerechnet jetzt, nach all der Zeit, von diesem Nazi erzählt?«

»Er wollte wohl Absolution oder so was. Und ich denke, er hat von mir erwartet, dass ich diesen Kerl aufspüre. Um der Gerechtigkeit willen.«

»Warum sollte er annehmen, dass du so was tust?«

»Wahrscheinlich, weil ich dreißig Jahre lang Detective im Morddezernat war. Das wusstest du doch, oder?«

Tequila wartete ein paar Takte zu lange, bevor er sagte: »Ja, natürlich, Pop.«

Die meisten, die mich von damals kennen, Leute wie Wallace, hielten mich immer noch für einen Polizisten. Aber ich war in Ruhestand gegangen, noch bevor mein Enkel geboren wurde. Ich nahm an, dass er in mir nichts als einen alten Mann sah.

»Und was willst du jetzt tun?«, fragte er.

Eine Sekunde lang dachte ich darüber nach. »Ich werde mir eine Weile die Nachrichten auf Fox ansehen, und später, wenn ich auf dem Klo sitze, nehme ich mir ein Kreuzworträtsel vor.«

»Okay, aber was wirst du wegen dem Nazi unternehmen?«

»Nichts werde ich unternehmen. Wenn man die Chance hat, nichts zu tun, sollte man sie immer ergreifen.«

»Wirst du es nicht bereuen, ihn nicht zur Verantwortung gezogen zu haben? Er hat dir deine Würde genommen.«

Ich hoffte, dass mein Hüsteln spöttisch klang. Reue war etwas für schwachbrüstige Waschlappen. Die Welt war voller ausgelaugter Männer, die mit glasigem Blick auf Parkbänken saßen und ins Leere starrten oder in den Aufenthaltsräumen von Altenheimen in Polstersesseln versanken. Und allesamt grübelten sie über unabänderliche Fehler in ihrer Vergangenheit. Vertane Chancen. Vermasselte Liebeleien mit launischen Frauen und schiefgelaufene Geschäfte mit betrügerischen Partnern.

Ich war stolz darauf, nicht zu diesen traurigen Gestalten zu gehören. Missmutig war ich eher zum Spaß, nicht notgedrungen. Ich hatte die großartigste Frau geheiratet, die mir je begegnet war, und ich hatte eine glänzende Karriere bei der Polizei hingelegt. Mit der Pension eines Detective war ich aus dem Dienst ausgeschieden. Optimal wäre es gewesen, hätte ich meinen Sohn nicht sterben sehen müssen, aber alt zu werden bedeutete, Dinge zu überdauern, die als immerwährend gedacht waren.

Die Entdeckung, dass Heinrich Ziegler möglicherweise überlebt hatte, entfachte bei mir keinen Rachedurst, keine Leidenschaft. Der Krieg hatte vor langer Zeit stattgefunden, und Leidenschaft macht so viel Mühe.

»Was auch immer er mir genommen hat, inzwischen vermisse ich es nicht mehr«, sagte ich. »Wir müssen alle lernen, mit dem Verlust von Würde zu leben, und Rache kann Männern wie mir und Ziegler nicht mehr viel nehmen. Jede andere Art, auf die wir das Zeitliche segnen können, ist mindestens genauso hässlich und kommt mindestens genauso bald.«

Ich hielt einen Augenblick inne. Ich hatte wieder diesen trockenen Mund. Ich drückte die Zigarette aus und trank einen großen Schluck Saft. Leicht ist es nie, mit der Realität einer geriatrischen Intensivstation und dem Ort, der darauf folgt, konfrontiert zu werden. Leicht war es jedenfalls nicht, mir zu vergegenwärtigen, was ich wohl mit den sich einpinkelnden, mit Medikamenten vollgepumpten Wallaces der Welt gemein haben würde.

»Wenn Ziegler noch lebt, könnte ich dem Leid, das auf ihn zukommt, nicht viel Schmerz hinzufügen.«

»Schätze, das leuchtet ein«, sagte Tequila. Aber ich erkannte an seinem Tonfall, dass es ihm nicht besonders einleuchtete. Er klang angespannt, und ich stellte mir vor, dass er am anderen Ende der Leitung das Telefonkabel um seine weißen Knöchel wickelte. Dann fiel mir ein, dass Telefone heutzutage kabellos waren.

»Versteh mich nicht falsch; ihn zu bestrafen, könnte durchaus guttun. Aber auf dem Sofa zu sitzen, tut auch ziemlich gut. Und das Sofa steht in meinem Wohnzimmer, während Ziegler, sollte er tatsächlich noch am Leben sein, sich auf diversen Kontinenten befinden könnte. Und ich bin nicht sicher, ob es in Übersee meine Lucky Strikes zu kaufen gibt.«

Ich brachte es nicht über mich, es laut auszusprechen, aber selbst wenn ich geneigt gewesen wäre, die Sache in die Hand zu nehmen, hätte ich vor einem Berg von Hindernissen gestanden. Der Verfolgte war zwar ein Greis wie ich, aber trotzdem konnte ich nicht sicher sein, ob ich der Aufgabe gewachsen wäre, mich auf Verbrecherjagd zu begeben.

Seit einigen Jahren bin ich nicht mehr so gut zu Fuß. Die Schritte werden kürzer und mühsamer. Auf dem Laufband im Fitnessraum des Jewish Community Center konnte ich erleben, wie mein Tempo zusehends geringer wurde. Ich war bereits runter auf lausige anderthalb Meilen in der Stunde, aber die Leute staunten trotzdem, wie beweglich ich noch immer war.

Meine Haut war trocken und dünn geworden, in ihrer Struktur beinahe wie Papier. Wenn ich mit dem Arm zu heftig gegen einen Türknauf stieß oder mein Knie gegen einen Nachttisch prallte, handelte ich mir schnell eine Platzwunde ein und vergoss dünnes wässriges Blut auf den Teppich. Ein paar Mal wollte es nicht zu bluten aufhören, und Rose musste mit mir zur Notaufnahme fahren. Und es war ein Leichtes, gegen irgendwelche Sachen zu stoßen, denn meine Sehkraft ließ ebenfalls nach. Ich brauchte eine Brille, um in die Ferne zu sehen, und eine andere zum Lesen. Die Sehtrübung war in gewisser Weise auch ein Segen: Sie ersparte mir die klare Sicht auf die Katastrophenlandschaft aus blauen Flecken und Muttermalen, die meine Arme bedeckten, und federten den Schlag ab, der mich traf, wenn ich mein hohlwangiges und eingefallenes Gesicht im Badezimmerspiegel sah.

»Dieser Schatz aus Goldbarren, das klingt verlockend«, sagte Tequila.

»Hör aber mal auf«, sagte ich. »Glaubst du im Ernst, du könntest verlorenes Nazigold finden? Selbst wenn der Kerl 1946 Gold besaß, warum sollte er es nicht mittlerweile ausgegeben haben?«

»Er ist auf der Flucht. Wenn er versuchen sollte, Gold im Wert von Millionen Dollar in Bares umzutauschen, oder mit Geld nur so um sich werfen würde, hätte er schnell unliebsame Aufmerksamkeit erregt. Ich nehme an, dass er versucht hat, unbemerkt zu bleiben, und deswegen kann es ihm gar nicht gelungen sein, den gesamten Schatz aufzubrauchen. Vielleicht ist er aber auch tot, und das Gold liegt irgendwo versteckt und wartet nur darauf, von uns gefunden zu werden.«

»Toll. Ich kann mir einen Maserati kaufen und mit Tempo dreißig zum Einkaufen fahren. Ich kann in ein schickes Restaurant fahren, wo ich ein Essen, das spät kommt und das ich eh kaum mehr schmecken kann, besonders teuer bezahlen darf.«

»Du warst wütend auf Wallace, weil er Ziegler davonkommen ließ. Wenn du nicht wenigstens versuchst, ihn zu finden, schaust du doch ebenso weg, wie dein Freund es getan hat.«

Das gab mir eine Sekunde zu denken. Der kleine Mistkerl hatte einen wunden Punkt getroffen.

»Ich wüsste keine Möglichkeit, wie ich einen Mann finden soll, der zuletzt 1946 in Deutschland gesehen wurde. Wie soll ich vorgehen? Bei der Polizei aufkreuzen und fragen, ob jemand einen Nazi gesehen hat?«

»Klar. Warum denn nicht?«, sagte Tequila. »Heutzutage werden Massen von Computerdaten zwischen örtlicher Polizei, den Bundesbehörden und sogar internationalen Diensten ausgetauscht. Wenn Ziegler jemals mit den Bullen zu tun hatte, könnte er in einer dieser Datenbanken der Strafverfolgungsbehörden auftauchen.«

Es gab noch keine Computer auf dem Polizeirevier, als ich in Pension ging, und ich hatte den Umgang mit diesen Werkzeugen nie gelernt.

»Meinst du wirklich?«

»Nein«, sagte er. »Aber selbst das Nichtstun kann langweilig werden, wenn du es zu lange tust. Es schadet doch nicht, rumzufragen, und irgendwann kannst du dann zumindest sagen, dass du Ziegler nicht so einfach hast davonkommen lassen.«

»Ja, hast Recht. Ich muss sowieso noch Zeit totschlagen, bevor die Sonntagsnachrichten auf Fox anfangen.«

Was ich nicht vergessen will:

Historiker halten das Todeslager Chełmno in Polen für eine der kleineren Vernichtungsstätten, denn dort starben nur 150 000 Juden. Ich stattete dem Lager 1946 einen Besuch ab, und zu der Zeit war schon nicht mehr viel davon übrig. Als die Nazis das Lager schlossen, brannten sie das Herrenhaus nieder, von dem aus sie ihre Opfer auf den Weg in den Tod geschickt hatten, und sprengten auch die Krematoriumsöfen, in denen die Leichen verbrannt worden waren. Vielleicht schämten sie sich ja.

Es wäre eine bessere Geschichte, könnte ich sagen, dass der beißende Geruch verbrannten menschlichen Fleisches noch in der Luft über dem Chełmno-Gelände hing. Aber es waren zwei Jahre vergangen, seit die Nazis das Lager geschlossen hatten, und daher war nichts Besonderes zu sehen oder gar zu riechen. Da war nichts als ein schlammiges Feld mit ein paar Rasenflächen.

Es gibt ein Dorf namens Chelm, das in der jiddischen Folklore für die idiotischen Missgeschicke seiner Bevölkerung aus vertrottelten Juden berühmt ist. Es wäre eine bessere Geschichte, wenn es sich bei dem Lager Chełmno um denselben Ort gehandelt hätte, aber so ist es nicht. Ich habe das nachgeprüft. Chełmno liegt in Polens Mitte, in der Nähe von Lodz, und Chelm befindet sich östlicher. Die Juden von Chełmno konnten aber auch nicht sonderlich smart gewesen sein. Sie ließen sich nämlich von der SS auf Lastwagen laden, in denen man sie mit dem Kohlenmonoxid der Auspuffgase erstickte.

Das war Heinrich Zieglers Job von Ende 1941 bis Mitte 1942, als er wegen seines Einsatzeifers und seiner Effizienz befördert wurde. Es wäre eine bessere Geschichte, hätte ich ihn inmitten der Ruinen des Lagers gefunden, von Reue und Selbstverachtung zerfressen und in der Erwartung, dass jemand wie ich käme, um mit ihm abzurechnen. Aber ich fand in Chełmno nichts vor. Um die Wahrheit zu sagen: Es war die reine Zeitverschwendung.

Ich stand einfach nur eine Weile da, auf dem leeren Feld in dieser Senkgrube Polens. Ich rauchte eine Zigarette. Ich fluchte ein paar Mal. Dann stieg ich auf mein Motorrad und fuhr in die Stadt zurück, um mich irgendwo volllaufen zu lassen.

Ich versuchte, Heinrich Ziegler zu töten, und verbrachte stattdessen fünf Wochen im Koma. Später, als ich erfuhr, was er so vielen unschuldigen Juden angetan hatte, empfand ich die Last meines Versagens als beinahe unerträglich. Es gab etwas geradezurücken.

Noch nach Monaten schmerzvoller Genesung, noch nach dem Waffenstillstand wollten meine Hände Ziegler an die Kehle. Er sollte für die Narbe auf meiner Schulter und die Streifen auf meinem Rücken bezahlen. Und er musste für Chełmno zahlen. Also hetzte ich durch ganz Europa auf der Jagd nach dem Dreckskerl, eine Pistole dicht am Körper und ein gezacktes Jagdmesser im Stiefel.

Die Deutschen sind ein sehr ordnungsliebendes Volk, und die Nazis befleißigten sich penibler Dokumentation. In Berlin fand ich die Aufstellung sämtlicher Posten, die Ziegler innegehabt hatte: Berichte über seine grausigen Taten in Polen, Daten und Zahlen, akribisch aufgezeichnet in korrekt angelegten Spalten; Materialanforderungen aus dem Gefängnislager, in dem ich ihn kennengelernt hatte; Befehle, die ihn zurück nach Berlin kommandierten; Durchschläge des Briefs, den sie an seine Mutter geschickt hatten, nachdem er von sowjetischem Maschinengewehrfeuer zerfetzt worden war.

Die Nachricht von seinem Tod war für mich nicht tröstlich. Ziegler hatte mich in die Lage völliger Hilflosigkeit und Ohnmacht versetzt. Und Hilflosigkeit war für mich etwas Unsauberes. Er hatte etwas, das mir gehörte, und ich musste es mir von ihm zurückholen. Aber Kräfte, die sich meiner Kontrolle entzogen, hatten mich meiner Chance beraubt. Und Kontrolle war etwas, das ich brauchte, aber es fiel mir schwer, angesichts eines willkürlichen Gemetzels von solchem Ausmaß, das Gefühl zu entwickeln, Herr über mein eigenes Schicksal zu sein. Die Information, dass Ziegler tot war, machte alles nur noch schlimmer.

Eine Weile wollte ich es nicht glauben und blieb weiter auf der Jagd. Ich begab mich an die Orte, wo Ziegler aufgetaucht war, und erkundigte mich bei den Leuten nach ihm. Manchmal blieb ich hartnäckig. Aber die Geschichten passten immer zueinander und bestätigten die Aktenaufzeichnungen. Schließlich gab ich auf und reiste nach Polen und Chełmno, um mir einen Eindruck davon zu verschaffen, was er angerichtet hatte. Aber es gab nichts zu sehen.

Und so endete mein Krieg: mit einer Zigarette auf einem Feld voll Nichts.

3

Das Polizeihauptquartier im Criminal Justice Complex befand sich in der Innenstadt und weit außerhalb des Gebiets, das mir als Autofahrer normalerweise noch genehm ist, aber auf dem Weg dorthin musste ich nur der Poplar Avenue folgen, immer geradeaus, und deshalb stieg ich in den Wagen und fuhr los.

Das Verbrechen war eine Wachstumsindustrie in der Stadt Memphis, und im CJC hatte man alle Hände voll zu tun, Menschen hinter Gitter zu bringen. Das hatte sich in den fünfunddreißig Jahren, die ich jetzt bereits den Ruhestand genoss, nicht verändert. Aber vieles schien auch neu. Die Junkies und Strolche, die von Polizisten durch die Flure geleitet wurden, schienen mir jünger, aber auch grobschlächtiger und fieser zu sein als zu meiner Zeit. Sie hatten deutlich mehr Tätowierungen als die, die ich kannte, und unter ihnen waren mehr Mexikaner als früher. Die Beamten sahen ebenfalls jünger aus, und eine größere Zahl von ihnen war schwarz.

Die Veränderungen brachten mich etwas aus dem inneren Gleichgewicht, aber ich setzte auf die Macht des Fortschritts. Mit meinen Schnüfflerqualitäten hatte ich 1973 ganz vorn gelegen, aber ich war absolut ahnungslos, wie ich mit einem Computer einen flüchtigen Nazi aufspüren sollte.

Ich fragte mich, ob Tequila Recht hatte, wenn er meinte, wir könnten Ziegler mit Hilfe von Datenbanken finden. Ich wurde allwöchentlich in den Reality-Krimiserien Zeuge, wie diese Dinger überraschende und entscheidende Informationen ausspuckten, aber das kam mir eher vor wie ein Winkelzug, ein dramaturgischer Kunstgriff, damit die Cops den Killer in fünfzig Minuten einschließlich Werbung erwischten. Ganz gewiss wurde es der Polizei nicht so leicht gemacht. Andernfalls wären die Kriminellen allesamt arbeitslos.

Im Einsatzraum setzte ich mich auf eine Bank neben einen Teenager in Handschellen, der sich ein »Tribal«-Muster auf Gesicht und Hals hatte tätowieren lassen, ohne damit seine Aknenarben verdecken zu können. Ich wartete lange genug, um drei Luckies aufzuschmauchen, bevor ein junger Beamter mich fragte, weswegen ich da sei. Er war ein weißes Kerlchen, vielleicht fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, aber bereits übergewichtig und fast schon kahlköpfig. Ich bat darum, mit einem halben Dutzend Leuten sprechen zu dürfen, die noch ziemlich grün hinter den Ohren gewesen waren, als ich ging. Leute, von denen ich annahm, dass sie noch bei der Stange waren. Aber sie waren alle entweder tot oder im Ruhestand, und daher trug ich dem Jungchen auf, mich zu jemandem im Morddezernat zu schicken.

»Ich ruf da jetzt an und frage, ob jemand mit Ihnen sprechen kann«, sagte er. »Um welchen Fall geht es denn?«

»Oh, ich möchte nur mal sehen, ob ihr Jungs mir helfen könnt, aus dem Polizeicomputer ein paar Informationen abzurufen. Und vielleicht könnte ich mir auch ein paar alte Polizeifotos ansehen. Ich war auch mal Cop.«

Er nahm den Telefonhörer zur Hand. »Sie haben einen Namen, Officer?«, fragte er mich.

»Ich bin Detective im Ruhestand Baruch Schatz.«

»Baruch?«

»Ja. Das ist jüdisch.«

Er kniff die Augen zusammen. »Moment, Sie sind doch nicht Buck Schatz, oder?«

»So nennt man mich.«

Seine gestrenge Polizistenmiene verwandelte sich in ein breites Grinsen. »Ach, du heilige Scheiße, Mann, Sie sind doch ’ne Legende. Ich glaub’s ja nicht, dass Sie immer noch leben!«

Ich verdrehte die Augen. »Geht mir an vielen Tagen auch nicht anders.«

Der Knabe drehte sich zu einem schwarzen Cop um, der hinten im Raum an der Kaffeemaschine hantierte. Er rief: »Yo, Andre? Rate mal, wer der alte Motherfucker hier ist!«

»Dein neuer Boyfriend?« Andre war ein bisschen größer als der Junge am Schreibtisch und auch besser in Form. Seine Zähne waren gerade und seine Haare kurz geschoren.

»Es ist Buck Schatz.«

»Verarsch mich nicht, du verdammter Lügner.«

»Ist nicht gelogen. Verarsch dich doch selber.«

Nicht alles hatte sich verändert. Die Cops redeten noch ziemlich genauso wie eh und je: Keiner würde es wagen, von einem Mann mit einer Knarre zu verlangen, seine Zunge zu hüten.

Sie baten darum, jemanden vom Morddezernat ausrufen zu lassen, der kommen sollte, um mit mir zu reden, und während der Wartezeit stellten sie dieselben Fragen wie alle jungen Cops.

Ja, es stimmte, dass ich auf eigene Faust einen Serienmörder gejagt und zur Strecke gebracht hatte, während der Rest der Abteilung rumgesessen und sich den Arsch gekratzt hatte. Nein, ich hatte ihm nicht die Beine gebrochen, sondern nur mit dem Pistolenknauf die Nase zertrümmert.

Nein, es stimmte nicht, dass Clint Eastwood mit mir im Einsatz gewesen war, um sich abzuschauen, wie er Dirty Harry spielen soll, aber Don Siegel, der jüdische Regisseur des Films, hatte mich angerufen, um ein paar Fragen zu stellen.

Ja, es stimmte, dass ich mal drei schwere Jungs durchsiebt hatte, die mir von einem korrupten Stadtrat auf den Hals geschickt worden war. Nein, es waren Weiße, und es hatte sich vor langer Zeit abgespielt, als noch sämtliche korrupten städtischen Politiker und die meisten Halunken, die für sie arbeiteten, Weiße waren.

Und um eins klarzustellen: Es stimmte nicht, dass ich zwischen 1957 und 1962 in Memphis Hauptursache für den Tod von aller Art Dreckskerlen gewesen war. Man behauptete das, und es klang auch gut. Aber jemand hat irgendwann mal genau nachgezählt. Todesursache für Dreckskerle Nummer eins waren verfeindete Dreckskerle, gefolgt von Überdosis und anderen Cops. Ich kam erst an vierter Stelle. Und die teilte ich mir auch noch mit Verkehrsunfällen.

»Mannomann, Buck. Du warst einer von den verflucht harten Jungs.«

»War ich«, sagte ich.

Wir quatschten weiter, bis der Detective vom Morddezernat aus dem Fahrstuhl stieg.

»Mist«, sagte er, als er mir entgegen kam. »Sie sind wirklich Buck Schatz. Ich dachte, die Brüder hier wollten mich reinlegen.«

Er stellte sich als Randall Jennings vor und schüttelte mir die Hand. Er war mittelgroß, Anfang vierzig, weiß. Dunkles Haar, grau an den Schläfen. Zerknitterter Anzug. Gelbliche Schweißflecken auf dem Hemdkragen. Schnurrbart.

»Wissen Sie, ich hab mich immer gefragt, was ich wohl sagen würde, wenn ich Sie treffe«, meinte er.

»Ich höre.«

»Wie schafft es jemand, der so viele Feinde hat, so lange zu leben?«

Ich schmunzelte und erzählte Randall meine Lieblingsgeschichte aus dem Krieg.

Bevor wir am Strand der Normandie landeten, erschien General Eisenhower, um uns Glück zu wünschen. Ich kam so dicht an ihn heran, dass ich ihm die Hand schütteln konnte, und fragte ihn, ob er vielleicht einen Vorschlag hätte, wie ich überleben und meine Frau wiedersehen könne.

Ike sah mich an, und aus seinem Blick sprach Traurigkeit, denn er wusste, dass viele von uns die nächsten beiden Tage nicht überleben würden. Und ich werde nie vergessen, was er mir sagte.

»Soldat«, sagte er und packte meine Schulter, »wenn Sie nichts mehr haben, an dem Sie sich festhalten können, halten Sie sich an Ihrer Waffe fest.«

Ich hielt das für einen guten Rat, den ich auch befolgte.

»Das war es?«, fragte Jennings unbeeindruckt. »Das ist Ihr Geheimnis?«

»Das ist es«, sagte ich. »Aber was die Lebenserwartung betrifft, ist es durchaus von Vorteil, wenn ein Mann etwas wirklich Überzeugendes zwischen sich und denjenigen halten kann, der ihm ans Leder will.«

Er kratzte nachdenklich über die Bartstoppeln am Kinn. »Hier erzählt man sich die Geschichte, dass Buck Schatz am Tag der Pensionierung seine Waffe auf Captain Hellers Tisch knallte und dem Alten empfahl, sich das Ding in den fetten Arsch zu schieben.«

Ich musste leise lachen. »Ich empfahl Max Heller, sich meine Dienstmarke reinzuschieben. Die Waffe war meine eigene, und ich hänge sehr an ihr.«

Jennings lachte darüber. »Und was bringt Sie heute zu uns ins CJC?«, fragte er.

»Ich versuche, einen Mann zu finden, den ich vor sehr langer Zeit kannte. Ich hielt ihn für tot, aber erfuhr kürzlich, dass es vielleicht nicht so ist. Ich wollte mich erkundigen, ob Sie ihn vielleicht mit Ihrem Computer suchen könnten.«

Das Ansinnen bewog ihn, eine Augenbraue hochzuziehen. »Hat der Typ jemanden umgebracht?«

»Nicht, dass ich wüsste. Zumindest nicht in letzter Zeit.«

»Hat er einen Namen?«

»Eben das ist mein Problem. Ich nehme an, dass er sich einen Decknamen zugelegt hat, aber den kenne ich nicht. Er hat bestimmt gefälschte Papiere, sehr gute, unter Pseudonym.«

»Sie möchten also, dass ich einen Mann ohne Namen finde?«

»Ja. Mit Ihrem Computer. Im Fernsehen wird doch gezeigt, dass ihr Zugang zu allerhand Datenbanken und Satelliten und DNA-Proben habt. Immer wenn ein Fall scheinbar in die Sackgasse gerät, finden die TV-Cops irgendwelche völlig irren Verknüpfungen im Internet. Ich dachte, dass ihr vielleicht einen Polizeibericht oder ein Foto ausgraben könntet. Sogar ein Strafzettel wäre für mich mehr Information, als ich bisher habe.«

»Okay. Sehen wir, was ich für Sie tun kann.«

Der Fahrstuhl brachte uns hinauf ins Morddezernat. Jennings führte mich zu seiner Arbeitskabine und setzte sich vor seinen Computer. Ich griff mir einen Stuhl von der anderen Seite des Schreibtischs.

»Hier haben wir Google«, erklärte er mir. »Die umfassendste Datenbank der Welt. Damit kann man alles finden.«

»In den Fox News reden sie oft davon«, sagte ich. »Zu meiner Zeit war ›gurgel‹ das Geräusch, das jemand machte, wenn du ihm die Faust auf den Kehlkopf gezimmert hast.«

Jennings tippte die Wörter Mann ohne Namen in die Suchzeile und schaute konzentriert auf den Bildschirm. Dann erhellte sich seine Miene, und ich beugte mich näher an den Rechner, um zu sehen, was er gefunden hatte.

»Okay, da kommt raus, dass Sie nach diesem Mann hier suchen. Und der dürfte nicht schwer zu finden sein.«

Er drehte den Computer, damit ich sehen konnte, was er gefunden hatte.

Ich sah ein Bild von Clint Eastwood aus Zwei glorreiche Halunken.

»Sind Sie beide nicht befreundet oder so?«, fragte Jennings. Und dann lachte er mir ins Gesicht.

»Oder so«, sagte ich und steckte mir eine an.

Wir fixierten einander für einen unangenehm langen Moment, und dann sprach Jennings.

»Ich hab schlechte Nachrichten für Sie«, sagte er. Seine schlaffen Gesichtszüge spannten sich zu einem höhnischen Grinsen. »Die Jungs hier mögen ja den Buck Schatz bewundern, den sie aus all den Storys kennen, aber ich durchschaue Ihren ganzen Bockmist. Ich hab mich auf den Straßen dieser Stadt aus dem Dreck hochgearbeitet. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn sich nicht Max Heller meiner angenommen hätte.«

»Oh Mann«, sagte ich und rieb mir die Schläfen. »Jesus Christus.« Die jungen Cops unten hatten mich also doch reingelegt und mit Hellers Schützling zusammengebracht. Dabei war mir an Jennings bisher gar kein bisschen Unfreundlichkeit aufgefallen, und ich fragte mich, wie mir die Boshaftigkeit in seiner Stimme hatte entgehen können. Ich war doch mal ein harter Brocken gewesen, dem man nichts vormachen konnte.

»Komm mir nicht mit Christus, du Judenschwein.« Er deutete energisch mit dem Finger auf mich. »Ich gehe zur Kirche. Darin einen Sinn zu sehen, hat Max mir beigebracht, und noch vieles mehr, denn er war beinahe wie ein Vater für mich.«

Jetzt war es an mir, zu lachen. »Da kannst du mir nur leidtun, Kleiner.«

»Nein.« Er stand auf und beugte sich über den Tisch. Eindeutig aggressiv. Jetzt fiel mir auch auf, dass sich sonst niemand im Raum befand. »Ich brauch dir nicht leidzutun. Du siehst doch aus wie Herr Kartoffelkopf. Arme Sau.«

Ich sagte nichts. Fünfzehn Jahre lang hatten Max Heller und ich anderthalb Meter entfernt voneinander gesessen und kaum ein Wort gewechselt, bis er schließlich befördert wurde. Ich hielt ihn für einen karrieregeilen Arschkriecher und er mich für eine tickende Zeitbombe.

In einem Film hätte man uns zu widerwilligen Partnern zusammengespannt, die allmählich lernen, einander zu respektieren. Die Realität war weniger aufregend: Wir pflegten unsere vor sich hin schwelende gegenseitige Feindseligkeit, ließen es aber nicht zum großen Knall kommen. Dann ging ich in den Ruhestand und dachte nicht mehr oft an Max.

»Vierzig Jahre hat sich Max gequält, hat gute, sorgfältige Arbeit geleistet, hat Killer hinter Gitter gebracht und seine Fälle abgeschlossen, während Sie in einem aufgemotzten vorschriftswidrigen Wagen spazieren gefahren sind, mit Ihrer schamlos vorschriftswidrigen Privatkanone Verdächtige abgeknallt und dafür gesorgt haben, dass Ihr Bild groß in die Zeitung kam.«

Jetzt war ich an der Reihe, mit dem Finger auf ihn zu zeigen. »Ist mir völlig egal, was Heller Ihnen erzählt hat. Ich war der verdammt beste Cop in den südöstlichen Vereinigten Staaten. Die Abteilung hat mir jeden Orden an die Brust geheftet, den sie zu vergeben hatte, und dann noch ein paar neue für mich erfunden.«

»Als wenn ich das nicht wüsste«, sagte Jennings. »Mir wollte man die Schatz-Medaille für außergewöhnliche Tapferkeit verleihen, aber das Scheißding hab ich abgelehnt.«

Davon hatte mir niemand erzählt, und von diesem Kerl hier hatte ich auch nie gehört. Mir war gar nicht klar gewesen, dass ich so sehr den Kontakt verloren hatte.

»Während Sie schleimige Lobeshymnen genossen und sich all das Lametta angeheftet haben, war Heller mit ehrlichen Ermittlungen beschäftigt. Wissen Sie, dass er doppelt so viele Mordfälle abgeschlossen hat wie Sie?«

Ich ächzte. Konnte sein, dass Heller das eine oder andere Mal davon gesprochen hatte. Er stürzte sich auf die sonnenklaren Fälle wie eine Katze auf ein Wollknäuel, um seine Aufklärungsrate hochzutreiben. Ich hatte ihn immer gelassen.

»Als man ihn überging und nicht zum Direktor beförderte, wissen Sie, ich habe noch nie einen starken Mann so niedergeschlagen gesehen.« Jennings durchbohrte mich mit einem eiskalten Blick. »Er wusste, dass der Polizeidienst damit für ihn gelaufen war. Und sechs Monate später war er tot.«

»Ich habe nie was getan, um Hellers Karriere zu schaden«, sagte ich.

»Das brauchten Sie auch nicht. Sie sind der Inbegriff dessen, was mit dieser Abteilung nicht stimmt und was mit der gesamten Strafverfolgung nicht stimmt. Zu versuchen, in dieser Stadt ein Cop zu sein, hat Max mir mal gesagt, ist wie bis zu den Eiern in einem Fluss von Scheiße zu waten. Und einer der Gründe dafür sind Sie.«

Ich seufzte. »Ich nehme an, dass Sie unter diesen Umständen wohl keine Recherche am Computer für mich machen werden, stimmt’s?«

»Raus aus meinem Büro«, sagte Randall Jennings.

»War nett, Sie kennenzulernen, Detective«, sagte ich.

So fand ich also heraus, dass ich bei meiner Nazijagd ganz und gar nicht mit der Hilfe des Memphis Police Department rechnen konnte.

Was ich im Fernsehen sah und nicht vergessen möchte:

»Es hat den Anschein, als präsentierten sehr viele Filme heutzutage übergewichtige, körperlich unförmige männliche Komiker in Hauptrollen«, sagte der Talkshow-Moderator. »Was meinen Sie, warum es sich so verhält?«