Über Bettina Darré

Bettina Darré ist das Pseudonym einer Frankfurter Autorin, die bisher mehrere sehr erfolgreiche historische Romane geschrieben hat. Für diesen Roman hat sie viele Schriften von und über Hildegard von Bingen studiert und eine aufwendige Recherche in diversen Archiven betrieben.

Informationen zum Buch

Das geheime Vermächtnis

Im Jahr 1179: Hildegard von Bingen, die charismatische Klostergründerin, liegt im Sterben und diktiert der Novizin Margarete ihre letzte Vision. Von Engeln und Edelsteinen ist die Rede. Kaum ist die Mystikerin tot, schließen ihre sieben engsten Vertrauten einen Pakt. Sie wollen das geheime Wissen der Äbtissin bewahren - doch schon bald werden sie von den Schergen des Bischofs gejagt.

Eine hochspannende Verschwörungsgeschichte, die auf dem Leben Hildegards beruht.

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Bettina Darré

Titelzeile.tif

Das Geheimnis
der Hildegard von Bingen

Roman

Inhaltsübersicht

Über Bettina Darré

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Erstes Kapitel – Sommer 1179

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreissigstes Kapitel

Einunddreissigstes Kapitel

Zweiunddreissigstes Kapitel

Epilog

Nachwort

Glossar

Impressum

Erstes Kapitel
Sommer 1179

W.bmpie hässlich meine Hände sind!, dachte Margarete und betrachtete sie mit leiser Abscheu.

Die rechte Hand hielt den Federkiel, die linke lag schützend neben einer gerade ausgeführten Buchmalerei. Die Nägel waren abgekaut, und die Ränder zeigten blutige, ausgefranste Hautfetzen. Über dem linken Handrücken lief ein verschorfter Striemen, den rechten bedeckten teils vernarbte, teils frische Wunden.

»Ist es Teufelswerk, dass solche hässlichen Hände so gelungene Buchmalereien herstellen können?«

Margarete fuhr zusammen, als sie die Stimme neben sich hörte. Sie sah auf und blickte in die Augen der Lucardis von Algesheim, die wie Blutsteine funkelten. Ein Lächeln, das keineswegs freundlich war, zog über das Gesicht der Scriptoriumsleiterin. Ihr Blick ruhte auf Margaretes Arbeit.

Margarete folgte diesem Blick – und hielt den Atem an. Die schöne Hand mit den gepflegten, gut geformten Nägeln der anderen lag auf der letzten, noch feuchten Buchmalerei. Der Zeigefinger aber bohrte, kratzte und schabte über das Pergament, der Handballen verschmierte die Farben.

»Nicht!«, flüsterte Margarete. »Bitte nicht!«

»Warum nicht?«, fragte die Leiterin des Scriptoriums zurück und warf den Kopf nach hinten, sodass der enge Schleier, den die Benediktinerinnen über dem Haar trugen, ein wenig verrutschte. »Warum nicht?«, zischte sie noch einmal. »Weil du glaubst, dass du etwas Besonderes bist? Weil du die Favoritin der Mutter Oberin bist? Weil du ihre Visionen kopieren und mit Randmalereien versehen darfst? Wer bist du schon, kleine Margarete? Ein Findelkind, nichts als ein Findelkind.«

»Ich habe mir mein Schicksal nicht ausgesucht«, flüsterte Margarete trotzig und starrte noch immer wie gebannt auf Lucardis’ Finger, der mittlerweile ein Loch in das Pergament gebohrt hatte.

Kurz sah Margarete hoch, ihr Blick suchte die anderen Nonnen, die in der Schreibstube arbeiteten. Doch keine von ihnen kam ihr zu Hilfe. Sie alle hatten die Köpfe dicht über die Schreibpulte gebeugt und gingen mit rundem Rücken, geduckten Schultern und zusammengepressten Lippen ihrer Arbeit nach.

»Du hast mir den Platz im Herzen unserer Mutter Hildegard gestohlen. Früher war ich ihr Liebling, ihre Schülerin, jetzt hast du dich zu ihrem Schoßkind gemacht. Schoßkind. Schoßhure. Früher war ich es, der sie Bärenfelle für die Klosterzelle schenkte, seidene Unterkleider, die im Sommer kühlen und im Winter wärmen, goldene Reifen für Haar und Finger. Früher war ich die, welche die leckersten Bissen, die sanftesten Worte und zärtlichsten Berührungen bekam. Und nun du! Eine, die ganz sicher nicht einmal von Adel ist. Eine Dahergelaufene, ein Zigeunerkind, ein Wechselbalg am Ende.«

Noch einmal kratzte der Nagel des Zeigefingers über das Pergament, riss eine Linie hinein und zerfetzte die zierliche Malerei. »In die Waschküche gehörst du, ungeschickt wie du bist. Nicht in das Scriptorium. Am liebsten wäre mir, du verschwändest ganz aus dem Kloster. Einen Mann wünsche ich dir, der dir das Begehren in den Schoß pflanzt. Unstillbares Begehren in einen nimmersatten Schoß, der dich zur Hündin macht und allen Stolz raubt.«

Margarete duckte sich unter dem Fluch. Sie legte sogar die Arme über den Kopf, auf dass ihr Körper geschützt sei, aber schon hatten sich die giftigen Worte der anderen in ihrer Seele eingenistet. Margarete schluchzte auf, doch gleich darauf zwang sie sich zur Beherrschung. Niemand hier in der Schreibstube würde sie weinen sehen. Nicht Lucardis von Algesheim, nicht die Mitschwestern. Sie straffte die Schultern, nahm mit noch zitternden Händen einen neuen Bogen Pergament und atmete mehrmals tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Dann griff sie nach dem Lineal und dem feinsten Kohlestift und zog zierliche Linien über das Pergament.

Sie war schon wieder in die Arbeit vertieft, als eine Berührung an ihrer Schulter sie aufschreckte.

»Was ist?« Margarete fuhr auf.

Schwester Edelgard sah sie mitleidig an. »Ich habe gesehen, was passiert ist. Es tut mir leid. Sag mir, wenn ich dir helfen kann.«

»Danke, Edelgard.« Immerhin hatte Edelgard sich als Einzige der Schwestern als mitfühlend erwiesen. So wie immer.

»Es war und ist schwer für dich hier im Kloster«, fügte Edelgard an. »Schwer und … hm … ja … in gewissem Sinne ungewiss.«

Margarete spürte die Hand der anderen Nonne kurz auf ihrer Schulter, dann ging die Mitschwester weiter.

Wie recht Edelgard doch hat! dachte Margarete. Es war und ist schwer für mich in diesem Kloster. Dann erinnerte sie sich an die Geschichte, die Hildegard von Bingen, die berühmte Prophetissa teutonica, ihr immer wieder von ihrer Abkunft erzählt hatte.

Eines Tages hatte die Schwester Pförtnerin vom Klostereingang her ein Wimmern gehört. Sogleich lief sie, um zu sehen, wer da Hilfe brauchte – und fand auf der Schwelle des Klosters einen winzigen Säugling in einem Weidenkörbchen wie einst Moses. Sie nahm das Kind aus dem Körbchen, wiegte es hin und her, sprach sanft darauf ein, doch sie konnte es nicht beruhigen. Nach und nach kamen andere Schwestern, nahmen das Kind, doch niemand vermochte es zu trösten. Erst als Hildegard von Bingen, die Mutter der Benediktinerinnen, hinzukam und den Säugling an ihre Brust drückte, hörte das Kind auf zu wimmern. Doch nicht nur das, es verzog sogar den Mund und lächelte die Äbtissin an. In diesem Augenblick hatte sich sein Schicksal entschieden. »Wenn das Kind ein Mädchen ist, so bleibt es bei uns«, hatte Hildegard bestimmt.

Die Schwestern freuten sich darüber, und so manche faltete still die Hände, um dafür zu beten.

Nur Lucardis von Algesheim, damals ein junges Ding, fast noch ein Kind, das die ersten Jahre ihrer Klosterlaufbahn als Klausnerin auf dem Disibodenberg verlebt hatte, brachte Einwände vor. »Wir alle in diesem Kloster sind von Adel«, wagte sie zu sagen. »Wie verträgt es sich da, hier ein Kind unbestimmter Herkunft aufzuziehen? Ehrwürdige Mutter, Ihr sagt selbst, dass jeder Bauer sein Vieh in getrennten Ställen hält. Niemand sperrt Pferde und Schweine zusammen. So wollen wir hier auch weiter verfahren.«

Doch Hildegard von Bingen hatte nur gelacht. »Sind wir Vieh?«, hatte sie gefragt und sich sogleich die Antwort darauf gegeben. »Was uns vom Vieh unterscheidet, ist der Verstand, den Gott uns gegeben hat. Also werden wir ihn benutzen.«

In der Zwischenzeit hatte die Schwester, die für die Kranken und die Apotheke zuständig war, dem Kind seine Lumpen ausgezogen und hielt es lachend hoch. »Es ist ein Mädchen, ein kleines Mädchen! Seht!«, rief sie und schwenkte das Kind hin und her.

All das geschah am 20. Juli anno 1163. Da dieser Tag der Gedenktag für Margareta von Antiochia war, eine der 14 Nothelfer und zugleich die Schutzpatronin der Bauern, der Schwangeren und Gebärenden, der Jungfrauen, Ammen, Mädchen und unfruchtbaren Ehefrauen, ward das Findelkind noch am selben Tag auf den Namen Margarete getauft.

Margarete lächelte, als sie an diese Erzählung dachte. Ihr Blick schweifte durch das Scriptorium. Die Pulte der Schreiberinnen, Kopistinnen und Buchmalerinnen standen vor den hochbogigen Fenstern, die mit Waschglas versehen waren und das Sonnenlicht als goldenen Glanz einließen. An der gegenüberliegenden, fensterlosen Wand war ein hölzernes Regal befestigt, auf dem einige Bücher gestapelt waren. Daneben hatte man Pergamentbögen aufgespannt, Büchsen mit Löschsand standen auf den Brettern, Federkiele lagen ordentlich angespitzt in langen Reihen nebeneinander, darunter befanden sich Fässchen mit verschiedenfarbigen Tinten und Farben. Ein Geruch nach Lösungsmitteln und Pergament lag in dem Raum.

Der Boden war mit Dielen ausgelegt, eine Seltenheit, auf der jedoch Hildegard von Bingen, unter deren Leitung das Kloster auf dem Rupertsberg aufgebaut worden war, bestanden hatte. Gleich unter dem Scriptorium befand sich die Küche. Die Herdfeuer und Kohlebecken sollten dafür sorgen, dass es im Raum darüber noch ein wenig warm war. Zusätzlich standen neben jedem Schreibpult eigene Kohlebecken, die jedoch jetzt, im Spätsommer, noch nicht gebraucht wurden.

Margaretes Blick schweifte weiter und hinaus aus dem Fenster in den Klostergarten, der ganz nach dem berühmten Vorbild des Klosters auf der Bodenseeinsel Reichenau angelegt worden war. In sechzehn Beeten wuchsen sechzehn unterschiedliche Gewächse, darunter Karotten, Stangenbohnen und Bohnenkraut, Liebstöckel und Kerbel, Minze und Salbei, Fenchel und Rosmarin, Kürbis und Melonen, Mohn und Rettich. Auch einige Blumensorten wurden im Klostergarten gezüchtet, damit der Altar stets mit frischen Blumen geschmückt werden konnte. Margarete liebte den Garten, liebte den würzigen Duft der Kräuter und Pflanzen und wäre, hätte sie die Wahl gehabt, viel lieber in der Apotheke als im Scriptorium beschäftigt gewesen. Mehr als einmal hatte sie der Mutter Hildegard diesen Wunsch vorgetragen, hatte inständig gebeten, in der Heilkunde unterrichtet zu werden, doch Hildegard von Bingen hatte sich unerbittlich gezeigt. »Wem soll ich meine Visionen diktieren?«, hatte sie stirnrunzelnd gefragt. »Du lernst genug über Pflanzen und die Klostermedizin, indem du meine Schriften kopierst. Solltest du dann noch Zeit übrig haben, so gehe in die Bibliothek und lies in den Schriften von Avicenna und Galen, auch Plinius und vor allem die Schriften des Constantinus Africanus, die wir seit Kurzem in unserem Besitz haben. Daraus erfährst du alles über die orientalische Medizin.«

Margarete hatte sich Hildegards Rat zu Herzen genommen und die genannten Schriften eifrig studiert, doch alles in ihr drängte danach, ihr Heilwissen praktisch anzuwenden. Sie seufzte und schob den Ärmel ihrer Kutte etwas höher. Sie war nun sechzehn Jahre alt und wusste nicht, seit wie langer Zeit sie schon im Scriptorium arbeitete. Von der Mutter Hildegard hatte sie lesen und schreiben gelernt, dazu Latein, die Psalmen und natürlich die Regeln des heiligen Benedikt von Nursia, welche die Grundlagen aller Benediktinerorden darstellten. Ein Kind war sie noch gewesen, als sich ihre Hand als ruhig erwiesen und sie eine Begabung für die Buchmalerei gezeigt hatte. Und ein Kind war sie gewesen, als die Mutter Hildegard beschlossen hatte, dass auch sie ihr Leben Gott weihen sollte. Hier im Benediktinerinnenkloster auf dem Rupertsberg. Nun war sie Novizin, hatte die Einkleidung hinter, die Ewige Profess jedoch noch vor sich. Sie konnte nicht sagen, dass es sie mit Stolz erfüllte, das schwarze, weite, bis zum Boden reichende Skapulier und die weiße Haube unter dem weißen Schleier zu tragen. Einzig der breite weiße Kragen über dem Untergewand, das von einem Strick als Gürtel gehalten wurde, fand ihr Wohlgefallen, weil sie den weichen, anschmiegsamen Stoff dafür als Geschenk von Mutter Hildegard bekommen hatte. Ihr schönes, bis zur Hüfte reichendes dunkles Haar, das in der Sonne rötlich schimmerte, war verdeckt. Einige der Schwestern hatten sie schon aufgefordert, es zu schneiden und halblang zu tragen, so wie es die anderen Nonnen taten. Aber Margarete konnte sich nicht von ihrem Haar trennen und trug es unter Haube und Schleier zu einem dicken Zopf geflochten.

Niemand hatte Margarete je gefragt, was sie eigentlich wollte, doch das wäre ohnehin vergebens gewesen, denn sie kannte kein Leben außerhalb der Klostermauern. Täglich kamen Frauen aus der Umgebung auf den Rupertsberg, um sich von der berühmten Prophetissa einen Rat zu holen oder ein Heilmittel. Bäuerinnen waren sie, Winzerinnen oder Mägde auf einer der zahlreichen Burgen der Gegend.

Oft schon hatte Margarete gehört, wie die Frauen der Mutter Hildegard ihr Leid geklagt hatten. Besonders über ihre Ehemänner. Der eine war zu stürmisch und dachte nur an das eine. Der andere tat genau das Gegenteil. Voll Sünde waren sie alle. Nur hier, im Kloster, konnte eine Frau sich ihre Jungfräulichkeit bewahren und damit gleichsam die Geliebte des Herrn Jesus werden und dereinst mit ihm verschmelzen. Mancher der Schwestern gelang diese Verschmelzung bereits auf Erden. Dann nämlich, wenn sie sich in den Gottesdiensten in Ekstase sangen oder beteten und sich windend auf den Boden stürzten.

Margarete selbst hatte die Anwesenheit und Liebe des Herrn Jesus bislang noch nie gespürt. Zumindest nicht körperlich. Sie war nicht seine Geliebte geworden, obwohl sie sich – Gott allein wusste, wie sehr – darum bemüht hatte. Ein einziges Mal nur war ein Schauer über ihren Rücken gekrochen, hatte die Arme mit Gänsehaut überzogen und die feinen Härchen zum Aufstellen gebracht – neulich, als die Prophetissa teutonica ihrem Sekretär Wibert von Gembloux und ihr die neueste Vision diktiert hatte. Hildegard von Bingen hatte aus ihrer Schau erzählt, hatte berichtet, was Gott – oder wie sie es nannte: das wahre Licht – ihr offenbart hatte: »Ich bin glücklich. Der Herr Christus Jesus bereitet mich und macht mich schön und weiß … Deshalb bezeichnet ihn die heilige Seele nach gerechtem Urteil auch als Geliebten. Denn im Vertrauen auf die Liebe verlässt sie sich selbst und eilt im heftigen Kampf der fleischlichen Begierden bereitwillig zu ihm. Und in der Glut des tränenreichen Verlangens schmäht sie sich selbst und hängt ihm an, wie eine Frau mit einem Mann in freudigem Verlangen verbunden ist.«

Margarete hatte eifrig notiert, aber dann war die Prophetissa erschöpft gewesen, und Margarete hatte mit Wibert von Gembloux allein weiterarbeiten müssen. Nachdem Margarete jedes Wort Hildegards mit einem Griffel in die Wachstafeln geritzt hatte, übertrug der Sekretär Wibert die Sätze aus einem ungelenken in ein elegantes Latein. Einmal hatte Wibert dabei Margaretes Handrücken gestreift und sie leise gefragt: »Habt Ihr die Liebe des Herrn schon erfahren?«

Margarete war errötet und hatte den Kopf geschüttelt. Wibert hatte seine Hand auf der ihren liegen lassen, und sein Daumen hatte sanft ihr Gelenk massiert. Ganz heiß war es Margarete da geworden. Die Schrift auf der Wachstafel war vor ihren Augen zerronnen, und sie hatte nur noch Wibert von Gembloux, ihren Prior und Beichtvater, gesehen. Der Mönch aus dem Kloster Gembloux bei Namur war noch nicht lange auf dem Rupertsberg. Gekommen war er als Ersatz für den verstorbenen Sekretär der Mutter Hildegard. Und nun saß er ihr gegenüber und brachte mit einer einzigen Handbewegung ihre Wangen zum Glühen. Margarete riss sich los und lief hinaus. Erst in der Kapelle nach langem Gebet fand sie ihre Ruhe wieder. In der Nacht hatte sie von Wibert von Gembloux geträumt. Sie hatte sein schmales Gesicht mit den grauen Augen über ihrem Gesicht gesehen, die hagere Nase, die etwas zu lang war, den schmalen Mund mit den scharf umgrenzten Lippen, die sich ihrem Mund immer mehr näherten …

Schweißnass war Margarete aufgeschreckt. Der Teufel der Wollust hatte sich ihrer bemächtigt und war sogar in ihre Träume geschlichen. Margarete stieg von der schmalen Pritsche, ließ sich auf den steinernen Zellenboden auf die Knie sinken und begann zu beten. Schon bald kühlte der Nachtwind, der durch das offene Zellenfenster strich, ihren Körper aus und machte sie zittern, doch noch immer verspürte sie in sich ein Glühen, und noch immer wollten ihre Hände sich nicht zum Gebet falten lassen, sondern weiter über ihre Hüften gleiten. Da nahm Margarete das Talglicht, entzündete es mit dem Feuerschwamm und drückte es schließlich auf ihrem rechten Handrücken aus.

Der Schmerz nahm ihr für einen Augenblick den Atem, doch dann betete sie voller Inbrunst: »Herr Jesus, nimm die Wollust aus meinem Körper, mache mich rein in Gedanken und Werken, lass mich als Jungfrau zu dir kommen und von deiner ewigen Liebe kosten.«

Und siehe da, der Schmerz der Verbrennung tilgte alle Lust aus ihrem Körper und half ihr, sich ganz und gar dem Herrn zuzuwenden.

Ein Geräusch riss Margarete aus ihren Gedanken. Schwester Lucardis war in das Scriptorium zurückgekehrt und hatte die Tür so laut hinter sich geschlossen, dass Margarete zusammenzuckte. Sofort begann ihr Herz in einem schnelleren Takt zu schlagen, ihre Finger zitterten leicht. Und gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst. Ich bin zwar nur ein Findelkind, dachte sie, aber ich bin nicht weniger wert als die anderen. Es gibt keinen Grund, die Schultern einzuziehen, auch nicht vor Lucardis.

Margarete biss sich auf die Unterlippe und wagte einen Blick zum Oberhaupt des Scriptoriums. Lucardis nahm ihren Platz am vordersten Schreibpult ein, das ein Stück weg vom Fenster, dafür dicht neben dem Kamin stand, und beugte sich über eine Arbeit. Zuvor ließ sie ihren Blick über die Schwestern schweifen, die sich noch dichter über ihre Pulte beugten und jedwedes Getuschel eingestellt hatten.

Als der Blick der Scriptoriumsleiterin auch auf sie fiel, war Margarete schon wieder so in Gedanken, dass sie vergaß, den Kopf zu senken und stattdessen Lucardis freiweg anstarrte, freilich ohne sie zu sehen. Plötzlich erwachte Margarete aus ihrer Versunkenheit, doch es war zu spät. Lucardis hatte ihren Blick bereits abwenden müssen, und Margarete wusste, dass sie ihr das niemals verzeihen würde.

Betroffen betrachtete sie die Linien, die sie auf das Pergament gezeichnet hatte. Dann tauchte sie den Federkiel in die schwarze Tinte und setzte an, den ersten Buchstaben, ein geschlungenes, mit Lorbeer verziertes S zu malen, als die Tür erneut aufgerissen wurde. Wibert von Gembloux stürzte herein. Sein Gesicht war verzerrt, der Atem ging keuchend, und sein spärlicher Haarkranz rund um die Tonsur stand wirr. Mit irrem Blick sah er sich im Scriptorium um.

»Wo ist Margarete?«, fragte er und trat so dicht an das Pult von Lucardis heran, dass diese zurückwich.

»Wo ist Margarete? In Gottes Namen, Weib, so sprich endlich!«

Lucardis fand noch immer keine Worte, doch mit der Hand wies sie auf die junge Schwester, die einige Pulte weiter stumm schrieb.

»Was ist, Vater?«, fragte Margarete, und ihre Augen verdunkelten sich von bösen Vorahnungen.

Auch Lucardis war aufgestanden und sah angespannt zum Prior des Klosters.

»Es ist etwas Furchtbares geschehen«, keuchte Wibert von Gembloux. »Margarete, du musst sofort mit mir kommen.«

Zweites Kapitel

K.bmpaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, war von Geburt an ein Januskopf. Mit einer welfischen Mutter und einem Vater aus dem Hause der Staufer schien er wie geschaffen für den Thron, den er mit kaum dreißig Jahren bestieg. Zwar beendete er den jahrelangen Konflikt zwischen den Staufern und den Welfen, schaffte Frieden in den Herzogtümern Sachsen und Bayern, doch seinem zweiten Gesicht, dem Janusgesicht, war der viele Frieden bald überdrüssig. So machte sich Barbarossa daran, das Kaisertum in Reichsitalien durchzusetzen. Das ging nicht ohne Kriege ab. Zwei Jahre nach der Königswahl zog er zum ersten Mal gegen Italien, ein Jahr später krönte ihn Papst Hadrian zum Kaiser. Auf einem Reichstag zwei Jahre danach fühlte sich Friedrich I. in seiner kaiserlichen Macht so gefestigt, dass er sich weigerte, das Deutsche Reich als päpstliches Lehen anzuerkennen. Kaiser und Papst wären gleichrangig, verkündete der Rotbart. Das aber sah der Papst ganz anders. Zahlreiche Kriege schlossen sich an, ein Italienfeldzug folgte auf den anderen. Friedrich I. ernannte mehrere Gegenpäpste, verbrauchte Heere wie Unterkleider und musste schließlich 1177 mit Papst Alexander III. einen Sonderfrieden schließen. Als Ausgleich ließ er sich dafür 1178 zum König von Burgund krönen und begann eine kriegerische Auseinandersetzung mit Heinrich dem Löwen. Alles in allem war Barbarossa ein Kaiser, der mehr außerhalb als innerhalb seiner Reichsgrenzen regierte.

Sein Kurfürst und Erzkanzler Christian von Buch, seines Zeichens Erzbischof von Mainz, war tief in die italienischen Streitigkeiten und das Papstschisma verstrickt, sodass auch er seiner Mainzer Kanzlei zumeist fernblieb und sein Stellvertreter Jörg von der Teileburg die Amtsgeschäfte führte, freilich ohne dafür mit den Privilegien des Erzbischofs ausgestattet zu sein. Im Sommer 1179 befand sich Erzbischof Christian von Buch sogar in Gefangenschaft in Italien.

Kein Wunder, dass Weihbischof Jörg von der Teileburg deshalb meist verschnupft und überdies beständig schlechter Laune war.

»Ich hasse alte Menschen! Ich hasse deren Rechthaberei, Engstirnigkeit, ihre immerwährenden Nörgeleien, kurz: Ich hasse alte Menschen, und ganz besonders hasse ich alte Weiber!«

Der Weihbischof Jörg von der Teileburg schritt aufgebracht durch die Kanzlei. Er hatte soeben eine Messe im Mainzer Dom abgehalten und trug noch die Alba, ein bis zu den Füßen reichendes Unterkleid aus besten Linnen. Die Alba wurde von einem Gürtel gehalten, den an seinen beiden Enden kleine, goldene Glöckchen zierten. Um den Hals lag eine Stola, die bis zu den Füßen reichte. Vor der Brust war das handbreite Wollband gekreuzt und unter den Albagürtel geführt. Über der Alba trug der Bischof eine rote Dalmatika aus rotem Atlas. Selbst das Pallium, ein geschlossener, glockenförmiger Umhang, hatte er noch nicht abgelegt, obwohl im Raum zwei Kohlebecken brannten.

Sein Schreiber Cyriakus, ein Ordensmann aus dem nahen Kloster Hoheneck, lehnte an einem Pult und betrachtete den Weihbischof mit halb geschlossenen Augen.

»Ihr könnt nichts dagegen tun, mein Bischof!«, sagte er und betrachtete seine polierten Fingernägel.

»Diesem elenden Weib muss doch beizukommen sein – Himmel Herrgott!«

Jörg von der Teileburg blieb ruckartig stehen und tippte sich mit dem Finger gegen das Kinn. »Das Interdikt, das ich über das Kloster dieser unheiligen Hildegard verhängt habe, bleibt bestehen. Und …«, seine Stimme wurde lauter, überschlug sich beinahe, »… und es ist mir ganz und gar gleichgültig, was die Alte auf dem Rupertsberg dagegen vorzubringen hat. Das Interdikt ist berechtigt.«

Cyriakus von Hoheneck zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Sie wird das Interdikt nicht auf sich beruhen lassen, mein Bischof. Sie wird wiederkommen nach Mainz und verlangen, dass Ihr sie anhört. Außerdem wird sie bereits an den Erzbischof von Mainz geschrieben und ihm ihr Leid geklagt haben. Es interessiert sie nicht im Geringsten, dass Ihre Exzellenz, der Erzbischof, in Italien weilt und auch nicht so bald zurück ins Reich kommen wird. Sie ist eigensinnig.«

»Altersstarrsinnig meint Ihr wohl, Kaplan. Die Fakten sprechen für sich: Sie hat einen Mörder, den die Heilige Mutter Kirche aufgrund seiner Verbrechen exkommuniziert hat, in der heiligen und geweihten Erde des Klosterfriedhofes begraben. Recht geschieht es ihr, dass sie und ihre Töchter mit dem Interdikt belegt sind. Als gerechte Strafe, mein lieber Kaplan!«

Cyriakus von Hoheneck lächelte schmal und ließ den Weihbischof sich weiter empören.

»Die Frauen auf dem Rupertsberg dürfen während des Gottesdienstes nicht mehr singen. Das Kruzifix muss wie am Karfreitag mit schwarzen Tüchern verhüllt, jeder Schmuck vom Altar muss entfernt werden, die Kirchenglocken haben zu schweigen. Während des Interdiktes dürfen keine Professe vorgenommen werden, es gibt keine Sakramente, und überdies sind keine kirchlichen Begräbnisse gestattet. Hildegard von Bingen hat es nicht anders gewollt. Wenn ihre Töchter unter ihrem Starrsinn leiden, so ist das nicht die Sache des Bischofs.«

Jörg von der Teileburg holte ein Taschentuch aus seinem Ärmel und schnäuzte sich kräftig. Sein Gesicht wirkte grämlich, als er weitersprach: »Außerdem hat die Äbtissin Hildegard mit ihren Visionen die halbe Welt verrückt gemacht. Seit wann kommt der Heilige Geist über eine Frau? Hat nicht schon der Apostel Paulus gesagt, das Weib habe in der Gemeinde zu schweigen, was? Und nun kommt diese Hildegard daher und behauptet dreist, das ›wahre Licht‹ zeige sich ausgerechnet ihr, auf dass sie seine Botschaft in der Welt verkünde! Gehorchen soll das Weib, so steht es in der Schrift, und sich nicht wichtig machen und aufspielen. Dumm ist das Weib, auch das weiß jeder, und eine Nonne, die schon als Kind Gott geweiht wurde, ohnehin. Was weiß so eine schon vom Leben?«

Der Bischof war inzwischen rot angelaufen, und sein Sekretär füllte ihm besorgt einen Becher mit Wein, den Jörg von der Teileburg in einem Zug hinabstürzte, um sofort weiterzuwettern: »Schweigen soll die Alte vom Rupertsberg. Sie hat schon genug Ärger gemacht. Bernhard von Clairvaux und der Papst haben ihre Sehergabe zwar anerkannt, aber ich lasse mich nicht täuschen. Es wird Zeit, dass jemand diesem Weib und allen Weibern einmal wieder zeigt, wo ihr Platz ist und sie daran erinnert, dass Eva es war, die mit ihrer Gier nach dem Apfel den Menschen aus dem Paradies vertrieben hat.« Der Weihbischof hob die Hand und deutete mit Daumen und Zeigefinger einen äußerst geringen Abstand an. »Nur eine winzige Stufe über dem Tier steht das Weib.«

Dann ließ Joachim von der Teileburg erschöpft die Hand sinken, rückte seinen Kragen zurecht und räusperte sich. Mit veränderter Stimme wandte er sich an seinen Sekretär.

»Was ist sonst zu tun?«

Der Sekretär Cyriakus von Hoheneck schöpfte Atem: »Vom Erzbischof kam ein Schreiben aus der Gefangenschaft, Ihr möget in seiner Abwesenheit Konstantin von Buch in seinem Namen zum Titularbischof ernennen.«

»Wieder einer seiner Vettern?«, fragte Jörg von der Teileburg und vermochte es kaum, seinen Unwillen zu unterdrücken. »Wie groß ist seine Verwandtschaft eigentlich noch? Soweit ich mich erinnere, ernenne ich jede Woche jemanden mit dem Nachnamen von Buch zum Abt, Prior, Weihbischof oder wenigstens zum Priester. Also gut! Fertigt die Urkunde aus, sucht eine gute Pfründe, aber nicht zu fett, und überstellt die Dokumente an Konstantin von Buch. Ohne Feier, ohne Messe. Was gibt es noch?«

»Im Kloster Breitenau bei Kassel ist der Abt verstorben. Ihr müsst einen neuen ernennen.«

»Wen schlagt Ihr vor, Kaplan?«, fragte Jörg von der Teileburg und schnäuzte sich seufzend in sein Nasentuch.

»Es gibt zwei Kandidaten. Zum einen ist da Hademar von Alzey, der dem Kloster, das ihn zum Abt bestimmt, große Ländereien vermachen will. Und zum anderen denke ich an Heribert von Ingelheim, einen Vertrauten des Kaisers aus den Zeiten des Kreuzzuges, der zwar keine Ländereien einbringt, dafür aber beste Kontakte zu Friedrich Barbarossa hat.«

»Hm«, schnaubte der Weihbischof. »Was brauchen wir dringender? Gute Verbindungen oder Ländereien?«

»Beides, Exzellenz.« Cyriakus von Hoheneck lächelte mit schmalem Mund.

»Also wird der eine, Hademar, zum Abt gemacht und der andere, Heribert, auf die erste Position der Warteliste gesetzt. Unsere Äbte sind allesamt alt, schon bald wird der Nächste sterben, und dann ist Heribert von Ingelheim an der Reihe.«

Jörg von der Teileburg diktierte seinem Schreiber ein paar weitere Briefe, danach traf er einige Anordnungen, die das Erzbistum betrafen, und begab sich missmutig zum mittäglichen Stundengebet, zur Sext.

Die Tische bogen sich unter den Speisen, die im Amtssitz des Erzbischofs von Mainz und Erzkanzlers des Kaisers Friedrich I. zu Mittag gereicht wurden. Bedienstete trugen Kessel mit Eiersuppe und silberne Platten mit Bratenscheiben vom Rind und Lamm auf, andere schleppten in Schmalz gebackene kleine Vögel oder frische Flussfische aus dem Rhein herbei. In Mandelmilch gesottene Hühner und gebratene Gänse mit roten Rüben wurden aufgetragen. Dazu gab es feinstes weißes Brot, das noch warm vom Backofen war, dunkle Soßen, gekochtes Gemüse von zarten Karotten, frischen Böhnchen und Lauch, danach köstliche Kuchen mit einer dicken Honigglasur oder süßes Obst aus den Südländern.

Jörg von Teileburg langte kräftig zu, ließ sich auch immer wieder vom Rotwein aus dem nahen Rheingau einschenken, dann stippte er die Finger in kleine Schalen und ließ sich von einem Bediensteten ein Tüchlein aus feinstem Linnen reichen, um sich damit den Mund abzutupfen.

»Ach, wie gut es uns doch geht«, sagte er zu seinem Nachbarn und rülpste leise.

»Und um wie viel besser es uns doch ginge, gäbe es die Weiber nicht«, mischte sich Cyriakus ein, der mit den anderen Sekretären an einem Nachbartisch saß, und lächelte schief.

Jörg von der Teileburg kniff die Augen zusammen. Cyriakus ist manchmal ein wenig übermütig, dachte er mit Verdruss. Zeit wird es, dass ich auch ihn auf seinen Platz verweise. Er betrachtete seinen Sekretär, als hätte er ihn noch nie gesehen.

Dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass diejenigen, die schon in den Mittagsschlaf zu sinken drohten, aufschreckten, und verkündete: »Genug geschlemmt. Es wird Zeit, dass wir arbeiten. Schließlich soll unser geliebter Erzbischof einen ordentlichen Amtssitz vorfinden, wenn er aus dem Italienischen zurückkehrt.«

»Neue Besen kehren gut, nicht wahr, lieber Jörg?«, fragte ein anderer Weihbischof, der von der Teileburg um einige Jahre voraus war und Geraldus von Uslar hieß. »Gebt nur Acht, dass Ihr Euch nicht übernehmt. Schon so mancher Besen war schnell verschlissen, und am Ende hat der Dreck doch triumphiert.«

Jörg von der Teileburg funkelte den Weihbischof wütend an. Er öffnete den Mund, um ihm eine barsche Antwort zu geben, doch dann winkte er nur ab und verließ, sich noch einmal die Nase schnäuzend, das Refektorium. Was wollte Geraldus von Uslar von ihm?, fragte er sich, dabei wusste er jedoch genau, dass der andere nicht verwinden konnte, dass er, Jörg von der Teileburg, zu des Erzbischofs Stellvertreter ernannt worden war, während Geraldus nur die zweite Position einnahm.

Teileburg begab sich in sein Wohnhaus, das auf dem Boden des Erzbischofssitzes stand und mit zahlreichen Kostbarkeiten ausgestattet war. Die Wände waren von wertvollen Teppichen bedeckt, die Truhen mit komplizierten Schnitzereien versehen. Ein besonders erlesenes Stück jedoch war das Bett mit den geschnitzten Pfosten, zwischen denen ein Baldachin aus rotem Samt hing.

»Ich komme«, säuselte Jörg von der Teileburg, plötzlich wie verwandelt, als er das Schlafzimmer betrat. Er schlüpfte aus seiner Kleidung, schwang die rot samtenen Vorhänge beiseite und stürzte sich schier in die Berge aus Kissen und Decken, welche die Nacktheit einer drallen jungen Frau nur unzureichend bedeckten.

»Hast du schon auf mich gewartet, mein Herz?«, fragte der Weihbischof und ließ seine Hand über den Leib der Schönen gleiten, welche die Lippen spitzte und sich eng an den Gottesdiener drängte.

»Willst du mich heute gar nicht küssen?«, schmollte sie, doch schon beugte sich Jörg von der Teileburg über das Mädchen, bedeckte ihren Leib mit Küssen, verharrte an ihren Brustwarzen und liebkoste diese, bis das Mädchen aufstöhnte und seinen Schoß kreisen ließ.

»Komm, mein Bischof, mach mich glücklich!«, flüsterte sie.

»Nichts anderes habe ich vor«, raunte Jörg von der Teileburg zurück.

Er spreizte dem Mädchen die Beine und war im Begriff, sich zwischen ihre Schenkel zu begeben, als es überaus heftig an der Tür klopfte.

»Exzellenz!«, hörte er die Stimme von Hohenecks. »Ein Bote ist aus Bingen gekommen. Er hat ein dringliches Schreiben dabei.«

Jörg von der Teileburg, so erhitzt von den Reizen des prallen Mädchens, dass er einfach nicht von ihr lassen konnte, drang in ihren Schoß ein, während er rief: »Lest vor, Kaplan, was in dem Schreiben steht.«

Während das Mädchen unter ihm keuchte und stöhnte und die Lust dem Weihbischof beinahe den Atem nahm, hörte er wie von weit her die Stimme seines Schreibers: »Mein Bischof, etwas Schreckliches ist geschehen! Etwas Furchtbares, welches dennoch an ein Wunder grenzt.«

Drittes Kapitel

W.bmpir wollen sie noch einmal sehen. Sie soll uns segnen!«, riefen die Menschen vor der Klosterpforte. Beinahe hundert Seelen hatten sich hier versammelt. Einige trugen Wachskerzen, andere billige Talglichter, wieder andere hatten die Hände zum Gebet gefaltet. Sie drängelten vor dem Tor, stießen einander unchristlich in die Rippen, zerrten, schimpften, murmelten, tuschelten und machten ihrem Unmut hin und wieder laut Luft, bis die Schwester von der Pforte sich nicht anders zu helfen wusste, als das große hölzerne Tor mit einem Balken zu verriegeln und sich ins Innere des Klosters zurückzuziehen. Auch dort standen die Nonnen im Kreuzgang in kleinen Gruppen beieinander, hatten die Hände zum Gebet gefaltet, flüsterten und barmten.

»Wie geht es ihr?«, fragte die Schwester Pförtnerin.

Die Nonnen sahen einander an und zuckten mit den Achseln, dann blickten sie mit furchtsamen Mienen hinauf zu einem Fenster, hinter dem sich eine karge Zelle verbarg.

»Nur der Herrgott im Himmel weiß es«, flüsterte eine Schwester und schlug das Kreuzzeichen.

»Was soll ich den Leuten da draußen sagen?«, fragte die Pfortenschwester hilflos. »Und was den Boten, die allenthalben Einlass begehren?«

Die Schwestern schauten sich nur stumm an und antworteten nicht.

Edelgard, eine der älteren Nonnen, befahl die anderen schließlich in die Kapelle: »Wir wollen gemeinsam für die ehrwürdige Mutter beten.«

Bei diesen Worten fiel die Hilflosigkeit von den anderen ab. »Ja, wir beten für sie.« Ihre Körper strafften sich, Tränen wurden weggewischt, die Köpfe erhoben.

Wie selbstverständlich stellten sich die Nonnen in Zweierreihen auf und gingen eiligen Schrittes, aber geordnet zur Kapelle. Selbst die Pfortenschwester wusste plötzlich, was zu tun war. Sie stellte sich hinter das geschlossenen Tor, öffnete die hölzerne Klappe darinnen und verkündete: »Ruhe, ihr Leute! Seid still und faltet die Hände. Wir wollen gemeinsam beten.«

Auch die Leute wurden still und falteten die Hände, während die Schwester laut das Vaterunser sprach und danach das Ave-Maria.

Margarete fror, obwohl die karge Zelle von zwei Kohlebecken erwärmt wurde. Zahlreiche Bienenwachskerzen spendeten Licht und Duft, doch der Geruch des Todes, der in der Zelle schwebte, war dadurch nicht auszulöschen.

»Nimm auf, Herr, deine Dienerin an den Ort des Heils, dass sie auf Erbarmen hoffen darf. Befreie, Herr, deine Dienerin aus aller Drangsal. Amen«, betete der Prior Wibert von Gembloux leise. Margarete warf einen verzagten Blick auf Hildegard von Bingen, die auf ihrer mit dem Bärenfell bedeckten Pritsche lag und die dürren Lippen zu einem starren Lächeln auseinandergezogen hatte. Noch lebte sie. Noch hob und senkte sich der ausgemergelte Brustkorb, noch blickten die Augen von einer zur anderen.

»Bist du da, mein Wibert?«, fragte die Äbtissin.

»Ja, geliebte Hildegard.«

»Und du, Margarete?«

»Ja, geliebte Mutter, ich sitze zu Euren Füßen.«

»Das ist gut. Tenxwind, bist du auch da?«

»Aber ja«, erwiderte Tenxwind, die Apothekerin, und warf eine Handvoll wohlriechender Kräuter in eines der Kohlebecken.

»Ich habe Durst.«

Sogleich sprang Serafina, eine Mitschwester, auf und setzte Hildegard von Bingen einen Becher mit frischem Brunnenwasser an die Lippen.

»Ah, das tut gut«, sprach Hildegard leise. Dann richtete sie unter Seufzen ihren Oberkörper ein wenig auf und winkte Margarete mit einem Finger zu sich.

Das Mädchen erhob sich zögernd vom Boden. Sie fürchtete sich vor dem Tod, ekelte sich vor dem Geruch, der unter dem der Wachskerzen lag, hatte Angst davor, Hildegards sterbende Haut zu berühren – und gleichzeitig schämte sie sich dieser Gedanken. Hier lag ihre geliebte Mutter Hildegard und bereitete sich auf den Tod vor.

»Da bin ich, Mutter«, sagte Margarete und setzte sich mit Abstand auf einen Schemel, der neben der Bettstatt der Äbtissin stand. Sie sah, wie Hildegard nach ihrer Hand tastete. Einen Augenblick zögerte sie, dann schluckte sie und nahm die Hand der alten Frau, strich behutsam über jeden einzelnen Finger und schmiegte schließlich ihr Gesicht dorthinein. Wie zart ihre Haut doch ist, dachte sie überrascht. Sie erinnert mich an das kostbarste Pergament, das wir im Scriptorium haben. Oder an Alabster.

»Beuge dich zu mir«, bat Hildegard leise, und Margarete gehorchte.

»Als du damals, vor sechzehn Jahren und drei Monaten, zu uns kamst, warst du in eine Windel gewickelt, welche ein Wappen trug. Verschwunden ist die Windel seither. Ein … ein Vogel war darauf zu sehen, eine …«

Die Stimme erstarb, die Augen der Äbtissin öffneten sich weit, starrten ins Nirgendwo, das Gesicht entspannte sich.

Margarete schrak zurück.

»Ist sie tot? Stirbt sie in diesem Augenblick?«, fragte sie voller Angst. Ihre flehenden Blicke huschten von Wibert zu Tenxwind, dann zu Serafina und wieder zurück zu der heilkundlichen Nonne. »So tut doch etwas!«

Die Apothekerin beugte sich über die alte Frau, betrachtete sie eine kleine Weile und schüttelte den Kopf. »Sie ist noch nicht tot. Das Herz schlägt nach wie vor, der Atem geht ruhig und gleichmäßig.«

Wibert von Gembloux war aufgestanden und zur Bettstatt getreten. »Ich habe sie so schon des Öfteren gesehen«, murmelte er. »Es sollte mich nicht wundern, wenn sie gleich eine Vision bekommt. Schnell, Margarete, hole die Wachstafeln und den Griffel.«

Das Mädchen nickte, stob aus der Zelle und kehrte kurze Zeit darauf mit den Schreibutensilien zurück.

In der Tür prallte sie mit Lucardis von Algesheim zusammen, die – so schien es Margarete zumindest – mit der alten Serafina rang. »Lass mich ein!«, keuchte Lucardis. »Mein Platz ist an ihrem Bett, besonders zu dieser Stunde. Ich war ihre Favoritin. Ich bin es noch!«

Sie stieß Serafina brüsk zur Seite, sodass die alte Frau gegen den Türrahmen fiel, und eilte an das Fußende des Bettes, genau an die Stelle, an der vor kurzem noch Margarete gesessen hatte.

Wibert winkte Margarete heran und wies ihr den Schemel zu.

»Gleich«, flüsterte der Sekretär. »Gleich wird sie sprechen. Bist du bereit?«

Margarete nickte, packte den Griffel fester. Sie saß ganz starr, hatte jeden Muskel angespannt und den Blick auf Hildegard gerichtet. Sie sah nicht den zahnlosen Mund, der beinahe ohne Lippen war, sah nicht die eingefallenen Wangen, die feinfaltige Haut, sondern nur die großen, hellen Augen, die plötzlich so klar wie Quellwasser waren und noch immer ins Nirgendwo blickten. Doch dann veränderte sich Hildegards Gesicht. Die Wangen füllten sich, der Mund bekam die Lippen zurück und lächelte, die Falten verschwanden und machten der puren Glückseligkeit Platz.

»Ich sehe einen Engel, an dessen Gewand alle Edelsteine dieser Welt funkeln, als da sind Saphire, Diamanten, Blutsteine, Lapislazuli, Jade, Onyx, Karneol, Jaspis, Sarder, Topas, Achat, Amethyst und viele andere.«

An dieser Stelle brach ihre Stimme. Ein heiteres Kichern war zu hören und ein Gesicht zu sehen, welches in höchster Verzückung strahlte.

Leise hatte sich Wibert von Gembloux an Hildegards Bettstatt genau neben Margarete gesetzt. »Ist es der Engel, den Ihr früher schon einmal gesehen habt?«, fragte er mit sanfter Stimme.

»Ja«, hauchte Hildegard. »Der Engel, in dessen Gewand sich die Herrlichkeit und das Licht Gottes spiegelt, aber … ach …«

Hildegard brach ab, ihr Gesicht verschattete sich, die Augen trübten ein. Die alte Frau begann zu zittern. Zuerst bebten die Nasenflügel, dann die Lippen, schließlich zitterte der ganze Leib, als ob sie im Schüttelfrost läge.

»Was ist?«, drängte Lucardis. Sie kam um das Bett herum, packte die Äbtissin bei den Schultern und schüttelte sie. Da sprang Wibert von Gembloux auf und riss Lucardis zurück. »Seid Ihr verrückt geworden? Seht Ihr nicht, dass sie mit unserem Herrgott spricht? Wollt Ihr Euch etwa in dieses Gespräch mischen?«

»Was ist mit dem Engel? Sie muss uns sagen, was sie sieht!«, beharrte Lucardis mit hochrotem Gesicht, während Wibert an ihrem Ärmel zerrte.

Margarete sah in das Gesicht der Prophetissa und fragte leise und mit sanfter Stimme: »Ist es das Dunkle, das Ihr seht?«

Hildegard nickte heftig. »Die Steine, welche das Licht des Herrn hüten, beleuchten nicht nur Gutes. Nein, auch die Mächte der Finsternis können Macht und Weisheit daraus schöpfen. Hütet die Steine! Hütet die Steine! Hütet die Steine!«

Der letzte Satz glich einem Schrei. Hildegard fuchtelte mit den Armen umher, als kämpfe sie gegen Dämonen und Teufel. Wibert fing ihre Arme ein, nahm ihre Hände und sprach leise und beinahe zärtlich auf die alte Äbtissin ein. »Wir sind alle bei Euch. Nichts kann Euch geschehen. Das Böse hat keine Macht über Euch!«

»Aber …«, stammelte Hildegard und zitterte noch heftiger. »Luzifer hat schon einmal die Macht der Steine missbraucht. Danach musste Gott ihren Glanz löschen. Lange hat es gedauert, bis er den Menschen die Steine wiedergegeben hat, damit wir ihre Heilkräfte nutzen. Doch nun … doch nun …«

Sie brach ab, fuchtelte wieder mit den Händen. Schweiß trat auf ihre Stirn, auf die Oberlippe. Ihr Atem ging keuchend.

Wibert sah kurz zu Margarete: »Hast du alles mitgeschrieben? Hast du jedes Wort notiert?«

Das Mädchen nickte. »Alles.«

Wibert von Gembloux strich der alten Frau sanft über die Wangen, glättete mit einem Finger die Falten auf ihrer Stirn. »Was nun? Was seht Ihr, geliebte Mutter?«

»Ich … ich … der Engel … da ist er wieder. Wie damals, als Gott den Glanz der Steine ausgelöscht hatte. Nur einer leuchtet noch am Gewand des Engels … nur einer noch … härter und strahlender als alle. Es ist der Stein der Steine, der Königsstein.«

Margarete schrie leise auf und presste sofort die Hand vor den Mund. Serafina bekreuzigte sich und küsste ihren Rosenkranz. Lucardis kam wieder näher, beugte sich über die Sterbende. »Erzählt«, beschwor sie die Äbtissin. »Sprecht weiter! Bitte!«

Wibert von Gembloux packte Lucardis am Arm und zog sie von der Bettstatt weg. »Es ist genug! Schert Euch raus«, herrschte er die Leiterin des Scriptoriums an. »Ihr wisst genau, dass Hildegard außer Margarete und mir niemanden dabeihaben will, wenn sie ihre Visionen hat.«

Er drängte Lucardis von Algesheim zur Tür, doch da hörte er von der Bettstatt her ein Röcheln. Sofort ließ er Lucardis gehen und eilte an das Bett.

»Der Engel«, stammelte Hildegard von Bingen.

»Was ist mit ihm?«

»Er kommt, um mich zu holen. Heim zu unserem Herrn.« Ihre Zunge fuhr über die aufgesprungenen Lippen.

Serafina tränkte ein Leinentuch mit Brunnenwasser und drückte aus dem Tuch heraus einige Tropfen in Hildegards Mund, bestrich die spröden Lippen.

»Der … der Engel …«

»Ja?«, fragte Wibert von Gembloux. »Was ist mit ihm?« Er warf einen kurzen Blick zu Margarete, die soeben die letzten Worte Hildegards auf eine Wachstafel schrieb.

»Er bahnt mir den Weg mit dem Stein. Dem Stein der Steine, dem Königsstein.«

»Sie spricht vom Stein der Weisen«, flüsterte Lucardis. Ihre Augen waren riesengroß und brannten in ihrem sonst so blassem Gesicht. Die Lippen hatte sie fest aufeinandergepresst. »Vom Stein der Weisen«, wiederholte sie, kniete nieder und schlug das Kreuzzeichen.

Wieder bekreuzigte sich auch Serafina, und Wibert von Gembloux nahm den Rosenkranz zur Hand und führte ihn an die Lippen. Dieses Mal war es Margarete gelungen, einen Aufschrei zu unterdrücken. Die Nennung des Steines der Weisen hatte ihr Schauer über den Rücken gejagt.

»Heller als jeder andere Stein strahlt er«, flüsterte die Sterbende mit schwächer werdender Stimme. »Doch sein Licht kann jede Krankheit heilen und jedes Gemüt erhellen. Unzerstörbar ist er und härter als alles, was es gibt auf der Welt.«

Die Stimme brach ab, und Serafina beträufelte erneut Hildegards Lippen.

Lucardis von Algesheim hatte sich wieder nach vorn gedrängt. »Wo ist der Stein? Sagt, geliebte Mutter, wo Gott ihn vor den Menschen versteckt hat. Sagt es, damit wir Gutes damit tun können.«

»Schweigt endlich!«, zischte der Prior, doch als Margarete ihre Hand auf seinen Arm legte und auf die Sterbende wies, beruhigte er sich sofort wieder.

»Wollt Ihr den Teufel versuchen?«, raunte er. »Jeder Mensch weiß, dass der Stein der Weisen von Luzifer und Gott gleichermaßen gehütet wird. Gott hat ihn vor den Menschen versteckt und sein Licht gedämpft. Mit Hilfe des Steines kann man Gold machen, das Alter besiegen und jede Krankheit heilen. Verdammt aber ist derjenige, der ihn zum falschen Zweck benutzt. Also schweigt!«

Wieder stieß der Sekretär Lucardis zur Seite, doch diese ließ sich nicht einfach abdrängen.

»Wo ist er? Mutter Hildegard, so sprecht doch! Wo ist der Stein der Weisen?«

»Es reicht!« Wibert von Gembloux packte Lucardis am Arm, öffnete die Tür und stieß sie mit aller Kraft aus der Zelle, sodass sie auf dem Gang stürzte. Dann gebot er auch Serafina und der schweigsamen Tenxwind, die Zelle zu verlassen, und schlug die Tür hinter ihnen zu. Nun waren Margarete und der Mönch mit der Sterbenden allein. Und im selben Augenblick – Wibert war noch damit befasst, den Riegel in das Türschloss zu schieben, der sich verklemmt hatte und nicht von der Stelle rührte – bewegte Hildegard von Bingen die Lippen. Margarete beugte sich weit nach vorn, hielt ihr Ohr ganz dicht über den Mund der Prophetin. Doch schon sank die alte Frau in die Kissen zurück. Margarete starrte auf den Mund der Äbtissin, die soeben etwas Ungeheuerliches ausgesprochen hatte.

»Hat sie noch etwas gesagt?«, fragte Wibert leise und sah auf die Wachstafeln in Margaretes Hand. »Mir schien, als hätte ich etwas gehört.«

Margarete senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Die Knöchel der Hand, die den Griffel hielten, waren weiß vor Anstrengung. Auf der Wachstafel hatte der Schweiß ihrer Hand einen dunklen Abdruck hinterlassen.