Rolf-Bernhard Essig
Gudrun Schury

Wie der Klatsch
zum Kaffee kam

Wundersames
aus der Welt der Wörter

Aufbau Digital

Impressum

Mit Illustrationen von Peter Menne

Die Radiokolumne der Autoren „Migranten des Wortschatzes“ ist freitags gegen 6:40 Uhr und 8:50 Uhr auf WDR 3 bei „Monsaik. Das Kulturmagazin“ zu hören

ISBN 978-3-8412-0784-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2011 bei Rütten & Loening,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung einer Illustration von Gerhard Glück

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Fremdsprechen ist cool! Ein Vorwort

I. Die Gitarre und das Meer
Wörter mit Salzgeruch

II. Geschmackvoll bunt
Wörter zur Erweiterung der Genussregion

III. Kleine und große Unannehmlichkeiten
Wörter für den Notfall

IV. Herb, derb, laut
Wörter voll männlichem Charme

V. Schick im Sperrbezirk
Wörter ohne Komplexe

VI. Toll reden und regieren
Wörter nicht nur für die Politik

VII. Unverzichtbar
Wörter als Dessert

Wörterverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zu den Autoren

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

FREMDSPRECHEN IST COOL!
EIN VORWORT

Für die meisten von uns Deutschen beginnt der Tag mit Fremdwörtern. Und das nicht, weil wir uns etwa nach dem Aufstehen mit »existentieller Hyperästhesie« auseinandersetzen müssen, sondern weil wir sagen: »Jetzt eine Tasse Kaffee, einen Toast mit Marmelade und ein feines Müsli mit Jogurt!« Sieben von diesen vierzehn Wörtern sind in unseren Sprachschatz eingewandert: Tasse aus dem Französischen, Kaffee aus dem Arabischen, Toast aus dem Englischen, Marmelade aus dem Portugiesischen, fein aus dem Lateinischen, Müsli aus dem Schweizerdeutschen und Jogurt aus dem Türkischen. Überhaupt ist die deutsche Sprache die reinste Multikulti-WG. Vieles von dem, was uns urdeutsch vorkommt, wie das Sofa, die Kartoffel und der Bursche, ist noch gar nicht so lange bei uns heimisch. Und genau das macht die Lebendigkeit und Beweglichkeit des Deutschen aus: dass es Begriffe aus aller Welt und aus allen Bereichen in sich aufnehmen kann – mal unverändert wie Boykott, mal ganz unserer Zunge angepasst wie Hängematte. Dieses Gute-Laune-Accessoire ist übrigens ein schönes Beispiel für Bequemlichkeit. Für Sprachbequemlichkeit. Statt jenes hamaca, wie die Haitianer ihr Schwebebett nannten, zu übernehmen, veränderte man den Ausdruck so lange, bis man sich etwas darunter vorstellen konnte: eine hängende Matte eben. »Volksetymologie« nennt man es, wenn fremdländische Wörter einen deutschen Anstrich bekommen. Der Maulwurf ist so entstanden, ebenso der Seehund und der Vielfraß. Weder wirft der eine mit dem Maul, noch gehört der Zweite zu den Hunden, noch frisst der Letztere besonders viel.

Die Geschichte, wie sich der fjeldfross aus dem Norwegischen in unsere Sprache einschlich, dort zum Vielfraß wurde und so maskiert wieder ins Norwegische zurückhüpfte, ist spannend wie ein Pingpongturnier. Andere Wortgeschichten gleichen eher Weltwanderungen, die – wie beim Kiosk – vom Persischen über das Türkische, Italienische und Französische bis zu uns führten. Jede Reise verändert den Reisenden, und so kamen auch die fremden Wörter oft gründlich gewandelt bei uns an. Aus einem Augenpulver wurde Alkohol, aus einem Wiesel die Galionsfigur und aus einem Privatmann der Idiot.

Nicht immer freute man sich freilich über die eingewanderten Wörter, die der deutschen Sprache gerade noch gefehlt hatten. Immer wieder erhoben sich Puristen ... äh ... Reinhalter, die dem Deutschen seine nationale Identität ... nein: seine völkische Eigenheit bewahren wollten. Eine folgenreiche Säuberungskampagne widmete sich im 18. Jahrhundert allem, was schon damals, von fremden Gestaden kommend, bei uns angespült worden war. Vor allem das modische Französisch fand man nun degoutant ... nein: abstoßend. Man sprach von »Fremdwörterei« und verlangte »Verdeutschung«.

Dem großen, wenn auch übers Ziel hinausschießenden Wissenschaftler Johann Heinrich Campe mit seinen Grundsätzen, Regeln und Grenzen der Verdeutschung dichteten Goethe und Schiller in ihren Xenien unter der Überschrift »Der Purist« (Nr. 152) spöttisch hinterher:

Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern;

Nun so sage doch, Freund, wie man P e d a n t uns verdeutscht.

Immerhin entstanden damals als Ersatz für ausländische viele neudeutsche Wörter, auf die wir heute nicht mehr verzichten wollen, so Minderheit für Minorité, Bittsteller für Supplikant, Wirrwarr für Konfusion oder Stelldichein für Rendezvous.

Nicht weiter verwunderlich, dass im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit seinen patriotischen Tendenzen ... nein: mit seinen vaterländischen Strömungen aufs Neue Sprachsaubermänner auftraten. Sie gründeten 1885 den Deutschen Sprachverein, kämpften gegen das »Fremdwörterunwesen« sowie für die »Entwelschung« – und gebrauchten damit gleich wieder ein Fremdwort (siehe Walnuss). So wie man die »Altdeutsche Tracht« (die gar nicht alt war) und die Heimatmusik propagierte ... nein: predigte, so vertrat man nun eine blitzblanke, rein deutsche Sprache. In völliger Ignoranz ... nein: Unkenntnis davon, dass sich das Althochdeutsche natürlich unter heftiger Einflussnahme fremder Idiome ... nein: Sprechweisen entwickelt hatte, nicht zuletzt des Lateinischen, teilte man nun in böse »welsche« und gute deutsche Wörter ein. Damit man im täglichen Sprechen keinen Fauxpas ... nein: Fehltritt begehe, gab es Wörterbücher zur Orientierung ... nein: Zurechtfindung. Eines davon stammt von Eduard Engel und heißt Entwelschung. Verdeutschungswörterbuch für Amt, Schule, Haus, Leben, Leipzig 1918. Nicht nur enthält es so herrliche Verdeutschungsvorschläge wie Schlackwurst für Salami, eiferwütig für fanatisch, Schmäckler für Ästhet, Tönesturm für Sinfonie, Himmelsziege für Libelle, zwischenvölklich für international oder Quällüstling für Sadist, es spart auch nicht mit Kommentaren ... nein: Anmerkungen. Der Expressionismus ist ein »heimparisisches Kunstschmockwort«, der Interessent verrät »roheste Unsprache«, ja »Rackerlatein«, und das von der »jungen Engländerei« eingeschleppte Sandwich könne man schließlich sehr gut Klappstüllchen nennen. Bei urdeutschen Themen wird Herr Engel dann richtig deutlich. So liest man unter dem Stichwort Militarismus: »Blödlingswort der neidvollen Feinde Deutschlands im Weltkriege für: das unbezwingbare Deutschland ...; in Wahrheit: Volk in Waffen, bewaffneter Friede, deutsche Verteidigung, ›schimmernde Rüstung‹, Stahlmauer, Schwertgewalt, das deutsche Schwert, Deutsche Hiebe, Deutschland über alles«.

Solch erzdumme Parolen (nicht unpassend verdeutscht mit Feldgeschrei ) leiten auch diejenigen Verblendeten, die einem intoleranten Nationalismus das Wort reden. Dass unser Volk seit jeher ein buntes Gemengsel war und zum Glück immer bunter wird, gilt auch für seine Sprache. Fast keine Weltgegend, aus der wir nicht ein paar Vokabeln übernommen hätten, vom Schwedischen und Slawischen über das Turktatarische, Chinesische, Griechische, Malaiische und Hebräische bis hin zu Hindi und Afrikaans. Selbst das Wort Arier zeigt sich exotisch: Es stammt aus dem indoiranischen Sprachraum und ist eng verwandt mit Iran. Um 1800 verwendete Friedrich Schlegel den Begriff arisch für alle Sprachen, die dem Indogermanischen entsprangen, also die der Inder, Perser, Meder, Griechen, Römer und Germanen. Das übernahm ein halbes Jahrhundert später Arthur de Gobineau für seine platten Rassismustheorien. So viel zum Missbrauch Unschuldiger.

Heute sind wir in der Zusammenstellung unserer Mahlzeiten, Kleidungsstücke, Sportarten und Urlaubsziele weltoffen wie nie. Ein schönes Vorbild für das tägliche Miteinander. Und unser Sprachverständnis. Denn wohin man schaut in der Wortrepublik: Ausländer, Migranten, Fremdarbeiter, Zuwanderer, Asylanten, Neubürger. Ohne sie käme unsere Sprache nicht aus. Sie wäre ärmer, farbloser und langweiliger. Und deshalb lassen wir auch das Twittern, den Latte macchiato und die Vuvuzela rein. Denn: Fremdsprechen ist cool!

I . DIE GITARRE UND DAS MEER
WÖRTER MIT SALZGERUCH

Abenteuer

Ein einsamer Reiter in der Kaktuswüste, von fernher Kojotengeheul, und wenn man genau hinhört, dumpfer Trommelklang, der den Sonnenuntergang unheimlich macht. So könnte ein Abenteuer beginnen. Und vielleicht wird dieser Abend den Reiter noch teuer zu stehen kommen, wenn er die Abenteuerlust mit seinem Leben bezahlen muss.

Aber hat das Wort für ein erregendes Erlebnis überhaupt etwas mit »Abend« und »teuer« zu tun? Nun, immer neue Schülergenerationen müssen lernen, dass man es nicht mit einem »d« in der Mitte schreibt. Doch was ist ein »Aben«, der so teuer ist?

Gehen wir zurück ins Mittelalter und schauen uns eins der berühmtesten Epen an, das Nibelungenlied. Es ist eingeteilt in »âventiuren«, und was darin beschrieben wird, ist höchst abenteuerlich: Drachenkampf, Frauenlist, Mord, Krieg, Liebe und Verrat.

Tatsächlich kommt das Wort aus dieser Sphäre ins Deutsche. In Frankreich hatte Chrétien de Troyes nämlich ungeheuer erfolgreiche Ritterepen geschrieben, in denen das Wort »aventure« vorkam. Das stammte aus dem mittellateinischen »adventura«, das man zu »advenire« gebildet hatte. Eigentlich hieß »adventura« nur »das, was geschehen soll«. Als »aventure« geriet es aber in den französischen Ritterepen zum schillernden Begriff, der als »âventiure« im Mittelhochdeutschen noch verheißungsvoller wurde. Er bedeutete Zufall, Ehre, Geschichte, Geheimnis, Zauberei, Geschick, Bericht und außergewöhnliches Ereignis. In dieser letzten Bedeutung setzte er sich zunehmend durch. Allerdings veränderte sich die »âventiure« im Lauf der Sprachgeschichte durch Lautverschiebung zur heutigen Gestalt des »Abenteuers«.

Das konnten Liebesabenteuer sein oder Räuberüberfälle, Ritterkämpfe oder Kriegserlebnisse. Goethe probierte dann schon abstrakte Verwendungen aus. So spricht er von Immanuel Kants »Abenteuer der Vernunft« und überträgt den Begriff sogar auf die Krise der Literaturkritik: »Bei dem gräulichen Zustande unserer lieben Zeitungskritik hat noch das Abenteuer gefehlt, daß Leute ohne alle literarischen Kenntnisse sich zu Kunstrichtern aufwerfen.«

Wahrlich, eine abenteuerliche Sache! Die uns allerdings merkwürdig bekannt vorkommt ...

Eldorado

Es gibt einfach herrliche Gegenden: malerisch, fruchtbar und vielversprechend zugleich. Man kann Paradies dazu sagen oder Garten Eden, Traumland, Elysium, Zauberort, Idylle, Schlaraffenland ... oder Eldorado. Journalisten sprechen gern vom »Eldorado für Motorradliebhaber«, vom »Eldorado für Heimwerker« oder vom »Eldorado für Markenpiraten«. Wo wollen die nur alle hin, die Biker, Bastler und Produktfälscher?

Sie versetzen sich gedanklich nach Südamerika. Dort erzählte man früher von dem sagenhaft reichen Goldland der Chibcha. So groß seien dessen Goldvorkommen gewesen, dass es bei religiösen Feiern eine bestimmte Zeremonie gegeben habe, bei der der Herrscher seinen ganzen Körper mit Goldstaub eingepudert und anschließend im heiligen See Guatavita gebadet habe. Außerdem hätten die Priester Opfergegenstände aus Gold im Wasser versenkt. Die Legende von diesem sagenhaften Goldgebiet war ein wichtiger Anreiz für die spanischen Eroberer, die Länder Südamerikas zu erforschen und sich untertan zu machen. Den goldgepuderten Herrscher nannten die Spanier »el dorado«, »den Vergoldeten«. Auch sein sagenhaftes Land bekam diesen Namen. Man vermutete es in verschiedenen Gegenden, zum Beispiel am Amazonas.

Zur weiteren Verbreitung des Wortes trug vor allem der Abenteuerbericht des englischen Seefahrers Sir Walter Raleigh bei. Er suchte 1595 das unendlich reiche Land Eldorado, indem er dem Flusslauf des Orinoko folgte. In seinem Buch Die Entdeckung von Guyana schreibt er: »Das Reich von Guyana ... hat mehr Überfluss an Gold als irgendein Teil von Peru ... Die Spanier, die Manoa, die Hauptstadt von Guyana, von ihnen El Dorado genannt, gesehen haben, versicherten mir, dass es an Pracht, Reichtum und wunderbarer Lage alles andere auf Erden weit übertrifft.«

Schon 1579 hatten die Deutschen das schöne Wort aus dem Spanischen in ihre Sprache übernommen, wenn sie von einem Wunderland sprechen wollten. Und in der Romantik wurde es dann vollends zum Begriff für einen Sehnsuchtsort, so in der ersten Strophe aus Joseph von Eichendorffs Gedicht Eldorado:

Es ist von Klang und Düften

Ein wunderbarer Ort,

Umrankt von stillen Klüften,

Wir alle spielten dort.

Arche

Erst einzelne, dann viele Tropfen, schließlich ein gewaltiger Regen. Immer mehr Regen, Massen von Regen: eine wahre Sintflut. Davon erzählt die Bibel. Die berühmte Strafüberschwemmung bedeckte alle Lande, alle Pflanzen, alles Getier, alle Menschen. Wirklich alle?

Nein, Noah, »ein frommer Mann«, bekam rechtzeitig eine göttliche Warnung und den Auftrag, ein Riesenrettungsboot für sich, seine Familie und für je ein Paar aller Tierarten zu bauen: »Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche sie mit Pech innen und außen. Und mache ihn so: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. Ein Fenster sollst du daran machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben.«

Gottes Bauanleitung klingt seltsam genau und bleibt gleichzeitig vage. Und wieso überhaupt Kasten? Nun, im Hebräischen rechnete man, ähnlich wie im Römischen, mit Buchstaben, nicht mit Zahlen. Deshalb hatte jedes Wort auch Zahlbedeutung, jede Zahl auch Wortbedeutung. Die Maße der Arche – dreihundert mal fünfzig mal dreißig Ellen – ergeben zusammen die drei Buchstaben »Schin«, »Nun« und »Lamed«, die wiederum zusammen den Stamm des Wortes »Laschon« ergeben. Das bedeutet »Sprache«. Faszinierend! Aber auch der Name des Schiffes hat eine Bedeutung. Im hebräischen Urtext steht nicht »Arche«, sondern das hebräische Wort »teba«, was genau das meint, was Martin Luther übersetzte: »Kasten«, »Kästlein«. Darüber hinaus aber auch »Wort«. Auf den ersten Blick ist die Arche das Rettungsfahrzeug inmitten einer Katastrophe, doch in ihrem Namen und in ihren Maßen steckt zugleich der Hinweis auf ihre symbolische Bedeutung, auf die Rettung durch Sprache und Wort. Unser Ausdruck »Arche« geht dabei auf das Lateinische zurück und hat mit dem ähnlichen griechischen Wort »arché«, das »Beginn« und »Herrschaft« bezeichnet, nichts zu tun. Vielmehr heißt das lateinische Wort »arca« genau wie das hebräische »teba« einfach »Kasten«. »Arche Noah« kann man also mit »der Kasten Noahs« übersetzen.

Die Arche wählten allerlei Rettungsinstitutionen als Namenspatron, weil sie Noah und jeweils ein Paar aller Tiere vor dem Ertrinken in der Sintflut bewahrte. Das Wort »Sintflut« hat übrigens nichts mit Sünde zu tun. Es klingt nur verführerisch ähnlich. Tatsächlich setzt es sich aus dem Wort »vluot«, aus dem unsere »Flut« wurde, und »sin« zusammen, einer schon im Germanischen vorkommenden Vorsilbe, die »in einem, immerwährend, groß« bedeutet. So hieß das Wort bis ins Mittelhochdeutsche hinein in verschiedenen Schreibweisen »sinvluot« und damit einfach »große Flut«. Schon um 1500 kam das »t« im Wortinnern auf, etwas später Schreibungen mit »ü«. Und so entstand die Idee einer Sündenflut, die bis heute – auch ohne Arche – nicht untergegangen ist.

utopisch

Kinos tragen den Namen, Jugendzeitschriften für »eine herrschaftslose und gewaltfreie Gesellschaft«, Fahrradhersteller, Diskotheken und ein Internetportal für strategischen Konsum: »Utopia«. Dann sind da noch die »utopischen Zahlen«, die vollkommen unglaubwürdig oder einfach aus der Luft gegriffen sind. Und schließlich präsentieren Zukunftsforscher regelmäßig Szenarien der Welt in hundert Jahren. Ihre Kritiker tun das ab, indem sie sagen: »Alles reine Utopie.« Für Autoren utopischer Romane wäre das indes ein ernst gemeintes Lob.

Unter diesen Autoren fände man sicher einige, die über die Herkunft des Wortes Auskunft geben könnten. Ein Kollege setzte nämlich dessen Erfolgsgeschichte in Gang. Er hieß Thomas Morus und lebte von 1478 bis 1535. Als Lordkanzler stand er dummerweise König Heinrich VIII. im Weg bei dessen Plänen für eine Staatskirche. Die königliche Lösung für den eigenwilligen Denker Morus: Kopf ab!

Davor zeigte er sich freilich als kluger und engagierter Diener seines Landes. Er hatte seit Kindertagen unentwegt studiert, gehörte zu den bedeutendsten Humanisten und war mit Erasmus von Rotterdam befreundet. Unter seinen Werken erlangte aber nur eines aus dem Jahr 1516 dauerhaften Ruhm: Libellus ... de optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia. Zu Deutsch: Büchlein über den besten Zustand des Staates und von der neuen Insel Utopia. In dem Büchlein wird die Insel Utopia beschrieben, auf der das meiste in bester Ordnung ist. Die Vernunft regelt fast alles optimal, ob es um den persönlichen oder den allgemeinen Frieden geht, um Kindererziehung, Euthanasie, Erwerbstätigkeit oder Bildung. Privateigentum und Geld sind abgeschafft, und das ist nicht das Einzige, was an Sozialismus erinnert. Es lohnt sich auf jeden Fall noch heute, das kleine Buch zu lesen. Wer freilich in dem Inselstaat Utopia ein Ideal sieht, sei gewarnt. Es handelt sich um phantastische Literatur. Morus vermischte ernste Reformvorschläge und satirische Passagen. Sein Freund Peter Giles erfand damals für ihn sogar die Sprache Utopisch. Das klang dann beispielsweise so: »Utopos ha Boccas peula chama polta chamaan.« Und bedeutete: »Utopos machte mich [Utopia] zur Insel, die vorher keine Insel war.«

Und der Inselname »Utopia« selbst? Er kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. »Ou« heißt »nicht« oder »kein«, und »topos« heißt »Ort«. So bedeutet der Name also »Keinort« oder auch »Nirgendwo«. Utopia existiert eben nur in der Literatur und in den Köpfen der Leser. Dennoch ist sie eine der berühmtesten Inseln der Welt.

Kannibalen

Kolumbus ist schuld. Er notierte am 23. November 1492 in seinem Schiffstagebuch: »Die Indios ... nannten das Land Bohio und sagten, es sei sehr groß und auf ihm lebten Leute, die nur ein Auge auf der Stirn hätten, und andere, die Canibales hießen, und sie gestanden, dass sie große Angst vor diesen hätten. Als sie sahen, dass er den Weg dorthin einschlug, konnten sie, wie er sagt, vor Angst kein Wort mehr über die Lippen bringen, denn sie fürchteten, dass sie aufgefressen würden.«

Die Indios sprachen wahrscheinlich von den Karaiben oder auch Kariben, der großen Sprach- und Kulturgemeinschaft im Norden Südamerikas und auf den westindischen Inseln. Die stolze Selbstbezeichnung bedeutete in der Sprache der Kariben »stark, tapfer, geschickt, klug«. Das Wort wurde aber wohl sehr unterschiedlich ausgesprochen, denn bei Kolumbus findet sich »los de Caniba«, »los caribes« ebenso wie »los canibales«. Für die Menschenfresser verwendete man im Spanischen bald nur noch die Form »canibales«, für die Ureinwohner der Inseln insgesamt hingegen »caribes«. So kam die Karibik zu ihrem Namen.

Die Beschreibungen der Neuen Welt, die Kolumbus nach seiner Rückkehr veröffentlichte, verbreiteten sich rasend schnell, die Schauergeschichten über einäugige Völker oder Menschenfresser natürlich erst recht. So findet sich nur gut vierzig Jahre nach Kolumbus’ Eintragung beim Reformator Simon Grynaeus der Ausdruck »Kanibalen« für Menschenfresser. Früher hatte man in Europa unter Gelehrten meistens den griechischen Ausdruck »Anthropophagen« verwendet.

Ob die Menschenfressergeschichten stimmten? Immerhin zweifelte Kolumbus schon daran; in seinem Logbuch, in dem er sich selbst als »der Admiral« bezeichnet, schreibt er: »Der Admiral bemerkt, er glaube wohl, dass einiges davon wahr sei, aber dass sie, da sie bewaffnet seien, verständige Leute sein müssten, und er glaube, dass sie womöglich ein paar von ihnen gefangen genommen hätten, und weil sie nicht in die Heimat zurückgekehrt seien, habe man gesagt, sie seien gefressen worden.«

In Deutschland setzte sich der Begriff jedenfalls rasch durch. Das zugehörige Eigenschaftswort »kannibalisch« gewann dabei ein Eigenleben, denn es bedeutete nicht nur »menschenfresserisch«, sondern »roh« und »barbarisch«. In Goethes Faust begegnet man ihm schließlich einfach als Steigerungswort, das die lustigen Gesellen in »Auerbachs Keller« verwenden. Sie singen:

Uns ist ganz kannibalisch wohl,

Als wie fünfhundert Säuen.

Piraten

Abbildung

Eines der erfolgreichsten und beeindruckendsten Jugendbücher ist zweifellos Robert Louis Stevensons Roman Die Schatzinsel. Hier macht der Pirat Billy Bones den Gastleuten im »Admiral Benbow« Angst mit seinen wilden Geschichten: »Ich bin an Orten gewesen, so heiß wie Pech, und rundum fielen die Kameraden von ner gelben Flagge um, und das vermaledeite Land sich am Heben und am Senken wie’s Meer vor lauter Erdbeben ..., und ich lebte vom Rum allein, das sag ich dir. Der war mir Fleisch und Trank und Mann und Frau; und wenn ich jetzt meinen Rum nicht kriegen soll, dann bin ich ein armer abgetakelter Kasten an ’ner Leeküste, mein Blut wird über dich kommen.«

Und dann singt er gern ein unheimliches Lied:

Fifteen men on the dead man’s chest,
Yo-ho-ho and a bottle of rum!

Drink and the devil had done for the rest,
Yo-ho-ho and a bottle of rum!

Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
Jo-ho-ho und ’ne Buddel voll Rum!

Schnaps und der Teufel brachten alle um,
Jo-ho-ho und ’ne Buddel voll Rum!