Guido Dieckmann

Albert Schweitzer

Ein Leben für Afrika

Roman

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0791-3

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2009 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Covermotiv © NFP / Photo Stefan Falke

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Epilog

Nachwort des Autors

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,

Das habt ihr mir getan.

Matthäus, 25, 40

Nachdenklich machen ist die tiefste Art zu begeistern.

Albert Schweitzer

Prolog

Straßburg, im Herbst 1905

Professor Fehling war ein Mann, der seine Pflichten als Dekan der Universität Straßburg trotz seines vorgerückten Alters stets gewissenhaft erfüllt hatte. Im Grunde lebte er für die Universität, etwas anderes interessierte ihn nicht. Dennoch war allseits bekannt, dass die Stunde vor dem Mittagsläuten für ihn heilig war. Weder Studenten noch Kollegen wagten es daher, den Gelehrten während dieser Zeit aufzusuchen oder um ein Gespräch zu bitten.

Auch an diesem regnerischen Herbstmorgen hatte es sich Professor Fehling mit der Morgenzeitung und einer Tasse Kaffee an seinem Schreibtisch im Dekanatsgebäude bequem gemacht, als sein Assistent den Raum betrat und einen Besucher ankündigte. Seufzend legte der Gelehrte seinen Löffel auf die Untertasse und warf dem hageren jungen Mann an der Tür durch seine dicken Brillengläser einen scharfen Blick zu.

»Muss das ausgerechnet jetzt sein? Seit den frühen Morgenstunden bin ich auf den Beinen, und das bei diesem scheußlichen Wetter.«

Der Professor stand auf, trat ans Fenster und hob die ergraute Gardine ein wenig an, damit er hinunter auf den mit Kopfstein gepflasterten Innenhof sehen konnte. Die Steine glänzten im Regen. Sie wirkten frisch gewaschen und rein. So mochte es Fehling. Zwei Studenten eilten mit wehenden Mänteln durch den Regen auf das Portal des Dekanatsgebäudes zu.

Missmutig klappte der Dekan seine Taschenuhr auf und starrte schweigend auf das Zifferblatt. Die letzte Vorlesung vor dem Mittagessen hatte bereits vor zehn Minuten begonnen. Er hasste Unpünktlichkeit, gleichgültig, um welche Art von Veranstaltung es sich handelte. Keiner der Professoren hatte seine Zeit gestohlen. Wann würden die jungen Leute das jemals einsehen?

Fehling begann vor dem zugigen Fenster zu frösteln. Im Studierzimmer gab es einen kleinen Kohleofen, doch dieser schaffte es nicht, dem großen Raum an kalten, regnerischen Tagen eine behagliche Note zu verleihen.

Der Assistent räusperte sich. »Herr Professor ...«

»Ach ja, Sie sagten, es wolle mich jemand sprechen. Ein Student? Richten Sie ihm aus, er soll die Vorlesungen abwarten und sich für heute Nachmittag ...«

»Aber Herr Dr. Schweitzer von der theologischen Fakultät wünscht, Sie zu sehen, Herr Dekan«, unterbrach ihn der junge Mann. Er sah unglücklich aus. »Dr. Schweitzer behauptet, er habe seinen Besuch bereits vor zwei Wochen angekündigt und müsse mit Ihnen dringend unter vier Augen reden. Es scheint so, als ließe er sich nicht vertrösten.«

Professor Fehlings Miene hellte sich ein wenig auf. Mit zwei geübten Handgriffen richtete er seinen Kragen und zog die gelockerte Krawatte straff, bevor er sich wieder zu seinem Stuhl hinter dem wuchtigen, schwarzen Eichentisch begab.

»Also wirklich, warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Sie unglückseliger Mensch? Sie können doch Herrn Dr. Schweitzer nicht vor der Tür stehen lassen wie einen neunmalklugen Studiosus aus dem ersten Semester. Nur herein mit ihm, wenn ich bitten darf!«

Auf die steife Verbeugung des Assistenten betrat ein mittelgroßer, schlanker junger Mann das Zimmer des Dekans. Sein Anzug war zerknittert und roch nach feuchter Wolle. In seinem dichten dunklen Haar und dem ordentlich gestutzten Oberlippenbart glitzerten Regentröpfchen, die im Schein der Lampe wie Kristallsplitter aussahen. Der junge Mann schien längere Zeit durch den Regen gelaufen zu sein. Unentwegt strich er sich durch das zerzauste Haar, während Fehlings Assistent ihm aus dem Mantel half und dann mit Hut und Regenschirm im Vorzimmer verschwand.

Fehling fragte sich, warum Schweitzer seinen Schirm nicht benutzt hatte, wenn er ihn schon bei sich trug, hielt dies aber nicht wichtig genug, um den jungen Gelehrten darauf anzusprechen. Dr. Schweitzer war schließlich als brillant, aber auch als etwas zerstreut bekannt. Insbesondere betraf dies alltägliche Angelegenheiten, die nichts mit seinen Fachgebieten zu tun hatten. Soweit Professor Fehling sich erinnern konnte, hatte Albert Schweitzer, ein Pfarrersohn aus der elsässischen Provinz, nicht nur in Straßburg, sondern auch an der berühmten Pariser Sorbonne studiert. Nun, mit gerade einmal dreißig Jahren, hatte er bereits eine beeindruckende Laufbahn vorzuweisen. Er war Doktor der Philosophie, Privatdozent der Theologie, dazu ein wahres musikalisches Genie an der Orgel und hatte ein in Fachkreisen bedeutendes Buch über das Vermächtnis des Komponisten Johann Sebastian Bach geschrieben. Nicht nur an der Universität, in der ganzen Stadt redete man über Schweitzers Erfolge. Er wurde zu Abendgesellschaften in die ersten Häuser am Platz eingeladen, und so mancher Gelehrte hätte ihn sich wohl auch als Schwiegersohn gewünscht, denn der junge Wissenschaftler war mit seiner bescheidenen, freundlichen Art nicht nur bei seinen Studenten, sondern auch bei allen Kollegen beliebt.

»Was führt Sie denn an einem so grauen Oktobertag zu mir, mein Freund?«, wollte Professor Fehling wissen, nachdem er seinem Gast einen Stuhl und eine Tasse Kaffee angeboten hatte. Er lächelte den jungen Mann aufmunternd an, spürte er doch, dass diesem etwas auf der Seele lag. »Haben Sie Schwierigkeiten mit Ihren Vorlesungen? Einem Studenten? Oder handelt es sich um ein wissenschaftliches Problem, das Sie mit mir erörtern möchten?«

Albert Schweitzer hob abwehrend die Hand. »Nichts von alldem, Herr Dekan. Ich bin gekommen, um mich als Student der medizinischen Fakultät vorzustellen. Wenn es noch nicht zu spät für eine Immatrikulation ist, würde ich mein Studium gern noch im Oktober beginnen, damit ich nicht allzu viel Zeit verliere.«

Professor Fehling schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Herr Kollege. Sie sind ein erfolgreicher Wissenschaftler und dabei noch so jung, dass eine glänzende Karriere auf Sie wartet. Vor einigen Tagen berichtete mir der Rektor, dass er große Stücke auf Sie hält. Sie scheinen ihm ein rechter Wunderknabe zu sein, wobei Sie mir nicht übelnehmen dürfen, wenn ich als Mediziner solchen Begriffen stets skeptisch gegenüberstehe.«

Fehling ging zu seinem Bücherschrank, in dem er Dutzende von schweren, in Leder gebundenen Werken über die Anatomie des Menschen, Physiologie, Chemie, Physik, Zoologie und Botanik aufbewahrte. Eine Fundgrube des Wissens, die er im Laufe vieler Jahre in aller Welt zusammengetragen hatte und auf die er nicht stolzer hätte sein können. Energisch öffnete er den Schrank mit einem Schlüssel, der an seiner Uhrkette hing. Dann wählte er einige der Bücher aus und warf sie mit mürrischem Gesichtsausdruck vor Schweitzer auf den Schreibtisch.

»Die Medizin ist eine ernstzunehmende Wissenschaft und kein Steckenpferd für gelangweilte Philosophen. Seit vierzig Jahren bläue ich meinen Studenten ein, dass Sie niemals vergessen dürfen, wie wenig wir doch über die Krankheiten der Menschen wissen. Manche Leiden mögen wir inzwischen kurieren können, doch die meisten Geheimnisse des menschlichen Körpers und seines Geistes sind uns doch verborgen. Wir verstehen von ihnen bestenfalls soviel, wie in einen Fingerhut passt. Und nun kommen Sie, Philosoph, und glauben, den Herren Professoren ihre kostbare Zeit stehlen zu dürfen, indem Sie mit ihnen Fragen über den Sinn des Lebens, über Geist und Materie erörtern? Offen gesagt, halte ich das für infam.«

Schweitzer errötete vor Verlegenheit, doch er senkte den Blick nicht. »Aber nein, Sie haben mich missverstanden, Herr Dekan«, sagte er mit fester Stimme. »Ich käme niemals auf die Idee, Medizin und Heilkunde als philosophische Forschungsprojekte zu betrachten. Ich möchte ganz einfach Arzt werden.«

»Warum denn, zum Teufel? Warum wollen ausgerechnet Sie Arzt werden?«

Schweitzer atmete tief durch; die Selbstsicherheit, mit der er das Studierzimmer des Dekans betreten hatte, begann unter dessen strengem Blick nun doch ein wenig zu bröckeln. »Das ist nicht ganz einfach zu erklären ...«

»Falls Sie meine Zustimmung zu diesem aberwitzigen Vorhaben haben wollen, in Ihrem Alter noch einmal zu studieren, werden Sie um eine Erklärung aber nicht herumkommen, Schweitzer«, erwiderte Fehling kühl. »Also, reden Sie schon! Sie sind doch auf ihrem Lehrstuhl auch nicht um Worte verlegen.«

Schweitzer räusperte sich. Er dachte einen Moment lang nach, dann sagte er: »Nun, ich denke, alles fing damit an, dass ich mir als Student das Versprechen abnahm, nach Vollendung meines dreißigsten Lebensjahres nicht mehr nur an mich selbst und an mein berufliches Weiterkommen zu denken, sondern mein Leben in den Dienst einer guten Sache zu stellen.«

»Ihr Unterricht ist doch eine gute Sache. Jedenfalls schien er mir das bis heute zu sein.«

Schweitzer stand auf und begann im Studierzimmer auf und abzugehen. »Nein, so meine ich das nicht. Meine Forschungen auf dem Gebiet der Kulturphilosophie, die Kirchenkonzerte, die ich auf der Orgel gebe, all die hochgeistigen Gespräche mit Freunden und Kollegen hier an der Universität sind letzten Endes nur ein Widerhall meiner eigenen menschlichen Eitelkeit. Sie bringen mich keinen Schritt weiter, im Gegenteil, sie beginnen allmählich mich zu stören, mir die Luft zum Atmen zu nehmen. Ich möchte mein Leben lieber damit verbringen, etwas wahrhaft Sinnvolles zu tun.«

Professor Fehling seufzte. »Und das wäre ...«

»Was könnte sinnvoller sein, als kranken Menschen dort zu helfen, wo es kaum Ärzte und Hospitäler, dafür aber umso mehr Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gibt?«

Albert Schweitzer blieb vor Fehlings Schreibtisch stehen und schlug eines seiner alten medizinischen Fachbücher auf. Beinahe ehrfurchtsvoll glitten seine Finger über die dunklen, abgegriffenen Seiten.

»Ich habe den Entschluss gefasst, nach Abschluss meiner Studien als Tropenarzt nach Afrika zu gehen.«

»Afrika? Aber mein lieber Freund, wer hat Ihnen denn nur diesen Floh ins Ohr gesetzt?« Die Stimme des Dekans klang nun nicht mehr verärgert, sondern besorgt. Eingehend betrachtete er den sonderbaren Mann, der so entschlossen wirkte wie kaum einer seiner Kollegen, und kam zu dem Schluss, dass vermutlich Erschöpfung und Überarbeitung seinen Gemütszustand hervorgerufen hatten. Vermutlich verbrachte Schweitzer seine Nächte nicht in den Armen einer jungen Frau, sondern allein an seinem Schreibtisch. Sein magerer Körper und die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten ihm, dass er zu wenig aß und schlief.

Vielleicht sollte ich mich mit den Kollegen der Psychiatrie beraten, überlegte Fehling, verwarf den Gedanken aber wieder. Wenn sich in Straßburg herumsprach, dass ausgerechnet er ein hochgeachtetes Mitglied des akademischen Lehrkörpers der Hysterie verdächtigte, konnte das nicht nur seinem eigenen Ruf schaden, sondern auch dem Ansehen des Rektors, der nach wie vor seine schützende Hand über Albert Schweitzer hielt. War der Junge nicht sogar mit dessen Tochter gut befreundet?

Schweitzer klappte geräuschvoll das Lehrbuch zu. Als er zu Fehling aufschaute, lagen in seinem Blick weder Unsicherheit noch Erschöpfung.

»Herr Dekan, wenn Sie mir das Studium der Medizin verweigern, sehe ich mich gezwungen, meine Bitte einer anderen Universität vorzutragen«, erklärte er ernst. »Mein Entschluss steht fest. Er ist unwiderruflich. Sobald ich meine Examina vor dem Kollegium abgelegt habe, trete ich die Reise ins französische Äquatorialafrika an, um dort für die Eingeborenen ein Hospital aufzubauen.«

»Sie werden auf große Schwierigkeiten stoßen, Schweitzer. Ist Ihnen das überhaupt klar?« Fehling lockerte seine Krawatte; der Knoten saß viel zu straff. So konnte doch kein Mensch atmen. Er öffnete auch die Manschettenknöpfe und streifte langsam die Ärmelaufschläge ab. Für ihn war nun alles gesagt. Mehr Zeit wollte er den verrückten Ansichten dieses Philosophen nicht opfern.

Ein Hospital in Afrika. Ein Leben unter Wilden. Wenn Schweitzer sich unbedingt in ganz Straßburg lächerlich machen wollte, sollte er ruhig Medizin studieren und zu den Eingeborenen fahren. Vermutlich würden die ihn erschlagen, lange bevor er eine Strohhütte gebaut und die erste Behandlung durchgeführt hatte.

Ihn ging das alles nichts mehr an.

Vor dem Tor der Universität wartete eine schlanke junge Frau im strömenden Regen. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit Stickereien, dessen Saum bis über die Knöchel fiel, dazu einen weiten Sommerschal, den sie gleich dreimal um den Hals gewunden hatte. Mehr zum Schutz vor neugierigen Blicken als vor dem Wetter hatte sie einen breitkrempigen Hut aufgesetzt und den Schleier tief ins Gesicht gezogen.

Albert Schweitzer hätte sie beinahe nicht erkannt, als er mit hängenden Schultern die Treppe hinuntergelaufen kam. Als sie ihren ausladenden Regenschirm anhob, um ihm darunter Platz zu machen, lächelte er ihr jedoch aufmunternd zu und winkte.

Die junge Frau versuchte angestrengt, seiner Miene zu entnehmen, wie das Gespräch mit Dekan Fehling verlaufen war. Schweitzers Ausdruck blieb jedoch gleichmütig. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn direkt darauf anzusprechen.

»Und? So reden Sie schon!«

»Ach, Helene, ich glaube nicht, dass Professor Fehling mich verstanden hat. Er hat mir prophezeit, es würde einmal schlimm mit mir enden.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf, während sie den Schleier ein wenig hob. »Was um alles in der Welt haben Sie erwartet, Albert? Dass er Ihren Entschluss begrüßt, hier alles aufzugeben, was Sie sich erarbeitet haben, und das Land zu verlassen? Nicht einmal Ihre eigenen Eltern können das.«

Schweitzer machte ein trauriges Gesicht. »Meine Eltern haben Angst, dass nun alles umsonst war, was sie sich für mich erträumten. Meine Ausbildung, die Karriere an der Universität. All die Vorträge, die ich gehalten, die Bücher, die ich schon geschrieben habe.« Er zuckte mit den Schultern. Dann bot er Helene galant seinen Arm, um sie über den Hof der Universität zur Straße zu begleiten. Als die Glocken des Münsters zu läuten begannen, blieb er stehen; seine Augen durchdrangen den feuchten Nebel des Oktobermorgens, als suchten sie den Turm der Kathedrale, doch die milchigen Schleier, die durch die Luft zogen, ließen nur verschwommen die Konturen von Dächern und Mauern erahnen. In der Nähe holperte eine Pferdedroschke über das Pflaster.

»Sie scheinen die Einzige zu sein, die mich versteht, Helene«, sagte er ungewohnt kleinlaut. »Vielleicht mache ich ja einen Fehler, wenn ich glaube, Menschen in Afrika als Arzt helfen zu können, aber ...«

Über das Gesicht seiner jungen Begleiterin huschte die Andeutung eines Lächelns, das sein Herz wärmte.

»Die Missionsgesellschaft hat Ihnen aber unmissverständlich klargemacht, dass sie gute Ärzte sucht und keine Prediger. Wenn Sie Seelen retten wollen, Albert, bleiben Sie besser hier, in Straßburg. Nach Afrika sollten Sie nur gehen, wenn es Ihnen ernst damit ist, gegen die Krankheiten zu kämpfen, unter denen die Einheimischen leiden.« Sie errötete, als er ihre Hand drückte.

»Vielleicht brauchen Sie ja eine Krankenschwester, wenn Sie Ihr Urwaldhospital aufbauen«, schickte sie zaghaft nach. »Es hält mich nämlich nichts mehr in Straßburg, wenn Sie abreisen.«

Schweitzer hob in gespielter Empörung den Zeigefinger. »Ihr Vater würde mich mit der Schrotflinte aus der Stadt jagen, Helene! Professor Bresslaus einzige Tochter kann doch nicht mit einem verschrobenen Träumer in den Urwald ziehen. Was würden die Leute sagen?«

Helenes Lachen deutete an, wie egal ihr das Gerede war. Davon abgesehen war Albert Schweitzer ihren Eltern angenehm, und sie glaubte nicht, dass seine Pläne etwas daran ändern konnten. Mit klopfendem Herzen lief sie voraus, hinein in den Regen, der immer stärker zu werden schien. Ihre helle, beinahe blasse Haut leuchtete im trüben Licht des Herbsttages wie feines Porzellan. Während sie ging, löste sich eine widerspenstige Locke ihres tiefschwarzen Haars. Behutsam strich Schweitzer sie ihr aus der Stirn. »Ihnen scheint es genauso ernst mit der Sache zu sein wie mir!«

»Wir müssen unsere Träume leben, damit sie Wirklichkeit werden können«, sagte Helene leise. »Würden Sie mich denn überhaupt mitnehmen, Albert?«

Er lächelte geheimnisvoll. Obwohl er ihr die Antwort schuldig blieb, festigte sich in seinem Innern doch das Gefühl, dass er nicht allein nach Afrika reisen würde. Sollte er Helene jedoch bitten, ihm zu folgen, so weder als Krankenschwester noch als Sekretärin, sondern nur als seine Frau.

1. Kapitel

New York, 1949

Helene Schweitzer trat aus dem großzügigen Ankleidezimmer der Hotelsuite und warf ihrem Ehemann, der sich auf dem Sofa entspannte, einen kritischen Blick zu. Sie konnte verstehen, dass Albert nach der langen Reise von Afrika nach New York erschöpft war, ihr selbst ging es nicht besser. Dennoch durften sie sich keine längere Pause gönnen, wenn sie den straffen Zeitplan einhalten wollten.

»Bitte mach dich fertig, Albert«, sagte sie mit einem mahnenden Blick auf die Uhr. »Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn wir zu deinem eigenen Konzert zu spät kämen. Vergiss nicht, dass die amerikanische Presse über jeden unserer Schritte berichtet.«

Energisch öffnete Helene die Schublade des Spiegeltisches im Schlafzimmer und entnahm ihr eine Schachtel mit Aspirintabletten gegen die Kopfschmerzen, die sie seit ihrer Ankunft im Hotel nicht losgeworden war. Als ein flüchtiger Blick ihr Spiegelbild traf, runzelte sie die Stirn und berührte seufzend ihre Wange. Albert hatte ihre Haut immer mit weißem Porzellan verglichen – ihrer Einschätzung nach hatte das Porzellan allerdings inzwischen erhebliche Sprünge bekommen. Für ihren Mann war sie trotz ihrer einundsiebzig Jahre noch immer eine attraktive Frau, doch die Falten, die sich tief in ihre blasse Haut gegraben hatten, kündeten vom Kampf gegen die vielen Krankheiten, denen sie in Afrika begegnet war, sowie von jahrelangen Entbehrungen in der Heimat. Dessen ungeachtet war ihre Haltung unverändert aufrecht, Albert behauptete sogar, sie bewege sich würdevoll. Das gefiel ihr und tröstete sie. Mochte ihr Haar inzwischen grau geworden sein, noch immer legte es sich in einer dichten Fülle um den zierlichen Kopf. Davon abgesehen verstand sie es, sich geschmackvoll zu kleiden. Zur Feier ihres ersten öffentlichen Auftretens in Amerika hatte sich Helene Schweitzer für ein Kostüm aus mehlfarbenem Tweed entschieden. Die Jacke war dreiviertellang und eine Spur zu weit geschnitten, bedeckte dafür aber die füllig gewordenen Körperpartien auf vorteilhafte Weise.

Liebevoll betrachtete sie die Perlenkette auf dem Spiegeltisch, die einst ihrer Mutter gehört hatte, heute aber ihren Hals schmücken würde. Helene hatte sich nie viel aus modischer Kleidung oder Schmuck gemacht, nicht einmal als sie noch jung war. Im Urwald von Äquatorialafrika, in dem sie und Albert ihren Lebenssinn gefunden hatten, hätte sie damit auch niemanden beeindrucken können.

Kurz überlegte sie, ob sie Albert bitten sollte, ihr beim Anlegen der Kette behilflich zu sein, doch sie verwarf den Gedanken. Albert mochte ein begnadeter Arzt sein, doch sie traute ihm ohne weiteres zu, dass er den Verschluss ihrer Kette beschädigen oder die Perlenschnur zerreißen würde, weil er nicht bei der Sache, sondern mit seinen Gedanken ganz woanders war. Einerseits bewunderte Helene die Fähigkeit ihres Mannes, alles Störende um sich herum auszublenden, sobald er die Augen zumachte, andererseits ärgerte es sie ein wenig – und das aus gutem Grund. Sobald Albert über seine Arbeit im Hospital von Lambarene nachsann, vergaß er sogar, dass sie im Raum war.

Helene nahm zwei Aspirin und spülte sie mit einem Glas Leitungswasser hinunter. Dann fuhr sie damit fort, sich anzukleiden. Während sie noch damit beschäftigt war, eine passende Handtasche auszusuchen, fiel ihr Blick auf den Geschenkkorb, der mit den herrlichsten Früchten der Saison sowie zwei Flaschen kalifornischem Wein, etwas Käse und Gebäck gefüllt war. Es handelte sich dabei um einen Willkommensgruß des Hotelmanagers, und Helene wünschte sich von Herzen, ihr und Albert bliebe noch genügend Zeit für einen kleinen Imbiss. Sie hätte es vorgezogen, in der Suite mit ihm zu essen, statt in dem vornehmen Nobelrestaurant in Manhattan, in das Vertreter einer amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation sie nach Alberts Konzert ausführen wollten. Doch der Chauffeur des Wagens, mit dem man sie abholte, wartete bereits unten auf der lärmenden Straße auf sie. Während der letzten halben Stunde hatte sich der Manager zweimal mit der Suite der Schweitzers verbinden lassen und die Dienste eines Hotelpagen angeboten. Helene hatte freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Noch war sie rüstig genug, um für sich und Albert allein zu sorgen.

Albert Schweitzer saß noch immer auf der geblümten Couch und summte die ersten Takte der Fuge von Bach, die zu spielen er sich entschieden hatte. Er war sichtlich müde; die Klimaumstellung bekam ihm nicht. Helene machte sie auch zu schaffen, aber sie freute sich so sehr, nach all den Monaten der Trennung, wieder mit Albert zusammenzusein, und hätte auch die Reise nach Afrika in Kauf genommen, um ihn von dort abzuholen. Sie bemühte sich, ihn nicht wissen zu lassen, wie schwer es ihr fiel, den ganzen Presserummel zu überstehen. Wie schwer ihr seit einiger Zeit sogar das Atmen fiel.

Albert hatte ihr während der Fahrt ins Hotel erzählt, dass er bis kurz vor seiner Abreise aus Lambarene am Aufbau des neuen Lepradorfs mitgearbeitet hatte. Die neue Siedlung auf dem kleinen Hügel hinter dem Hospital, die mehr Platz und bessere sanitäre Einrichtungen für neue Patienten bieten sollte, lag ihm sehr am Herzen, und obwohl er mit der Reise nach Amerika große Hoffnungen verband, vermisste er das Hospital, seine Mitarbeiter und vor allem die Patienten schon nach wenigen Stunden. Mit vor Freude leuchtenden Augen hatte er Helene von Quabi berichtet, einem kleinen afrikanischen Jungen, der voller Stolz seinen Zimmermannsgürtel getragen hatte. Albert hatte dem Kleinen von Amerika erzählt, dem Land der Cowboys und Indianer, in dem die Häuser größer waren als die größten Bambuspflanzen von Lambarene, und ihm versprochen, ihm eine Kleinigkeit mitzubringen. Den Patienten hatte er vor seiner Abreise eingeschärft, dass sie während seiner Abwesenheit fleißig sein und weitere Hütten auf dem Hügel errichten sollten.

»Du hättest sie einmal sehen sollen, Helene«, hatte er lachend gesagt. »Kaum dreht man ihnen den Rücken zu, legen sie sich auf die Bambusmatten und dösen in der Sonne. Wenn ich nicht selbst zu Hammer und Säge gegriffen hätte ...«

Helene schüttelte den Kopf und seufzte. Albert war im Januar fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Dennoch behandelte und operierte er nicht nur fast jeden Tag, nein, er legte auch noch selbst Hand an, um den Arbeitern im Dorf bei einem klemmenden Fensterrahmen zu helfen. Helene fand, dass er stur und schrecklich eigensinnig war. Doch im Grunde liebte sie ihn gerade dafür. Vermutlich hätte sie, wäre sie vor Ort gewesen, trotz ihrer Sorgen nicht anders gehandelt. Als Helene darüber nachdachte, überkam sie eine fast quälende Sehnsucht nach der brennenden Sonne Afrikas, nach der roten, staubigen Erde und dem kleinen Dorf am Fluss Ogowe. Sie verwünschte die Schwäche ihres Körpers, die sie schon seit Jahren zwang, dem Dorf fernzubleiben.

In Gedanken saß sie mit Albert in einer Pirogue, wie die langen Einbäume genannt wurden, mit denen sich die Eingeborenen mühelos auf dem Fluss fortbewegten. Das Boot glitt pfeilschnell durch den Strom, vorbei an Sandbänken und Palmen, die direkt am Ufer standen, auf die Biegung zu, hinter der bereits die hellen Dächer der Hütten durch die Äste der Bäume schimmerten. Das Geschrei der Tiere mischte sich mit dem rhythmischen Klang der Trommeln, die zu Ehren ihrer Ankunft geschlagen wurden.

Während sie noch versonnen auf den Obstkorb starrte, spürte sie plötzlich, wie sich ihr eine warme Hand auf die Schulter legte. »Nach deinem Gesichtsausdruck zu schließen, bist du nicht in New York, sondern in Lambarene, nicht wahr, Helene?« Albert lächelte.

»Unsinn. Wo denkst du hin?« Sie kehrte ihm den Rücken zu und ging zurück in das Ankleidezimmer. Dort lehnte sie sich gegen den Schrank und versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen; sie wollte nicht, dass er ihre feuchten Augen sah. Bereits vor Jahren, gleich nachdem die Ärzte ihr mitgeteilt hatten, was ihr fehlte, hatte sie sich geschworen, Albert niemals damit zu belasten. Er sollte sich nicht gezwungen fühlen, zwischen seiner Arbeit in Lambarene und ihr zu wählen, denn keine Entscheidung hätte sie glücklich gemacht.

Helene straffte die Schultern und verdrängte die trüben Gedanken. Sie mussten sich nun wirklich beeilen. Die amerikanische Presse, der sich Albert nach dem Konzert stellen musste, wartete bekanntlich nicht gern, das hatte Helene bereits erfahren, als sie das Land vor dem Krieg besucht hatte.

Albert saß mit gebeugtem Oberkörper an der Orgel; obwohl er einen verträumten, abwesenden Eindruck machte, glitten seine Finger mit einer Gewandtheit über die Tasten, die wohl keiner in dem vollbesetzten Saal dem alten Mann zugetraut hatte. Während das Publikum gebannt den Atem anhielt, bewegten sich Alberts Lippen unter dem struppigen Bart, als begrüßten sie jede einzelne der Noten, die sich unter der sanften Berührung in wundervolle Töne verwandelten, wie lang entbehrte Freunde.

Die Menschen, die an diesem Nachmittag gekommen waren, um den berühmten Arzt und Gelehrten aus Afrika an der Orgel zu sehen, ließen sich vom Zauber der Musik berühren. Elegante Damen mit Pelzcapes tupften sich Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln, während andere mit gefalteten Händen dem Spiel lauschten, als entführe es sie in eine bessere Welt.

Alle waren sich einig, dass es sich lohnte, Albert Schweitzer, von dem so oft in Zeitungen und Illustrierten berichtet wurde, einmal aus der Nähe zu erleben.

Auch auf Helene wirkte die Magie des Orgelspiels noch immer so stark wie damals, als sie Albert zum ersten Mal hatte spielen hören. Im Laufe der Jahre hatte sie es sich jedoch angewöhnt, auch das Publikum zu beobachten, das die Konzerte und Vorträge ihres Mannes besuchte. So ließ sie auch an diesem Nachmittag unauffällig ihre Blicke durch die Reihen schweifen, um nachzuforschen, ob sich unter den Versammelten vielleicht ein paar bekannte Gesichter befänden. Schließlich durften sie und Albert nicht vergessen, warum sie diese Reise unternahmen. Die Einladung war aufgrund der Wiederkehr des 200. Geburtstages Goethes ausgesprochen worden, über den Albert in Aspen einen festlichen Vortrag halten sollte. Darüber hinaus hatte die juristische Fakultät der Universität Chicago ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Mehr als alles andere hoffte Albert jedoch, in den kommenden Wochen großzügige Geldgeber für das Hospital aufzutreiben. Die Kosten für Medikamente, Verbandstoffe, Lebensmittel und Baumaterial ließen sich nicht mehr allein aus dem Verkauf seiner Bücher oder durch einzelne Spenden begleichen; es fehlte eigentlich immer an Mitteln. Obwohl Albert erfinderisch war, wenn es darum ging, Geld zu beschaffen, waren er und Helene sich doch rasch einig darüber geworden, dass sie die Einladung nach Amerika nicht ausschlagen durften. Wenn sie Glück hatten, befanden sich schon heute im Orgelkonzert wohlhabende Menschen, die es sich nicht nehmen ließen, ihr Scherflein für die Errichtung des neuen Lepradorfs in Lambarene beizutragen.

Zu ihrer großen Freude erspähte Helene tatsächlich Bekannte in der Kirche. Auf der anderen Seite des Mittelganges, nur wenige Reihen von ihr entfernt, erkannte sie Alberts alten Freund und Namensvetter, den Physiker Einstein. Sie hob zaghaft die Hand, geradeso, als schüttele sie ihre Armbanduhr über das Handgelenk, um auf sich aufmerksam zu machen, doch der alte Mann mit dem wirren weißen Haarschopf lächelte nur versonnen; er schien so versunken in die Musik, dass er Helene nicht wahrnahm. Helene nahm sich vor, ihn nach dem Konzert am Ausgang aufzuhalten, damit er sich nicht in aller Bescheidenheit aus dem Staub machte, bevor Albert ihn begrüßen konnte.

»Haben Sie einen Freund entdeckt, Madam?«, flüsterte ihr die attraktive junge Frau zu, die auf dem Platz direkt neben ihr saß. Helene nickte höflich, ging aber nicht näher auf die Frage ein, denn sie kannte das Mädchen kaum und hatte es sich angewöhnt, Fremden gegenüber stets Vorsicht walten zu lassen, wenn sie auf Reisen war. Man konnte nie wissen, wer es gut mit einem meinte und wer nicht. Das dunkelhaarige Mädchen machte jedoch einen harmlosen und keineswegs aufdringlichen Eindruck. Zu Helenes Überraschung hatte kein männlicher Chauffeur, sondern die junge Dame sie vom Hotel abgeholt und anschließend souverän durch den dichtesten Verkehr Manhattans bis zum Hauptportal der Kirche gefahren. Danach hatte sie sich erboten, Albert mit dem Konzertmanager bekanntzumachen, bevor sie sich neben Helene auf einer Bank in der ersten Reihe niedergelassen hatte.

Nachdem das Konzert zu Ende und der Beifall verebbt war, stand die junge Frau auf und nahm ihre Kamera aus dem braunen Lederfutteral. »Erlauben Sie mir, dass ich später ein Foto von Ihnen und Mr. Einstein mache, Madam?«, fragte sie mit einem fröhlichen Augenaufschlag.

Helene öffnete erstaunt den Mund. »Aber woher wissen Sie ...?«

»Oh, es war nicht schwer zu erraten, wem Ihre Aufmerksamkeit galt, Madam. Verzeihen Sie mir, wenn ich so forsch bin, aber wenn ich es als Frau in meinem Beruf zu etwas bringen möchte, muss ich doppelt so aufmerksam sein wie meine männlichen Kollegen und dafür sorgen, dass mir nichts entgeht.« Behutsam berührte sie Helenes Arm. »Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Offenheit nicht übel, Madam.«

Helene musterte die junge Frau mit dem hübschen kirschroten Kleid einen Moment lang irritiert, schüttelte dann aber den Kopf. »Aber nein, natürlich nicht, meine Liebe. Und nun hören Sie bitte endlich auf, mich Madam zu nennen, als wäre ich eine alte Schuldirektorin. Ich bin schlicht und einfach Frau Schweitzer. Am liebsten wäre es mir, Sie würden mich Helene nennen. Soviel ich von meinen früheren Besuchen in den Staaten weiß, haben die Amerikaner doch eine Vorliebe dafür, einander mit Vornamen anzureden. Eine Sitte, die Albert und ich begrüßen.«

Die junge Frau lachte. »Ich bin gar keine Amerikanerin, sondern Französin«, sagte sie. »Mein Name ist Thérèse Boudin. Für Sie natürlich Thérèse.«

Die Konzertbesucher strömten lachend und plaudernd dem Ausgang entgegen, doch viele blieben auf den Treppenstufen oder weiter unten auf der Straße stehen, um noch einen Blick auf den prominenten Gast zu erhaschen. Inzwischen hatten sich auch einige Vertreter der New Yorker Presse eingefunden, die es sich nicht nehmen lassen wollten, Albert Schweitzer ein paar Fragen zu stellen, bevor er die Stadt in Richtung Chicago verließ. Thérèse Boudin, die eigentlich vorgehabt hatte, in Helenes Nähe zu bleiben, musste es sich gefallen lassen, von einer Gruppe aufdringlicher Reporter und Fotografen des Daily Mirror zur Seite geschoben zu werden.

Albert ergriff Helenes Hand; das Blitzlichtgewitter, das sich plötzlich über seinem Kopf entlud, verwirrte ihn. Dennoch zwang er sich zu einem höflichen Lächeln, als ihm ein schmächtiger Reporter mit Nickelbrille und Notizblock den Weg versperrte.

»Wie gefällt es Ihnen in den Vereinigten Staaten, Professor?«, rief ihm der Mann zu. Seine Stimme klang heiser.

Albert kniff die Augen zusammen. »Nennen Sie mich doch bitte Doktor, mein Herr. Ich bin nur als Orgelspieler in Ihre schöne Stadt gekommen, nicht als Filmstar.«

»Würden Sie meinen Mann bitte durchlassen«, forderte Helene den Reporter auf, der keine Anstalten machte, sich von der Stelle zu rühren.

»Wir werden den Herrschaften von der Presse mit Vergnügen Rede und Antwort stehen, aber nicht hier auf der Kirchentreppe.« Als sich Helene umwandte, bemerkte sie die junge Französin, die etwas verloren in einer Schar von Schaulustigen stand und alle Mühe hatte, ihre wertvolle Kamera vor dem Andrang der Reporter zu schützen, die sich schubsend und drängelnd vorwärtsbewegten. Energisch schob Helene einen der Fotografen mit ihrer Handtasche zur Seite und gab Thérèse mit einem Augenzwinkern zu verstehen, dass sie sich zu ihr und Albert gesellen durfte.

»Albert, ich glaube, du hast Mademoiselle Boudin noch nicht kennengelernt.«

»Das Mädchen, das uns durch die verwirrenden Schluchten dieser Wolkenkratzer chauffiert hat?« Der alte Mann lächelte vergnügt, während er einen interessierten Blick auf Thérèses Kamera warf.

»Es ist mir eine besondere Freude, Mademoiselle. Wie ich annehme, können Sie mit diesem Ding umgehen.«

»Mademoiselle Boudin wird sich während unseres Aufenthalts ein wenig um uns kümmern und die nötigen PR-Aufnahmen machen«, sagte Helene. »Ich habe mit ihr gesprochen und glaube, dass wir uns ihr getrost anvertrauen können.«

Thérèse errötete vor Freude über das unerwartete Lob. Ihr war anzusehen, dass sie erleichtert war, aus der Schar der durcheinander schreienden Presseleute herausgerufen worden zu sein. Auch wenn es zu ihrem Beruf gehörte, berühmte Persönlichkeiten zu begleiten und Aufnahmen von ihnen zu machen, hatte sie sich doch nie den Männern zugehörig gefühlt, die für eine gute Story sämtliche Regeln des guten Benehmens vergaßen und sich zuweilen aufführten wie eine Meute Löwen auf der Jagd.

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie endlich kennenzulernen, Doktor Schweitzer«, sagte sie schließlich. »Und natürlich wäre es mir eine große Ehre, wenn ich Ihnen hier in New York behilflich sein darf, so lange Sie mich brauchen. Ich kenne die Stadt recht gut und werde mich bemühen, Ihnen nicht auf die Nerven zu gehen. Sie werden gar nicht merken, dass ich mit meiner Kamera in der Nähe bin.«

»Aber nicht doch, Mädchen.« Albert zerzauste die Spitzen seines Schnauzbarts, eine Angewohnheit, die Helene ihm nie hatte austreiben können.

»Wenn es unsere zerknitterten Gesichter auf die Titelseite eines amerikanischen Hochglanzmagazins schaffen und somit dazu beitragen, ein paar zusätzliche Dollars für mein Hospital in Afrika zu beschaffen, werden wir Sie mitsamt Ihrer Kamera adoptieren, nicht wahr, Helene?«

Der Lärm, den die Reporter und Schaulustigen veranstalteten, schwoll unterdessen an. Von der Straße war lautes Hupen zu hören. Polizisten versuchten, sich Gehör zu verschaffen. Offensichtlich behinderten einige der parkenden Fahrzeuge den Verkehr. Peinlich berührt legte Helene ihre Hand auf den Arm ihres Mannes. Wenn sie vermeiden wollten, die Presse von New York gegen sich aufzubringen, so mussten sie ihre Aufmerksamkeit notgedrungen wieder den wartenden Reportern zuwenden. Ein sonderbares Gefühl der Unruhe überkam Helene, das stärker wurde, je länger sie auf der Treppe stand. Sie kannte das Gefühl, beobachtet zu werden noch aus der Zeit des Krieges, in der ihr Leben in Gefahr gewesen war.

Irgendjemand beobachtete sie und Albert aus dem Schutz der Menge heraus, das konnte sie deutlich spüren. Und die Blicke, die der oder die Unbekannte ihnen zuwarf, waren alles andere als wohlwollend.

»Frau Schweitzer ... Helene, ist Ihnen nicht wohl?«, hörte sie plötzlich Thérèse flüstern. Die junge Frau sah ehrlich besorgt aus.

»Es ist nichts, nur die Hitze. Kümmern Sie sich nicht um mich, sondern sehen Sie zu, dass die Herren von der New York Times ihre Aufnahmen bekommen. Sie schauen Sie nämlich schon eine ganze Weile wütend an.«

In der Tat bedachten einige der Männer Thérèse Boudin mit vorwurfsvollen Blicken, als habe sie ihnen soeben die Geschichte ihres Lebens vor der Nase weggeschnappt.

»Doktor Schweitzer, das Life Magazine bezeichnet Sie als möglicherweise größten Mann der Welt«, kam da auch schon die nächste Frage aus der Menge. »Was ist das für ein Gefühl?«

»Tja, ich fürchte, diese Neuigkeiten sind noch nicht in unserem Dorf im Urwald angekommen. Wissen Sie, wir sind sehr stolz darauf, dass immer mehr unserer Schützlinge Schulen besuchen können, um lesen zu lernen, aber leider gehört das Life Magazine nicht zum Unterrichtsmaterial. Erinnern Sie mich daran, dass ich ein paar der betreffenden Ausgaben mit nach Afrika nehme, meine Oberschwester glaubt mir sonst kein Wort.«

Alberts Scherz verfehlte seine Wirkung nicht. Fröhliches Gelächter und Rufe der Bewunderung erklangen. Voller Stolz blickte sich Helene um; aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Brieftaschen geöffnet und Scheckbücher gezückt wurden. Ein vornehm gekleideter älterer Herr, der trotz der sommerlichen Wärme einen schwarzen Mantel mit Pelzkragen trug, ließ durch seinen Chauffeur seine Karte überbringen. Thérèse nahm sie für Helene entgegen und warf einen flüchtigen Blick darauf, bevor sie sich mit einem höflichen Nicken bedankte. Leise pfiff sie durch die Zähne.

»Das amerikanische Volk ist wirklich außerordentlich großzügig«, erklärte Albert an die Vertreter der verschiedenen Zeitungen gewandt. Geduldig wartete er, damit die Männer jedes seiner Worte mitschreiben konnten. »Ich wünschte nur, Sie alle könnten unser Hospital in Lambarene sehen und seine Patienten besuchen. In ihrem Namen bedanke ich mich und verspreche Ihnen, die Spendengelder, die mir während meiner Reise durch die Staaten zur Verfügung gestellt werden, für den Aufbau unseres neuen Lepradorfs und zur Bekämpfung der gefährlichen Schlafkrankheit zu verwenden.«

Ein anderer Reporter, ein großer, breitschultriger Mann, der aussah, als verdiente er sein Geld bei Boxkämpfen im Ring, drängte sich nun ebenfalls vor und baute sich vor den Schweitzers auf. »Verraten Sie uns doch, was Sie über die Vereinigten Staaten von Amerika denken, Doktor!«

»Ich bin nur ein einfacher Reisender, der eingeladen wurde, einige Vorträge über einen berühmten Dichter zu halten und auf der Orgel zu spielen«, erwiderte Albert. »Sie wohnen hier, junger Mann, sollte ich daher nicht eher Sie fragen, was Sie über Amerika denken?«

Erneut wurde Gelächter laut; höflich spendeten einige Damen und Herren Beifall, bevor sie sich zum Gehen umwandten. Doch der hünenhafte Reporter dachte nicht daran, Albert so einfach entkommen zu lassen.

»Dass Sie Arzt sind, ist weltweit bekannt, Doktor«, leitete er seine nächste Frage ein. »Und soeben wurden wir in St. Thomas auch Zeuge ihres beeindruckenden musikalischen Talents. Geben Sie uns Normalsterblichen doch mal einen kleinen Tipp, wie man das alles in einem einzigen Leben schaffen kann.«

Albert entging der leicht provozierende Ton nicht, der in der Frage des bulligen Reporters mitschwang. Dennoch antwortete er betont höflich: »Als ich anfing, Medizin zu studieren, wollte mich der zuständige Dekan in die Psychiatrie überweisen. Er war der Meinung, ich sollte bei dem bleiben, was ich konnte. Allerdings war mir damals noch gar nicht klar, was das eigentlich war. War mir wirklich etwas mit auf den Weg gegeben worden, womit ich anderen helfen konnte? Ich schrieb ein Buch über Jesus Christus, das die Kirche ziemlich schockierte.« Er blickte über die Schulter zurück zu dem Portal, durch das er und Helene soeben ins Freie hinausgeschritten waren.

»Ich denke, mir ist noch einmal vergeben worden. Dann schrieb ich ein Buch über Johann Sebastian Bach und schockierte damit alle Musiker. Was blieb mir denn noch anderes übrig als die Medizin? So schockiere ich wenigstens nur von Zeit zu Zeit die Schwestern im Hospital.«

Wiederum lachte die Menge. Auch dem Reporter schien Alberts Antwort zu gefallen, denn über sein breites Gesicht huschte ein zufriedenes Grinsen.

»Ich habe noch eine Frage, Doktor«, sagte er, noch während er etwas in sein Notizbuch schrieb. »Wie lange besteht Ihr Urwaldspital denn schon?«

»Das soll Ihnen lieber meine Frau beantworten. Was Jahreszahlen anbelangt, hat sie das bessere Gedächtnis von uns beiden.«

Helene errötete, ließ sich jedoch nicht lange bitten und machte einen Schritt nach vorne. Sie war die Öffentlichkeit gewöhnt und schreckte nicht vor der Presse zurück. »Wir sind 1913, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Afrika gegangen«, erklärte sie. »Damals fanden wir am Ufer des Ogowe nur ein paar armselige Hütten vor. Mein Mann musste seine ersten Patienten in einem Hühnerstall behandeln, in dem wir von der Hitze gebraten wurden. Aber mit der Zeit gelang es uns, ein richtiges Hospital aufzubauen und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, denen wir helfen wollten. Bald kamen sie von nah und fern oder wurden von ihren Angehörigen bei uns abgesetzt. Leider haben wir dieses erste Hospital durch den Krieg verloren.«

»Sie wurden ausgewiesen?«

Helene nickte zögerlich. Nur ungern wurde sie an jene schrecklichen Jahre erinnert, in denen sie von der französischen Kolonialverwaltung in Gabun als feindliche Ausländer eingestuft und unter Arrest gestellt worden waren, weil sie aus dem Elsass stammten. Es war demütigend gewesen. Die Behörden hatten Albert verboten, Kranke zu behandeln, was die armen Menschen, die oft einen Fußmarsch von vielen Meilen zurücklegten, um sich seiner und Helenes Pflege anzuvertrauen, nicht hatten verstehen können. Gab es zwischen den einheimischen Stämmen Auseinandersetzungen, so versammelten die Häuptlinge ihre Krieger zu einem sogenannten Palaver, bei dem der Streitfall sofort geklärt wurde. Fehden und Feindschaften waren in diesem Teil Afrikas zwar an der Tagesordnung, weshalb Albert im Hospital die Regel durchsetzte, dass die Patienten nur von ihren eigenen Verwandten, nicht aber von Angehörigen fremder Stämme gepflegt werden mussten, doch wie hätten die Schweitzers ihren Schützlingen im Dorf erklären sollen, dass sie und die anderen weißen Helfer sich von ihnen fernhalten mussten, weil in Europa die Waffen sprachen. Manch einer hatte sie darauf angesprochen und gefragt, wie es möglich sei, dass die Weißen, die gekommen seien, um am Fluss Ogowe die Botschaft der christlichen Liebe zu verkünden, sich in ihren eigenen Ländern nun gegenseitig ermordeten und sich somit über ihre eigenen Gebote hinwegsetzten.

Die Afrikaner waren erstaunlich gute Beobachter. Sie hatten rasch herausgefunden, dass sich im Zuge des patriotischen Taumels, der allerorts zum Vorschein kam, nicht einmal die französischen Geistlichen der Missionsstation von Lambarene davon abhalten ließen, Albert und Helene mit Argwohn und Feindseligkeit zu begegnen. Einige Jahre harrten sie aus, dann wurden sie gemeinsam mit weiteren angeblich feindlichen Europäern auf einen Dampfer verfrachtet und nach Frankreich gebracht, wo sie das Kriegsende in einem Gefangenenlager in den Pyrenäen abwarten mussten. Sowohl Albert als auch Helene waren in der Gefangenschaft erkrankt und nur knapp mit dem Leben davongekommen. Es war ein Wunder, dass sie Afrika überhaupt wiedergesehen hatten und ihre Arbeit von neuem aufnehmen konnten.

»Erst sechs Jahre nach Kriegsende gelang es meinem Mann, das Hospital wieder aufzubauen, wenngleich auch an einer anderen Stelle«, beendete Helene ihren Bericht. »Leider gestatten mir die Ärzte aufgrund meines Gesundheitszustands nur noch kurze Besuche in Lambarene, deshalb wuchs unsere einzige Tochter Rhena in Europa und nicht in Afrika auf. Aber mein Mann ist zu lebenslang verurteilt. Er kann sich einfach nicht länger als einige Wochen im Jahr von seiner Station trennen.«

Während sie den nun ihr geltenden Beifall der Menge mit einem bescheidenen Nicken beantwortete, entdeckte sie plötzlich ihren Freund Albert Einstein, der sich ein Stück von der Kirche entfernt gegen einen Baum gelehnt hatte und zuhörte. Sogleich machte sie ihren Mann auf den berühmten Wissenschaftler aufmerksam.

»Oh, meine Damen und Herren«, rief Albert erfreut. »Meine Frau hat mir mitgeteilt, dass sie einen guten Freund gesehen hat, der schon seit einigen Jahren mitten unter Ihnen lebt. Bitte erlauben Sie mir, dass wir ihn zu uns holen, bevor er sich verdrückt.« Er winkte energisch in Einsteins Richtung, woraufhin der ältere Mann in bescheidener Abwehr die Hand hob.

Aber Albert gab nicht auf. »Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, wenn mein Name im Zusammenhang mit großen Männern unserer Zeit genannt wird, während eine der wichtigsten Persönlichkeiten unbeachtet im Schatten eines Apfelbäumchens steht«, sagte er. »Kommen Sie doch zu uns, mein lieber Freund. In unserem Alter ist man nicht mehr schüchtern, schließlich haben wir die Tanzschule hinter uns, oder?«

Mit einem resignierenden Seufzer gab Einstein seinen Widerstand auf und erklomm unter begeisterten Rufen die Treppe. Die Männer und Frauen machten ihm respektvoll Platz, während die Pressevertreter aufgeregt miteinander zu flüstern begannen.

»Meine Damen und Herren, gewiss kennen Sie alle Professor Einstein. Ich habe ihn lange nicht gesehen und freue mich von Herzen, ihn hier begrüßen zu dürfen.«

Die beiden Männer sahen sich kurz in die Augen, dann schüttelten sie sich die Hand. Als die Blitzlichter erloschen waren und die Menge sich allmählich zerstreute, bat Helene die junge Französin, die sich diskret im Hintergrund hielt, sie und Einstein ins Hotel zu fahren.

»Ich denke, wir haben vor dem Essen noch ein paar Minuten, um zu plaudern.«

Der alte Mann bedankte sich für die Einladung, gab jedoch zu bedenken, dass die Schweitzers nach dem anstrengenden Tag doch bestimmt müde waren und den Trubel erst einmal verdauen mussten.

»Ach was, mein Lieber«, entgegnete Albert. »In unserem Alter hält man schon mal ein wenig länger durch. Ich freue mich so, Sie endlich wiederzusehen. Sie müssen mir alles über ihr Leben hier in den Staaten und Ihre Forschungsarbeit berichten.«

Thérèse räusperte sich. »Ich werde Sie später gern nach Hause fahren, Professor Einstein. Das macht mir gar keine Umstände, im Gegenteil, es wäre mir eine Ehre. Aber vielleicht dürfte ich vorher noch ein Bild von den beiden berühmtesten Männern der Welt machen? Eine Aufnahme, die morgen nicht in allen Zeitungen zu finden sein wird?«

Einsteins freundliche Miene wurde plötzlich düster. »Es wäre mir ein Vergnügen, aber ehrlich gesagt, Miss, bin ich mir nicht sicher, dass das meinem Freund helfen wird. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Ich möchte nicht schuld daran sein, das zu verderben.«

»Wie meinen Sie das, Professor Einstein?«

»Ich hatte meine Bedenken, meinem Freund Schweitzer vor der Presse die Hand zu schütteln. Natürlich bin ich stolz und fühle mich geehrt, aber den Plänen des Doktors könnte es schaden, wenn er sich in aller Öffentlichkeit zu einem ... gefährlichen alten Kommunisten wie mir bekennt.«

Thérèse schüttelte empört den Kopf. »Sie, ein Kommunist? Wer sagt das? So etwas Lächerliches! Wie können die es wagen, solche Behauptungen aufzustellen. Haben Sie das gehört, Dr. Schweitzer?«

Albert und Helene waren bereits ein paar Schritte vorausgegangen, drehten sich nun aber um und blickten die junge Französin erstaunt an.

Albert holte tief Luft. »Wissen Sie, ich für meinen Teil habe es stets vorgezogen, mich aus der Politik herauszuhalten, denn ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie das Gehirn eines Politikers funktioniert.«