Über Alli Sinclair

Alli Sinclair verbrachte lange Zeit in Nepal, Argentinien und Peru, ihre Leidenschaft ist der spanische und lateinamerikanische Tanz. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Christiane Winkler studierte in München und Genua. Seit über zwanzig Jahren übersetzt sie aus dem Englischen und Italienischen. U. a. übertrug sie Mary Kay Andrews.

Informationen zum Buch

Die Melodie unseres Herzens

Spanien, 1944: Katarina ist passionierte Flamenco-Tänzerin. Für den Tanz hat sie alles aufgegeben, was ihr wichtig war, ihre Familie und ihre große Liebe. Als sie Raúl eines Tages wiedertrifft, gelingt es ihr, zu den Klängen seiner Gitarre die wahre Leidenschaft des Tanzes zu verkörpern. Doch dann wird ihr Glück immer stärker durch die Schrecken der Diktatur Francos bedroht. Haben sie den Mut, für die Freiheit zu kämpfen?

Im Jahr 2016 reist Charlotte nach Granada, um die Herkunft eines Gemäldes zu klären, das ihre Großmutter als junges Mädchen von ihrem Vater geschenkt bekam. In der pulsierenden Stadt des Flamenco stößt sie dabei nicht nur auf eine verstörende Wahrheit, sondern muss sich auch selbst die Frage stellen, wie weit sie bereit ist, für die Liebe zu gehen – und für ihre eigene Freiheit.

»Ein Liebeslied an den Flamenco, eine Ode an alle Frauen, die im Tanz ihren Freiheitswillen und ihre Weiblichkeit ausdrücken.« Nina George

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Alli Sinclair

Typo_Titel_Sinclair_SW_innen_2.tif
31113.jpg

Roman

Aus dem Englischen von Christiane Winkler

Inhaltsübersicht

Über Alli Sinclair

Informationen zum Buch

Newsletter

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Danksagung

Impressum

Für Nan 
die talentierteste Geschichtenerzählerin,
die ich je kennengelernt habe.
Danke, dass du mir Mut gemacht hast,
die Kunst der Worte anzunehmen, und
für die Inspiration, die du in meinem Leben bist.

9783841213846-S7.tif

Charlotte hielt den Stoffbeutel, in dem sie das Bild ihrer Großmutter sicher verstaut hatte, fest umschlossen und lief über den Campus der Escuela de Bellas Artes. Ihr Herz klopfte, während sie geschickt den Studenten auswich, die auf den Grünflächen in der Sonne lagen, lasen oder in Gespräche vertieft waren. Gerne hätte sie für einen Moment innegehalten, um das intensive Blau des Himmels, die hell blühenden Gardenien und die Sonne zu genießen, die ihre Haut wärmte. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren.

Sie hastete die Eingangstreppe hinauf und öffnete die Jugendstiltür des Hauptportals. Die kleinen Fenster der Eingangshalle ließen nur wenig Sonnenlicht herein, so dass das Foyer und der angrenzende Flur in trübe Dunkelheit getaucht waren. Charlotte blinzelte und versuchte im Gehen die Namensschilder an den Türen zu entziffern.

Dann atmete sie auf. Hier war es. Vorsichtig klopfte sie an die Bürotür.

Keine Antwort.

Sie klopfte erneut und wollte sich schon damit abfinden, vor Professor Fonsecas Tür warten zu müssen, als sie Absätze auf den Holzdielen des langen Ganges klappern hörte. Eine zierliche Frau in Hosenanzug und mit akkurat geschnittener Bobfrisur kam ihr entgegen.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Professor Fonseca?«, fragte Charlotte und strich nervös ihre Hose glatt.

»Sί«, antwortete die Frau, während sie die Tür aufschloss. Dann drehte sie sich um, runzelte die Stirn und blickte über den Rand ihrer schwarzgerahmten Brille. »Um sich zu meinen Kursen anzumelden, müssen Sie sich an die Abteilung für die Zulassung ausländischer Studenten wenden. Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Oh, deshalb bin ich nicht hier.« Charlotte öffnete den Knoten des Stoffbeutels und wollte gerade das Bild herausnehmen, als die Professorin sie mit einer ungeduldigen Handbewegung unterbrach. »Bemühen Sie sich nicht. ¡Por Dios! Estoy cansada de esto.«

Charlotte atmete tief ein und nahm allen Mut zusammen. »Es tut mir leid, dass sich so viele Studenten unangemeldet an Sie wenden, aber bei mir ist es etwas anderes …«

»Das behauptet jeder. Egal was es ist, ich habe jetzt keine Zeit. In einer halben Stunde habe ich eine Vorlesung, und den Rest der Woche bin ich beschäftigt. Kommen Sie nächsten Mittwoch wieder. Elf Uhr.«

»Bitte.« Charlotte hätte die Professorin am liebsten am Arm festgehalten. »Meine abuela hatte einen schweren Herzinfarkt – sie ist neunzig, und es geht ihr sehr schlecht. Sie hat mich hergeschickt, damit ich herausfinde, wer der Künstler dieses Gemäldes ist. Es ist nicht signiert, alles, was sie darüber weiß, ist, dass es von einem Maler aus Granada stammt.«

Professor Fonseca musterte sie mit verschränkten Armen. »Abuela? Sprechen Sie also doch Spanisch?«

»Ich verstehe es besser als ich es spreche.« Der Unterricht in der Schule war Charlottes einzige Möglichkeit gewesen, Spanisch zu lernen. Ihre Großmutter hatte sich geweigert, ihr die Sprache ihrer Vorfahren beizubringen, und einzig und allein darauf bestanden, dass man sie abuela nannte. Einer der vielen Widersprüche, an denen ihre Großmutter ohne weitere Erklärung festhielt.

Die Professorin zuckte die Achseln. »Also sprechen wir weiter Englisch, auch wenn es mir in den Ohren weh tut.«

»Danke, ich weiß das zu schätzen.« Charlotte unterdrückte ein erleichtertes Seufzen. »Mein Urgroßvater hat meiner abuela ein Gemälde geschenkt und versprochen, ihr an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag zu erzählen, was es damit auf sich hat. Leider starb er, ohne die Möglichkeit dazu gehabt zu haben.«

»Und warum hat sie bis jetzt gewartet, um etwas über das Gemälde zu erfahren?«

»Meine Großmutter wurde in Granada geboren, zog aber mit Anfang zwanzig nach England. Wann genau, weiß ich nicht.« Abuela war immer darum bemüht gewesen, möglichst wenig über ihre Vergangenheit in Spanien preiszugeben. Erst in letzter Zeit hatte sie ein wenig von ihrer Kindheit und Jugend erzählt und sogar mit einer gewissen Zuneigung über ihr Geburtsland gesprochen. »Abuelas einziges Erbe aus Spanien ist dieses Gemälde. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands hat sie sich dazu entschlossen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das Einzige, was ihr noch wirklich am Herzen liegt, ist, etwas über die Herkunft des Bildes zu erfahren. Sie vermutet, dass es etwas mit ihrer Familiengeschichte zu tun hat.«

»Nun, wenn das Gemälde nicht signiert ist, dann sicher deswegen, weil der Künstler ein Niemand war.«

»Ich weiß, dass es viel verlangt ist, aber ich habe eine weite Reise hinter mir. Vielleicht können Sie sich doch einen Moment Zeit nehmen und einen Blick darauf werfen? Bitte.«

Professor Fonseca zuckte mit den Achseln. »Kommen Sie nächsten Mittwoch wieder.«

»Bitte, ich …« Charlotte machte einen Schritt nach vorne und griff in den Stoffbeutel.

»Nächsten Mittwoch«, hallte die barsche Stimme der Professorin im Flur wider.

»Aber …« Charlotte zog das Bild aus dem Stoffbeutel, ihre Handtasche rutschte von der Schulter und hätte beinah die in einen einfachen Holzrahmen gespannte Leinwand mit zu Boden gerissen. Als sie aufblickte, sah sie, dass Señora Fonseca das Gemälde anstarrte.

»Zeigen Sie.« Die Stimme der Professorin bebte.

Charlotte reichte ihr das Bild.

Im selben Moment wurde die Tür am Ende des Korridors aufgerissen, und eine Gruppe lachender und schwatzender Studenten kam auf sie zu.

»Kommen Sie, in meinem Büro haben wir mehr Ruhe.«

»Gracias.« Charlotte folgte der zierlichen Frau in ein mit dunklem Holz getäfeltes Zimmer. Hier drinnen schien es um zehn Grad kühler zu sein, und es roch so muffig, als wären die Fenster seit Ewigkeiten nicht mehr geöffnet worden. Ein breiter Schreibtisch voller vergilbter Aktenordner und Fotos nahm fast den ganzen Raum ein.

Professor Fonseca setzte sich hinter den Tisch, knipste eine Leselampe an und begann das Gemälde Zentimeter für Zentimeter zu untersuchen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Charlotte unruhig neben dem Tisch gestanden hatte, schob die Professorin ihre Brille ins Haar und sagte dann leise: »Syeria Mesa Flores Giménez.«

»Wie bitte?«

»Syeria Mesa Flores Giménez. Dieses Gemälde ist annähernd hundert Jahre alt. Sehen Sie sich das an.« Sie zeigte auf die dicken Pinselstriche, mit denen die orange-, rot- und goldfarbenen Flammen gemalt waren. »Sehen Sie, wie sich die Farben nach oben reliefartig verdicken, anstatt flach auf der Leinwand zu liegen? Das war ihre Signatur.« Sie strich mit einem Finger über die linke untere Ecke der Leinwand. »Dieser kleine Riss, was hat er für eine Geschichte?«

»Ich weiß es nicht. Das Gemälde lag Jahrzehnte in einem Koffer unter einem Stapel Decken vergraben. Meine Großmutter hat mich erst vor ein paar Tagen gebeten, es herauszuholen.«

»Es war nirgends aufgehängt?«, fragte Professor Fonseca mit großen Augen. »Ein Gemälde von solch historischem Wert sollte niemals unter Verschluss gehalten werden.«

»Für abuela zählt vor allem sein emotionaler Wert.« Charlotte spürte einen Kloß im Hals, als sie an das letzte Mal dachte, als sie ihre Großmutter gesehen hatte. Der Trubel des Krankenhausbetriebs war in weite Ferne gerückt, während sie auf ihrer Bettkante saß, sie sich schweigend an den Händen hielten und die Zuneigung, die sie füreinander empfanden, das kühle, sterile Zimmer wärmte.

»Wissen Sie, warum es nicht signiert wurde?«

»Syeria hat keines ihrer Gemälde signiert. Viele Leute glauben, dass sie im Besitz einer echten Syeria Mesa Flores Giménez seien, aber die meisten Bilder sind Fälschungen. Das hier«, sagte die Professorin und lächelte anerkennend, »das ist jedoch eine echte. Ich würde meine Karriere dafür verwetten.«

»Haben Sie irgendeine Idee, wer die Tänzerin sein könnte?«

»Nein, aber ich würde sagen, dass die Darstellung in Zusammenhang mit der Leyenda del Fuego steht, der Feuerlegende. Sagt Ihnen das was?«

»Ich fürchte, mein Wissen über spanische Legenden ist nicht allzu groß.«

»Es ist eine Schande, dass Sie so wenig über Ihr Erbe wissen, doch in diesem Fall sei Ihnen das verziehen. Die Legende ist ein wenig düster und vor allem in der Gegend von Granada und in den Kreisen der gitanos bekannt. Sehen Sie?« Die Professorin zeigte auf die Tänzerin, die ein tiefrotes Kleid trug und deren dichtes dunkles Haar über ihren Rücken herabfiel. Ihre Arme waren nach oben geworfen und schienen nach dem Himmel zu greifen, während sie in einem hohen Bogen über ein Feuer sprang.

»Das Gemälde ist sehr besonders gemacht. Die Farbschattierungen sind … einfach erstaunlich, so lebendig«, sagte Charlotte leise.

»Sie haben ein gutes Auge.« – »Danke.« Charlotte räusperte sich. Das Thema war ihr unangenehm. »Können Sie mir noch mehr über die Künstlerin sagen?«

»Zuerst müssen Sie ein paar wichtige Dinge wissen.« Die Professorin schaute auf ihre altmodische Armbanduhr und runzelte die Stirn. »Ich muss mich beeilen, sonst lasse ich meine Studenten warten.«

»Es tut mir leid, dass ich einfach so ohne Termin hereingeplatzt bin.«

»Das ist schon in Ordnung. Schließlich komme ich nicht jeden Tag in den Genuss, ein solches Gemälde im Original zu sehen. Sagen Sie, wie war noch Ihr Name?«

»Charlotte Kavanagh.«

»Ach, Sie haben irische Wurzeln.« Die Professorin blickte auf Charlottes naturrotes Haar, ihre blauen Augen und die helle Haut.

»Nicht irisch. Ich sehe meiner Großmutter ähnlich.« Charlotte konnte nicht sagen, wie oft die Leute erstaunt waren über abuelas Haar, das trotz ihrer spanischen Abstammung flammend rot war.

»Wirklich?« Die Professorin sah erneut auf die Uhr und schob ihren Stuhl zurück. »Laufen Sie ein Stück mit mir?«

»Natürlich.«

Professor Fonseca warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Kunstwerk und gab es dann Charlotte zurück, die es vorsichtig in den Stoffbeutel steckte, während die Professorin Ordner, Laptop und Stift an sich nahm. Die Tür fiel hinter ihnen zu, als sie den Gang entlangliefen und Charlotte sich bemühte, mit der Professorin Schritt zu halten.

»Syeria Mesa Flores Giménez’ Gemälde thematisieren vor allem die Gitano-Legenden ihres Klans. La Leyenda del Fuego gehörte zu ihren Lieblingslegenden, sie hat sich in vielen Werken mit ihr beschäftigt.« Sie strich sich ein paar Haare hinters Ohr, dann blickte sie Charlotte direkt an. »Haben Sie jemals bei einem Musikstück oder einem Gemälde das Gefühl gehabt, dass es Ihnen aus der Seele spricht?«

»Ja«, antwortete Charlotte zögerlich. Ihre Gedanken wanderten zu den vielen Stunden, die sie in den Galerien ihrer Heimatstadt Melbourne verbracht hatte, wo sie immer wieder Werke von Künstlern entdeckt hatte, die sie besonders angesprochen hatten, als würden sie ihr Innerstes berühren. Obgleich sie in letzter Zeit Kunstorten fernblieb, um nicht jedes Mal wieder die Erinnerung an die schmerzliche Erfahrung wachzurufen, die sie mit ihrer eigenen Ausstellung gemacht hatte.

»Kennen Sie den Begriff el duende?«, fragte Professor Fonseca nun, während sie sich den Weg durch die vielen Studenten bahnte, die Richtung Hörsaal strömten.

»Jeder Künstler will das erreichen, oder? Seinem Kunstwerk Lebendigkeit zu verleihen, ihm eine Seele zu geben?« Ein lang verdrängtes Gefühl schlich sich in ihr Bewusstsein, die Erinnerung an vergangene Träume. Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln versuchte Charlotte den Gedanken zu verscheuchen.

»Ja, es stimmt, aber el duende, von dem ich spreche, den Syeria Mesa Flores Giménez in ihren Kunstwerken darstellt, ist komplizierter, als Sie und ich je begreifen würden. Der Leyenda del Fuego zufolge ist der Flamencotänzer so überwältigt von seinen Gefühlen, dass er sich zum fuego, dem Feuer, hingezogen fühlt, das seine Seele, seine Ausdruckskraft symbolisiert. Wenn der Tänzer springt, ist das ein Zeichen dafür, dass er sein Herz öffnet, um el duende, diese Verschmelzung von purer Emotion und Leidenschaft, zu erfahren.«

Sie betraten einen anderen Gebäudeteil und gingen eine Treppe hinauf.

»Erfahren viele Tänzer el duende

»Nein, es ist nur wenigen vorbehalten«, sagte die Professorin. »Es gibt keine Garantie dafür, diesen Zustand jemals zu erreichen. Genau wie andere Formen von el duende, kann La Leyenda del Fuego nicht erzwungen werden. Er muss auf natürliche Weise entstehen – eine Verbindung zwischen reiner Liebe, innerer Energie und Flamenco.«

Sie waren vor dem Vorlesungssaal stehen geblieben, Charlotte zögerte, bevor sie die Frage stellte, die ihr auf der Zunge lag. »Glauben Sie, dass die Legende wahr ist?«

Auf den Lippen der Professorin erschien ein Lächeln. »Es spielt keine Rolle, was ich denke. Für mich zählt nur, was der Giménez-Klan glaubt. Soweit ich gehört habe, hat sich La Leyenda del Fuego seit Jahrzehnten nicht mehr ereignet, aber ich bin auch nicht in alles eingeweiht, was sich innerhalb eines Gitano-Klans tut.«

Charlotte nickte nachdenklich.

»Mehr kann ich Ihnen zu dem Bild Ihrer abuela nicht sagen. Die Welt der gitanos bleibt Außenstehenden weitestgehend verschlossen. Die Mitglieder reden nicht gerne über die Vergangenheit und bewahren keine Aufzeichnungen auf, es gibt also keine historischen Belege.«

»Und woher weiß man dann von Syeria Mesa Flores Giménez?«, fragte Charlotte.

»Ein Kunstsammler wollte sie zum Ausstellungsobjekt machen und sie als Zigeunerkünstlerin vermarkten, was sie jedoch ablehnte. Sie malte aus Liebe, nicht für Geld. Um 1919 herum verschwand sie dann endgültig aus der Öffentlichkeit. Es gab Gerüchte, dass sie das Land verließ und nie wieder zurückkehrte. Aber niemand kann das mit Sicherheit sagen.«

Ein schlaksiger Student mit schulterlangem Haar stürmte durch die offene Tür in den Vorlesungssaal.

Die Professorin hob eine Augenbraue. »Meine Vorlesung beginnt. Hier, nehmen Sie das.« Sie zog eine Visitenkarte aus ihrer Mappe und kritzelte eilig einen Namen darauf. »Sie sprechen am besten mit dem Klan der Giménez. Sie wohnen ziemlich abgeschieden außerhalb der Stadt und leben dort nach ihren eigenen Regeln – die einzige Möglichkeit, Zugang zu ihnen zu bekommen, ist durch einen Freund, dem sie vertrauen. Der Mann, dessen Namen ich Ihnen aufgeschrieben habe, ist zwar kein gitano, aber er hat Beziehungen zu dem Klan. Sie finden ihn am besten im Club Alegría, dem Treffpunkt vieler Flamencogrößen. Er ist fast jeden Abend dort. Wenn Ihnen irgendwer weiterhelfen kann, dann ist es Mateo Vives.«

»Danke«, sagte Charlotte und nahm lächelnd die Karte. »Wünschen Sie mir Glück!«

Die Professorin blickte sie ernst an. »Das werden Sie brauchen.«

19329.jpg

Die kühle Nachtluft fuhr über Charlottes Haut, als sie durch die Straßen von Sacromonte lief, dem Viertel Granadas, das berühmt für den Flamenco und die gitanos und hoffentlich der Ort war, an dem sie Mateo Vives finden würde. Sie folgte der mit kleinen Steinen gepflasterten Straße den Hügel hinauf, an dichtgedrängt stehenden weißgetünchten Häusern mit bunten Türen und Fenstern vorbei. Immer wieder konnte sie einen Blick in eines der höhlenartigen Felsgewölbe erhaschen, in denen früher Mauren gelebt hatten und die jetzt Restaurants, Geschäfte, Galerien und Tanz- und Musikschulen beherbergten.

Im Dämmerlicht blickte sie auf ihren Stadtplan, hinter der nächsten Querstraße müsste sie ihr Ziel erreicht haben. Charlottes Herz klopfte schneller. Was würde sie wohl erwarten?

Der Duft frischer Zwiebeln, gebratener Kartoffeln und Gewürze wehte die Gasse herunter und führte sie zum Club Alegría. Zögernd blieb sie vor der Tür stehen und beobachtete das bunte Treiben im Inneren des Lokals. Noch nie war ihr wohl dabei gewesen, an Orte zu gehen, die ihr nicht vertraut waren. Tu es für abuela. Schluck deine Angst herunter. Charlotte atmete tief durch und trat in die Bar. Der kleine Raum war vollgestopft mit Leuten aller Altersstufen, die an dunklen, uralt aussehenden Tischen saßen. Sein hinterer Teil wurde von einer kleinen Bühne eingenommen.

Ein ganz in Schwarz gekleideter Kellner kam auf sie zu und sah sie fragend an. »Estoy … buscando …« Warum fielen ihr die Worte nicht ein? »Un hombre –«

Lächelnd hob der Kellner seine Hand. »Schon in Ordnung. Ich spreche Englisch.«

»Entschuldigen Sie mein Spanisch.«

»Immerhin haben Sie es versucht.« Er warf eine makellos weiße Serviette über seine Schulter. »Sie suchen einen Mann, sagten Sie. Hier ist nicht der richtige Ort dafür, fürchte ich.«

»Ich suche nach einem bestimmten Mann.« Sie reichte ihm die Visitenkarte der Professorin weiter, auf die Mateo Vives’ Name gekritzelt war. Der Kellner sah sie prüfend an und gab sie ihr dann zurück.

»Oh, ja, la profesora. Mateo Vives ist ein – wie sagen Sie dazu – famose Kerle?«

»Er ist ein netter Kerl«, sagte Charlotte lächelnd. »Sie kennen ihn also?«

Der Kellner winkte sie zu einem Tisch mit zwei Stühlen in der Nähe der Bühne. »Ja, ich kenne ihn. Darf ich Ihnen einen Wein bringen?«

Als sie nickte, verschwand der Kellner in der Menge. Charlotte nutzte die Gelegenheit, um nach ihren Mails zu schauen. Seit sie Melbourne verlassen hatte, hatte sie keine Mails mehr erhalten. Ihr Vater, für dessen Unternehmen sie seit einiger Zeit arbeitete, hatte allen Mitarbeitern und Kunden verboten, sie zu kontaktieren, wenn sie »in wichtigen Familienangelegenheiten« unterwegs war.

Sie ließ das Handy wieder in die Tasche gleiten, legte ihre Hände in den Schoß und sah sich um. An den Wänden hingen große Konzertplakate, einige davon schienen noch aus den 30er und 40er Jahren zu stammen. Die Luft war stickig und erfüllt von den ausgelassenen Gesprächen der Leute um sie herum. Charlotte versuchte sich vorzustellen, wie es für abuela gewesen war, als sie noch in Granada gelebt hatte. Sie war Tänzerin gewesen, das wusste sie. Hatte sie in solchen Bars getanzt, oder war sie auf größeren Bühnen aufgetreten? Und was hatte dazu geführt, dass sie den Flamenco aufgegeben hatte?

Der Kellner stellte eine Karaffe Wein und ein Glas vor sie hin, dazu einen Teller Tapas. Der Duft von Oliven, Chorizo und Käsekroketten ließ ihren Magen knurren.

Charlotte sah zum Kellner auf und sagte: »Tut mir leid, ich hätte wohl dazusagen sollen, dass ich nur ein Glas Wein möchte.«

»Sie sehen durstig aus. ¡Salud!« Er deutete auf die volle Karaffe und eilte davon, noch bevor sie die Möglichkeit hatte, ihm weitere Fragen über den geheimnisvollen Unbekannten zu stellen.

Charlotte stand auf, um über die Menge zu schauen, doch der Kellner war bereits verschwunden. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an dem wohlschmeckenden, aber starken Wein zu nippen und über ihre nächsten Schritte nachzudenken.

»Haben Sie sich verirrt?«, fragte plötzlich ein großer, gutaussehender Mann mit schwarzbraunen Augen, die von langen Wimpern umrandet waren.

»Nein, ich suche nur jemanden. Wissen Sie vielleicht, wohin der Kellner verschwunden ist?«

»Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Danke, aber das glaube ich nicht.«

»Darf ich?« Er zeigte auf den freien Stuhl neben ihr, und ihr blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

»Und, was führt Sie in den Club Alegría? Flamenco? Wein? Tapas? Meine brillante Gesellschaft?«

Sie runzelte die Stirn und überlegte, ob seine Fragen witzig gemeint waren oder er einfach nur arrogant war.

»Bloß ein Scherz.«

Sie lachte höflich.

»Also …« Er hob fragend eine Augenbraue.

»Charlotte.«

»Also, Charlotte, warum sind Sie alleine hier?«, fragte er sie mit einem Lächeln, das seine Augen strahlen ließ.

»Ich suche jemanden.«

»Den Kellner?«

»Den auch.«

Jetzt musste sie wirklich lachen.

»Der Kellner kennt offenbar die Person, die ich suche.«

»Interessant.«

»Entschuldigen Sie, aber wer sind Sie?«

»Ich? Ich bin jemand, der sich glücklich schätzt, einer Fremden weiterzuhelfen. Also, wen suchen Sie denn? Auf dem Sacromonte kennt jeder jeden.«

Charlotte biss sich auf die Lippe, eigentlich hatte sie keine Lust, mit einem Unbekannten über ihre persönlichen Angelegenheiten zu sprechen.

»Ich suche jemanden namens Mateo Vives, er soll häufig hier sein.«

»Hm … manchmal ist er hier, das stimmt. Was wollen Sie denn von ihm?«

»Eine Bekannte sagt, dass er mir dabei helfen könnte, einen bestimmten Gitano-Klan zu finden, mit dem ich mich treffen möchte.«

»Eigentlich bleiben die lieber unter sich.«

»Darum brauche ich ja die Hilfe von Señor Vives. Er soll eine besondere Verbindung zu ihnen haben.«

»Und nach welchem Klan suchen Sie?«

»Das ist eine lange Geschichte, und ich will nicht unhöflich klingen, aber über die Einzelheiten würde ich gerne nur mit bestimmten Leuten sprechen.«

»Wer hat Ihnen denn geraten, nach diesem Señor Vives zu suchen?«

Meine Güte, er gab nicht auf. »Professor Fonseca von der Escuela de Bellas Artes«, sagte sie trotzig.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Ah, ich kenne sie. Sie ist ein großer Flamencofan, stimmt’s?«

»Ich gehe davon aus. Halten sich alle Flamencokünstler auf dem Sacromonte auf?«

»Ja, hauptsächlich. Hier gibt es authentische Flamencobars, aber auch solche, in denen Flamenco für Touristen gespielt wird. Viele Künstler treten auch dort auf, um sich über Wasser halten zu können.« Der Mann sah sich suchend um. »Was wissen Sie über Flamenco?«

»Nicht viel.«

Abuela hatte ja dafür gesorgt, dass das meiste aus ihrer Zeit in Spanien im Vagen blieb.

»Na, dann ist es ja quasi meine Pflicht, Ihnen ein bisschen etwas darüber zu erzählen.« Die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme passte nicht zum Funkeln in seinen Augen. »Sie haben doch Zeit?«

Plötzlich wurde Charlotte hellhörig. »Natürlich, erzählen Sie.«

Der Fremde rutschte näher zu ihr heran. »Die Geschichte des Flamenco ist kompliziert, aber wenn Sie genau darauf achten, werden Sie seine Spuren überall entdecken können. Flamenco leuchtet in den Augen der Menschen, in ihrer Art zu gehen und zu sprechen. Flamenco liegt einem im Blut, nur sehr wenige Fremde verstehen seine Bedeutung. Ich spreche hier vom flamenco puro, nicht dem Flamenco für Touristen mit seinen üppigen Kleidern und diesen …« Er machte mit seinen Fingern eine Geste.

»Kastagnetten.«

»Genau, Kastagnetten. Die Touristen kommen her und erwarten, die zambra mora zu sehen und zu erleben – den festlichen Tanz. Er ist ausgelassen und trägt dazu bei, dass die Leute sich wohl fühlen. Zambra ist im Viervierteltakt mit Betonung auf dem ersten und dritten Schlag. Etwa so.« Er legte die Finger seiner rechten Hand auf die Handfläche seiner linken, klatschte und wiederholte dabei daa-da-daa-da. Während er sprach, behielt er mühelos den Rhythmus bei.

Charlotte versuchte, ihn möglichst unauffällig zu beobachten. Seine Augen glänzten, während er ihr begeistert eine kurze Einführung in die Kunst des Flamenco gab. Obwohl alles für sie neu und spannend war, fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Es wirbelten einfach zu viele Gedanken durch ihren Kopf.

»Tut mir leid, offensichtlich habe ich Sie mit den ganzen Informationen verwirrt. Flamenco ist einfach meine große Leidenschaft«, unterbrach ihr Gegenüber seine Erklärungen.

»Aber nein, ich finde es toll, wenn sich jemand für etwas so sehr begeistert.« Sie lächelte. Zu genau wusste sie, wie es sich anfühlte, für eine Sache zu brennen. Und sie ertappte sich immer noch dabei, wie sie vor sich selbst zu rechtfertigen versuchte, dass sie ihre eigene Leidenschaft aus ihrem Leben verbannt hatte.

»Ich kann Ihnen dabei helfen, diesen Señor Vives zu finden. Bleiben Sie zum Konzert?« Er nickte Richtung Bühne. »Wir fangen gleich an.« Er stand auf und schob den Stuhl an den Tisch. »Bitte entschuldigen Sie mich.«

Als er auf die Bühne trat, fingen die Leute an zu jubeln und zu toben. Er schien es nicht wahrzunehmen, setzte sich auf einen Stuhl, griff hinter den Vorhang, holte eine glänzende Gitarre hervor und legte sie auf ein Knie. Eine Frau betrat die Bühne, schlagartig wurde es im Lokal still. Sie trug eine makellos weiße Bluse, die sie unter ihrer Brust zusammengebunden hatte, dazu einen roten Schal und einen gelben Rock, der von der Hüfte bis zu den Knien eng anlag und dann in Volants überging. Ihr Haar war zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Sie schwebte zur Mitte der Bühne, senkte den Kopf und stand, die Arme in den Hüften, reglos da.

Schließlich trat ein älterer Mann in nachtblauem Hemd mit hohem Kragen hinter dem Vorhang hervor und setzte sich neben den Fremden mit der Gitarre, der bereits die ersten Akkorde anschlug. Hypnotisierende Klänge erfüllten den kleinen Raum, fremdartig und voller Sehnsucht. Unter die Töne der Gitarre mischte sich die raue Stimme des Älteren, kurz darauf betrat eine junge Frau die Bühne und begann rhythmisch in die Hände zu klatschen. Die Musik verstummte für einen kurzen Augenblick, die Tänzerin bog ihren Rücken und warf die Arme hoch in die Luft. Ihre zierlichen Füße stampften mit ungeahnter Kraft einen Rhythmus, der sich unaufhörlich steigerte, während ihr Körper ihm in geschmeidigen Bewegungen folgte und sich ekstatisch drehte.

Dann setzte der Sänger wieder ein und erfüllte die Bar mit tiefen, vollen Tönen, die Charlotte sofort in ihren Bann schlugen. Aus einer Drehung heraus griff die Tänzerin nach dem Saum ihres Rockes, entblößte ihre schlanken Beine und trat mit den Absätzen ihrer schwarzen Lackschuhe fest auf die Bretter der Bühne, streckte dann ihre Arme zur Decke und stieß einen kehligen Schrei aus, der Charlotte durch Mark und Bein ging. Die urgewaltige Energie, die durch den Raum strömte, rief bei ihr ein Gefühl hervor, das sie nur schwer in Worte fassen konnte. Eine Art Elektrisiertsein, als wären plötzlich die Geister ihrer Familie anwesend.

Mit einer schnellen Drehung erreichte die Tänzerin den Rand der Bühne, wo sie heftig atmend stehen blieb. Nun war nur noch der Gitarrist zu hören, der seine Finger mit unendlicher Zartheit über die Saiten gleiten ließ. Als die sanften Töne seines Solos verstummt waren, wirbelte die Tänzerin erneut in die Mitte und tanzte mit einer Intensität und kraftvollen Leidenschaft, die Charlotte zutiefst beeindruckten. Wie in Trance starrte sie auf die wirbelnde Gestalt, deren Bewegungen ineinanderflossen, und schreckte regelrecht zusammen, als das Publikum nach einer letzten, ausladenden Drehung laut jubelnd applaudierte. Das Ensemble spielte noch ein paar weitere Stücke, doch keine der Darbietungen vermochte Charlotte derart gefangen zu nehmen wie dieser erste Tanz.

Nachdem der letzte Applaus verklungen war, löste sich die Gruppe auf, und Charlotte bemerkte, dass sie den ganzen Wein ausgetrunken hatte. Gedankenverloren stocherte sie in den Tapas herum, sie fühlte sich bereits ziemlich benommen. Plötzlich stand der Gitarrist neben ihr und ließ sich wie selbstverständlich auf den freien Stuhl fallen.

»Hat Ihnen der Auftritt gefallen?«

»Es war … puh … es war …«

Er lächelte liebenswürdig, und kleine Fältchen bildeten sich um seine dunklen Augen. »Hatten Sie schon immer Probleme mit Ihrer Muttersprache?«

»Ich …« Was war bloß mit ihr los? »Es war einfach unbeschreiblich. Ich habe vorher noch nie so etwas erlebt. War das el duende

»Sie kennen den Begriff?«

Sie nickte, sein Lächeln wurde breiter.

»Señorita, wenn Sie fragen, ob das el duende war, dann fürchte ich, es war keiner. Ich kann Ihnen versichern, wenn es el duende ist, werden Sie es wissen.« Seine dunklen Augen sahen sie ernst an.

Bevor Charlotte etwas erwidern konnte, tauchte der Kellner mit einer neuen Karaffe Wein, zwei Gläsern und noch mehr Tapas wieder auf.

»Du hast heute Abend sehr gut gespielt, Mateo«, sagte er und klopfte dem Gitarristen auf die Schulter.

9783841213846-S29.tif

»Sie sind Mateo Vives?«

». Überrascht Sie das?« Er hob die Augenbrauen und schenkte ihnen Wein ein.

»Warum haben Sie mir das nicht vorher gesagt?«

Achselzuckend steckte er sich eine Olive in den Mund.

»Ich komme mir albern vor«, murmelte sie ärgerlich.

»Seien Sie nicht so streng mit sich. Pedro, der Kellner, hat gesagt, dass eine Frau nach mir suche. Bevor ich meine Identität preisgab, wollte ich wissen, worum es geht.«

Charlotte verschränkte die Arme vor der Brust. Eigentlich ärgerte sie seine Unterstellung, andererseits war sie aber auch auf seine Hilfe angewiesen.

»Professor Fonseca hat gesagt, dass Sie mir helfen können, den Giménez-Klan zu finden«, sagte sie.

Mateo schien zu erstarren. Offensichtlich hatte sie etwas Falsches gesagt.

»Mateo?«

»Ich … was hat sie Ihnen über meine Verbindung zu dem Klan gesagt?«

»Im Grunde nichts. Sie hat nur gesagt, dass Sie sie gut kennen und mir vielleicht helfen können.« Was hatte ihn an ihrer Frage nur so verstört?

Mateo richtete sich auf. »Der Giménez-Klan mag keine Fremden, ich könnte Ihnen also nicht garantieren, dass es Ihnen weiterhilft, wenn ich Sie einführe. Falls ich mich dazu überhaupt entschließe.«

»Bitte, es ist wirklich sehr wichtig für mich. Es ist die einzige Chance, die ich habe …«

Charlotte wurde von der Tänzerin unterbrochen, die an den Tisch getreten war und ihre filigrane Hand auf Mateos Schulter legte. Sie warf Charlotte ein zuckersüßes Lächeln zu, dann flüsterte sie ihm ins Ohr: »Es geht weiter.«

Er stand auf, zwinkerte Charlotte zu und folgte der Frau, die zurück auf die Bühne eilte, wo sich der Rest der Gruppe für den nächsten Auftritt bereitmachte. Seufzend lehnte sich Charlotte zurück. Sie würde nicht eher gehen, bevor ihr Mateo nicht eine Antwort gegeben hatte. So unauffällig wie möglich zog sie ihr Handy aus ihrer Tasche und schaute, ob sie von ihrer Familie eine Nachricht über abuelas Gesundheitszustand bekommen hatte.

Nichts. Erleichtert atmete sie auf. Im Moment waren keine Nachrichten gute Nachrichten.

Charlotte spürte, wie sich Müdigkeit in ihr ausbreitete, obwohl sie den Tanz und die Musik genossen hatte. Die Gruppe hatte ihre Vorstellung beendet, die Menge löste sich langsam auf und verließ lärmend die Bar. Während die Musiker einpackten, nippte sie an einem großen Glas Wasser. Hoffentlich war die Reise nach Granada nicht umsonst gewesen. Wieder einmal gingen ihr die Ereignisse der letzten Wochen durch den Kopf. Es war sehr schmerzlich gewesen, zu sehen, wie es abuela von Tag zu Tag schlechterging. Umso bedrückender fand Charlotte es jetzt, sich auf der anderen Seite des Globus zu befinden und ihre Großmutter unendlich zu vermissen. Allein zu wissen, wie viel Kraft es ihrer Großmutter gab, darauf zu hoffen, endlich zu erfahren, welche Geschichte dieses Gemälde hatte, machte es ihr ein wenig leichter, nicht bei ihr zu sein.

Mateo ließ sich auf den Stuhl neben ihr fallen. Charlottes Blick wanderte zur Bühne, wo die Tänzerin stand, in einem Stapel Papiere blätterte und ihr immer wieder misstrauische Blicke zuwarf.

»Sie mag mich nicht«, sage Charlotte, wie zu sich selbst.

»Wer, Cristina? Mach dir keine Gedanken. Sie ist nur eifersüchtig.«

»Dann ist sie deine Freundin?«, fragte Charlotte und wunderte sich, wie sehr sie sich über das vertrauliche Du freute.

»Wir treten zusammen auf, mehr nicht. Sie mag Frauen generell nicht. Sie misstraut ihnen.«

»Warum das denn?«

»Sprechen wir nicht über sie. Ich möchte lieber wissen, was du von den Giménez willst.«

Charlotte konnte ein Gähnen nicht unterdrücken.

»Langweile ich dich?«

»Nein! Tut mir leid. Ich bin nur diese späte Stunde nicht gewohnt.«

»Ach, je länger du hier bist, desto mehr wirst du dich daran gewöhnen.«

»Leider kann ich nicht lange in Granada bleiben.«

»Und wohin musst du zurück? Kommst du aus England?«, fragte Mateo und nippte an seinem Glas Wasser.

»Nein, aus Australien.«

»Und was machst du beruflich, Señorita Charlotte? Warte … lass mich raten.« Er sah sie über den Rand seines Glases hinweg an. »Etwas Künstlerisches, stimmt’s?«

Wie kam er darauf? Das hatte sie lange hinter sich gelassen.

»Tut mir leid, weit gefehlt. Ich arbeite in unserem Familienbetrieb, einem Versicherungsunternehmen. Meine Hauptaufgabe besteht im Risikomanagement.«

»Oh, das hätte ich nie gedacht. Interessierst du dich denn für Kunst? Und für Künstler? Musiker zum Beispiel?«, fragte er mit einem Lächeln.

»Bist du immer so kokett?«

Er zuckte leicht die Achseln.

»Ich interessiere mich sehr für Kunst«, sagte sie. »Meine abuela war früher professionelle Tänzerin.«

»Was für eine Tänzerin?«

Charlotte blickte ihm in die Augen.

»Flamenco.«

»Deine Großmutter hat Flamenco getanzt? Hier? In Spanien?«

»Ja, aber viel mehr weiß ich auch nicht. Leider weigert sie sich, über diesen Teil ihres Lebens zu sprechen.«

»Es war die Zeit unter Franco, habe ich recht?«

»Ja.«

»Viele wollen darüber nicht reden. Es war eine schwierige Zeit. Vielleicht weißt du, dass Franco die Tradition liebte – Frauen und Männern wurden bestimmte Rollen zugewiesen, die strikt eingehalten werden mussten. Frauen zum Beispiel durften sich nicht scheiden lassen, mussten zu Hause bleiben und für ihre Familien sorgen. Außerdem wurde die ganze Bevölkerung dazu angehalten, Kastilisch zu sprechen.«

»Katalanisch und Galizisch wurden verboten, oder?«

»Genau. Und wenn herauskam, dass man nicht Kastilisch sprach, konnte man dafür im Gefängnis landen oder sogar hingerichtet werden.«

»Was für eine furchtbare Zeit.«

»Ja, und obwohl es die Geschichte meines Landes ist, fällt es mir manchmal immer noch schwer, es zu begreifen. Es war eine ganz andere Welt. Vor allem Künstler, natürlich auch die Flamencotänzer, unterlagen starken Restriktionen und durften sich nicht frei ausdrücken.« Er schwieg für einen Moment. »Tut mir leid, ich rede wieder wie ein Wasserfall. Dabei bist du doch müde.«

»Das stimmt, aber vor allem bin ich neugierig. Ich weiß so wenig über diese Zeit.«

»Hast du schon einmal von der Tänzerin Carmen Amaya gehört?«

»Nein, der Name sagt mir leider gar nichts.«

»Carmen Amaya brachte in den 1930er Jahren den Flamenco auf die Bühnen der Welt, also noch vor der Franco-Diktatur. Sie entstammte einem Gitano-Klan, der sich gerne den Traditionen widersetzte. Sie tanzte zapateado, das heißt, sie stampfte mit dem Fuß auf.« Mateo klopfte mit seinen Absätzen rhythmisch auf die Holzdielen. »Sie trug Hosen wie ein Mann, und der Rhythmus, zu dem sie tanzte, war sehr kompliziert – sie setzte sich damit bewusst vom traditionellen Flamenco ab, bei dem die Frau die Rolle der Verführerin übernimmt.«

»Allein durch deine Worte ist sie mir jetzt schon sympathisch«, sagte Charlotte.

»Wie heißt deine Großmutter eigentlich?«

»Katarina Sánchez.«

»Wie bitte?« Fast hätte er sich an seinem Wein verschluckt. »La Flama?«

»Du weißt, wer sie ist?«

»Aber natürlich! Es brach der Flamencowelt das Herz, als sie völlig unerwartet aufhörte zu tanzen. Du musst mir unbedingt erzählen, wie es dazu gekommen ist.«

Charlotte fühlte einen Stich. Offensichtlich brannte Mateo darauf zu erfahren, was hinter dem plötzlichen Ende von abuelas Flamencokarriere steckte. Es tat ihr unendlich leid, vor allem aber beschämte es sie, ihn enttäuschen zu müssen. Wie konnte es sein, dass sie so wenig von ihrer eigenen Großmutter wusste?

»Ich kann es dir leider auch nicht erklären, ich weiß es selber nicht. Sie weigert sich hartnäckig, darüber zu sprechen.«

»Charlotte, ich muss sagen, das war ein höchst interessanter Abend.«

9783841213846-S37.tif

1936 – Katarina

Katarina Sánchez öffnete vorsichtig ihre Zimmertür, darauf bedacht, möglichst leise zu sein. Sie wusste, wie laut das geringste Klicken des Schlosses durch das große Anwesen hallen würde. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand im Flur war, huschte sie über den langen Gang und die mit dickem roten Teppich ausgelegte Treppe hinunter, die kleine Tasche mit Brot und Obst fest umklammert. In der Eingangshalle angekommen, atmete sie tief durch, biss sich auf die Unterlippe und schob die schwere Eingangstür gerade so weit auf, dass sie hinausschlüpfen konnte. Als sie im gleißenden Mittagslicht auf der Steintreppe stand, die zur Straße hinunterführte, senkte sie ihren Kopf, um sich vor den Blicken der Passanten zu schützen. Natürlich bestand immer die Gefahr, dass man sie auf ihrem Weg zum Unterricht entdeckte, aber sie konnte sich mit ihren siebzehn Jahren auch nicht einsperren lassen wie einen Vogel. Am liebsten wäre sie losgerannt, aber es war so warm, dass sie sich zwingen musste, langsam zu gehen, wollte sie nicht völlig erschöpft ankommen.

Seit fast einem Jahr schlich sie sich einmal die Woche aus dem Haus ihrer Eltern, ohne dass sie jemals dabei erwischt worden wäre. Und immer noch plagte sie jedes Mal ihr schlechtes Gewissen. Katarina schloss kurz die Augen und erschauderte bei dem Gedanken daran, wie ihre Familie reagieren würde, wenn sie herausfände, was sie im Schilde führte. Sie hätten sie nicht verstanden. Und auch niemals verstehen wollen.

Schon von Kindesbeinen an hatte sie sich wie eine Art Fremdkörper in ihrer Familie gefühlt. Ihre roten Haare, die blauen Augen und der helle Teint, die so sehr im Kontrast zu den dunklen Haaren ihrer Verwandten standen, waren nur die äußerlichen Merkmale.

Vor allem aber quälte es sie, dass sie in ein privilegiertes Leben hineingeboren worden war, im Luxus lebte, während so viele Menschen litten. Doch auch wenn sie mit ihrer Haltung bei ihrer Familie auf Unverständnis stieß, liebte sie sie innig und hätte es nicht ertragen, dem Namen Sánchez Schande zu bereiten. Um den Familienfrieden zu wahren, hatte sie sogar den Mann, den sie liebte, zurückgewiesen. Umso schlimmer wäre es für sie, nun auch noch ihrer großen Leidenschaft zu entsagen. Allein die Vorfreude auf die wenigen Stunden pro Woche, die sie ihr widmen konnte, trug sie durch die langen, sich dahinschleppenden Tage. Deswegen hatte sie sich für die Heimlichkeit entschieden und musste akzeptieren, immer wieder diesen Kampf zwischen ihrem Gewissen und ihrem Herzen ausfechten zu müssen.

Katarina eilte durch die Altstadtgässchen von Granada, vorbei an räudigen Hunden und Müllhaufen. Mit ihrem luftigen Rock und ihrer einfachen weißen Bluse fiel sie in der Menge nicht auf. Sie hielt ihren Kopf gesenkt und blickte starr auf das Pflaster des Bürgersteigs. In letzter Zeit fühlte sie sich auf ihrem Weg nach Sacromonte immer weniger sicher. Seit kurzem kursierten Gerüchte über einen bevorstehenden Aufstand, das hatte die Stimmung im Land deutlich verändert. Ihre sonst so vertrauensvollen und herzlichen Landsleute waren durch den Sturz der Monarchie und die zahlreichen Putschversuche, die der Gründung der Zweiten Spanischen Republik folgten, massiv verunsichert worden. Nun, fast fünf Jahre später, war zu befürchten, dass sich die Lage sogar noch verschlimmerte. Wenn ihr Großvater und seine reichen Freunde recht behielten, dann würde Spanien noch tiefer in den Abgrund stürzen. Man munkelte von Verschwörungen und dem Sturz der Regierung: Die obersten Ränge des Militärs sowie nationalistische Bewegungen im Baskenland und Katalonien unterstützten zusammen mit den Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften die Linke. Beide Seiten versuchten einen Putsch gegen das demokratische Spanien zu inszenieren. Für Katarina bestand kein Zweifel daran, dass das Ergebnis ein Krieg sein würde. Doch wer hörte schon auf eine Siebzehnjährige aus Granadas Oberschicht. Niemand interessierte sich für ihre Befürchtung, dass Francisco Franco, General des Ejército de la República Española, nur geduldig auf die richtige Gelegenheit wartete, um zum Schlag auszuholen, und dieser Schlag würde hart, schnell und schmerzhaft sein.

Als Katarina endlich Sacromonte erreichte, war sie erleichtert, hier fühlte sie sich sicher, zu Hause. Ob es die Herzlichkeit der Menschen war oder ihre ausgeprägte Musikalität, mit jedem Mal fiel es ihr schwerer, das Viertel wieder zu verlassen. Wie oft hatte sie sich schon bei dem Gedanken erwischt, dass ihr Leben erfüllter sein könnte, wenn sie in eine Familie dieses Teils der Stadt hineingeboren worden wäre.

Sie schüttelte den Kopf. Natürlich war das naiv. Wenn harte Zeiten kämen und sie gezwungen wäre, von der Hand in den Mund zu leben, würden sich ihre romantischen Vorstellungen sicher schnell in Luft auflösen. Doch sie liebte die Menschen auf dem Sacromonte. Für Katarina waren sie der Inbegriff von Menschlichkeit, sie strahlten eine Wärme aus, die sich in ihrer Musik und ihren Tänzen widerspiegelte, das ganze Gegenteil zu den aufgeblasenen Reichen, die ihr Leben prägten. Ihr Vater war der Einzige, der dafür sorgte, dass sie in dieser abgehobenen Welt bei Verstand blieb. Als sie in eine der vertrauten Gassen einbog, flitzte ein kleiner Junge mit strubbeligen Haaren und abgetragenen Kleidern um die Ecke, als habe er ihr Kommen vorausgeahnt. Mit einem Jauchzer schlang er seine dünnen Arme um ihre Hüfte und drückte seinen Kopf an ihren Bauch.

»Hallo, Pablo«, sagte sie und lächelte ihn an. »Wie geht es dir heute?«

»Mir geht es gut, aber Neva geht es nicht besonders.« Er sah sie mit seinen großen Augen an. »Der Hunger macht sie krank.«

»Ich hoffe, das hier hilft«, sagte Katarina und reichte ihm den Beutel mit Essen. »Ich werde sehen, ob ich noch mehr von dem Brot bekomme. Sehen wir uns in zwei Tagen wieder?«

Pablo nickte, warf ihr ein strahlendes Lächeln zu und verschwand.

Katarina erreichte die flaschengrüne Tür des Café Cantaria, einem der wenigen Flamencoclubs, die es noch in Granada gab, seit die protzige ópera flamenca immer mehr Zuspruch fand. Wenn auch das Café schließen würde, gäbe es für Katarina keine Möglichkeiten mehr, unentdeckt ihrer großen Leidenschaft nachzugehen: dem Flamencotanz.

Voller Ungeduld klopfte sie drei Mal an die Tür und wartete, bis sie einen Spaltbreit aufging und sie zwei dunkle Augen ansahen.

»Du bist spät dran.«

»Tut mir leid, Mama ist erst spät zum Mittagessen gegangen.«

»Wie dem auch sei, jetzt bist du ja da. Komm rein.« Katarina trat über die Schwelle. Julieta sah müde aus, und ihre Haut wirkte fahl; die Falten um Mund und Augen waren noch tiefer als vor ein paar Tagen. Auch sie schien die aktuelle Lage zu beunruhigen.

Katarina ging in die Mitte des Raumes, legte ihren Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief durch.

Hier gehörte sie hin.

Dieser Ort atmete den Geist des Flamenco wie kein anderer. Hier hatte sie zum ersten Mal diese unstillbare Sehnsucht empfunden, sich nach den melancholischen und kraftvollen Flamencomelodien zu bewegen. Hier umgab sie ihre wahre Familie. Hier war sie angekommen.

»Lass uns beginnen. Hast du la farruca geübt?«

Katarina seufzte auf und schüttelte den Kopf.

»Warum willst du, dass ich dich unterrichte, wenn du nicht übst? Wozu soll das gut sein? Du musst den Flamenco leben und atmen und ihn nicht wie eine Amateurin behandeln.« Julieta stemmte ihre Fäuste in die Hüften, zwischen ihren rubinroten Lippen klebte eine Zigarette.

»Tut mir leid, es war unmöglich, allein zu üben.«

»Schön, dann lass uns die kostbare Zeit, die uns bleibt, nicht vergeuden.«

»Wo ist Santiago?« Katarina sah sich nach dem älteren Gitarristen um. Ihm gelang es als Einzigem, beruhigend auf Julieta einzuwirken, wenn sie mal wieder die Geduld mit Katarina verlor.

»Er ist erkältet, ich habe jedoch Ersatz für ihn gefunden. Er wird gleich da sein.«

»Wir hatten doch eine Abmachung, dass außer uns niemand sonst davon erfahren sollte.«

»Das weiß ich, aber dieser Gitarrist ist diskret. Das verspreche ich dir.« Julieta stieß einen langen Seufzer aus, in dem Ärger mitschwang. »Immer diese Ängstlichkeit. Es ist unmöglich, sich ganz mit dem Flamenco zu verbinden, wenn du nicht erlebst, was dir das Leben alles zu bieten hat. Leidenschaft … Dämonen … Liebe … Herzklopfen … Ärger … Wie kannst du erwarten, dem Flamenco gerecht zu werden, wenn du das Leben nicht in all seiner Pracht auskostest? Du betrügst dich selbst, indem du deiner Familie nichts davon sagst. Und du betrügst den Flamenco.«

Das war bei jeder Stunde so. Julieta wies Katarina zurecht und setzte dann zu ihrer Tirade an. Katarina hätte sie Wort für Wort mitsprechen können.

»Wir machen so lange el palo secolallamadala letra