Über Linda Winterberg

Hinter Linda Winterberg verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus und begann schon im Kindesalter erste Geschichten zu schreiben, ganz besonders zu Weihnachten, was sie schon immer liebte. Bei atb liegen von ihr die Romane »Das Haus der verlorenen Kinder« und »Solange die Hoffnung uns gehört« vor.

Informationen zum Buch

Weihnachten heilt alle Herzen

Frankfurt, 1951: Eva hat ihren Mann im Krieg verloren, ihre kleine Tochter Lotte wurde schwer verletzt. Nun hofft Eva auf einen Neuanfang mit Paul, aber auch ihn lassen die Erlebnisse des Krieges nicht los, und er verschweigt ihr den Grund für seine Weigerung, Weihnachten zu feiern. Dann begegnet Lotte einem Zwergesel, der ihr Leben vollends auf den Kopf stellt. Einen Tag vor Heiligabend steht Eva mit ihrem Kind auf der Straße, und es ist ausgerechnet der kleine Esel, der den beiden zu einem echten Weihnachtswunder verhilft. Doch wird es ihnen auch gelingen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen – und mit Paul eine Familie zu werden?

Eine anrührende Weihnachtsgeschichte

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Linda Winterberg

Für immer Weihnachten

Roman

Inhaltsübersicht

Über Linda Winterberg

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Impressum

Leseprobe aus: Linda Winterberg – Solange die Hoffnung uns gehört

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Prolog
Frankfurt am Main, Dezember 1950

Eva saß in der hintersten Reihe des kleinen Kinos und versuchte vergeblich, sich auf den Film zu konzentrieren. Sie wusste nicht, weshalb sie überhaupt hier saß. Zurück nach Hause hätte sie gehen sollen, wo ihre Tochter Lotte mit einer Erkältung das Bett hütete. Stattdessen saß Eva in diesem dunklen Saal und kämpfte mit den Tränen. Die makellosen Züge von Zarah Leander verschwammen vor ihren Augen. Voller Hoffnung hatte Eva eben noch auf dem Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs zwischen den vielen Angehörigen gestanden, die genauso wie sie auf Kriegsheimkehrer warteten. Das Foto ihres geliebten Mannes und ein von Lotte gemaltes Willkommensschild in den Händen. So viele Männer waren aus dem Zug gestiegen. Um Eva herum gab es Umarmungen, Wiedersehensfreude, Tränen der Erleichterung. Kinder wurden freudig in die Höhe gehoben, Küsse auf Wangen gedrückt, Geschenke überreicht – es spielte sogar eine Blaskapelle. Sie hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt, war durch die Menschenmenge gelaufen, hatte Johannes’ Bild in die Höhe gehalten, es dem einen oder anderen Rückkehrer gezeigt. Irgendwann hatte sich der Bahnsteig zu leeren begonnen. Der Zug war fortgefahren, und sie war allein auf einer Bank sitzend zurückgeblieben. Erstarrt, müde, frierend – wieder einmal erfolglos. In wenigen Tagen war Weihnachten. Johannes hatte das Fest so geliebt. Jedes Jahr hatte er den Christbaum geschmückt, am Heiligabend auf seinem Cello Lieder gespielt, gemeinsam waren sie durch den Schnee in die Kirche gestapft. Besonders die Christnacht hatte es ihm angetan. Dann war die sonst ruhelose Stadt so einmalig still und friedlich. Als hätte ihr der Herrgott für einen Moment eine Verschnaufpause verordnet.

Zuerst hatte Eva nicht bemerkt, dass sich jemand neben sie gesetzt hatte. Erst nach einer Weile war ihr der Mann in der dunkelbraunen Wolljacke aufgefallen. Sie brauchte einen Moment, um in ihm Johannes’ Kameraden Wilhelm zu erkennen. Er hatte einen Umschlag in der Hand, Tränen standen in seinen Augen. Eva verstand sofort. Wilhelm rückte näher an sie heran, und sie lagen sich in den Armen. Er roch nach Schweiß, seine Wolljacke kratzte an ihrer Wange. Am liebsten hätte sie den Umschlag nicht entgegengenommen, denn sie wusste, dass sich darin das Ende ihrer Hoffnungen befände. Wilhelm sprach es mit leisen Worten aus: »Johannes hat es nicht geschafft. Im letzten Winter ist er gestorben. Wochenlang war er krank, dann ist wohl eine Lungenentzündung daraus geworden, und er hatte keine Chance. Er hat bis zuletzt immer nur von dir gesprochen.«

Seine Worte drangen wie durch eine Wand zu ihr durch. Er drückte ihre Hand und umarmte sie erneut. Als er ging, bemerkte Eva es nicht. Auf den Bahnsteig starrend, war sie mit dem Brief in der Hand sitzen geblieben. Schneeflocken fielen durch eine Lücke im Dach auf den Boden. Schnaufend fuhr hinter ihr eine Dampflok ein. Menschen eilten an ihr vorüber, Durchsagen ertönten. Irgendwann war sie aufgestanden und im Menschenstrom mitgeschwommen, der sie nach draußen und in die ruhelose Stadt getragen hatte. In der Christnacht würden die Straßen der Stadt auch in diesem Jahr still werden, vielleicht sogar im Schnee versinken. Und es wäre wieder ein Heiliger Abend, an dem niemand Cello spielen und Eva allein mit Lotte zur Kirche gehen würde. Ihrer Tochter, die ihren Vater niemals kennenlernen durfte.

Zarah Leander setzte sich auf der Leinwand ans Klavier und begann zu singen. Wenn der Herrgott will. Eva kannte das Lied, denn es wurde häufig im Radio gespielt. Doch in diesem Augenblick berührte es sie tief im Innern.

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Wenn der Herrgott will
fallen tausend Flocken
und in stiller Nacht
läuten alle Glocken
und ein weißer Teppich
langsam fällt
hinab auf unsre kleine Welt.

In stiller Nacht, dachte Eva. In diesem Moment schien ihr der Gedanke an die stillen Nächte von einst wie ein Märchen. Still, leise, friedlich, so waren ihre Weihnachtsfeste gewesen. Niemals wieder würde es das mit ihm geben. Sie stand auf und verließ den Saal, während Zarah Leander die letzte Strophe des Liedes sang, die Eva nicht mehr wahrnahm.

Vor dem Eingang des Kinos empfing sie dichtes Schneegestöber, durch das sie zur Straßenbahn eilte. Als sie am Fenster Platz nahm, blickte sie wehmütig nach draußen. Tausend Flocken ließ der Herrgott fallen, doch die Hoffnung auf ein Wiedersehen hatte er ihr am heutigen Tag für alle Zeit genommen.

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Kapitel eins
Ein Jahr darauf

Als Eva die Wohnungstür aufsperrte, empfingen sie Stille und Dunkelheit, was ungewöhnlich war, denn normalerweise wurde sie von Lotte freudig begrüßt. Sie knipste das Licht im Flur an, stellte ihre Tasche auf die Kommode und rief:

»Lotte, bist du da?«

Keine Antwort. Eva blickte in das Zimmer ihrer Tochter. Eine winzige Kammer, in die Lottes Bett und der Kleiderschrank gerade so hineinpassten. Sie war leer. Eva betrat die Küche und machte Licht. Auf dem Tisch stand ein halb gefüllter Teller. Gemüseeintopf, den sie gestern gekocht hatte. Sie ging weiter in die dunkle Wohnstube. Paul saß in dem grünen Lehnstuhl am Fenster. Sie trat näher und knipste die neben ihm stehende Lampe an. Warmes Licht flutete den Raum.

»Guten Abend, Paul. Wieso sitzt du im Dunkeln? Wo ist Lotte?«

Pauls Miene war ernst.

»Sie ist gegangen, schon vor einer Weile«, antwortete er, ohne Eva zu begrüßen.

»Weshalb ist sie gegangen? Und wohin überhaupt?«, fragte Eva.

Ihr Blick fiel auf den Boden neben dem Sofatisch. Dort lagen ein Tannenzweig, eine rote Kerze, die entzweigebrochen war, und ein gefalteter Stern aus Glanzpapier. Einfache Weihnachtsdekoration, vermutlich in der Schule gebastelt. Pauls Blick wanderte ebenfalls gen Fußboden.

»Ich habe doch gesagt, dass in diesem Haus kein Weihnachten gefeiert wird. Sie muss lernen, auf mich zu hören. Immerhin bin ich jetzt ihr Vater.« Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu: »Jedenfalls bald, wenn wir geheiratet haben.« Seine Stimme klang nicht wütend, eher mutlos. Eva wusste jedoch, wie schnell diese Mutlosigkeit in Wut umschlagen konnte. Ein falsches Wort, und er würde laut werden. Besonders in den letzten Wochen war dies mehrmals geschehen, und sie hatten häufig gestritten. Der Herbst war ins Land gezogen, und mit jedem dunkler werdenden Tag hatte sich Paul verändert.

Sie war ihm über ihre Freundin Gerda begegnet, die sie schon seit der Schulzeit kannte. Um Geld zu sparen, hatten sich die beiden Frauen eine Zweizimmerwohnung geteilt, die nahe dem Zoo in einem notdürftig reparierten Haus lag. Es war sehr eng gewesen. Lotte und Eva schliefen in der Abstellkammer neben der Küche, in die gerade so ein Bett hineinpasste, Gerda auf dem Sofa in der Stube. Ein eigenes Bad gab es nicht. Sie wuschen sich in der Küche, die Toilette war im Flur. Einmal in der Woche wurde der große Zuber mit heißem Wasser gefüllt. Das Wasser musste für alle drei reichen. Lotte kam stets als Letzte an die Reihe. Doch trotz der Einschränkungen, der Enge und des ständigen Geldmangels gab es nur selten Streit, was hauptsächlich an Gerda lag, die eine Seele von Mensch war. Gerda war ein halbes Jahr älter als Eva und arbeitete beim Finanzamt als Sekretärin. Sie war klein und rund, trug eine dicke Brille auf der Nase und hatte krause braune Locken, die sich nur schwer bändigen ließen. Mit den Männern wollte es bei ihr nicht recht klappen. Einen, den hatte sie geliebt. Den Heinz, von der Bäckerei an der Ecke. Doch auch er war im Krieg gefallen, und bisher war kein Nachfolger für ihn in Sichtweite. An manchen Tagen jammerte Gerda deswegen. Dann stand sie vor dem Spiegel und bemängelte alles an sich. Die schrecklichen Locken, das runde Gesicht mit den roten Wangen, die zu breiten Hüften, das Speckröllchen an der Taille. An guten Tagen ging sie zu Tanzveranstaltungen, um vielleicht jemanden kennenzulernen. Mehrfach hatte sie Eva gefragt, ob sie mitkommen wolle, doch Eva lehnte jedes Mal ab. Es kam ihr wie ein Verrat an Johannes vor, sich wieder nach einem neuen Partner umzusehen, außerdem wollte sie Lotte nicht allein zu Hause lassen. Gerda ging dann mit Uschi, der Tochter des Fleischers von nebenan, oder allein zum Tanz. Allerdings verlor sie nach kurzer Zeit schon wieder das Interesse an den Tanzabenden, denn dort herrschte akuter Männermangel. Woher sollten die Männer auch kommen? So viele junge Burschen waren gefallen oder noch in Gefangenschaft. Also tanzten die Frauen miteinander und stritten sich um die wenigen vorhandenen männlichen Wesen. Gerda beschloss nach einer Weile, die krampfhafte Suche nach einem Mann fürs Leben aufzugeben. Entweder endete sie eben als alte Jungfer, oder es schlug irgendwann das Schicksal zu, und der Auserwählte kam von ganz allein. So war es bei Eva schließlich auch gewesen. Aus heiterem Himmel war Johannes damals aufgetaucht und Teil ihres Lebens geworden. Gerda sprach oft auf solche oder ähnliche Weise über Evas Liebesglück und bemerkte nicht, wie sehr sie Eva damit traf. Ja, sie hatte Glück gehabt und die Liebe ihres Lebens kennenlernen dürfen. Doch jetzt war Johannes tot und sie allein zurückgeblieben. Was wog schwerer? Niemals im Leben richtig verliebt gewesen zu sein oder diesem unbändigen Glücksgefühl für die Ewigkeit nachzutrauern? Der Gedanke, dass jemand anderes Johannes’ Platz einnehmen könnte, war für Eva unerträglich. Bis sie an einem warmen Frühlingstag zwischen Tür und Angel Paul begegnet war.

Er war ein Kollege von Gerda und hatte sie nach Hause begleitet, weil ihr im Büro übel geworden war. Eva war auf dem Weg ins Krankenhaus zu Lotte gewesen, die sich auf einem der Trümmergrundstücke beim Spielen verletzt hatte. Sie hatte ihn kaum wahrgenommen und nur kurz gegrüßt. Eine Woche danach trafen sie sich zufällig auf der Zeil wieder, und bei der Gelegenheit kamen sie ins Gespräch. Bald darauf waren sie zum ersten Mal miteinander ausgegangen. Eis essen, später ein Spaziergang im Nizzapark am Mainufer. Paul gefiel Eva auf den ersten Blick. Er hatte schwarzes, von grauen Strähnen durchzogenes Haar, braune Augen und ein einnehmendes Lächeln. Er erzählte viel, war aber auch ein guter Zuhörer. Ursprünglich stammte er aus Darmstadt. Das Angebot einer gutdotierten Anstellung im Finanzamt hatte ihn nach Frankfurt gebracht, und er war geblieben. Seine erste Ehe war noch vor dem Krieg in die Brüche gegangen, Kinder hatte er keine. Allzu gern hätte er welche gehabt, aber das Schicksal hatte es nicht gewollt. Eva hatte zuerst gezögert, ihm Lotte vorzustellen, denn in ihren Augen bekam die Beziehung damit etwas Offizielles, und sie hatte sich eine ganze Weile gefragt, ob sie das überhaupt wollte.

Sie mochte Paul und freute sich jedes Mal, ihn zu sehen, aber war sie tatsächlich schon bereit, Johannes gehen zu lassen? Sich von diesem glücklichen Kapitel ihres Lebens für immer zu verabschieden? Oftmals holte sie den Stapel mit seinen Frontbriefen aus ihrer Schublade und berührte ihn zärtlich. Einen davon, den letzten, konnte sie auswendig.

Mein Liebling,

sehnsüchtig wünsche ich den Zeitpunkt herbei, an dem ich Dich und unsere geliebte Lotte endlich in die Arme schließen darf. Wir sitzen hier irgendwo in der Einöde und warten von einem Tag zum anderen, was geschehen wird. Der Krieg scheint verloren. Doch laut auszusprechen traut es sich niemand. Wir kämpfen immerfort in dieser elenden Kälte und verlieren täglich Kameraden. Aber ich werde durchhalten, das verspreche ich Dir. Ich habe einen Posten hinter der Front, im Nachschub, übernommen. Hier ist es relativ sicher. Ich werde zu Euch zurückkommen, und dann sind wir endlich das, was wir immer sein wollten. Eine Familie.

Ich umarme und küsse Dich Tausende Male.

Dein Dich über alles liebender

Johannes

Er hatte sein Versprechen nicht halten können. Sie waren keine richtige Familie geworden. Nur Lotte und Eva waren übrig geblieben. Und sie war Witwe. Was für ein schreckliches Wort. Wie viel Zeit brauchte man, um von der Witwe wieder zur Frau zu werden? Wie viel Zeit brauchte die Trauer um einen Mann, den man doch sowieso sein Leben lang lieben würde, egal, was nach ihm käme? Eva redete und lachte mit Paul, und doch hatte sie Johannes vor Augen. Johannes, der plötzlich in ein anderes Leben zu gehören schien. In das Leben, in dem sie jung gewesen waren, mit dem Kopf voller Träume. Damals hatten sie gemeinsam die Welt erobern wollen. New York, Paris, London, Rom oder Venedig, all das hatten sie irgendwann einmal sehen wollen. Bis der Krieg kam und alles zerstörte.

Paul war nicht mehr an die Front gekommen. Er war bereits über fünfzig und hatte zuletzt im Volkssturm gedient. Darüber redete er nur wenig, wie die meisten. Der Krieg war vorbei, niemand wollte mehr davon hören. Es ging wieder aufwärts. Frankfurts Trümmergrundstücke verschwanden eines nach dem anderen. Die Stadt war eine große Baustelle, und die Geschäfte waren stets voll. Vorbei schienen die Zeiten, in denen sie frierend in ihren Häusern saßen, von Lebensmittelmarken lebten und zu Volksspeisungen gingen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Für die meisten Menschen blieben jedoch noch immer viele Wünsche unerfüllt. Kinder standen mit leuchtenden Augen vor den gutgefüllten Schaufenstern und bewunderten Spielzeug, das für ihre mittellosen Eltern in unerreichbarer Ferne lag. Auch gab es viele Flüchtlinge in der Stadt, die es zu versorgen galt. Menschen, denen der Krieg das Zuhause genommen und die er irgendwohin verschlagen hatte. Darunter viele, die aus ihrer Heimat im Osten vertrieben worden waren. »Polacken«, wie sie oftmals beschimpft wurden. Ostpreußen, Schlesien, eine verlorene Heimat, ein Neuanfang in einer fremden Stadt, die sich mühevoll wieder aufrappelte. Genauso wie Eva. Irgendwie war Weihnachten im letzten Jahr vergangen. Verregnete Feiertage, an denen sie für Lotte gelächelt hatte. Geweint hatte sie im Stillen, wenn ihr Mädchen neben ihr eingeschlafen war. Der Frühling war ins Land gezogen, hatte mit seinen strahlenden Farben die Traurigkeit abgemildert, und Paul lernte Lotte kennen. Bereits nach wenigen Wochen hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hatte sofort ja gesagt, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie ihn wirklich liebte. Sie mochte ihn, keine Frage. Er war fürsorglich und kümmerte sich rührend um Lotte. Eine Heirat mit Paul versprach die Sicherheit, nach der sie sich in den letzten Jahren gesehnt hatte. Doch das wunderbare Kribbeln, das sie damals in Johannes’ Nähe verspürte, hatte sich bis zum heutigen Tag nicht eingestellt, und inzwischen kamen Zweifel in ihr auf, ob die schnelle Verlobung eine gute Idee gewesen war. Bereits im September waren Lotte und sie zu Paul gezogen. Er bewohnte eine große Altbauwohnung im Grüneburgweg, der genau neben dem idyllischen Grüneburgpark lag, den die Amerikaner lange Zeit als Sperrgebiet für sich beansprucht hatten. Jetzt war er jedoch wieder freigegeben und sogar erweitert worden. Rund um den Park waren nur wenige Häuser vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden, was Eva das Gefühl von Sicherheit vermittelte. Im Ostend, wo sie bisher gewohnt hatte, gab es noch viel mehr Trümmergrundstücke, auf denen sich die Kinder mit Vorliebe tummelten. Auch Lotte hatte mit ihren Freunden aus der Nachbarschaft zwischen den Trümmern gespielt. Wer nicht mitmachte, gehörte nicht dazu. Die Kinder fanden dort Bretter zum Wippen, es gab Eisenstangen zum Klettern, herrlich viele Löcher und Krater zum Versteckenspielen. Lotte war ein Betonbrocken aufs Bein gefallen. Es hatte mehrere Männer gebraucht, den Stein von ihr herunterzuwuchten. Das Mädchen hatte einen Gips tragen und sechs unendlich lange Wochen still liegen müssen. Bis heute hatte sie mit dem Bein Probleme. Die Kniescheibe hat ordentlich was abbekommen, hatte der Arzt im Krankenhaus gesagt. Wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis sie wieder richtig laufen kann. Wird aber wieder. Ist ja noch jung, gerade mal acht Jahre alt. In dem Alter schafft es der Körper noch, sich von so einer Verletzung zu erholen.

Am Anfang waren noch einige Freundinnen zu Besuch gekommen. Helga aus dem Nachbarhaus war besonders eifrig gewesen und anfangs jeden Tag da gewesen. Irgendwann waren ihre Besuche weniger geworden. Mit dem Umzug zu Paul und dem damit verbundenen Schulwechsel hatte Lotte endgültig jeden Kontakt zu ihren Freunden verloren. In der neuen Schule war sie bis heute das Fräulein Humpelbein. Sie war die Außenseiterin, das Mädchen aus dem Ostend, das nicht mit auf die Trümmergrundstücke kommen, nicht Schwarzer Mann oder Völkerball spielen konnte. Eva brach es fast das Herz, mit anzusehen, wie sehr ihr Kind darunter litt. Und jetzt gab es auch noch Pauls unerklärliche Ablehnung des Weihnachtsfestes, mit der sie nur schwer umgehen konnte. Im Sommer hatte er noch vom Weihnachtsmarkt geschwärmt, ihr erzählt, wo man den schönsten Baum kaufen konnte. Bethmännchen waren seine Lieblingsplätzchen. Sie hatte sie für ihn backen wollen. Weshalb nur wehrte er sich plötzlich mit Händen und Füßen gegen das Fest? Wenn er doch nur reden würde. Aber genau das tat er nicht.

»Es ist doch nur eine Bastelarbeit aus der Schule.« Eva bückte sich, hob den Tannenzweig, die Kerze und den Papierstern vom Boden auf und legte sie auf den Tisch. »Lotte wollte uns damit bestimmt eine Freude machen.«

»Ich habe gesagt, dass ich kein Weihnachten feiern möchte. Was ist daran so schwer zu verstehen?«

Er verschränkte die Arme vor der Brust.

»Aber warum denn nicht?«, fragte Eva. »Im Sommer hast du noch …«

»Was ich im Sommer gesagt habe, zählt nicht mehr«, ließ er sie nicht ausreden. »Jetzt ist es eben so. Kann ein Mann in seinem eigenen Haus nicht einen Wunsch erfüllt bekommen?«

Er schaute Eva nicht an, und sie antwortete nicht mehr. Es kam nicht zum ersten Mal vor, dass er ihre Nachfrage mit schroffen Worten abblockte. Irgendetwas musste in den letzten Wochen vorgefallen sein. Anders konnte sie sich seine Veränderung nicht erklären. Vielleicht würde er ja doch noch mit ihr darüber sprechen. Wo sich Lotte versteckt hatte, konnte sie sich denken. Sie verließ die Wohnstube, griff nach dem Haustürschlüssel, trat in den Hausflur und stieg die Treppe ins Dachgeschoss hinauf. Dort fand sie Lotte, auf der obersten Treppenstufe sitzend, mit rot verweinten Augen, ihren struppigen Teddybären Alfons im Arm, dem ein Auge fehlte. Eva setzte sich neben sie. Eine Weile schwiegen beide.

»Er hat es kaputtgemacht«, sagte Lotte irgendwann leise.

»Ich weiß«, erwiderte Eva. »Er meint es nicht böse. Das weiß ich.«

»Er war aber böse. Er hat mich angeschrien.«

In Lottes Augen traten Tränen.

»Ach, Lotte.« Eva legte den Arm um ihre Tochter und zog sie an sich.

»Es sollte doch nur ein bisschen Weihnachten sein. So wie früher, als wir noch bei Gerda gewohnt haben.«

»Viel Weihnachten gab es dort aber auch nicht«, erwiderte Eva. »Nur ein paar mit Lametta und Kerzen geschmückte Tannenzweige haben wir aufgehängt. Für einen richtigen Baum hat das Geld nicht gereicht. Die Kohlen für die warme Stube waren wichtiger.«

»Und trotzdem haben wir gefroren«, antwortete Lotte.

»Aber immerhin gab es leckeres Essen«, sagte Eva. »Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat am Heiligen Abend und am ersten Feiertag sogar einen kleinen Braten mit Klößen.«

»Was es dieses Jahr auch nicht geben wird«, sagte Lotte missmutig.

»Wieso nicht?«, fragte Eva. »Paul mag kein Weihnachten wollen, aber gegen Würstchen kann er nichts haben. Wir machen sie einfach an Heiligabend.« Sie bemühte sich um ein Lächeln.

»Und was ist mit der Kirche?«, fragte Lotte. »Dorthin wird er bestimmt nicht gehen wollen. Frau Selbig, unsere Religionslehrerin, leitet den Kirchenchor. Sie hat mich heute gefragt, ob ich für Anna als Maria im Krippenspiel einspringen könnte. Anna zieht eher als gedacht zu ihren Großeltern nach Wiesbaden. Ich habe doch immer bei den Proben zugesehen. Das ganze Stück kann ich auswendig. Ich würde so gern mitspielen, aber …«

»Das sind ja wunderbare Neuigkeiten«, freute sich Eva. »Du im Krippenspiel, und dann auch noch die Maria. Das wird bestimmt großartig. Selbstverständlich spielst du mit. Paul muss ja nicht in die Kirche mitkommen.«

»Oh, wie schön.« Lotte klatschte vor Freude in die Hände, und ihre Augen begannen zu strahlen.

»Meine Lotte als Maria. Gleich eine Hauptrolle. Das müssten wir eigentlich feiern«, sagte Eva. Sie blickte auf ihre Armbanduhr.

»Es ist noch nicht sehr spät. Wollen wir auf den Weihnachtsmarkt gehen und mit einer Tasse Punsch auf deinen Erfolg anstoßen?«

»Au ja«, rief Lotte. »Und Karussell fahren und heiße Maronen essen.«

Eva lächelte. Die Begeisterung des Kindes war genau das, was sie in diesem Moment brauchte, um ihre Sorgen um ihre Zukunft an Pauls Seite zum Verstummen zu bringen.

»Dann lass uns schnell unsere Mäntel holen«, sagte sie und erhob sich.

»Und was ist mit Paul?«, fragte Lotte.

»Dem müssen wir ja nicht sagen, wohin wir gehen«, erwiderte Eva und zwinkerte ihrer Tochter zu.

Die beiden schlichen auf Zehenspitzen zurück in die Wohnung. Paul saß noch immer in der Wohnstube am Fenster und blickte auf die Straße. Eva holte schnell ihre Mäntel, und sie huschten mit verschwörerischen Blicken aus der Wohnung. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle, die am Ende des Grüneburgwegs lag, hielten sie sich fröhlich lachend an den Händen und sangen Ihr Kinderlein kommet. Ihr spontaner Ausflug zum Weihnachtsmarkt hatte etwas von einem Lausbubenstreich, was sich gut anfühlte. Als sie an der Haltestelle ankamen, fuhr gerade die Bahn vor. Sie stiegen ein, und Lotte setzte sich wie immer ans Fenster. Die Tram setzte sich in Bewegung, und die Häuser zogen an ihnen vorüber. Nur wenige Minuten vom Grüneburgweg entfernt zeigte die Stadt ihr anderes Gesicht. Überall gab es Baustellen, die den Verkehr aufhielten. Auf der Zeil waren die Kaufhäuser mit Lichterketten geschmückt. Unmengen von Menschen eilten über die Bürgersteige, die Straßen waren mit Autos verstopft. Vor der Hauptwache war ein Weihnachtsbaum aufgestellt worden, der herrlich leuchtete. Davor stand ein Weihnachtsmann mit einer Glocke in der Hand. Menschen drängten in die Tram, schnell gab es keine Sitzplätze mehr. Sie erreichten ihre Haltestelle an der Paulskirche und stiegen aus. Klirrende Kälte empfing sie, aber über ihnen leuchteten die Sterne. Schon seit Tagen hielt ein eisiger Ostwind die Stadt fest im Griff. Fürsorglich zog Eva ihrer Tochter die Wollmütze über die Ohren. Sie überquerten die Braubachstraße und betraten den Römerberg. Das Rathaus wurde noch immer renoviert. Hell erleuchtete Buden säumten den Rand des Bauzauns. Neben ihnen war der große Weihnachtsbaum aufgestellt worden. Er war mit vielen Lichtern und roten Schleifen geschmückt und sah unglaublich schön aus. In der Mitte des Römerberges stand ein großes doppelstöckiges Karussell mit auf und ab wippenden Pferden, Schlittenanhängern und Rondells. Es duftete herrlich nach Lebkuchen und gebratenen Würstchen. Mit leuchtenden Augen lief Lotte an Evas Hand durch die Reihen der bunten Stände. Was gab es hier nicht alles zu sehen. Funkelnde Glaskugeln, viele von ihnen kunstvoll bemalt. Lametta in Gold und Silber, Honigkerzen und Holzspielzeug. An einem Stand gab es rosa Zuckerwatte, gleich daneben konnte man Bethmännchen, Lebkuchen, gebrannte Mandeln und Zwetschgenmänner kaufen. Vor den Glühweinständen hatten sich Menschentrauben gebildet.

»Können wir zuerst mit dem Karussell fahren?«, fragte Lotte. »Aber gewiss doch«, erwiderte Eva. »Und danach kaufen wir uns einen heißen Punsch gegen die Kälte.«

Eva lief zu dem kleinen, neben dem Karussell stehenden Kassenhäuschen und erwarb zwei Fahrkarten. Als das Karussell hielt, kletterten sie auf zwei der Schaukelpferde. Was wippten diese herrlich auf und ab. Der Fahrtwind im Gesicht, die schönen Weihnachtslieder, vielen Lichter und Gerüche. Niemals sollte die Fahrt enden. Sie kauften weitere Fahrkarten. Einmal saßen sie in einem Rondell, dann auf einer Schaukelbank im oberen Bereich des Karussells,