Über Catherine Bennetto

Catherine Bennetto wurde in Neuseeland geboren und ging nach England, um von Design bis Biomedizinische Wissenschaften alles Mögliche zu studieren und als Regieassistentin beim Film zu arbeiten. Mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Jungen ist sie überall auf der Welt zu Hause, zurzeit in den Weinanbaugebieten Südafrikas.

Mehr Informationen zur Autorin unter www.catherinebennetto.com

Teja Schwaner, Studium in Hamburg, Frankfurt und London. Arbeitete als Musik- und Filmjournalist. Übertrug neben Hunter S. Thompson Daniel Woodrell und Daniel Friedmann ins Deutsche.

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Gibt es einen falschen Zeitpunkt für den Richtigen?

Emma träumt von der Liebe, aber als sie von ihrem langjährigen Problemfreund Ned schwanger wird, erkennt sie, dass man mit ihm lieber keine Familie gründen sollte. Also hakt sie den Traum vom Glück zu dritt ab. Ausgerechnet jetzt läuft ihr der Mann ihres Lebens über den Weg. Dumm nur, dass der eine andere heiraten will. Und sie das Kind eines anderen erwartet. Und ihren Job verloren und eine dysfunktionale Familie hat. Sie kann sich jetzt nicht auch noch um Liebe kümmern. Aber wie soll man Leben schenken, wenn man selbst gerade das Gefühl hat, dass es einem genommen wird? Und der Termin der Geburt rückt näher, ob es ihr gefällt oder nicht, und wenn alles schiefläuft, hat man Träume doch am Allernötigsten.

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Catherine Bennetto

Und jetzt auch noch Liebe

Aus dem Englischen von Teja Schwaner und Iris Hansen

Inhaltsübersicht

Über Catherine Bennetto

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Danksagung

Impressum

Kapitel 1

»UND CUT! WO BLEIBT PRÜGELPROSTITUIERTE NUMMER  3?«

Ich schoss in die Senkrechte und schnappte mir das Sprechfunkgerät vom Schreibtisch, den Finger zögernd über der Sendetaste. Prügelprostituierte Nummer 3? Prügelprostituierte Nummer 3? Ist denn heute Prostituierten-Tag? Ich dachte, es sei Autounfall-Tag?

»Quentin an Emma«, tönte es wieder knarzend aus dem Funkgerät. »Bitte Prügelprostituierte Nummer  3 zum Set bringen.« Ohne die flehentliche Bitte zu beachten, blätterte ich durch einen überquellenden Aktenordner und warf einen Blick auf die Buchungsliste für Komparsen. Verletzter Zuhälter Nummer 1, Verletzter Zuhälter Nummer 2, Junge mit Beinbruch, drei Krankenschwestern, zwei Ärzte, ein Pförtner und ein Rebhuhn in einem Birnbaum, okay, kein Rebhuhn. Aber auch keine Prügelprostituierte Nummer 3.

»O nein.«

Ich sah die beiden Kollegen an, mit denen ich mir das Büro teilte: Sophie, die kurzhaarige Sechsundzwanzigjährige aus Somerset, deren Eltern eine Käserei betrieben, und Douglas, der mit siebenundzwanzig, allmählich schütter werdendem Haar und Nickelbrille wie ein verirrter Buchhalter wirkte. Wie er in die abgründige Welt der Produktion zweitklassiger Krankenhausserien gelangt war, entzog sich meiner Vorstellungskraft.

Sophie sah mich aus rotgeränderten Augen an. »Du hast vergessen, sie zu buchen?«

Ich nickte.

Wenn Prügelprostituierte Nummer 3 in der Notaufnahme nicht zu weinen anfing, konnte unsere Hauptdarstellerin (eine knackige Zweiundzwanzigjährige, schon als Kind erfolgreiche Turnierreiterin, die trotz ihrer Körpergröße von einem Meter siebenundzwanzig auf alle Menschen von oben herabblickte) Prügelprostituierte Nummer 3 nicht besänftigen und ihre qualvollen Schluchzer nicht zum Verstummen bringen. Und wenn der männliche Hauptdarsteller (ein solariumgegrillter Blödmann mit nur zwei Gehirnzellen, von denen er eine leider immer zu Hause ließ) nicht erlebte, wie Prügelprostituierte Nummer 3 getröstet wurde, konnte er sich nicht in die kleine Pferdenärrin verlieben, und wir konnten die Szene nicht drehen.

»QUENTIN AN EMMA, HÖRST DU MICH?«

»Mi-hist.« Mit flehendem Blick zu Sophie hob ich mein Sprechfunkgerät und drückte die Sendetaste. »Ja, tut mir leid, Quentin. Also … wir brauchen noch fünf Minuten mit der Prostituierten. Over.« Sophie schüttelte den Kopf, so dass ihr winziger diamantener Nasenstecker im Licht der Neonröhren an der Decke aufblitzte.

»Bitte, Sophie, ich beschwöre dich!« Ich stand vor ihrem mit Aktenmappen überladenen Schreibtisch.

»Tut mir leid, Emma. Kommt nicht in Frage.« Sie nahm einen unordentlichen Stapel Terminnotizen zur Hand. »Ich hab neue Drehbücher; eine Terminplanung, die ohnehin nicht realistisch ist, und dann hat auch noch der Erste Regieassistent den gesamten Drehplan für morgen umgestellt, so dass ich vierzig Amputierte aufs Neue buchen muss und bei Uber nicht genügend behindertengerechte Wagen kriege. Ich hab sie schon so weit, dass sie mehrere auf einmal transportieren würden, aber die ohne Arme können ja keine Rollstühle schieben, oder? Und …«

»Ach, komm …« Ich schlug die Hände zusammen. »Letzte Woche hab ich für dich doch auch die Autoaggressive gespielt.«

»Muss die Prostituierte unbedingt eine Frau sein?« Douglas schob die Brille auf die Stirn und bot seine Dienste an.

Unsere Freundschaft wurde an jenem Tag besiegelt, als wir beide vor sechs Jahren bei der Serie anfingen und feststellen mussten, dass es nirgends vernünftigen Kaffee gab. Seither brachte er mir jeden Morgen einen Costa Coffee mit.

»Könnte ich nicht einspringen? Ich habe meine Arbeit so gut wie erledigt, und ich …«

»Danke, Douglas. Aber wir brauchen definitiv eine Frau. Eine äußerst ramponierte Frau, die ordentlich was auf die Mütze bekommen hat und deswegen außer sich ist.« Ich warf Sophie einen bedeutsamen Blick zu, die inzwischen ein paar Zettel in der Hand hielt und telefonierte.

»Sophie am Apparat. – Okay, haben Sie keine Beine oder keine Arme?«

»Quentin an Emma.« Die Stimme aus dem Funkgerät klang nicht fröhlich. »Bringt mir sofort diese Tussi her.«

»Was für ein Arsch.« Ich drückte die Sendetaste. »Ist schon auf dem Weg.«

***

Es war bereits nach halb zehn, als ich die Eingangstür meiner dunklen Wohnung in Tooting öffnete. Mein Job beim Fernsehen sollte mir eigentlich exotische Schauplätze, inspirierende Geschichten und ein so gutes Einkommen bieten, dass die Salami von Waitrose für mich erschwinglich wäre. Ich war ausersehen, eine wesentliche Rolle in der Avantgarde britischer Filmkunst zu spielen, dessen war ich mir sicher. Gebührte es mir etwa nicht, in eine von angenehmen Düften geschwängerte Wohnung heimzukehren, in der eine Perserkatze wartete, die ihres eigenen Werbespots für Fleisch in Gelee würdig war und sich bereits die Schwuchtelpfoten danach leckte? Stattdessen war ich nur ein ganz normales kleines Rädchen und arbeitete in einem gedrungenen Backsteingebäude aus den Siebzigern, das garantiert von jemandem entworfen worden war, der mit der Wiedereinführung der Fenstersteuer rechnete. In meiner Wohnung roch es nach nichts Besserem als Abwasser, einem schmutzigen Kühlschrank und Tomatensoße von vorgestern. Ich stieg über ein Paar halb zerfetzte Skate-Schuhe und lud meine Tasche zwischen die Stapel von Hochglanzflyern ab, die für Zwei Pizzas essen, eine bezahlen und billige Telefonverbindungen nach Polen Werbung machten. Mit ihren feuchten Wänden und geräuschvollen Heizkörpern war unsere Wohnung ein Parterreloch, das mein Freund Ned gefunden und angesichts meiner offensichtlichen Verzweiflung mit dem Ausruf »Aber die Küche hat Teppichboden!« angepriesen hatte, als sei das etwas besonders Erstrebenswertes. Wir konnten uns eines gut besuchten Puffs im Nachbarhaus erfreuen, und direkt neben uns hauste ein Paar, das sich voller Hingabe gegenseitig versohlte  – beim Geschlechtsakt oder wann auch immer und obendrein ungeniert laut. Die Huren waren ganz nett, wenn auch ein wenig abgetakelt, aber die Versohler nagelten ständig zu nachtschlafender Zeit irgendwelche Sachen an die andere Seite unserer Schlafzimmerwand. Vielleicht auch einander.

»Ned?«, rief ich.

»Hier drinnen«, erwiderte eine gedämpfte Stimme aus dem Schlafzimmer.

Ned saß in der Ecke an seinem Computer. Hingekritzelte Notizen lagen verstreut auf dem nicht gemachten Bett.

»Hey, Babe!« Er sprang von seinem Stuhl auf und hätte mich mit seiner ungestümen Umarmung beinahe zerquetscht. Seine Bartstoppeln schmirgelten mir die Wangen. »Wie war dein Tag?«

»Ach, du weißt schon. Wie immer.« Ich blickte auf seinen Computerschirm, auf dem eine nicht sonderlich originelle Sammlung von Motivationszitaten zum Start einer gigantisch erfolgreichen, aber noch nicht näher spezifizierten geschäftlichen Unternehmung prangte, und dann auf einen Haufen schmutziger Wäsche auf dem Fußboden. »Heute viel geschafft?«

»Recherche«, sagte Ned. Sein Handy bimmelte. Er tobte durchs Zimmer, grinste über die Nachricht und machte sich sofort daran, zu antworten.

Ich ging in die Küche und musste feststellen, dass sich dort weder Essbares noch Trinkbares finden ließ und man am Fußboden inzwischen kleben blieb. Ich verscheuchte jeden Impuls zu hausfraulicher Betätigung, ließ mich aufs Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein, um mir eine alte Episode Friends reinzuziehen. Nach ein paar Minuten kam Ned ins Wohnzimmer. Die Jeans schlackerten an seinem Klapperskelett, und eine seiner nicht zusammenpassenden Socken war durchlöchert. Bei näherer Inspektion stellte sich heraus, dass die Lochsocke mir gehörte.

»Hast du was zu essen besorgt?« Er ließ sich aufs Sofa plumpsen und legte mir den Arm um die Schulter.

Diese Gesprächseröffnung machte mich fassungslos. Wieder einmal kam es mir vor, als habe er meine Existenz erst wahrgenommen, als ich an diesem Abend zur Tür hereingekommen war.

»Ob ich was zu essen besorgt habe?« Mir schwoll der Kamm.

»Na ja  …« Er blinzelte. »Du kommst doch auf dem Weg nach Hause am Laden vorbei, und daher dachte ich, weißt du …«

»Ob ich fürs Abendessen eingekauft habe?«

Ned sah mich von der Seite an. »Ähm …«

»Ich? Die ich heute Morgen um halb sieben aus dem Haus gegangen bin, während du weiß Gott wie lange im Bett geblieben bist und dir den Hintern gekratzt hast?«

Ned hörte sofort auf, eben dieses zu tun.

»Ich? Die ich den gesamten Nachmittag als verprügelte Prostituierte verkleidet herumlaufen musste, weil ein Schauspieler im Verkehr stecken geblieben war, ein anderer ›Continuity-Probleme mit seiner Frisur‹ hatte und ein dritter dann auch noch glutenfreie Pizza mit lactosefreiem Käse verlangte, bevor er an die Arbeit gehen wollte. Und die ganze Zeit hatte ich keine Gelegenheit, mich umzuziehen.«

»Ich könnte uns ein paar Bohnen warm machen …?«

»Ich? Die zum Feierabend vergessen hatte, die Verkleidung als vermöbelte Nutte loszuwerden« – ich wedelte hektisch mit dem Finger vor meinem Gesicht – »und die auf der Straße von einer Frau angesprochen wurde, ob alles okay sei oder sie die Polizei rufen sollte? Die deswegen noch einmal zum Studio zurückrennen musste? Ob ich etwas zu essen besorgt habe?« Mein linkes Auge zuckte, als sich Ross und Rachel auf dem Bildschirm küssten.

»Da ist noch immer was …« Ned deutete zaghaft mit dem Finger auf meine Nasengegend. »Da hast du immer noch ein bisschen …«

***

Im trüben Lichtschein einer nackten Glühbirne ließ ich mir Badewasser ein. In der Küche schepperte ein Topf zu Boden, und Ned jaulte auf. Sollte er tatsächlich versuchen, ein Abendessen für uns zu machen, würde er mit der abgelaufenen Hühnerbrühe und einer sehr fragwürdigen Tomate mächtig zaubern müssen. Oder war es ein fragwürdiger Apfel, der noch sein einsames Dasein im Kühlschrank fristete? Ich ließ mich in die Wanne gleiten und schloss die Augen. Ned und ich waren seit meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag zusammen, als ich auf dem Weg von einer Bar zur anderen war, alle meine Freunde aus den Augen verloren hatte, über die eigenen Füße stolperte und wie ein Häufchen Unglück neben einem Typen landete, der in einem Hauseingang saß und eine Tüte Chips futterte. Ned Dixie. Er gab mir von den Chips ab und spendierte mir ein Geburtstag-Kebab, das ich am nächsten Morgen in meiner Handtasche wiederfand und zum Frühstück mampfte. Ned hatte mich an jenem Abend in meine Wohnung begleitet, und ich war die ganze wilde Nacht nicht aus dem Lachen über seine Imitationen von John Cleese als Basil Fawlty herausgekommen. Sein Rotfuchshaar reckte sich in jedem erdenklichen Winkel spitz in die Höhe, und auf seiner Nase tummelte sich eine kleine Schar Sommersprossen. Wie sehr ich Rotfüchse liebte. Man denke nur an Kenneth Branagh, Eric Stoltz in seiner Glanzzeit so ungefähr um 1985 und natürlich den aus Homeland. Nie wollte mir sein Name einfallen. Geht’s etwa nur mir so? Jedenfalls hatte Ned rotes Haar, ausdrucksvolle Augenbrauen und ein verruchtes Grinsen. Ich fand ihn sexy. Und er war so kreativ und erkannte in den alltäglichsten Dingen Potential für die eine, die bahnbrechende Geschäftsidee, die sein Leben für alle Zeit ändern würde. Wie etwa Hygienegeländer: Treppengeländer, an denen man sich die Hände desinfizierte, wenn man sich an ihnen entlanghangelte; Loven, der Lunch-Ofen: eine Lunchbox, die Pasteten backte; Furzfüm: Luftkissen, die man in der Gesäßtasche trug und über einen diskret angebrachten Knopf in der Hosentasche aktivierte, wenn man versehentlich in der Öffentlichkeit gefurzt hatte, damit sie parfümierte Luft entweichen ließen und die peinliche Ausdünstung neutralisierten. Aber ja doch, Ned hatte Ideen.

Innerhalb weniger Wochen waren wir zum liebestrunkenen Paar mutiert und sahen uns nach einer gemeinsamen Wohnung um. Er war ein ewig aufgekratztes, übermütiges, unrealistisches und ausgelassenes Bündel tollpatschig chaotischer Verliebtheit. Und ich war total verrückt nach ihm. Einmal war ich arbeiten, geplagt von einem paralysierenden Kater (jener Art, bei der einem der kalte Schweiß den Nacken hinunterrinnt und man fast in Ohnmacht fällt, wenn man auch nur die Augen bewegt), als ich die Nachricht erhielt, Ned sei mit einem üblen Beinbruch ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ich hastete aus dem Studio und verfluchte meinen Freund dafür, dass er dem kleinen alten Mann drei Türen weiter versprochen hatte, dessen Satellitenschüssel zu reparieren. Ich hatte kaum das Studio verlassen und kämpfte noch mit dem Drang, Tequila pur auszuspeien, als ich ihn erblickte, grinsend, mit einer Schinken-und-Ei-Monsterstulle und zwei funktionstüchtigen Beinen: Ned.

»Dachte mir, du könntest einen Tag blaumachen«, sagte er und bot mir seinen freien Arm. Dankbar verkrümelte ich mich in seine Umarmung. Wir fuhren mit der U-Bahn nach Hause, und Ned verbrachte den restlichen Tag damit, meine Katerkrankenschwester zu spielen. Er streichelte mein Haar, machte mir auf dem Sofa ein Bett und sah mit mir zusammen zum 1217ten Mal Die Braut des Prinzen. Zusammengerollt auf dem Sofa, umschlungen vom Arm eines Mannes, der mit wachsendem Vergnügen »Mein Name ist Inigo Montoya. Du hast meinen Vater getötet. Jetzt bist du des Todes!« wiederholte, und das mit einem spanischen Akzent, der eher nach der China-Oma im Schnellimbiss klang. Und er gab nicht auf, bis seine Freundin ihren Kater mit anhaltenden Kicherkrämpfen verscheucht hatte. Unsere Stimmung trübte sich etwas, als wir Schien- und Wadenbeinbruch googelten (womit er in der Telefonzentrale aufgetrumpft hatte) und einsehen mussten, dass Ned zu meiner Betriebsfeier in zwei Wochen seine angebliche Verletzung unter einer Orthese verstecken müsste, die wir hoffentlich günstig unter den Kleinanzeigen bei eBay finden könnten. Überdies ließ er sich eine raffinierte Geschichte einfallen, in der ein ungesichertes Baugerüst, ein verirrtes Vögelchen und eine der ansehnlicheren Prostituierten von nebenan vorkamen.

Er belegte online einen Businesslehrgang und verkündete, er werde mit unternehmerischen Initiativen der einen oder anderen Art ganz groß herauskommen. In New York. Wir sahen uns online Apartments in Brooklyn an, nahmen diverse Rassen wohnungstauglicher Hunde in Augenschein und träumten davon, dass ich an einem Film der Gebrüder Weinstein mitarbeiten würde. Ich hatte mich schrittweise von Teeköchin/Papierkorbausleererin zur Zweiten Regieassistentin emporgearbeitet und damit begonnen regelmäßig etwas beiseitezulegen. Dann schmiss Ned seinen Lehrgang. Und keine seiner Erfindungen brachte es weiter als bis zum Stadium Notizgekritzel-auf-der-Rückseite-der-Wasserrechnung. Meine New-York-Träume lösten sich zusehends in Luft auf, und bisher hatte ich keinen Ersatz für sie gefunden.

»Babe?« Ned klopfte an die Tür. »Babe, kommst du raus? Ich hab was für dich.« Als er mich das letzte Mal mit diesen Worten aus dem Bad gelockt hatte, mussten meine Augen nach dem Öffnen der Tür sehen, dass er sich die Vorhaut über den Bund seiner Jeans gezogen hatte, sie seine getrocknete Aprikose nannte und sich darüber amüsierte wie ein Schuljunge. Ich holte tief Luft, wickelte mich in ein heizkörpergewärmtes Handtuch und öffnete die Tür. Feixend stand er da.

»Folgen Sie mir bitte, gnädige Frau.« Er bot mir den Arm und führte mich ins Wohnzimmer. Über dem Teppich hatte er eine Decke ausgebreitet, auf der in nicht zusammenpassenden Töpfen und beschädigten Tellern ein Picknick angerichtet war. Auf dem Couchtisch hatte er Kerzen angezündet, deren Wachs sich tropfend ausbreitete.

»Madame, heute hätten wir anzubieten …« Ned hob den Deckel einer alten beigefarbenen Schüssel. »… junge Erbsen in Minzsoße.« Er lüftete die Serviette über einer kleinen Konservendose. »Thunfisch in Quellwasser  –  für die Dame selbstverständlich delphinfreundlich gefangen  – serviert mit Crackern von Huntley and Palmers.« Er nahm einen Cracker und verbog ihn, ohne dass er brach. »Nicht mehr ganz frisch, aber sehr bekömmlich.« Er wies auf den Tomatenapfel, der auf einem braunen Teller schlaff vor sich hin vegetierte. »Und was das dort ist, weiß ich leider nicht.« Ned setzte ein hoffnungsfrohes Lächeln auf, und ich spürte meine Widerborstigkeit dahinschwinden.

Er rückte näher und zog mich zu einem Kuss an sich. Ned mochte seine Bankkarte (auf deren Rückseite die Pin-Nummer notiert war) letztes Jahr zweimal in der U-Bahn vergessen haben, und vielleicht war er häufiger, als es für normale Menschen nachvollziehbar war, mit dem Auto zum Einkaufen gefahren und dann mit dem Bus wieder nach Hause gekommen. Außerdem hatte er für die feine Gesellschaft möglicherweise zu viele Sommersprossen und zu rote Haare. Doch ein prima Küsser, das war er zweifellos. Ich ließ mein Handtuch fallen. In meinem Bauch starteten die Schmetterlinge, als seine Lippen von meinem Mund abließen, hinunter über meine Brüste wanderten, an meinem Bauchnabel vorbei und schließlich …

Nach einigen Minuten hob ich den Kopf.

»Soll ich …?«

»Nein.«

War auch an seiner Kussfertigkeit nichts auszusetzen, schien es Ned leider nicht immer vergönnt zu sein, die genaue Position der Klitoris zu orten. Meistens fand er sie irgendwann doch noch, und bis dahin vertrieb ich mir die Zeit mit Gedanken ans kommende Wochenende. Ich war mit meiner Freundin Helen zum Brunch verabredet. Sie arbeitete als Event-Koordinatorin für eine Firma am Russel Square, die in Medienunternehmen investierte und sich darauf spezialisiert hatte, nur die allerzeitgeistigsten Musiker, Drehbuchautoren, Produktionsleiter und so weiter zu promoten. Sie konnte daher stets mit Geschichten aufwarten, an deren Ende man »um fünf Uhr in der Frühe in einer stillgelegten Hausschuhfabrik landete und einer Privatvorführung eines neuen Films des holländischen Regisseurs beiwohnen durfte, der alles in Schwarzweiß auf seinem iPhone gedreht hatte, und zwar in Alaska und mit Russisch sprechenden Marionetten«. Wir hechelten Helens aktuelle Kerle durch (normalerweise Männer, die sie durch ihren Job kennengelernt hatte, in der Regel dünn, gesellschaftliche Außenseiter und kurz davor, entdeckt zu werden). Dann bestellten wir Spiegeleier, Speck, Würstchen und … Pilze!

Er hatte sie gefunden!

Nachdem er sie lokalisiert hatte, gab es kein Halten mehr, und anderthalb Stunden später lag ich – alle viere von mir gestreckt – auf dem Sofa. Er lehnte sich zu mir herüber und küsste mein Ohr.

»Morgen kaufe ich uns was zum Essen, Babe.« Dann stand er auf, schnappte sich sein Bier und ging aus dem Zimmer, um durch eBay-Angebote zu surfen. Ich rollte mich zusammen und sah mir eine Folge Would I Lie to You? an.

***

»Hmmmm.« Ich seufzte wohlig und reckte mich, die Augen noch geschlossen.

Seit jenen friedvollen neun Monaten im Mutterleib hatte ich nicht mehr so ausgezeichnet geschlafen. Ich schlug die Augen auf. Noch immer lag ich weich gebettet auf dem Sofa.

»Ach, du meine Güte!« Ich sprang auf und rannte ins Schlafzimmer.

Ned lag voll bekleidet auf dem Bett, inmitten einer Ladung Popcorn, die er über mein Kissen verteilt hatte. Ich schnappte mir mein Handy vom Nachttisch.

Achtzehn verpasste Anrufe.

»Ned, ich bin spät dran!«

Ned schreckte auf wie Dracula aus einem Sarg, das Haar schnittig zu einer Seite gespreizt und Popcorn an der Backe.

»Nein! Kann nicht sein!« Er sah mich entsetzt an.

»So ist es aber, verdammt!« Ich wühlte mich durch den Wirrwarr auf dem Boden. »Achtzehnmal haben sie mich vom Set angerufen. Das Telefon lag direkt neben dir. Man wird mich rausschmeißen, und ich bin die Einzige, die hier Geld verdient!«

Ich stieg ins nächstbeste Paar Jeans.

Neds Gesichtszüge entspannten sich, so dass er nur noch verkatert aussah. »Ach, das meinst du mit spät dran.« Er legte sich in sein Popcornbett zurück. »Ich dachte schon, du meinst frauenmäßig spät dran.«

Ich unterbrach meinen Ringkampf mit dem Reißverschluss am Hosenstall und konzentrierte mich für einen kurzen Moment auf Menstruationsmathematik.

»O nein …«

Ich blickte zu Ned hinüber, der inzwischen wieder ohne Bewusstsein war, gelassen in der Gewissheit, dass ich nur gefeuert würde, aber kein Kind erwartete.

»Darüber kann ich gerade nicht nachdenken.« Ich schlüpfte in irgendwelche Turnschuhe und stürzte zur Tür hinaus.

***

Ich stürmte ins Büro, löste meinen Schal, geriet mit den Armen in eine Handtasche/Schal/Parkaärmel-Verwicklung und hätte beinahe den Weihnachtsbaum umgeworfen, den noch ein paar einsame Streifen Lametta und die Rod-Stewart-Engel zierten, die ich eines Nachmittags gebastelt hatte, als ansonsten nicht viel zu tun war.

»Hat Quentin nach mir gefragt?«, erkundigte ich mich keuchend, schleuderte das Schal/Parka/Handtaschen-Knäuel auf meinen Stuhl und nahm mein Sprechfunkgerät, das auf seinem aufgeräumten Schreibtisch lag, in Besitz. »Irgendwas schiefgelaufen?« Sophie und Douglas sahen einander an.

»Was?«

»Na-jaah«, hob Douglas an. »Wahrscheinlich war es nicht deine Schuld …«

»Aus irgendeinem Grund hast du vergessen, den Toten Obdachlosen im Sumpf zu buchen«, unterbrach Sophie. Sie nahm ihre Zigaretten und kam um den Schreibtisch herum auf mich zu. »Und leider oder glücklicherweise – das hängt wohl von der Perspektive ab – passte das Kostüm unserem Quentin.«

»Nein«, stöhnte ich.

»Und deshalb musste er heute Morgen ungefähr eine Stunde lang mit dem Gesicht nach unten am Ufer des Wandle River liegen«, sagte Douglas.

Zwei Tage hintereinander im Drehbuch aufgeführte Komparsen zu vergessen, war schon schlimm genug, aber dass der Erste Regieassistent – mein Boss – einspringen und im Dezember mit dem Gesicht nach unten an einem sumpfigen Flussufer liegen musste, das war … war … Mir wurde schlecht bei dem Gedanken.

»Besonders gutgelaunt ist er jedenfalls nicht«, sagte Douglas und schob seine Brille stirnaufwärts.

»Es war so kalt, dass die Make-up-Mädels sein Gesicht mit einem Föhn enteisen mussten, bevor er wieder richtig sprechen konnte«, fügte Sophie hinzu.

»O mein Gott.« Ich schlug mir gegen die Stirn.

»Ach komm.« Sophie bot mir eine Zigarette an. »Inzwischen ist alles paletti. Sie sind im Studio, Quentin hat wieder Gefühl in den Lippen, und du siehst aus, als könntest du eine von denen hier brauchen.«

Ich nickte.

»Douglas? Hältst du für uns die Stellung?«, fragte Sophie auf dem Weg nach draußen.

Wir setzten uns in den Raucherbereich, einen Metallkäfig, flankiert vom Container für den Catering-Müll und einer lärmenden Klimaanlage.

»Du bist so still«, sagte Sophie, die zusah, wie ich auf etwas Matschiges starrte, das neben dem Container lag, und gleichzeitig versuchte, die genauen Eckpunkte meiner Perioden auf die Reihe zu kriegen.

»Dachte nur gerade, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man hier arbeitet«, erwiderte ich.

»Das kannst du wohl laut sagen …« Sophie verfiel in einen Monolog darüber, dass sie vergangenen Freitag aufgewacht war und festgestellt hatte, dass es schon wieder Dezember war. Anschließend wurde ihr bewusst, dass sie nicht mehr fünfundzwanzig war, sondern bereits sechsundzwanzig und dass sie langsam mal so was wie einen festen Freund an Land ziehen müsste, eine Lebensversicherung, BHs ohne Löcher, Sofas, auf denen man nicht sitzen durfte, Autos, in denen das Essen verboten war …

Ich blickte auf die Zigarette in meiner Hand. Ich warf sie auf den Boden und trat sie aus.

»… und ab wann sollte man eigentlich keine Plüschtiere mehr im Bett haben? Das sagt einem doch keiner. Und ich muss zugeben, ich habe noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben einen französischen Film gesehen. Ich war zwar mal in Frankreich und bin auch ins Kino gegangen, aber der Film wurde auf Englisch mit französischen Untertiteln gezeigt. Das zählt nicht, oder?«

»Quark«, murmelte ich.

Kapitel 2

»Gehen Sie gerade durch«, sagte die unfreundliche Dame an der Anmeldung, als ich am nächsten Tag frühmorgens im Wartebereich der Praxis ankam.

Ich hatte mich krankgemeldet und auf Neds Frage nach dem Grund Frauenprobleme genannt. Er war erblasst und hatte sich schnell Socken gesucht, die sortiert und zusammengelegt werden mussten. Ich ging den schäbigen Flur hinunter und betrat das Sprechzimmer.

»Emma.« Mein Onkel stand von seinem winzigen Arztschreibtisch auf und drückte mir einen Willkommenskuss auf die Stirn. »Was für eine schöne Überraschung! Aber solltest du nicht bei der Arbeit sein? Geht es dir nicht gut?«

Ich schüttelte den Kopf, wusste nicht, was ich sagen sollte, und brach stattdessen in Tränen aus.

»He, he.« Onkel Mike beugte sich herunter, um mir ins Gesicht sehen zu können. »Was ist los?« Er führte mich zu dem abgewetzten Sessel neben seinem Schreibtisch und nahm mir gegenüber Platz. »Ist bei der Arbeit etwas vorgefallen? Geht es um Ned? Nein, warte, es ist wegen deiner Mutter, oder? Was hat sie wieder angestellt?« Er reichte mir ein Papiertaschentuch und sah mir dabei zu, wie ich es in einen breiigen Klumpen aus Rotz und Wasser verwandelte. »Also, Liebes, was ist los?«

***

Der Schwangerschaftstest fiel positiv aus, und ich schluchzte so sehr, dass mein ganzer Körper bebte. Onkel Mike gab den Rest seiner Termine an seinen jüngeren Kollegen ab und ging mit mir in die schmierige Imbissbude um die Ecke.

»Also.« Er betrachtete mich aus seinen rehbraunen Augen.

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Ich zupfte verzweifelt an meiner Nagelhaut. »Worüber ich als Erstes nachdenken sollte. Ergibt das Sinn?« Ich probierte meinen Tee und schob den Becher angewidert weg.

»Absolut.« Er nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee und stellte ihn abschätzig beiseite. »Bis du dich entscheidest, unternehmen wir erst einmal gar nichts. Dein Ultraschalltermin ist in vierzehn Tagen, aber – Emma, du bist in der zehnten Woche. Du und Ned, ihr müsst eine Entscheidung treffen.«

»Ich weiß.« Ich versuchte zu lächeln.

Onkel Mike drückte meine Hand. Seine schlanken Finger waren ein wenig kalt, so war es schon immer gewesen. Er war der Vater, den ich nie hatte. Das heißt, es gab schon einen, aber der hatte sich, als ich fünf und meine Schwester Alex drei war, mit einer Frau aus dem Staub gemacht, die älter, kleiner und beschränkter war als meine Mutter. Seitdem hatten wir außer auf seltener werdenden Geburtstagskarten nichts von ihm gehört. Mum sagte, sie werde sich von diesem Schlag niemals erholen. Wäre die Frau das Ebenbild von Cindy Crawford gewesen, hätte sie es zumindest verstehen können. Doch der Name der Frau war Ruth, und sie arbeitete an der Anmeldung einer Behörde, im Merton Council.

Ich starrte an Onkel Mike vorbei nach draußen auf die Straße. Am liebsten wäre ich einfach in diesem Laden mit seinen Plastikstühlen und dem fiesen Tee geblieben. Hinauszugehen würde bedeuten, sich in ein anderes Leben zu begeben. Eines, über das ich keinerlei Kontrolle zu haben schien. Mein Blick fiel auf einen Bauarbeiter, der einen Toast mit Schinkenspeck und Eiern aß. Seinen rundlichen Bauch presste er gegen den Rand des Resopaltischs, in seinen Mundwinkeln sammelte sich Eigelb. Mir drehte sich der Magen um. Ich sprang auf und raste zur Toilette.

Wenig später setzte ich mich vorsichtig wieder auf den Stuhl gegenüber von Onkel Mike. Der Bauarbeiter war fort, und Onkel Mike, der mittlerweile die Rechnung bezahlt hatte, faltete die Quittung zu einem Schwan.

Onkel Mike lächelte. »Komm mit zu uns.« Er blickte auf meine unangetasteten Spiegeleier, die in Fettpfützen schwammen. »Ich mach dir ein vernünftiges Frühstück.«

Ich nickte. »Ja, in Ordnung.«

Hoffentlich war mein kleiner Cousin Archie nicht in der Krippe, so dass ich mit seiner Play-Doh-Knete spielen und so tun konnte, als sei nichts passiert.

Als wir die Imbissbude verließen, öffnete Onkel Mike seine Aktenmappe und reichte mir ein paar Flyer der NHS-Gesundheitsbehörde.

»Nur für den Fall.«

Ich las die Überschriften auf den Deckblättern. Gesunde Schwangerschaft. Du und dein Fötus. Welche Geburt ist die richtige für mich? Umgang mit Morgenübelkeit.

»Danke«, sagte ich und verstaute sie schnell in meiner Tasche.

»Die letzte Broschüre wird dir im Moment besonders nützlich sein. Hilft dir vielleicht gegen das plötzliche Gerenne auf Toiletten, zu Papierkörben und an Straßenränder.«

Als wir die Straße überquerten, blickte ich auf meine Füße.

»Weißt du, als deine Mutter mit dir schwanger war, übergab sie sich einmal genau vor einem gutbesuchten Café in Chelsea. Sie lehnte sich an einen Briefkasten und würgte direkt in den Gully.«

Ich sah auf, wollte mehr davon hören.

»Sie litt ziemlich stark unter Morgenübelkeit«, sagte er mit einem liebevollen Funkeln in den Augen. »Es hörte während der gesamten Schwangerschaft nicht auf.«

»Im Ernst?«, fragte ich grübelnd, weil mein Rachen und ich uns noch sehr gut an den Brechanfall erinnerten, den wir soeben erlebt hatten.

»Als ein Mitarbeiter aus dem Café mit einem Stuhl und einem Glas Wasser nach draußen gerannt kam, beschimpfte sie ihn, weil das Wasser zu warm sei. Sie schickte ihn wieder hinein, Eis zu holen, und verlangte auch noch ein Stück Möhrentorte.« Onkel Mike lächelte und schüttelte den Kopf. »Mit ihrem dicken Bauch saß sie mitten in Chelsea auf dem Gehweg und aß den Kuchen, während der Kellner ihr das Glas Wasser mit den Eiswürfeln reichte.« Ich prustete vor Lachen. Meine Mutter war nicht für ihre Feinsinnigkeit bekannt. Oder für ihre Sorge darum, was die Leute von ihr dachten.

***

Archie und ich spielten am Küchentisch, während meine Tante Sinead am anderen Ende saß und Millie fütterte, ihr speckarmiges neun Monate altes Baby. Mum war schon neun gewesen, als Onkel Mike geboren wurde (einen wunderbaren Unfall hatte Grandma ihn genannt), und daher waren meine Cousins so viel jünger als Alex und ich. Millie kleckerte sich ihren Gemüsemampf aufs Kinn und von dort auf den Tisch, spuckte Himbeeren durch die Gegend und fand das alles irre komisch. Das Ganze war eine ziemlich schmierige Angelegenheit, von der ich mich achtsam fernhielt. Ich bin vielleicht nicht das modebewussteste Mädel auf Erden, aber zumindest versuche ich, meine nicht allzu moderne Kleidung sauber zu halten. Onkel Mike stand am Aga-Herd und bereitete ein Festmahl zu. Eine Tasse Tee ließ Bergamotte-Aroma bis unter meine Nase wabern. Von nun an war erst einmal Schluss mit starkem schwarzem Kaffee, das hatte ich schon gemerkt. Anscheinend nicht gut für ungewollte Föten. Sinead erzählte Onkel Mike von einem Wohltätigkeitsessen, an dem sie teilnehmen sollten.

»Schon wieder? Wirklich?« Er nahm Eier aus dem retroblauen italienischen Kühlschrank und stolperte über eines von Archies Spielzeugen.

Obwohl die Haushaltshilfe sich alle Mühe gab, herrschte in ihrem riesigen Haus immer Chaos.

»Können wir ihnen nicht einfach Geld überweisen und nicht hingehen?« Mit der geübten Fingerfertigkeit eines leidenschaftlichen Kochs schlug er die Eier auf.

Sinead kochte nicht und arbeitete nicht. Sinead bekam Babys. Alice war acht, Jess sechs, Archie vier und Millie war die Jüngste.

»Mein Vater möchte, dass wir in Erscheinung treten. Du weißt, wie er sein kann.«

»Ja, weiß ich. Aber ich würde gern mal ein Wochenende mit meiner Frau zu Hause verbringen, meine scharfen Chicken-Wings kochen und ein wenig fernsehen.«

Sinead kratzte mit dem Löffel Essen von Millies Kinn und schaufelte es ihr in den Mund zurück. Die Kleine spuckte es wieder aus. Im Stillen applaudierte ich ihr. Am Kinn hängengebliebenes, recyceltes Essen war eklig, da gab es nichts zu diskutieren.

»Hätte nach Yorkshire ziehen und eine eigene Praxis auf dem Lande aufmachen sollen«, murmelte Onkel Mike, als er den Speck auf die bereitgestellten Teller verteilte. »Ohne diesen Wohltätigkeitsquatsch und die Bälle und die Luftküsserei. Wozu küsst man überhaupt die Luft?«

»Mein Lieber, du führst offenbar schon wieder Selbstgespräche.« Sinead wischte Millie übers beschmierte Gesicht. Ich genoss die Ablenkung. Die Frage »Gehen wir zu einem Wohltätigkeitsball oder nicht?« war harmlos im Vergleich zu meinem persönlichen Dilemma: »Bringe ich ein ungeplantes Kind zur Welt oder nicht?«

»Du machst das falss, Emma«, bemerkte Archie.

Er hatte durchaus recht. Abgemacht hatten wir, Zauberlöwen aus Play-Doh zu formen, aber weil ich keine Ahnung hatte, wie Zauberlöwen aussahen, hatte ich ziemlich erbärmlich aussehende Katzen aus der lila Knete fabriziert.

»Oh, sorry.« Ich gestattete ihm, meine Katze auseinanderzureißen und einen vernünftigen Zauberlöwen zu formen, wobei er hin und wieder aufsah und sich vergewisserte, dass ich aufpasste.

»Frühstück ist fertig«, sagte Onkel Mike und tischte schwerbeladene Teller auf.

Nie zuvor erlebter Hunger überkam mich. Ich schob das Play-Doh zur Seite, strich Butter auf ein Stück Toast, biss einen riesengroßen Happen ab und schluckte nach nur dreimal Kauen alles hinunter. Ich spürte das Bedürfnis, etwas Gewicht in meinen von Übelkeit geplagten Magen zu laden.

Nach ein paar Minuten angenehmer Stille hob Sinead ihre Kaffeetasse und sprach: »Und, Emma, wirst du es wegmachen lassen?«

Mit dem glatten braunen Haar, das im Nacken von einer Stabhaarspange zusammengehalten wurde, und ihrem fast uniformhaften Outfit  –  weißes Leinenhemd mit gebügelter Hose in Schwarz oder Braun – wirkte sie wie die Harmlosigkeit in Person. Doch der konventionelle Kleidungsstil war nur Tarnung für ihre gnadenlose Offenheit, die mit einer ausgeprägten Gleichgültigkeit gegenüber statthaftem Verhalten einherging.

»Verdammt, Sinead«, sagte Onkel Mike.

Archie sah von seinem Frühstück auf.

»Tut mir leid, Archie, ich wollte nicht fluchen. Iss deinen Toast, Großer.« Er schüttelte den Kopf. »Ehrlich …«

Sinead zuckte mit den Achseln.

»Daddy?«, sagte Archie mit nachdenklichem Blick. »Warum hast du ›tut mir leid‹ gesagt?«

»Ich habe ein unhöfliches Wort gesagt, aber das wollte ich eigentlich gar nicht, okay? Iss deinen Toast.«

Archie widmete sich wieder seinem Frühstück.

»Ich verstehe nicht, warum wir nicht darüber sprechen sollten. Sie hat schon fast ein Drittel hinter sich.« Sie wandte sich mir zu. »Du musst einige schnelle Entscheidungen treffen.«

Mir wurde schlecht. »Nun …«

»Welches unhöfliche Wort hast du gesagt, Daddy?«, fragte Archie.

»Das ist nicht wichtig, Großer. Iss deinen Toast.« Er wandte sich wieder an Sinead. »Emma muss sich so viel Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wie sie braucht …«

Sinead ignorierte ihren Ehemann. »Man hört immer diesen Mist von wegen ›Leben schenken‹, aber seien wir doch ehrlich – es ist eher so, dass dir mit einem Kind zunächst einmal dein eigenes Leben genommen wird.«

»Hast du ›Sseiße‹ gesagt, Daddy?«

Wir sahen Archie an, der voller Unschuld auf eine Antwort wartete.

»Nein, Archie. Sinead, könntest du Emma bitte in Ruhe lassen?«

»Schon gut. Ich muss wohl tatsächlich darüber nachdenken, was ich tun soll«, versuchte ich, das hitzige Gespräch über meine Situation zu beenden.

»Siehst du«, sagte Sinead. »Ihr macht es nichts aus, darüber zu reden. Bleibt doch alles in der Familie –«

»Oder hast du ›fuck‹ gesagt, Daddy?«

Onkel Mikes Augen weiteten sich. Sinead wirkte amüsiert. Ich kicherte hinter meiner Teetasse.

»Nein, Archie. Sei jetzt still. Und iss deinen Toast.« Onkel Mike starrte Sinead an und wandte sich mir zu. »Du tust, was immer sich für dich richtig anfühlt. Wir sind alle für dich da, ganz gleich –«

»Oder ›Wichsser‹?«

»Archie!« Onkel Mike schüttelte den Kopf. »Woher hat er diese Ausdrücke?«

»Von mir, Liebling«, sagte Sinead nüchtern.

»Mir ist schlecht«, murmelte ich.

»Das geht bald vorbei.« Sinead tätschelte meinen Arm. »Aber du bist ein bisschen dünn. Du solltest dir öfter mal was Süßes einverleiben.«

»Daddy?«

»Ja«, sagte Onkel Mike argwöhnisch.

»Mistsstück ist tein sslimmes Wort, wenn man es beim Autofahren sagt.«

Onkel Mike warf seiner Frau den Blick eines Besiegten zu. Sie schlürfte ihren Kaffee. Ich legte Messer und Gabel zusammen, entschuldigte mich und zog mich ins Musikzimmer zurück. Durch die hohen Glastüren fiel das Sonnenlicht in den Raum, in dem dicke Perserteppiche lagen und ein drei Meter hoher echter Tannenbaum stand, der in gleichmäßigen Abständen mit roten und goldenen Schleifen sowie mit Christbaumkugeln geschmückt war und einen angenehmen Nadelholzduft verbreitete. Ich durchstöberte meinen iPod, wählte ein Album aus und legte mich aufs Sofa.

Also.

Ich war schwanger.

Wollte ich ein Baby?

Ich war siebenundzwanzig, ich besaß kein Zuhause, das diesen Namen verdient hätte, auf meinem Bankkonto lagen ein paar tausend Mäuse  – nicht viel, aber auch nicht fürchterlich wenig, und obwohl ich mich in den letzten Jahren auf der glanzvollen Leiter der Film- und Fernsehbranche nach oben gekämpft hatte, stand ich noch immer mit einem Fuß auf der ersten Sprosse. Und mein Freund hatte trotz aller Begeisterung für Unternehmertagungen und »Money: Master the Game«-Apps in den letzten beiden Jahren keinen Penny verdient.

Niemand in meinem Alter hatte Kinder. Das Leben war zu teuer, um sich schon mit Mitte zwanzig (mit siebenundzwanzig ist man noch so was von Mitte zwanzig!) niederzulassen, ein Haus zu kaufen und über Lebensversicherungen nachzudenken. Und zu aufregend. Leute in meinem Alter gingen noch monatelang auf Reisen, verbrachten ihren Heiligabend damit, Lines von den Spülkästen irgendwelcher Clubs zu ziehen und sich zu überlegen, was sie tun würden, »wenn sie irgendwann einmal erwachsen wären«. Was, wie wir wohl alle dachten, so weit sein würde, wenn wir die dreißig geknackt hatten.

***

Später am Abend bog Onkel Mikes Wagen in meine dunkle Tooting Street ein und hielt vor meiner Wohnung, wo er einen schmuddeligen Trunkenbold störte, der gerade an unsere Backsteinwand schiffte. Onkel Mike beobachtete mit vertraut besorgtem Blick, wie der Mann den Reißverschluss seiner Jeans zuzog und über die eigenen Füße davonstolperte. Auf der Fahrt von seinem warmen, nach Nadelholz duftenden Heim in Wimbledon zu meiner schäbigen Bude in Tooting hatten wir nicht gesprochen. In zwei Wochen stand meine Ultraschalluntersuchung im St George’s Hospital an. Bis dahin würde ich eine Entscheidung treffen müssen. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich wusste, was zu tun war. Schließlich war ich wohl kaum in der Lage, für ein Baby zu sorgen.

Ich öffnete die Autotür. »Sagst du Sinead danke, dass sie mich heute ausgehalten hat?«

Onkel Mike tat meine Bitte mit einem Lächeln ab. Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, schloss die Tür und wandte den Blick von seinen Rücklichtern ab, als mein Telefon klingelte. Es war Alex.

»Hey.«

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich meinen Job hasse«, sagte meine kleine Schwester aufgekratzt.

Alex arbeitete in Dhaka für ein Wasseraufbereitungsprojekt der UN. Sie wohnte in einem Betonapartment mit Gitterstäben vor den Fenstern und Außentoilette. Bei vierzig Grad im Schatten saß sie in einem Büro mit papierdünnen Wänden und tippte Berichte, analysierte Tabellen und druckte Haushaltsinitiativen aus, die nie jemand las. Und für dieses Privileg zahlte sie Flüge nach Bangladesch, Unterkunft und Essen aus eigener Tasche. Sie hatte jedes Recht, ihren Job zu hassen.

»Letzte Woche hast du ihn noch geliebt.«

»Ja, aber letzte Woche durfte ich auch Projektarbeit vor Ort leisten. Letzte Woche wurde ich Zeuge, wie ein drei Jahre alter Junge zum ersten Mal in seinem Leben sauberes Wasser trank. Seine Mutter weinte. Ich weinte. Letzte Woche war toll.« Sie seufzte. »Ich hab einfach die Schnauze voll von diesem Holzverschlag. Ich will wieder mal auf einer richtigen Toilette sitzen.«

»Ist dein Einsatz nicht in ein paar Wochen vorbei?«

»Ja, schon, aber ich weiß noch nicht, wohin sie mich dann schicken. Könnte sein, dass ich wieder hier lande. Ich weiß ja, dass ich lieben sollte, was ich tue, weil ich helfe, das Leben von Menschen zu verbessern – bla bla bla. An manchen Tagen spüre ich einfach das Bedürfnis, meine Haare mit Wasser zu waschen, das nicht nach Scheiße riecht.«

»Das geht uns allen so.«

Alex lachte. »Mir geht es ja gut. Ich liebe meinen Job tatsächlich. Wo sonst bekäme ich so absurde Dinge zu sehen wie hier? Vor unserem Gebäude hat ein elf Jahre alter Junge einen Stand, an dem er Waffen und Honig verkauft.«

Ich schwieg. Alex würde merken, dass etwas nicht in Ordnung war, sobald ich etwas sagte. Aber normalerweise ließen wir einander nicht einen einzigen Satz zu Ende sprechen, so versessen waren wir darauf, der anderen die jüngsten Ereignisse unseres Lebens aufzutischen.

»Was ist los?«

»Nichts.« Ich hüllte mich fest in meine Jacke.

»Lügnerin.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein.«

»Irgendetwas stimmt nicht.«

»Quatsch.«

»Ich höre nur Ein-Wort-Sätze.«

»Stimmt nicht.«

Alex stöhnte. »Okay, darf ich raten?«

»Wenn du willst.«

»Du hast mit Ned Schluss gemacht?«

»Nein.«

»Mum hat etwas angestellt?«

»Das wäre ja nichts Ungewöhnliches.«

»Du bist schwanger?«

»Ja«, sagte ich mit schwacher Stimme. »Und außerdem bin ich mir sicher, dass ich gefeuert werde.« Ich presste meine Lippen zusammen.«

Alex schwieg, jedoch nur eine Sekunde lang.

»Du machst Witze, oder?«

»Nein.« Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Nase.

»Bist du dir sicher? Ich meine – wirklich sicher? Warum gehst du nicht zu Onkel Mike und lässt dich richtig …«

»Schon geschehen. Kein Zweifel.«

»Und … freust du dich? Du klingst nicht gerade begeistert. Was hat Ned dazu gesagt? O Gott, weiß Mum Bescheid?«

Ich sah Alex vor mir, wie sie in ihrem Büro auf und ab marschierte und ihr Gehirn auf der Suche nach der vernünftigsten Lösung Überstunden schieben ließ. Manchmal hatte ich das Gefühl, Alex wäre die ältere Schwester.

»Ich weiß nicht, was ich will. Ich komme gerade von Onkel Mike zurück. Hab’s noch niemandem erzählt. Nicht einmal Ned.«

»Ich dachte, du nimmst die Pille?«

»Tue ich.«

»Aber wie konnte es dann passieren?«

»Weiß nich …«, sagte ich wenig überzeugend.

»Wie ist es passiert?« Alex bohrte nach, und ihre Stimme klang jetzt wie die einer rügenden Schulrektorin.

»Na ja, da war diese eine Woche …«

Alex atmete aus. »Ach, Emma

»Ich hatte so viel Stress bei der Arbeit und habe deswegen einen Termin bei meiner Ärztin verpasst, und dann hab ich auch noch vergessen, einen neuen Termin für ein neues Rezept zu machen, aber gedacht, auf der sicheren Seite zu sein, weil ich von all meinen Kolleginnen gehört hatte, dass sie ein Jahr brauchten, bis sie nach dem Absetzen der Pille schwanger geworden sind. Bei mir war es doch nur eine Woche!« Ich bekam Kopfschmerzen. »Könnten wir das Thema wechseln?«

»Wir sollten unbedingt weiter darüber sprechen.«

»Bitte!«

»Okay. Äh … Cal ist befördert worden.«

»Das ist gut. Was macht er jetzt?«

»Immer noch Investment …«

Alex ließ eine Tirade von Wörtern wie Börse, Floating, Finanzen, Sektor, Marge, Umtausch, Hedge und so weiter los, von denen ich jedes für sich verstand. Kombiniert ergaben sie in meinen Ohren jedoch ebenso wenig Sinn wie von Sylvester Stallone intonierte klingonische Sätze. Alex war seit dem Studium mit Cal zusammen. Er hatte beruflich irgendetwas mit Geld zu tun. Ich wusste nur, dass er etwa alle zwölf Monate an einen anderen bedeutenden Finanzstandort versetzt wurde. Alex könnte niemals die typische Bankerfreundin spielen, die in exklusiven Apartments sitzt und mit den Ehefrauen anderer Banker shoppen geht. Daher hatte sie ihren Traum, für die UN zu arbeiten, verwirklicht und die letzten Jahre damit verbracht, sich von New Delhi nach Osttimor und schließlich nach Bangladesch schicken zu lassen. Ihre Beziehung hielten sie mit Vertrauen, Skype und ein paar gemeinsamen Wochen im Jahr am Leben.

Irgendwann sagte Alex: »Du hast kein Wort verstanden, oder?«

»Ist er reich?«

»Er macht andere Leute reich.«

»Dann macht er etwas falsch.«

Alex prustete los.

»Soll ich nach Hause kommen?«, fragte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens.

Mir wurde warm ums Herz. Ihr Angebot war ernst gemeint, das wusste ich. Sollte ich ja sagen, würde meine durch und durch loyale Schwester das erstbeste notdürftig zusammengeschweißte bengalische Flugzeug gen Heimat besteigen. Aber Dhaka brauchte sie und ihre ungelesenen Auditberichte.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wurde es Zeit, mit Ned zu sprechen. Ich inspizierte mein Gesicht im Taschenspiegel und schlug den Weg in Richtung Wohnung ein.