Über Chris Karlden

Chris Karlden, Jahrgang 1971, hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitet derzeit als Jurist in der Gesundheitsbranche. Er lebt mit seiner Familie im Südwesten Deutschlands. Sein erster Psychothriller »Monströs« war bereits ein großer Erfolg. Mehr zum Autor unter www.chriskarlden.de

Informationen zum Buch

Ein Serienmörder. Eine verschwundene Tochter. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Adrian Speer hat alles verloren: Seit ihrer Entführung vor zwei Jahren ist seine Tochter verschwunden, und von seinem Job wurde er suspendiert. In einer Abteilung für besonders grausame Gewaltverbrechen wagt er einen Neubeginn. Der erste Fall führt ihn und seinen Partner zu einer alten Fabrikhalle, in der sie eine bestialisch zugerichtete Leiche finden. Schon am nächsten Tag taucht ein weiteres Opfer auf, das nach demselben Muster getötet wurde. Auf dem Handy des Toten entdecken sie ein aktuelles Foto von Speers Tochter. Die fieberhafte Jagd nach dem Serienmörder beginnt.

Ein charismatisches Ermittlerduo unter Hochspannung

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Chris Karlden

Der Totensucher

Thriller

Inhaltsübersicht

Über Chris Karlden

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Danksagung

Impressum

Für meine Eltern

Prolog

Lucy lag mit offenen Augen und angehaltenem Atem im Bett ihres Kinderzimmers. Ängstlich lauschte sie in die Dunkelheit. Ein dumpf polterndes Geräusch hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Zumindest glaubte sie, dass es so war. Denn seit sie aufgewacht war, hatte sie nichts dergleichen mehr gehört. Vielleicht hatte sie das Geräusch also auch nur geträumt. Dennoch wollte ihre Angst nicht verschwinden, und sie rief leise nach ihrer Mutter. Sekunden vergingen, ohne dass eine Antwort kam, und in denen ihr das dunkle Zimmer und die Stille immer bedrohlicher schienen. Schließlich überwand sich Lucy, streckte zaghaft den Arm unter der Bettdecke hervor und tastete nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe. Ihre Kuscheltiere warfen gespenstische Schatten an die Wand.

»Mama!«, rief sie noch einmal ganz laut. Doch es blieb gespenstisch still in der Wohnung. Schlagartig verwandelte sich Lucys Angst in Panik. Sie wachte nicht oft nachts auf. Aber wenn es geschah, dann war innerhalb kürzester Zeit die beruhigende Stimme ihrer Mutter oder ihres Vaters zu hören, und gleich darauf tauchte einer von beiden in ihrem Zimmer auf und kümmerte sich um sie. Mit pochendem Herzen setzte Lucy sich im Bett auf. Ihre Zimmertür stand wie immer, wenn sie schlief, einen Spalt weit offen, und im Flur brannte das schwache Licht der Stehlampe. Aber etwas stimmte nicht. Ihr fiel ein, dass ihre Mutter nicht zu Hause war und deshalb ihre Rufe gar nicht hatte hören können. Mama übernachtete heute in einem Hotel, wo sie an einer Konferenz teilnahm. Lucy wusste, dass ihre Mutter der Polizei half, böse Menschen zu finden.

Und ihr großer Bruder Jonathan schlief heute bei einem Klassenkameraden. Aber was war mit Papa? Warum antwortete er nicht? Warum kam er nicht zu ihr ins Zimmer? Er musste sie doch gehört haben. Ein Schauder überlief Lucy.

»Papa!«, schrie sie jetzt. Doch wieder kam keine Reaktion. Nur Stille. Lucys Herz schlug nun noch schneller in ihrer Brust, und ihr Atem ging kurz und flach. Schnell griff sie auf dem Nachttisch nach ihrem Asthmaspray, umschloss das Mundstück mit ihren Lippen und atmete einen kräftigen Schub davon ein. Jetzt bekam sie zwar besser Luft, aber die Panik wollte nicht weggehen.

Laut der Leuchtziffernanzeige ihres Radioweckers war es kurz vor dreiundzwanzig Uhr. Papa konnte doch nicht so tief schlafen, dass er selbst von ihrem Rufen nicht wach wurde? Lucy nahm allen Mut zusammen und schwang die Beine aus dem Bett, um zu ihrem Vater ins Schlafzimmer zu gehen. Als ihr Fuß dabei gegen einen Gegenstand neben ihrem Nachttisch stieß, stutzte sie. Auf dem Teppich lag das Mobilteil des Telefons und darunter befand sich ein Zettel. Das musste Papa dorthin gelegt haben, nachdem sie eingeschlafen war. Sie hob das Telefon und das Stück Papier auf und las: Falls du aufwachst, nicht erschrecken. Ich musste noch mal dringend weg und bin gleich wieder da. Ruf mich einfach auf dem Handy an. Papa.

Oh nein! So schnell sie mit ihren zittrigen Fingern konnte, drückte sie die Kurzwahltaste von Papas Handynummer. Während sie sich das Telefon ans Ohr presste und wartete, dass ihr Vater abhob, horchte sie ängstlich nach weiteren Geräuschen in die Wohnung. Doch alles blieb ruhig. Nur ihr eigenes Blut hörte sie in ihren Ohren rauschen. Doch auch die Stille war jetzt irgendwie unheimlich. Tagsüber hatte sie überhaupt keine Angst, wenn sie allein hier war. Doch jetzt war Nacht, und nachts war alles anders. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe. Jede Faser ihres Körpers stand unter Spannung. Wut auf ihren Vater stieg in ihr auf und mischte sich unter das Gefühl der abgrundtiefen Angst. Sie hatte zwar bald ihren elften Geburtstag, aber trotzdem war sie noch ein Kind. Warum ließ Papa sie also mitten in der Nacht alleine zu Hause?

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte sie die erlösende Stimme ihres Vaters durchs Telefon.

»Lucy, ich dachte nicht, dass du aufwachst. Ich bin schon auf dem Heimweg.«

Lucy atmete die vor Anspannung angehaltene Luft aus.

»Bitte komm schnell. Hier sind seltsame Geräusche. Ich glaube, da ist jemand«, flüsterte sie und konnte nicht verhindern, dass ihr nun, da sie ihre Befürchtung laut ausgesprochen hatte, die Tränen in die Augen stiegen. »Ich hab schreckliche Angst, bitte, bitte, komm ganz schnell!«

»Bestimmt hast du nur schlecht geträumt. Ich bin gleich bei dir.« Ihr Vater sprach mit gewohnt ruhiger Stimme, und doch war etwas anders. Sie glaubte unterschwellig herauszuhören, dass er beunruhigt war, dass auch er Angst hatte.

»Warum lässt du mich überhaupt hier ganz allein?«, presste sie schluchzend hervor.

»Lucy, es tut mir leid. Es ging nicht anders. Aber ich mache es wieder gut. Versprochen!«

Lucy lauschte noch einmal angestrengt in die Stille, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches mehr vernehmen. Als sie an all die dunklen Ecken in der Wohnung dachte, erschauderte sie jedoch erneut und begann am ganzen Körper zu zittern. Wenn doch wenigstens Jonathan bei ihr wäre.

»Stell das Telefon auf laut. Ich bleibe in der Leitung und rede mit dir. Dann brauchst du keine Angst mehr zu haben«, sagte Papa. Und das beruhigte sie tatsächlich ein wenig.

»Gut«, sagte sie und drückte die Taste am Telefon. Ein dumpfes Motorendröhnen drang durch den Hörer.

»Nur noch ein paar Minuten, dann bin ich da.«

Noch einmal lauschte Lucy angestrengt. Wenn sie den Kopf in den Flur stecken würde, könnte sie auf die Wohnungstür sehen und sich selbst davon überzeugen, dass alles in Ordnung war. Doch sie traute sich noch nicht einmal, aufzustehen und die paar Schritte zu ihrer Zimmertür zu gehen. Es war, als ob dort draußen etwas lauerte, das sie greifen würde, sobald sie es auf sich aufmerksam machte.

Und gerade, als sie sich ein wenig entspannt hatte, ließ ein erneutes Geräusch sie erstarren, ein leises Klicken. Gleich darauf hörte sie, wie die Wohnungstür leise ins Schloss fiel.

Lucy schlug sich vor Schreck die freie Hand vor den Mund und konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken.

»Es ist jemand hier drin«, flüsterte sie hektisch ins Telefon, stellte den Lautsprechermodus aus und presste das Gerät wieder ans Ohr. Sie hörte ihren Vater geräuschvoll ausatmen und den Motor seines Wagens aufheulen.

»Versteck dich, schnell!« Er klang jetzt todernst. Fast hätte sie jetzt doch aufgeschrien. Wo sollte sie sich in ihrem kleinen Zimmer verstecken? Sie fühlte sich vor Angst wie gelähmt und merkte plötzlich, dass sie kaum noch Luft bekam. Sie griff sich ihr Asthmaspray, und eine weitere Dosis daraus rüttelte sie ein wenig aus ihrer Schockstarre. Das einzige Versteck, das ihr einfiel, war der Kleiderschrank.

Ohne das Telefon aus der Hand zu legen, huschte sie an die gegenüberliegende Wand, zog die Schranktür vorsichtig auf, damit diese nicht knarrte, setzte sich auf den Schrankboden und schloss die Tür wieder.

»Ich bin jetzt im Kleiderschrank«, flüsterte sie ins Telefon.

»Gut so«, sagte ihr Vater. »Ich bin gleich da.«

Lucy schluchzte leise und schloss trotz der Dunkelheit im Schrank die Augen. Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie so viel Angst gehabt. Sie zitterte am ganzen Leib und schlang die Arme um ihre Knie. Dann hörte sie leise Schritte im Flur.

»Ich hab solche Angst«, flüsterte sie mit bebenden Lippen ins Telefon und hielt danach sofort den Atem an. In diesem Moment betrat jemand ihr Zimmer und schaltete das helle Deckenlicht an, das durch den haarfeinen Spalt zwischen den Schranktüren zu ihr hereinfiel.

Als ob ihr Vater wüsste, dass er nichts mehr sagen durfte, um ihr Versteck nicht zu verraten, blieb es still am anderen Ende der Leitung. Lucy hörte lediglich das Motorengeräusch und drückte das Telefon noch immer an ihr Ohr. Sie presste die Augenlider zusammen, versuchte an etwas Schönes zu denken, aber es gelang ihr nicht. Dann hörte sie die Schritte einer weiteren Person, die ebenfalls ihr Zimmer betrat.

Plötzlich verschwand das Licht, das durch den Spalt zwischen den Schranktüren gefallen war. Jemand musste genau davor stehen. Lucy erstarrte und konnte nicht anders, als mit zitternder Stimme ein qualvolles »Papa« ins Telefon zu wispern.

»Lucy, ich …«

Im gleichen Moment wurden die Schranktüren aufgerissen. Lucy ließ das Telefon fallen und schrie so laut sie konnte. Vor ihr stand eine große Frau mit kalten, graublauen Augen. In ihren Gesichtszügen lag eiserne Härte. Als sie sich zu Lucy hinunterbeugte und dann ruckartig den Finger vor die Lippen legte, verstummte Lucy augenblicklich. Sie hörte die Stimme ihres Vaters, der unverständliche Sätze durch das Telefon schrie, das auf dem Schrankboden neben dem Asthmaspray lag.

Hinter der Frau erschien ein dicker Mann. Sein seltsamer Anblick ließ Lucy noch stärker wimmern, und Tränen kullerten aus ihren smaragdgrünen Augen. Sein Haar war kurzgeschoren, er hatte einen fein gestutzten Oberlippenbart und war Asiate. Alles an ihm wirkte brutal und schrie nach Gefahr.

»Wir müssen dich mitnehmen, kleine Lucy«, sagte die Frau. Ihr Akzent klang ausländisch. Lucy rutschte in die andere Ecke, möglichst weg von dieser Frau. Aber die schüttelte nur den Kopf, griff an eine Stelle in Lucys Nacken und drückte fest zu. Ein kurzer entsetzlicher Schmerz schoss wie ein Stromstoß durch Lucys Körper. Dann trübte sich ihr Blick, und sie fühlte nichts mehr.

Zwei Jahre danach

1

Die Standstrahler der Spurensicherung tauchten die nähere Umgebung des Tatortes in gleißend helles Licht. Weitere vereinzelt aufgestellte Scheinwerfer beleuchteten den Rest der stillgelegten Fabrikhalle und projizierten hier und da die Schatten von Polizeibeamten und schweren Maschinen in monströser Größe an die verschmutzten Backsteinwände. Speer und Bogner blieben in der Zugluft des offenen Hallentors stehen. Vor ihnen, in etwa fünfzig Metern Entfernung, hing die Leiche eines Mannes kopfüber in der Luft.

»Du meine Güte. Das ist definitiv mal was anderes als einfach nur erschlagen, erstochen oder erschossen«, sagte Robert Bogner und kaute auf seinem Kaugummi herum. »Das Schwein, das dafür verantwortlich ist, hat sich richtig ins Zeug gelegt.«

Kriminalhauptkommissar Adrian Speer ließ seinen Blick durch die Halle schweifen. Der Boden war von einem Gemisch aus Sand und Kohlestaub bedeckt und die Fensterscheiben von Ruß überzogen. Im unteren Bereich war das Mauerwerk mit bunten Schmierereien besprüht. Davor lagen leere Wein- und Schnapsflaschen, zwei aufgerissene und verdreckte Matratzen sowie jede Menge Müll. Das für Ende November typische nasskalte Wetter passte zu der bedrückenden Stimmung in der Halle. Alle Farben schienen durch Grautöne unterschiedlicher Schattierungen ersetzt worden zu sein, und obwohl es erst halb fünf am Nachmittag war, verdunkelte sich der Himmel bereits zusehends. Nachdem er vor einer Woche nach über einem halben Jahr in den Dienst hatte zurückkehren dürfen, war Speer froh, wieder zu etwas nutze zu sein. Auch wenn das bedeutete, in einer heruntergekommenen Fabrikhalle ein grausam zugerichtetes Mordopfer in Augenschein zu nehmen. Die tiefen Schuldgefühle, seine alles überschattende Trauer und das zerreißende Gefühl der Ungewissheit über Lucys Schicksal wurden dadurch, dass seine Suspendierung aufgehoben worden war, nicht besser, das würde vermutlich niemals geschehen, und das wollte er auch gar nicht. Aber seine Tätigkeit in der neu gegründeten Mordkommission war eine Ablenkung, die er dringend brauchte, um nicht wahnsinnig zu werden bei den ständigen Überlegungen darüber, was geschehen war und was hätte sein können.

Als Speer und Bogner zu dem Toten gingen, kam ihnen auf halber Strecke einer der Kollegen vom Kriminaldauerdienst entgegen, die den Tatort als Erste betreten und gesichert hatten. Als der Mann keuchend bei ihnen ankam, nickte er Bogner, mit dem er schon bekannt zu sein schien, zu und gab Adrian Speer die Hand. Er stellte sich ihm als Oberkommissar Lauer vor. Lauer war schon etwas mehr als nur korpulent, trippelte in seinem braunen zerknitterten Anzug von einem Fuß auf den anderen und schlang die Arme um sich.

»Mir ist scheißkalt. Hab meinen Mantel zu Hause vergessen. Ich muss jetzt gleich schnellstmöglich irgendwohin, wo es warm ist, sonst hab ich morgen ’ne fette Erkältung.«

»Was wissen wir bis jetzt?«, fragte Bogner.

Lauer hielt die Hände vor den Mund und blies hinein, als ob er sich so etwas wärmen könnte.

»Zwei Jungen im Alter von zwölf und dreizehn Jahren haben den Toten gefunden«, sagte er und machte eine kurze Pause, um zu verschnaufen. »Der Mann heißt Horst Rokov und ist sechsundsechzig Jahre alt. Die Geldbörse mit jeder Menge Barem, Kreditkarten und Personalausweis steckte noch in seinem Jackett. Sieht also nicht nach einem Raubmord aus. Das Opfer wohnte in Dahlem und war verheiratet, so viel haben wir schon ermittelt.«

Bei dem Namen Rokov wurde Adrian Speer hellhörig. Er wusste, wer das war, seine Kollegen aber offensichtlich noch nicht.

»Sieht mir hier nicht gerade nach einem Kinderspielplatz aus«, sagte Bogner.

»Nein, eher nach einem Rückzugsort für Junkies, Rumtreiber und Obdachlose.« Lauer zeigte in die linke hintere Ecke der Halle. »Dahinten gibt es ein Loch in der Außenwand. Die beiden Jungs sind da für eine Mutprobe reingeklettert.«

»Scheiße«, sagte Bogner und kniff die Augen zusammen.

»Das kann man laut sagen. Die Kinder sind völlig aufgelöst nach Hause gelaufen, und die Eltern haben dann die Polizei verständigt.«

Der Rest war bekannt. Zwei Streifenpolizisten hatten sich vor Ort ein Bild gemacht und dann den Kriminaldauerdienst informiert. Der wiederum hatte Staatsanwaltschaft, Spurensicherung und Gerichtsmedizin eingeschaltet und die erste Sicherung und Befunderhebung am Tatort übernommen. Nachdem die ersten Informationen beim LKA Berlin eingegangen waren, hatte die Leiterin des Dezernats für Tötungsdelikte, Kriminalrätin Fernanda Gomez, den Fall der neu gegründeten achten Mordkommission übertragen, mit Bogner als erstem Kriminalhauptkommissar an der Spitze und Speer als dessen Stellvertreter. Neben den beiden gehörte zurzeit nur noch die im Innendienst tätige junge Oberkommissarin Tina Jeschke zum Team. Die neue Mordkommission Acht war für ungelöste Fälle und besonders grausame Verbrechen zuständig, und in letztgenannte Kategorie fiel eindeutig dieser Mord.

»Beide Jungen stehen unter Schock und werden psychologisch betreut«, beendete Lauer seine Ausführungen.

Vermutlich würden die Kinder das Bild des toten Mannes nie wieder ganz aus ihren Köpfen bekommen, dachte Speer. Genauso wenig wie er das Wimmern und Flehen seiner Tochter am Telefon, kurz bevor sie entführt worden war, nicht abschalten konnte, und es erklang mehrmals täglich unvermittelt in seinen Ohren, als wenn es erst soeben geschehen wäre. Dabei waren seitdem zwei Jahre vergangen, und es hatte in all der Zeit kein Lebenszeichen von Lucy gegeben. Die Hoffnung, dass seine Tochter am Leben war, hatte er nie aufgegeben, jedoch war sie kaum noch mehr als ein glühender Funke in einem Ascheberg. Jedes Mal, wenn er hörte, dass einem anderen Kind etwas Schreckliches zugestoßen war, katapultierten ihn seine Erinnerungen zurück in jene Nacht, in der Lucy verschwunden war. Er hätte sie niemals allein lassen dürfen, und unter normalen Umständen hätte er das auch nicht getan. Wie allein musste sie sich gefühlt haben, als die Entführer in die Wohnung einbrachen und in ihr Zimmer kamen, in ihr Reich, das sie bis dahin für den sichersten Ort der Erde gehalten hatte. Sein Atem ging wie immer schwer, wenn er daran dachte, welche Angst sein Kind empfunden haben musste. Sein Puls beschleunigte sich, das Herz schlug ihm dumpf pochend gegen die Brust, und sein Hals schnürte sich zu. Eine Panikattacke bahnte sich an, und er wusste, er musste aufhören, an die Entführung zu denken. Er hatte immer geglaubt, seine Kinder vor allem Übel dieser Welt beschützen zu können, dass er ihnen die Voraussetzungen für ein glückliches Leben schaffen konnte. Doch er hatte versagt. Es war seine Schuld, er hatte seine kleine Tochter schutzlos dem Bösen überlassen.

»Sonst noch was?«, fragte Bogner und riss ihn aus seinen Gedanken.

Lauer räusperte sich.

»Wir haben einen Schlüssel für einen Mercedes im Jackett des Opfers gefunden. Das passende Auto fehlt, ebenso wie das Messer, das der Täter benutzt haben muss. Aber Näheres zu Tathergang und Todeseintritt erzählt Ihnen dann gleich noch der Doc.«

Lauer nickte in Richtung der Leiche, vor der nun mit dem Rücken zu ihnen ein Mann mit weißen Haaren stand und Untersuchungen anstellte.

»Gibt es Zeugen?«, fragte Bogner, als Lauer ihn wieder ansah.

Lauer schüttelte den Kopf. »Bis jetzt nicht.«

»Okay, dann übernehmen wir jetzt.«

»Bestens«, sagte Lauer und schnaubte. »Bin froh, dass ich den Fall nicht an der Backe habe. So einen kranken Scheiß hab ich noch nie gesehen.« Er hob zum Abschiedsgruß zwei gestreckte Finger an die Schläfe und ging kopfschüttelnd an ihnen vorbei Richtung Ausgang.

»Was für eine Sauerei!«, sagte Robert Bogner und stieß einen tiefen Seufzer aus, als er mit Speer vor dem Flatterband ankam, mit dem der nähere Bereich um die Leiche herum abgesperrt war.

Auch jetzt, einige Stunden nachdem der Tote gefunden worden war, herrschte am Tatort noch rege Geschäftigkeit. Vier Polizisten in Uniform durchsuchten die Halle nach einer Tatwaffe und Spuren. Vor der Halle durchkämmte ein Dutzend weiterer Streifenpolizisten das zugehörige Außengelände.

Einer aus dem Team der Spurensicherung, das durch seine weißen Einwegoveralls gut zu erkennen war, machte Fotos von den in der Halle verstreuten und mit Nummern versehenen möglichen Beweisstücken. Seine Kollegen waren damit beschäftigt, Fingerabdrücke und Fasern sicherzustellen. Vermutlich würde ihre Arbeit noch ein paar Tage andauern.

»Sieht wie eine Hinrichtung aus«, sagte Speer.

»Nur, dass der Strick nicht um den Hals, sondern um die Fußgelenke liegt«, feixte Bogner.

Der um die ein Meter achtzig große und stämmige Tote hing an einem altertümlichen, per Handkurbel betriebenen Lastenkran und schwebte kopfüber etwa einen Meter über dem Boden. Die Hände des Mannes waren mit Kabelbinder hinter dem Rücken zusammengebunden. Ein Seil war um seine Stirn geschlungen und an den Enden mit dem Kabelbinder an den Handgelenken verknotet, so dass der Kopf in den Nacken gezogen und fixiert war. Speer ging in die Knie und sah sich das Gesicht des Toten genauer an. Der Mund des Mannes wurde durch einen seitlich herausragenden Metallgegenstand mit scherenartigen Griffen offen gehalten, wodurch sein Gesicht zu einer angstverzerrten Grimasse entstellt wurde. Aus der Mundhöhle ragte Stroh, das man kaum noch als solches erkennen konnte, da es von Blut durchtränkt war, das in großen Mengen aus der Mundhöhle nach unten geflossen sein musste. Der Tote war nackt. Seine Kleidung und die Schuhe lagen ein paar Meter neben der Blutlache, die sich unter seinem Körper ausgebreitet hatte.

»Muss ein verdammter Irrer gewesen sein, der das getan hat«, sagte Robert Bogner und kaute hektisch auf seinem Kaugummi herum.

»Ich kenne den Mann«, sagte Speer und zog damit Bogners erstaunten Blick auf sich.

»Vor etwa einem Jahrzehnt war Rokov eine Kiezgröße. Trotz intensiver Ermittlungen ist es uns nie gelungen, ihn wegen seiner Drogengeschäfte hinter Gitter zu bringen.«

Bogner hörte kurz auf, seinen Kaugummi zu malträtieren und kaute dann langsamer weiter. Er stemmte seine Hände in die Hüfte und besah sich den Toten noch einmal genauer.

»Wenn das Opfer aus dem Milieu kommt, liegt die Vermutung nahe, dass der Mord was damit zu tun hat. Das Stroh im Mund deutet darauf hin, dass ihm jemand das Maul stopfen wollte. Vielleicht hat er etwas ausgeplaudert, was er nicht sollte. Ist es möglich, dass er mit der Polizei zusammengearbeitet hat und aufgeflogen ist?«

»Das kann ich mir zwar nicht vorstellen«, sagte Speer, »lässt sich aber leicht nachprüfen.« Er zog ein kleines schwarzes Büchlein und einen Bleistift aus der Innentasche seiner Lederjacke und machte sich eine entsprechende Notiz.

»Rokov muss gelebt haben, als er mit dem Kran nach oben gezogen wurde«, sagte er dann.

»Warum so sicher?«

»Der Mann sollte offensichtlich gedemütigt werden, deshalb musste er sich vorher ausziehen. Der ganze Aufwand macht keinen Sinn, wenn Rokov vorher schon tot war.«

»Das klingt plausibel«, sagte Bogner und fügte seine eigenen Überlegungen hinzu. »Danach hat der Mörder den Kopf des Opfers fixiert und es gezwungen, dieses Ding zwischen die Zähne zu nehmen und ihm anschließend Verletzungen im Mund zugefügt. Äußerlich sind ja keine Wunden zu erkennen, von denen dieses ganze Blut sonst stammen könnte.«

Der ältere Mann mit den schlohweißen Haaren, den Lauer eben Doc genannt hatte, kam jetzt auf sie zu. Er hatte seinen weißen Overall schon ausgezogen und wirkte mit seinem dunkelblauen Anzug und der roten Fliege zu festlich für diesen Ort. Auf seiner Nase trug er eine eckige Brille, die ebenso wie sein sauber rasiertes Gesicht zu seinem vornehmen Äußeren passte. Er reichte zuerst Bogner und dann Speer die Hand.

»Darf ich vorstellen«, sagte Bogner. »Dr. Eisenbeiß ist Chef der Gerichtsmedizin an der Charité und Professor für forensische Pathologie und Toxikologie an der Universitätsklinik Berlin.«

Speer gab Dr. Eisenbeiß die Hand und stellte sich vor.

»Und Hauptkommissar Speer ist Ihr neuer Partner?«, fragte Dr. Eisenbeiß.

Robert Bogner nickte. »Der Kollege war vorher bei der Drogenfahndung.« In seiner Stimme schwang eine gewisse Geringschätzung mit.

»Und jetzt zur Mordkommission, wie das?«, fragte Dr. Eisenbeiß.

Adrian Speer verzog kurz das Gesicht. Die Wahrheit war, dass er die gefährlichen verdeckten Ermittlungen in einer Frankfurter Rockergang, die in Drogen-, Waffenhandel und Zwangsprostitution verwickelt war, nur deshalb übernommen hatte, weil er hoffte, dort eine Spur zu seiner entführten Tochter zu entdecken. Letztlich war aber alles aus dem Ruder gelaufen und hatte mit seiner Suspendierung geendet. Im Zuge seiner verdeckten Ermittlungen hatte er Grenzen überschritten, um seine Glaubwürdigkeit innerhalb des Motorradclubs zu steigern. Er hatte sich an illegalen Geschäften beteiligt und Kokain genommen, wenn man es ihm angeboten hatte. Bei einem Drogendeal, den er mit einem weiteren Clubmitglied durchziehen sollte, hatten die beiden Käufer plötzlich Pistolen gezogen und auf sie geschossen. Am Ende waren die beiden Käufer und das andere Gangmitglied tot. In dem Koffer, in dem das Geld sein sollte, war nur Papier. Er hatte die Drogen genommen und sie zu seiner Einsatzleitung gebracht. Dort hatte man den verdeckten Ermittlungseinsatz sofort abgebrochen. Seitdem stand er bei der Rockergang, die seine wahre Identität nicht kannte, auf der Abschussliste. Sie gingen davon aus, dass er mit dem Geld und den Drogen abgehauen war. Er hatte dann die Suche nach Lucy im Alleingang fortgesetzt. Doch dabei war er keinen Schritt weitergekommen. Es war deprimierend gewesen. Als vor zehn Tagen der Polizeipräsident Leonard Grabitz, der ein guter Freund seines im Dienst ermordeten Onkels gewesen war, persönlich vor seiner Tür gestanden und ihn gefragt hatte, ob er seinen Dienst in einer neu gegründeten Mordkommission wieder aufnehmen wolle, war er sofort einverstanden gewesen.

Aber diese Vorgeschichte ging weder den Gerichtsmediziner noch sonst jemanden etwas an.

»Man hielt mich wohl für den Richtigen«, sagte er deshalb nur knapp. Speer bemerkte, dass Bogner ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und einem schelmischen Grinsen von der Seite musterte. Seit ihrem ersten gemeinsamen Tag wurde Speer das Gefühl nicht los, dass Robert Bogner ihn nicht ernst nahm.

Dr. Eisenbeiß nickte zögerlich. Vermutlich hatte er sich eine ausführlichere Antwort auf seine Frage erhofft. Doch dann lächelte er. »Und jetzt übernimmt die neue Abteilung Acht ihren ersten Fall. Da kann man nur gutes Gelingen und viel Erfolg bei der Aufklärung wünschen.«

»Können Sie uns schon Genaueres über die Todesumstände sagen?«, fragte Bogner.

Der Gerichtsmediziner schob seine Brille hoch. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. »Wir wollten das Opfer noch in der Position belassen, in der es aufgefunden wurde, damit Sie sich ein besseres Bild machen können. Aber ich habe mir den Toten schon näher angesehen und das Stroh ein wenig beiseitegedrückt, um einen Blick in die Mundhöhle werfen zu können.« Er machte eine kurze Pause und zog die Augenbrauen hoch. »Dem Opfer wurde die Zunge herausgeschnitten. Vielleicht hat der Täter sie sogar mitgenommen, gefunden haben wir sie bis jetzt jedenfalls noch nicht. Das Messer, das der Täter benutzt hat, muss sehr scharf gewesen sein. Die Zunge wurde mit einem sauberen glatten Schnitt abgetrennt. Ich tippe auf ein Skalpell.«

»Ich wette, der Mann war noch am Leben, als ihm die Zunge entfernt wurde?«, sagte Bogner. »Ansonsten hätte der Täter nicht den Kopf fixieren müssen.«

»Das kann ich noch nicht mit Gewissheit sagen. Aber was Sie anführen, spricht tatsächlich dafür, dass der Mann noch gelebt hat. Die Menge an Blut, die ausgetreten ist, ist ein zusätzliches Indiz. Durch den hohen Blutverlust nach dem Entfernen der Zunge und die Kopfüberlage ist der Tod dann vermutlich sehr schnell eingetreten.«

»Kann ein Mensch auch allein aufgrund der Kopfüberhaltung sterben?«, fragte Speer.

»So sicher wie das Amen in der Kirche. Es ist nur eine Frage der Zeit, dauert aber von Person zu Person je nach Konstitution unterschiedlich lange. Bei gesunden Menschen kann es mehrere Stunden bis zu über einen Tag dauern. Entweder kommt es dann wegen zu hohen Blutdrucks zu tödlichen Hirnschwellungen oder Hirnblutungen. Oder aber das Opfer erstickt, da die Lunge durch den Druck anderer Organe nicht mehr richtig arbeiten kann.«

»Wann, schätzen Sie, ist der Tod eingetreten?«, wollte Bogner jetzt wissen.

Dr. Eisenbeiß legte die Stirn in Falten. »Sie wissen, dass ich Ihnen den Todeszeitpunkt ohne weitere Untersuchungen nicht präzise sagen kann.«

»Und wie lautet Ihre grobe Einschätzung?«

»Die Totenstarre ist noch nicht vorüber. Die Raumtemperaturen liegen hier drin bei sieben Grad. Wenn ich das bei der Körpertemperaturmessung berücksichtige, würde ich sagen, dass der Tod vor acht bis zwölf Stunden eintrat.«

Speer überschlug kurz die Zeit. Wenn Dr. Eisenbeiß mit seiner Vermutung richtiglag, dann musste das Opfer vergangene Nacht zwischen vier Uhr und acht Uhr morgens ermordet worden sein.

»Haben Sie sonst noch etwas für uns, mit dem wir arbeiten können?«, fragte Bogner.

»Nein, tut mir leid, das war’s fürs Erste«, sagte Dr. Eisenbeiß. Ein aufmunterndes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Nun kam einer der Männer von der Spurensicherung zu ihnen. Er nahm die Kapuze ab und stellte sich als Martin Klamm, Leiter des Teams, vor. Bogner wandte sich aber noch einmal an Dr. Eisenbeiß.

»Da Sie es nicht erwähnt haben, gehe ich davon aus, dass Sie keine Kampfspuren am Opfer gefunden haben.«

»Auf den Körperstellen, die ich bisher gesehen habe, gibt es keine Hämatome, die auf stumpfe Gewalteinwirkung hinweisen und auch keine Kratzspuren auf der Haut. Ob sich unter den Fingernägeln fremde Hautpartikel befinden, kann ich erst untersuchen, wenn das Opfer auf meinem Seziertisch liegt.«

Bogner nickte. »Im Moment habe ich dann keine weiteren Fragen mehr an Sie«, sagte er.

Daraufhin meldete sich Klamm zu Wort. »Wenn Sie zustimmen, würden wir den Leichnam abtransportieren lassen.«

Bogner warf noch einen Blick auf den Toten und nickte. Klamm wies daraufhin zwei seiner Leute an, die Leiche mit Folie abzukleben und abzuhängen.

»Ich verabschiede mich dann mal. Sobald der Leichnam in der Gerichtsmedizin eintrifft, mache ich mich an die Arbeit«, sagte Dr. Eisenbeiß. »Meinen endgültigen Bericht haben Sie morgen früh auf dem Schreibtisch.«

»Danke«, sagte Bogner und wandte sich wieder Martin Klamm zu, der ihm nochmals den Namen und die Anschrift des Opfers bestätigte.

»Und welche Erkenntnisse haben Sie sonst noch für uns?«, fragte Bogner.

»Wir haben ein paar Kleiderfasern sichergestellt. Aber ob die vom Täter stammen, ist fraglich. Hier liegt ja allerlei Müll herum. Ein Messer, das der Täter benutzt haben könnte, haben wir bisher nicht gefunden. Aber die Kollegen von der Streife sind in der Umgebung noch auf der Suche.«

Speer sah kurz Dr. Eisenbeiß hinterher, dessen Silhouette sich dunkel vor dem offen stehenden Haupttor abzeichnete. Dann ließ er seinen Blick noch einmal aufmerksam durch die Halle gleiten, um sich so viele Details wie möglich einzuprägen. Zwar würde die Kriminaltechnik einen 3D-Scan des Gebäudeinneren erstellen und einen virtuellen Raum erzeugen, der dem Tatort exakt glich. Doch auf Sinneseindrücke, die er vor Ort sammeln konnte und die sich schon bei manchen Ermittlungen als hilfreich herausgestellt hatten, wollte er nicht verzichten.

Bogner raufte sich die Haare. »Was ist mit Schuh- und Fingerabdrücken?«

»Der Hallenboden ist aus Beton. Obwohl er ziemlich dreckig ist, sind keine verwertbaren Abdrücke feststellbar, auch in der Blutlache nicht. Wahrscheinlich hat der Täter Schuhüberzüge aus Plastikfolie verwendet, wie auch wir sie benutzen, um den Tatort nicht zu kontaminieren. An den umliegenden Gegenständen konnten wir unterschiedliche Fingerabdrücke nehmen. Ob welche vom Täter dabei sind, wissen wir natürlich nicht. Wir jagen sie durch die Straftäterdatenbank und sehen, ob wir einen Treffer landen.«

»Hatte das Opfer ein Handy bei sich?«, fragte Speer.

»Wir haben keins gefunden«, erwiderte Klamm.

»Der Täter muss das Opfer irgendwie hierhergebracht haben. Wie sieht es also mit Reifenspuren vor der Halle aus?«, fragte Speer.

»Keine Chance. Der Parkplatz ist asphaltiert. Außerdem hat es die Nacht über bis in den Vormittag hinein geregnet. Tut mir leid, aber so wie es aussieht, kann ich im Moment noch rein gar nichts liefern, was bei den Ermittlungen helfen könnte.«

Nachdem das Gespräch beendet war, verließen Speer und Bogner die Halle. Auf dem Parkplatz blieben sie stehen und sahen sich um. Zur Hauptstraße hin war der Platz von einem dichten, etwa zwei Meter hohen Lattenzaun umgeben. An den anderen Seiten des Fabrikgeländes erhob sich eine ähnlich hohe Backsteinmauer. Dahinter grenzten zur Linken das Lager eines Baustoffhandels sowie eine Autowerkstatt an und zur Rechten drei baugleiche, heruntergekommene Siedlungshäuser. Möglicherweise handelte es sich um alte Werkshäuser der Fabrik. Von den hinteren Fenstern konnte man den gesamten Parkplatz vor der Halle überblicken. Sie würden mit den Bewohnern sprechen müssen, vielleicht hatte einer in der Nacht etwas Ungewöhnliches bemerkt.

2

Die Befragung der Anwohner war ernüchternd. Niemand hatte in der vergangenen Nacht oder am frühen Morgen etwas von dem, was sich in der alten Fabrikhalle abgespielt hatte, bemerkt.

Als Nächstes machten sie sich auf den Weg zu Rokovs Villa im Nobelviertel Dahlem. Sie mussten der Ehefrau die Nachricht überbringen, dass ihr Mann tot war. Eine Aufgabe, die kein Kriminalbeamter gern erledigte, und Robert Bogner war da keine Ausnahme.

An einer roten Ampel sah Bogner kurz zu Speer auf dem Beifahrersitz hinüber. Sein neuer Kollege schaute aus dem Seitenfenster und wirkte in Gedanken versunken. Seit Antritt der Fahrt hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Bogner hatte gehofft, dass Speer jetzt, wo sie ihren ersten gemeinsamen Fall hatten, etwas gesprächiger werden würde, aber da hatte er sich wohl getäuscht. Der Fall beschäftigte Speer, das spürte er, doch an dem, was in seinem Kopf vorging, ließ er niemanden teilhaben.

Seit einer Woche arbeiteten sie in einem Büro zusammen. Sie kamen miteinander aus, aber ein tiefer gehendes Gespräch war noch nicht zustande gekommen. Man könnte sagen, sie waren noch dabei, sich gegenseitig zu beschnuppern. Reibungspunkte, zu denen es bei der Arbeit an einem aktuellen Fall nun mal kommen würde, hatte es noch nicht gegeben. Dennoch war klar, dass Speer in sich gekehrt war. Angesichts seiner Geschichte war das auch kein Wunder. Bogner wusste, dass die Tochter seines neuen Partners vor zwei Jahren entführt worden war. Die Medien hatten mehrere Tage intensiv darüber berichtet. Er hatte sich vorgenommen, Speer vorerst nicht darauf anzusprechen. Vielleicht würde sich das einmal ergeben, wenn sie mehr Vertrauen zueinander gefasst hätten. Falls das jemals geschehen sollte. Bogner wusste nicht, zu welchem Menschen er geworden wäre, wenn man seine Tochter entführt hätte und er seitdem kein Lebenszeichen mehr von ihr erhalten hätte.

Robert Bogners Tochter Julia war inzwischen fünfzehn, und mit seiner Frau Laura war er seit siebzehn Jahren verheiratet. Auf seinem Schreibtisch stand ein Foto von den beiden, und er hatte Speer von ihrem letzten Urlaub in Spanien erzählt. Er wollte sich so normal wie möglich verhalten, und dazu gehörte auch, dass er etwas aus seinem Privatleben preisgab. Speer hingegen hatte über seine Vergangenheit nichts verraten und nur über die Arbeit gesprochen. Bogner wusste nicht einmal, ob Speer noch verheiratet war. Dass er außer der entführten Tochter noch einen Sohn hatte, daran konnte er sich aus der Berichterstattung noch erinnern.

Auch wenn Bogner es sich nicht anmerken ließ, so missfiel ihm, dass man ihm einen Neuling auf dem Gebiet der Mordermittlung zur Seite gestellt hatte. Noch dazu jemanden, dessen Tochter Opfer einer Entführung geworden war. So etwas musste jedem an die Substanz gehen und das Seelenleben nachhaltig belasten. Es war fraglich, ob Speer sich unter diesen Umständen voll auf seine Arbeit konzentrieren konnte.

Beim dritten Teammitglied, Tina Jeschke, sah es nicht viel besser aus. Sie war in keiner ihrer bisherigen Abteilungen klargekommen, was vermutlich auch an ihrem von manch einem als provokativ empfundenen, ausschließlich schwarzen Kleidungsstil, ihren Piercings in Nase und Ohren und ihrem knallroten Lippenstift lag. Menschlich schien Tina Jeschke aber in Ordnung zu sein, wenn man einmal von ihrer extrem reservierten und stoischen Art absah.

Nach einer Woche beschlich Bogner zunehmend das Gefühl, dass die achte Mordkommission als ein Auffangbecken verschrobener Charaktere herhalten sollte. Das schloss ihn vermutlich sogar mit ein, auch wenn er nicht im Geringsten an der Qualität seiner Arbeit zweifelte und für seinen Job brannte. Aber bei den Kollegen war er nicht gerade beliebt, was wohl in erster Linie daran lag, dass er gern seine Meinung kundtat und kein Blatt vor den Mund nahm, wenn jemand Scheiße gebaut hatte, und schon gar nicht kehrte er etwas unter den Teppich. Hinter vorgehaltener Hand warf man ihm deshalb eine große Klappe vor, man bezeichnete ihn als Großmaul, und vor seiner Beförderung zur Leitung der achten Mordkommission hatte ein Kollege ihn vor versammelter Mannschaft als arrogantes Arschloch bezeichnet. Das hatte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen können. Ein Wort ergab das andere, und es endete damit, dass sie sich gegenseitig an den Kragen gingen. Hätten die Kollegen sie nicht getrennt, wäre es zu einer handfesten Prügelei gekommen. Einige Wochen nach dem Vorfall hatte man ausgerechnet ihn zum ersten Kriminalhauptkommissar mit eigener Abteilung befördert. Es roch förmlich danach, dass man ihn aus dem Weg haben wollte, aber was machte das schon. Die Leitung einer Mordkommission war schon immer sein Ziel gewesen, und wenn seine Aufklärungsquote stimmte, würden die Kollegen schon noch sehen, was sie an ihm hatten. Jedenfalls hatte er nicht vor, in seinem ersten Fall ein schlechtes Bild abzugeben. Er würde Ergebnisse liefern, aber dafür brauchte er einen effizienten Partner, auf den er sich verlassen konnte und der funktionierte, wenn es darauf ankam. Bogner seufzte und fragte sich, ob Adrian Speer derjenige sein konnte. Im Grunde genommen schien er aber ein feiner Kerl zu sein. Gleich am ersten Tag, als er ins Büro kam, brachte er einen Kuchen mit, um seinen Einstand zu geben. Dabei waren er und Tina Jeschke doch genauso neu in der achten Mordkommission. Wenn Bogner in sich hineinhörte, dann sagte ihm zumindest sein Bauchgefühl, dass die Zusammenarbeit mit Speer funktionieren würde.

»Der Mörder hat sich viel Arbeit gemacht und ist mit der Fabrikhalle auch noch das Risiko eingegangen, entdeckt zu werden«, sagte er, als die Ampel auf Grün sprang und er weiterfahren konnte. »Zuerst musste er sein Opfer entführen, was bei einem Mann wie Rokov mit krimineller Vergangenheit bestimmt nicht ganz einfach war, und dann hat er ihn auch noch in diese Halle gebracht, um ihn dort kopfüber aufzuhängen und ihm die Zunge rauszuschneiden. Warum?«

Speer blickte nun zu Bogner hinüber und ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »Vielleicht eine Sache aus seiner Vergangenheit«, sagte er schließlich und sah nach vorn, als ob sich dort draußen in der hereinbrechenden Dunkelheit die Wahrheit finden ließe. »Der Täter hat Wert darauf gelegt, dass es so und nicht anders geschieht. Er wollte Rokov demütigen, foltern und ihn erst dann umbringen.«

»Und du bist ganz sicher, dass Rokov in keine kriminellen Geschäfte mehr verstrickt war? Sonst wären Revierstreitigkeiten ein naheliegendes Motiv.«

»Rokov hat sich vor ungefähr zehn Jahren aus dem Milieu zurückgezogen. Er managt jetzt nur noch seine Immobilien, darunter ist noch ein Nachtclub, aber der ist sauber.«

»Und was ist, wenn er wieder ins Geschäft kommen wollte und dabei an die Falschen geraten ist?«

»Du meinst, da wollte jemand ein Exempel statuieren? Nach dem Motto: Legt euch nicht mit mir an, sonst endet ihr kopfüber mit abgetrennter Zunge am Strick?«

»Ja, so was in der Art.«

»Das könnte natürlich sein. Jedenfalls hat der Mörder den Toten absichtlich gedemütigt und zur Schau gestellt, ohne sich Mühe zu geben, die Tat zu vertuschen. Er wollte, dass Rokov so gefunden wird.«

Dem musste Bogner zustimmen.

»Die Ausführung der Tat und die Art, wie er das Opfer zurückgelassen hat, müssen irgendeine Bedeutung haben.«

Normalerweise brauchte man für die Strecke nach Dahlem etwa eine Viertelstunde, doch die Stadtautobahn war wegen eines Unfalls verstopft. Bogner war auf eine Umgehungsstraße ausgewichen, doch auch hier ging es nur stockend voran. Als sie nach dreißig Minuten bei Rokovs Villa ankamen, parkte Bogner den BMW auf dem Seitenstreifen vor einer schulterhohen Mauer, die das Grundstück zur Straße hin abgrenzte. Sie stiegen aus, und Bogner klingelte an der Sprechanlage, die neben einem Eisentor in die Mauer eingelassen war. Dahinter führte eine breite Zufahrt hinauf zu einer zweistöckigen Villa mit Mansardendach. Kurz nach dem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme.

»Ja, bitte?«

Bogner räusperte sich. »Wir sind von der Kriminalpolizei und möchten gerne mit Frau Rokov sprechen«, sagt er dann.

Speer hielt seinen Dienstausweis in die Höhe und zeigte ihn in Richtung eines Baumes, an dem eine Videokamera befestigt war. Wenige Sekunden später öffneten sich die beiden Flügel des Tores. Bis zum Haus waren es gut dreißig Meter. Sie gingen die Einfahrt hinauf, die mit im Boden eingelassenen Strahlern beleuchtet war und in einer Garage endete. Auf dem gepflegten Rasen rund um das Haus standen hohe kahle Bäume und blätterlose Sträucher, deren Äste sich im Wind bewegten.

Eine zierliche junge Frau mit langen dunklen Haaren öffnete die Haustür. Sie trug eine Jeans, und ihre graue Strickweste reichte ihr fast bis zu den Knien. Die Sonnenbrille in ihrem Gesicht irritierte angesichts der hereinbrechenden Dunkelheit.

»Ich bin Hauptkommissar Bogner und das ist mein Kollege Hauptkommissar Speer. Wir würden gern mit der Ehefrau von Horst Rokov sprechen.«

»Ich bin Isabell Rokov.« Sie verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. »Worum geht es denn? Habe ich etwas verbrochen? Irgendwo falsch geparkt?« Sie lächelte.

Bogner hatte die Frau für eine Hausangestellte oder Rokovs Tochter gehalten. Sie trug keinen Ehering und konnte höchstens Anfang dreißig sein. Horst Rokov wäre damit gute dreißig Jahre älter gewesen als sie.

»Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen.«

Die Stirn der Frau zog sich über der Sonnenbrille sorgenvoll in Falten. »Ist etwas mit meinem Mann?«

Bogner nickte. »Ihr Mann wurde tot aufgefunden. Er wurde ermordet.« Er machte eine Pause und rechnete mit einer heftigen emotionalen Reaktion, aber die Frau blieb gefasst. Sie kaute lediglich auf ihrer leicht zitternden Unterlippe.

»Ermordet?«, flüsterte sie schließlich und ließ die Schultern sinken.

Es war nicht unbedingt verwunderlich, wie Isabell Rokov mit der schrecklichen Mitteilung umging. Zwar brachen viele Angehörige, denen die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen überbracht wurde, in Tränen aus. Es gab aber auch andere, zu denen nicht sofort durchdrang, was man ihnen sagte. Es war für viele einfach zu schlimm, um es sofort zu begreifen.

»Ich weiß, dass Sie sich jetzt schrecklich fühlen müssen, und dass jetzt sicher nicht der passende Augenblick ist. Aber dürfen wir dennoch hereinkommen und Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Die Frau nickte stumm. Sie ließ sie eintreten und ging durch eine ausladende Eingangshalle voran in ein elegantes Wohnzimmer. Sie setzte sich auf die cremefarbene Ledercouch, presste die Knie zusammen und legte die Hände in den Schoß. Bogner und Speer nahmen ihr gegenüber auf Sesseln Platz. In einem Kaminofen loderte ein knisterndes Feuer und erzeugte eine wohlige Wärme.

Obwohl es im Raum nicht übermäßig hell war, behielt Isabell Rokov ihre Sonnenbrille auf.

»Ich kann nicht glauben, dass er tot sein soll«, sagte sie. »Was ist denn passiert?«

Bogner seufzte, beugte sich nach vorn und stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab.

»Ihr Mann wurde vermutlich heute am frühen Morgen umgebracht. Man hat ihn in einer Fabrikhalle in Siemensstadt gefunden. Die Details ersparen wir Ihnen lieber.«

»Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich muss doch wissen, was mit ihm geschehen ist.«

»Es ist besser für Sie, wenn Sie es nicht wissen.«

Isabell Rokov schloss kurz die Augen und atmete geräuschvoll aus.

»Wir können Ihnen leider nicht ersparen, dass Sie Ihren Mann identifizieren müssen. Das hat aber Zeit bis morgen früh.«

»Wissen Sie schon, wer das getan hat?«

»Wir fangen gerade erst mit unseren Ermittlungen an.«

Isabell Rokov senkte jetzt den Kopf, und Bogner wartete einen Moment.

»Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?«, fragte er.

»Das war gestern Abend. Er ist gegen neun Uhr weggefahren und wollte in seinen Club«, sagte Isabell Rokov. »Da fährt er fast jeden Abend hin.«

»Was für einen Wagen fuhr Ihr Mann?«

»Einen silbernen Mercedes S-Klasse, älteres Baujahr. Er hat auch noch einen Porsche, der steht aber in der Garage.«

»Er ist also gestern mit dem Mercedes in den Club gefahren.«

»Ich hab ihn damit wegfahren sehen.«

»Haben Sie danach noch mal mit ihm gesprochen?«, wollte Speer jetzt wissen.

Die Frau sah zu Boden und knetete die in ihrem Schoß gefalteten Hände.

»Wir hatten einen Streit«, sagte sie dann. Sie blickte auf und setzte ihre Sonnenbrille ab. Ihr Gesicht sah fürchterlich aus. Das linke Auge war zugeschwollen und in Faustgröße dunkelblau und rot unterlaufen.

Speer und Bogner wechselten einen Blick.

»Dürfen wir den Grund Ihres Streites erfahren?«, fragte Speer.

Isabell Rokov stieß einen tiefen Seufzer aus. Ihr Gesichtsausdruck wirkte jetzt, wo sie die Sonnenbrille nicht mehr trug, niedergeschlagen und traurig.

»Wir sind jetzt seit vier Jahren verheiratet. Horst war schon immer sehr eifersüchtig, aber in letzter Zeit wurde es noch schlimmer. Wahrscheinlich war der Altersunterschied zwischen uns doch einfach zu groß.«

Bogner ließ Isabell Rokov ein wenig Zeit, bevor er vorsichtig die nächste Frage stellte.

»Und haben Sie ihm einen Anlass gegeben, eifersüchtig zu sein?«

Isabell Rokov sah ihn nun mit festem Blick an. Ihre Augen waren wässrig, als ob sie kurz davor stand, zu weinen.

»Natürlich nicht. Ich habe meinen Mann geliebt.«

»Haben Sie gemeinsame Kinder?«

Sie schüttelte den Kopf. »Horst wollte keine mehr. Er hat bereits einen erwachsenen Sohn aus seiner ersten Ehe. Karsten ist Inhaber einer Spedition hier in Berlin. Horsts Exfrau wohnt seit der Trennung vor sechs Jahren in München.«

»Hatte Ihr Mann Feinde? Jemanden, dem Sie einen Mord zutrauen würden?«

Isabell Rokov sah gedankenverloren durch die zweiflügelige Terrassentür hinaus in den Garten. Inzwischen hatte es wieder leicht zu regnen begonnen.

»Mein Mann konnte sehr jähzornig sein, vor allem, wenn etwas nicht schnell genug genau so lief, wie er sich das vorstellte. Anderen gegenüber war er oft sehr herablassend und beleidigend. Aber mir fällt niemand ein, der einen Grund gehabt hätte, ihn zu ermorden.«

»Wissen Sie, womit Ihr Mann sein Geld verdient hat?«