Über Brad Meltzer

Brad Meltzer, Jahrgang 1970, hat Jura studiert und lebt mit seiner Familie in Florida. Seine Romane wurden in über 25 Sprachen übersetzt. Er ist einer der erfolgreichsten Thrillerautoren der USA.Als Aufbau Taschenbuch sind seine Thriller »Die Bank«, »Das Spiel«, »Der Code«, »Der Fall«, »Die Mächtigen« und »Der fünfte Attentäter« lieferbar.

Wolfgang Thon lebt als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat viele Thriller, u. a. von Brad Meltzer, Joseph Finder und Paul Grossman ins Deutsche übertragen.

Tod Goldberg ist Autor mehrerer Romane. Für seinen Roman »Gangsterland« war er für den Hammett Prize nominiert.

Informationen zum Buch

Brad Meltzer – die Nummer 1 aus den USA.

Eine Frau ohne Erinnerung.

Ein Geheimnis, für das jemand tötet.

Eine Verschwörung.

Als Hazel Nash sechs Jahre alt ist, lehrt ihr Vater sie einen Grundsatz: Geheimnisse müssen gelöst werden. Er weiß es ganz genau, denn er hat eine TV-Sendung, in der er alle Verschwörungen der Welt entlarvt – »House of secrets« macht ihn zum Star. Jahre später ist Hazel eine anerkannte Archäologin. Nach einer Autofahrt mit ihrem Bruder und ihrem Vater erwacht sie ohne Erinnerung. Ihr Vater ist bei dem Unfall ums Leben gekommen, ihr Bruder wurde verletzt. Dann taucht ein Agent vom FBI auf und will Genaueres wissen: Ein Mann, den ihr Vater wegen seiner Sendung besucht hat, ist ermordet aufgefunden worden. Zurück in ihrem Haus, findet Hazel Waffen, die sie nicht kennt, und sie hat ein Tattoo am Hals, von dem sie nichts wusste. Ihr kommt ein ungeheuerlicher Verdacht. Was hat sie mit dem Tod ihres Vaters zu tun?

»Brillant – ein moderner Agenten-Thriller, der dann am besten ist, wenn er die Grenzen des Genres überwindet.« Publishers Weekly

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Brad Meltzer
mit Tod Goldberg

Secret

Niemand schweigt für immer

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon

Inhaltsübersicht

Über Brad Meltzer

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Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

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40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

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48. Kapitel

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50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

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70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

78. Kapitel

79. Kapitel

80. Kapitel

81. Kapitel

82. Kapitel

83. Kapitel

84. Kapitel

85. Kapitel

86. Kapitel

87. Kapitel

88. Kapitel

89. Kapitel

90. Kapitel

91. Kapitel

92. Kapitel

93. Kapitel

94. Kapitel

95. Kapitel

96. Kapitel

97. Kapitel

Epilog

Danksagungen

Impressum

Leseprobe aus: Brenda Novak – Ich töte dich

Prolog

Sommer
Dreißig Jahre zuvor

Um Mitternacht an einem Mittwoch im Hochsommer in Los Angeles entscheidet Jack Nash, dass seine Tochter Hazel für Die Story bereit ist.

Er selbst war sechs Jahre alt, als ihm sein Vater die Story zum ersten Mal erzählt hat. So alt ist Hazel jetzt: genau sechs. Sie ist hellwach und fragt unermüdlich was und wieso: Warum muss sie schlafen gehen? Was sind Träume? Warum sterben Menschen? Was passiert, nachdem Menschen gestorben sind?

»Das wirst du wissen, wenn es passiert«, antwortet Jack.

Sechs ist das richtige Alter, denkt er.

Für einen Fünfjährigen war es zu früh. Fünf Jahre war sein Sohn Skip alt, als Jack ihm die Story erzählte – sie blieb nicht hängen und schien überhaupt keinen Eindruck zu hinterlassen, was Jack nachdenklich machte. Wie alt musste man sein, um sich sein Leben lang an etwas erinnern zu können?

Denn so war das mit dem Gedächtnis: Irgendwann hat man etwas einfach im Kopf. Wie es dort hineingekommen ist, spielt keine Rolle.

»Okay, es geht los«, sagt Jack. »Aber versprich mir, dass du keine Angst bekommst.«

Hazel stützt sich auf einen Ellenbogen ab. »Ich werde keine Angst haben«, behauptet sie ernsthaft. Jack weiß, dass es der Wahrheit entspricht: Hazel hat vor nichts Angst. Schon gar nicht, wenn sie etwas lernen kann. Sie gehört zu jenen Kindern, die sich an einem heißen Ofen den rechten Daumen verbrennen konnten und dann am nächsten Tag wiederkamen und sich den linken Daumen verbrannten, um einen Vergleich zu haben.

Das erfüllte Jack mit einem eigenartigen Stolz. Hazels Bruder Skip hätte den Ofen gar nicht erst angefasst, so übervorsichtig, wie er mit allem war. Doch Hazel war bereit, auch einmal Blessuren in Kauf zu nehmen, wenn es um ein Abenteuer ging.

»Die Geschichte beginnt mit einem Geheimnis, einem Rätsel«, sagt Jack und hört die Stimme seines Vaters und dessen Worte auf einmal ganz deutlich. Dad ist jetzt schon seit fünf Jahren tot, doch die Erinnerung an seine letzten Tage ist so lebhaft, als wäre es erst eine halbe Stunde her. »Wenn du das Rätsel löst, darfst du die ganze Nacht aufbleiben. Und wenn nicht, musst du schlafen gehen. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagt Hazel.

»Mach die Augen zu, während ich es dir erzähle«, sagt Jack und schlüpft in »Die Stimme«, die sein eigener Vater immer benutzt hat und die Jack selbst jetzt in seiner TV-Show verwendet, in der er jede Woche die bekanntesten Verschwörungstheorien der Welt erkundet: Wer hat John F. Kennedy ermordet? Warum war Franklin D. Roosevelt Mitglied einer Geheimgesellschaft namens The Room? Oder sein Favorit, wenn es um die Quote ging: Bei Zusammenkünften der Freimaurer steht immer der Stuhl des Logenhüters vor der Tür. Woher stammt diese Tradition, und welches Geheimnis verbirgt sich dahinter?

Hazel darf sich die Sendung nicht ansehen. Jacks Frau Claire hat Bedenken, dass Hazel danach schlecht träumen könnte. Doch Jack weiß, dass Hazel – genau wie er früher – in Albträumen schwelgt. Etwas, das einen auch noch im Schlaf verfolgte, war schon immer viel interessanter, als wenn alles in Zuckerwatte gepackt war.

»Die Geschichte beginnt vor hundertfünfzig Jahren, bei einem Bauern«, erzählt Jack, als Hazel, die sich auf ihren Ellenbogen stützt, näher heranrückt. »Eines frühen Morgens ging der Bauer hinaus, um seine Felder zu bestellen. Da entdeckte er wenige Meter von seinem Haus entfernt einen jungen Mann, der erfroren auf der Erde lag.«

Einfrieren faszinierte Hazel. Jack und Claire fanden ständig alle möglichen Dinge im Eisfach, von Puppen über Pflanzen bis hin zu toten Spinnen.

»Der Bauer nimmt die Leiche mit in sein Haus und legt eine Decke darüber, um sie aufzutauen, dann verständigt er den Arzt in der Stadt und bringt ihm den Leichnam, damit er sich den armen Kerl anschauen kann. Als der Arzt den Toten auf dem Tisch liegen hat, beginnt er mit einer einfachen Autopsie. Er versucht, Details zu entdecken, die der Stadtverwaltung dabei helfen können, den Mann zu identifizieren, wenn sie den Bericht bekommt. Doch als er die Brust des Mannes aufschneidet, macht er eine überraschende Entdeckung …«

An dieser Stelle vollzieht Jack dasselbe, was sein Vater getan hat, und klopft Hazel zweimal kurz mitten auf die Brust, damit sie begreift, von welcher Körperregion die Rede ist. »Genau hier, auf dem Brustbein an der Außenseite der Rippen, entdeckt er einen Gegenstand, der so groß ist wie ein Kartenspiel. Er ist mit Siegellack umhüllt. Und als er den Lack aufbricht, entdeckt er ein ganz kleines Buch.«

»Konnte es da überhaupt hinpassen?«

»Kannst du dich noch an Opas Herzschrittmacher erinnern? Es hat gepasst. Es war so klein, dass man es sich in die Tasche stecken konnte.«

»Was für ein Buch war das?«, fragt Hazel, ohne die Augen zu öffnen.

»Eine kleine Bibel, die von dem Siegellack perfekt geschützt wurde. Dann … schlägt der Mann … die Bibel … auf«, sagt Jack, »und sieht vier handgeschriebene Worte darin: Eigentum von Benedict Arnold

Jack hält inne und betrachtet Hazel. Ihre Augen waren die ganze Zeit geschlossen, doch sie legt die Stirn in Falten und denkt angestrengt nach. »Und?«, fragt er. »Wie ist es da hingekommen?«

»Moment mal«, sagt Hazel. »Wer ist Benedict Arnold?«

Bringen sie denn den Kindern heute in der Schule nichts mehr bei?

»Das war ein Soldat«, erwidert Jack, »während des Unabhängigkeitskrieges.«

»War das ein guter oder ein schlechter Mann?«

»Ein komplizierter Kerl«, sagt Jack.

»Hat man die Bibel erst in den Körper des Mannes getan, nachdem er gestorben war?«

»Nein.«

»Woher willst du das wissen?«

»Dann wäre eine Wunde auf seiner Brust gewesen.«

»War es seine Bibel? Ich meine, hat sie ihm gehört?«

»Das weiß ich nicht«, sagt Jack und denkt: Ja, das ist eine Frage, über die ich noch nie nachgedacht habe. Hazel öffnet blinzelnd die Augen und schließt sie dann wieder. Sie will sich nur vergewissern, ob er sie anschwindelt.

Hazel bleibt stumm – dreißig Sekunden, fünfundvierzig Sekunden, eine Minute. Dann fragt sie: »Warum ist es wichtig, wie das Buch dorthin gekommen ist?«

»Weil es ein Rätsel ist«, sagt Jack. »Und Rätsel muss man lösen.«

Hazel denkt darüber nach. »Kennst du die Lösung?«

»Ich kenne sie.«

»Wie oft darf ich raten?«

»Dreimal pro Abend«, sagt Jack.

Sie nickt. Jetzt haben sie eine Vereinbarung. »Okay«, sagt sie, »lass mich nachdenken.«

Jack bleibt noch zehn Minuten bei ihr, dann geht er in sein eigenes Schlafzimmer, wo Claire noch wach ist und liest. »Hast du sie zum Einschlafen gebracht?«, fragt Claire.

»Nein«, sagt Jack. »Ich habe ihr ein Rätsel aufgegeben.«

»Oh, Jack«, sagt Claire, »das kann doch nicht wahr sein.«

*

Hazel wartet, bis die Stimmen ihres Vaters und ihrer Mutter durch den Flur zu hören sind, dann erst öffnet sie die Augen.

Sie steht auf, durchquert ihr Zimmer und öffnet den Schrank, in dem sie ihre Stofftiere aufbewahrt. Eigentlich hat sie nicht besonders viel für Stofftiere übrig, sie findet sie bei genauerer Betrachtung eher unheimlich: Tiere mit einem Grinsen und einem falschen Glanz in den Augen, ohne Zähne und auch ohne richtige Krallen. Es dauert nicht lange, bis sie den Paddington-Bär findet. Sie zieht ihm sein merkwürdiges, blaues Regencape aus, holt sich eine Schere von ihrem Schreibtisch und beginnt in aller Seelenruhe, Paddingtons Brust aufzuschneiden.

Im Innern befindet sich nichts als weiße, klumpige Watte, keineswegs das, was sie sich im Inneren eines Körpers vorstellt, doch das spielt keine Rolle. Sie zieht das ganze Füllmaterial heraus und legt es auf dem Fußboden ihres Zimmers zu einem ordentlichen Haufen zusammen, dann füllt sie Paddingtons leere Körperhülle mit einem »1000 Gefahren – Du entscheidest selbst!«-Taschenbuch – jenem, in dem man sich als Spion ausgibt, aber am Ende meistens von Lastwagen überfahren wird. Dann stopft sie den Bären mit dem Füllmaterial aus und heftet seinen pelzigen Rücken zusammen, damit Paddington wieder kuschelig, neu und liebenswert aussieht. Schließlich zieht sie ihm seine Jacke an und rückt seine rote Kappe zurecht.

Danach schleicht sich Hazel auf Zehenspitzen in die Küche, nimmt sich die Trittleiter und schiebt sie vor den Kühlschrank. Sie klettert hinauf, inspiziert die wenigen, tiefgefrorenen Lebensmittel und entscheidet, dass Paddington am besten hinter einem alten Filetsteak aufgehoben ist, das schon seit neun Monaten im Gefrierfach liegt.

Wenn ihr Vater sie fragen wird, wie um alles in der Welt der Paddington-Bär im Eisfach landen konnte – und zwar ausgenommen und mit einem Buch gefüllt –, wird sie bereitwillig antworten: Das ist unmöglich.

Nichts ist unmöglich, wird ihr Vater sagen, weil er ein Mann des Glaubens ist.

Dann muss es Zauberei gewesen sein, sagt sie dann.

Es gibt keine Zauberei, erwidert er.

Dann muss es ein Mensch gewesen sein, der versucht hat, dich reinzulegen, wird sie sagen. Und damit wird sie recht behalten.

1. Kapitel

Sommer, Utah
Gegenwart

»Jetzt wollen wir doch mal sehen, was dieser alte Kraftprotz noch drauf hat«, sagt Jack Nash. Er sitzt hinter dem Steuer seines himmelblauen 77er Cadillac Eldorado, dessen Kofferraum groß genug ist, um sich hineinzulegen, und schießt über den Highway 163 durch die Wüste von Utah. Es ist noch nicht einmal zehn Uhr morgens, Hazel sitzt neben ihm und Skip auf der Rückbank. Diese Blechhülle, die sie umgibt, steht für ein ganzes Leben voller Mühen und Polieren – doch ist das nicht immer so? Er drückt aufs Gas, und der Caddy donnert voran.

»Vielleicht mal einen Gang runterschalten, Dad?«, schlägt Skip vor. Jack sieht seinen Sohn kurz im Rückspiegel an. Er wirkt leicht angeschlagen. Jetzt ist er neununddreißig Jahre alt, und ihm wird im Auto immer noch schlecht. »Du kriegst auch in deinem Alter noch einen Strafzettel«, fügt Skip hinzu. »Du bist selbst schuld, wenn du deinen Führerschein verlierst.«

In deinem Alter. Wie alt fühlt sich Jack? Vom Kopf her ist er um die dreißig – manchmal fühlt er sich sogar noch wie ein Teenager –, doch Jack weiß, dass ihn sein Kopf belügt. Sein Körper teilt ihm schon seit einiger Zeit mit, wie es wirklich um ihn steht. Dass siebzig das neue vierzig sei; hat noch niemand behauptet. Ab siebzig kann man sterben, ohne dass es die Leute als Tragödie bezeichnen.

»Hauptsache, du passt auf, ob irgendwo Polizei herumsteht«, sagt Jack.

Hazel verdreht die Augen und streicht sich geistesabwesend über einen kleinen Knoten an ihrer Stirn, eine Verletzung direkt unter ihrem Haaransatz. Sie hat die Wunde in einem Kampf davongetragen, von dem sie nie erzählen wird.

»Geht das Tachometer nur bis fünfundachtzig Meilen pro Stunde?«, fragt Hazel.

Jack rollt die Augen. Ihm ist allzu bewusst, wie leicht sich seine Tochter in Schwierigkeiten bringt. Aber das war das Angenehme an diesen alten Autos, die für eine Höchstgeschwindigkeit von fünfundfünfzig Meilen konstruiert waren. Fünfundachtzig Meilen pro Stunde kamen einem außergewöhnlich schnell vor. Heutzutage schafften die Autos bis zu hundertsechzig, manchmal sogar hundertsiebzig Meilen – dem Tacho nach zumindest. Es verleitete leicht zu dem Trugschluss, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit hätte sich ebenfalls verschoben.

Dieser Streckenabschnitt der 163 führt durch eine von Jacks Lieblingslandschaften. Heute ist alles in Rot getaucht: Vom roten Sand bis zum roten Abendhimmel hat alles die Farbe getrockneten Blutes. Es ist die Schönheit und Anmut der Natur: Die mächtigen Sandsteinfelsen sind das Werk der Erosion und dem Druck der Landmassen über Jahrmillionen, hinzu kommt das schonungslose Gesetz der Wüste, in der einen schon ein einziger Fehltritt das Leben kosten könnte.

Eine Klapperschlange.

Ein Skorpion.

Selbst die Luft könnte einen durch Hitze oder Kälte umbringen – sie machte da keinen großen Unterschied. Wer dieser Landschaft ungeschützt ausgeliefert war, starb so oder so.

Wunderschön. Man fühlte sich so lebendig.

Jack und seine Kinder waren schon vor Jahrzehnten zum ersten Mal hier gewesen. Mit demselben Auto. Damals hatte Claire vorne neben ihm gesessen und beide Kinder auf der Rückbank. Aus dem Kassettenrekorder kreischten die Rolling Stones, Jacks Lieblingsband. »Jumpin’ Jack Flash« war sein Lieblingslied.

Skip war damals noch ein Teenager gewesen und stand in der neuesten Staffel von »Das Haus der Geheimnisse« an der Seite seines berühmten Vaters. Von Anfang an wussten alle, dass es nur darum ging, höhere Einschaltquoten zu erzielen, wie wenn man ein Baby in einer Sitcom auftauchen ließ – und wie in den dümmsten Sitcoms fingen sie an, Skip »Scrappy« zu nennen, wie die Figur aus Scooby-Doo. Es reichte für ihn aber trotzdem, um auf Ausklapppostern der Jugendzeitschrift Tiger Beat zu landen. Ein Irrtum? Wahrscheinlich. Nein, ganz bestimmt. Aber Skip gefiel es sehr. Hazel war noch ein Kind, aber bereit, die Welt zu erobern … eine Welt allerdings, die sich sehr von der unterschied, in der Skip lebte.

Sie waren von Los Angeles bis nach Zion, nach Bryce und nach Moab gefahren, und immer hatte Claires Hand auf Jacks Oberschenkel gelegen und den Rhythmus mitgeklopft. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sie dort immer noch spüren: bump-bump-uh-dun-uh-duh-dun-uh-duh, But it’s all right now 

Jack verringert die Geschwindigkeit. »Wir müssen uns mal unterhalten«, sagt er. »Über die Zukunft.«

*

Jack Nash hat drei Regeln. Er hat sie für sich entdeckt, als er bei den TV-Nachrichten anfing, noch bevor er mit den Geheimnissen ins Geschäft kam. Er hatte einen Haufen Autobiografien gelesen und festgestellt, dass jede erfolgreiche Person gewisse Grundregeln beherzigte.

Die eine war, dass es bei Geschäften grundsätzlich einen Haken gab – etwas Unvorhersehbares oder einen Rückschlag –, irgendwas war immer. Sobald man das begriffen hatte, nahm man sich schlechte Verträge nicht mehr so zu Herzen.

Die zweite Grundregel lautete, dass nichts verlorenging. Alles musste irgendwo sein.

Eigentlich war es eine Regel, die Claire in einer Zeit aufgestellt hatte, als die Kinder noch klein waren. Jedes Mal, wenn sie behaupteten, etwas verloren zu haben – ein Spielzeug, den Hund oder ihr Lieblingshemd, erklärte sie ihnen in aller Seelenruhe, dass etwas nicht völlig verschwunden sein konnte, nur weil es gerade mal nicht da war. Doch dann wurde Claire krank, und er fragte sich, ob die Regel angepasst werden musste, weil sie zwar immer noch da war, doch trotzdem jeden Tag ein Stückchen mehr von ihr verschwand. Zuerst ihr Haar. Dann ihre Zähne. Schließlich wachte Jack eines Morgens auf, und sie war ganz und gar von ihm gegangen.

Eine Zeitlang spürte er noch ihre Anwesenheit im Haus, so als wäre sie nur im Nebenzimmer oder draußen im Garten, so dass er sie manchmal ganz geistesabwesend rief – eine Angewohnheit, die sich auf seltsame Weise mit der Trauer verband, die er über ihren Verlust empfand. Irgendwann verließ ihn dieses Gefühl, und jetzt spürt Jack sie nur noch in jenem Zustand zwischen Schlafen und Wachen – fast körperlich spürt er sie, wie sie auf dem Bettrand sitzt und ihn ansieht.

Claire ist nun schon fast zehn Jahre tot. Jack wünscht sich so sehr, dass sie noch da wäre. Aber dass sie irgendwo ist, weiß er ganz genau. Er hat sie schon einmal gefunden, und er wird es auch ein zweites Mal tun. Es kommt ihm vor, als wäre er ihr vielleicht gerade jetzt näher als je zuvor, insbesondere weil er sich jeden Tag ein wenig kurzatmiger fühlt und weil es Tage gibt, an denen er seine Fingerspitzen nicht mehr spüren kann. Sein Arzt sagte, es sei ein Kreislaufproblem.

Er solle seine Medizin nehmen.

Sich vernünftig ernähren.

Sport treiben.

Die Dinge ruhiger angehen lassen. Er holte sich eine zweite Meinung ein, dann eine dritte. Alle sagten dasselbe: Sie können ihre Fingerspitzen nicht spüren? Versuchen Sie es mit Nitrospray. Das Nitro bleibt ohne Wirkung? Rufen Sie den Notarzt. Sie schaffen es nicht bis zum Telefon? Kümmern Sie sich um Ihren Seelenfrieden.

Er versuchte es, indem er sich an seine dritte Regel hielt: Achte die Menschen, die dich lieben.

Jack begriff schon früh, dass Regel eins und Regel drei nicht gut zusammenpassten. Manchmal ist der Haken, dass die Leute, die dich lieben, nicht billigen, was in deinem Kopf vor sich geht – schon gar nicht in Geschäftsangelegenheiten. Vielleicht sind es auch gar nicht unbedingt Regeln, denkt Jack heute, nach all den Jahren. Vielleicht sind es Überzeugungen.

Und wie es so oft mit Überzeugungen ist, müssen sie nicht zwangsläufig auf Fakten beruhen.

Als Jack seinen Sohn in Las Vegas abholte, wo Skip bei einem Fantreffen Autogramme unterzeichnet hatte und wo er jetzt »aus Steuergründen«, wie er sagte, lebte, und als dann auch noch Hazel direkt von einem Anthropologenkongress vorbeigejettet kam, war er sich nicht einmal mehr ganz sicher, ob er seinem Vorsatz treu bleiben konnte, alles auf den Tisch zu legen. Er hatte ihnen gesagt, dass es ein Ausflug zum jährlichen Andenken an Claire sein sollte, und mit diesem Argument hatte er beide Kinder dazu gebracht, sich – wenn auch murrend – für eine Woche aus ihrem Leben auszuklinken. In Wahrheit wollte er jedoch auch noch mit einem anderen Teil ihres Lebens abschließen.

»Ich bin fertig«, sagt Jack. »Ich höre mit der Fernsehshow auf.«

»Was? Warum?«, fragt Skip.

»Es wird Zeit, wie ein normaler Mensch zu leben.«

»Ist es dafür nicht ein wenig spät?«, fragt Hazel.

Wahrscheinlich, denkt Jack. »Mir bleiben vielleicht noch fünfzehn Jahre«, sagt er. »Die würde ich gerne genießen.«

»Sag nicht so was«, meint Skip. »Sobald man irgendwo eine Ziffer dranhängt, fängt man automatisch an, einen Countdown herunterzuzählen. Das ist schlechtes Karma.«

Jetzt ist es an Jack, mit den Augen zu rollen. Skip. Ein Spitzname aus der Kindheit, der hängengeblieben war. Niemand, der in sein fünftes Lebensjahrzehnt eintrat, sollte noch mit einem Spitznamen behaftet sein, findet Jack. Außer es ist jemand wie Alexander der Große, obwohl Alexander der Große mit zweiunddreißig bereits tot war. Skips richtiger Name ist Nicholas. Jacks eigener Vater hatte ihm schon vor Jahren diesen Spitznamen verpasst. Vielleicht hatte er sich gedacht, das könnte einmal eine Generation überspringen.

»Endlich kommst du zur Vernunft. Das hättest du schon vor Jahren tun sollen«, sagt Hazel. »Du bist jetzt schon länger dabei als Jacques Cousteau. Leg los, mach dich frei, und lass es dir gutgehen.«

Hazel – sie ähnelte ihrer Mutter in so vielen Dingen, dass Jack ihre Nähe zuweilen kaum noch aushalten konnte. Ihr Gesicht, ihre Stimme, sogar ihre Handbewegungen erinnerten ihn so sehr an Claire, dass es ihn manchmal schmerzte, mit ihr zusammen zu sein. Außerdem hatten die beiden dasselbe Temperament und dasselbe waghalsige Faible für Zerstörung.

Wie oft war nachts die Polizei mit Hazel auf dem Rücksitz des Streifenwagens bei Jack vorgefahren und hatte ihn aus dem Bett geholt? Wie oft hatte er sogar noch letztes Jahr telefonieren müssen, um zu verhindern, dass sie angezeigt wurde: wegen tätlichen Angriffs, Körperverletzung oder was auch immer die Polizei ihr anhängen wollte? Jack hatte versucht, davon zu profitieren. Bei seiner Arbeit, insbesondere in jenen Bereichen seines Lebens, die er vor allen anderen verborgen hielt, sicherte Furchtlosigkeit sein Überleben. Doch dann sah Claire, womit er sich beschäftigte, und das war das Ende. Ich werde nicht zulassen, dass du sie in diese Geschäfte hineinziehst. Im Laufe der Jahre hatte sich Hazel ihr eigenes Leben aufgebaut. Sie war eine Suchende, eine Professorin und immer bereit, ein Risiko einzugehen.

»Aber die Fans …«, sagt Skip.

»Lass es«, warnt Hazel, deren hitziges Temperament bereits durchblitzt. »Wann waren die Fans das letzte Mal richtig zufrieden?«

Auch damit hat sie nicht ganz unrecht.

Für die ersten paar Staffeln reichte es schon aus, ein paar alte NASA-Angestellte aufzutreiben, die Stein und Bein schworen, dass die Mondlandung nur ein Fake war, oder die Frau, die eines Morgens aufwachte und plötzlich Latein sprechen konnte. Jack brauchte dazu bloß zu nicken und das richtige Maß an Anteilnahme zu zeigen. Nur weil etwas unwahrscheinlich erschien, bedeutete das noch lange nicht, dass es nicht wahr sein konnte.

Doch dann wollten die Zuschauer mehr. Es sollte nicht mehr so statisch sein. Und das bedeutete, dass Jack Exkursionen machen, die Geheimnisse der Welt tatsächlich auskundschaften und sie, wenn möglich, auch lösen musste. Das war das Problem, wenn man sein Geld mit Geheimnissen verdiente: Ab und zu musste man eins lösen, sonst glaubten die Zuschauer am Ende entweder, dass alles nur geschwindelt war, oder, alternativ, dass die Welt tatsächlich von mächtigen, unüberschaubaren Verschwörungen dominiert wurde, die zum Ziel hatten, ihnen die Wahrheit vorzuenthalten.

Denn darauf lief es immer hinaus. Die Leute gaben sich nicht eher zufrieden, bis sie glauben konnten, dass zumindest ein Teil der Welt nichts als ein grandioser Schwindel war. Deshalb war Watergate auch so faszinierend gewesen. Es bestätigte allen den Verdacht, den sie schon immer gehabt hatten: Die Regierung war korrupt, die Welt wurde manipuliert, und alles war aus dem Lot. Da mussten erst zwei richtige Kerle wie Bob und Carl kommen, um alles ans Tageslicht zu bringen. Doch Jack wusste, dass es für die meisten Geheimnisse keine befriedigende Erklärung gab. Es war wie mit dem Tod von John F. Kennedy. Keiner wollte glauben, dass Oswald ein Einzeltäter war, denn das hätte das Ende der Geschichte bedeutet.

Die Welt hatte sich seither verändert. Jeder konnte alles sehen. Und die Regierung? Mit ihren Robotern, den Drohnen, den Navy SEALS und worüber sie sonst noch alles gebot, arbeiteten inzwischen mehr Menschen für sie als gegen sie. Was ein Jack Nash herausfinden konnte, tat überhaupt nichts zur Sache. Er war nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Die Maschine war inzwischen so groß, dass ein paar lockere Schrauben ihr nichts ausmachten.

»Kannst du denn überhaupt glücklich sein, wenn du nichts mehr damit zu tun hast?«, fragt Skip.

Sobald er das Buch gefunden haben würde. Nein, nicht einfach nur ein Buch. Eine Bibel. Die Bibel. Er stand jetzt so dicht davor. Wenn er die Augen schloss, konnte er sie sehen – direkt vor sich hier in der Wüste, wie sie durch den Wind wirbelte.

»Das ist das letzte Geheimnis«, sagt Jack mit schleppender Stimme.

»Dad, alles klar mit dir?«, fragt Hazel leise. Jack findet, dass sie ihn merkwürdig ansieht. Als mustere sie ihn und zerlege ihn systematisch in seine Einzelteile, wie es ihre Art ist. Sie legt ihre Hand auf seinen Ellenbogen. »Du siehst mitgenommen aus.«

»So gut ging es mir noch nie«, erwidert Jack. Die Wüste draußen strahlt plötzlich weiß, der Sand leuchtet auf eine Weise, die Jack an die Sahara erinnert. »Da ist noch etwas, das ich euch erzählen möchte.«

»Das wissen wir schon, Dad«, sagt Skip. »Achte die Menschen, die dich lieben. Das hast du schon eine Million Mal gesagt.«

»Du siehst gar nicht gut aus«, sagt Hazel. »Dein Kopf ist ganz rot. Willst du nicht anhalten? Lass mich fahren.«

»Hier ist alles rot«, sagt Jack, doch nein, nein – jetzt ist alles weiß. Alles lichtüberflutet. Ist er am Strand? Das könnte sein, denkt er. Der Salzgeschmack auf seinen Lippen. Das Rauschen in seinen Ohren. Ja. Er schläft irgendwo weit weg an einem Strand. Hatte er nicht etwas sagen wollen?

»Dad!«, schreit Hazel und greift ihm ins Steuer. »Dad, hörst du mich?!«

Er spürt, wie die Wellen seine Brust erreichen, was sich gar nicht mal so schlecht anfühlt, nein, wirklich nicht. Das Licht, das rot war und dann weiß, ist jetzt von einem leuchtenden Gelb. Die Wüste wandelt sich vor seinen Augen. Ob die Kinder es sehen? Das müssen sie. Sie müssen es sehen.

Er hofft, dass sie es endlich sehen.

2. Kapitel

Los Angeles
Acht Tage danach

»…azel-Ann? Hazel-Ann, können Sie mich hören?«

Hazel-Ann Nash tauchte aus der Dunkelheit auf, blinzelte in das blendende Licht und kniff die Augen zusammen.

»Sie ist wach!«, rief ein Mann. Weißer Kittel. Arzt. Krankenhaus.

Der Doktor schrie ihr Fragen ins Gesicht, doch als sie sich ängstlich umblickte, waren ihre Augen … Warum funktionierten ihre Augen nicht? Es war, als könnte sie sie nur für eine Sekunde scharf stellen. Ihr Blick huschte vom Bett, in dem sie lag, zum ausgeschalteten Fernseher, zum Desinfektionsmittelspender an der Wand und zur Tafel, auf der ein paar handschriftliche Worte standen:

Ich bin Hazel-Ann Nash, und ich fühle mich _______

Hieß sie wirklich so? Hazel-Ann? Etwas stimmte nicht. Wieso wusste sie ihren Namen nicht? Sie spürte ihren Pulsschlag in der Zunge, am Gaumen und in den Ohren. Sie wollte instinktiv fliehen, obwohl es völlig sinnlos war. Weshalb sollte sie aus einem Krankenhaus fliehen?

»Spüren Sie das, Hazel-Ann?«, fragte der Doktor und piekte sie an verschiedenen Körperstellen.

Sie konnte alles spüren, das war das Problem. Sie wusste nicht genau, warum sie sich in einem Krankenhaus befand, aber weil sie sich fühlte, als hätte sie jemand angezündet und das Feuer danach mit einem Ziegelstein ausgeklopft, fürchtete sie, dass sie in einen Unfall verwickelt gewesen sein musste.

»Spüren Sie das, Hazel-Ann?«, fragte der Doktor. Er stach in ihre Fußsohle.

»Hazel«, knurrte sie, denn eines wurde ihr plötzlich klar. Sie mochte nicht Hazel-Ann genannt werden. Sie strich sich mit der Zunge über die Vorderzähne. Noch alle da. Ein paar scharfe Kanten. Das war nicht so gut.

Der Doktor war ungefähr in ihrem Alter – fünfunddreißig, vielleicht ein paar Jahre älter. Als er sich über ihr Bett beugte, konnte Hazel sehen, dass er heute Morgen beim Rasieren eine Stelle vergessen hatte. Direkt über seinem Adamsapfel war noch eine Stelle mit langen Haaren. Die hätte sie ihm am liebsten ausgerissen und ihm gezeigt, wie es war, angeschrien und gepiekt zu werden, doch ihre Arme waren fixiert und an einem Gestell mit Katheter angeschlossen. Außerdem hatte der Doktor freundliche dunkelblaue Augen.

»Hazel«, sagte er, »wissen Sie, wo Sie sind?«

Wusste sie es? Wo war sie an jenem Tag gewesen? Utah. Ja. Monument Valley. Mit ihrem Bruder … Skip, er hieß Skip – und ihrem Vater, Jack.

Sie konnte sich noch erinnern, wie sie an einer Raststätte Fladenbrot gegessen hatten. Ein Navajo hatte Zimt darüber gestäubt und ihnen ein paar Stückchen extra gegeben, als er ihren Vater erkannt hatte – den berühmten Jack Nash aus der seit Ewigkeiten im Fernsehen laufenden Show Haus der Geheimnisse. Während sie gegessen hatten, hatte ihre Mutter vom Rücksitz aus auf die Hupe gedrückt. Sie war auf dem Parkplatz aus gestampfter Erde einfach im Auto sitzen geblieben …

Nein.

Moment mal.

Ihre Mutter war tot. Schon seit zehn Jahren. Hirntumor. Sie konnte sich noch erinnern, wie ihre Mutter im Sarg gelegen hatte, wusste noch, dass die Sonne an jenem Tag so heiß heruntergebrannt hatte, dass am Grab alle Eiswasser aus Plastikbechern getrunken hatten.

Aber das war nicht heute, das konnte nicht heute gewesen sein. Es war, als würden zwei Erinnerungen denselben Ort beanspruchen.

»Moab?«, fragte Hazel.

Der Arzt wandte sich an eine Krankenschwester, die Hazel zuvor nicht aufgefallen war, möglicherweise war sie auch gerade erst hereingekommen. Hazel war noch nicht ganz bei sich. Die Krankenschwester hatte einen blauen Kittel mit V-Kragen an und hielt ein Klemmbrett in den Händen, doch im Moment betrachtete sie sie nur besorgt. Hazels Vater hatte ihr einmal erklärt, wenn sie sich in einem Flugzeug ängstlich fühlte, sollte sie bloß darauf achten, ob die Flugbegleiter besorgt wirkten. In dem Fall sollte sie sich anschnallen.

»Ich brauche einen Sicherheitsgurt«, platzte es aus Hazel heraus, obwohl sie eigentlich gar nichts sagen wollte. Ihre Stimme klang ganz seltsam.

»Hazel, Sie waren in einen Autounfall verwickelt«, sagte der Arzt, und Hazel bemerkte, dass ihm ein Stückchen Pfeffer an einem der Schneidezähne hängengeblieben war. Das war alles, worauf sie sich jetzt konzentrieren konnte, diese fehlende Aufmerksamkeit fürs Detail, und dass er nicht einmal gemerkt hatte, wie schlimm es um seine eigenen Zähne bestellt war. »Erinnern Sie sich an irgendetwas von dem Unfall?«

Sie konnte die Hände ihres Vaters am Lenkrad seines Cadillac sehen. Vom Rücksitz aus griff Skip nach ihr, und dann war da noch der Geruch von Pfefferminzkaugummi, der ihren Vater immer umgab.

»Welches Krankenhaus ist das hier?«, fragte sie und hörte, wie ihre Stimme zitterte.

»UCLA-Universitätskrankenhaus. In Los Angeles. Ich bin Doktor Morrison. Ich kümmere mich um Sie. Alles wird gut.«

In Los Angeles war sie aufgewachsen. Das wusste sie.

»Woran können Sie sich noch erinnern?«, fragte Doktor Morrison. Sein Tonfall verriet Hazel, dass noch andere schlimme Eröffnungen auf sie warteten.

»Ich muss Skip sprechen«, sagte sie.

»Wir werden ihm mitteilen, dass Sie wieder aufgewacht sind.«

Schon wieder.

»Wie lange war ich außer Gefecht?«

»Mit kleinen Unterbrechungen«, antwortete er, »acht Tage.«

Ihr Puls ging so schnell wie niemals zuvor. Das alles ergab keinen Sinn. Vielleicht sollte sie wirklich fliehen. Doch dann konnte sie die Stimme ihres Vaters hören. Panik bringt überhaupt nichts. Die alten Instinkte erwachten zum Leben. Schau dich um! Sieh dir alles genau an! Zieh deine Schlüsse! Sie wandte sich zur Krankenschwester um und versuchte, aus ihrer Reaktion schlau zu werden.

»Ich muss meinen Vater sehen«, verlangte Hazel.

»Alles wird gut«, sagte Doktor Morrison zum zweiten Mal. »Was machen Sie beruflich, Hazel?«

»Professorin für Anthropologie. An der San Francisco State University«, erwiderte sie. Ja, ganz genau. Dort wusste man ihre Fähigkeiten zu schätzen. Untersuchen. Schlüsse ziehen. »Ich erforsche den Tod. Alle seine Rituale.«

»Das ist gut«, sagte Doktor Morrison. »Können Sie mir die Namen Ihrer Eltern nennen?«

»Jack und Claire.«

»Und die Ihrer Großeltern?«

»Cyrus und … und Patricia«, antwortete Hazel mit den Namen ihrer Großeltern väterlicherseits. Die Namen ihrer Großeltern mütterlicherseits waren aber verschwunden. »Ich kann mich nicht mehr an die Eltern meiner Mutter erinnern.«

»Das ist okay«, sagte Doktor Morrison und leuchtete ihr ins Auge. »Ich sollte Ihnen wohl sagen«, fügte er hinzu, »dass die nächsten paar Tage ziemlich hart werden.« Er hatte einen seltsamen Tick, bemerkte Hazel, dass er sie jedes Mal mit zarten Andeutungen vorwarnte, wenn er etwas zu sagen hatte.

»Ich möchte meinen Vater sehen«, sagte Hazel und klammerte sich in die Laken, weil sie sich irgendwo festhalten musste. Beruhig dich! Beobachte! Analysiere! Ich bin Hazel-Ann Nash, und ich fühle mich _____.

»Janice wird sich um Sie kümmern«, erklärte er und deutete auf die Krankenschwester.

Als der Arzt in den Flur hinaustrat, näherte sich ihm gleich ein anderer Mann, im schwarzen Anzug zum weißen Hemd, mit einem kastanienbraunen Schlips, der sich neben den Arzt stellte und ebenfalls einen Blick in die Krankenakte warf. Sie drehten ihr beide den Rücken zu, doch sie konnte sehen, wie der Arzt den Kopf schüttelte. Seine Hand näherte sich geistesabwesend seiner Kehle, und er ließ die Finger über jenen Haaren liegen, die er zu rasieren vergessen hatte.

Der Mann im Anzug stemmte die Arme in die Seiten und schob damit sein Jackett zur Seite. Da sah Hazel seinen Holster. Und die Waffe.

Eine SIG-Sauer, dachte Hazel, obwohl sie nicht die leiseste Ahnung hatte, woher sie das auf einmal wusste.

»Wo ist mein Vater?«, wiederholte Hazel.

Die Krankenschwester biss sich auf die Unterlippe, und Hazel sah, wie ihr Tränen in die Augen schossen. »Die Leute …«, sagte Janice, »die Leute haben Ihren Vater geliebt.«

3. Kapitel

Schanghai, China

Der Bär nimmt den Anruf an. Er befindet sich im französischen Café in der Yongkang-Straße und isst sein pain au chocolat. Er gönnt sich jede Woche eins, nachdem er seine Runde auf der Straße gedreht hat. Was für einen Sinn hätte es, zehn Meilen zu laufen, wenn am Ende nicht eine greifbare Belohnung steht.

»Sie wird durchkommen«, erzählt man ihm am Handy.

Der Bär denkt darüber nach und überlegt, ob das jetzt wohl schon sein Problem ist. »Ist sie im Krankenhaus?«, fragt er.

»Ja. Los Angeles.«

»Wie geht es ihr?« Den Namen Hazel spricht er nie aus. Auch nicht den Namen Skip. Falls irgendein Trottel mithört, hört er nichts auch nur annähernd Belastendes oder denkt gar, er sei Arzt, was noch besser wäre.

Der einzige andere Gast im Café ist heute eine junge Frau, die sich über ihren Laptop beugt. Sie hat sich riesige Kopfhörer über die Ohren gestülpt, was der Bär ziemlich komisch findet, weil es einmal eine Zeit gab, als jeder möglichst kleine und unauffällige Kopfhörer wollte, und dann mussten sie plötzlich riesig sein, damit jeder sehen konnte, dass man seine Ruhe haben wollte.

»Sie ist stabil.«

Der Bär ist nicht überrascht. Kämpfer wie Hazel lassen sich nicht so schnell unterkriegen.

Er bekommt die ganze Liste: gebrochene Rippen, ein angebrochenes Brustbein, tiefe Platzwunden im Gesicht und an den Händen – die übliche Art von Verletzungen, wie sie von Sicherheitsgurten und dem Unfall selbst verursacht werden. Dann erfährt er, was sie so lange ausgeschaltet hat: Ihr Gehirn hat ordentlich etwas abbekommen, es ist etwas mit ihrer Amygdala. So etwas wie ein Kurzschluss in ihren Nervenbahnen. Keine Amnesie natürlich, denn eine richtige Amnesie bekommt eigentlich niemand. Das weiß der Bär. Irgendwie haben sich alle Kindheitsmythen im Laufe der Zeit als totaler Blödsinn erwiesen. Das ist so schade. Wenn er sich selbst einen Schlag auf die Stirn geben könnte, um gezielt ein paar Dinge auszulöschen, tja, dann würde er sich den schönsten Hammer kaufen, den es für Geld zu kaufen gibt.

»Wann wird sie entlassen?«

»Unklar. Wir versuchen noch herauszufinden, woran sie sich erinnern kann.« Pause. »Es gibt zusätzliche Probleme.«

Der Bär hört noch ein paar Minuten konzentriert zu. »Um diese Dinge werde ich mich kümmern«, sagt er, »und dann ist unsere Zusammenarbeit beendet, korrekt?«

»Korrekt.«

Der Bär wischt über das Display, um sein Telefon auszuschalten. Das ist immer so unbefriedigend, früher hätte er das Kabel aus der Wand gerissen, es sich um die Faust gewickelt und zugesehen, wie seine Hand allmählich lila anlief – eine gute Art, um mit der Wut umzugehen und sie zu kontrollieren. Doch jetzt blickt er nur auf das idyllische Foto einer blühenden rosafarbenen Rose. Er musste unbedingt herausfinden, wie er das ändern konnte. Das Foto und seine Art, mit Wut umzugehen.

Dann ruft er seine E-Mails auf und liest die letzte, die ihn erreicht hat. Es ist der Scan eines mit der Maschine auf Behördenpapier geschriebenen Briefes, der vor fürchterlichen Rechtschreibfehlern nur so strotzt – so scheint zum Beispiel vollkommen unbekannt zu sein, wann man beim Genitiv ein Apostroph benutzt und wann nicht. Außerdem stehen auch jede Menge geheimer Informationen darin. Vom FBI.

Der Bär verschlingt den Rest seines pain au chocolat und genießt den butterigen Nachgeschmack auf der Zunge. Er wird vielleicht noch ein oder zwei Meilen laufen, denkt er. Das könnte seine Ausdauer verbessern. Er kann sich jetzt keine Schwäche erlauben: Sein Körper ist nicht mehr so auf Draht, wie er es einmal war. Das Alter. Damit ist weiß Gott nicht gut Kirschen essen. Irgendwann erwischt es jeden.

Sein Telefon vibriert. Noch mehr E-Mails. Ein Flugticket. Wegbeschreibungen. Befehle.

Da kommt auch noch ein Foto. Aus Neubraunschweig, Kanada. Wo Benedict Arnold einst gelebt hat.

Der Bär tritt ins Freie, in die Sonne.

Er liebt Kanada im Frühsommer. Allerdings nicht so sehr wie Los Angeles.

Entzückend. Perfekt.

Er hat viel zu lange Winterschlaf gehalten. Jetzt ist es Zeit, die Krallen zu schärfen.

4. Kapitel

UCLA – Universität von Kalifornien – Los Angeles
Universitätskrankenhaus
Zwei Tage danach

»Was ist deine Lieblingsfarbe?«

»Rot?«, antwortete Hazel vom Krankenhausbett aus. Das war die Farbe gewesen, die sie gesehen hatte, als sie die Augen geschlossen hatte. Sie konnte sich an ein kleines rotes Kleid erinnern, ihre Schultern waren unbedeckt. Sie betrat einen Raum, und die Leute drehten sich um, um sie anzusehen. Ein Tanzabend? Nein. Eine Cocktailparty. Italien? Ja. Italien – dort war es.

»Du hasst rot«, sagte Skip und pustete in den Dampf, der von seinem Kaffee aufstieg.

»Wie kann ich eine Farbe hassen?«, fragte Hazel.

»Man kann alles hassen lernen«, sagte Skip. »Glaub mir.« Sein Gesicht war nach dem Unfall immer noch ein bisschen grün und blau. Seine Nase war gebrochen, und er hatte eine Orbitafraktur – leichte Verletzungen, verglichen mit denen Hazels –, und es sah aus, als hätte er Make-up unter den Augen. Er war schon seit seinem siebten Geburtstag beim Fernsehen. Hazel vermutete, dass ihn das in weitaus mehr Dingen zum Experten machte, als sie sich vorstellen konnte.

»Aber weshalb kann ich mich nicht an dich erinnern?«

»Du weißt, dass ich dein Bruder bin.«

»Stimmt, aber die Einzelheiten unseres Familienlebens … das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben … wo du wohnst … irgendwelche gemeinsame Mahlzeiten … Diese Erinnerungen sind weg. Ich kann mich nicht einmal an mein Lieblingsrestaurant erinnern, weiß keinen einzigen blöden Lieblingsfilm mehr, ja, ich weiß noch nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht.«

»So, wie ich gerade aussehe, musst du mich doch lieben.«

»Ich meine es ernst, Skip.« Auf der Tafel stand jetzt: Ich bin Hazel, und ich fühle mich frustriert. Und das war noch harmlos ausgedrückt. Ungläubig hätte es besser getroffen. Oder: total entsetzt. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass sie sich Zeit geben solle und dass ihre Erinnerungen vielleicht zurückkehrten. Oder auch nicht. Jetzt waren bereits zwei Tage vergangen. Zwei Tage, in denen sie kaum Schlaf bekommen hatte. Zwei Tage, in denen sie nichts schmecken konnte (jedoch erzählte man ihr, dass sich dieser Zustand auch wieder ändern könnte). Auf jeden Fall waren es zwei Tage, in denen sie nicht wusste, was sie antworten sollte, wenn die Krankenschwestern fragten, welche Cheerios sie lieber mochte – die einfachen oder die mit Honig und Nüssen? Wieso zur Hölle weiß ich das nicht!?, hätte sie am liebsten geschrien, doch irgendetwas sagte ihr, dass es besser sei, vor den Ärzten, den Krankenschwestern, ja sogar vor Skip ruhig zu bleiben.

Was für eine Beziehung hatte sie zu ihrem Bruder? Den Krankenschwestern zufolge war er schon seit über einer Woche, sogar als Hazel noch bewusstlos war, jeden Tag vorbeigekommen. Er hatte alte Fotos mitgebracht, sich neben sie gesetzt und ihren Arm gestreichelt, wie sie es gerne mochte. Was hätte das anderes als Liebe sein können? Skip benahm sich wie ein perfekter Bruder. Warum war sie nur so auf der Hut vor ihm? Ging sie mit allen Leuten so um? Das Unheimlichste daran war, dass sie das auch nicht wusste.

»Genauso ist es mit Dad«, erklärte sie. »Im Internet habe ich einen Artikel gefunden, der ein Jahr alt ist. Da steht, dass Dad in einem Lebensmittelladen in Encino das Bewusstsein verloren hatte. Eine ausgewachsene Tachykardie, wegen der sie ihm einen Stent ins Herz gelegt hatten. Wo war ich die ganze Zeit?«

Skip trank einen Schluck von seinem Kaffee. »Da, wo du sonst auch immer bist«, sagte er. »Beirut, glaube ich. Vielleicht Iran. Und hast im Sand gebuddelt. Mum hat es immer deine Kontinentalverschiebung genannt.«

Aus irgendeinem Grund klang das nach ihrer Mutter. Kontinentalverschiebung. »Und was hat es mit den Dingen auf sich, die im Internet behauptet werden? Dass Dad zu dicht an die Wahrheit herangekommen sei?«

»Also hat ihn die Regierung umbringen lassen? Oder vielleicht die Illuminaten, die Freimaurer, die Bilderberger oder jene verdammten, schlecht angezogenen Pilger der verlorenen Kolonie von Roanoke? Manche behaupten sogar«, raunte Skip und klang plötzlich genau wie sein Vater, so perfekt konnte er dessen Stimme imitieren, »es könnte Schwarze Magie dahinterstecken!«

Hazel lachte laut auf. »Er hat auch gern einen richtig guten Nazifluch ins Spiel gebracht.« Sie hatte letzte Nacht auf ihrem Hotelzimmer im Fernsehen noch das Ende eines Geheimnisse-Marathons erwischt. Dabei konnte sie zumindest lernen, dass manches Geheimnis eine ganz banale Erklärung hatte und es in dem Fall half, sich in düsteren Ahnungen zu ergehen.

»Der Rechtsmediziner meint, dass es ein Herzinfarkt war. Aber falls du das nicht glaubst: Weißt du, wie viele Leute man für eine weltweite Verschwörung braucht?«, fragte Skip. »Wie viel Arbeitsaufwand das bedeutet? Die Leute fangen an, sich zu langweilen, sie wechseln die Arbeitsstelle, konzentrieren sich auf ihre Familien, werden alt, bekommen Darmkrebs, was auch immer, dann musst du neue Leute finden und ihre Ausbildung bezahlen. Also vergiss mal diese Riesenorganisationen. Heutzutage will niemand mehr die Welt beherrschen. Das ist eine furchtbare Aufgabe.«

»Also glaubst du nicht, dass es jemand ist, den du und Dad im … Haus der Geheimnisse getroffen habt?«, fragte Hazel unwillkürlich ebenfalls im Tonfall ihres Vaters. In diesem Moment begriff sie, dass genau dies die Tonlage war, die ihre Beziehung zu Skip kennzeichnete: das Spöttische und das Sticheln, mit dem Bruder und Schwester auch noch mit dreißig ihre Unterhaltungen würzten und womit sie kleine Kindheitserinnerungen heraufbeschworen. Es machte sie glücklich. Ein Teil ihrer Persönlichkeit kam dort zum Vorschein, wo sie es am wenigsten erwartet hätte.

»Eine letzte Frage«, sagte Hazel. »Habe ich irgendwelche Freunde? Warum hat mich noch niemand besucht? Bin ich kein freundlicher Mensch?«

»Das waren drei Fragen«, sagte Skip. »Hast du was am Kopf?«

Das war ein Scherz, doch Hazel spürte, dass Skip ihr auswich und so tat, als hätte er sie nicht gehört.

»Skip«, sagte sie, »ich muss es wissen.«

Skip sah sie an. »Erinnerst du dich noch an Darren Nixon?«

Hazel dachte einen Moment nach. »Ich weiß nicht, wer das ist.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Also, wer ist das?«

»Niemand. Ein Freund aus der Kindheit«, sagte Skip, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.

Hazel wusste nicht viel über ihren Bruder. Aber sie spürte, wenn man sie belog. »Du hast den Namen grundlos erwähnt, Skip. Sag mir, wer Darren Nixon ist.«

»Hörst du jetzt endlich mal auf? Seit wann bist du so paranoid?«

Für Skip war es nur ein neues Witzchen, doch Hazel erinnerte es vor allem daran, wie sehr ihr Hirn in Mitleidenschaft gezogen war. An Fakten konnte sie sich gut erinnern, insbesondere, wenn es um ihre Forschungen ging. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie den Edwin-Smith-Papyrus, ein antikes ägyptisches Medizinbuch, praktisch auswendig aufsagen. Aber sobald es sich um Leute